Part 2
„Wehe mir doch! Nun rufen zum Tode mich wahrlich die Götter! Denn ich dachte, der Held Deiphobos wolle mir beistehn; Aber er ist in der Stadt, und es täuschte mich Pallas Athene. Nun ist nahe der Tod, der schreckliche, nicht mir entfernt noch; Auch kein Rat, zu entfliehn! Denn ehmals gönnete solches Zeus, und des Donnerers Sohn, der Treffende, welcher zuvor mich Stets willfährig geschirmt; nun aber erhascht mich das Schicksal! Daß nicht arbeitslos in den Staub ich sinke, noch ruhmlos, Nein, wann ich Großes vollendet, wovon auch Künftige hören!“
Also redete jener und zog das geschliffene Schwert aus, Welches ihm längs der Hüfte herabhing, groß und gewaltig; An nun stürmt er gefaßt, wie ein hochherfliegender Adler, Welcher herab auf die Ebne gesenkt aus nächtlichen Wolken Raubt den Hasen im Busch, wo er hinduckt, oder ein Lämmlein: Also stürmete Hektor, das hauende Schwert in der Rechten. Gegen ihn drang der Peleid, und Wut durchtobte das Herz ihm Ungestüm: er streckte der Brust den geründeten Schild vor, Schön und prangend an Kunst; und der Helm, viergipfelig strahlend, Nickte vom Haupt, und die Mähne des schön gesponnenen Goldes Flatterte, welche der Gott auf dem Kegel ihm häufig geordnet. Hell wieder Stern verstrahlet in dämmernder Stunde des Melkens, Hesperos, der am schönsten erscheint vor den Sternen des Himmels: Also strahlt es vom Speer, dem geschliffenen, welchen Achilleus Schwenkt in der rechten Hand, wutvoll dem erhabenen Hektor, Spähend den schönen Leib, wo die Wund am leichtesten hafte. Rings zwar sonst umhüllt ihm den Leib die eherne Rüstung, Blank und schön, die er raubte, die Kraft des Patroklos ermordend; Nur wo das Schlüsselbein den Hals und die Achsel begrenzet, Schien die Kehl ihm entblößt die gefährliche Stelle des Lebens: Dort mit dem Speer anstürmend durchstach ihn der edle Achilleus, Daß ihm gerad aus dem zarten Genick die Spitze hervordrang. Doch nicht völlig durchschnitt der eherne Speer ihm die Gurgel, Daß er noch zu reden vermocht im Wechselgespräche; Und er sank in den Staub; jetzt rief frohlockend Achilleus; „Hektor, du glaubtest gewiß, nach geraubter Wehr des Patroklos, Sicher zu sein, und mich mißachtetest du, den Entfernten. Törichter! Fern war jenem ein weit machtvollerer Rächer Bei den gebogenen Schiffen, ich selbst war zurück ihm geblieben, Der dir die Kniee gelöst! Dich ziehn nun Hund und Gevögel Schmählich umher; ihn aber bestatteten mit Ruhm die Achaier.“
Wieder begann schwach atmend der helmumflatterte Hektor: „Dich bei dem Leben beschwör ich, bei deinen Knien und den Eltern, Laß mich nicht an den Schiffen der Danaer-Hunde zerreißen; Sondern nimm des Erzes genug und des köstlichen Goldes Dir zum Geschenk, das der Vater dir beut und die würdige Mutter, Aber den Leib entsende gen Ilios, daß in der Heimat Trojas Männer und Fraun des Feuers Ehre mir geben.“
Finster schaut’ und begann der mutige Renner Achilleus: „Nicht, du Hund, bei den Knien beschwöre mich, noch bei den Eltern! Daß doch Zorn und Wut mich erbitterte, roh zu verschlingen Dein zerschnittenes Fleisch, für das Unheil, das du mir brachtest! Niemand sei, der die Hunde von deinem Haupt dir verscheuche! Wenn sie auch zehnmal so viel und zwanzigfältige Sühnung, Hergebracht darwögen, und mehreres noch mir verhießen! Ja, wenn selber mit Golde dich aufzuwägen geböte Priamos, Dardanos Sohn, auch so nicht bettet die Mutter Dich auf Leichengewand und wehklagt, den sie geboren; Sondern Hund und Gevögel zerreißen dich, ohne Verschonung!“
Wieder begann, schon sterbend, der helmumflatterte Hektor: „Ach, ich kenne dich wohl, und ahnete, nicht zu erweichen Wärest du mir; du trägst ja ein eisernes Herz in dem Busen. Denke nunmehr, daß nicht dir Götterzorn ich erwecke, Jenes Tags, wann Paris dich dort und Föbos Apollon Töten, wie tapfer du bist, am hohen skäischen Tore!“
Als er solches geredet, umschloß der endende Tod ihn; Aber die Seel aus den Gliedern entflog in die Tiefe des Aïs, Klagend ihr Jammergeschick, getrennt von Jugend und Mannkraft.
Johann Heinrich Voß
Aus der „Penthesilea“
Achills Tod
+Odysseus+:
Wir zogen aus, auf des Atriden Rat, Mit der gesamten Schar der Myrmidonen, Achill und ich: Penthesilea, hieß es, Sei in den scythschen Wäldern aufgestanden, Und führ ein Heer, bedeckt mit Schlangenhäuten, Von Amazonen, heißer Kampflust voll, Durch der Gebirge Windungen heran, Den Priamus in Troja zu entsetzen. Am Ufer des Skamandros, hören wir, Deiphobus auch, der Priamide, sei Aus Ilium mit einer Schar gezogen, Die Königin, die ihm mit Hilfe naht, Nach Freundesart zu grüßen. Wir verließen Die Straße jetzt, uns zwischen dieser Gegner Heillosem Bündnis wehrend aufzupflanzen; Die ganze Nacht durchwindet sich der Zug. Doch, bei des Morgens erster Dämmerröte, Welch ein Erstaunen faßt uns, Antiloch, Da wir in einem weiten Tal vor uns Mit des Deiphobus Iliern im Kampf Die Amazonen sehn! Penthesilea, Wie Sturmwind ein zerrissenes Gewölk, Weht der Trojaner Reihen vor sich her, Als gält es übern Hellespont hinaus, Hinweg vom Rund der Erde sie zu blasen. Wir sammeln uns, Der Troer Flucht, die wetternd auf uns ein Gleich einem Anfall keilt, zu widerstehn, Und dicht zur Mauer drängen wir die Spieße. Auf diesen Anblick stutzt der Priamide; Und wir im kurzen Rat beschließen, gleich Die Amazonenfürstin zu begrüßen: Sie hat auch ihren Siegeslauf gehemmt. War je ein Rat einfältiger und besser? Hätt’ ihn Athene, wenn ich sie befragt, Ins Ohr verständiger mir flüstern können? Sie muß, beim Hades! diese Jungfrau, doch, Die wie vom Himmel plötzlich, kampfgerüstet, In unsern Streit fällt, sich darein zu mischen, Sie muß zu einer der Partein sich schlagen; Und uns die Freundin müssen wir sie glauben, Da sie sich Teukrischen die Feindin zeigt. Nun gut. Wir finden sie, die Heldin Scythiens, Achill und ich -- in kriegerischer Feier An ihrer Jungfraun Spitze aufgepflanzt, Geschürzt, der Helmbusch wallt ihr von der Scheitel, Und seine Gold- und Purpurtroddeln regend, Zerstampft ihr Zelter unter ihr den Grund. Gedankenvoll, auf einen Augenblick, Sieht sie in unsre Schar, von Ausdruck leer, Als ob in Stein gehaun wir vor ihr stünden; Hier diese flache Hand, versichr’ ich dich, Ist ausdrucksvoller als ihr Angesicht: Bis jetzt ihr Aug auf den Peliden trifft: Und Glut ihr plötzlich, bis zum Hals hinab, Das Antlitz färbt, als schlüge rings um sie Die Welt in helle Flammenlohe auf. Sie schwingt, mit einer zuckenden Bewegung, -- Und einen finstern Blick wirft sie auf ihn -- Vom Rücken sich des Pferds herab und fragt, Die Zügel einer Dienrin überliefernd, Was uns in solchem Prachtzug zu ihr führe. Ich jetzt: wie wir Argiver hoch erfreut, Auf eine Feindin des Dardanervolks zu stoßen; Was für ein Haß den Priamiden längst Entbrannt sei in der Griechen Brust, wie nützlich, So ihr, wie uns, ein Bündnis würde sein; Und was der Augenblick noch sonst mir beut: Doch, mit Erstaunen, in dem Fluß der Rede, Bemerk ich, daß sie mich nicht hört. Sie wendet Mit einem Ausdruck der Verwunderung, Gleich einem sechzehnjährigen Mädchen plötzlich, Das von olympischen Spielen wiederkehrt, Zu einer Freundin ihr zur Seite sich, Und ruft: „Solch einem Mann, o Prothoe, ist Otrere, meine Mutter, nie begegnet!“ Die Freundin, auf dies Wort betreten, schweigt, Achill und ich, wir sehn uns lächelnd an, Sie ruht, sie selbst, mit trunknem Blick schon wieder Auf des Aeginers schimmernder Gestalt: Bis jen’ ihr schüchtern naht und sie erinnert, Daß sie mir noch die Antwort schuldig sei. Drauf mit der Wangen Rot, war’s Wut, war’s Scham, Die Rüstung wieder bis zum Gurt sich färbend, Verwirrt und stolz und wild zugleich: sie sei Penthesilea, kehrt sie sich zu mir, Der Amazonen Königin, und werde Aus Köchern mir die Antwort übersenden! Hierauf unwissend jetzt, Was wir von diesem Auftritt denken sollen, In grimmiger Beschämung gehn wir heim, Und sehn die Teukrischen, die unsre Schmach Von fern her, die hohnlächelnden, erraten, Wie im Triumph sich sammeln. Sie beschließen Im Wahn, sie seien die Begünstigten, Und nur ein Irrtum, der sich lösen müsse, Sei an dem Zorn der Amazone schuld, Schnell ihr durch einen Herold Herz und Hand, Die sie verschmäht, von neuem anzutragen. Doch eh der Bote, den sie senden wollen, Den Staub noch von der Rüstung abgeschüttelt, Stürzt die Kenaurin, mit verhängtem Zügel, Auf sie und uns schon, Griech und Troer ein. Mit eines Waldstroms wütendem Erguß Die einen, wie die andern, niederbrausend. Jetzt hebt Ein Kampf an, wie er, seit die Furien walten, Noch nie gekämpft ward auf der Erde Rücken. So viel ich weiß, gibt es in der Natur Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes. Was Glut des Feuers löscht, löst Wasser siedend Zu Dampf nicht auf und umgekehrt. Doch hier Zeigt ein ergrimmter Feind von beiden sich, Bei dessen Eintritt nicht das Feuer weiß, Ob’s mit dem Wasser rieseln soll, das Wasser, Ob’s mit dem Feuer himmelan soll lecken. Der Troer wirft, gedrängt von Amazonen, Sich hinter eines Griechen Schild, der Grieche Befreit ihn von der Jungfrau, die ihn drängte, Und Griech und Troer müssen jetzt sich fast, Dem Raub der Helena zu Trotz, vereinen, Um dem gemeinen Feinde zu begegnen.
+Diomedes+:
Seit jenem Tage Grollt über dieser Ebne unverrückt Die Schlacht, mit immer reger Wut, wie ein Gewitter, zwischen waldgekrönter Felsen Gipfeln Geklemmt. Als ich mit den Ätoliern gestern Erschien, der Unsern Reihen zu verstärken, Schlug sie mit Donnerkrachen eben ein, Als wollte sie den ganzen Griechenstamm Bis auf den Grund, die Wütende, zerspalten. Der Krone ganze Blüte liegt, Ariston, Astyanax, vom Sturm herabgerüttelt, Menandros auf dem Schlachtfeld da, den Lorbeer Mit ihren jungen, schönen Leibern groß Für diese kühne Tochter Ares’ düngend. Mehr der Gefangnen siegreich nahm sie schon, Als sie uns Augen, sie zu missen, Arme, Sie wieder zu befrein, uns übrig ließ. -- Oft, aus der sonderbaren Wut zu schließen, Mit welcher sie, im Kampfgewühl, den Sohn Der Thetis sucht, scheint’s uns, als ob ein Haß Persönlich wider ihn die Brust ihr füllte. So folgt, so hungerheiß, die Wölfin nicht Durch Wälder, die der Schnee bedeckt, der Beute, Die sich ihr Auge grimmig auserkor, Als sie, durch unsre Schlachtreihn, dem Achill. Doch jüngst, in einem Augenblick, da schon Sein Leben war in ihre Macht gegeben, Gab sie es lächelnd, ein Geschenk, ihm wieder: Er stieg zum Orkus, wenn sie ihn nicht hielt. Denn als sie um die Abenddämmrung gestern Im Kampf, Penthesilea und Achill, Einander trafen, stürmt Deiphobus her, Und auf der Jungfrau Seite hingestellt, Der Teukrische, trifft er dem Peleiden Mit einem tück’schen Schlag die Rüstung prasselnd, Daß rings der Ormen Wipfel widerhallten, Die Königin, entfärbt, läßt zwei Minuten Die Arme sinken: und die Locken dann Entrüstet um entflammte Wangen schüttelnd, Hebt sie vom Pferdesrücken hoch sie auf, Und senkt, wie aus dem Firmament geholt, Das Schwert ihm wetterstrahlend in den Hals, Daß er zu Füßen hin, der Unberufne, Dem Sohn, dem göttlichen, der Thetis rollt. Er jetzt, zum Dank, will ihr, der Peleide, Ein Gleiches tun; doch sie bis auf den Hals Gebückt, den mähnumflossenen, des Schecken, Der, in den Goldzaum beißend, sich herumwirft, Weicht seinem Mordhieb aus, und schießt die Zügel, Und sieht sich um, und lächelt, und ist fort.
+Hauptmann+:
Ein neuer Anfall, heiß wie Wetterstrahl, Schmolz, dieser wuterfüllten Mavorstöchter, Rings der Ätolier wackre Reihen hin, Auch uns, wie Wassersturz, hernieder sie, Die unbesiegten Myrmidonier, gießend. Vergebens drängen wir dem Fluchtgewog Entgegen uns: in wilder Überschwemmung Reißt’s uns vom Kampfplatz strudelnd mit sich fort: Und eher nicht vermögen wir den Fuß, Als fern von den Peliden festzusetzen. Erst jetzo wickelt er, umstarrt von Spießen, Sich aus der Nacht des Kampfes los, er rollt Von eines Hügels Spitze scheu herab, Auf uns kehrt glücklich sich sein Lauf, wir senden Aufjauchzend ihm den Rettungsgruß schon zu; Doch es erstirbt der Laut im Busen uns, Da plötzlich jetzt sein Viergespann zurück Vor einem Abgrund stutzt, und hoch aus Wolken In grause Tiefe bäumend niederschaut. Vergebens jetzt, in der er Meister ist, Des Isthmus ganze vielgeübte Kunst: Das Roßgeschwader wendet, das erschrockne, Die Häupter rückwärts in die Geißelhiebe, Und im verworrenen Geschirre fallend, Zum Chaos, Pferd und Wagen, eingestürzt, Liegt unser Göttersohn, mit seinem Fuhrwerk, Wie in der Schlinge eingefangen da. Es stürzt Automedon, des Fahrzeugs rüst’ger Lenker, In die Verwirrung hurtig sich der Rosse: Er hilft dem Viergekoppel wieder auf. Doch eh er noch aus allen Knoten rings Die Schenkel, die verwickelten, gelöst, Sprengt schon die Königin, mit einem Schwarm Siegreicher Amazonen, ins Geklüft, Jedweden Weg zur Rettung ihm versperrend. Sie hemmt, Staub rings umqualmt sie, Des Zelters flücht’gen Lauf, und hoch zum Gipfel Das Angesicht, das funkelnde, gekehrt, Mißt sie, auf einen Augenblick, die Wand: Der Helmbusch selbst, als ob er sich entsetzte, Reißt bei der Scheitel sie von hinten nieder. Drauf plötzlich jetzt legt sie die Zügel weg, Man sieht, gleich einer Schwindelnden, sie hastig Die Stirn, von einer Lockenflut umwallt, In ihre beiden kleinen Hände drücken. Bestürzt, bei diesem sonderbaren Anblick, Umwimmeln alle Jungfraun sie, mit heiß Eindringlicher Gebärde sie beschwörend; Die eine, die zunächst verwandt ihr scheint, Schlingt ihren Arm um sie, indes die andre, Entschloßner noch, des Pferdes Zügel greift: Man will den Fortschritt mit Gewalt ihr wehren, Doch sie -- Ihr hört’s. Umsonst sind die Versuche, sie zu halten, Sie drängt mit sanfter Macht von beiden Seiten Die Fraun hinweg, und im unruh’gen Trabe An dem Geklüfte auf und nieder streifend, Sucht sie, ob nicht ein schmaler Pfad sich biete Für einen Wunsch, der keine Flügel hat; Drauf jetzt, gleich einer Rasenden, sieht man Empor sie an des Felsens Wände klimmen, Jetzt hier, in glühender Begier, jetzt dort, Unsinn’ger Hoffnung voll, auf diesem Wege Die Beute, die im Garn liegt, zu erhaschen. Jetzt hat sie jeden sanftern Riß versucht, Den sich im Fels der Regen ausgewaschen; Der Absturz ist, sie sieht es, unersteiglich; Doch, wie beraubt des Urteils, kehrt sie um, Und fängt, als wär’s von vorn, zu klettern an. Und schwingt, die Unverdrossene, sich wirklich Auf Pfaden, die des Wandrers Fußtritt scheut, Schwingt sich des Gipfels höchstem Rande näher Um einer Orme Höh; und da sie jetzt auf einem Granitblock steht, von nicht mehr Flächenraum Als eine Gemse sich zu halten braucht; Von ragendem Geklüfte rings geschreckt, Den Schritt nicht vorwärts mehr, nicht rückwärts wagt; Der Weiber Angstgeschrei durchkreischt die Luft: Stürzt sie urplötzlich, Roß und Reiterin, Von los sich lösendem Gestein umprasselt, Als ob sie in den Orkus führe, schmetternd Bis an des Felsens tiefsten Fuß zurück, Und bricht den Hals sich nicht und lernt auch nichts: Sie rafft sich bloß zu neuem Klimmen auf. Das Fahrzeug steht, die Rosse auch, geordnet -- -- Hephästos hätt in so viel Zeit fast neu Den ganzen erznen Wagen schmieden können -- Er schwingt dem Sitz sich zu und greift die Zügel: Ein Stein fällt uns Argivern von der Brust. Doch oben jetzt, da er die Pferde wendet, Erspähn die Amazonen einen Pfad, Dem Gipfel sanfthin zugeführt, und rufen, Das Tal rings mit Geschrei des Jubels füllend, Die Königin dahin, die sinnberaubte, Die immer noch des Felsens Sturz versucht. Sie, auf dies Wort, das Roß zurücke werfend, Rasch einen Blick den Pfad schickt sie hinan; Und dem gestreckten Parder gleich, folgt sie Dem Blick auch auf dem Fuß: er, der Pelide, Entwich zwar mit den Rossen, rückwärts strebend; Doch in den Gründen bald verschwand er mir, Und was aus ihm geworden, weiß ich nicht.
[Illustration]
Die Amazonen werden zurückgedrängt, und ihre Königin, durch einen Speerwurf Achills ohnmächtig geworden, fällt in die Hände der Griechen. Nach dem Erwachen hält sie Achilleus, der waffenlos vor ihr steht, für ihren Gefangenen. Sie gesteht ihm ihre Liebe und will ihn mit ins Amazonenreich führen. Achilleus aber weigert sich, mit der Königin zu ziehen; er will Penthesilea mit sich nehmen und auf den Thron seiner Väter setzen. Penthesilea erkennt, daß sie die Gefangene des Peliden ist. Aber schon rücken die Amazonen wieder siegreich vor, und die Königin wird befreit. Der Grieche fordert sie nun zum Zweikampf auf, um die Geliebte wieder zu gewinnen. Sie jedoch erblickt in dieser Forderung den schmählichsten Hohn und zieht als rasende Rächerin mit Hunden und Elefanten dem Peliden entgegen.
+Meroe+:
Ihr wißt, Sie zog dem Jüngling, den sie liebt, entgegen, Sie, die fortan kein Name nennt -- In der Verwirrung ihrer jungen Sinne, Den Wunsch, den glühenden, ihn zu besitzen, Mit allen Schrecknissen der Waffen rüstend. Von Hunden rings umheult und Elefanten, Kam sie daher, den Bogen in der Hand: Der Krieg, der unter Bürgern rast, wenn er, Die blutumtriefte Graungestalt, einher Mit weiten Schritten des Entsetzens geht, Die Fackel über blühnde Städte schwingend, Er sieht so wild und scheußlich nicht, als sie. Achilleus, der, wie man im Heer versichert, Sie bloß ins Feld gerufen, um freiwillig Im Kampf, der junge Tor, ihr zu erliegen: Denn auch er -- o wie mächtig sind die Götter! -- Er liebte sie, gerührt von ihrer Jugend, Und wollt ihr zu Dianas Tempel folgen; Er naht sich ihr voll süßer Ahnungen, Und läßt die Freunde hinter sich zurück. Doch jetzt, da sie mit solchen Gräulnissen Auf ihn herangrollt, ihn, der nur zum Schein Mit einem Spieß sich arglos ausgerüstet: Stutzt er und dreht den schlanken Hals, und horcht, Und eilt entsetzt, und stutzt, und eilet wieder: Gleich einem jungen Reh, das im Geklüft Fern das Gebrüll des grimmen Leun vernimmt. Er ruft: „Odysseus!“ mit beklemmter Stimme, Und sieht sich schüchtern um, und ruft: „Tydide!“ Und will zurück noch zu den Freunden fliehn: Und steht, von einer Schar schon abgeschnitten, Und hebt die Händ empor, und duckt und birgt In eine Fichte sich, der Unglücksel’ge, Die schwer mit dunklen Zweigen niederhängt. -- Inzwischen schritt die Königin heran, Die Doggen hinter ihr, Gebirg und Wald Hochher, gleich einem Jäger, überschauend; Und da er eben, die Gezweige öffnend, Zu ihren Füßen niedersinken will: „Ha! sein Geweih verrät den Hirsch,“ ruft sie Und spannt mit Kraft der Rasenden sogleich Den Bogen an, daß sich die Enden küssen, Und hebt den Bogen auf, und zielt und schießt, Und jagt den Pfeil ihm durch den Hals; er stürzt! Ein Siegsgeschrei schallt roh im Volk empor. Jetzt gleichwohl lebt der ärmste noch der Menschen, Den Pfeil, den weit vorragenden, im Nacken, Hebt er sich röchelnd auf, und überschlägt sich, Und hebt sich wiederum und will entfliehn; Doch „Hetz!“ schon ruft sie: „Tigris! hetz, Leäne! Hetz, Sphynx! Melampus! Dirke! Hetz, Hyrkaon!“ Und stürzt -- stürzt mit der ganzen Meut, o Diana! Sich über ihn, und reißt -- reißt ihn beim Helmbusch, Gleich einer Hündin, Hunden beigesellt; Der greift die Brust ihm, dieser greift den Nacken, Daß von dem Fall der Boden bebt, ihn wieder! Er, in dem Purpur seines Bluts sich wälzend, Rührt ihre sanfte Wange an, und ruft: „Penthesilea! meine Braut! was tust du? Ist dies das Rosenfest, das du versprachst?“ Doch sie -- die Löwin hätte ihn gehört, Die hungrige, die wild nach Raub umher, Auf öden Schneegefilden heulend treibt -- Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend, Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust, Sie und die Hunde, die wetteifernden, Oxus und Sphynx den Zahn in seine rechte, In seine linke sie; als ich erschien, Troff Blut von Mund und Händen ihr herab.
Jetzt steht sie lautlos da, die Grauenvolle, Bei seiner Leich, umschnüffelt von der Meute, Und blicket starr, als wär’s ein leeres Blatt, Den Bogen siegreich auf der Schulter tragend, In das Unendliche hinaus, und schweigt. Wir fragen mit gesträubten Haaren sie: Was sie getan? Sie schweigt. Ob sie uns kenne? Sie schweigt. Ob sie uns folgen will? Sie schweigt, Entsetzen faßt mich, und ich floh zu euch.
Heinrich von Kleist
Aus der Odyssee
Odysseus und Polyphem
Unter allen Helden, die vor Troja gekämpft hatten, war keinem so widriges Geschick beschieden, bevor er in seine Heimat zurückkehrte, wie dem klugen Helden Odysseus.
[Illustration]
Als er mit zwölf wohlbemannten Schiffen von der Küste von Troja absegelte, trieb ihn der Wind zuerst nach Ismaros, der Stadt der Cikonen. Dieselbe eroberte und zerstörte er, und reiche Beute ward unter die Genossen verteilt. Statt aber nach Odysseus’ Rate alsbald weiterzusegeln, schwelgten die Genossen in dem trefflichen Weine, den sie in der Stadt gefunden. Unterdessen hatten die Bewohner der Stadt die in der Nähe wohnenden Cikonen herbeigerufen, die tapfer und stark waren, und es kam zu einem hartnäckigen Kampfe, der vom Morgen bis zum Abend währte. Jedes der griechischen Schiffe verlor in diesem Kampfe sechs seiner Helden, und eilig segelten die noch lebenden von dannen, trauernd, daß sie ihre Gefährten unbegraben mußten liegen lassen.
Nun aber erhob sich ein Sturm, dichte Wolken umhüllten Erde und Meer, und zehn Tage lang wurden die Schiffe auf dem Meere umhergetrieben. Am zehnten Tage gelangten sie zu dem Lande der Lotophagen, die sich von der Lotospflanze nährten. Als die Griechen ans Land gestiegen waren und sich nach der stürmischen Seereise mit Speise und Trank wieder gekräftigt hatten, sandte Odysseus einige seiner Freunde in Begleitung eines Herolds aus, die Beschaffenheit des Landes zu erkunden. Die Lotophagen waren den Fremdlingen freundlich gesinnt und gaben ihnen von der Lotosfrucht zu kosten. Wer aber diese gekostet, der mochte nie wieder etwas anderes zu essen, und so mußte denn Odysseus die ausgesandten Freunde mit Gewalt zu den Schiffen zurückbringen und sie mit Seilen festbinden. Die übrigen Gefährten aber trieb er, eilend weiterzusegeln, damit sie nicht auch, von den Lotos verführt, der Heimat vergäßen.
Von da gelangten die Griechen nach dem Lande der wilden Cyklopen. Das waren Riesen, die weder Gesetz noch Ordnung kannten und bei denen das Volk sich nicht zu gemeinsamer Beratung versammelte. Sie ackerten und säeten auch nicht, sondern genossen nur, was das fruchtbare Land ihnen ohne Arbeit bot. In Felsenhöhlen wohnten sie, und jeder richtete nach Willkür über Mann und Kinder.
Vor dem Lande lag eine kleine wälderreiche Insel, die von keinem Menschen bewohnt war, auf der aber zahlreiche Herden wilder Ziegen umherstreiften. In dunkler Nacht landeten die Griechen an dieser Insel; sie stiegen aus den Schiffen und warteten des Morgens. Als derselbe heraufstieg, wunderten sie sich des fruchtbaren und doch menschenleeren Eilands; die zahllosen Ziegen aber verlockten sie zur Jagd. Die Bogen und die Spieße wurden aus den Schiffen herbeigeholt, und bald war reichliches Wildbret erbeutet. Ein leckeres Mahl ward an einem schnell entzündeten Feuer bereitet, und auch an Wein gebrach es nicht. Reiche Vorräte hatte man von demselben in dem Lande der Cikonen erbeutet, und noch bargen die Schiffe manchen gefüllten Henkelkrug.
Von der Insel aus sahen die Griechen auch das Land, der Cyklopen, von dem an etlichen Stellen Rauch sich zum Himmel erhob. Darum berief Odysseus am nächsten Morgen seine Gefährten um sich, und einen Teil derselben forderte er auf, mit ihm nach dem gegenüberliegenden Lande zu fahren, um zu erforschen, wer da wohne. Die übrigen aber sollten unterdessen auf der Ziegeninsel bleiben.
Die Ausgewählten gingen mit Odysseus zum Schiffe und ergriffen die Ruder. Als sie das Gestade erreichten, erblickten sie eine hochgewölbte Felsenhöhle, die von zahllosen Lorbeerbäumen umschattet war. Ein hohes Gehege, von Felsstücken und Baumstämmen erbaut, umgab dieselbe. In ihr wohnte ein Mann, der am Tage seine Herden auf entlegene Weiden trieb und mit niemand Umgang pflegte. Gräßlich war er gestaltet und glich nicht anderen Menschen; riesenhaft ragte er empor wie ein vereinzelter waldreicher Gipfel eines Gebirges, und fürchterlich war sein Ansehen namentlich dadurch, daß er nur ein Auge hatte, das, groß und gräßlich blickend, mitten auf der Stirn stand.
Odysseus nahm von den im Schiffe mit ihm angekommenen Gefährten nur zwölf der tapfersten mit sich; den übrigen befahl er, bei dem Schiffe zu bleiben. Mit jenen ging er nach der Höhle. Weil sie aber nicht wußten, ob sie daselbst etwas zu essen fänden, nahmen sie Speise mit, auch einen ziegenledernen Schlauch voll Weines, den Odysseus zu Ismaros von einem Priester erhalten hatte und der so süß und feurig war, daß man beim Trinken einen Becher desselben mit zwanzig Bechern Wasser vermischen mußte.
In der Höhle fanden sie den Riesen nicht daheim; sie gingen aber hinein. Da waren viele junge Lämmer und Zicklein, die noch nicht mit auf die Weide getrieben wurden, und viele Körbe voll Käse standen da. Odysseus’ Gefährten wollten etliche Körbe mit Käsen, auch etliche Lämmer und Zicklein mit sich nehmen und wieder zum Schiffe zurückeilen. Odysseus aber beredete sie, zu warten, bis der Riese heimkehrte. Da zündeten sie ein Feuer an, opferten den Göttern von den Käsen und aßen dann selbst.
[Illustration]