Part 5
Wald und Wild. Schon dem ähnlichen Klange beider Worte nach möchte man annehmen, daß Wald und Wild zusammengehören. Das Wild ist an den Wald nicht unbedingt gebunden. Wild ist in den Eiswüsten des hohen Nordens, in den Steppen von Asien, Afrika und Amerika vorhanden, ist in den Feldern und im Wasser heimisch. Dagegen ist der Ur- und Naturwald wohl nicht ohne Wild denkbar. In ihm hält das Raubwild das Wild, das sich von Pflanzenstoffen nährt, und dadurch bei Überhandnahme dem Walde schaden könnte, kurz. Es hält aber auch gleichzeitig den Stand dieses vom menschlichen Gesichtspunkt aus als Nutzwild zu bezeichnenden Wildes hoch, weil es Auslese trifft, alle schwachen und kranken Stücke des Nutzwildes vernichtet und nur die besten und schönsten Stücke zurückläßt, die dank ihrer hervorragenden Eigenschaften in der Lage sind, sich den Fängen des Raubwildes dauernd zu entziehen. Anders im Kunstwald, im Forste, im Walde der Gegenwart, im Walde unserer Gegenden. Seine Gaben muß der Mensch versuchen, sich nutz- und dienstbar zu machen, das Holz zu gewerblichen Zwecken, das Wild zur Volksernährung und nicht zuletzt zum menschlichen Vergnügen, zur Ausübung der Jagd. Das Raubwild im Nutzwalde hält der Mensch kurz, damit das Nutzwild sich ungehindert vermehren kann, so kurz, daß z. B. der Heimatschutz in Sachsen zugunsten verschiedener Raubwildarten hat eingreifen müssen, um sie aus unseren sächsischen Wäldern nicht ganz verschwinden zu lassen. Ich erinnere nur an den Baummarder, an den Uhu, an den Hühnerhabicht u. a. Dieser Schutz bekommt dem Nutzwilde aber nur dann gut, es entartet nur dann nicht, wenn der Jäger, der das Jagdrevier bejagt, wirklich Weidmann ist, nicht nur Schießer, sondern auch Heger. Wenn er beim Abschuß Zuchtwahl übt, alle edlen der Fortpflanzung würdigen Tiere erhält, alle der Fortpflanzung unwürdigen, schwächlichen und kranken Stücken aber der Kugel verfallen läßt, und wenn er dafür sorgt, daß dem Wilde auch jederzeit die zur vollkommenen Entwicklung nötige Äsung geboten wird. Diese Äsung aber immer rechtzeitig und vollwertig in unserem jetzigen Nutzwald zur Verfügung zu stellen, ist schwierig. Sehen wir uns unseren Wald in Sachsen an, meist besteht er aus dicht geschlossenen reinen Nadelholzbeständen. Der Boden ist bedeckt mit reiner Nadelstreu, kein Sonnenstrahl dringt zu Boden, kein Gräschen kann fern von der Sonne im dicken Nadelpolster gedeihen. Aus den Jungbeständen aber, die sich noch nicht geschlossen haben, in denen Sonne und Regen noch zum Boden können und wo noch Gras und saftige Kräuter sprießen, wird das Gras als Futter für das Vieh oder als Einstreu in die Ställe oder der Verdämmung der jungen Holzpflanzen wegen ausgeschnitten und verkauft, vielfach ohne Rücksicht darauf, daß mit der dauernden oder wenigstens häufigen Entnahme des Grases dem Boden Kraft entzogen wird. Auch die Laubhölzer, deren Blätter, namentlich im jugendlichen Zustande, unser Wild so gern äst, sind durch unsere Wirtschaft aus unserem Walde verdrängt worden. Ebenso ist die Mast von Eicheln und Buchen im dichten Stande des Kunstwaldes geringer, als beim raumen Stande des Naturwaldes. Wo soll da das Wild in unserem Walde die nötige Äsung hernehmen? Vernichtung des Raubwilds, Veränderung des natürlichen Zustandes des Waldes fordern, wenn das Nutzwild erhalten bleiben, gehegt werden soll, unbedingt sachgemäße Fütterung – neben weidgerechtem Abschuß –, vor allem aber dann, wenn das Wild, womöglich noch durch ein Gatter um den Wald am Austritt auf die Felder verhindert wird, sei es zum Schutze für die Felder, sei es zum Schutze seiner selbst vor den benachbarten Jagdeigentümern. Solche Fütterung aber kostet Geld, das uns mangelt, und entzieht unserem Volke außerdem mittelbar oder unmittelbar noch Nahrungsmittel, die wir so wie so schon zur Befriedigung des Bedarfs teilweise aus dem Auslande einführen müssen. Mit dem Mangel an Äsung, vor allem mit dem Mangel an Lieblingsäsung und an Abwechslung bei der Äsung gewöhnt sich das Wild aber auch Untugenden an, mit denen es dem Walde stark schadet. Im Kampfe gegen diesen Schaden kommt der Forstmann in Widerstreit mit dem Jäger. Der Forstmann sucht seinen Wald, der Jäger sein Wild zu schützen. Der Forstmann ist verpflichtet, aus seinem Walde bei möglichst sparsamen Aufwand an Kapital und Arbeit in möglichst kurzer Zeit dauernd möglichst hohe Werte herauszuwirtschaften. Dies Ziel zu erreichen, hindern ihn die Untugenden des Wildes im Walde, die sich besonders durch Schälen und Verbeißen der Holzpflanzen äußern. Das Wild schält dreißig bis vierzig Jahre alte glatte Fichtenstangen in Reichhöhe seines Geäses und den dritten Trieb von der Spitze her etwa zehn Jahre alter Kiefernjungwüchse. Die Schälstellen der Fichten verharzen und überwallen zwar wieder und der Baum selbst bleibt erhalten, aber er wird im Innern faul und im Ganzen wertlos, mindestens wird sein Wert stark vermindert. Bei den Kiefern stirbt der Baumteil oberhalb des geschälten Triebes meist ab und die Kiefer muß durch Aufrichten eines Seitentriebes einen neuen Schaft bilden, der natürlich nie so grade wie der ursprüngliche Schaft wird, sondern an der Abzweigung vom ursprünglichen Stamme stets eine Krümmung aufweist. Durch diese Krümmung wird der Stamm entwertet. Durch Verbeißen werden die jungen Pflanzen zum Teil ganz vernichtet, zum Teil so stark an der Bildung eines guten Schaftes behindert, daß ihre Entwicklung erheblich verzögert und ihre Erzeugung von Nutzholz wesentlich beeinträchtigt werden. Als Mittel zur Bekämpfung dieser Schäden am Walde durch das Wild stehen dem Forstmann zur Verfügung: Schutz der einzelnen Pflanzen durch Verwittern mit übelriechenden Klebmitteln und Umstecken mit Reisig oder Einzäunen der jungen Bestände, um das Wild am Zutritt zu den zu schützenden Waldteilen überhaupt zu hindern. Letztere Maßnahme beschränkt die Äsungsmöglichkeit des Wildes stark. All diese Maßnahmen kosten auch viel Geld. An Geld aber mangelt es uns jetzt in Deutschland. Wenn der Forstmann kein Geld aufwenden darf, für Mittel zum Schutze seines Waldes vor Schäden durch das Wild, wenn er keine Mittel bewilligt erhält, sein Wild im Kunstwalde reichlich und gut zu füttern, so bleibt ihm nichts anderes zu tun übrig, als die Zahl des Wildes in seinem Walde so weit zu _beschränken_, daß die in seinem Walde vorhandene spärliche Äsung zur Ernährung seines Wildstandes völlig ausreicht und der Schaden, den das Wild dem Walde zufügt, nicht mehr so stark wie bisher in die Augen fällt. Diese Maßnahmen sind um so nötiger zu einer Zeit, in der die Forstleute, wie gegenwärtig in Sachsen, bestrebt sind, dem reinen Nadelwalde wieder Laubholz einzufügen und in der jede junge Laubholzpflanze aber vom Wilde – vom Hasen bis zum Hirsch – als willkommene Abwechslung in der einförmigen Äsung des eintönigen Kulturwaldes betrachtet und vernichtet wird. So entsteht in unserer armen und dadurch nüchternen Zeit die Frage, wird der Schaden, den das Wild dem Kulturwald zufügt und der in Sachsen sich nach Millionen beziffert, aufgewogen durch die Rente, die die Jagd abwirft. Und hier setzt der Heimatschutz ein, mit der Antwort, bei der Verdrängung des Wildes aus dem Walde handelt es sich nicht nur um materielle, sondern auch um ideelle Güter; denn das Wild belebt den Wald, sein Anblick im Walde fördert das Waldbild und jede Verschönerung des Waldbildes wirkt erhebend auf das menschliche Gemüt. Die Hebung des Waldbildes durch Wild ist nur möglich, wenn es sich wirklich um »Wild«, um freies, edles, in Form und Bewegung schönes Wild handelt. Wild im Gatter, im Tierpark, überhegtes Wild, das auf Äsung aus Menschenhand wartet, ist kein Wild mehr, dessen Schutz sich der Landesverein Sächsischer Heimatschutz zum Ziel setzen darf und kann. Nicht jedem laut daherpolternden, singenden Wandervogel muß es vergönnt sein, draußen im Walde »viel Wild« zu sehen und womöglich gar ein Rehkitz in der Wiese zu finden, und anstatt es ruhig an seinem Platze zu belassen, es zum nächsten Forsthause zu tragen. Nein, nur der echte und wahre Naturfreund, der mit heiligem Schauer das Leben der Natur betrachtet, soll auf seinen stillen Morgen- und Abendgängen hier und da ein stolzes Stück Wild in freier Wildbahn über den Weg ziehen oder auf der Waldwiese am Bestandsrande äsen und den Kopf zur Sicherung aufwerfen sehen. Und so deckt sich auch meiner Ansicht nach das Ziel des Heimatschutzes gegenwärtig mit dem Ziel des Forstmanns und Jägers in unserem Kunstwalde: kräftiges, gesundes und edles Wild in _der_ Zahl bis zu besseren Zeiten durchzuhalten, in der es unser Wald auch wirklich ernähren kann. Nur der wirkliche Naturfreund, nur der echte Heimatschutzmann werden von diesem Wild aber hier und da noch ein Stück zu Gesicht bekommen und sich an seiner Schönheit erfreuen, ebenso wie es der Weidmann tut, dem es darauf ankommt, nicht zu schießen, sondern sich mit den Gewohnheiten seines Wildes so vertraut zu machen und sich selbst so zu beherrschen, daß er trotz Unterlegenheit an Sehkraft und Gehör und trotz des Mangels des beim Wilde so stark ausgeprägten Geruchsinns stets der Überlegene bleibt. Die Freude am jagdlichen Erfolge steigt beim Jäger mit der Schwierigkeit, den Erfolg zu erringen. Auch beim Naturfreund wird sich die Freude, »Wild« zu Gesicht zu bekommen, mit der Seltenheit und Schönheit des Anblickes nur erhöhen.
Schloß Augustusburg als Reichsdenkmal für unsere im Weltkrieg Gefallenen
Von _Otto Eduard Schmidt_
Aufnahmen des Heimatschutzes
Der Gedanke, der Gesamtheit unserer im Weltkrieg Gefallenen unter Beteiligung des ganzen Volkes von Reichs wegen ein würdiges Denkmal zu weihen, lebt immer von neuem auf und ist trotz des für uns ungünstigen Ausganges des Krieges unabweisbar. Denn in welcher anderen Zeit hätte wohl das deutsche Volk, in Sonderheit seine Frontkämpfer, ein größeres, ergreifenderes und wirkungsvolleres Heldentum an den Tag gelegt? Aber unser Schicksal und unsere Lage ist derart, daß sie uns nicht zu einem stolzen und prunkvollen Neubau hindrängt. Aus dieser Empfindung heraus ist der Plan entstanden, eine unserer altberühmten Burgen zum Reichsdenkmal der Gefallenen zu weihen. Zu den Burgen und Schlössern, die dafür in Betracht kommen, ja sogar zu einer schon getroffenen engeren Auswahl unter denselben gehört auch unsere sächsische Augustusburg, und ein durch seine Vaterlands- und Heimatsliebe wohlbekannter Mann, Geheimrat Meinel auf Tannenbergstal in Sachsen, hat soeben in einer an den Reichsminister des Innern gerichteten Eingabe diesen Plan mit warmen Worten empfohlen. So wird er binnen kurzem die Öffentlichkeit beschäftigen. Deshalb hat mich der Vorstand des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz ersucht, in den »Mitteilungen« von den mir naheliegenden landeskundlichen und geschichtlichen Gesichtspunkten aus über das genannte Schloß und die darauf sich erstreckenden Pläne zu berichten.
[Illustration: Abb. 1. =Vorhof der Augustusburg mit der Auffahrt=]
[Illustration: Abb. 2. =Die Augustusburg mit dem inneren Tor=]
Die Augustusburg, 1568 bis 1572 erbaut, ist die Nachfolgerin der mittelalterlichen Burg Schellenberg. Diese lag, ebenso wie das heutige Schloß, auf der gewaltigen, rechts von der Zschopau, links von der Flöha umspülten Porphyrplatte, die wie ein gewaltiger Eckturm den Nordrand des eigentlichen Erzgebirges und zugleich den Punkt bezeichnet, in dem sich das westliche von dem östlichen Gebirge scheidet. Das Flöhatal gilt als die Grenze der beiden Gebiete. Diese Porphyrplatte schiebt sich von Öderan (d. h. »Ort bei den Edern« = Zäunen, Grenzen) südwärts in den ungeheuren Grenzwald vor, der in alter Zeit als ein unbewohntes Puffergebiet zwischen der Mark Meißen und dem Herzogtum Böhmen lag. Dieser Grenzwald war kaiserlich, ebenso der hier hindurchführende Paß von Öderan über Zöblitz und Sebastiansberg nach Komotau oder von Chemnitz über Zschopau-Wolkenstein nach Preßnitz und ins Egertal. Der Eingang zu beiden Straßen, die zu den wichtigsten Verbindungsgliedern zwischen Nord- und Süddeutschland gehörten, wurde von der Burg Schellenberg beherrscht. Deshalb waren die ritterlichen Herren von Schellenberg, denen auch die Burgen Rauenstein an der Flöha und Lauterstein bei Zöblitz als südlich vorgeschobene Posten gehörten, nicht Vasallen der Meißner Markgrafen, sondern standen als edelfreie Ritter unmittelbar unter dem Kaiser. Erst als die kaiserliche Gewalt zertrümmert und das reichsunmittelbare Geschlecht der Schellenberg wegen eines Frevels, den es gegen das Kloster Altzella verübt hatte, geächtet war (1323), kam der wichtige Porphyrfelsen mit seiner Burg in den Besitz der Wettiner (5. April 1324), und nach der Leipziger Teilung (1485) in den Besitz der Albertinischen Herzöge von Sachsen. In der Zeit, wo sich der Schmalkaldische Krieg vorbereitete, hat sich in der Burg Schellenberg eine denkwürdige Szene zugetragen. Der Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, in Sorge um die Zukunft seines vom Kaiser Karl V. mit Ächtung bedrohten Hauses, besuchte dort im Jahre 1545 zur Zeit der Hirschbrunft seinen Vetter Herzog Moritz und suchte im Vertrauen auf seine eigene Trunkfestigkeit dem in diesem Punkte schwächeren Moritz beim nächtlichen Gelage seine politischen Geheimnisse zu entlocken. Aber Moritz verriet sich nicht, nur wäre er bei der Heimreise nach Dresden an den Folgen des schweren Trunks fast gestorben. In der Tat wurde das Jahr 1547 das Schicksalsjahr der Ernestiner: sie verloren den größten Teil ihrer Länder an die Albertiner, aber es wurde auch das Schicksalsjahr der Burg Schellenberg: sie brannte im Jahre 1547 durch Blitzschlag ab. Zwanzig Jahre lang lag nun die Burg in Schutt und Asche. Da faßte Kurfürst August im April 1567 voll Siegesfreude über die Eroberung der Feste Grimmenstein zu Gotha den Plan, »weil solches des Hauses Sachsen ältesten Schlösser eines, aus erforderter Notdurft, auch _zur Zierde des Landes_ alle solches Schlosses alte Gebäude abtragen zu lassen und zu verordnen, daß an der Stelle ein neues Schloß gebaut werde.« Er gewann dafür als Baumeister den Leipziger Bürgermeister Hieronymus Lotter, der elf Jahre zuvor mit unerhörter Geschwindigkeit den reizvollen Hallen- und Giebelbau des Leipziger Rathauses geschaffen hatte, und dieser an der Schwelle der Siebzig stehende Mann brachte wirklich in vierjährigem, heißem Bemühen den umfangreichen Schloßbau zustande (1568 bis 1572), die letzte Vollendung aber wurde, weil Lotter unverdientermaßen bei dem ungeduldigen Bauherrn in Ungnade gefallen war, dem italienischen Grafen Rochus zu Lynar anvertraut. Außer der Vorburg mit dem gewaltigen äußeren und inneren Tor und der hochgelegten steinernen Auffahrt zeigte das Schloß vier wuchtige, breit dastehende Ecktürme, die durch meist dreistöckige Flügel untereinander zu einem großen Rechtecke verbunden sind. Sie enthielten in reicher Fülle die Säle und Gemächer für einen groß zugeschnittenen fürstlichen Hofhalt. Der Außenbau ist in schlichten, aber markigen Formen gehalten, die Innenräume waren vom Hofmaler Heinrich Göding nach den Angaben des Kurfürsten mit sinnvoller Malerei ausgeschmückt von teils lehrhafter, teils humorvoll-satirischer Art. So war in der »Turteltaubenstube«, wo sich die Hoffräuleins aufzuhalten pflegten, die Kurfürstin Anna über der Tür gemalt, wie sie mit strengem Blick darüber wacht, daß ja nichts Anstößiges geschieht, und neben ihr stand ein Fräulein, das den Pferdefuß, der als Strafe für Verstöße gegen den Anstand verwendet wurde, auf der Schulter trug. Weit berühmt waren die Bilder des »Hasenhauses«, in denen Göding, den Schlußgedanken des »Mümmelmann« von Hermann Löns vorwegnehmend, die Hasen als die eigentlichen Herren der Erde in der Ausübung aller menschlichen Geschäfte, auch als Staatsmänner und Kriegsleute dargestellt hatte, doch so, daß sie zuletzt wieder den Menschen unterliegen und wie einst in Pfannen und an Bratspießen ihr unrühmliches Ende finden.
[Illustration: Abb. 3. =Das innere Tor der Augustusburg=]
[Illustration: Abb. 4. =Der Kirchenflügel der Augustusburg=]
[Illustration: Abb. 5. =Schmalseite der Kirche mit der Kanzel und einem Teil der Decke=]
Ganz eigenartig ist die von dem Niederländer Erhard van der Meer geschaffene Schloßkirche. Sie entspricht als rechteckige Saalkirche durchaus den Anforderungen einer Predigtkirche. Über dem Schiff erheben sich die unten von steinernen Bögen und toskanischen Säulen, oben von jonischen Säulen getragenen Emporen, die von einer Decke überwölbt werden, bei der das gotische Rippenwerk durch ein der Kassettendecke sich näherndes System aus rotem Rochlitzer Stein ersetzt ist. Das Altarbild, ein Werk des jüngeren Cranach, zeigt unter dem Gekreuzigten den Kurfürsten mit acht Söhnen und die Kurfürstin mit sechs Töchtern. Es ist zugleich ein Totenmal: denn nur zwei von den Söhnen sind durch Medaillen an der Halskette und nur zwei von den Töchtern sind durch Kränze als noch lebend bezeichnet. Im Hintergrunde des Bildes sehen wir rechts die ehemalige Burg Schellenberg und links die Annaburg (in der jetzigen preußischen Provinz Sachsen). Kurfürst August war bei manchen Bedenken, die man gegen seinen Charakter erheben darf, ein ausgezeichneter Organisator der Volkswirtschaft und vor allem ein großer Lebenskünstler. Als Lotter wegen der starken Wirkung von Wind und Wetter auf der ganz frei gelegenen Höhe die Maße für die Fenster des Schlosses etwas klein genommen hatte, befahl ihm der Kurfürst in einem Briefe, sie größer zu machen, weil »in gewelben, tie (die) nicht genugksamb Wetter und Licht haben, ganz verdrießlich und langweilig zu wohnen« sei. Deshalb hatte der Kurfürst auch, die Gunst der Lage benutzend, angeordnet, daß der ganze Bau in der Höhe des dritten Stockes von einer breiten Galerie umzogen werde, die nach allen Himmelsgegenden hin freie Aussicht gestatte. Von dieser Galerie zeigte er im Jahre 1575 das vollendete Werk dem ihm gesinnungsverwandten Kaiser Maximilian II. und genoß mit ihm die herrliche Aussicht namentlich nach Süden in die wildreichen Bach- und Flußtäler und hinüber bis zur Kammlinie des Erzgebirges, die das entzückte Auge hier vom Keilberg im Westen bis zum Geising im Osten beherrscht. Von besonderen Merkwürdigkeiten erwähne ich noch die uralte sieben Meter im Umfang haltende, aber nur zwei Meter dreißig Zentimeter hohe Linde, die mit der Krone in die Erde gepflanzt sein soll und sich so breit verästelt, daß sie von einem Balkengerüst gestützt wird, und den vom Freiberger Bergmeister Martin Planer in siebenjähriger Arbeit fast durch den ganzen Porphyrmantel des Berges einhundertundsiebzig Meter tief gesprengten Brunnen, für dessen Betrieb ein besonderes Göpelwerk vorhanden war.
[Illustration: Abb. 6. =Kanzel und Altar der Kirche in Schloß Augustusburg=]
[Illustration: Abb. 7. =Ein Saal des Hasenhauses in der Augustusburg=]
Leider ist von der ursprünglichen Schönheit der Augustusburg im Laufe der Jahrhunderte durch widrige Schicksale und Vernachlässigung viel abgebröckelt. Die Malerei ist an den meisten Stellen verblaßt, die aussichtsreichen Galerien und die sie überragenden Giebel und Dachgeschosse sind 1798 wegen Baufälligkeit abgebrochen worden. Dagegen ist die Kirche, abgesehen von einem, die alte feine Farbenstimmung störenden inneren Anstrich, völlig unversehrt erhalten, ebenso das gewaltige Mauerwerk der Türme und des ersten und zweiten Stockwerkes, auch ist das Schloß noch jetzt in allen Teilen bewohnbar. Einige Räume sind dem Erzgebirgs-Verkehrs-Museum zugewiesen, andere sind von Beamten und Behörden eingenommen, andere stehen leer, im Erdgeschoß herrscht ein lebhafter Gastwirtschaftsbetrieb. Denn Schloß Augustusburg ist schon jetzt zu allen Jahreszeiten das Ziel von Tausenden von Wanderern, die aus der näheren und weiteren Umgebung dort zusammenströmen.
[Illustration: Abb. 8. =Blick von der Augustusburg in das Flöhatal=]
[Illustration: Abb. 9. =Blick nach Augustusburg auf dem Wege von Öderan=]
Aber – und nun kommen wir zur Hauptfrage – ist es denn geeignet, eine würdige Erinnerungsstätte an unsere Toten aus dem Weltkriege zu werden? Ich kann diese Frage nur bejahen. Denn hier vereinigen sich alle Erfordernisse der Natur und Lage, der Geschichte und Kunst zu einer nur an wenigen Punkten in gleichem Maße wiederkehrenden Harmonie. Die riesige Porphyrplatte (zweihundertundzwanzig Meter über die Umgebung emporragend) ist auch ohne das darauf ruhende Schloß ein bedeutendes Denkmal der Natur, eine Art von natürlichen Aussichtssöller für das Mittelstück des deutschen Mittelgebirges, und die darauf errichtete Burg war gleich von Anfang an ein Stück steingewordener Fürsorge der lebendigen Reichsgewalt, eine Warte des nord- und süddeutschen Verkehrs in der großen Zeit der Kreuz- und Römerzüge und dann eine weithinleuchtende Stätte landesfürstlicher Wirtschaftlichkeit. Aber auch ohne alle diese geschichtlichen Erinnerungen eignet sich Schloß Augustusburg zum Reichsdenkmal der Gefallenen durch die ganze würdige und großzügige Art des Bauwerks, durch seine schöne Lage und leichte Erreichbarkeit. Hier brauchen nicht ungezählte Millionen in einen ungewissen Baugrund versenkt zu werden: das Schloß thront auf seinem Porphyrfelsen wie ein Bau für die Ewigkeit, das vorhandene Mauerwerk ist stark und tragfähig. Es kommt nur darauf an, das Schloß in seiner ursprünglichen Höhe wieder herzustellen, d. h. das abgebrochene dritte Stockwerk, von dem es gut beglaubigte Abbildungen gibt, in seiner alten Höhe und Schönheit wieder aufzubauen und mit der nach allen Himmelsrichtungen ausschauenden Galerie zu umziehen. Diese bietet dann Raum, daß an Sonn- und Festtagen Hunderte von Menschen gleichzeitig den entzückenden Ausblick in die nahen Wald- und Flußtäler, über die reich angebaute Landschaft, die deutschen Ackerbau und deutsche Industrie vermählt, und hinüber auf die stille Kammlinie des Gebirges genießen und dabei an ihre gefallenen Lieben und an die Zukunft des deutschen Volkes denken können. Alle Wohnungen, Amtszimmer und der Gastwirtschaftsbetrieb müßten natürlich aus dem Schlosse verschwinden; dann würden seine Säle und Zimmer dazu ausreichen, für die Toten jeden Armeekorps und jedes Geschwaders unserer Marine einen besonderen Erinnerungsraum zu schaffen! Die Kirche wird der natürliche Ort werden für Gedenkfeiern der Vereinigungen ehemaliger Frontkämpfer; ein gewaltiger Felsblock im Hofe oder im Schloßgarten würde die lapidare Weiheinschrift für das Ganze enthalten. Die ganze Umgebung des Schlosses müßte durch Haine mit deutschen Laub- und Nadelbäumen und Zypressen auf die im Schlosse herrschende Stimmung vorbereiten, ebenso die aus der Ebene und aus den Waldtälern zum Schlosse führenden Wege und Straßen. Und wie leicht ist dieses in der Mitte Sachsens, im innersten Herzen des Reiches gelegene Denkmal auch von den Rändern der deutschen Erde zu erreichen! Es ist schon jetzt mit der großen Verkehrslinie München–Hof–Dresden–Breslau von der Station Flöha aus durch die Zschopautalbahn und eine Drahtseilbahn verbunden. So führt also die Linie Hof–Chemnitz den süddeutschen, die Linie Leipzig–Chemnitz den westdeutschen, die Linie Berlin–Chemnitz den nord- und nordostdeutschen, die Linie Breslau–Dresden den ostdeutschen Verkehr heran, und bei ganz großen nationalen Feiern gestattet die Nähe der Großstädte Dresden, Leipzig und Chemnitz, auch sehr große Volksmassen unterzubringen. Schon jetzt sieht jeder, der von Hof oder Zwickau nach Dresden und Breslau fährt, die eigenartige Umrißlinie des Schlosses Augustusburg am Horizont auftauchen und wieder verschwinden und wieder auftauchen. Um wieviel mehr wird das der Fall sein, wenn der Bau in seiner alten Höhe wieder hergestellt ist und wenn seine ganz besondere Bestimmung und Weihe die Blicke aller Mitreisenden in ganz anderem Maße und mit viel tieferer innerer Teilnahme darauf hinlenken.
[Illustration: Abb. 10. =Blick auf Erdmannsdorf und die darüberliegende Augustusburg=]
Großsedlitz einst und jetzt
Von Dr.-Ing. _Hugo Koch_, Nerchau-Leipzig
Aufnahmen von Walther Möbius, Dresden
Großsedlitz, einst das schönste und charaktervollste Gartenkunstwerk der Zeit Augusts des Starken, ist heute ein vergessenes Paradies, der Gefahr des Verfalles preisgegeben. Nur schneller Eingriff und gründliche Arbeit vermag das Gartenkunstwerk lebendig zu erhalten, das zu den schönsten Werken der Barockzeit zählt und zweifellos in der Kunstgeschichte des Gartens eine bedeutende Stellung einnimmt. Möchte die kurze Besprechung dieses seltenen Gartenbauwerkes die verantwortlichen Stellen auf seine Bedeutung aufmerksam machen und die daraus sich ergebende Verpflichtung zur Erhaltung dieses Kunstbesitzes wecken.
[Illustration: Abb. 1. =Großsedlitz. Erster Entwurf für den Garten=
Aus Hugo Koch: »Sächsische Gartenkunst«]
Mit August dem Starken war für Sachsen eine Zeit größter fürstlicher Prachtentfaltung gekommen. Sie blieb nicht stecken in vergänglichen Hoffesten und Prunkschaustellungen, sondern zeitigte durch prächtige Schöpfungen der Architektur und Gartenkunst dauernde Kunstwerte, denen heute noch Dresden, die fürstliche Residenz, ihre Bedeutung verdankt. Der König ging als erster Bauherr voran, ihm folgten im Wettstreit seine Getreuen, als einer der bedeutendsten unter ihnen Graf Wackerbarth, – der Begründer von Großsedlitz.
[Illustration: Abb. 2. =Großsedlitz. Zweiter Entwurf für den Garten=
Aus Hugo Koch: »Sächsische Gartenkunst«]
In der Geschichte des sächsischen Gartens hat sein Name einen guten Klang, gehen doch neben Großsedlitz noch andere beachtliche Gartenkunstwerke – Wackerbarths Ruhe in der Lößnitz und die großzügige Gartenplanung am Schlosse zu Zabeltitz – auf seine Initiative zurück. Sein bevorzugter Architekt war Knöfel. Johann Christoph Knöfel, oder Knöffel, wurde 1686 zu Dresden geboren – 1722 wurde er Landbaumeister – 1728 Oberlandbaumeister. Im Schaffen Augusts des Starken tritt er noch wenig hervor. Unter August II. arbeitete er viel für den allmächtigen Minister des Königs, Brühl. Der Brühlsche Garten zu Dresden, die große Gartenanlage zu Pforthen gehen auf ihn zurück. Er war noch verhältnismäßig jung an Jahren, als ihn Wackerbarth mit der Großsedlitzer Planung betraute. Wenn wir dies nur vermuten und über die Künstler, die in Großsedlitz tätig waren, nur wenig Bestimmtes wissen, so liegt es daran, daß die einzigen Zeugen, die Entwürfe, Zeichnungen und Rechnungen bei dem Brand seines Wohnhauses, des Gouvernementsgebäudes zu Dresden am 19. Januar 1728 verloren gingen.
[Illustration: Abb. 3. =Großsedlitz. Dritter Entwurf für den Garten, der etwa der ausgeführten Anlage entspricht=
Aus Hugo Koch: »Sächsische Gartenkunst«]