Chapter 6 of 8 · 3930 words · ~20 min read

Part 6

Die Lenzpumpen werden angestellt. Ihr taktmäßiges Schlagen und gleich darauf ein Wasserschwall, der sich aus dem Lenzrohr nach außenbords ergießt, zeigen, daß sie heil geblieben sind und das Schiff über Wasser zu halten vermögen. Dann geht es nach kurzer Besprechung an das Dichten der zahlreichen Leckstellen. Pfropfen aus Holz werden mit Aexten und Sägen hergerichtet und in die Löcher getrieben, Zementpackungen davorgelegt, um das Wasser auch sicher abzuschließen. Tag und Nacht heißt es durcharbeiten, um das Abdichten möglichst schnell zu vollenden. Die Anwesenheit des Schiffes ist dem Feinde bekannt. Nur Tage kann es dauern, bis die Engländer erfahren, daß der Dampfer schwimmt, daß Rauch aus seinem Schornstein steigt; und kommen sie ein zweites Mal, dann ist es zu Ende. So schnell wie möglich also muß die Bucht verlassen werden.

Wieder einmal senkt sich die tropische Nacht mit ihrem leuchtenden Sternenhimmel über die Ssudibucht. Heute gibt es keine Ruhe an Bord. Dumpfes Hämmern und Pochen dringt aus dem Innern, eine Säge kreischt, die Pumpen schlagen, in dickem Schwalle fließt das aus den Bilgen gesogene Wasser. Todmüde sinkt die Mannschaft auf notdürftig hergerichtete Lagerstätten zum kurzen Schlummer nieder, der erste Sonnenstrahl aber findet sie schon wieder an der Arbeit.

Was unter Deck nur einigermaßen entbehrlich ist, muß helfen, das Oberdeck herzurichten, daß es wenigstens so weit gangbar wird, um die Sicherheit des Schiffes nicht zu beeinträchtigen. Ein schweres Stück Arbeit ist mit den teilweise ungenügenden Werkzeugen zu vollführen; die verbogenen Teile sind dort, wo sie den Verkehr stören, zu richten oder, wo das nicht mehr möglich ist, gänzlich zu beseitigen. Starrende Zacken werden mit schweren Hämmern zurückgeschlagen oder abgestemmt, zerfetzte Planken abgesägt. Zerschossene Stagen werden erneuert, andere nachgesetzt. Was nicht mehr herzustellen ist oder vom Feuer zerstört wurde, fliegt über Bord.

Fieberhaft wird an allen Stellen gearbeitet. Ein jeder weiß, daß nur äußerste Anspannung die Rettung bringen kann. Jede Minute ist kostbar. Gerade nur die Zeit wird erübrigt, um in aller Hast die Mahlzeiten einzunehmen. Ein verlorener Augenblick kann das »Zu spät« bedeuten ... und dann scheint es, als ob all die furchtbare Anspannung dennoch vergeblich gewesen wäre: Der Feind!

Mitten in die Arbeit klingt plötzlich der Ruf, die Engländer! Mehrere Rauchwolken werden gesichtet, Masten und Schornsteine kommen über die Kimm hoch, in schneller Fahrt nähert sich der Gegner. Zwei Kreuzer, zwei Kanonenboote und ein Wachfahrzeug gegen einen wehrlosen deutschen Frachtdampfer. Das Ende ...

Und wieder, wie vor fünf Tagen, blitzen die Mündungsfeuer, rauscht die Luft unter den heranjagenden Granaten, wallt der Pulverdampf auf. Salve auf Salve wird gefeuert ... hoch stiebt an Land der Sand auf ... eine Lage dicht neben der anderen. Wie eine Wolke breitet sich ein Vorhang von Staub und Rauch. Prasselnd fahren die Geschosse in das Grün hinein, brechen Zweige, knicken und zerschmettern Kronen und reißen Lücken in den Wald.

Der erste Schuß hat der Arbeit ein jähes Ende gemacht. Wozu jetzt noch die Anstrengung? Was sie mühevoll in fünf Tagen aufgerichtet haben, schmettert der nächste Treffer doch in Trümmer ... in sein Schicksal ergeben, starrt jeder auf die Stelle, wo er den nächsten Aufschlag erwartet ... er kommt nicht. Unaufhörlich feuern sie drüben und setzen ihre Schießerei fort. Bald auf diesem, dann wieder auf jenem Schiffe blitzt es auf, ohne Unterbrechung fast fegen die Granaten heran ... über das Schiff weg ... in den Sand ... als ob eine unsichtbare mächtige Hand die deutschen Seeleute beschützte ... zweieinhalb Stunden ... nicht ein einziger Treffer ... nur immer wieder das Getöse in der Luft und der jäh auseinanderstiebende Sand.

Dann ist die Schlacht geschlagen, der britische Sieg gegen den Sand an der Sudibucht glorreich vollendet. Stolz ziehen die englischen Schiffe in Kiellinie seewärts ab ...

Und wieder dröhnen Hämmer auf verbogenes oder zerfetztes Eisen, stemmen sich zum Zerreißen angespannte Muskeln unter schwere Platten ... ohne Ruhe ... ohne Pause ... tagelang, bis es geschafft ist.

Auf der Brücke ist Kapitän Sörensen mit seinen Offizieren und Kapitän Schaap versammelt. Schiffsrat. Jeder Tag, der hier länger verweilt wird, kann den Gegner zum drittenmal heranbringen. Rauchfahnen zeigen, daß er auf Wache ist und die Küste weiter blockiert. Die Wahl der Wege ist nicht groß, nur zwei stehen zur Verfügung. Es heißt, entweder hierbleiben und das Schiff preisgeben oder den Durchbruch wagen und versuchen, den Dampfer in Sicherheit zu bringen. Der erste Weg ist einfach, der zweite ungeheuer schwierig, voll der größten Gefahren.

Vor der Bucht liegen die englischen Kreuzer und Wachschiffe. Durch sie hindurch führt der Weg in die Freiheit. Da gibt’s kein Schwanken. Also, durch! ...

In die Freiheit

Dünner Rauch zieht aus dem Schornstein in die Luft, die unter der sengenden Tropensonne leicht flimmert. Die Seebrise faßt ihn und führt ihn landeinwärts, wo er verweht. Ruhig, wie in tiefstem Frieden liegt die Bucht. Am Ufer der weißleuchtende Sand, in dem sich deutlich noch die Krater, die englische Granaten hier eingewühlt haben, abzeichnen, dahinter der tiefgrüne Wald, der sich zu den Anhöhen hinaufzieht. Wattvögel stelzen über den Schlick, tauchen hier und da den Schnabel ein, um das Getier, das bei der Ebbe zurückblieb, zu haschen. Hoch oben kreisen zwei Bussarde. Langsam ziehen sie ihre Kreise, bis sie dann plötzlich in jähem Sturze herunterschießen auf ihre Beute.

Die Sonne sinkt hinter die Höhenzüge, die im bläulichen Dunst des Abends herüberschimmern. Die Dämmerung bricht herein, in wenigen Minuten ist die Nacht da. Der leichte Qualm, der die letzten Stunden kaum sichtbar aus dem Schornstein zog, verdichtet sich zu schwarzen Wolken, die in breiter Bahn achteraus treiben.

Bunkertüren klappen, gefüllte Eimer gleiten heraus, werden im Heizraum umgekippt, rote Glut strahlt aus geöffneten Feuerungen, in hohem Bogen prasselt eine Schaufel Kohle nach der anderen hinein. Dann wieder fahren lange Schüreisen über die Roste.

Auf der Brücke liegen Seekarten ausgebreitet. Die beiden Kapitäne sind über sie gebeugt. Flüsternd tauschen sie noch einmal die Gedanken über das, was die nächsten Stunden bringen werden, messen mit dem Zirkel nach, prüfen, überlegen.

Der leitende Maschinist meldet die Maschine betriebsklar, der Erste Offizier steht mit seinen Leuten klar zum Ankerlichten. Alles ist bereit.

»Anker lichten!« Zischend strömt der Dampf in die Spillmaschine, der Anker kommt aus dem Grund, der Maschinentelegraph schrillt. Die Schraube dreht sich, ein Zittern geht durch das Schiff. Leicht schneidet der Bug das Wasser, das Schiff gleitet in die Fahrrinne und strebt in tiefer Dunkelheit der Ausfahrt zu. Kein Lichtschein dringt nach außen, jedes Geräusch wird vermieden, nur das Klatschen der aus dem Wasser schlagenden Schraubenflügel ist zu hören.

Überall auf Back, Vorschiff und Brücke spähen die deutschen Seeleute in die Dunkelheit hinaus. Auf der Back stehen zwei Schatten, die unverwandt vorausstarren. Der alte Eilers mit seinem Jungen. Während der langen Monate im Busch hat die Malaria den Sohn gefaßt. Infolge mehrerer Rückfälle darf er an Stelle eines der fünf an Land Gebliebenen einspringen.

Gespenstisch leuchtet aus dem tiefen Schwarz ein Streifen weißen Sandes herüber: das afrikanische Land. Eine Stunde lang dauert die Fahrt in die Nacht hinein, dann klingt es wie leises Rauschen herüber. Die Brandung. Das Schiff nähert sich der Ausfahrt. Frischer Seewind streicht über Deck, die leichte Dünung des Indischen Ozeans, die in die Bucht hineinsteht, läßt das Wasser stärker gegen die Bordwand klatschen.

»Licht voraus!« Fünf Seemeilen ab schimmern die Laternen eines Schiffes durch die Nacht. Deutlich hebt sich zuerst ein Licht ab, bis dann mehrere auszumachen sind. Eine stärker leuchtende Lampe, die an Deck brennt, gedämpfterer Schein, der aus einigen Seitenfenstern im Vor- und Achterschiff dringt. Ein feindlicher Kreuzer. Die Lichter verändern ihre Stellung nicht, das Schiff liegt ruhig vor Anker.

Durch das Sprachrohr geht der Befehl nach Heizraum und Maschine, daß kein Laut nach außen dringen darf. Flüsternd gibt Kapitän Schaap dem Rudergänger seine Anweisung. Leicht dreht der Dampfer nach Backbord, um dem Feind auszuweichen. Weiß leuchtet in nächster Nähe das Wasser, brandet die See gegen Korallenriffe, die eben nur über die Oberfläche ragen, hart an das Riff heran klemmt sich das Schiff. Dicht voraus wieder eine verräterisch brandende Stelle, auch dort sperrt eine Untiefe den Weg. Mit Steuerbordruder wird sie umgangen ... da ... voraus ein zweites englisches Schiff ... in nächster Nähe ... ein einziges kleines Licht nur brennt an Oberdeck ... wie in der Luft hängend ... vom Schiffskörper ist nichts zu sehen, er scheint eins mit dem Dunkel ....

An Steuerbord die Lichter des Kreuzers, an Backbord Korallenriffe, voraus das zweite feindliche Schiff. Nur ein Weg steht offen, unmittelbar an dem soeben gesichteten Gegner vorbei ...

Mit ganz langsamer Fahrt, lautlos schiebt sich der Dampfer heran. Hundert Meter noch steht er ab ... Der Schornstein ... zwei Masten ... der Rumpf ... die Brücke ... kein Mensch ..., und näher noch führt der Weg ... bis auf fünfzig Meter. Dann liegt er querab ... Deutlich treten drüben die Deckaufbauten hervor, fast greifbar nahe ... jede Sekunde muß die Entdeckung bringen ... Qualvoll ... Gellt nicht ein Schrei über Deck ... stürzen sie dort nicht aus den Niedergängen hoch ... ist denn keine Wache auf der Brücke ... kein Posten an Deck? ... nichts....

Langsam, geräuschlos schiebt sich der deutsche Dampfer vorbei ... die Aufbauten verschwimmen ... Masten und Schornstein verwischen sich ... der Rumpf scheint zu zerfließen ... mehrere hundert Meter achteraus liegt das Kanonenboot ... die Gefahr ist vorbei, voraus das schützende Dunkel .... Wie ein Aufatmen geht es durch die ganze Besatzung.... Die Maschine steigert ihre Umdrehungen, schneller mahlt die Schraube, immer größer wird die Entfernung.

Voraus schießt ein greller Lichtkegel in die Nacht hinaus ... ein dritter Feind, noch gefährlicher als der frühere ... der wacht ... tastend streift sein Licht über die See ... scheint sich in weiter Ferne zu verlieren ... sucht ... spürt ... schlägt herum ... näher heran ... steht fest, als hätte es etwas gefaßt, dann wieder löst es sich ... jetzt ... jetzt kommt es heran ... bis zum Halse hoch schlägt das Herz ... zum Äußersten gespannt sind die Nerven ... wie gebannt starrt alles auf die Lichtbahn ... näher ... näher ... es steht ... schlägt um nach der entgegengesetzten Seite ... erlischt ....

Mit höchster Fahrt jagt der Dampfer in die See hinaus. Die Maschinen stampfen, das Schiff zittert, in schnellen Schlägen peitschen die Schraubenflügel das Wasser. Zwei Stunden höchster Spannung noch, dann ist die Gefahrzone passiert. Kein Lichtstrahl der vor der Bucht ankernden Schiffe dringt bis hierher.

Der nächste Morgen muß die deutschen Seeleute so weit wie möglich vom Land ab sehen. Mit unverminderter Kraft jagt der Dampfer dahin. Im Osten dämmert der Tag. In Sicherheit. Mehr als fünfzig Meilen hat die Nacht zwischen Küste und Schiff gebracht; wieder einmal ist ein Durchbruch geglückt.

In märchenhafter Pracht blaut der Indische Ozean. Heiß strahlt die Tropensonne auf die vom Ostwind leicht bewegte Fläche herab. Nichts zeigt sich; einsam zieht der deutsche Dampfer seinen Weg nach den holländisch-indischen Inseln zu. Ein Bild tiefsten Friedens. Und die Stille und Ruhe in der Natur überträgt sich auch auf die Besatzung. Furchtbare Tage liegen hinter ihnen: Die aufreibende Arbeit des Löschens, das vom frühen Morgen bis in die Nacht hinein währte, das Klarmachen, die Vorbereitungen zum Durchbruch, die Beschießung am 11. April, die darauf folgende am 16. April und die unendlich mühevolle Beseitigung der Beschädigungen, um das Schiff wieder nur einigermaßen seeklar zu bekommen.

Jetzt erst, wo die Nerven seit langem wieder einmal nicht ständig bis zum äußersten aufgepeitscht sein müssen, macht sich die furchtbare Abspannung fühlbar. Bleiern tief schlafen die Leute, die nicht auf Wache sind, und Kapitän Sörensen gönnt ihnen die Ruhe, die sie nach ihrem glänzenden Verhalten so wohl verdient haben. Von hier ab ist die Gefahr verhältnismäßig gering. Es gilt nur noch den Dampfertreck Kap-Indien, der infolge der Schwierigkeiten der Passage des Suezkanals jetzt mehr benutzt wird, zu kreuzen; voraussichtlich aber werden feindliche Kriegsschiffe nicht angetroffen werden. Alles, was auf den Ausland-Stationen nur irgendwie entbehrlich war, ist jetzt zur Sicherung der Schiffahrt um England, im Atlantik und im Mittelmeer dahin gezogen worden.

Ruhig und ohne Zwischenfälle gehen die Tage dahin. Was noch repariert werden muß, wird jetzt vorgenommen. Das Achterdeck, das besonders schwer gelitten hat, wird aufgeklart und die Beschädigungen nach außenbords möglichst verborgen. Die Löcher, die sich dort an einigen Stellen wie ein Sieb aneinanderreihen, werden notdürftig geflickt und übermalt, um vorbeifahrenden Schiffen nichts nach außenhin Verdächtiges zu bieten. Außer den fünf Fünfzehn-Zentimeter-Granaten haben über hundert Treffer kleineren Kalibers die Bordwände und das Oberdeck beschädigt. Mit Stemmeisen, Hämmern, Sägen und sonstigem nur irgendwie geeignetem Handwerkszeug wird gearbeitet. Das Klopfen und Hämmern hört nur auf, wenn alle Hände gemeinsam zufassen müssen, um schwere Gewichte zu bewegen. Freilich, der Unterschied zwischen der Arbeit jetzt und dem atemlosen Hetzen vor wenigen Tagen in der Sudibucht, wo nur die Schnelligkeit gleichzeitig auch die Rettung bedeuten mußte, ist groß. Mitten in das Klingen und Hämmern fliegen Scherzworte, die zeigen, wie vergnügt die Stimmung an Bord ist. –

»Mann über Bord!« Gellend klingt der Ruf vom Achterdeck und wird auf der Brücke aufgenommen. Mit einem Satz springt der wachhabende Offizier an die Backbordnock. Achteraus, dort, wo soeben in hohem Schwunge ein Ring auf die Oberfläche aufklatscht, treibt ein Mann im Wasser. Grell leuchtet der weiße Ring in der blendenden Sonne.

»Stopp!« »Äußerste Kraft rückwärts!« »Wer ist da über Bord gefallen?« Vier Stimmen antworten gleichzeitig: »Der alte Eilers.« Eben als der Name erklingt, springt eine Gestalt unter die an der Backbordreeling stehenden Leute, die achteraus zeigen. Ein in der Aufregung halberstickter Schrei: »Mein Vater? ... Wo?« ... Seine Augen folgen den ausgestreckten Händen, und bevor noch jemand ihn halten kann, saust er mit einem Satz über die Reeling hinweg, über Bord ... Sekunden später ist er im Schraubenwasser.

Unter dem Druck der Schraube, die sich mit äußerster Kraft dreht, wirbelt und strudelt die Oberfläche. Weiß schäumt das Wasser am Heck, reißt Trichter, in die sich brausend das Wasser stürzt, um sich an anderen Stellen wieder zu krausen Buckeln zu wölben .... Dreißig Meter hinter dem Schiff erst kommt der Körper wieder hoch ... auch ihm ist sofort ein Rettungsring nachgeflogen ... faßt er ihn? ... Wieder wirbelt es den treibenden Mann hinab ... stößt ihn hoch ... er greift zu ... er hält ihn ... Sekunden nur sind verflossen seit dem Augenblick, da der alte Mann über Bord stürzte und sein Sohn ihm nachsprang.

Der Dampfer hat gestoppt und dreht auf die beiden im Wasser Schwimmenden zu. Das einzige noch heil gebliebene Boot wird schnell besetzt und gleitet gleich darauf mit langen Schlägen zunächst auf den alten Eilers zu. Jetzt sind sie dicht bei. Die Riemen werden eingenommen, kräftige Fäuste packen den Alten und ziehen ihn ins Boot. Er ist sichtlich erschöpft. Zum Glück hat er gleich den zugeworfenen Ring gefaßt und ist mit dessen Hilfe noch glimpflich davongekommen. Dann geht es zu dem näher am Schiff treibenden Jungen hinüber.

Das Boot nähert sich. Die beiden Leute der vordersten Ducht rufen ihn an. Keine Antwort. Gleichmäßig heben die Wellen den Körper im Ring ... jetzt sind sie heran ... Ein dünner Blutstreifen sickert aus dem Haar über das blasse Gesicht. Jede Welle wäscht ihn weg, immer wieder aber zeigt sich der rote Faden von neuem ... er ist verletzt. Die Schraube muß ihn gefaßt haben. Vorsichtig wird er ins Boot gezogen. Schwer, wie leblos gleitet der Körper aus den Händen, die ihn fürsorglich ins Boot legen, neben den Alten hin. Der hat sich inzwischen auf die achterste Ducht gesetzt. Unendlich behutsam, wie man es den harten Seemannsfäusten gar nicht zumutet, bettet er den Kopf des Ohnmächtigen auf seinem Schoße. Hilfsbereit hat ihm der Bootssteuerer ein Taschentuch gereicht. Ununterbrochen wischt er das immer neu nachsickernde Blut seinem Jungen aus der Stirn. Ganz leise, schüchtern fast, als sollten es die anderen nicht hören, flüstert er ihm ins Ohr: »Willem ... Willem ... min leve Jung.« ... Er rührt sich nicht ... Die Augen in dem bleichen Gesicht bleiben geschlossen ... keine Antwort ... und wieder dringlicher jetzt, ängstlicher ... »Willem ... hörst du mi nich? ... Willem.« ... Bis die Stimme des Bootssteuerers ihn aufblicken läßt:

»Lassen Sie man, Eilers, den kriegen wir an Bord schon wieder heil, dat is all nich so schlimm!«

Das Boot ist beim Dampfer längsseit. Die Talljen werden eingehakt, langsam kommt es hoch. Was überflüssig ist, klettert an Deck. Jetzt ist es geheißt, wird eingeschwungen und eingesetzt. Die beiden Kapitäne und der Erste Offizier haben schon von Deck aus gesehen, daß der junge Eilers anscheinend verletzt und bewußtlos ist. Eine Matratze und Decken sind bereit gelegt, um sofort Wiederbelebungsversuche anzustellen. Sorgsam wird der regungslose Körper gebettet, und alles bemüht sich um ihn. Kein Lebenszeichen .... Eine Viertelstunde vergeht .... wächsern bleich bleibt das junge Gesicht, das mit einem Male ein seltsam strenges Aussehen bekommen hat, dicht geschlossen die farblosen, festaufeinandergepreßten Lippen ..... Nicht einen Blick verliert der Alte von den Leuten, die sich um seinen Sohn bemühen .... immer ratloser werden die Augen, hilflos, wie bittend .... bis er die ganze furchtbare Wahrheit erkennt .... tot .... sein Jung, sein Willem tot .....

Eine Hand legt sich ihm auf die Schulter, eine milde Stimme, die ihm Trost zuspricht. Er hebt den Kopf nicht. Als ob das Gesagte gar nicht von ihm erfaßt würde, schüttelt er wieder und immer wieder den Kopf. Kein Seufzer; ein so tiefer Gram aber spricht aus den faltigen Zügen, daß darüber jedes Trostwort verstummt.

Die Nacht mit ihrem Sternenhimmel liegt über dem Dampfer, der gleichmäßig seinen Weg zieht. Oben auf der Brücke geht der Offizier die Mittelwache, am Ruder steht der Rudergänger, sieht auf den Kompaß und dreht ab und zu das Rad, um das Schiff auf dem befohlenen Kurs zu halten.

An der Seite, querab vom Schornstein liegt die von sorgender Hand eingenähte Leiche des jungen Eilers. Auf einem Klappstuhl sitzt der Vater. Gebückt, den Kopf tief in die Hände vergraben, Stunde um Stunde.

»Eilers!« Der Offizier ist an ihn herangetreten und klopft ihm leise auf die Schulter. »Eilers, lassen Sie sich nicht unterkriegen! Ist keiner von uns allen an Bord, der es Ihnen nicht nachfühlen würde, wie schwer diese Stunden für Sie sind und wieviel lieber Sie Ihr Leben hätten hingeben wollen für Ihren Jungen. Denken Sie aber daran, wieviel Väter in Deutschland heute um ihre Söhne trauern, wieviel täglich ihr Leben hergeben müssen ... Sie haben doch wenigstens Ihren toten Jungen bei sich, haben ihn in der letzten Stunde seines Lebens noch lachen sehen dürfen .... Wir alle haben ihn ja gern gemocht und uns gefreut an seinem frischen, lustigen, vergnügten Wesen. Denken Sie mal, mit welchem wunderschönen Gedanken der Junge sterben durfte: um seinen Vater zu retten. Und dann müssen Sie auch bedenken: Er starb ebenso den Tod fürs Vaterland wie alle drüben .... im Kampf um die Heimat.«

Ein Augenblick ist Stille. Dann spricht der Alte. Schwer, wie gequält kommen zuerst die Worte: »Ja, ich weiß, Sie meinen es gut mit mir, Sie und alle ... aber ... is ja mein einziges Kind .... Wir beide sind lange allein gewesen ... Die Mutter ist ja früh gestorben, und da hab ich mich mehr um ihn quälen und sorgen müssen als manch anderer Vater. Er war noch so lüttjet damals, und es ist mir bannig schwer gefallen, ihn bei fremden Leuten zu lassen, wenn ich dann mit meinem Schiff auf lange Reisen wegging. Und wenn ich nach vielen Monaten erst binnen kam, da hätten Sie uns mal sehen sollen! Die ganzen Tage saß er bei mir an Bord. Ueberall kletterte er herum, jedes Tau und Segel hat er gekannt, bald besser als ein Vollmatrose. Er wollte ja auch nach See zu, da gab’s kein Halten. Ja, wenn ich noch so an denke, wie wir seine Schiffskiste packten und er als Junge mit ’n Hamburger Viermastbark nach der Westküste abging ..... Und wie er vergnügt als Leichtmatrose wiederkam. So schlank und rank und immer vergnügt .... und jetzt liegt er da und muß für mich alten Kerl sterben.«

»Um Sie Eilers? Glauben Sie denn, daß er nicht jedem andern ebenso nachgesprungen wäre? Der hätte sich keinen Augenblick besonnen! So sind sie, unsere deutschen Jungs! Ohne Bedenken, wenn es gilt, ihr Leben herzugeben, ganz gleich, ob für den einzelnen Menschen oder für die große Sache. Denken Sie doch bloß an unsere Leute in der Flotte und auf den U-Booten! Glauben Sie denn, daß die sich vor dem Auslaufen große Gedanken machen, ob sie zurückkommen? Was quälen die sich um das harte Leben und die Gefahren, die ihnen in jeder Minute das Ende bringen können! Da denkt sicher keiner dran! Vom Admiral bis hinunter zum jüngsten Matrosen gehen sie drauf. Ran an den Feind und wenn sie mit ihm zusammen versinken. Und sehen Sie, so ein Kerl, auf den wir alle stolz sein dürfen, war Ihr Junge. Um solchen Sohn dürfen Sie nicht trauern. Das hätte der sicher selbst nicht haben wollen. Um den Tod werden ihn zu Hause viele beneiden. Einen schöneren konnten Sie selbst ihm nicht wünschen.« ...

Der Tag bricht an. Sieben Uhr morgens. Die Mannschaft steht um die Leiche versammelt. Das Schiff hat gestoppt. Wenige schlichte, ergreifende Worte, ein Vaterunser, unter der deutschen Flagge weg gleitet die Leiche langsam in die See hinab. Leichte Kreise ziehen, streben auseinander, verebben ....

Der Maschinentelegraph rasselt, die Maschine stampft, weiter zieht das Schiff nach Osten.

Der Tod hat einen aus den Reihen der Besatzung weggeholt. Bald aber tritt das Leben mit seinen Anforderungen wieder in seine Rechte. Der Vormittag findet alles emsig beschäftigt. Es klingt und klopft, dröhnend schlagen die Hämmer auf Eisen, Sägen kreischen, Holz splittert. Immer weiter geht die Fahrt, näher heran rückt der sichere Hafen. Und Tag für Tag steigt die Sonne in gleicher tropischer Pracht aus dem tiefblauen Ozean, der bald spiegelglatt, bald unter den Aequatorialwinden leicht gekräuselt ist, brennt tagsüber auf weißschimmernde Sonnensegel, auf das Schiff, das noch immer aussieht, als sei es eben mit knapper Not einem schweren Sturm entgangen, und taucht abends mit roter Glut hinab in die See.

Ohne Zwischenfälle verrinnen die Tage, werden zu Wochen, bis eines Morgens Backbord voraus niedrige tiefdunkelblaue scharfumränderte Wolken sich über der Kimm aus dem Wasser zu erheben scheinen: Land. Näher kommt der Dampfer heran, deutlicher heben sich jetzt die Bergketten Sumatras ab. Kapitän Sörensen hält dicht unter Land. Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen, daß hier plötzlich ein feindlicher Kreuzer oder ein Hilfskreuzer auftaucht und der Fahrt, die bisher glatt verlaufen ist, noch jetzt in letzter Stunde ein vorzeitiges Ende bereitet. Hier ist es ein leichtes, beim Auftauchen eines verdächtigen Fahrzeuges die holländische Hoheitsgrenze zu erreichen.

Von der Küste bis hinauf zu den Bergen, deren Kuppen und Kämme oft in den Wolken zu verschwimmen scheinen, ist das ganze Land ein ungeheurer Wald, aus dem sich nur an einzelnen Stellen dicht am Wasser typische Baumformen abheben. Mitunter, selten allerdings nur, schmiegen sich, halb verdeckt unter dichtem Grün, braune Dächer von Eingeborenenhütten. Kleine Fischerboote mit Auslegern und viereckigen Mattensegeln kreuzen unter Land. Malaiische Fischer. Nachts leuchtet es dann bald hier bald da auf den Bergen gelblichrot auf. Waldbrände, die auf Sumatra nie aufhören. Primitive Eingeborenensitte, die durch Feuer Kulturland schaffen will. Der Urwald widersteht Axt und Säge. Einem kleinen Fleck nur ist die Flamme zugedacht, gierig aber frißt sie sich bei der ausreichenden Nahrung weiter, wochen-, monatelang, brennt, schwelt und glimmt, bis tropischer Regen und die Feuchtigkeit des Waldes sie ersticken.

Die Ostspitze Sumatras ist erreicht, und mit nördlichem Kurs geht es in die Sundastraße hinein. Voraus an Steuerbord kommen die grünen Berge Javas in Sicht. Sechsunddreißig Stunden noch trennen die Deutschen von dem Ziel, dem sie nun seit bald drei Wochen zustreben. Über dem Wasser liegt leichter Dunst, der die Kimm verschwimmen macht. An Backbord achteraus schimmert ein kleines festes Feuer der Küste von Sumatra herüber, voraus an Steuerbord ein Blinkfeuer Javas. Zwischen beiden führt die Straße.