Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1922 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Der Übersichtlichkeit halber wurden die Fußnoten an das Ende der jeweiligen Kapitel, das Inhaltsverzeichnis dagegen an den Anfang des Texts verschoben.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
unterstrichen: _Unterstriche_ fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen Antiqua: ~Tilden~
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Das Gedächtnis
Von
Alfred Leopold Müller Volkshochschule der Universität Leipzig und Lehrer-Seminar Leipzig
Mit 18 Abbildungen
12. Auflage
[Illustration]
Stuttgart Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung 1922
Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
Für die Vereinigten Staaten von Nordamerika: ~Copyright 1922 by Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart~
Eine schwedische Ausgabe dieses Buches ist unter dem Titel „Minnets Vard“ im Verlag von +Wahlström und Widstrand, Stockholm+, erschienen.
STUTTGARTER SETZMASCHINEN-DRUCKEREI HOLZINGER & Co. STUTTGART
Inhaltsverzeichnis.
Seite
I. Die grundlegende Bedeutung des Gedächtnisses 3-4
II. Der wissenschaftliche Versuch 4-6
III. Bewußtseinsvorgänge 6-22
IV. Ein kurzer Ausflug in die Werkstatt unseres Geistes 22-33
V. Regeln für jede Gedächtnisarbeit 33-49
Aufmerksamkeit 33-37
Die Taktgliederung 37-40
Gruppenbilden, Stelle-Anweisen (Lokalisieren), Gliedern 40-42
Gefühl und Anteilnahme (Interesse) 43-45
Lernen im Ganzen oder in Teilen? 45-48
Verteilung der Wiederholungen auf mehrere Tage 48
Die Einbildung 48-49
VI. Mehr Arbeit der Sinne! Die Zeugenaussage. Ihre Mängel und mögliche Besserung 49-57
VII. Persönliche Eigentümlichkeiten beim Vorstellen 57-62
VIII. Wie stellen wir fest, welche Vorstellungsseiten uns fehlen und deshalb einzuüben sind? 62-64
IX. Sinnvolles Lernen 64-66
X. Mnemotechnische Anregungen?? 66-68
XI. Hemmung und Förderung der Gedächtnistätigkeit 68-78
Gesundheitlicher Teil 68-78
XII. Zusammenfassung 78-82
I. Die grundlegende Bedeutung des Gedächtnisses.
Die gewaltigen Errungenschaften der Technik und Großbetriebe, die kulturfördernden Leistungen der Wissenschaften, die in rastlosem Fortschreiten die Menschheit zu ungeahnten Höhen führen, sie alle entsprangen dem menschlichen Geiste. Nicht auf einmal. In mühevollem Arbeiten, Entdecken und Verwerten baute die Nachwelt auf den Errungenschaften der Vorwelt weiter. Was der einzelne schuf und entdeckte, vermochte er mit einer bewundernswerten Kraft seines Geistes zu bewahren, mit dem Gedächtnis. Es entfiel ihm nicht sofort wieder. Er lehrte das Neue die andern. Sie vermochten es auch zu behalten, zu verwerten und weiter zu vererben. Das Gedächtnis ist die Fähigkeit des Menschen, Wahrnehmungen oder Vorstellungen einzuprägen, zu behalten, wenn auch nicht unverändert, und später in ähnlicher Weise wieder zu erneuern.
Im Gedächtnis liegen die Wurzeln zu jenem gewaltigen Riesenbau an Errungenschaften, den der einzelne Mensch überhaupt nicht mehr zu überschauen fähig ist. Das Gedächtnis ist das Pfund, mit dem er wuchern konnte. Darum wurde es auch immer hochgeachtet und zu bilden versucht. Von den ältesten Zeiten an bis zu den Gelehrten unserer Tage, Weltweisen, Ärzten, Erziehern usw., schenkte man ihm regste Beachtung. Es ist ein Schlüssel zum gesamten geistigen Leben.
Und wenn wir die verschiedenen Stufen menschlicher Begabung betrachten, so zeigt sich eine fast ausnahmslose Regel: Minderwertige Geister haben geringe Gedächtniskraft,[1] mittelgroße stets bessere Gedächtnisleistung, und hervorragende Geister fallen meist auch durch ihre erstaunliche Erinnerungsfähigkeit auf. Das Gedächtnis und die gesamte Geistesbildung stehen im allgemeinen im gleichen Verhältnis zueinander.
Ein Aristoteles, Leibniz, Goethe, Humboldt, Wilhelm Wundt und andere waren nur deshalb fähig, große geistige Zusammenhänge zu schauen und hervorzubringen, weil ihnen +das Gedächtnis wie ein großes beseeltes Buch, das von selbst seine Seiten öffnet+, einen ungeahnten Reichtum an geistigen Arbeitsunterlagen lieferte.
Auf so breiter, umfassender Grundlage gewonnene Ergebnisse haben entschieden mehr Allgemeingültigkeit und kommen der Wahrheit sehr nahe. Das Gedächtnis vertieft die Geistesbildung und gibt ihr Reichtum und Umfang.
II. Der wissenschaftliche Versuch.
In fabelhafter Weise beherrscht jetzt der Mensch die Natur, deren einstmals gefürchtete Kräfte von ihm zu getreuen, arbeitsamen Knechten herabgedrückt worden sind. Den Hauptanteil an dieser Arbeit hat jenes winzige bißchen Gehirn, 1400 g schwer, das erst ganz langsam, dann immer schneller, lawinenartig die Mittel fand, den Menschen zum Herrn der Natur zu machen.
Dabei entdeckte er einen bemerkenswerten Kniff. Es ist noch gar nicht so lange her, daß er darauf verfiel, im Vergleich zu dem weiten Weg, den die Menschheit bisher gehen mußte. Er entdeckte, daß die Natur einfach gestellte Fragen unveränderlich nach bestimmten Gesetzen beantwortete. Diese Frage ist das Experiment. Nachdem ihm diese Gewißheit geworden, stellten seine Arbeiter auf naturwissenschaftlichem Gebiete Milliarden von Fragen an den Erdgeist. Dem Ursachgesetz unterworfen, beantwortete er auch geduldig alle einfach gestellten Fragen in unzweideutiger Weise. Wenn aber voreilig und neugierig nach den letzten, höchsten und schwierigsten Dingen gefragt wird, dann schüttelt er kräftig sein Haupt, und wenn er überhaupt antwortet, so geschieht es in einem Rätselwort.
Der Forscher läßt sich jedoch dadurch nicht entmutigen. Er zerschlägt listig das ganze Rätsel in mehrere Teilfragen und wiederholt vereinfacht den Versuch, bis er die Gesetzmäßigkeiten des Geschehens klar erkennt. Mit der Erkenntnis der Natur sind aber dem Menschengeiste meist gleichzeitig die Mittel zu ihrer Beherrschung gegeben.
Als er nun gar entdeckte, daß er selbst den Gesetzen des Naturreichs unterworfen ist, übertrug er den Versuch auch auf sich selbst. Es wäre nun merkwürdig, wenn er vor dem Gehirn und seinen Fähigkeiten haltgemacht hätte. So haben wir denn tatsächlich seit etwa 60 Jahren den wissenschaftlichen Versuch im Geistesleben, d. h. eine Erforschung nach naturwissenschaftlichem Verfahren.
Lotzes, Steinthals, F. H. Weber-Fechners Versuche über leiblich-seelische Wechselbeziehungen[2] und Helmholtz’ Untersuchungen über Sinnesvorgänge bereiteten die Bahn vor, die erst Wilhelm Wundt nachdrücklich beschritt, um mit Hilfe des wissenschaftlichen Versuchs die Psychologie,[3] die bisher rein grübelnd übersinnliche Geisteswissenschaft gewesen war, mit neuen und +sicheren+ Ergebnissen zu bereichern. Seitdem ist in vielgliedriger Gelehrtenarbeit mit Bienenfleiß eine ungeheure Menge geistiger Tatsachen zusammengetragen worden. Die neue Seelenforschung ist eine wissenschaftliche Bewegung fast ohnegleichen geworden. Sie steht heute im Mittelpunkte unseres Denkens und beeinflußt alle Strömungen unserer Zeit.
+Ein+ Rätsel lag der seelischen Forschung besonders nahe, das +Gedächtnis+, das als Grundbedingung alles höheren geistigen Lebens wohl überhaupt die tiefste Frage der Seelenkunde ist. Auch technische Vorzüge hat gerade diese Frage: Die Arbeitsleistungen des Gedächtnisses sind ja genau gemessen, und die Lernbedingungen lassen sich auch in zahlloser Weise verändern. Ebbinghaus war der erste Forscher, der dieses Teilgebiet bearbeitete, indem er in mühseliger Arbeit sinnlose Silben unter den verschiedensten Bedingungen selbst lernte und so die grundlegenden Ergebnisse der Gedächtnisforschung entwickelte.
Obgleich aber diese Wissenschaft heute mit wichtigen Ergebnissen einer fast abgeschlossenen Gedächtnisforschung aufwartet, ist leider von einer allgemeinen Nutzbarmachung so gut wie nichts zu spüren. Und doch ist es +ein dringendes Bedürfnis unserer Zeit, bei den großen Anforderungen, die an das Wissen und Können jedes Menschen unserer Zeit, besonders aber des Schülers, gestellt werden, diese Schätze zu heben. Es ist eine unverantwortliche Kraft- und Zeitvergeudung+, wenn Lehrer ihre Schüler, Eltern ihre Kinder planlos oder mit unsinnigem Verfahren den nun einmal erforderlichen Gedächtnisstoff einprägen lassen.
Die Überbürdungsfrage im Schulbetriebe wäre zur Hälfte gelöst, wenn jedes Kind zu einem vernünftigen Gebrauche und zu sinngemäßer Pflege seiner Gedächtniskraft erzogen würde. Die Kurzsichtigkeit würde vermindert, Zeit und Nervenkraft gespart werden. Dann ließe sich auch Zeit für bessere körperliche Ausbildung des Schülers gewinnen, damit jeder fähig ist, mit Körper und Geist, also mit allen seinen Kräften, dem Vaterland zu dienen.
Dabei will dieses Büchlein helfen. Es soll eine volkstümliche, kurze, aber doch nach Möglichkeit umfassende Darstellung bewährter alter Wege und neuerer Versuchs-Gedächtnisforschungen auch für Eltern und Schüler sein. --
[1] Binets und Simons Untersuchungen an geistig Minderwertigen (Imbezillen und Debilen) haben bewiesen, daß ein umfangreiches Gedächtnis eine recht seltene Ausnahme ist. Einer geringen Klugheit entspricht ein geringes Gedächtnis. Das ist die Regel. Die Untersuchungen an Durchschnittsschulkindern bestätigen sie durchaus. Erwähnt sei aber immerhin, daß bei Minderwertigen auch einmal eine Gedächtnisart sich ganz fabelhaft entwickeln kann. Ein geistig minderwertiger Vierzehnjähriger z. B. sagte nach drei Minuten Einprägung eine Seite lateinischer Wörter her, ohne je Latein gelernt zu haben. Vgl. auch S. 58 Inaudi.
[2] Vgl. die Kosmos-Buchbeilage Dr. H. Dekker, Fühlen und Hören, S. 32/33.
[3] ~psyche~ (griech.) = Seele, ~logos~ (griech.) = Wort, Lehre. Psychologie = Seelenlehre, Seelenkunde. Leider ist unser wissenschaftliches Schrifttum noch so verwelscht, daß wir die Welschwörter noch daneben setzen müssen. Sonst findet sich der Leser auf keiner Seite einer wissenschaftlichen Abhandlung zurecht.
III. Bewußtseinsvorgänge.
Nach traumlosem, tiefem Schlafe, dem wir bewußtlos hingegeben waren, erwachen wir und mit uns die +bewußte+ Tätigkeit unseres Geistes. Wir +wissen+ von uns selbst, erkennen Teile der Außenwelt, wir sind bei +Bewußtsein+. Im Bewußtsein beginnt nun die Verarbeitung von Reizen der Außenwelt; denn an Auge und Ohr treten Äther- und Luftschwingungen. Die Sinnesnerven leiten die Reize weiter,[4] und im Gehirn haben wir +Empfindungen+. Darunter versteht der Forscher ein kühles Kenntnisnehmen von dem Reiz, das in Wirklichkeit so kühl gar nicht vorkommt. Wenn wir durch sinnreiche Apparate den Puls eines Menschen aufzeichnen lassen und zeigen ihm eine einfache Farbe, etwa Blau, oder lassen einen Ton erklingen -- sofort zeigt der Puls Veränderungen, weil das Herz durch Gefühle etwas beeinflußt ist. Schon daraus sehen wir, daß mit den einfachsten Empfindungen schon +Gefühle+ verknüpft sind. Reine Empfindungen, also bloßes kühles Kenntnisnehmen von Reizen ohne Gefühlsbegleitung, gibt es nicht. Der Seelenforscher aber muß die verwickelten geistigen Vorgänge zergliedern und unterscheidet deshalb scharf zwischen Empfindung, Gefühl und Willen. In Wirklichkeit hängen diese drei Elemente des Bewußtseins eng verbunden miteinander zusammen. Wie eng, das werden wir noch in diesem Abschnitt erkennen.
[Illustration: Abb. 1. Einfache Zuckung (Reflexbewegung).]
[Illustration: Abb. 2. Leitung des Reizes bei bewußten Empfindungen (willkürliche Bewegungen).]
Selbst wenn wir in einem stillen Zimmer die Augen schließen und kein störender Reiz uns trifft, merken wir doch noch deutlich, daß wir bei Bewußtsein sind, und können irgendein Erlebnis, einen Spaziergang u. dgl. +vor+ unser geistiges Auge, wie wir das Bewußtsein auch nennen können, +hinstellen+. +Vorstellungen+ sind es, die dann im Bewußtsein vorüberziehen. Freilich gelingt es uns nicht, alle Einzelheiten des damals Geschauten oder Erlebten wieder aufleben zu lassen. Unser körperliches Auge sieht ja nicht alles, und was es sieht, nicht überall mit gleicher Deutlichkeit. Von all dem aber, was unsere Augen sehen, macht das Bewußtsein, das geistige Auge, abermals einen Abzug; denn es hält Auslese. Nur das nehmen wir in unsern Geist auf, was das innere Auge aufmerksam betrachtet hat. (Vgl. auch S. 50 ein auffallendes Beispiel dazu.)
Und damit sind wir wieder bei dem großen Rätsel angelangt, dem wir uns in diesem Buche widmen wollen: Was von unserm Bewußtsein erfaßt wurde, ob es nun dem Gesichts-, Gehörs-, Körpergefühls-, Geruchs- oder Geschmacksbereich angehört, können wir als Vorstellung in ähnlicher Weise auch wieder ins Bewußtsein zurückrufen. Diese großartige Fähigkeit, Erinnerungsreste (Vorstellungen) im Bewußtsein in ähnlicher Weise wie früher wieder aufleben zu lassen, bezeichnen wir, wie schon gesagt, als Gedächtnis.
Cartesius war der Meinung, was durch das Bewußtsein eingehe, hinterlasse (Gedächtnis-) +Spuren+. Diese Ansicht ist ein Fortschritt gegenüber Platos Veranschaulichung dieses Rätsels. Nach ihm sollen wir uns Erinnerungsbilder in der Seele ähnlich vorstellen, als wie den Siegelabdruck im Wachs. Aber auch des Cartesius’ Ansicht führt leicht zu grobsinnlicher Auffassung der Gedächtnisfrage. Deshalb redet man heute vorsichtiger von +Anlagen zur Wiederbelebung+ früherer Empfindungen. Damit meint man, daß jeder Eindruck infolge der Anlage (oder Disposition) leicht wieder erneuert werden kann, sogar dann erneuert werden kann, wenn die Empfindung längst vorüber ist. Sie dauert mitunter jahrzehntelang. Ja, Ebbinghaus, der bei seinen Versuchen noch nach langen Zeiträumen Ersparnisse beim Wiedererlernen feststellen konnte, ist der Meinung, daß es bei Gesunden kein restloses Vergessen gibt.
Es ist unmöglich, uns der geistigen Schätze an Vorstellungen, die unser Gehirn besitzt, auf einmal bewußt zu sein; sie ruhen in ungeheurer Menge gewissermaßen in Dunkelheit, im +Unbewußten+. Nur einige wenige treten über die Bewußtseinsschwelle ins Bewußtsein ein, und jetzt erst bemerken wir sie.
[Illustration: Abb. 3. Schnellseher nach Wundt. Rechts Schieber in einem Augenblick des Falles. (Aus Schulze, Werkstatt der experiment. Psychologie und Pädagogik.)]
Nun ist es mit unserem geistigen Auge ebenso wie mit dem körperlichen: Das Bild, das unser Blick erfaßt (das Blickfeld), ist nicht in allen Teilen gleich deutlich und klar. Nur einen kleinen Ausschnitt des Bildes in der Richtung, in der das Auge gerade blickt, sehen wir ganz klar, den Blickpunkt.
Die Vorstellung nun, die eben aus dem großen Reich des Unbewußten über die Bewußtseinsschwelle ins Bewußtsein eingetreten ist, erscheint uns noch nicht ganz deutlich und klar. Sie steht nun zwar im Blickfeld des Bewußtseins, erreicht aber erst ihre höchste Klarheit und Deutlichkeit, wenn sie in den Blickpunkt des Bewußtseins („Brennpunkt der Aufmerksamkeit“ nach Wundt) weiterschreitet. Dies geschieht unter der Leitung der Aufmerksamkeit, von der sie hier festgehalten werden kann, sonst schreitet sie vom Blickpunkt in das Blickfeld und wird immer mehr verdunkelt. Wenn sie nicht von der Aufmerksamkeit wieder in den Blickpunkt gehoben wird, sinkt sie nach einiger Zeit über die Schwelle des Bewußtseins ins Unbewußte zurück. Wir merken dann nicht eher wieder etwas von ihr, als bis sie wieder einmal über die Bewußtseinsschwelle gelangt. Fortwährendes Gehen und Kommen geistiger Inhalte finden wir so im Bewußtsein. Alle wandern durchs Blickfeld (Perzeption),[5] nicht alle durch den Blickpunkt (Apperzeption),[6] nämlich nur die durch Aufmerksamkeit ausgezeichneten.
Früher wurde hin und wieder behauptet, in einem Augenblick könne unsere Aufmerksamkeit sich nur +einem+ Eindruck hingeben, sich nur auf +eine+ Vorstellung richten. Das ist aber eine Unterschätzung dieser geistigen Kraft des Bewußtseins und der Aufmerksamkeit. Rein aus der Erfahrung liefert uns die Schrift der Blinden den Gegenbeweis.
Ihr Urheber, der französische Blindenlehrer Braille, hatte in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts keine Ahnung von den Ergebnissen der Versuchs-Seelenforschung und jener merkwürdigen Beständigkeit des Bewußtseinsumfangs (Höchstzahl 6 Einheiten), die wir sofort kennenlernen werden. Da er selbst erblindet war, kam er nach den mannigfaltigsten Versuchen und Übungen darauf, nicht über sechs verschieden gelagerte (erhabene, d. h. fühlbare) Punkte hinauszugehen = ⠿ Nur so können diese Punkte als Buchstaben von den Blinden leicht und sicher tastend unterschieden werden. Gewöhnlich werden dazu beide Zeigefinger benützt. Der rechte geht voraus und faßt +gleichzeitig+ die vorhandenen Punkte auf, der linke folgt prüfend, zergliedernd und faßt die Punkte +nacheinander+ auf.
Die Buchstaben ~A~-~J~ werden durch die obersten vier Punkte dargestellt, die Buchstaben ~K~-~T~ entstehen durch Hinzufügen des untersten linken Punkts. Zu diesen Zeichen noch den rechten untersten Punkt gesetzt, ergibt den Rest des Abc.
⠁ ⠃ ⠉ ⠙ ⠛ ⠟ ~a~ ~b~ ~c~ ~d~ ~g~ ~q~
Diese Beschränkung auf 6 Punkte ist nicht zufällig gewesen. 9 Punkte etwa hätten Gelegenheit gegeben, noch Zahlen und Satzzeichen darzustellen. So fehlen diese.
Für den Gesichtssinn gilt das gleiche. Wird eine Anzahl unzusammenhängender Linien, Punkte, Ziffern oder Buchstaben dem Auge in Bruchteilen einer Sekunde gezeigt und dann schnell wieder verdeckt -- genaue Versuche ermöglichen die verschiedenen Arten der Schnellseher[7] (Tachistoskope) --, so zeigt sich, daß Ungeübte 3-4, Geübte dagegen 6 einzelne Linien, Punkte, Ziffern, Buchstaben klar und deutlich gleichzeitig erfassen können. 6 Einheiten vermag die Aufmerksamkeit also beim Gesichtssinn +gleichzeitig+ zu umfassen. Beim Gehör arbeitet sie in ähnlicher Weise. 6 getrennte Schalleinheiten, etwa Taktschläge, umfaßt sie auch +nacheinander+, nur muß auf strenge Sonderung der einzelnen Schläge geachtet werden.
* * * * *
Sowie etwas Takt oder Sinn mitspielt, umfängt die Aufmerksamkeit sogleich bedeutend mehr. Wenn nämlich dem Auge in obiger Weise sinnlose Silbenverbindungen geboten werden, erfassen wir in einem gegebenen Augenblick 6-10 Buchstaben, bei geläufigen Satzbildungen, Sprichwörtern, gar 4-5 kurze Worte mit zusammen 20-30 Buchstaben. Selbst der Ungeübte vermag folgendes Wort zu lesen, es in einem Augenblick überfliegend:
Sommernachtstraum.
Beim Gesichtssinn +gleichzeitiges+ Umfangen mit der Aufmerksamkeit (simultan), beim Gehörssinn +nacheinander+ (sukzessiv) -- es bleibt das gleiche Ergebnis: Höchstens 6 voneinander getrennte Einheiten umspannt die Aufmerksamkeit. Wir wollen uns durch folgenden einfachen Versuch selbst davon überzeugen. Wir lesen einer andern Person ohne Taktgliederung (!) und ohne Betonung (!) folgende Silben vor:
~su~, ~le~, ~ar~, ~ip~, ~ed~, ~ok~.
Sie wird uns diese 6 Einheiten aus 12 Lauten bestehend wiedergeben können. Wir bieten ihr in gleicher Weise folgende Silben:
~som~, ~dek~, ~lim~, ~fag~, ~tub~, ~ked~, ~hif~, ~ent~.
Höchstens 6, meistens weniger, etwa 5 Silben mit 15 Buchstaben, vermag sie uns wiederzugeben.
Die Macht der Gliederung aber erkennen wir so recht aus den Versuchen Wundts. Mit Klopfapparaten, die auf bestimmte Schläge Nachdruck legen, z. B. beim ⁴⁄₄-Takt auf den ersten stark, auf den dritten nicht so stark, auf den zweiten und vierten Schlag schwach klopfen, läßt sich bei einiger Übung feststellen, daß die Aufmerksamkeit umfassen kann (der Nachdruck wird durch Striche über der Note angezeigt):
[Illustration: 6 unrhythmische Eindrücke.
12 = ~M. M.~[8] 6×2 im ²⁄₈-Takt rhythmisierte Eindrücke.
20 = 5×4 Achtel im ²⁄₄-Takt.
40 = 5×8 Achtel im ⁴⁄₄-Takt.]
Mit 40 Eindrücken, in 5 Einheiten zusammengefaßt, ist der Höhepunkt erreicht, und zwar bei geübten Versuchspersonen.
Tragen wir mit Takt und Betonung etwas verhältnismäßig Sinnvolles vor, so ist es auch Ungeübten möglich, mit ihrer Aufmerksamkeit sehr viel zu umspannen. Und vermuten läßt sich, daß es uns noch leichter fallen wird, wenn wir die 3 Hilfen: Takt, Betonung und etwas Sinn, nützen dürfen. Wie leicht fällt uns darum die Auffassung und Wiedergabe z. B. des Signals zum Sturm auf den Feind:
[Music: Sehr rasch ♩ = 120.
Kartoffelsupp, Kartoffelsupp, den ganzen Tag Kartoffelsupp, Supp, Supp, Supp. Geht schneller Geht schneller geht immer immer schneller vor! vor! vor! vor! vor! vor! ]
Wir erkennen also schon hieraus ein grundlegendes geistiges Gesetz: Getrennte Elemente vermag unser Bewußtsein nur wenige (6) aufzufassen. Je mehr aber +gegliederter Zusammenhang+ herrscht, desto mehr vermag die Aufmerksamkeit zu umspannen und zu verarbeiten.
[Illustration: Abb. 4. Verlauf der Empfindungen und des Gefühls bei Einwirkung regelmäßiger Taktschläge (Nach Wundt.)]
Das bringt uns auf die Frage, ob denn jene 6 getrennten Schalleindrücke im Geiste getrennt bleiben? Ist die Zeit von einem Taktschlag zum andern wirklich ganz leer? Nein! Eine aufmerksame Selbstbeobachtung schon zeigt uns, daß seelische Elemente ausfüllend und so verbindend wirken. Wenn wir aufmerksam auf etwas hören, haben wir leise Spannungsempfindungen und -gefühle am Trommelfell, das Augenzwinkern unterbleibt, dem Gesicht sieht man an, daß es gespannt ist, die Atmung wird für Augenblicke unterbunden, zum mindesten verflacht. In dieser Beherrschung so vieler Muskeln, mitunter des ganzen Körpers, zeigen sich uns Willensäußerungen; dazu haben wir deutlich die Gefühle und Empfindungen der Spannung, des Tätigseins, der Anstrengung. Das alles +vor+ einem Taktschlag, hinterher stellt sich für Bruchteile einer Sekunde das Gefühl der Entspannung, der Lösung ein, um in Erwartung des nächsten Taktschlags wieder zum Gefühl der Spannung emporzuschnellen. Der Verlauf dieser Empfindungen und Gefühle bei Einwirkung regelmäßiger Taktschläge läßt sich etwa so veranschaulichen (s. Abb. 4). Punktiert sind die Empfindungen von den Taktschlägen 1 2 3 4 5.
Doch nicht nur +Spannung und Lösung+, noch zwei ganz andere Gefühlspaare können sich mit den bloßen Empfindungen verbinden: +Lust und Unlust+, +Erregung und Beruhigung+.
Wir erwähnten schon, daß die einfachsten Empfindungen von uns nicht kalt hingenommen werden. Es ist sofort für Gefühlsbegleitung gesorgt, wie wir aus den Veränderungen der Atmung und des Herzschlags ersehen. Diese Veränderungen können mit langen Hebelvorrichtungen auf berußtes Papier geschrieben werden.[9] Nach Wundt herrschen folgende Gesetzmäßigkeiten zwischen Puls und Gefühlen:
[Illustration:
Puls +--------+-----------------+ | | verlangsamt beschleunigt +------+-------+ +-----+------+ | | | | | | verstärkt | geschwächt verstärkt | geschwächt | | | | | | durch durch durch durch durch durch Lust Spannung Beruhigung Erregung Lösung Unlust | | +------------+ | | | +--------------------------+ | +----------------------------------------+
Abb. 5. Die Gesetzmäßigkeit zwischen Puls und Gefühlen. (Nach Wundt.)]
In diesen sechs Gefühlsrichtungen liegt eine ungeheure Summe von Gefühlsschattierungen und -verbindungen, die zu jeder Empfindung hinzutreten können.
Empfindungen enthalten Tatsächliches über die Außenwelt, Gefühle dagegen sind persönliche, innerliche Antworten des Geistes auf Reize.
So erblicken wir bei tieferer Betrachtung in unserm Geiste den mächtig schaffenden Grundsatz der Verbindung, weitgehender Verquickung und Durchdringung, aber doch auch wieder Wahrung der Eigenart der geistigen Elemente. Empfindung, Gefühl, Wille treten nicht vereinsamt auf, sondern immer eng verschlungen wie die Fäden eines wundersam verknüpften Flechtwerks.
Jetzt begreifen wir, warum wir überhaupt fähig sind, die einzelnen Hornstöße des Sturmsignals im Zusammenhang nachzusingen. Wenn wir nicht diesen Grundzug des Geistes kennten, getrennte Empfindungselemente mit anderen Empfindungen, mit Gefühls- und Willenswerten zu verknüpfen und zu einem Ganzen, zu einer Einheit, zusammenzuschweißen, würden wir vor einem Rätsel stehen. So aber zieht die Vorstellung vom ersten Hornstoß alles andere ins Bewußtsein nach, weil alles Dazugehörige: Empfindungen mit Klang-, Spannungs-, Lösungs-, Tätigkeits-, Lustgefühlen usw. verbunden wird, wozu noch eine Verknüpfung mit dem Wortgedächtnis getreten ist: „Kartoffelsupp, Kartoffelsupp, den ganzen Tag Kartoffelsupp, Supp, Supp, Supp.“ Dabei fühlt jeder ganz deutlich eine damit verbundene Gefühlsmischung, die sich nicht leicht in Worte fassen läßt: Das Ganze wirkt scharf, rhythmisch, stramm, ulkig usw. Im Gefecht treten dazu noch ganz andere, vorzugsweise Willenswerte von Pflicht, Gehorsam, Begeisterung, Wut usw. Ich erinnere mich noch ziemlich deutlich meiner eigenen Bewußtseinslage beim Hören dieses Rufes im Schlachtgetümmel. An das „Kartoffelsupp“ dachte ich nicht mehr, sondern werbend und mahnend, aufreizend und vorwärtsdrängend stand nur die andere Sinnverbindung im Blickpunkt des Bewußtseins: „Geht schneller vor, geht schneller vor, geht immer, immer schneller vor, vor, vor, vor!“ Und war man auch vom letzten Sprung noch atemlos, dieser Ruf stachelte an und peitschte alle vorwärts, bis nach ungeheuern Anstrengungen und Opfern die Stellung der Russen unser war.
Dieses Verbindungenschlagen der geistigen Elemente untereinander bezeichnet man, wenn es von selbst geschieht, als +Assoziation+ (~socius~ [lat.] = der Genosse, der Gesellschafter).
Es wird Zeit, daß wir auch in der Wissenschaft den fremden Sprachplunder loswerden: Vorstellungsverbindung ist für die Zunge nicht leicht genug. Das lange Wort mehrere hundertmal in einem Buche gebraucht, kostet Zeit, Lohn, Papier usw. Also: +Vorstellbindung+ kann nicht mißverstanden werden.
Diese Bindungen verglich man früher mit einer Kette, bei der die Einzelvorstellungen, den Gliedern einer Kette gleich, aneinander gereiht sind. Jetzt veranschaulicht man das Wesen dieser nicht einseitigen, sondern vielseitigen, fast allseitigen Bindungen besser als ein weitverzweigtes Geflecht, als ein vielseitig brauchbares Netz.
+Arten der niederen geistigen Verbindungen+ (Assoziationen).
1. Wenn wir auf der Orgel einen Ton erzeugen, glauben wir, +einen+ Ton zu vernehmen. Wir sind sehr erstaunt, wenn wir mit Hilfe der Helmholtzschen Schallverstärker erkennen, daß dieser +eine+ Ton sich aus einem Grundton und einer ganzen Menge von Obertönen zusammensetzt, die jenem die Klangfärbung geben. So innig haben sie sich verbunden, daß wir die Obertöne fast nie heraushören. Wenn sich Metalle zu einer Legierung verbinden, verschmelzen sie. Wir reden hier von einer vollkommenen +Verschmelzung+ und erblicken darin eine Art der niederen Bindungen. Die Haupttöne eines Akkordes verschmelzen ziemlich innig, z. B. bilden in dem Vierklang ~c~ ~e~ ~g~ ~c´~ die Klänge ~c~ und ~c´~ eine nahezu vollkommene, ~c~ und ~g~, ~c~ und ~e~ aber unvollkommene Verschmelzungen. Noch unvollkommener verschmelzen ~c~-~es~. Darum ist ein Mehrklang immerhin eine Verschmelzung, aber eine lose.
Fast jeder Geschmack außer den einfachen Empfindungen: süß, sauer, bitter, salzig, ist eine Verschmelzung der Geruchs- und Geschmacksempfindungen. Wenn wir jemand bitten, sich die Nase zuzuhalten, und geben ihm kleine Zwiebelstückchen in Würfelform zu kauen oder streichen ihm die schönste Vanillentunke auf die Zunge, so kann er nicht angeben, was er im Munde hat. Erst wenn er die Hand von der Nase wegnimmt, +riecht+ er, was wir ihm gaben. Er sagt aber sicher: „Jetzt +schmecke+ ich, daß es Zwiebel (Vanille) ist.“
Unsere räumlichen Gesichtsvorstellungen sind Verschmelzungen der Netzhautempfindungen mit jenen äußerst feinen, die Stellung und Bewegungen des Auges begleitenden Muskelempfindungen (vgl. Praktische Gedächtnispflege S. 40-42). Doch nicht nur Empfindungen verschmelzen untereinander, auch Empfindungen mit Gefühlen und Gefühle untereinander. Von den vielen tausend Möglichkeiten wollen wir ein echtes Beispiel herausgreifen, das sog. +Gemeingefühl+. Es ist eine innige Verschmelzung hauptsächlich der sinnlichen Gefühle, die an die Spannungs- und Bewegungsempfindungen der Muskeln und an die Empfindungen der inneren Schleimhäute, besonders des Magens, geknüpft sind. Darauf beruht also unser Gesamtbefinden, die Frische und Lebendigkeit, die uns beseelt, oder die allgemeine Unlust und Mattigkeit, die uns mitunter beherrscht.
2. Eine neue, die Verschmelzung ergänzende Form der Vorstellbindungen lernen wir kennen, wenn wir das folgende Bildchen (Abb. 6) aufmerksam betrachten: Ganz deutlich sehen wir, wie sich das vorderste Kind herumdreht, das dritte Mädchen, mit zwei Zöpfen, nach oben schaut. So meisterhaft hat der Künstler die weißen Fleckchen angebracht, daß die Personen des Bildes stellenweise geradezu körperlich heraustreten.
[Illustration: Abb. 6. Die umbildende Angleichung beim Betrachten von Bildern.
(Aus Neue Bahnen, 1906.)]