Chapter 3 of 5 · 3972 words · ~20 min read

Part 3

Endlich kam der Riese. Schwer bepackt mit einem Bündel Holz, das er krachend auf den Boden der Höhle warf. Nachdem alsdann die Schafe und Ziegen alle in die Höhle getrieben waren, schloß er dieselbe mit einem gewaltigen Steine, den nur seine Riesenkräfte bewegen konnten. Hätte man diesen Stein zerschlagen wollen, so wären wohl zwanzig Wagen nötig gewesen, um die Stücke fortzuschaffen. Als der Riese darauf seine Herde gemolken, an der gewonnenen Milch sich gelabt und die übriggebliebene in Gefäßen aufbewahrt hatte, zündete er Feuer an. Da bemerkte er die Griechen, welche sich in den äußersten Winkel der Höhle versteckt hatten, und zornig redete er sie an: „Wer seid ihr, Fremdlinge? Und woher kommt ihr? Hat euch ein Geschäft über die Wogen des Meeres getrieben oder schweift ihr als Räuber auf dem Meere umher, die ihr Leben verachten und den Völkern feindlich gesinnt sind?“

Die rauhe Stimme des Riesen hatte die Griechen noch mehr erschreckt, Odysseus aber ermannte sich und antwortete: „Griechen sind wir, und von Trojas fernen Gestaden kommen wir, von den Wogen des Meeres und von schrecklichen Stürmen hierher verschlagen, fern von unserem Vaterlande. Nun bitten wir dich, daß du uns freundlich geringe Bewirtung reichst, damit Zeus dich segne, der hilflosen Fremdlingen ein Freund und Beschützer ist.“

Der Cyklop antwortete: „Ein Tor bist du, o Fremdling, daß du mich an Zeus erinnerst. Wir Cyklopen kümmern uns weder um ihm, noch um die übrigen Götter; denn wir sind besser als sie. Sehr irrst du, wenn du meinst, ich werde aus Scheu vor den Göttern deiner oder deiner Gefährten schonen. Aber sage mir, wo das Schiff ist, auf dem ihr gekommen.“

Des Riesen schlimme Absichten durchschauend, erwiderte der kluge Odysseus: „Unser Schiff ist an den Klippen zerschellt, und ich bin allein mit meinen Gefährten dem Unglück entronnen.“

Ohne weiter etwas darauf zu antworten, ergriff der Cyklop zwei der Griechen und zerschmetterte ihnen an den Felsen die Köpfe, daß das Gehirn weit umherspritzte. Dann zerstückte er sie, und Glied um Glied fraß er hinein, wie ein Löwe des Felsengebirges, daß auch kein Restchen Fleisch oder Knochen übrigblieb. Weinend erhoben da die Griechen die Hände zum Zeus, und starres Entsetzen ergriff sie. Der Riese aber streckte sich nach seinem fürchterlichen Mahle auf den Boden der Höhle und fiel in tiefen Schlaf. Da kam Odysseus der Gedanke, dem schlafenden Ungeheuer das Schwert tief in die Brust zu bohren; zur rechten Zeit besann er sich jedoch, daß er dann mit all seinen Gefährten dem sicheren Tode verfallen wäre, denn ihre Hände wären nie imstande gewesen, den Felsen zu beseitigen, den der Riese vor den Eingang der Höhle gehoben hatte.

Beim Grauen des nächsten Morgens zündete der Cyklop wieder Feuer an, molk dann die Herde, und als er damit zu Ende war, packte er abermals zwei Griechen und verzehrte sie wie die am vergangenen Abende. Alsdann trieb er die Herde aus der Höhle, welche er wieder verschloß, indem er den Felsen vor dieselbe setzte. So leicht hob er den Felsen in die Höhe, als ob es nur der Deckel seines Köchers wäre. Da saßen nun die Griechen den ganzen Tag trauernd und auf Rettung sinnend. Endlich reifte in Odysseus’ Seele ein Plan.

In der Höhle lag des Cyklopen Keule, ein gewaltiger Ölbaum. Wohl war sie so lang und dick, daß man sie für einen Mastbaum hätte halten können. Von ihm hieb Odysseus das obere Ende ab, das er dann mit seinen Gefährten zuspitzte und in der Glut des Feuers härtete. Dann verbarg er den Pfahl in dem Miste, der in der Höhle aufgeschichtet lag, vier seiner Gefährten aber erwählte er, daß sie den Pfahl hielten, wenn er ihn dem schlafenden Ungeheuer in sein Auge bohren würde.

Am Abend verschlang der heimgekehrte Riese, nachdem er seine Arbeiten wie am Tage zuvor verrichtet, wieder zwei der Gefährten. Darauf trat Odysseus zu ihm, und in einem hölzernen Becher ihm von dem starken Weine darreichend, den er mit sich gebracht hatte, sprach er: „Nimm, Cyklop, und trinke! Auf Menschenfleisch ist der Wein gut!“ Der Riese trank, und so wohl schmeckte ihm dieser Wein, daß er bat, den Becher noch einmal zu füllen. Wohl hätten, meinte er, die Cyklopen auch Wein, aber nicht solchen, wie ihn der Fremdling ihm reichte. Gern füllte Odysseus den Becher wieder, damit der Riese um so fester schliefe. Nach dem zweiten Becher frug der Riese nach Odysseus’ Namen, auch bat er, den Becher noch einmal zu füllen. Das tat Odysseus, und indem er ihm den Becher reichte, sprach er: „Niemand ist mein Name; so heißen mich alle Genossen.“ Da antwortete der Riese, nachdem er auch den dritten Becher getrunken: „Zum Danke für deine vortreffliche Gabe, lieber Niemand, will ich dich zuletzt verzehren.“ Darauf legte er sich nieder, und ein fürchterliches Schnarchen bewies bald, daß er in tiefen Schlaf gefallen war.

Das war die rechte Zeit für die Ausführung des Planes, den Odysseus entworfen hatte. Am Feuer machte er den vorbereiteten Pfahl glühend, und dann stieß er ihn mit Hilfe der vier Gefährten in das Auge des Cyklopen, und während die Gefährten den Pfahl aufrecht hielten, drehte er ihn aus Leibeskräften in dem Auge herum. Da umquoll heißes Blut die eindringende Spitze, und Wimpern und Brauen versengten. Zischend spritzte das Blut hochauf wie das Wasser, wenn der Schmied die glühende Axt hineinhält.

Der Riese heulte fürchterlich, und während die Griechen sich in den entferntesten Winkel der Höhle verbargen, riß er sich den Pfahl aus dem Auge und schleuderte ihn weit von sich. Das fürchterliche Brüllen des Cyklopen vernahmen die in der Nähe wohnenden Cyklopen, und sie eilten hierbei, ihm zu helfen. Sie standen vor der Höhle, und auf ihre Frage, wer ihm etwas zuleide tue, wer ihn etwa hinterlistig würge, antwortete er heulend: „Niemand würgt mich, Niemand hat mich hinterlistig angefallen.“ Da sprachen die anderen Cyklopen: „Wenn niemand dir etwas zuleide tut, so können wir dir auch nicht helfen; für innere Schmerzen haben wir keine Mittel.“ Und sie gingen wieder heim. Odysseus freute sich seiner gelungenen List und lachte im Herzen.

Am Morgen hob der Riese den Felsen vom Eingange der Höhle. Damit aber mit der Herde nicht auch einer der Griechen entwische, stellte er sich in den Eingang und tappte mit den Händen umher. Auch das hatte Odysseus längst vorbedacht. Mit schwanken Ruten hatte er immer je drei Widder zusammen und unter dem Bauch des mittelsten allemal einen seiner Gefährten festgebunden. So entkamen alle Gefährten des Odysseus; denn nicht dachte der Cyklop daran, daß ein Grieche am Bauche des Tieres hängen könnte, während er den Rücken desselben betastete.

Am schlimmsten war Odysseus selbst daran, den niemand unter einem Tiere festbinden konnte. Er suchte sich den größten und stattlichsten Widder der Herde heraus, und mit den Händen sich krampfhaft in der Wolle desselben festhaltend, hing er sich unter den Bauch desselben. Als der Widder aus der Höhle hinaus wollte, hielt ihn Polyphem, so hieß der Cyklop, an, und ihn lobkosend, sprach er: „Wie kommst du heute so spät, da du doch sonst immer der erste bist, wenn es zur Weide geht? Geht dir etwa das Schicksal deines Herrn nahe, den der tückische Fremdling geblendet hat? Ach, könntest du doch reden, um mir zu sagen, wo er sich versteckt hält, damit ich ihn am Felsen zerschmettern könnte.“ Dann ließ er den Widder gehen.

Als Odysseus glücklich ins Freie gelangt war, machte er zuerst seine Gefährten los, dann trieben sie gemeinsam etliche der schönsten Tiere zum Strande, wo sie von den Genossen, die bei dem Schiffe geblieben waren, mit Freuden empfangen wurden. Trauernd vernahmen diese, wie Polyphem sechs ihrer Gefährten gemordet und verschlungen habe, dann stießen sie das Schiff vom Gestade und ruderten weiter. Als sie in einiger Entfernung von dem Gestade waren, rief Odysseus dem Cyklopen die höhnenden Worte zu: „Ha, Cyklop, keines schlechten Mannes Genossen fraßest du in deiner Höhle; aber Zeus hat deine Freveltat gerächt.“ Da ergriff Polyphem einen ungeheuren Felsblock und schleuderte ihn grimmig nach der Gegend, von wo die Stimme erscholl. Hochauf schäumte das Meer, als der Fels dicht neben dem Schiffe in dasselbe niederfiel, und von den dadurch erregten Wellen ward das Schiff wieder an das Gestade zurückgetrieben. Mit Anstrengung aller Kräfte ruderten die Griechen wieder ins Meer hinaus, und als sie weiter entfernt waren, als am erstenmal, rief Odysseus wieder: „Höre, Polyphem, was ich dir sagen will. Wenn dich jemand fragt, wer dich geblendet, so sage: Odysseus war es, Laertes’ Sohn, der in Ithaka wohnt.“ Da erinnerte sich Polyphem, wie einst ein alter Seher ihm geweissagt hatte, er würde durch Odysseus’ Hände geblendet werden, und laut rief er: „Wehe, nun ist in Erfüllung gegangen, was mir geweissagt wurde! Ich glaubte aber, ein großer, gewaltiger Mann voll Stärke und Kraft müßte erst kommen. Nun hat ein elender Wicht, ein Schwächling, mein Auge geblendet, nachdem er mich vorher mit Wein berauscht hatte.“ Und wiederum schleuderte Polyphem mächtige Felsblöcke dem Schiffe nach, das aber schon zu weit entfernt war, als daß es die Steine noch hätten erreichen können. Da betete Polyphem zu dem Meerbeherrscher Poseidon, der sein Vater war, daß er Odysseus entweder nie heimkehren lasse oder doch nur nach vielen Gefahren, unglücklich, entblößt von allem Gut und von allen Genossen.

Glücklich gelangte Odysseus mit den ihm gebliebenen Gefährten wieder auf der Ziegeninsel an, wo er den Lieblingsbock des Cyklopen dem Zeus opferte.

Albert Richter

[Illustration]

Nächtliche Fahrt

Ein Schiff befuhr das Meer. Aufrauschend quoll Die Flut am Kiel. Er suchte Pylos Strand. Das Steuer führt ein Jüngling kummervoll, Dem früh des Vaters Rat und Hilfe schwand.

Der glückbedürft’ge hieß Telemachos Und schaute nach des Segels nächt’gem Flug, Dicht neben ihm der hohe Fahrtgenoß, Athene war’s, die Mentors Züge trug.

Unendlich brach hervor der Sterne Heer, Die lichten Waller wußten ihre Bahn ... Da sprach die Tochter Zeus’ auf dunklem Meer: „Zusammen rufen wir die Götter an!“

Die Hände, wie der Staubgeborne fleht, Erhob sie ausgebreitet in die Nacht -- Und sie erhörte selber das Gebet, Von ihr für den Verlaßnen dargebracht.

Conr. Ferd. Meyer

Die sterbende Meduse

Ein kurzes Schwert gezückt in nerv’ger Rechten, Belauert Perseus bang in seinem Schild Der schlummernden Meduse Spiegelbild, Das süße Haupt mit müden Schlangenflechten. Zur Hälfte zeigt der Spiegel längs der Erde Des jungen Wuchses atmende Gebärde --

„Raub ich das arge Haupt mit raschem Hiebe, Verderblich der Verderberin genaht? Wenn nur die blonde Wimper schlummern bliebe! Der Blick versteint! Gefährlich ist die Tat. Die Mörderin! Sie schließt vielleicht aus List Die wachen Augen! Sie, die grausam ist! Durch weiße Lider schimmert blaues Licht Und -- zischte dort der Kopf der Natter nicht?“

Medusen träumt, daß einen Kranz sie winde, Der Menschen schöner Liebling, der sie war, Bevor die Stirn der Göttin Angebinde Verschattet ihr mit wirrem Schlangenhaar. Mit den Gespielen glaubt sie noch zu wandern Und spendet ihnen lockenschüttelnd Grüße, In blühendem Reigen regt sie mit den andern Die freudehellen, die beschwingten Füße, Ihr Antlitz hat vergessen, daß es töte, Es glaubt, es glaubt an die barmherz’ge Lüge Des Traums. Es lauscht dem Hauch der Hirtenflöte, Der weichmelodisch zieht durch seine Züge. Es lächelt still, von schwerem Bann befreit, In unverlorner erster Lieblichkeit. Der Mörder tritt an ihre Seite dicht, Und dunkler träumt Medusens Angesicht. Ihr ist, sie habe Haß empfunden schon, Vor sich geschaudert, dumpf und bang gelitten, Die Menschen habe scheu sie erst geflohn, Dann ihnen nachgestellt mit Meuchlerschritten -- Sie sinnt, was Unheilbares sie gequält, Daß sie dem eignen Leben feind geworden, Und andres Leben sich ergötzt zu morden -- Sie sinnt umsonst. Ihr hält’s der Traum verhehlt, Die grause Larve, die sie lang geschreckt, Ist wie mit einem Purpurtuch bedeckt. Das Graun ist aufgelöst in Seligkeit, Begonnen hat der Seele Feierzeit. Der Dämmer herrscht. Das harte Licht verblich. Als eine der Erlösten fühlt sie sich. Sie fürchtet keines Schreckens Wiederkehr, Sie weiß, die Qualen kommen nimmermehr, Nein, nimmermehr, und nun ist alles gut! Sie liegt, den Hals gebogen, auf dem Rasen, Sie hört die Hirtenflöte wieder blasen Und lauscht. Sie zuckt. Sie windet sich. Sie ruht.

Conr. Ferd. Meyer

Griechische Spiele

Harrend strömten die Völker auf Elis Plane zusammen, Selbst den erbittertsten Haß hemmte die heilige Zeit. Stärke und Anmut rang; nicht der Stunde flüchtiger Beifall Dehnte den Atem der Brust, stärkte die Sehne zu Erz, Spornte die schäumenden Rosse zum wildesten Fluge -- sie wußten, Daß das Siegergespann einen Unsterblichen trug. Alle die griechischen Städte durchbrauste der Name des Siegers, Und unermeßlicher Wert wurde dem einfachen Kranz. Nicht verschmähte der Sänger zu weihen die irdische Krafttat, Und der gewaffnete Huf weckte die Funken des Lieds. Also wurden, geschirmt von waltenden Göttern und Sängern, Fröhlich Spiele zum Ernst; aber das Leben war Spiel.

Gustav Pfizer

[Illustration]

Die Mutter des Siegers

Im weiten Rund des Stadion zu Olympia Sitzt, Kopf an Kopf gedrängt, in Schaubegier Das Volk von Hellas. Voll zum Rand hinan Am frühen Morgen schwoll die Volkeswoge, Um zu erstarren, bis die Sonne sinkt. Kein Weiberantlitz auf den Stufen rings, Nur der Demeter greise Priesterin Zunächst dem Hochsitz der Hellanodiken, Denn uralt heiliges Gesetz gebeut: Wenn je aus frevlem Vorwitz sich ein Weib Einschlich in den Bezirk der Spiele, hoch Herabgestürzt von jenen Felsenzacken, Die in Olympias Ebne niederschaun, Soll sie zerschellten Haupts die Neugier büßen.

Der Tag verkühlt sich. Schon zum Meer hinab Sein feurig Viergespann lenkt Helios, Mit Zögern scheint’s, um aus der blauen Höhe Der Spiele stolzem Reigen zuzuschaun, Da wird es still im ungeheuren Ring. Die Volkesbrandung hält den Atem an, Und einen schlanken Jüngling an der Hand Des Herolds sieht man nahn dem Ehrensitz Der Kampfesrichter. Auf den breiten Schultern Trägt er das kleine Haupt, den Blick gesenkt, Daß durch die schwarzen Wimpern nur verstohlen Ein scheuer Blitz der stolzen Freude zuckt. Die Stirn, von weichen Locken tief verhangen, Die Brust gewölbt gleich der des Götterboten, Eratmend süß im linden Abendhauch, Tritt er mit stockenden Schritten, ob er auch Die Kraft der jungen Schenkel eben erst Bewährt im Wettlauf, vor die Alten hin, Die Ruhmausteilenden, und neigt das Haupt, Gleichwie belastet von der Wucht des Glücks. Im Fünfkampf blieb er Sieger, erst im Sprung, Im Diskuswurf, im Lauf, im Ringen dann, Zuletzt im Faustkampf. Nun wie traumentrückt, Wie zweifelnd an des wachen Tages Licht, Steht er den tausend Gaffenden zur Schau, Und flüsternd durch die Reihen läuft sein Name: „Koröbos, Sohn des Pelias.“ Und jetzt Herab vom Hochsitz naht der älteste Der Kampfesrichter, milden Angesichts. Vom schlanken Tisch aus Gold und Elfenbein, Auf dem die Kränze ruhn und Siegespalmen, Den dichtbelaubtesten, wie Silber schimmernd, Nimmt er und drückt des heil’gen Ölbaums Zweig Dem Sieger aufs gesenkte Lockenhaupt, Indes der Herold laut den Namen ausruft: „Koröbos, Sohn des Pelias, aus Elis, Sieger im Fünfkampf.“ Brausend in der Runde, Wie Meeresbrandung schallt der Jubelruf, Und schon erhebt der Palme zarten Zweig, Der Ehren herrlichste, des Greisen Hand, Da plötzlich von den höchsten Stufen dringt Ein wirrer Lärm herab, ein eifernd Toben Empörter Stimmen. Innehält der Greis Und blickt empor. Und durch die Sitzreihn nieder Zur ebnen Bahn wälzt sich ein wilder Hauf, Nachschleppend eine dürftige Gestalt, Klein, welken Angesichts, zerzausten Haars, -- Ein Weib! -- Verwünschungen, geballte Fäuste, Und jetzt -- horch! -- aus des Jünglings Mund ein Schrei: „Mutter! O Mutter!“ -- und er stürzt zu ihr, Umfängt die wie in Ohnmacht Hingesunkne Und hält sie stammelnd fest ans Herz gedrückt. Doch aus der wütenden Rotte tritt der Führer Und ruft: „Wir bringen euch dies Weib, ihr Richter, Daß sie den Bruch der heil’gen Ordnung büße. Zwei Tage schon, als wie ein greises Männlein, In sich gebückt, sah sie den Spielen zu, Und nicht ein Laut erging aus ihrem Munde, So daß den Nachbarn taubstumm sie erschien. Doch jetzt, da diesen Jüngling du bekränzt Als Sieger im Pentathlon, plötzlich hören Wir ein Gestöhn des wunderlichen Wesens; Ein heftig Schluchzen hebt und senkt die Brust, Und seinem Aug entbricht ein Tränensturz. Das sehn wir Nächsten mitleidvoll, und ich, Im Wahn, das Wichtlein sei von jäher Krankheit Befallen, will den Kopf ihm heben. Da Streif ich den Bart ihm ab, und offenbar Wird ihr Geschlecht und des Geschlechtes Schwäche, Die Neugier, die sie zu Verbotnem trieb. Nun bringen wir zu euch die Frevlerin, Daß ihr sie richten mögt.“ Alsbald erhob sich Die Frau, und aus des Jünglings Arm sich lösend, In Demut vor die Richter trat sie hin: „Ja, richtet mich! Mein Leben ist verwirkt: Ich flehe nicht um Schonung. Was auch könnten Mir Götter gönnen noch nach diesem Tag, Der mich erhöht vor allen Weibern sah! Durft ich nicht meines Lieblings Sieg und Ruhm Mit Augen schaun? Das blieb zuvor mir streng Versagt. Denn dreimal kam mein lieber Mann Heim von Olympia mit dem gleichen Schmuck; Doch nicht des Volkes Zuruf, nicht die Ehren Der Kränzung seiner Stirn erlebt ich mit. Zweimal bekränzt dann ward mein ältster Sohn, Bis sie zuletzt ihn blutig und entseelt, Da ihn im Wagenkampf die Rosse schleiften, Ins Haus mir brachten. Meinen zweiten, ach! Der fortzog in den Perserkampf, ihn sah Mein Aug nie wieder. Nur die Kunde kam, Ihn habe, rühmlich kämpfend, sein Geschick Ereilt im Blutgefild. Nur einer blieb mir, Nur mein Koröbos. Als er von mir ging, Gelockt vom Ruhm des Vaters und der Brüder, Da litt es mich im öden Hause nicht. Ein Männerkleid verschafft ich mir und fälschte Mein Antlitz, denn ich dachte, wenn auch ihm Vielleicht die Moira steckt ein frühes Ziel, -- Jung soll ja sterben, wen die Götter lieben -- Bist du doch nah und kannst in deinem Schoß Weich betten sein veratmend Haupt. Denn das Bleibt ewig einer Mutter Recht und Pflicht, Und kein Gesetz, das Menschen je erdacht, Löscht diese Schrift in ihrem Busen aus. Und so, getrost, beging ich, was verpönt, Und nicht bereu ich’s. Von dem Felsen dort Hinabgestoßen, mit dem letzten Hauch Den Göttern dank ich, die mich so begnadet, Und nicht in Lethes Fluten könnt ich je Vergessen trinken dieses Freudentags, Der mir der letzte war.“ Sie schwieg, den Blick Auf ihren Liebling haftend, tränenlos, Verklärt. Und eine Stille ward ringsum, Und in der Brust der strengen Richter schwankte Die tiefbewegte Seele. Da erhob sich Die greise Priesterin und sprach: „Wie könnt ihr Noch zweifeln? Hört ihr nicht der Götter Stimme, Die laut zu euerm Herzen spricht? Dies Weib, Das ein Geschlecht von Siegern Hellas gab Und, ihrer Mutterpflicht gedenk, dem Tod Getrotzt, steht über dem Gesetz, und mir Gesellt sie zu ihr priesterlicher Adel. Mögt ihr sie denn verdammen, rauhe Männer -- Die Göttin, der ich diene, spricht sie los, Und Zuflucht findet sie an meinem Busen.“ So sprechend nahte sie der Staunenden, Und sanft zu ihr sich neigend, rührte sie Die Stirn ihr an mit schwesterlichem Kuß. Der Jüngling aber, jauchzend, ungestüm, Schlang um der Mutter Leib den starken Arm Und hob sie auf, und wiegend auf der Schulter Trug im Triumph er strahlend sie dahin, Die weite Bahn umschreitend, allem Volk Sein Mütterlein zu zeigen. Und ringsum Begrüßten winkend ausgestreckte Hände Und tausendstimm’ger Jubelruf das Paar: „Heil, Heil dem Sieger! Heil der edlen Frau, Der Glücklichen, die ihn gebar.“ Sie aber, Das Haupt des Sohns umklammernd, bleich und still, Erhob die Blicke nicht, in sich gebückt, Und weinte, leise „mein Koröbos!“ flüsternd, Auf seinem Kranz. Schwerer ward und schwerer Die leichte Last, und tief und tiefer sank Das Haupt der Mutter auf des Sohnes Locken, Und als den Rundgang er vollbracht, da glitt Ein stumm verblichen Weib ihm aus den Armen. „Das Glück hat sie entseelt!“ so flüsterten Die Greise, da der Jüngling, tiefauf stöhnend, Hinkniete zu der Toten. Doch die Priestrin Nahm einen Palmenzweig vom Tisch und legt Ihn auf die Brust der selig Ruhenden. Und eine Stille ward im weiten Rund, Als hörten sie die weichen Flügel rauschen Des Götterboten, der zur Schattenwelt Die Seele forttrug dieser Siegerin.

Paul Heyse

Die Kraniche des Ibykus

Zum Kampf der Wagen und Gesänge, Der auf Korinthus’ Landesenge Der Griechen Stämme froh vereint, Zog Ibykus, der Götterfreund. Ihm schenkte des Gesanges Gabe, Der Lieder süßen Mund Apoll; So wandert er, an leichtem Stabe, Aus Rhegium, des Gottes voll.

Schon winkt auf hohem Bergesrücken Akrokorinth des Wandrers Blicken, Und in Poseidons Fichtenhain Tritt er mit frommem Schauder ein, Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme Von Kranichen begleiten ihn, Die fernhin nach des Südens Wärme In graulichtem Geschwader ziehn.

[Illustration]

„Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen! Die mir zur See Begleiter waren, Zum guten Zeichen nehm ich euch, Mein Los, es ist dem euren gleich. Von fernher kommen wir gezogen Und flehen um ein wirtlich Dach -- Sei uns der Gastliche gewogen, Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!“

Und munter fördert er die Schritte Und sieht sich in des Waldes Mitte; Da sperren auf gedrangem Steg Zwei Mörder plötzlich seinen Weg. Zum Kampfe muß er sich bereiten, Doch bald ermattet sinkt die Hand, Sie hat der Leier zarte Saiten, Doch nie des Bogens Kraft gespannt.

Er ruft die Menschen an, die Götter, Sein Flehen dringt zu keinem Retter; Wie weit er auch die Stimme schickt, Nichts Lebendes wird hier erblickt; „So muß ich hier verlassen sterben, Auf fremdem Boden, unbeweint, Durch böser Buben Hand verderben, Wo auch kein Rächer mir erscheint!“

Und schwer getroffen sinkt er nieder, Da rauscht der Kraniche Gefieder; Er hört, schon kann er nicht mehr sehn, Die nahen Stimmen furchtbar krähn. „Von euch, ihr Kraniche, dort oben, Wenn keine andere Stimme spricht, Sei meines Mordes Klag erhoben!“ Er ruft es, und sein Auge bricht.

Der nackte Leichnam wird gefunden, Und bald, obgleich entstellt von Wunden, Erkennt der Gastfreund in Korinth Die Züge, die ihm teuer sind. „Und muß ich so dich wiederfinden, Und hoffte mit der Fichte Kranz Des Sängers Schläfe zu umwinden, Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!“

Und jammernd hören’s alle Gäste, Versammelt bei Poseidons Feste, Ganz Griechenland ergreift der Schmerz, Verloren hat ihn jedes Herz. Und stürmend drängt sich zum Prytanen Das Volk, es fordert seine Wut, Zu rächen des Erschlagnen Manen, Zu sühnen mit des Mörders Blut.

Doch, wo die Spur, die aus der Menge Der Völker flutendem Gedränge, Gelocket von der Spiele Pracht, Den schwarzen Täter kenntlich macht? Sind’s Räuber, die ihn feig erschlagen? Tat’s neidisch ein verborgner Feind? Nur Helios vermag’s zu sagen, Der alles Irdische bescheint.

Er geht vielleicht mit frechem Schritte Jetzt eben durch der Griechen Mitte, Und während ihn die Rache sucht, Genießt er seines Frevels Frucht, Auf ihres eigenen Tempels Schwelle Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt Sich dreist in jene Menschenwelle, Die dort sich zum Theater drängt.

Denn Bank an Bank gedränget sitzen, Es brechen fast der Bühne Stützen, Herbeigeströmt von fern und nah, Der Griechen Völker wartend da. Dumpfbrausend, wie des Meeres Wogen, Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau In weiter stets geschweiftem Bogen Hinauf bis in des Himmels Blau.

Wer zählt die Völker, nennt die Namen, Die gastlich hier zusammenkamen? Von Theseus’ Stadt, von Aulis’ Strand, Von Phokis, vom Spartanerland, Von Asiens entlegner Küste, Von allen Inseln kamen sie Und horchen von dem Schaugerüste Des Chores grauser Melodie,

Der, streng und ernst, nach alter Sitte, Mit langsam abgemessnem Schritte Hervortritt aus dem Hintergrund, Umwandelnd des Theaters Rund. So schreiten keine irdschen Weiber, Die zeugete kein sterblich Haus! Es steigt das Riesenmaß der Leiber Hoch über menschliches hinaus.

Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden, Sie schwingen in entfleischten Händen Der Fackel düsterrote Glut, In ihren Wangen fließt kein Blut; Und wo die Haare lieblich flattern, Um Menschenstirnen freundlich wehn, Da sieht man Schlangen hier und Nattern Die giftgeschwollnen Bäuche blähn.

Und schauerlich, gedreht im Kreise, Beginnen sie des Hymnus Weise, Der durch das Herz zerreißend dringt, Die Bande um den Frevler schlingt. Besinnungraubend, herzbetörend Schallt der Erinnyen Gesang, Er schallt, des Hörers Mark verzehrend, Und duldet nicht der Leier Klang:

„Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle Bewahrt die kindlich reine Seele! Ihm dürfen wir nicht rächend nahn, Er wandelt frei des Lebens Bahn. Doch wehe, wehe, wer verstohlen Des Mordes schwere Tat vollbracht! Wir heften uns an seine Sohlen, Das furchtbare Geschlecht der Nacht.