Part 5
Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken, und Der Qualgewohnte, auf die heilige Schwelle Schlug er lang hin, zum erstenmal laut schluchzend, Und wehklagte: „O Zeus! Sehr furchtbar strafst du! So nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen! Das war das Letzte! Ich will sterben gehn!“ Und jäh und gellend riß sich Ein Lachen los aus der vernarbten Brust, Und brüllend, rasend rannt er weg, der Riese: „Weg von den Menschen! Weg! Zum Meer! Ins Meer! Im Meer, da find ich Ruhe, endlich Ruhe!“ -- Da stand er oben, starr, auf steiler Klippe.
Denn wieder sah er im Gelände unten Die blühenden Fluren, die beglänzten Triften, Bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten, Und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün, Und weither prangten Zinnen sichrer Städte. Da überfiel ihn totgeglaubter Gram, Da überfuhr ihn nie erlebter Grimm, Brüllend vom Felsgrat brach er Stück auf Stück, und In rasender Blindheit Stück auf Stück anspeiend, Schmiß er’s hinab, spie, schmiß, und tobend Flog übers Meer sein weinendes Gelächter: „O könnt ich so die ganze Brut zerschmeißen, Die mir mein Gut, mein göttliches, veraast! -- Ha, meine Menschen, hahaha --“
Da horch, was scholl da? Drang da nicht ein Schrei, Ein Menschenschrei, ein Hilfeschrei herauf? Er stierte: dunkel rollend ging die See, Von seinen Würfen sturmgleich aufgerührt, Und auf dem Gischt trieb halb zerschellt ein Kahn, Und in den Strudeln rang ein Mensch ums Leben. Doch jetzt: schon schäumte von der stillern Flut Ein andres Boot heran, draus warf sich Ein zweiter Fischer in die Brandung.
Und oben auf der Klippe stand Prometheus, Und stierte, stierte und erkannte sie: Auf seiner Wandrung hat er sie gesehn, Die ersten Menschen waren’s, die er traf: Todfeinde waren’s -- und jetzt kämpfte dort Der Feind, dem Feind vereint, um Feindes Leben! Und endlich siegten sie den schweren Sieg, Und schleppten sich zum Strand, und fielen keuchend, Sprachlos vor Glück, Geretteter und Retter, Einander in die Arme.
Und oben auf der Klippe stand Prometheus, Und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken, Und sah sie lachen -- und nun jauchzen sie. Da überfuhr ihn totgeglaubter Mut, Da überfiel ihn nie erlebte Demut, Und in die Knie taumelte Prometheus, Und auf zum Himmel stammelte Prometheus: „O Zeus! Ich danke dir! Du armer Gott! Ich bin so reich, ich fühle wieder Liebe! O laß mich leben, laß mich leiden! Ich will noch einmal zu den Menschen hin!“
Richard Dehmel
Alexander Ypsilanti auf Munkacs
Alexander Ypsilanti saß in Munkacs hohem Turm, An den morschen Fenstergittern rüttelte der wilde Sturm, Schwarze Wolkenzüge zogen über Mond und Sterne hin -- Und der Griechenfürst erseufzte: „Ach, daß ich gefangen bin!“ An des Mittags Horizonte hing sein Auge unverwandt: „Läg ich doch in deiner Erde, mein geliebtes Vaterland!“ Und er öffnete das Fenster, sah ins öde Land hinein; Krähen schwärmten in den Gründen, Adler um das Felsgestein. Wieder fing er an zu seufzen: „Bringt mir keiner Botschaft her Aus dem Lande meiner Väter?“ -- und die Wimper ward ihm schwer -- War’s von Tränen? War’s von Schlummer? Und sein Haupt sank in die Hand. Seht, sein Antlitz wird so helle -- träumt er von dem Vaterland? Also saß er, und zum Schläfer trat ein schlichter Heldenmann, Sah mit freudig ernstem Blicke lange den Betrübten an: „Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Mut! „Alexander Ypsilanti, sei gegrüßt und fasse Mut! Wo in einem Grab die Asche von dreihundert Spartern liegt, Haben über die Barbaren freie Griechen heut gesiegt. Diese Botschaft dir zu bringen ward mein Geist herabgesandt. Alexander Ypsilanti, frei wird Hellas heil’ges Land!“ Da erwacht der Fürst vom Schlummer, ruft entzückt: „Leonidas!“ Und er fühlt, von Freudentränen sind ihm Aug und Wange naß. Horch, es rauscht ob seinem Haupte, und ein Königsadler fliegt Aus dem Fenster, und die Schwingen in dem Mondenstrahl er wiegt.
Wilhelm Müller
Aus dem „Abschied von Griechenland“
Ob die schönen Tag’ enteilten, Ob geborsten Ruhm und Glück: Wo die Götter einmal weilten, Bleibt ein ew’ger Glanz zurück. Du, der Schönheit Morgenwiege, Du, der Menschheit Jugendtraum, Land, das für die höchsten Siege Gab den Zweig vom heil’gen Baum; Das, wenn Sorg und Elend nachten, Unsre Seelen aufwärts trägt -- Jenes Herz ist arm zu achten, Welches nicht für Hellas schlägt. An den Schiffsbug braust im Dunkeln Wellenberg auf Wellenberg, Und des Himmels Lichter funkeln Durch das schwarze Takelwerk. -- Längst am Saum des Flutenschlosses Felsenküst und Wolke schwand: Fahre wohl, du schönes, großes, Sonnenfreud’ges Griechenland!
Heinrich Vierordt
Der deutsche Spielmann
herausgegeben von +Ernst Weber+, eine großangelegte Auswahl aus dem Schatze deutscher Dichtung für Jugend und Volk, schöpft aus dem Besten deutscher Erzählungs- und Verskunst unter Beschränkung auf das Volks- und Jugendtümliche. Die Sammlung gliedert sich in 40 Einzelbände, von denen jeder ein in sich geschlossenes Ganzes bildet und von einem Künstler illustriert ist, dessen Eigenart dem Charakter des jeweiligen Stoffgebietes ungezwungenen Ausdruck verleiht. Die Sammlung eignet sich wie kaum ein zweites Werk zur Anschaffung für öffentliche Bibliotheken, als Mittel zur Belebung des Schulunterrichts und für die Familienbücherei. +Der deutsche Spielmann hofft, zum eisernen Bestand jeder Volks- und Jugendbücherei zu werden.+ Er huldigt ja nicht einer vorübergehenden Mode des Tages. Er schöpft aus dem aufgespeicherten Schatz der Jahrhunderte und wird darum auch seine Geltung für das Jahrhundert behalten.
Bd. 1 Kindheit (E. Kreidolf) „ 2 Wanderer (J. V. Cissarz) „ 3 Wald (W. Weingärtner) „ 4 Hochland (Franz Hoch) „ 5 Meer (J. V. Cissarz) „ 6 Helden (W. Weingärtner) „ 7 Schalk (Julius Diez) „ 8 Legenden (G. A. Stroedel) „ 9 Arbeiter (Gg. O. Erler) „ 10 Soldaten (Gg. O. Erler) „ 11 Sänger (Hans Röhm) „ 12 Frühling (H. v. Volkmann) „ 13 Sommer (Edmund Steppes) „ 14 Herbst (Karl Biese) „ 15 Winter (Karl Biese) „ 16 Gute alte Zeit (Rud. Schiestl) „ 17 Himmel und Hölle (Jul. Diez) „ 18 Stadt u. Land (J. V. Cissarz) „ 19 Bach u. Strom (E. Liebermann) „ 20 Heide (Adalbert Holzer) „ 21 Arme und Reiche (J. Widnmann) „ 22 Abenteurer (Rud. Schiestl) „ 23 Germanentum (H. Röhm) „ 24 Mittelalter (H. Schroedter) „ 25 Zeit der Wandlungen (C. Roesch) „ 26 Neuzeit (Angelo Jank) „ 27 Gespenster (Julius Diez) „ 28 Tod (Matthäus Schiestl) „ 29 Blumen und Bäume (R. Sieck) „ 30 Nordland (Rudolf Roch-Hanau) „ 31 Italien (Hans Volkert) „ 32 Hellas (Karl Bauer) „ 33 Fremde Zonen (H. Volkert) „ 34 Vaterland (W. Roegge jun.) „ 35 Tierwelt (Ludwig Werner) „ 36 Menschenherzen (Rud. Schiestl) „ 37 Glück und Trost (H. Schwegerle) „ 38 Tag und Nacht (Otto Bauriedl) „ 39 Riesen und Zwerge (R. Schiestl) „ 40 Fabelreich (Ernst Weber)
Hinter den Bandtiteln steht der Name des illustrierenden Künstlers in Klammern.
Auch die je vier Bände vereinigenden Sammelbände in schönem farbigen Ganzleinenband wurden wiederum neu ausgegeben: „Deutsches Jahr“, „Deutsche Gestalten“, „Deutsche Natur“, „Deutsche Heimat“, „Deutsches Land“, „Deutsches Volk“, „Deutsches Leben“, „Deutsche Geschichte“, „Deutscher Glaube“ und „Fremde Welt“.