Part 2
Nichts ist zu sehen, einsam steuert der Dampfer seinen Kurs weiter. Gegen Mittag kommt die norwegische Küste aus Sicht. An Backbord voraus tauchen die Masten und weißen Flächen eines großen Seglers auf, der anscheinend von Kirkwall einem norwegischen Hafen zustrebt. Die Kurse der Schiffe kreuzen einander. Beim Näherkommen setzt die Bark die blaugelbe Flagge Schwedens. Wie lange mögen die Engländer wohl den armen Teufel widerrechtlich festgehalten haben! In schlanker Fahrt, leicht überliegend zieht das schöne Schiff unter der Last seiner schneeweißen Segel vorbei, um nach einer Stunde unter der Kimm unterzutauchen.
Eintönig in gleichmäßigem Takt stampft die Maschine, in gleichen Umdrehungen mahlt die Schraube durch die See. Meile um Meile wird zurückgelegt, immer weiter ruckt der Zeiger aus dem Patentlog, immer näher kommt die gefährlichste Zone.
Ein Schuß! ... Ein scharfer Knall zerreißt das gleichmäßige Rauschen der See. Mit einem Satz stürzen Kapitän und Wachoffizier nach der Nock der Brücke, von wo der Schall herüberdringt. Scharf, doppelt angestrengt spähen die Augen über die einsame See ... Da! ... ein grauer Turm ... niedrig, kaum über das leichtbewegte Wasser herausragend der Schiffskörper ... noch ist keine Zeit zu weiterer Überlegung, als es drüben, kaum fünf Seemeilen ab, aufblitzt. Heulend fegt die Granate dicht am Bug vorbei ... Flucht ist unmöglich. .. Es heißt dem bitteren Befehle folgen ...
Hilfe in der Not
Der Maschinentelegraph schrillt, die Umdrehungen der Schraube werden geringer, die Maschine stoppt. Eine Weile noch bleibt das Schiff in Fahrt, die Bugwelle wird kleiner, das Schraubenwasser verliert sich, und zischend entweicht der überschüssige Dampf durch den Schornstein. Leicht schlingert der gestoppte Dampfer in der Dünung. Scharfe Befehle hallen von der Brücke über das Schiff. Drüben liegt der Feind, vor dem ein Entkommen nicht mehr möglich ist, Schiff und Ladung aber sollen und dürfen ihm nicht in die Hände fallen. Der Gegner darf nicht einmal wissen, welch kostbares Gut das angehaltene Schiff barg, welch kühne Pläne es hatte. An verschiedenen Stellen, besonders im Maschinenraum und im Wellentunnel werden Sprengpatronen angebracht. Es bedarf nur noch des Befehls, um sie anzuschlagen.
Während dieser Vorbereitungen geht auf dem U-Boot, das sich vorsichtig nähert und dann wieder, noch in sicherer Entfernung, stoppt, ein neues Signal hoch: Schicken Sie sofort ein Boot mit den Schiffspapieren. Noch ist der Wachoffzier beim Durchblättern des Signalbuches, als der Kapitän, der das U-Boot aufmerksam betrachtet hat, einen lauten Ruf ausstößt. Erschreckt fährt der Offizier hoch. »Schmeißen Sie Ihr Buch ruhig in die Ecke, kommen Sie schleunigst und sehen Sie mal hin! Das ist doch ein deutsches U-Boot!« Ungläubig starrt der Angerufene seinen Vorgesetzten an, wie mechanisch wiederholt er die vernommenen letzten Worte: »ein deutsches U-Boot?« Dann halb stammelnd, als ob er die Tragweite des eben Gehörten nicht recht begriffe, stößt er hervor: »Ja ... aber Herr Kapitän, was wollen wir denn dann eigentlich?«
Mit einem Schlage springt die Stimmung an Bord, die eine Sekunde vorher noch äußerst gedrückt war, um. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht durch das ganze Schiff: »Ein deutsches U-Boot!« Auf der Back und auf dem Vorschiff winken die Leute mit ihren Mützen, stürzen dann mit freudigen Gesichtern auf das Bootsdeck, wo sofort eines der Boote soeben zu Wasser gefiert wird.
Das U-Boot hat inzwischen die Fahrt auf den Dampfer zu wieder aufgenommen. Kaum drei Seemeilen mehr liegt es ab, deutlich sind alle Einzelheiten zu erkennen. Auf dem Turm stehen zwei Offiziere, die unentwegt den Dampfer mit ihren Doppelgläsern im Auge behalten, am Geschütz sind drei Leute klar zum Feuern. Das Rohr ist auf das Ziel eingestellt, die Abzugsleine eingehakt. Mit weißen Buchstaben leuchtet vorn am Bug die Nummer des Bootes aus der grauen Schiffswand heraus, die deutsche Kriegsflagge flattert über dem Turm. Auf dem Dampfer ist die Aufmerksamkeit übrigens nicht minder scharf wie drüben. Noch ist die Bezeichnung nicht genau zu erkennen, dann aber nach wenigen Minuten rufen drei Stimmen fast gleichzeitig: »U 157!«
Das Boot ist zu Wasser gefiert, das Seefallrepp gleitet über die Reeling. Eben schickt sich der Erste Offizier an, mit den Schiffspapieren unter dem Arm die schmale Leiter herunterzuklettern, als Sörensen auch schon neben ihm steht. »Bleiben Sie mit den Papieren nur ruhig hier, ich will selbst hinüberfahren. Der Kommandant ist ein guter Bekannter von mir, der mir es auch trotz unseres Schornsteines glauben wird, daß wir keine Engländer sind.«
Das Boot stößt ab. In gleichmäßigem Takte tauchen die Riemen ins Wasser, kräftige Fäuste holen scharf durch, um denen drüben zu zeigen, daß der Dampfer seine Bootsbesatzung in Trimm hat. Das gute Pullen scheint den U-Boots-Leuten, die dem kleinen Fahrzeug jetzt mit langsamer Fahrt entgegenkommen, auch etwas ganz Ungewöhnliches zu sein. Drüben stecken sie die Köpfe zusammen und tauschen wohl ihre Gedanken über diese eingefahrene Bootsbesatzung aus, die so sehr gegen die Bilder, die sich sonst beim Anhalten englischer Dampfer zeigen, absticht. Rasch aber findet das Rätsel seine Lösung. Im Augenblick, als das Boot anlegt, tönt vom Turm eine Stimme herunter: »Mensch, Sörensen, sind Sie das oder ist das Ihr Geist? Sie haben doch nicht bei den Engländern angemustert?«
Die Hand des an Deck gestiegenen Kommandanten holt den Kapitän in kräftigem Schwung auf das Schiff herauf. Er kann so schnell gar nicht antworten, wie die Fragen hageln. In vertraulichem Gespräch ist aber rasch alles erörtert, was zu wissen nötig ist. Wenn der U-Boots-Kommandant auch das Ziel nicht kennt, dem der so merkwürdig vermummte Dampfer zustrebt, so bedarf es für ihn doch keiner langen Erklärung. Muß er sich doch selbst sagen, daß es sich hier wieder um eines jener kühnen Husarenstückchen handelt, wie sie in der deutschen Marine ja nicht selten sind. Und den Mann, der nach festem Händedruck wieder seinem Schiff zufährt, kennt er genau. Er weiß, daß dort die richtige Persönlichkeit auf dem richtigen Fleck steht. Minuten später ist das Boot geheißt, weißes Schraubenwasser quillt auf, der Dampfer setzt sich in Bewegung. Ein letzter Flaggengruß noch hüben und drüben, größer wird die Entfernung, und nach einer halben Stunde haben sich die beiden Schiffe aus Sicht verloren.
Es ist, als hätte das U-Boot auch das gute Wetter mit sich genommen. Die bisher so klare Kimm verschwimmt in grauem Dunste, dichte Wolken beziehen den Himmel, ein trüber Wintertag senkt sich über die See. Kaum ist die Sonne verschwunden, als sich die Kälte der nördlichen Breite auch schon doppelt unangenehm fühlbar macht. Feucht dringt sie bis auf die Haut, nur kräftige Bewegung vermag das unangenehme Gefühl zu vertreiben. Immer näher schiebt sich von allen Seiten der Dunst heran. Nur wenige hundert Meter bleibt es sichtig. Im Frieden würde jetzt die Schiffsglocke ununterbrochen läuten, warnend würde die Dampfpfeife ihre tiefen Töne in den Nebel hineinbrüllen, aus dem andere Fahrzeuge wohl antworten würden.
Jetzt heißt es, unbeobachtet und ungestört diese Breiten passieren. Kein Schiff darf auf die Spur gelenkt werden und auch nur ahnen, daß hier ein Dampfer die Sperrlinien durchbrechen will. Sörensen kann es nur recht sein, wenn das Wetter noch dicker wird. Diese Tarnkappe ist ein noch besserer und wertvollerer Schutz als die Nacht mit ihrer Dunkelheit. Die nächsten achtundvierzig Stunden bedeuten den Höhepunkt der Gefahr. Seit der Erklärung der Nordsee als Kriegsgebiet seitens England im November 1914 versuchen seine Kreuzer, Zerstörer und sonstigen Bewachungsschiffe, einen Gürtel vor den nördlichen Eingang zur Nordsee zu legen, um deutschen Schiffen das Auslaufen zu verwehren und die Neutralen unter scharfer Kontrolle zu halten. Bei klarem Wetter ist ein Durchkommen hier so gut wie ausgeschlossen, nur Nebel und schweres Wetter können dieses jedem Völkerrecht hohnsprechende Vorgehen zunichte machen. Um so vergnügter ist die Besatzung des Dampfers. Die Aussichten für das glückliche Durchschlüpfen sind um so günstiger, als vollkommene Windstille herrscht, die darauf schließen läßt, daß das diesige Wetter anhalten wird.
Längst ist die Dunkelheit hereingebrochen. Vom Himmel ist nichts zu sehen, dicke Wolken decken alles. Der Ausguck ist doppelt besetzt. Vorn auf der Back, zu beiden Seiten und am Heck versuchen die Augen, den dichten Schleier, der die Nacht stockduster macht, zu durchdringen. Aufmerksam lauschen die Ohren, ob nicht irgend ein Geräusch zu vernehmen ist. Nur das Stampfen der Maschinen und das Rauschen der See an den Bordwänden ist hörbar, oder ab und zu die Laute der hoch über der Nebeldecke nach Süden ziehenden Seevögel. Kaum ein Auge schließt sich in dieser Nacht. Jeden Augenblick kann ein feindliches Schiff auftauchen. Dann heißt es, schleunigst in das rettende Dunkel entweichen oder, wenn es zu spät ist, die äußersten Folgen ziehen. Stunde um Stunde wird der Ausguck abgelöst. Nur das Maschinenpersonal hat sich in den Kleidern zu kurzer Ruhe auf die Koje gelegt. Ihr Körper muß unbedingt Ruhe haben, sollen die Leute den schweren Dienst weiter versehen können. Die angespannten Nerven arbeiten unaufhörlich weiter, auch gaukeln die wildesten Bilder herauf ... ein dumpfer Sirenenton ... ein Blitz ... ein schmetternder Schlag ... in gleichmäßigem Takte stampft die Maschine, bis endlich der tiefe Schlaf der Erschöpfung die Müden aufnimmt. Wenige Stunden später geht es wieder in den Heizraum und die Maschinen hinunter zu harter, alle Kräfte beanspruchender Arbeit.
Ganz unmerkbar lichtet sich die Dunkelheit, und die grauen Nebelschleier, die im Duster der Nacht verschwunden zu sein schienen, werden wieder sichtbar. In dicken Massen, als wenn sie aus dem Wasser hochstiegen, liegen sie auf der von der Dünung leicht bewegten Oberfläche. Stellenweise scheint sich der dichte Schleier mitunter lichten zu wollen, es ist aber nur Täuschung.
Kapitän Sörensen läßt sich durch das sonst so gefährliche Wetter nicht behindern. Mit voller Fahrt zieht sein Schiff auf Westkurs weiter. Heißt es doch die gute Gelegenheit rücksichtslos und bis zum Aeußersten auszunutzen.
Seit Stunden schon fährt das Schiff zwischen Schottland und Norwegen, dem Gebiete, in dem die englische Admiralität mit Hilfe des Aufgebots ihrer Schiffe jegliches unbeobachtete Durchfahren zu verhindern versucht. Auch in diesem Augenblick sind sicherlich zahlreiche Fahrzeuge in See und pendeln unablässig die ihnen zugewiesenen Strecken auf und ab. Bei diesem Nebel aber muß es schon der blinde Zufall sein, der sie auf die Spur der Deutschen brächte. Während die Oberfläche vom Schiff aus wenigstens auf hundert Meter noch sichtbar ist, ist schon der obere Teil des Schornsteins von einem dünnen Schleier umwallt. Er wird dichter, je höher es geht und um die Masten brauen die Schwaden schon so sehr, daß die Stengen wie in Wolken verdämmern.
Nichts ist zu hören. Wieder nur stampfen wie während der Nacht die Maschinen in gleichmäßigem Takte, schlagen die Kesselspeisepumpen, dringt ab und zu das Geräusch schließender Feuertüren unter den Kesseln herauf. Jeden anderen Laut scheint der Nebel aufzusaugen. Kapitän Sörensen ist die ganze Nacht nicht von der Brücke gekommen. Nur gegen Morgen hat es für ihn auf einem Stuhl hinter dem Schutzkleide der Brücke kurzen Schlummer gegeben. Die Gefahr läßt ihn keine Ruhe finden. Unablässig geht er von einer Nock der Brücke zur anderen, spornt die Ausguckmannschaften zur scharfen Aufmerksamkeit an, dann wieder wirft er einen Blick auf die im Kartenhaus ausgebreitete Karte und rechnet und wägt, wie lange es noch dauern kann, bis die Gefahr sich verringert. Wenn das Wetter nur noch den Tag über so bleibt, ist er morgen früh im Ozean, wo die Wahrscheinlichkeit, angehalten zu werden, fast gänzlich geschwunden ist.
Bis kurz vor Mittag ereignet sich nichts. Gerade als die Ablösung an Deck kommt und der Wachhabende seinem Nachfolger den Dienst übergibt, kommt es plötzlich ganz unvermittelt aus dem Nebel heran. Zwei kurze, abgehackte Töne ... Eine Sirene! Noch ist der zweite Ton nicht verklungen, als auch schon der Befehl nach der Maschine hinunter kommt: »Stopp!« Einige Handgriffe, der Dampf ist abgestellt. Sofort hört das Stampfen der Maschinen auf, und in tiefem Schweigen schlingert der Dampfer in der Dünung. Kein Laut, der seine Anwesenheit verraten könnte, dringt nach außen.
Gespannt, mit äußerster Aufmerksamkeit lauscht alles in den Nebel hinaus, späht, ob sich nicht im nächsten Augenblick ein dunkler Körper aus dem grauen Brodem heranschiebt ... Da ... wieder kommt es heran, deutlicher diesmal. Mehrere, in der Länge abgestufte, durchdringende Sirenentöne ... Ein Signal anscheinend, das von einem an Backbord nur wenige hundert Meter entfernten Schiff herrührt.
»Steuerbord 20, langsame Fahrt voraus!«
Leicht folgt das Schiff dem Ruder, dreht nordwärts und entfernt sich aus der gefährlichen Nachbarschaft. Fünf Minuten verstreichen ... da ... wieder klingen Töne heran, diesmal direkt voraus. Auch dort steht der Feind, der auf den Anruf jetzt antwortet. Wieder ein Kommando, und mit Backbordruder läuft der Dampfer mitten zwischen den beiden signalisierenden Schiffen hindurch. Eine Weile noch sind die unangenehmen Töne zu vernehmen, dann werden sie allmählich schwächer, bis sie ganz in der Ferne ersterben. Die Gefahr ist vorbei. Freilich, ein bloßer Zufall nur, daß es so glimpflich abging. Kam der Ton nur fünf Minuten später, dann lief der deutsche Dampfer schnurgerade dem Feind in die Arme.
Gegen Mittag des nächsten Tages lichtet sich der Nebel. Längst liegt die Gefahrzone hinter den deutschen Seeleuten, in denen die langlaufende Dünung des Atlantik ein Gefühl der Erleichterung hervorruft. In großer Entfernung an Backbord muß Schottland liegen. Noch werden auf der Brücke die Gedanken darüber ausgetauscht, was die letzten Tage brachten und daß das Gröbste wohl überstanden sei, als Rauchwolken von Süden her gemeldet werden. Sie rühren anscheinend von einem niedrigen Fahrzeug mit mehreren Schornsteinen her! Ein Zerstörer, der in schneller Fahrt auf den Dampfer zuhält. Ein Engländer! Noch ist er einige Seemeilen ab, als an einer seiner Signalleinen die Aufforderung hochgeht: Setzen Sie Ihr Unterscheidungssignal. Sörensen hat den Anruf längst erwartet. Die Flaggen sind angesteckt, und im nächsten Augenblick flattern die Unterscheidungsbuchstaben des englischen Trampdampfers vor dem Winde aus. Der Zerstörer ist querab und stoppt. Bange Sekunden verstreichen. Genügt ihm diese Beantwortung der Frage oder hält er das Schiff zur Untersuchung an? Der nächste Augenblick muß die Entscheidung bringen.
Während alles atemlos fast auf den Zerstörer hinüberblickt, schrillt dort plötzlich der Maschinentelegraph. Einige kurze Kommandos ertönen, dann dreht das Schiff mit voller Fahrt ab und hält mit äußerster Kraft auf einen großen Dampfer zu, der eben von Westen herankommt. Ein Norweger. Im Ablaufen noch setzt der Engländer das Signal: Bleiben Sie gestoppt liegen.
Was nun? Anscheinend hat der Zerstörer, wie sein letzter Befehl zeigt, doch Verdacht geschöpft. Daß er den Neutralen nicht durchschlüpfen lassen will und ihn zuerst untersucht, bedeutet nur kurzen Aufschub.
Die Stimmung ist recht ungemütlich. Nur ein Zufall kann die Gefahr abwenden. Kommen die Engländer an Bord, dann ist alles verloren. Und eine halbe Stunde später scheint sich das Geschick erfüllen zu wollen. Ein Prisenkommando begibt sich auf den Norweger, der Zerstörer dreht und kommt mit voller Fahrt heran. Nicht eine Sekunde lassen ihn die Gläser aus dem Gesichtsfelde. Jetzt ist er schon so nahe, daß alle Einzelheiten an Deck deutlich zu erkennen sind. Mehrere Offiziere und Mannschaften auf der Brücke, am Heck Leute, die plaudernd beisammen stehen. Kaum tausend Meter ist er ab ... eine weiße Sprengwolke, in die bräunlich-gelber Qualm sich mischt, erhebt sich mitschiffs, rötlicher Feuerschein strahlt auf, einzelne Schiffsteile wirbeln in der Luft ... ein dumpfer Krach ... entgeistert, wie gebannt starren die Augen hinüber, das Hirn kann den Vorgang, der sich hier in so unmittelbarer Nähe mit unheimlicher Schnelligkeit abgespielt hat, noch nicht fassen. Drüben, fast in greifbarer Nähe, lag Sekunden vorher der Feind, drohte wieder einmal Vernichtung. Die ganze Mühe, alle Pläne und Hoffnungen vergeblich, das ganze wertvolle Material, das dazu dienen sollte, unsere letzte Kolonie gegen die Engländer zu verteidigen, verloren auf dem Grund des Atlantik. Und jetzt! .. Dunkel und träge dringt das Öl zur Oberfläche herauf, deckt dort, wo eben der Zerstörer noch schlingerte, die Dünung, wächst und breitet sich weiter ... Kein Lebewesen ... nichts ... mit Mann und Maus in die Tiefe gegangen. Eine Mine? ... Halb unbewußt hat der Wachoffizier das Wort fallen lassen ... hier, so weit draußen? ...
Eine ausgestreckte Hand deutet achteraus, ein Ruf ... ein U-Boot! ... weit ab schon jagt es dahin ... kaum noch ist der Turm, von dem im Scheine der tiefstehenden Sonne die deutsche Kriegsflagge weht, zu erkennen ... jetzt stoppt es in der Nähe des Norwegers ... Flaggensignale steigen auf ...
Die Maschinen stampfen, wirbelnd mahlt die Schraube die blauen Wasser des Atlantik, das Schiff ist in voller Fahrt. Weit zurück liegen die durchbrochenen Sperrlinien. Frei ist die Bahn ...
Durch die Blockade
Die Biskaya mit ihren Stürmen liegt hinter dem deutschen Dampfer. Zwei Tage lang schien es, als wollte die grobe See alle Aufbauten hinwegfegen. Zu Bergen hatte der über den Atlantik brausende Südweststurm das Wasser aufgepeitscht und gegen das schwerbeladene Schiff anrollen lassen. Nur mit kleiner Fahrt konnte es dagegen ankämpfen. Gischt und Wasserdampf erfüllten die Luft, bis zum oberen Rand war der Schornstein grau vom Salz. Dazu die Kälte des Winters, die den Aufenthalt an Oberdeck besonders unangenehm machte. Trotz des Ölzeuges gab es keinen trockenen Faden am Leibe.
Querab von der spanischen Küste läuft zwar noch hohe Dünung, von Tag zu Tag aber wird die See ruhiger und die Luft milder und wärmer. In der Biskaya waren nur wenige Schiffe gesichtet worden. Sie hatten mit Sturm und See zu kämpfen, wie die deutschen Seeleute und keine Zeit, sich um anderes als ihr eigenes Schiff zu bekümmern. Jetzt ist es anders geworden. Die Straße nach dem Mittelmeer ist eine der belebtesten. Frachtdampfer aller Art ziehen in mehr oder weniger großen Abständen vorbei, dann wieder taucht ein Lazarettschiff auf, ein riesiger Cunarder, der bis auf das letzte Plätzchen gefüllt scheint. Weit über See leuchtet der unter der Reeling die Schiffswand längs laufende breite grüne Streifen, darunter an mehreren Stellen das Rote Kreuz.
Querab von der Einfahrt in die Straße von Gibraltar kommt aus dem Mittelmeer ein großer Hilfskreuzer heraus. Das mächtige Fahrzeug, ein früherer White-Star-Dampfer, trägt Kriegsschiffarbe. Grau sind die hohen Bordwände, Schornsteine und Masten, selbst das sonst so friedlich anmutende Weiß der Aufbauten ist unter dem deckenden Grau verschwunden. Auf Vor- und Achterdeck ragen die langen Rohre der Mittelartillerie über die Reeling hinaus, kleinere Geschütze stehen auf Back und Heck und auf dem Bootsdeck. Darüber auf besonders eingebauten Gerüsten sind riesige Scheinwerfer angebracht. Mit hoher Fahrt kreuzt er nur wenige Seemeilen entfernt den Kurs. Er kümmert sich ebensowenig wie die andern Fahrzeuge um den Trampdampfer; muß er sich doch sagen, daß das Schiff von Norden, also von England kommt und dort bereits die Kontrolle passiert hat. Dreimal senkt sich am Flaggenstock der »Marie« die Flagge. Drüben antworten sie. Sie können ja allerdings nicht hören, daß der Matrose, der eben die Flagge dippt, ihnen grinsend zuruft: »Junge, Junge, wenn du ne Ahnung harst, wo wi hen wüllt! Denn schust die woll bannig fix umdreih’n.« Der Engländer hat nun wirklich keine »Ahnung«. Ruhig setzt er seinen Weg fort und ist in einer halben Stunde bereits unter der Kimm verschwunden.
Südlich von Madeira wird der Schiffsverkehr spärlicher. Nur selten zeigen sich jetzt Rauchwolken; das Wetter ist herrlich geworden. Ein wolkenloser Himmel lacht über der vom Passat leicht bewegten See, die ein märchenhaftes sattes Blau zeigt. Tümmler spielen vor dem Bug des Schiffes, fliegende Fische jagen in Schwärmen vor ihm auf. Ein idyllisches Bild tiefsten Friedens. Eine halbe Tagereise von den Kanarischen Inseln kommt von Süden her ein großer Dampfer der Union-Castle-Line entgegen. Auf ganz nahe Entfernung ziehen die Schiffe aneinander vorbei. Schon in größerem Abstand leuchtet die riesige Bugwelle, die durch eine anscheinend ungewöhnlich hohe Fahrt erzeugt wird. Merkwürdigerweise dauert es aber eine geraume Weile, bis der Engländer heran ist. Dann freilich löst sich zur großen Heiterkeit der deutschen Seeleute das Rätsel. Die Bugwelle ist nichts weiter als ein ungeheurer englischer Bluff, säuberlich aufgemalt und bestimmt, U-Boote über die Geschwindigkeit des Schiffes irre zu führen. Sie soll eine höhere Fahrt vortäuschen und die Deutschen veranlassen, ihren Schuß zu weit vorzuhalten. Englische Seeherrschaft! –
Glühendheiß brennt die Tropensonne herunter. Längst schon sind die Sonnensegel gesetzt. Noch vor vierzehn Tagen lag der deutsche Blockadebrecher im hohen Norden, wo die Spritzer, die über die Reeling schlugen, sofort zu Eis gefroren. Langsam fiel, je mehr die deutschen Seeleute nach Süden kamen, eine Hülle nach der anderen. Längst sind Mäntel und Schals verstaut und die leichten weißen Tropenanzüge hervorgeholt. Unten im Heizraum, besonders aber in der Maschine ist die Temperatur fast bis ins Unerträgliche gestiegen. Nur mit dünner Hose und Holzpantinen bekleidet, ein Schweißtuch um den Hals gewickelt, arbeiten die Leute unentwegt. Sind doch die Breiten erreicht, in denen auf der anderen Seite Afrikas die Kolonie liegt, für deren Verteidigung die Ladung der »Marie« unumgänglich notwendig ist. Allerdings droht unmittelbar vor dem Ziel noch große Gefahr. England hat die enge Blockade der Küste erklärt, nicht das kleinste Fahrzeug soll unbehelligt von einem Hafen zum andern gelangen. Ununterbrochen streifen die Kreuzer die Küste herauf und herunter. Das kann einen deutschen Seemann nicht schrecken. Ist das schwierigste Stück, der Durchbruch durch die Sperrlinien im Norden glücklich gelungen, dann muß es schon mit dem Teufel zugehen, wenn es deutschem Seemannsgeist nicht glücken sollte, den Engländern auch hier ein Schnippchen zu schlagen. Es ist nicht so leicht, eine Blockade wirksam zu gestalten, wenn deutsche Schiffe sie brechen wollen. Mit englischer Großmäuligkeit allein ist es sicher nicht getan.
Einzelne von Süden kommende Dampfer gleiten vorbei. Nur Masten und Schornsteine erscheinen oft über der Kimm, um nach wenigen Minuten wieder zu verschwinden, oder eine verwehte Rauchfahne zeigt, daß in der Ferne ein Dampfer seinen Weg zieht. Ruhig hält Sörensen seinen Kurs durch; wird hier doch niemand ein deutsches Handelsschiff vermuten. Auch feindliche Kriegsfahrzeuge dürften sich um den harmlosen Trampdampfer, der wahrscheinlich nach dem Kap oder nach Australien geht, wenig bekümmern. Kameruns Küste mußte längst durch schurkischen Verrat der Dualaneger dem übermächtigen Ansturm von allen Seiten weichen. Was sich an feindlichen Kriegsfahrzeugen jetzt noch hier herumtreibt, können höchstens kleinere oder ältere Kriegsschiffe sein, die der Vierverband kreuzen läßt.
Der nächste Tag schon bringt eine Begegnung mit einem würdigen Vertreter des Feindes. Auf der Höhe von Dakkar taucht von Süden kommend ein Fahrzeug auf, dessen Takelage von weitem schon verrät, daß es sich um ein Kriegsschiff handelt. Eine geraume Weile vergeht, bis es ganz über der Kimm steht; nach einer halben Stunde erst ist es auszumachen. Ein uralter Pott mit hohen Masten und einem dünnen Schornstein. Kaum eine Seemeile ab schiebt er sich vorbei. An seiner Gaffel hängt fast bewegungslos ein Lappen. Die Nationalität wäre gar nicht auszumachen, wenn nicht die roten Pompons auf den Mützen verrieten, daß hier ein Vertreter der »Grande Nation« herumschwabbert, die sich zu Kriegszeiten nur, wenn es unbedingt sein muß, auf die See wagt. Ebenso dreckig wie die Flagge ist das ganze Schiff. Große Rostflecke am Rumpf und Schmutzbahnen unter den Ausgüssen verraten, daß Kommandant und Offiziere sich um das Aussehen des Schiffes nicht bekümmern und daß es ihnen völlig gleichgültig ist, welchen Eindruck es macht ... Eine unappetitliche Gesellschaft treibt sich drüben an Bord herum.
Nach den Außenlinien kann es sich nur um das französische Kanonenboot »Surprise« handeln, das da in träger Fahrt vorbeizieht. Das kann nicht gefährlich werden. So unordentlich wie außen, sieht es sicherlich auch im Innern des Schiffes aus. Kessel und Maschinen sind wahrscheinlich so heruntergewirtschaftet, daß sie der »Surprise« alles eher als eine »überraschende« Schnelligkeit zu geben vermögen. Auf dem Papier zwar ist sie der »Marie« an Geschwindigkeit überlegen. Wenn sie aber die angegebene Fahrt wirklich je gelaufen hat, so ist das doch lange her. Sollte sie sich zur Verfolgung aufmachen, dann würde der deutsche Dampfer ihr sicherlich bald aus Sicht kommen können. Drüben kümmert sich aber kein Mensch um das Schiff, das da fast in Rufweite vorbeizieht.
Die Linie wird passiert, die Fahrt führt allmählich wieder in gemäßigtere Breiten. Weit aus Sicht wird die Südspitze Afrikas gerundet, dann wieder geht es nordwärts auf das Ziel zu, fern vom Land ab, um nicht etwa von Kriegsschiffen gesichtet zu werden, die zufällig vom Blockadegebiet nach Kapstadt oder umgekehrt fahren sollten. Nichts aber zeigt sich, und unbehindert kann der Dampfer seinen Weg fortsetzen.
Fast zwei Monate sind verstrichen, seit das Schiff aus dem deutschen Hafen auslief. Das Ziel liegt nah. Jetzt heißt es, wie damals im Gebiet der Sperrlinien, äußerste Vorsicht beobachten, um nicht im letzten Augenblick noch das ganze Unternehmen zu gefährden.