Chapter 5 of 8 · 3958 words · ~20 min read

Part 5

Die größte Freude machte unsern Leuten das Sammeln der Beute. Dabei stellte es sich erst heraus, wie umfangreich die Kämpfe waren, und in wie übereilter Flucht uns der Gegner das Feld überlassen hatte. Wir zählten allein acht Maschinengewehre, ungefähr fünfhundert Gewehre, eine halbe Million Patronen und Ausrüstungsstücke jeder Art. Das sind Ziffern, die Ihnen, Herr Kapitän, nach europäischem Maßstabe lächerlich gering vorkommen müssen. Sie dürfen aber nicht vergessen, daß das, was drüben ein Gefecht gewesen wäre, hier eine Schlacht bedeutete und zwar die größte, die bisher auf dem Boden unserer afrikanischen Kolonien geschlagen worden war. Der Stoß, den das englische Ansehen hier erhielt, wirkt noch heute auf das schwerste nach und hat nicht zum wenigsten dazu beigetragen, daß unsere Askaris zu uns ein felsenfestes Vertrauen faßten und in den späteren Gefechten wie die Deubels drauf losgingen. Der eine Sieg hier hat Unternehmungen reifen lassen, die denen in der Heimat an Schneid sicher nicht nachstehen.

Eine recht angenehme Ueberraschung gab es für uns einige Tage nach dem Abzug der Engländer bei Ras Casone. Dort fanden wir nämlich einen angetriebenen Leichter, den der »Pegasus« seinerzeit gestohlen hatte. Die Engländer waren aber so liebenswürdig gewesen, ihn uns bis oben hinauf zu füllen. Da gab es über tausend wollene Decken, Material für Telegraphenlinien, dreißig Feldtelephonapparate, Hacken und Spaten, kurz, alles Sachen, die wir sehr gut gebrauchen konnten und die uns später noch gute Dienste leisten sollten.«

Das Klirren und Klappern der Teller ist längst verstummt, die Mahlzeit ist beendet. Die Boys öffnen die Türen, die nach der Veranda führen. Bequeme Korbstühle sind dort aufgestellt, ein paar kleine Tischchen, auf denen bereits Getränke und Zigarren warten. Es dauert eine Weile, bis alles in angeregtem Geplauder seinen Platz gefunden hat und der Hauptmann der Schutztruppe in seiner Erzählung fortfahren kann.

»Bei uns waren fünfzehn Deutsche gefallen, darunter unser alter Afrikaner, Hauptmann von Prince. Ein schwerer Verlust für unsere Kolonie, in der er einen großen Teil seines Lebens zugebracht hatte. Sein Adjutant, Leutnant von Hoffmann, hatte neben ihm den Tod gefunden. Am 7. fand eine feierliche Totenfeier für die Gefallenen statt, nachdem die englischen Schiffe am Abend zuvor mit Nordkurs in See gegangen waren. Fünfzehn brave Deutsche haben wir in die afrikanische Erde gesenkt, für die sie so wacker kämpften und gefallen sind. Seither ist ihnen noch so manch einer gefolgt.«

Einen Augenblick herrscht Schweigen. Ein jeder denkt an die Freunde, die er im Felde weiß, die vielen Bekannten, die ihre Treue zum Vaterland bereits mit ihrem Blute bezahlt haben. ... Durch das Dunkel huschen die weißgekleideten Gestalten der Dienerschaft über den Kies ... leise rauscht der Wind durch die Kronen der Palmen und Brotbäume ... Das Zirpen der Heimchen dringt herauf, Glühwürmer schweben durch die Nacht ... wie aus weiter Ferne klingt das Kreischen einer aufgeschreckten Affenschar herüber. Schwer, wie traumverloren gleitet der Blick über den rauschenden Wald ... ein schönes Land, für das es sich schon lohnt, zu sterben ... Dann, als ob er sich von der Erinnerung an die toten Kameraden losrisse, wendet sich der Offizier wieder seiner Erzählung zu.

»Während wir in Tanga gegen zehnfache Übermacht siegten, hatten unsere Truppen nordwestlich des Kilimandscharo ein größeres Gefecht mit den Engländern, deren Vorgehen zweifellos in Verbindung mit dem Angriff auf Tanga stand. Dreihundertfünfzig Europäer – es mögen wohl schon Buren gewesen sein, da wir bereits früher dort südafrikanische Truppen festgestellt hatten – eine europäische reitende Batterie, eine Kompagnie freiwilliger Europäer aus Indien und acht Kompagnien von zwei indischen Eingeborenen-Regimentern griffen unsere Stellungen am Longidoberge an, wo die Engländer bereits Ende September empfindlich zurückgeschlagen worden waren. Bis tief in die Dunkelheit hinein, ungefähr fünfzehn Stunden dauerte der Kampf. Auch hier machten unsere Maschinengewehre, besonders unter den Reitern, ganze Arbeit. Der Gegner zog sich fluchtartig zurück und ließ fünfunddreißig tote Inder und einige Europäer am Platze. Eine ganze Reihe bereits geschlossener Massengräber verriet uns aber, daß das nicht sämtliche Verluste gewesen waren. Auch hier gab es, wie bei Tanga, reiche Beute: Pferde, Munition und Gewehre fielen in unsere Hände. Der englische Vorstoß auf deutsches Gebiet war auch hier völlig mißglückt.

Aber nicht nur an der Küste und an der Nordgrenze kam es zu Kämpfen. Von der Westseite rückten die Belgier beim Kiwusee und die Engländer weiter südlich zwischen Tanganjika- und Nyassasee vor. Alle Versuche aber, auf deutsch-ostafrikanischen Boden einzudringen, konnten von unseren Leuten, die natürlich überall in verschwindender Minderzahl waren, energisch zurückgewiesen werden. Dabei müssen Sie eines immer im Auge behalten, daß wir nur diejenigen Leute zum Militärdienst eingezogen hatten, die auf den Plantagen und in den Kontoren abkömmlich waren. Der ganze Betrieb in der Kolonie ging und geht seinen normalen Gang weiter.

Ein besonderes Kapitel für sich waren die Kämpfe, die sich auf den Seen abspielten. Unsere paar kleinen Dampfer hatten ein hartes Leben, aber sie wehrten sich bis zum äußersten gegen eine überwältigende Uebermacht, gegen die es schließlich kein Aufkommen geben konnte. Es war für uns ein großes Glück, daß wir die Besatzung von der »Möwe« freibekamen und daß es uns außerdem noch gelungen war, den auf der Heimreise befindlichen Ablösungstransport des in der Südsee stationierten Vermessungsschiffes »Planet« hierher zu lenken. Das bedeutete einen äußerst wertvollen Zuwachs für die Schutztruppe, durch den auch der so empfindliche Mangel an Unterführern ausgeglichen werden konnte.

Schon am 14. August ging die Schießerei auf dem Nyassasee los. Ein englischer Dampfer, der mit zwei Geschützen bewaffnet war, überraschte unseren kleinen Dampfer »Hermann von Wißmann« im Sphinxhafen. Kapitän und Steuermann hatten gar keine Ahnung, daß der Krieg ausgebrochen war. Sie wurden gefangen genommen und die Maschine des Schiffes unbrauchbar gemacht. Der kleine Dampfer hatte übrigens nur einen alten Böller an Bord, der wohl zum Salutschießen, aber nicht zur Verteidigung geeignet war; er konnte sich gar nicht wehren. Die Engländer freilich haben sich nicht gescheut, aus der Geschichte einen ungeheuren Seesieg zu machen.

Im September konnten wir auf dem Viktoriasee dafür den Spieß umkehren. Unser kleiner Dampfer »Muansa« von vierundzwanzig Tonnen, also nicht viel größer ungefähr als die Barkasse eines Großkampfschiffes, griff den englischen Dampfer »Sybell« an, der hundertfünfzig Soldaten und mehrere Geschütze an der Karungabucht landen wollte. Wir hatten die »Muansa« durch eine kleine Kanone zum Hilfskreuzer umgebaut. Ihre Granaten fegten als Volltreffer in die »Sybell« hinein. Eine Zeitlang wehrte sie sich, dann aber dampfte sie schleunigst nach Norden ab. Die Engländer hatten es anscheinend auf die Zerstörung unserer Funkenstation in Muansa abgesehen gehabt.

Auf dem Tanganjikasee arbeitete unsere »Flotte« im Verbande mit den Truppen in glänzender Weise. Die Belgier hatten am Südende des Sees unsere dortigen Stellungen angegriffen. Es war britisches Gebiet, wohin wir vorgedrungen waren. Anscheinend hatte der Gegner mit der zufälligen Ab- – – –[1] und »Kingani« gerechnet. Die »Hedwig« war der erste Dampfer auf dem See gewesen und schon 1900 da, die »Kingani«, die früher als Zollkreuzer an der Küste fuhr, hatten wir als Verstärkung zu Beginn des Krieges mit der Bahn hingebracht. Es waren also nur kleine Dinger. Eben als die Geschichte im schönsten Gang war, kam die »Hedwig« wieder zurück, grade zur rechten Zeit, um noch kräftig einzugreifen. Sie versenkte einen englischen Dampfer und sprengte einen anderen, der zur Reparatur auf Land gezogen war.

[1] Anmerkung des Bearbeiters: Hier fehlt Text, der nicht mehr reproduziert werden kann.

Zu Lande hatten wir inzwischen zahlreiche weitere Erfolge. Besonders übel erging es den Belgiern, die am Kiwusee vorgedrungen waren. Anfang Oktober waren sie in Stärke von vier Kompagnien herangekommen; sie erlitten schwere Verluste und mußten zurück. Ein anderer Posten wieder ergab sich nach einhalbstündigem Gefecht. Die Belgier haben sich nur Niederlagen geholt, wo immer sie es auch später noch versuchten. Genau so erging es den Engländern, die von Rhodesien her zwischen Tanganjika- und Nyassasee vorzudringen suchten. Anfang 1915 hatten wir auch im Norden bei Jassini einen schönen Erfolg, wo wir vier englische Kompagnien gefangen nahmen und ihnen außerdem noch einen Verlust von zweihundert Toten zufügen konnten.

Das sind nur einige Gefechte, die mir gerade so einfallen. In Wirklichkeit hört der Kampf an den Grenzen im Norden, Osten und Westen eigentlich nie auf. Ununterbrochen wird gekämpft, und Sie können sich kaum einen Begriff davon machen, mit welchem Heldenmut die Leute auf ihrem Posten ausharren, was für Taten da im stillen vollbracht wurden.

Mit was für einem Gegner wir es zu tun haben, das konnten wir gleich zu Beginn des Krieges bemerken. Völkerrecht und England sind Begriffe, die sich heute noch ebenso wenig vertragen wie seit jeher. Nur einige kleine Proben: Sie beschossen wiederholt ohne irgend welche Warnung oder Aufforderung zur Uebergabe offene Städte, wie Bagamojo und Kilwa, schreckten nicht einmal vor gemeinem Diebstahl zurück, plünderten und zerstörten verlassene Pflanzungen und enblödeten sich nicht, den armen Schwarzen ihr Geld und die paar Ziegen, die doch ihr ganzes Vermögen ausmachen, wegzunehmen.

Die Krone der Gemeinheit haben sie sich wohl in Daressalam geleistet. Am 21. Oktober beschoß ein englisches Kriegsschiff die im Creek liegenden deutschen Dampfer »Feldmarschall« und »König«, die dabei erheblich beschädigt wurden. Nun kam im November der Kreuzer »Fox«, um sich von der Betriebsunfähigkeit der beiden Schiffe zu überzeugen. Nach Abmachung mit dem stellvertretenden Gouverneur sollte nur eine englische Pinasse in den Hafen hineinfahren; statt dessen kamen sie mit drei Pinassen, die mit Maschinengewehren bewaffnet waren. Die eine legte im Hafen Bojen, die anderen gingen an den Dampfern längsseit, sprengten die Maschinen und führten die Besatzungen gefangen fort. Hinterher haben sie die offene Stadt, wiederholt sogar, mit 30,5 cm Granaten beschossen. Der Schaden war natürlich beträchtlich.

Nun stellen Sie sich mal diesen Kampf vor mit den wenigen Leuten, die wir zur Verfügung haben, mit den geringen Hilfsmitteln. Wer hat denn daran gedacht, daß der europäische Krieg nach Afrika übergreifen würde, daß man die Achtung vor den Europäern, die allein den wenigen ermöglicht, Millionen in Schach zu halten, so leichtsinnig aufs Spiel setzen würde? Mit unseren paar Menschen verteidigen wir ein Gebiet, das größer ist als Deutschland. Und über die ganze Grenze dringt von allen Seiten der Feind. Von Norden und Südwesten die Engländer, vom Westen die Belgier, die See ist blockiert, und im Süden dicht bei uns hier haben sich die Portugiesen endlich breitschlagen lassen, gegen uns vorzugehen. Sie sollen bereits Verstärkungen aus Europa erhalten haben. Das alles konnte uns nicht mürbe kriegen, uns nicht in die Enge treiben. So bietet England jetzt also noch die südafrikanischen Kolonien gegen uns auf, und wir haben bereits bestimmte Nachrichten, daß zwei Infanterie- und eine berittene Brigade, mit allen Hilfsmitteln des modernen Krieges ausgerüstet, sich im Norden sammeln.

Wir hielten und waren sicher, auch weiter gegen noch größere Übermacht zu halten. Von Tag zu Tag aber wurden unsere Vorräte geringer. Noch mehr als früher begannen wir mit der Munition zu sparen, weil wir uns sagten, daß jeder Schuß unbedingt ein Treffer sein müßte. Und dennoch war bald der Zeitpunkt abzusehen, an dem die letzte Patrone verschossen, an dem keine Granate mehr für die Geschütze vorhanden sein würde.

Vor einem Jahr hat uns der tüchtige Christiansen Luft geschafft. Jetzt aber, wo Sie da sind, sehen wir dem kommenden Kampfe mit neuem Vertrauen entgegen, und wenn wir heute mit Stolz sagen können, die beste und wertvollste Kolonie ist in unseren Händen, und wir haben die Möglichkeit, sie auch weiter noch zu verteidigen und so Gott will, auch uns zu erhalten, dann, Kapitän Sörensen, dürfen Sie einen großen Teil des Verdienstes für sich in Anspruch nehmen.«

Entdeckt

Es ist Spätnachmittag. Unter brausendem Hurra der Mannschaft stößt ein beladener Prahm vom Schiff ab und hält auf Land zu. Die schwere rastlose Arbeit der letzten Wochen, die ohne Unterbrechung vom frühen Morgengrauen bis in die Dunkelheit hinein geleistet wurde, ist beendet; die Aufgabe, die Kapitän Sörensen vor mehreren Monaten übernommen hatte, ist ausgeführt. Unter dem Schwarz der Bordwände taucht der rote Bodenanstrich aus dem Wasser, ein aufwärtsstehender Schraubenflügel ist deutlich zu sehen. Die Ladebäume werden aufgetoppt, das Rattern der Dampfwinden ist verstummt. Eine Weile noch zischt der Dampf wie verloren aus den Zuleitungsrohren, dann verraten nur noch die Schrammen und Kratzer an den Bordwänden unter den Luken, welch hartes Arbeiten hier gewesen ist.

War es neben der Tüchtigkeit der Schiffsführung schon ein besonderer Glückszufall, daß beim Durchbrechen der Sperrlinien und während der Fahrt kein feindliches Schiff das Unternehmen zum Scheitern brachte, dann bedeutete es vollends eine ganz unerwartete, große Gunst des Schicksals, daß die »Marie« hier, sozusagen unter den Augen der Engländer, so lange unbehelligt liegen und, was das Wichtigste ist, ihre ganze wertvolle Ladung löschen konnte. Jede Minute aber muß die Entdeckung bringen. Vor dem nicht weit nördlich liegenden Lindi ankern sicher häufig englische Schiffe. Bei den zahlreichen zweifelhaften Elementen unter den indischen Händlern ist es sehr leicht möglich, daß das hier im Lande arbeitende englische Gold seine Wirkung tut und sich ein Verräter findet. Wird der Dampfer aber entdeckt, dann gibt es kein Entrinnen mehr. Es heißt daher, so schnell wie möglich auslaufen und die hohe See gewinnen. Wohin es gehen soll, wird sich draußen schon finden; groß ist die Wahl ja nicht. Für die Heimfahrt langen die Kohlen nicht, ein abermaliger Durchbruch durch die Sperrlinien wäre überdies jetzt, wo der Sommer mit seinen langen Tagen und Nächten naht, ein fast aussichtsloses Wagestück. Es muß also ein neutraler Hafen gewonnen werden: Holländisch-Indien, das noch am nächsten liegt und mit seinen zahlreichen Häfen auf Sumatra und Java schon irgendwo Unterschlupf gewähren wird. Fünf Mann der Besatzung gehen von Bord, um in den Reihen der Schutztruppe an der Verteidigung der Kolonie mitzuwirken. Sie werden durch stämmige Suahelis ersetzt.

Der Proviant ist wieder aufgefüllt, Frischwasser an Bord genommen. Dann wird von den in den letzten Wochen so lieb gewordenen Menschen Abschied genommen. Hüben wie drüben ist die Zukunft ungewiß. Dort dringt von allen Seiten der Feind heran, wer weiß, wie lange Widerstand noch möglich sein wird, hier geht es hinaus in See, wo der Gegner jeden Augenblick auftauchen kann. Auf Gnade und Ungnade ist ihm das wehrlose Schiff preisgegeben.

Alles ist klar. Seit Stunden schon brennen die Feuer unter den Kesseln; der Anker ist kurzstag gehievt, so daß er jeden Augenblick aus dem Grunde geholt werden kann. Die Nacht liegt über Land und Fluß. Das mit der Flut in die Bucht einströmende Wasser gluckst und plätschert an den Bordwänden längs, dunkel wölbt sich der Himmel. In tiefem Schwarz breiten sich die Ufer, hinter denen in scharfen Umrissen die bewaldeten Höhen ragen. Schwacher Lichtschein schimmert aus dem Zollamt in der Ferne.

»Anker auf!« Polternd gleitet die Kette durch die Klüse auf das Vorderschiff, in wenigen Minuten ist der Anker aus dem Grund.

»Langsame Fahrt voraus!«

Zum erstenmal seit Wochen wieder mahlt die Schraube das Wasser, und ohne jeglichen Lichtschein gleitet der Dampfer der Ausfahrt zu. Ein schwieriges Manöver! Dank der sachkundigen Führung des Kapitäns Schaap aber, der hier jede Strömung und Untiefe genau kennt, hält das Schiff in sicherem Fahrwasser. Der Mond geht auf. In bleichem Schimmer leuchtet das in der Strömung leicht gekräuselte Wasser, klarer tauchen die Höhen an Land aus dem dunklen Waldmeer heraus. Die Huck, die solange einigermaßen Schutz gegen Sicht geboten hat, wird gerundet, gerade führt der Weg nach See zu.

Zwei Uhr morgens. Voraus tauchen Lichter auf. Dicht über dem Wasser leuchten die roten und grünen Seitenlaternen von zwei Schiffen herüber. Es können nur kleinere Fahrzeuge sein, die anscheinend in die Bucht einlaufen wollen. Verraten! Ein unbemerktes Entweichen ist nicht mehr möglich, jeder Augenblick muß die Entdeckung bringen. Fünfzehnhundert Meter etwa noch stehen sie ab, als es drüben an mehreren Stellen zugleich aufblitzt. Heller Knall dringt durch die Nacht, zischend spritzen kleinkalibrige Geschosse heran. Der Feind. Noch weiß er nicht, wen er vor sich hat, ob nicht im nächsten Augenblick sein Feuer beantwortet wird. Nur zu bald haben die beiden Kanonenboote erkannt, daß ihnen keine Gefahr droht, daß es ihnen trotz der kleinen Geschütze, die sie an Bord haben, ein leichtes ist, den Wehrlosen vor ihnen zu vernichten. Sie kommen näher heran, um das Ziel unter sicheres Feuer nehmen zu können. Ununterbrochen blitzt es auf. Näher und näher heulen und zischen die 3,5-Zentimeter-Granaten heran, wie Fliegen umsurren sie das Schiff. Die ersten Schüsse gehen vorbei, bald aber sitzen sie. Schornsteine und Aufbauten werden getroffen, es kann nicht lange dauern, bis das Schicksal sich erfüllt ... Da ... ein dumpfer Schlag übertönt plötzlich das helle Hämmern der englischen Revolverkanonen, ein fahler Blitz erhellt sekundenlang das tiefe Schwarz unter Land. Wieder leuchtet es drüben auf, ein drittes- und viertesmal. Die deutsche Batterie an Land hat die Not des schwer bedrängten Schiffes erkannt und ist ihm zu Hilfe gekommen.

Die Stimmung, die eine Sekunde vorher mit der sicheren Vernichtung vor Augen verzweifelt war, schnellt mit einem Ruck wieder empor. Beim dritten Schuß schon zeigt sich der Erfolg. Sofort verlangsamt sich das Feuer, vereinzelte Schüsse fallen noch, dann drehen die beiden nach See und bringen sich in größerer Entfernung in Sicherheit. Die Blitze zeigen noch, daß der Gegner schießt, längst aber erreichen seine kleinen Granaten das Ziel nicht mehr. Wie wenn zwei Köter vor dem drohend geschwungenen Stock ausrücken. In sicherem Abstand machen sie wohl noch einmal kehrt, kläffen, um ihren Mut zu zeigen, wütend, bringen sich dann aber schleunigst mit eingezogenem Schwanz in Sicherheit.

Für den Augenblick ist die Gefahr beseitigt. Für den Augenblick nur! Das Tageslicht aber bringt den beiden Kanonenbooten gewiß Verstärkung, gegen die auch die Batterie an Land nichts ausrichten kann.

Der Dampfer hat gedreht, um sich stromaufwärts dem Gegner zu entziehen. Kaum graut der Tag herauf, als das Auftauchen einer Rauchwolke in See gemeldet wird. Zwei dünne Masten und mehrere Schornsteine verraten, daß den beiden Kanonenbooten ein Kreuzer zu Hilfe kommt. Um acht Uhr morgens etwa ist er heran. Signale gehen auf den Schiffen hoch, unmittelbar hinterher blitzt es auf dem zuletzt angekommenen, das etwa fünf Kilometer absteht, auf, und der dröhnende Schall eines Schusses kommt herüber. Weißer Pulverqualm legt sich in dichten Schwaden um das graue Schiff, zieht im leichten Morgenwind langsam achteraus. Drei, vier Flammen spritzen gleichzeitig aus der Wolke, heulend fegen die Granaten heran. Über das Schiff hinweg schlagen sie in das Wasser ein, das sich zu hohen Säulen hebt. Aber näher, immer näher kommen sie. Dazwischen schwirren die kleinen Geschosse der beiden Kanonenboote, die sich jetzt, im Schutz des größeren, wieder heranwagen.

Ein schmetternder Schlag. Rötlicher Feuerschein flammt auf, bräunlich weiß ballt sich Qualm auf dem Achterdeck. Ein Treffer. Sprengstücke schwirren umher, das Wasser zischt unter glühenden Splittern, zerrissene Holz- und Eisenteile wirbeln losgerissen durch die Luft .... Da, wieder ... ein zweiter Volltreffer auf das hilflose Schiff. Die Granate reißt eine schwere Eisenplatte wie ein Stück Papier aus der Reeling, krümmt sie zusammen und schmettert sie krachend auf den achtern Aufbau.

Eine Stunde schon dauert die Beschießung und nimmt an Heftigkeit noch zu. Nicht nur dem Schiff gelten die schweren Geschosse, überall streuen sie das Land ab. Bald hier, bald da hebt sich aus dunklem Grün weißer Qualm, wie ein ragender Baum wächst er über die Umgebung hinaus. Der Wind faßt ihn und reißt Fetzen von ihm herab, die wie graue Nebelschleier über die Wipfel hinwegziehen. Dort peitschte die einschlagende Granate den weißen Sand hoch, drüben gräbt sich eine in den graubraunen Modder des Watts ein, daß die schweren Brocken klatschend hochjagen. Und näher tasten sie heran .... Ein dritter Treffer. Diesmal gilt es der Ladewinde am achtersten Luk. Die nächste Granate schlägt Sekunden darauf in die Wohnräume. Beizender Brandgeruch quillt aus den Seitenfenstern, das Holz, die Vorhänge, die ganze Einrichtung brennen.

Die Besatzung hat untätig die Beschießung über sich ergehen lassen müssen. Vergebens hatte sie versucht, sich in einem Boot an Land in Sicherheit zu bringen. Kaum ist es gefiert, als es von Geschossen durchsiebt wird und sinkt. Und noch ist kein Ende abzusehen. Wieder fegt eine Fünfzehn-Zentimeter-Granate heran und schmettert auf einen schweren eisernen Ventilator auf. Als formlose Masse fliegt er zehn Meter weit gegen die Reeling. Andere Treffer durchschlagen die Bordwände über und unter der Wasserlinie. Wie ein Sieb ist das ganze Achterdeck durchlöchert, ein grauenvolles Durcheinander von zerrissenen und verbogenen Eisenteilen.

Zwei Stunden dauert die Beschießung. Dann, mit einem Schlage, verstummt das Getöse, das ununterbrochen die Luft erfüllte. Als sich die Pulverschwaden, die in dichten Wolken fast bis zur Höhe der Masten auf dem Wasser lagern, allmählich verziehen, werden die Gegner, von denen man während der Beschießung nur den fahlen Blitz der Mündungsfeuer sah, wieder deutlich erkennbar. Der Kleine Kreuzer, der bisher in einem Abstand von fünf Kilometer gestanden hatte, hält in voller Fahrt nach See zu, die beiden Kanonenboote folgen. Drüben glauben sie offenbar, das Vernichtungswerk gründlich getan zu haben. Was vom deutschen Schiff nach der Beschießung mit achthundert Fünfzehn-Zentimeter-Granaten und tausenden kleineren Geschossen noch übrig ist, kann ihrer Ansicht nach nur zerbeultes und zerschmettertes Eisen sein, über das längst das Wasser der Bucht hinwegrauscht. Auch von der Besatzung kann längst nichts mehr leben, was an Bord blieb und nicht die rettende Küste zu erreichen vermochte. Selbst dort aber haben die englischen Geschosse alles abgestreut.

Wie es in Wirklichkeit aussieht, wissen sie freilich nicht. Die beiden Kanonenboote haben bereits am frühen Morgen erlebt, daß die deutschen Geschütze tüchtig zu beißen verstehen. Die bitteren Erfahrungen, die sie mit den Deutschen an so manchen anderen Stellen auch gemacht haben, lassen ihnen Vorsicht als das bessere Teil der Tapferkeit erscheinen. So dünkt es ihnen also auch jetzt nicht geraten, sich durch einen Vorstoß von der wirklich erfolgten Vernichtung des Dampfers zu überzeugen. Ihrer Ansicht nach haben die beobachteten Treffer, die das Ziel dauernd in den Qualm der berstenden Granaten hüllten, vollauf genügt. Sahen sie doch selbst zum Schlusse, wie schwelender Rauch und züngelnde Flammen aus dem Wrack hervorbrachen. Beruhigt gehen sie in See und nach ihrem Stützpunkt, um dort die Ausführung des erhaltenen Auftrages zu melden.

Noch haben sich die Nerven von der Beschießung, in der während zweier qualvoll langer Stunden die Luft vom Heulen der Granaten und dem berstenden Krachen der aufschlagenden Geschosse erfüllt schien, nicht beruhigt, als Kapitän Sörensen bereits Leute nach allen Stellen des Schiffes schickt, um vorerst festzustellen, wie schwer die Beschädigungen sind und ob überhaupt die Möglichkeit besteht, den Dampfer hier, wo man nur auf Bordmittel angewiesen ist, wieder instand zu setzen.

Zum Glück ist von der ganzen Besatzung, so unglaublich es auch scheint, niemand verletzt. Ein Granatsplitter nur ist einem Matrosen gegen den Oberschenkel geprellt und hat ein Geldstück in seiner Tasche verbeult, um dann kraftlos an Deck zu fallen. Das ist aber, bis auf den blauen Fleck, den der Besitzer der rettenden Münze jedenfalls davongetragen hat, alles. Desto böser sieht das arme Schiff aus. An mehreren Stellen ist die Reeling durchschlagen, zackige Eisenfetzen starren binnenbords. Die achteren Aufbauten mit ihren Unterkunftsräumen sind wie weggeblasen, die Lukensülls verbogen und durchlöchert. Ein wirrer Haufen von zerschmettertem Eisen starrt, wie zu einem unlösbaren Ganzen zusammengeschweißt, vom Oberdeck empor, und mühselig heißt es darüber hinwegklettern, um nach dem Heck zu gelangen.

Fast alle Boote sind zerschossen und unbrauchbar, die Davits sind krummgebogen oder gänzlich abrasiert. Die über Deck führende Ruderleitung ist zerrissen, wirr hängen die Ladebäume an den Masten.

Stickig dunkler Rauch quillt aus den Wohnräumen der Offiziere und Mannschaften. Matratzen, Decken und Vorhänge haben Feuer gefangen und glimmen unter den Trümmern weiter. Schnell werden einige Leute abgeteilt, um den Brand zu löschen, dann geht es unter Deck. Zum Glück kann der leitende Maschinist melden, daß Maschine und Kessel nach oberflächlicher Untersuchung unversehrt sind. Zwar sind einige Splitter durch die Heizräume und Bunker gedrungen, sie haben aber keinen Schaden, der den Betrieb stören könnte, angerichtet.

Die meisten Treffer haben die Bordwände des Achterschiffes abbekommen. An der Backbordseite sind sie an mehreren Stellen glatt durchgeschlagen, anderwärts wieder eingebeult. Am bösartigsten aber sind einige Treffer in und unter der Wasserlinie. Hier schwabbert das Wasser langsam durch ein Leck herein, dort strömt es in dickem Strahl in das Schiffsinnere. Das Plätschern verrät, daß noch mehr lecke Stellen vorhanden sein müssen und daß schon erhebliche Mengen in die untersten Räume eingedrungen sind. Hier vor allem muß eingegriffen werden, um das Schiff nur überhaupt schwimmend zu erhalten.