Part 4
Und glaubt er fliehend zu entspringen, Geflügelt sind wir da, die Schlingen Ihm werfend um den flücht’gen Fuß, Daß er zu Boden fallen muß. So jagen wir ihn, ohn Ermatten, Versöhnen kann uns keine Reu, Ihn fort und fort bis zu den Schatten Und geben ihn auch dort nicht frei.“
So singend, tanzen sie den Reigen, Und Stille, wie des Todes Schweigen, Liegt überm ganzen Hause schwer, Als ob die Gottheit nahe wär, Und feierlich, nach alter Sitte, Umwandelnd des Theaters Rund, Mit langsam abgemessnem Schritte, Verschwinden sie im Hintergrund.
Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet Noch zweifelnd jede Brust und bebet Und huldiget der furchtbarn Macht, Die richtend im Verborgnen wacht, Die unerforschlich, unergründet Des Schicksals dunkeln Knäuel flicht, Dem tiefen Herzen sich verkündet Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.
Da hört man auf den höchsten Stufen Auf einmal eine Stimme rufen: „Sieh da, sieh da, Timotheus, Die Kraniche des Ibykus!“ -- Und finster plötzlich wird der Himmel, Und über dem Theater hin Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel Ein Kranichheer vorüberziehn.
„Des Ibykus“ -- Der teure Name Rührt jede Brust mit neuem Grame Und wie im Meere Well auf Well, So läuft’s von Mund zu Munde schnell: „Des Ibykus? Den wir beweinen, Den eine Mörderhand erschlug! Was ist’s mit dem? Was kann er meinen? -- Was ist’s mit diesem Kranichzug?“ --
Und lauter immer wird die Frage, Und ahnend fliegt’s mit Blitzesschlage Durch alle Herzen: „Gebet acht, Das ist der Eumeniden Macht! Der fromme Dichter wird gerochen, Der Mörder bietet selbst sich dar -- Ergreift ihn, der das Wort gesprochen, Und ihn, an den’s gerichtet war!“
Doch dem war kaum das Wort entfahren, Möcht er’s im Busen gern bewahren: Umsonst! Der schreckenbleiche Mund Macht schnell die Schuldbewußten kund, Man reißt und schleppt sie vor den Richter, Die Szene wird zum Tribunal, Und es gestehn die Bösewichter, Getroffen von der Rache Strahl.
Friedrich von Schiller
Der Sieger
Olympia! Mir sprengt das Herz die Brust! Bin ich derselbe, der ich gestern war? Der Vollkraft ungeheure Daseinslust Durchströmt, entzückt, erhebt mich wunderbar. Vor meinem Volke steh ich, mein Gesang -- Mir selbst ein Wunder -- strömt sich hell und voll In Harmonien aus von Erzes Klang, Mit meinen Lippen spricht der Gott, Apoll!
Mein Lied verklingt. Kein Laut. Dann, ein Orkan, Rast wilder Beifall die Arena hin, Und tausend Kränze regnen in die Bahn, Und meine Harfe ist die Siegerin. Ich, aus dem letzten Dorfe, bin der Held, Von meinem Haupte strahlt des Ruhmes Glanz Und füllt mit neuer Pracht die dunkle Welt, Und meine Stirne krönt der Lorbeerkranz.
Nun, Jünglinge, begleitet mich nach Haus. Nicht nehm ich eher diesen Kranz vom Haupt Und ziehe eher nicht die Toga aus, Bis meinen Ruhm mein ernster Vater glaubt. Durch Hellas ziehn wir hin, und jauchzend weckt Mein Preis das Land und eilt, uns meldend, vor. Dort liegt das Dorf am Hügel hingestreckt; Und dies ist meines Vaterhauses Tor. Aufsteht der Vater von der Ofenbank. Er sieht mich an, die Toga, meinen Kranz; Vor seinem Auge schrumpft mein Überschwang, Wird grau des Volkes bunter Farbenglanz. Ich streife langsam von dem Haupt die Zier Und von den Gliedern ab das Festgewand. Er spricht: „Du weiltest lange weg von hier. Die Sichel nimm. Das Gras ist fast verbrannt!“
Hugo Salus
Tod des Perikles
Auf seinem Sterbebett lag Perikles, Und das Bewußtsein schien ihm schon entflohn. Die Freunde, die ihm übrig waren noch, Umstanden ihn und sprachen unter sich, Die Größe rühmend seiner Tugenden Und seiner einst fast unbeschränkten Macht. Bewegt auch zählten sie die Taten auf, Die er vollbracht, wie jedes Siegesmal, Das er Athen zu ew’gem Ruhm erschuf. Doch er im Scheiden noch verstand sie wohl, Und plötzlich auch ergriff er selbst das Wort: „Ich wundre mich, daß ihr an mir gelobt, Was nur das wandelbare Glück verleiht Und was mit manchem andern ich geteilt, Dagegen ihr verschwiegen unbedacht, Was mich bedünkt allein des Neides wert: Daß meinetwegen nie ein Bürger je, Zum Tod verfolgt, in Trauer sich gehüllt.“
Martin Greif
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Der Bote von Marathon
Jüngling, schwing dich auf den wilden Renner, auf dein bäumend Roß, Nach den himmlischen Gefilden Fliege, wie ein Pfeilgeschoß, Laut zu künden, froh zu melden Göttergleichen Sieg der Helden: „Marathon, der Perser Schmach, Wo Athen sich Lorbeer brach!“
Schnell im Staubgewölk verloren, Stürmt er hin im Mittagsschein, Drückt dem flücht’gen Roß die Sporen Kräftig in die Weichen ein. Vorgeneigt, mit losem Zügel, Jagt er auf des Windes Flügel. Herrlich schwellt die junge Brust Siegesfreude, Botenlust.
Und er träumt sich schon empfangen Von Athens besorgter Schar. Hoch erglühn der Mutter Wangen, Da sie kränzt sein feuchtes Haar: „O mein Sohn, du kehrst mir wieder!“ Greise singen Siegeslieder, Donnernd jauchzt von Land zu See Tausendstimmig Evoe -- -- --
Seine dunkeln Augen flammen, Freudig preist er sein Geschick ... Plötzlich bricht das Roß zusammen, Röchelnd, mit erloschnem Blick. Ungesäumt, auf eignen Füßen, Eilt er, seine Stadt zu grüßen, Die sich fern am Himmelsrand Blendend hebt im Sonnenbrand.
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Mut! Nur Mut! -- er will ermatten. Seine Sehnen schwellen an. Nirgends Kühlung, nirgends Schatten Auf der staubverwehten Bahn. „Schütze, Göttin, deinen Boten, Ruf ihn nicht ins Reich der Toten, Eh Athen die Kunde weiß: Unser ist der Siegespreis!“
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Von der stolzgetürmten Mauer Hat ihn schon das Volk gesehn. Hohe, heil’ge Wonneschauer Fühlt er durch die Seele wehn. Auf das Herz gepreßt die Linke, Mit dem Lorbeer freud’ge Winke: „Sieg!“ Ein heller Jubelschrei. „Sieg!“ -- Er stürzt. -- Es ist vorbei.
Alice von Gaudy
Der junge Themistokles
In Athens gepriesnen Hallen saßen Jünglinge beim Mahl -- Blut der Syrakuser Traube rötete den Goldpokal.
Wie den Becher überwallend schäumend stieg die Purpurflut -- So aus jeder Wange sprühte Lebensfülle, Jugendmut.
Ob man hier von Rosen-Jungfraun -- dort vom Vaterlande sprach Oder siegend hier die Wahrheit aus des Sehers Lippen brach:
So gewannst du über alle, Himmelstochter, doch den Sieg, Freude, die mit goldnem Flügel vom Olympos niederstieg.
Einen hast du nicht bezwungen, Siegerin, der lächelt nicht -- Ernst wie Pallas’ Götterauge blickt sein stolzes Angesicht.
Weit entrückt hat seine Seele sich der Gäste munterm Schwarm -- Quält nach Ruhm ihn heißes Schmachten, peinigt ihn der Liebe Harm?
Und des Gastmahls junger König nimmt ein Lautenspiel zur Hand -- Prüft den Ton mit leichtem Finger, bis er sich den rechten fand --
Hebet an ein Lied zu singen, singt mit süßer Stimme Ton, Wie der Thraker herzbesiegend, schmeichelnd wie Anakreon.
Reicht dem Nächsten dann die Laute, und auch der hat sie gestimmt Und gesungen, daß ein jeglich Herz in Lust und Wonne schwimmt.
Und von Hand zu Hand ging weiter so die Laute durch die Reihn, Jeder sang von Lieb und Rosen, Frühling, Vaterland und Wein.
Als sie nun zu dem gekommen, der so finster sitzt und schweigt, Hat er schweigend sie empfangen, schweigend weiter sie gereicht.
Und es höhnten ihn die andern, sprachen: „Nicht dem frohen Kreis Nahe sich, wer zu der Laute nicht ein Lied zu singen weiß!“
Und errötend sprach der Jüngling: „Lieder singen lernt’ ich nie -- Aber nennt zu Hellas’ Ehre eine Tat -- ich leiste sie!“
Weiter wanderte die Laute, und als unter Phöbos’ Joch Längst die Himmelsrosse flogen, klangen hell die Lieder noch.
Und wer waren jene Sänger? -- Ihre Namen hört ich nicht; Gleich den Rosen ihres Festes welkten sie im Morgenlicht.
Willst du wissen, wie der Jüngling, der nicht singen konnte, hieß? Durch Äonen trägt ihm brausend der Gesang von Salamis!
Karl von Alsen
Salamis
Schmücket die Schiffe mit Persertrophän, Lasset die purpurnen Segel sich blähn! Efeu umflattert die Masten und fliegt, Evoe, der mächtige Feind ist besiegt!
Wir zerbrachen, o Meer, wir zerbrachen das Band, Das der persische Fürst um den Nacken dir wand, Du entrollst nun befreit, dich erbittert nicht mehr Das verhaßte Gestampf von den Rossen, die schwer Dein wogender Bug, Dein brückengefesselter Zorn ertrug.
Das Verhängnis kam über Xerxes und stieg Aus den Wellen empor zum hellenischen Sieg. Dem Tyrannen, dem Herrn, der in Willkür thront, Nicht erlag ihm das Volk, das am Meerstrand wohnt; Denn es stählte der Alte, der Herrscher der Flut, Mit unendlichem Mut Sein geliebtes Geschlecht für die Seeschlacht.
Rings jetzt, wo entzückter die Woge vernimmt Ein ionisches Lied, da erbraust sie und stimmt In den Päan mit ein, es erblühn, es erblühn Nach den herrlichen Mühn Dithyrambische Tage der Freiheit.
Hermann Lingg
Themistokles in Olympia
Themistokles, der Held von Salamis, Als er vom Perserjoch sein Volk befreit, Und an Olympias geweihtem Sitz Zum ersten Male nach vertobtem Krieg Den heil’gen Spielen wieder zugeschaut, Die stolzer Griechenland noch nie beging: Erkannt von allen Gästen saß er da, Und kein hellenisch Auge wandte sich Den ganzen Tag hindurch von ihm hinweg Den heißen Kämpfern in der Ringbahn zu, So rühmlich um den Kranz auch jeder stritt. Nur ihn als Sieger staunten rings sie an, Denn Aller Beifall stieg zu ihm empor. Er aber nahm ihn wohlgefällig auf Und sprach vernehmbar laut das fromme Wort: „Die Götter schenkten heut als Ernte mir Die Frucht der schweren Arbeit, die ich tat.“
Martin Greif
Ein Dichter in der Schlacht von Salamis
Die Drachen, die so arg gedräuet, Die Perserschiffe sind zerstreuet, Versenkt, vernichtet -- Hellas frei Vom Joche fremder Tyrannei, Die ruhmgekrönten Kämpfer bringen Den Göttern dar ein festlich Spiel Und heil’ge Opfer; Lieder klingen Und Wagen donnern an das Ziel.
Wer ragt hervor dort aus der Menge, Die Züge schön, doch ernst und strenge? Der grüne Lorbeer schmückt ihn sehr, Die frische Wunde schmückt ihn mehr; Ein Dichter ist es, doch die Waffen Ergriff er auf des Landes Ruf; Ein Held kann Heldenbilder schaffen Wie +Äschylus+, der Bücher schuf
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Sein Auge folgt mit Wohlgefallen Dem schönsten von den Knaben allen, Die zierlich, mit gelenken Knien, Im Chore den Altar umziehn. Ahnt wohl der Mann mit innrer Wonne -- Von Neid sind solche Seelen frei -- Daß, der da schwebt, die neue Sonne, Daß +Sophokles+ der Knabe sei!
Zur selben Stunde, wie wir lesen, War eines Sohns ein Weib genesen; Der Vater hebt ihn auf und spricht: „Dich grüßt der Freiheit Morgenlicht. Mut, teures Weib! Wir alle haben Nun hinter uns die Zeit des Wehs. Die Götter segnen meinen Knaben!“ -- Das Kindlein war +Euripides+.
Ja, wenn die Götter einmal segnen, Dann strömt es, wie wenn Wolken regnen Im Wetter, überschwenglich auch; Nichts halb zu tun ist Götterbrauch. Sieg, Freiheit, Ruhm -- für künft’ge Tage Voll Glanz ein dreifach Unterpfand. Das war -- wer hält ihm denn die Wage? -- Der schönste Tag von Griechenland.
Wilhelm Fischer
Grab des Themistokles
Wo am zackigen Fels das Gewog sich brandend emporbäumt, Senkten die Freunde bei Nacht heimlich Themistokles’ Leib In heimatlichen Grund. Festgaben und Totengeschenke Brachten sie dar, und es floß reichlich die Spende des Weins. Aber den Zorn des verblendeten Volks kleinmütig befürchtend, Stahlen sie leise sich heim, ehe die Dämmrung erschien. Denksteinlos nun schlummert der Held. Doch drüben im Spätrot Ragt ihm, ein ewiges Mal, Salamis’ Felsengestad.
Emanuel Geibel
Historischer Adelsklub
Zu seinem Bruder Pluto sandte Zeus: „Entbiete mir zu meinem Namensfest Auf den Olymp die großen Toten sämtlich; Unsterbliches Verdienst ist auch ein Adel.“
Klein war der Saal, erlesen die Gesellschaft. Als Schibboleth anstatt der Wappenschilder Diente das Antlitz. Nämlich alle wiesen, Ob noch so uneins an Profil und Ausdruck, Doch ein gemeinsam Muttermal im Antlitz, Das Muttermal des Mutes und der Wahrheit.
Da tat sich auf die Tür, und feierlich Mit hohepriesterlichem Schritt, die Toga In wichtigen Falten um die Brust geworfen, Die Stirn bekränzt, das Lockenhaar gescheitelt, Erschien ein Gast, den hohen Göttern ähnlich.
Befremden lähmte die Versammlung. Hera, Die Brauen zuckend, biß sich auf die Lippen. Zeus aber, freundlich vor den Fremdling tretend: „Fürwahr, es tut mir leid, ein Mißverständnis --“ Dann wettert er zu Pluto: „Ohne Spaß,
Mein lieber Bruder, ernstlich, solche Possen Verbitt ich mir.“ „Wieso? Das war der große --“ Mit heftiger Stimme unterbrach ihn Zeus: „Ein feierlicher Kerl ist niemals groß. Behalte das und merk dir’s für die Zukunft.“
Carl Spitteler
Die gefesselten Musen
Es herrscht ein König irgendwo In Dazien oder Thrazien, Den suchten einst die Musen heim, Die Musen mit den Grazien.
Statt milden Nektars Rebenblut Geruhten sie zu nippen, Die Seele des Barbaren hing An ihren sel’gen Lippen.
Erst sang ein jedes Himmelskind Im Tone, der ihm eigen, Dann schritt der ganze Chor im Takt Und trat den blühnden Reigen.
Der König klatschte: „Morgen will Ich wieder euch bestaunen!“ Die Musen schüttelten das Haupt: „Das hangt an unsern Launen.“
„An euern Launen? ...“ Der Despot Begann zu schmähn und lästern. „Ihr Knechte,“ schrie er, „Fesseln her!“ Und fesselte die Schwestern.
Der König wacht, um Mitternacht Vernahm er leises Schreiten, Geflüster: „Seid ihr alle da?“ Und Schüttern zarter Saiten.
Er fuhr empor. „Den hellen Chor Ergreift, getreue Wächter!“ Die Schergen griffen in die Luft Und silbern klang Gelächter.
Am Morgen war der Kerker leer, Der Reigen über die Grenze -- Drin hingen statt der Ketten schwer Zerrissne Blumenkränze.
Conr. Ferd. Meyer
Der trunkene Gott
Weiße Marmorstufen steigen Durch der Gärten laub’ge Nacht, Schlanke Palmenfächer neigen In des Himmels blaue Pracht. Über Tempeln, Hainen, Grüften Zecht in abendweichen Lüften Alexanders Lieblingsschar; Knieend bietet ihm ein Knabe, Daß der Erde Herr sich labe, Wein in edler Schale dar.
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Herrlich ist’s, den Wein zu schlürfen, Lagernd in der Götter Rat, Zwischen schwelgenden Entwürfen Und der wundergleichen Tat! Goldne Becher überquellen, Ruhmesgeister mit den hellen Helmen tauchen aus der Flut -- Goldne Schalen überschäumen, Geister, die gebunden träumen, Steigen auf in Zornesglut.
Kleitos neben Philipps Sohne Furcht die Stirne kummervoll, Der benarbte Macedone Schlürft im Weine Gram und Groll: Er gedenkt der Heergenossen, Die die erste Phalanx schlossen In den Bergen kühl und fern. Seinen dunkeln Mut zu kränken, Lüstet es den schönen Schenken, Lagernd an dem Knie des Herrn.
Die erhabne Stirn und Braue Träumt den Zug ins Inderland, Lauschend liest den Traum das schlaue Kind, den Blick emporgewandt: „Bacchus bist du, der belaubte, Mit dem schwärmerischen Haupte, Der ins Land der Sonne zieht! Ohne Heer kannst du bezwingen, Nur den Thyrsus darfst du schwingen, Winke nur, und Indien kniet!“
Finster grollt der alte Streiter: „Durch der Wüste heißen Sand? Immer ferner, immer weiter? Nach des Indus Fabelstrand? Kann ein Wink dir Sieg erwerben, Warum bluten, warum sterben Wir für dich? Zu deinem Spott? Lebende kannst du belohnen, Deine toten Macedonen, Wecke sie, bist du ein Gott!“ --
„Welchen dampfenden Altares Freust du auf der Erde dich? Bist du die Gewalt des Ares, Helmumflattert, fürchterlich? Herr, bevor den niedern Talen Du dich nahtest ohne Strahlen, Welches war dein himmlisch Amt? Bist du Zeus? Bist du ein andrer? Bist du Helios, der Wandrer Dessen Stirne sonnig flammt?“
Grimmig neigt der graue Fechter Sich zum Ohr des Gottes hin, Mit unseligem Gelächter Rührt er an der Schulter ihn: „Gast des Himmels, warum sinken Haupt und Schulter dir zur Linken?[*] Lastet dir der Erde Raub? Mit den Göttern willst du zechen? Spotten hör ich dein Gebrechen: Alexander, du bist Staub!“
Eine zürnende Gebärde! Blitz und Sturz! Ein Gott in Wut! Ein Erdolchter an der Erde Windet sich in seinem Blut ... In den Abendlüften Schauer, Ein verhülltes Haupt in Trauer, Ausgerast und ausgerollt! Marmorgleich versteinte Zecher Und ein herrenloser Becher, Der hinab die Stufen rollt.
Conr. Ferd. Meyer
[*] Alexander war schief, seine rechte Schulter etwas höher als die schwächere linke.
Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser?
Ist’s ein Narr bloß? Ist’s ein Weiser? Dreißig Jahre eingeschlossen, Sitzt er schon in dunkler Klause. Selbst erforschen will’s der Kaiser, Und vom höchsten Glanz umflossen Naht er sich dem öden Hause.
Auf der Erde hingekauert Liegt der Blöde und betrachtet Sich den Gast mit stolzen Mienen. Alles fühlt sich fremd durchschauert, Daß ein Bettler den verachtet, Dem der Erde Völker dienen.
„Sollte mich der Greis nicht kennen?“ -- Ruft der Kaiser -- „Doch ich staune, Drüben steht ja meine Büste! Nein, ich brauch mich nicht zu nennen, Denn ihm wehrt nur tück’sche Laune, Mich zu ehren, wie er müßte.
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Was ihn treibt, wer könnt es sagen? Wär es Stolz, so müßt ich’s rächen, Doch es will mir Wahnsinn scheinen. Um die Zukunft wollt ich fragen, Aber statt mit dem zu sprechen, Such ich Weisheit bei den Steinen.“
Doch, sowie das Wort gefallen, Hat der Blöde sich erhoben Und nach seinem Stab gegriffen. Seine langen Locken wallen, Wie zum Rock um ihn verwoben, Und sein Stab ist scharf geschliffen.
Vor des Kaisers Büste tretend, Schlägt er ihr vom Haupt die Krone, Und in Stücke fällt sie nieder, Bohrt ihr dann, wie Disteln jätend, Noch die Augen aus zum Hohne, Jauchzt und tanzt und legt sich wieder.
Alles sieht ihm zu mit Grauen, Dennoch zwingt man sich zum Lachen, Und des Kaisers Bruder flüstert: „Ich genieße dein Vertrauen, Laß mein Schwert nur fürder wachen, Und dein Stern wird nie verdüstert.“
Aber eh der Tag noch endet, Steigt, der schmeichelnd so gesprochen, Selber auf den Thron der Griechen, Und der Kaiser liegt geblendet, Wo die Totenwürmer pochen Und die gift’gen Molche kriechen.
Friedrich Hebbel
Der Ring des Polykrates
Er stand auf seines Daches Zinnen, Er schaute mit vergnügten Sinnen Auf das beherrschte Samos hin. „Dies alles ist mir untertänig,“ Begann er zu Ägyptens König, „Gestehe, daß ich glücklich bin.“ --
„Du hast der Götter Gunst erfahren! Die vormals deinesgleichen waren, Sie zwingt jetzt deines Zepters Macht. Doch einer lebt noch, sie zu rächen; Dich kann mein Mund nicht glücklich sprechen, Solang des Feindes Auge wacht.“ --
Und eh der König noch geendet, Da stellt sich, von Milet gesendet, Ein Bote dem Tyrannen dar: „Laß, Herr, des Opfers Düfte steigen, Und mit des Lorbeers muntern Zweigen Bekränze dir dein festlich Haar!
Getroffen sank dein Feind vom Speere, Mich sendet mit der frohen Märe Dein treuer Feldherr Polydor --“ Und nimmt aus einem schwarzen Becken, Noch blutig, zu der beiden Schrecken, Ein wohlbekanntes Haupt hervor.
Der König tritt zurück mit Grauen. „Doch warn ich dich, dem Glück zu trauen,“ Versetzt er mit besorgtem Blick. „Bedenk, auf ungetreuen Wellen -- Wie leicht kann sie der Sturm zerschellen -- Schwimmt deiner Flotte zweifelnd Glück.“
Und eh er noch das Wort gesprochen, Hat ihn der Jubel unterbrochen, Der von der Reede jauchzend schallt. Mit fremden Schätzen reich beladen, Kehrt zu den heimischen Gestaden Der Schiffe mastenreicher Wald.
Der königliche Gast erstaunet: „Dein Glück ist heute gut gelaunet, Doch fürchte seinen Unbestand. Der Kreter waffenkund’ge Scharen Bedräuen dich mit Kriegsgefahren; Schon nahe sind sie diesem Strand.“
Und eh ihm noch das Wort entfallen, Da sieht man’s von den Schiffen wallen, Und tausend Stimmen rufen: „Sieg! Von Feindesnot sind wir befreiet, Die Kreter hat der Sturm zerstreuet, Vorbei, geendet ist der Krieg!“
Das hört der Gastfreund mit Entsetzen. „Fürwahr, ich muß dich glücklich schätzen! Doch,“ spricht er, „zittr ich für dein Heil. Mir grauet vor der Götter Neide: Des Lebens ungemischte Freude Ward keinem Irdischen zuteil.
Auch mir ist alles wohl geraten. Bei allen meinen Herrschertaten Begleitet mich des Himmels Huld; Doch hatt’ ich einen teuren Erben, Den nahm mir Gott, ich sah ihn sterben, Dem Glück bezahlt ich meine Schuld.
Drum, willst du dich vor Leid bewahren, So flehe zu den Unsichtbaren, Daß sie zum Glück den Schmerz verleihn. Noch keinen sah ich fröhlich enden, Auf den mit immer vollen Händen Die Götter ihre Gaben streun.
Und wenn’s die Götter nicht gewähren, So acht auf eines Freundes Lehren Und rufe selbst das Unglück her; Und was von allen deinen Schätzen Dein Herz am höchsten mag ergötzen, Das nimm und wirf’s in dieses Meer!“
Und jener spricht, von Furcht beweget: „Von allem, was die Insel heget, Ist dieser Ring mein höchstes Gut. Ihn will ich den Erinnyen weihen, Ob sie mein Glück mir dann verzeihen.“ Und wirft das Kleinod in die Flut.
Und bei des nächsten Morgens Lichte, Da tritt mit fröhlichem Gesichte Ein Fischer vor den Fürsten hin: „Herr, diesen Fisch hab ich gefangen, Wie keiner noch ins Netz gegangen, Dir zum Geschenke bring ich ihn.“
Und als der Koch den Fisch zerteilet, Kommt er bestürzt herbeigeeilet Und ruft mit hocherstauntem Blick: „Sieh, Herr, den Ring, den du getragen: Ihn fand ich in des Fisches Magen, O, ohne Grenzen ist dein Glück!“
Hier wendet sich der Gast mit Grausen: „So kann ich hier nicht ferner hausen, Mein Freund kannst du nicht weiter sein; Die Götter wollen dein Verderben; Fort eil ich, nicht mit dir zu sterben.“ Und sprach’s und schiffte schnell sich ein.
Friedrich von Schiller
Der befreite Prometheus
Vom Kaukasus hernieder schritt Prometheus; Er war erlöst, Zeus gab ihn frei. Der Riese durfte endlich von dem Gletscher Herunter, drauf er büßend lag; Er durfte nun hinab auf seine Erde, Hin zu den Menschen, die er so geliebt, Daß er, der eignen Seligkeit zum Trotz, Das Feuer des Olympos für sie stahl.
Nicht dauerte den Götterkönig Der Himmelsgünstling, der abtrünnige. Warum auch lockte die Versuchung ihn, Den Menschen Göttergut hinabzutragen; Er hatte seinen Lohn dahin, Den Heilandslohn, Nach der Olympier unerbittlichem Gesetz. Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus, Und Laune war’s und Gnade, daß sein Blitz Vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte, Die lavastarr gehärteten.
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O lange Qual! O Leib, zerfleischt, entstellt! Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel: Kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger Das große Wundmal unterm Herzen schützen, Das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen Des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars. O Tag voller Wut und Ohnmacht!
O Tag der Bitternis, da ihm die Hand, Die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte, Zum ersten Male Erlahmte vor der Übermacht des Neides, Des weltbeschattenden, der Götter all! O Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz!
Doch nun war alles überwunden. Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen. Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft Der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge, Als trüg er in sich, wie ein Fremder kalt, Nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft. Um seine schmerzgeübte Stirne zauste Der eisige Wind des Haars ergraute Büschel. So schritt er abwärts, der gebeugte Riese.
Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen. Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder. Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten. Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen, Seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte, Seit er den unstet Irrenden Den ersten warmen, festen Herd gebaut. Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen, Die tierisch-wild in Hader, Haß und Habgier Einst um das nackte Leben markteten, Die seine Tat ja erst zu Menschen schuf.
Und nieder kam er in die mildern Lüfte, Ins ebne Land; da sah er blühende Triften, Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten, Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün, Und weither prangten Zinnen sichrer Städte. Da lachte seine Seele: „Sieh doch, Zeus, War das nicht wert der tausendjährigen Pein? Ja, meine Menschen will ich wiedersehn!“ Und in die Dörfer ging er, in die Städte, Und sah die Menschen, sah sie leben, sterben,
Und ging und ging, und suchte hin und her, Und fand: Weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor. Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen Als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß. Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid -- Den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel, Den Neid der Menschen um Besitz -- Und war genug doch da, genug für alle. In Hütten sah er, in die Burgen sah er, Doch es war alles eines, War alles wie zuvor -- und schlimmer noch.
Zuletzt und matt betrat er eines Priesters Entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede, Den er vergebens bei den andern suchte; Dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes Heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe, Wollt er noch einmal unter Menschen rasten Und dann auf immer in die Einsamkeit. Zum Hausherrn, der die Flamme schürte, sprach er: „Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“
Der wandte sich erschrocken, blickte scheu Dem großen Mann ins seltsame Gesicht, Und schlich geduckt davon und schloß sich ein, Und durch die Tür quoll eine fette Stimme: „Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart! Prometheus, der ist tot -- und kommt nicht wieder. Ja, damals waren bessre Zeiten noch Als heute!“ Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.
[Illustration]