Part 4
Wenden wir uns nun kurz noch dem Vorkommen des Vogels auch in Westsachsen zu, so müssen wir feststellen, daß dieser Teil des Landes augenblicklich keine einzige Kolonie mehr aufweist und daß die früher hier vorhanden gewesenen sich niemals auch nur annähernd mit den ostelbischen messen konnten. Eine kleine, nur dreißig bis vierzig Paare umfassende Siedlung bestand 1873 (und nur in diesem Jahre?) auf dem Burkartshainer Teich bei Wurzen, eine andere wird für die achtziger Jahre vom Müncherteiche bei Grimma genannt. Eine ebenfalls nur vorübergehende kleinere, vielleicht bis oder etwas über hundert Paare umfassende Kolonie verzeichnet weiter Hennicke für den Anfang der neunziger Jahre für die Rohrbacher Teiche. Seit Mitte der achtziger Jahre wird ferner das Brüten unseres Vogels von den Frohburg-Eschefelder Teichen erwähnt; die ebenfalls niemals groß gewesene Kolonie erlosch um 1913, obgleich auch in späteren Jahren ab und zu hier nochmals einige Paare gebrütet haben mögen. Die Vögel scheinen sich nach den nahen, auf altenburgischem Gebiete gelegenen Haselbacher Teichen gewendet zu haben, die als Niststätte von Lachmöwen 1889 erstmals erwähnt werden und, mit dazwischen gelegenen Pausen, noch bis in die letzten Jahre einzelnen Paaren des Vogels Nistgelegenheit geboten haben. Schließlich gedenkt auch Richard Heyder des Brutvorkommens weniger Paare während der Jahre 1912 bis 1914 auf dem Großhartmannsdorfer Teich. –
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Aufnahme von Rud. Zimmermann
Abb. 3. =Lachmöwe auf das Nest gehend= (Klösterlich-Neudorf O./L.)]
Unsere vorstehenden, kurzen Untersuchungen über die Lachmöwensiedlungen unserer Heimat lassen dabei ganz von selbst die Frage entstehen: »Wie verhält es sich mit dem zahlenmäßigen Bestand unseres Vogels, ist er sich gleich geblieben oder hat er, wie dies so oft behauptet worden ist, und wie ich dies auch selbst – ich betone dies ganz besonders – bisher angenommen habe, eine wesentliche Abnahme erfahren?« Eine alle Zweifel ausschließende Beantwortung derselben ist allerdings nicht ganz leicht, ja, vielleicht überhaupt nicht möglich. Denn uns fehlen dazu aus der Vergangenheit die notwendigen Unterlagen, Untersuchungen und Aufzeichnungen sowohl über die Zahl der ehemals vorhandenen Kolonien – die Zahl der aus dem ostelbischen Gebiet aus der Gegenwart bekannten z. B. ist größer als diejenige der in gewissen Zeiten im Schrifttum der Vergangenheit erwähnten – ebenso wie auch sorgfältige Schätzungen ihres Vogelbestandes. Die letzteren sind fast immer ganz allgemein in den meistens auch heute noch gebrauchten, nichts oder nur wenig sagenden Ausdrücken »einige hundert Paare« oder bei stärkeren Kolonien »tausend Paare,« »über tausend Paare« usw. gehalten. Wenn man nun aber die auf uns überkommenen wenig exakten Angaben etwas kritisch einzuwerten vermag und nie die einzelne Kolonie an sich betrachtet, sondern dabei das Gesamtvorkommen des Vogels in dem unseren Untersuchungen zugrunde liegenden Gebiete im Auge behält, wenn man ferner aus den Verhältnissen der Gegenwart unvoreingenommene Schlüsse zu ziehen imstande ist, und schließlich die Kolonien selbst auch kennt und den unseren Vögeln im Gebiete zur Verfügung stehenden Lebensraum berücksichtigt, so kommt man zu dem Schluß, daß eine wirklich erhebliche Abnahme im Bestand der Lachmöwe in unserem Gebiete sich nicht nachweisen läßt und daß eine solche Abnahme auch gar nicht wahrscheinlich ist. Wir sehen zwar Kolonien verschwinden, an ihrer Stelle aber auch immer wieder neue entstehen oder bereits vorhandene volkreicher werden. Erinnert sei hier nur an das erste Erlöschen der Dippelsdorfer Kolonie in den sechziger Jahren, an das sich, wenn meine Nachforschungen an Ort und Stelle nicht trügen, höchst wahrscheinlich die Entstehung der Adelsdorfer Kolonie knüpft, erinnert an das Eingehen auch der späteren Dippelsdorfer Kolonie, das die Entstehung oder zum mindesten ein gewaltiges Aufblühen der heute so großen und wirklich prächtigen Freitelsdorfer Kolonie zur Folge hatte und deren wahrscheinliche (immerhin dann aber nur geringere) Abnahme in diesem Jahre mit einem kaum geahnten Anwachsen der fast zur Bedeutungslosigkeit herabgesunken gewesenen Adelsdorfer Kolonie verknüpft ist. Die oben erwähnte Abnahme auch der Neudorfer Kolonie in den letzten Jahren spiegelt sich wahrscheinlich in der gleichzeitigen Zunahme der Koblenzer Kolonie wieder, das Eingehen der Kolonien auf den Caßlauer Wiesen- und dem Caminauer Altteich 1924 drückt sich wiederum in der Stärke der Koblenzer Kolonie im gleichen Jahre aus, die die des vorhergegangenen um ein ganz erhebliches übertraf, und die Vernichtung der Koblenzer Kolonie in diesem Jahre hatte, wie sich von den im Gebiete regelmäßig anwesenden Beobachter leicht verfolgen ließ, die Wiederbesiedlung der Caßlauer Wiesenteiche und eine deutlich zum Ausdruck kommende Bestandszunahme der Neudorfer Kolonie zur Folge. – Man hat bisher nur immer das Verschwinden einer Kolonie als Verlust gebucht, aber selten auch die Entstehung neuer oder das Aufblühen bereits bestehender auf der Gewinnseite eingetragen.
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Aufnahme von Rud. Zimmermann
Abb. 4. =Brütende Lachmöwe= (Klösterlich-Neudorf O./L.)]
Die Lachmöwe hat oft etwas zigeunerhaftes an sich; sie liebt den Wechsel, der sich besonders im Entstehen und Wiederverschwinden der kleineren Kolonien ausdrückt. Aber auch die Art der Teichbewirtschaftung ist von großem Einfluß auf die einzelnen Kolonien, ihren zeitlichen Bestand und ihre Stärke; das Eingehen der Dippelsdorfer Kolonie gegen Kriegsende z. B. scheint mit der durch den Krieg bedingten größeren Rohrnutzung in unmittelbarem Zusammenhang zu stehen. Daß schließlich auch wilde Eierräubereien, wie wir sie in dem Koblenzer Beispiel kennen lernten, Kolonien gefährden können und gefährden müssen, bedarf wohl kaum eines besonderen Hinweises, dies zeigt uns deutlich ja das eben erwähnte Beispiel. In diesem Falle haben sich die Schädigungen lediglich örtlich ausgewirkt: sie veranlaßten die von den Plünderungen betroffenen Vögel lediglich zur Abwanderung nach Teichgebieten in der unmittelbaren Nachbarschaft, würden aber wohl bestimmt das Verschwinden der Vögel im Gebiet überhaupt zur Folge gehabt haben, wenn dieses infolge seines Teichreichtums ihnen eben nicht die Möglichkeit der Ansiedlung an anderen, weniger gefährdeten Stellen geboten hätte. Die Vögel würden und müßten gänzlich verschwinden, wenn ähnliche rücksichtslose Nestplünderungen wie sie 1925 in fast ohne weiteres Beispiel dastehender Weise die Koblenzer Kolonie betroffen haben, auch die übrigen treffen würde. Hoffen wir daher, daß dieser Fall trotz vieler Ansätze dazu (die Freitelsdorfer Kolonie z. B. leidet ebenfalls stark unter Eierräubereien durch Unbefugte) niemals eintreten und daß es uns allmählich gelingen möchte, die heute eingerissene, aus einem falschen Freiheitsbegriff entstandene Zügellosigkeit einzudämmen und die Massen wieder zur Achtung der heimatlichen Landschaft und ihrer hohen Werte zu erziehen!
Aus den Tagen der Kurfürstlichen und Königlich Sächsischen Post, 1770 bis 1865
Unter diesem Titel sind zwölf überaus reizvolle farbige Bilder von dem im Jahre 1917 verstorbenen Herrn Geh. Postrat Karl Thieme in Dresden aus Anlaß des Sachsentages im Juli 1914 erstmalig herausgegeben worden. Den Druck dieser schönen Bilder, deren Originale zum größten Teil von dem im Jahre 1922 im hochbetagten Alter verstorbenen Hofrat und Kustos der Gemäldegalerie Gustav Otto Müller stammen, hat die Lehmannsche Buchdruckerei in Dresden in vorzüglicher Weise ausgeführt[2].
Die jeder Serie beigelegten Erläuterungen machen diese Bilder jedem Heimatfreund besonders wertvoll.
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Wir bringen hier eine Wiedergabe des zwölften Bildes, das vom genannten Herausgeber in sinniger Weise mit den Worten »Das Lied ist aus« bezeichnet ist.
Der weltbekannte, im Jahre 1793 eingerichtete und nach dem Kaiser Franz I. benannte Kurort Franzensbad, von dessen »Sauerbrunnen bei Eger« wir seit 1542 einen gedruckten Nachweis besitzen, dessen Bäder aber erst im 17. Jahrhundert benutzt wurden, hatte bis 1865 noch keine Eisenbahn.
Alljährlich strömten viele Hunderte von Patienten den kräftigen Quellen von Franzensbad zu. Nachdem die letzten Stationen der Sächsischen und Bayrischen Bahnlinien von den Reisenden verlassen worden waren, benutzten sie den schnellen Eilpostwagen oder die teure Extrapost, um ihr Ziel zu erreichen. Die meisten Kurgäste konnten sich diese Mehrausgabe schon leisten und erfreuten oft genug den schmucken Postillion, der unterwegs seine besten Stücke blies, mit einem Extratrinkgeld.
Da gab es bei dem Kaiserlich-Königlichen Postamt zu Franzensbad ein buntes Gedränge von Österreichischen, Bayrischen und Sächsischen Postillionen, die in guter Kameradschaft miteinander lebten und sich gern ein gutes Schöppchen gönnten. Auf unserem Bilde erblicken wir drei solche brave Ritter vom steifen Stiefel. Ach, in den Becher ihrer Daseinsfreude fällt ein bitterer Tropfen banger Beklemmung, als sie den ersten Wagenzug auf der neuen Eisenbahn heranbrausen sehen. So viele Passagiere schleppt das eiserne Ungetüm heran, so viel »honorige« Passagiere, die kaum in zwanzig Extrapostkutschen Platz hätten. Wo bleiben wir armen Postillione? ist wohl ihre sorgenvolle Frage. Der lebhafte Österreicher fuchtelt grimmig mit den Händen, als möchte er am liebsten die heimtückische, fauchende Lokomotive von den Schienen herunterstoßen, der betrübte Sachse vergißt ganz und gar den tröstlichen Schoppen, den er in der Linken hält. Das treffliche österreichische Bier kommt ihm heute gallenbitter vor. Am meisten erregt unsere Teilnahme der brave alte Bayer, der in seinem einfachen blauen Stallkamisol auf dem Bänkchen vor dem Posthause sitzt. Hätte er, wie die beiden anderen Kameraden, auch seine Galauniform an, so könnten wir seine schmucke Erscheinung bewundern, denn die bayrische Postverwaltung hat in der geschmackvollen Ausstaffierung ihrer Postillione immer etwas los gehabt.
Unser ergrauter bayrischer »Schwager« schaut auf die gewaltige Rauchsäule der Lokomotive, indes seiner Pfeife kein Wölkchen mehr entsteigt. Vielleicht denkt er:
Rauch ist alles ird’sche Wesen! Wie des Dampfes Säule weht Schwinden alle Erdengrößen, – Auch der Postillion vergeht.
Und inzwischen ist der Postillion vergangen.
Wenn auch der Name »Postillion« geblieben, es steckt in diesem Wortgehäuse doch weiter nichts mehr, als ein uniformierter Rollkutscher oder ein Kraftwagenführer, der bloß noch Briefe und Pakete zu karren hat. Mit dem alten Postillionsgeschlecht ist auch das Posthorn vergangen. Wer weiß denn noch etwas von dem poesievollen Klang des Posthorns, wenn es von der stillen Landstraße her seine Zaubertöne über schlafende Dörfer und Städtlein ergoß? Aber in ungezählten Widmungen ist von Poeten und Musikern den Tagen der Romantik des Postillions und seines Zauberhörnleins doch ein dauerndes Denkmal gesetzt worden, und wie das vorstehende Bild, so bleiben auch die übrigen der zwölf farbigen Bilder ein freundliches Andenken an die Tage unserer Groß- und Urgroßväter.
Fußnote:
[2] _Anmerkung_: Diese zwölf farbigen Bilder sind soeben in zweiter Auflage erschienen und in allen Papierläden und durch Georg Rennert in Dresden-A. 26, Postfach zu haben. Auch als Geschenk sehr geeignet kostet die Reihe mit zwölf Bildern nur Mark 1.20 und die Prachtausgabe 3.— Mark.
Die Heimat spricht:
»Der braucht die weite Welt nicht, der in einem bescheidenen Tale glücklich zu sein versteht. Merke das, Kind!«
»Betrachte denkend und fühlend deine Heimatstadt! Von den niedrigen Häusern in unebenen Gassen weht der Hauch langer Jahrhunderte. Der Schauer des Vergänglichen faßt dich an, aber ebenso hörst du wohl die fröhliche Melodie gewesener Zeiten. Manche Pforte, manch verwittertes Gemäuer ist ein Erinnerungsmal, das ohne Schrift viel Wundersames erzählt. Die Geschichte setzt so selbst ihre Grabsteine. – Der Rathausturm ist ein Wächter, der mit seinem Zyklopenauge groß über die Stadt schaut. Unbeirrbar und ewig wie die Zeit. Die Blumen aber, die jetzt die Fenster des Rathauses bunt bekränzen, die werden dir, wenn du einst in der Ferne weilst, kaum aus dem Sinn kommen.«
»Und was deine Vorfahren vor dir gedacht und geehrt, schmähe es nicht! Alles Vergangene ist heilig. Worüber du heute achtlos hinweggehst, das wird dir einst als ein Stück Heimat mahnend heraufsteigen. Unser Geist führt vorwärts. Aber alles, was da war, gleicht einem alten vergilbten Blatte, worauf die Träne einer vereinsamten Mutter fiel.«
»Schau dir die Brücke an, die deinen Heimatfluß überwölbt! Was wandert nicht alles darüber! Der Schritt der Menschen ist bald hart und zornig, bald fröhlich-beeilt, bald auch grausam-beschwert von einem heimlichen Leide. – Wer weiß, wie du einmal hinauswandern wirst – über die alte Brücke deiner Heimat?«
»Draußen, als einen stillen, erhebenden Platz, findest du den Garten der Kreuze. Kaum ein Friedhof liegt so schön, wie der deiner Heimatstadt. Wenn du den breiten Weg aufwärts gehst, durch viele Blumen, die den Gedanken an das Leben wachzuhalten suchen, dann ruht ein vergessener Hügel vor dir: ein Muttergrab, ein heilig Grab! So sprach ein Dichter. Ich sehe, wie du dir nach dem Herzen greifst, ich weiß, welch ernster Schwur sich in deiner Brust losringt, und ich weiß auch, _wem_ der gilt.«
»Wenn der Mai uns seine ersten Morgen schenkt, und du willst seinen zarten Duft erhaschen, gehe in den Wald deiner Heimat. Über dir rauschen die Fichten, weiße Birken stehen verschämt dazwischen, und die tiefe Feier ringsum! Du empfindest den Rhythmus aller Wesen um dich, der Pflanzen und der Tiere, du atmest ihn mit, fühlst dich in den großen Kreis der Schöpfung eingeschlossen als ein bedeutungsvolles, lebensfrohes Glied. Ist’s nicht, als seien die Bäume deine Brüder und die lieben Blumen deine Schwestern?«
»Im Frühling klingt’s aus den Bäumen. Es sind der Stimmen unzählige, die lobsingen. Dir gelingt es vielleicht, an ein Rotkehlchen heranzukommen, wenn es auf einem knospenden Strauchwerke sitzt. Zwei Schritte von ihm. Und es singt und jubelt immerfort. Tiefdunkel glänzen die kleinen Augen, klug und rein, die rote Brust hebt sich hastig ungezählte Male. Fühlst du, wie froh alle Schöpfung ist? Lerne froh sein von ihm!«
»Mache das Herz dir frei, mühefrei! Auf den Bergen wehen mit der reineren Luft bessere Gedanken um dich. – Stelle dich auf einen nahen Berg, sieh, wie der Sonne versinkender Ball seine letzte Glut das Heimattal entlangwirft. Und du fühlst auf einmal deinen Heimatfluß als lebendes Wesen, das wie ein müder Wanderer sich der Sonne nachschleppt. – Abend, Feierabend. Fern ist ein Kirchlein vom letzten Strahl beleuchtet, es scheint aus einem Bilderbogen herausgeschnitten. Vor dir thront ein zerrissener Fels, stolz und breit, wie eine sagenhafte Burg. Aus einer Buche Geäst weint die Drossel ein Lied. Die Sonne sehnt sich zurück. Hab’ du auch Sehnsucht zur Sonne!«
»Suche dir, schaffe dir in deiner Heimat einen Lieblingsort. Dort bettest du dich mit deinen Gedanken vor dem Lärm des Tages und der Welt. Dort bist du eine stille Weile lang mit dem Geistesleben, das durch die Natur rauscht, verwachsen. – Lerne auch hier! Das Blühen und Werden der Natur ist Äußerung der Kraft. Nur wer Kraft entwickelt, lebt! Nur wer Kraft entwickelt, hat Anspruch an das Leben! Nur wer Kraft entwickelt, hinterläßt Spuren seiner Persönlichkeit und hat darum nicht umsonst gerungen! Alle anderen sind Schwächlinge. – Doch sieh noch einmal das liebe Tal! Drüben die weiten Fichtenwälder. Ein Streifen dunkler Kiefern läuft zum Tal herunter, so daß es dem Rückgrat eines ungeheuren Urwelttieres gleicht. Sieh noch einmal um dich! Ach, vielleicht vergraben sich deine heißen Hände in die frisch aufgeworfene Erde, du drückst eine feuchte Scholle, die Frische der Erde durchrieselt deinen Körper, Kraft der Erde durchflutet dich, du fühlst und erkennst es: Heimat!«
»Wenn du aus der Heimat auch gehst, nimm sie im Herzen mit! Auch die Heimat ist deine Mutter. Und wer wollte seine Mutter vergessen?«
Emil Vogel.
Gefäßfunde in Ölsnitz i. E.
_J. Hottenroth_, Gersdorf, Bez. Chemnitz
Ende Juni 1925 stieß man im oberen Teile der Stadt Ölsnitz i. E. beim Abtreiben einer Böschung auf ein sehr umfangreiches Lager von altertümlichen Tongefäßen und kleinen Glasflaschen. Trotz der erstaunlich großen Menge der Gefäße kamen eigentlich nur zwei Typen zum Vorschein, und zwar dickbäuchige Tonflaschen mit dünnem, oben weit ausladendem Halse und kleiner Standfläche und dann kleine Näpfchen von eineinhalb bis vier Zentimeter Höhe. Alle Tonwaren waren glasiert und auf der Drehscheibe hergestellt. Die kleinen Glasfläschchen bestanden aus einem dünnwandigen, in allen Regenbogenfarben schillernden Glase. Der Boden war kegelförmig weit nach innen gestülpt.
Der Fund erregte das größte Aufsehen, und an ihn knüpften sich bald die gewagtesten Vermutungen. Die einen sahen in ihm vorgeschichtliche Töpferei, die anderen Arzneiflaschen aus irgendeiner Pestzeit. Diese seien, um die fürchterliche Seuche zu bannen, an der Fundstelle vergraben worden. Ein besonders phantasiebegabter Erforscher heimischer Geschichte schrieb allen Ernstes im Heimatblatte, daß die beiliegenden kleinen Näpfchen slawische Tränenkrüglein seien. Die Wenden hätten noch keine Taschentücher besessen und hätten infolgedessen bei Trauerfällen die Näpfchen an die Augen gehalten, um die Tränen aufzusammeln.
[Illustration]
Mir war der Fund zu wichtig, um ihn auf solch kindliche Weise erklären zu lassen. Er ist doch vor allem dazu angetan, das Dunkel, das noch über der Keramik verschiedener geschichtlicher Zeiten schwebt, etwas aufzuhellen.
Es galt deshalb zunächst genau die Zeit festzustellen, in der die Flaschen und Töpfchen entstanden sein könnten. Daß sie nicht prähistorisch sind, war ohne weiteres klar. Mir war, als Laien auf diesem Gebiete, eine unbedingt sichere Datierung nicht möglich, meiner Schätzung nach mochten die Fundstücke ungefähr dem sechzehnten oder siebzehnten Jahrhundert angehören. Mit einer unsicheren Schätzung war mir aber nicht gedient. Ich suchte deshalb zunächst Hilfe im Museum für Volkskunde in Dresden, dessen keramische Schätze ich eingehend studierte. Es fanden sich aber keine analogen Stücke darunter, was ja auch nicht zu verwundern ist, da die volkskundlichen Gegenstände meist nicht über hundert Jahre alt sind.
Nun sandte ich Belegstücke an Dr. Bierbaum, dem Kustos des vorgeschichtlichen Museums in Dresden. Dieser schrieb mir: »Die von Ihnen vorgenommene zeitliche Bestimmung (sechzehntes bez. siebzehntes Jahrhundert), halte auch ich für richtig. Freilich könnten die Scherben und Gläser auch noch jünger sein. Für eine genaue Datierung fehlen leider alle Vergleichsfunde.« Ganz ähnlich äußert sich Dr. Zimmermann, der erste Direktor des Germanischen Nationalmuseums zu Nürnberg: »Die uns zugesandten Muster möchten wir nicht vor das siebzehnte Jahrhundert zurückdatieren.«
Wie sich später herausstellte, haben beide Herren vollständig recht.
Es fragt sich nun, welche Bewandtnis es eigentlich mit den Funden hat. Zunächst ist doch die Annahme sehr naheliegend, daß am Fundorte vor Zeiten eine Töpferei gestanden haben könnte. Daß hier nur zwei bestimmte Gefäßformen vorkommen, steht dieser Ansicht nicht entgegen. Es gibt ja heute noch Töpfereien, die sich auf ganz bestimmte Erzeugnisse (Blumentöpfe usw.) einstellen. Im Germanischen Museum war man der Meinung, es handle sich hier möglicherweise um das Brüchlingslager einer Krugbäckerei. Wenn das so wäre, so fehlt immer noch eine Erklärung für das Vorkommen der Tausende von kleinen Glasflaschen am Fundorte. Es ist doch nicht anzunehmen, daß eine Töpferei zugleich Glashütte war. Zudem hat sich aus den Ölsnitzer Kaufbüchern und Akten ergeben, daß dort nie eine Töpferei vorhanden war.
[Illustration]
Die kleinen Näpfchen, die ungemein zahlreich neben den Ton- und Glasflaschen lagen, brachten mich auf eine andere Lösung des Rätsels. Diese Näpfe gleichen nämlich vollständig den Töpfen, die Ende des vorigen Jahrhunderts von den »Königseern« mit Salben gefüllt feilgeboten wurden. Ich sprach deshalb im »Ölsnitzer Volksboten« die Vermutung aus, daß an der Fundstelle in früheren Zeiten vielleicht eine Art Laboratorium für Arzneimittel gestanden haben könnte. Die hier hergestellten Tinkturen und Essenzen kamen in die Ton- bzw. Glasflaschen, die Salben in die Näpfe. Mit dieser Annahme wäre ja auch zwangslos eine Erklärung für die auffälligen Größenunterschiede der Tonflaschen gegeben. (Vier bis vierundzwanzig Zentimeter Höhe.) Man sorgte eben für Groß- und Kleinabnehmer. Die Fundstelle wäre dann ein trefflicher Beleg für die Verse, die Hartmann Schopper 1568 den Apothekern als Charakteristikum beigegeben hat:
»~Mille tot unguentis, rebusque potentibus auctus, Pyxides innumeras Pharmacopola gero.~«
Meine Ansicht ist aber mit spöttischem Lächeln aufgenommen und als ganz unmöglich hingestellt worden. Und doch hat sie sich voll und ganz bewahrheitet. Kantor Junghannß, der verdienstvolle Erforscher der Ölsnitzer Geschichte hat aus seiner Chronik von Ölsnitz i. E. folgendes festgestellt: An der Fundstelle stand früher ein Grünhainisches Gut, dessen ältester nachweisbarer Besitzer Andreas Preßler hieß. 1696 besaß es Georg Görner, der es 1723 seinem Sohne Augustin Görner überließ. Augustin Görner war ein berühmter Kräuterarzt. Er hat in Ölsnitz von 1723 bis 1743 seine Praxis ausgeübt. Zur Verabreichung seiner Tinkturen und Salben benutzte er Flaschen und Näpfchen, die er vielleicht in einem besonderen Raume seines Gehöftes aufbewahrte. Die aufgefundenen Gefäße müssen in den Jahren 1723 bis 1743 entstanden sein. 1854 wurde das Bauerngut vom Fürst von Waldenburg angekauft und die Gebäude abgebrochen. Dabei ist wahrscheinlich der Vorratsraum für die Gefäße verschüttet worden.
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Bestätigt wird diese Feststellung noch durch einen alten Ölsnitzer, der in seinem Heimatblatte Erinnerungen an das Görnersche, später Junghannß Gut, veröffentlichte. Seine Großmutter habe ihm erzählt, daß hier vor alten Zeiten eine Spezerei betrieben worden wäre, in der gute Salben, Arzneien und Tinkturen für Menschen und Tiere hergestellt und in das Gebirge überallhin verkauft wurden.
Die Ölsnitzer Gefäßfunde wären hiermit vollständig geklärt. Ihre Bedeutung geht weit über das örtliche Interesse hinaus. So hat man z. B. 1910 beim Straßenbau nach der Pappfabrik Steinbach (Blatt 139, Annaberg) in Abteilung 45 ein den Ölsnitzer Tonflaschen völlig gleiches Gefäß von zehn Zentimeter Höhe, vierzig Zentimeter tief unter einem Granitblock aufgefunden. Die Deutung dieses Fundes, die bisher nicht möglich war, macht nun keine Schwierigkeiten mehr. Es handelt sich eben um eine Ölsnitzer Arzneiflasche, die aus irgendeinem Grunde im Walde verborgen und nicht wieder abgeholt worden ist. Es ist möglich, daß auch schon anderswo solche Funde gemacht wurden oder noch gemacht werden. Die Ölsnitzer Fundstücke werden auch dann klärend wirken können.
Wald und Wild
Gewidmet seinem lieben Freunde, dem guten Jäger Forstmeister i. R. Paul Schneider von _Bernhard_, Tharandt