Chapter 2 of 6 · 3982 words · ~20 min read

Part 2

Diese prächtige Gelegenheit, unsere seelische Tätigkeit bei einer Bildbetrachtung zu zergliedern, wollen wir nicht ungenutzt vorübergehen lassen. Wollen wir zunächst mit schwarzem oder geschwärztem Papier alle weißen Kleckse, die Lampen darstellen, zudecken! Dann nehmen wir ein Stück Papier zur Hand! Damit decken wir zunächst die obere Hälfte des Bildchens zu, so daß der unterste Rand des Papierstreifens in der Richtung der Linie ~a~--~a~ liegt. Wie? diese länglichen weißen Spritzer haben wir als Kinderkörper gedeutet?

Nun decke man die untere Hälfte des Bildes zu, daß der Streifenrand in der Richtung ~b~-~b~ liegt! Mit Ausnahme des zweiten Kindes von links werden wir kaum in jenen Flecken Köpfe vermuten. (Überzeugen!!)

Wie können diese unverständlichen Lichtflecke und -linien von uns zu einem so „sprechenden“ Bilde gedeutet werden? -- +Wir+ sind es, die eine Deutung ins Bild hineintragen, +wir+ geben unglaublich viel alte Vorstellungselemente von Kindern, Laternen usw. an den neuen, an sich gänzlich unvollständigen, feinberechnet unvollständigen Eindruck ab. Der neue, ganz und gar lückenhafte Eindruck wird im Nu ergänzt durch früher erworbene entsprechende Vorstellungen aus dem Gesichtsgedächtnisschatze. +So+ wird der Eindruck „aufgefaßt“, „verstanden“. Wenn der Künstler die weißen Flecke nicht so geschickt angebracht hätte, so wären aus unserem Gedächtnis keine unbewußt ergänzenden Vorstellungselemente hinzugetreten, würde uns das Bildchen „unverständlich“ bleiben -- wir wüßten „nichts mit ihm anzufangen“. Dieses gleichzeitige Zusammenfließen alter und neuer Vorstellungen wird als +Assimilation+, als +umbildende Angleichung+, bezeichnet.

Alle Bild- und Gemäldebetrachtungen sind umbildende Angleichungen. Doch nicht nur sie, auch alle Auffassungen von Dingen, die wir wiederholt sehen. Angenommen, wir sehen einen wirklichen Fackelzug der Kleinen. Wie unendlich lange Zeit würden wir wohl brauchen, um die ungeheure Fülle von Einzelempfindungen, die gewaltige Flut von Gefühlen und ihren Verbindungen, wirklich alle aufzufassen! So greift unsere Aufmerksamkeit aus der Fülle von Eindrücken nur einige wenige Züge heraus (Kinder, Fackeln, Laternen). Wir haben gar nicht die Zeit, alle Einzelheiten aufzufassen. Aus früheren Vorstellungen wird so schnell, daß wir es gar nicht merken, alles Fehlende ergänzt.

Auf diese Weise wird die Auffassung aller Eindrücke wesentlich beschleunigt, weil unser Bewußtsein natürlich mit Erinnerungsvorstellungen viel schneller arbeiten kann, als wenn eine Zergliederung der gesamten Flut von Eindrücken erfolgen müßte. Wir erinnern uns daran, daß unser Bewußtsein nur 6 Einheiten gleichzeitig aufnehmen kann. Wem das als ein Mangel erscheint, der wolle ja bedenken, daß ohne diese wundervolle Angleichung und ohne jene Bewußtseinsenge die Eindrücke unserer Umgebung das Bewußtsein erdrücken oder wir so fassungslos dastehen würden wie ein Blinder, der plötzlich sehend wird.

Genau der gleiche Fall liegt vor beim Übersehen von Druckfehlern. Unser Lesen ist infolge der Übung so geschwind, daß wir nicht mehr Buchstaben an Buchstaben reihen, sondern wir überfliegen ganze Wörter. Kaum ist das Wortbild flüchtig erfaßt, sofort kommt aus dem Erinnerungsschatze das ganze Wort und die richtige Wortbedeutung ins Bewußtsein. Wir +übersehen+ also eigentlich +nicht nur+ den Fehler, wir tun noch viel mehr, +wir setzen+ unbewußt infolge des lebendigen, sofort sprungbereiten Vorstellungsschatzes das +richtige Wort an Stelle des falschen+.

Beim Sprechen, besonders beim schnellen, werden ganze Silben verschluckt, ganze Wörter arg verstümmelt, und doch hören wir sie richtig. Sofort, wenn solche unvollständige Klanggebilde ins Bewußtsein treten, taucht das vollständige Wort aus dem Gedächtnis ergänzend auf, verbindet sich mit dem neuen Klanggebilde, und die Wortbedeutungsvorstellung tritt dann auch noch aus dem Gedächtnis ins Bewußtsein. So verstehen wir. Wie unvollständig unser sprachliches Hören meist ist, merken wir erst, wenn wir uns einmal verhören. Wir glauben ein Wort bestimmt gehört zu haben, während es nachweislich gar nicht gefallen ist. +Aus unserm Gedächtnis+ stammt das Wort mit Wortbedeutung. +So mächtig treten alte Vorstellungen auf, daß sie jene unklare Schallempfindung vollkommen in den Schatten stellen und uns selbst weismachen, es sei der neue Eindruck.+

Diese Umbildungsvorgänge machen uns um eine wichtige Entdeckung reicher. Sie zeigen uns, +wie unglaublich viel Altes, Gedächtnismäßiges wir in unsere Erlebnisse hineintragen+. Alles Erkennen und Wiedererkennen sind Umbildungen, wobei von den betreffenden alten Vorstellungen meist ein gemengter Knäuel von Erinnerungsresten rege wird.

Uns fällt das Sprichwort ein: „Irren ist menschlich!“ Das hat uns die Erfahrung schon oft gezeigt. Wie tief dieses Irren aber schon in den einfachsten Erinnerungsvorgängen begründet ist, hatten wir doch nicht vermutet. Ist doch insofern alle menschliche Auffassung ein Irren!! So erklären sich schon manche Mängel der Zeugenaussage. Vgl. S. 50-55.

Jetzt beginnen wir zu ahnen, von welch gewaltiger Bedeutung die Forderung ist: „Mehr Arbeit der Sinne!“ (S. 50.) Es leuchtet doch ein, daß nur dann eine neu auftretenden Reizen entsprechende Auffassung erfolgen kann, wenn wir früher +peinlich genau ähnliche Dinge aufmerksam zergliedernd auffaßten+ und so einen reichen Schatz möglichst vollständiger und richtiger Vorstellungen erwarben.

3. Es sind aber auch Vorstellbindungen verschiedener Sinnesgebiete möglich. Freilich besteht zwischen den einzelnen Sinnen eine Scheidewand, so daß ein ununterscheidbares Zusammenfließen wie bei der vollkommenen Verschmelzung nicht stattfinden kann. Aber doch knüpfen sich auch hier zarte Bande, die allerdings etwas loser sind als die Verbindungen des gleichen Sinnesgebiets, aber doch noch als feste Bindungen angesprochen werden müssen. Es sind die „+Komplikationen+“ (ich schlage dafür vor „mehrsinnliche Bindungen“). Wenn wir einen Borsdorfer Apfel sehen, und es läuft uns das Wasser im Munde zusammen, so ist das nur möglich, weil die Gesichtsvorstellung vom Borsdorfer Apfel mit der Geschmacksvorstellung früher eine Bindung eingegangen ist, so daß jetzt sofort die Speicheldrüsen abzusondern beginnen. Ein starker Donner weckt in unserm Bewußtsein gleichzeitig vielleicht das Gesichtsbild eines Feldgeschützes oder Mörsers infolge der Gehör-Gesichtsbindung. Beim stillen Lesen können viele an sich beobachten, wie sie leise Sprechbewegungen ausführen. (Siehe später Inaudi! S. 57.) Eine Übersicht würde uns also bieten:

Vorstellbindungen (Assoziationen)

eines Sinnesgebietes, verschiedener Sinnesgebiete / \ | / \ | Verschmelzung Angleichung vielsinnliche Bindung (Assimilation) (Komplikation)

Endlich gibt es auch Bindungen, die nicht in einer für die Beobachtung unteilbaren Tat (simultan) vor sich gehen, sondern wo infolge Verzögerung deutlich zwei Teile nachzuweisen sind. Diese verzögerte (sukzessive) Vereinigung +beruht+ sonst +auf den gleichen allgemeinen Ursachen+ und hat +dieselben Eigenschaften+ zweier gleichzeitiger Bindungen, der umbildenden Angleichung und der mehrsinnlichen Bindung. Sie ist der Beobachtung leicht zugänglich; denn alles, was uns von selbst einfällt, wenn wir uns ganz willenlos dem Spiel der Gedanken hingeben, ist verzögerte Bindung. +Das gesamte Erinnern, sämtliche Gedächtnisvorgänge sind nacheinander ins Bewußtsein tretende Vorstellbindungen.+ Scheinbar von selbst folgt einer Vorstellung dann eine ganze Menge anderer. Wir wissen aber, daß +dieses Folgen nur auf Grund von Verbindungen+ möglich ist. Deshalb verweisen wir andauernd auf frühere oder spätere Stellen, damit jeder beim zweiten Lesen möglichst viele Brücken schlägt.

Wirkt aber bei den geistigen Verbindungen der Wille mit und unterscheiden wir deutlich Gefühle der Spannung, der Tätigkeit dabei, so entstehen nach Wundt Apperzeptionen, die unmittelbar unter der Mitwirkung der Aufmerksamkeit zustande kommen. Denken, Überlegen, Einbildungskraft und Verstandestätigkeit sind (nach Wundt) +solche+ Verbindungen. Durch sie nur sind dann solche weitgespannten Zusammenhänge und Überblicke (Synthesen), solche tiefeindringenden Zergliederungen (Analysen) möglich, wie wir sie bei den Größen des Geistes bewundern.

Für Apperzeption, wie sie Wundt auffaßt, haben wir zahlreiche deutsche Wörter: denken, beziehen, überlegen, zergliedern, verknüpfen, verketten usw. Durch sie entstehen +die höheren, den Menschen vor der Tierwelt auszeichnenden Gedächtnisverknüpfungen+. Von diesen höheren Verbindungen läßt Goethe den Teufel bewundernd sprechen:

„Es ist mit der Gedankenfabrik, Wie mit einem Webermeisterstück, Wo ein Tritt tausend Fäden regt, Die Schifflein herüber, hinüber schießen, Die Fäden ungesehen fließen, Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.“

[4] Wie derartige Reize zustande kommen und wie sie von den Sinnesnerven fortgeleitet werden, um als Empfindungen in unser Bewußtsein zu treten, zeigen die beiden ersten Abbildungen. Unser Finger berührt einen heißen Gegenstand oder verletzt sich an einer Nadel; sofort wird der Finger auch schon zurückgezogen, ohne daß unser Wille daran beteiligt ist. Das geht so zu: Der heftige Reiz (Hitze, Stichverletzung) erregt eine Empfindungs-Nervenzelle, ein Sinneskörperchen, von denen Hunderte und Tausende auf Fingern, Lippen und anderen empfindlichen Stellen verteilt sind (Abb. 1). Jedes dieser Sinneskörperchen, die nur einige Tausendstel-Millimeter messen, ist von einer feinen Nervenfaser umstrickt, die sofort den Reiz bis zum Hinterhorn des Rückenmarks leitet. Dort löst er eine so starke Erregung aus, daß sie nach dem Vorderhorn zu (motorischen) Bewegungs-Nervenzellen überstrahlt und dort auch Erregung verursacht. Sie teilt sich der Bewegungsnervenfaser mit, die den dazugehörigen Muskel zusammenzieht und den Finger von der gefährdeten Stelle entfernt. Der Zuckungsbogen ist geschlossen, wir haben eine unwillkürliche Bewegung, eine Reflexbewegung, gemacht, an der unser Gehirn vorderhand gar keinen Anteil genommen hat.

Wesentlich zusammengesetzter werden die Vorgänge, wenn wir uns im Dunkeln tastend bewegen. Dann genügt nicht die einfache Zuckungsbewegung zum Schutz des bedrohten Gliedes. Dann springt die Erregung nicht sofort vom Hinter- zum Vorderhorn, sondern steigt erst im Hinterhorn aufwärts ins Großhirn. Verschiedene Hirnstellen sind daran beteiligt (Abb. 2). Die an dieser Stelle als Schmerz, Druck, Kälte oder Wärme in unser Bewußtsein tretende Empfindung wird unter Hinzutritt des Willens zu einem Bewegungsantrieb umgearbeitet, der von der Bewegungszone im Gehirn zum Muskel abwärts geleitet wird, das bedrohte Glied mit bewußter Absicht zu bewegen.

[5] Bloße Aufnahme.

[6] Erfassung.

[7] Solcher „Schnellseher“ gibt es mancherlei Arten. Bei den einen fällt eine Platte mit viereckiger Öffnung herab, durch die der Blick Bruchteile von Sekunden lang auf bestimmte Ziele freigegeben wird. Oder es schwingt vor den Augen eine Fläche mit einem Schlitz hin und her, durch den Zeichen oder Gegenstände auf ganz kurze, bestimmbare Zeit betrachtet werden (Abb. 3).

[8] D. h. nach dem Taktmesser (Metronom) von Mälzel gemessen.

[9] Wie sich Puls und Atmung bei jenen drei Gefühlsrichtungen gestalten, ist bei Wundt, Grundzüge der Physiologisch. Psychologie, II. Band, 6. Aufl., S. 304-309, zu ersehen. Es sind ähnliche Puls- und Atemlinien, wie wir eine auf Seite 69 bringen.

IV. Ein kurzer Ausflug in die Werkstatt unseres Geistes.

Es ist natürlich, daß unser Gehirn (Abb. 7 und 8), diese wunderbare Gedankenfabrik, die Forscher besonders anzog, daß es ebenso wie das der Tiere mit allen möglichen Verfahren bis zu seinen Zellen mikroskopisch gründlich durchforscht wurde. Im Jahre 1887 schon erschien ein Verzeichnis von 341 Arbeiten über Nervenfasern und Ganglienzellen.[10] Allein 1895 bis 1908 wurden gegen 1500 Arbeiten nur über die Bauart der Gehirnzellen veröffentlicht.

[Illustration: Abb. 7. Das menschliche Gehirn von oben.]

Ein Schnitt durch das Gehirn zeigt uns, daß die rötlichgraue Oberfläche, die „graue Substanz“, das „Rindengrau“, nur einen dünnen Überzug von wenigen Millimetern Dicke bildet. Was darunter liegt, sieht weiß aus und besteht aus ungezählten Millionen von markhaltigen Fasern, Nervenleitungen, die wir als Mark bezeichnen (Abb. 11).

Wenn wir nach einem Vergleiche suchen, der uns den Zweck dieser Einrichtung verständlich macht, so eignet sich dazu das Bild einer elektrischen Kraftanlage recht gut. Die Dynamomaschine als Kraftwerk versorgt die Leitung, ein weit gespanntes Drahtnetz, mit Kraft und Licht. Das Rindengrau würde als Kraftstelle, die ungeheuren Mengen von Markfasern als das ganz verschlungene Leitungsnetz zu bezeichnen sein; denn mehrere Millionen solcher Nervenleitungen verbinden die einzelnen Teile des Gehirns und ihre Oberflächenzellen untereinander.

[Illustration: Abb. 8. Das menschliche Gehirn von unten.]

Außerdem ziehen ganze Faserzüge von einer Hirnhälfte zur andern. „Der größte Teil des menschlichen Großhirnmarkes besteht also tatsächlich aus nichts anderem als aus Millionen wohlabgedichteter, insgesamt Tausende von Kilometern messender Leitungen, die die Sinneszonen untereinander, die Sinnesbezirke mit den geistigen Bezirken und diese wieder untereinander verknüpfen; -- und nur aus dieser Mechanik ergibt sich die Einheitlichkeit der Großhirnleistungen.“ (Flechsig.)

[Illustration: Abb. 9. Isolierte Ganglienzelle. Nach Ramon y Cajal. (Aus Pfeiffer, Menschliches Gehirn.)

~N~ Neurit (Nervenfaser); alle übrigen Ausläufer sind Dendriten (baumartig verästelte Ausläufer des Zellinhalts).]

Das ganze Gehirn ist nun in kleinere oder größere Arbeitsgebiete eingeteilt. Das +Kleinhirn+ ist durch Nervenleitungen mit allen Gelenken, Sehnen, Muskeln, auch mit den drei Bogengängen des Labyrinths im Ohr, verbunden. Darum empfinden wir mit seiner Hilfe fortwährend jede Lageveränderung der beweglichen Körperteile und sind stets über die Lage unseres Körpers genügend unterrichtet.

[Illustration: Abb. 10. Einzelne Zellen und Faserverbindungen aus der vorderen Zentralwindung des Menschen. Nach Ramon y Cajal. (Aus Pfeiffer, Menschliches Gehirn.)

~A~ Große Pyramidenzellen mit nach oben gerichteten Dendriten und nach abwärts gerichtetem Neurit. -- ~B~ Schaltzellen, vielleicht Mittelglieder von Assoziationsfasern. -- ~D~ Endverzweigungen aufwärts gerichteter Neuriten.]

Um die Bedeutung des +Mittel-+ und +Zwischenhirns+ zu ermitteln, versuchte man, bei Säugetieren das Großhirn zu entfernen, was nach mühevollen Versuchen endlich Goltz, dem Straßburger Anatomen, bei einem Hunde gelang. Das Tier, das also nur noch Kleinhirn und Mittel- und Zwischenhirn besaß, blieb noch 18 Monate am Leben, und man konnte an ihm beobachten, daß auch ein großhirnloses Säugetier nicht ohne seelische Regungen ist. Zwar war der Hund blödsinnig geworden, hatte die Fähigkeit zur richtigen Auslegung des Empfundenen und das Gedächtnis verloren und vermochte die Nahrung nicht selbst zu suchen. Doch konnte er sich ohne Unterstützung aufrichten, stehen und sogar aufrecht gehen. War er auf glattem Boden hingefallen, so richtete er sich von selbst wieder auf. Aus folgendem Versuch schließt der Nichtfachmann vielleicht gar auf erste Anfänge eines Denkens ohne Großhirn. Man ließ ihn zwischen lange Bretter. Er lief bis zum Ende, wo die Zimmerwand ihm den Weg versperrte. Umdrehen konnte er sich in der Enge nicht, so versuchte er lange, sich an der Wand emporzurichten und das Hindernis zu überwinden. Nach vielen fruchtlosen Anstrengungen fing er langsam an, rückwärts zu gehen, und war nach einer Viertelstunde (!) erst wieder aus den Brettern heraus.

Ob man, wie Wundt, auf ein ganz leises Dämmern von Bewußtsein daraus schließen darf? Oder war es nur bei dem Tiere ein etwas unheimliches Gefühl vor dem unüberwindlichen Hindernis, das ein Zurückweichen hervorrief, und dann ein zwangsläufiges Weiterpendeln, nachdem das Rückwärtsgehen einmal eingeleitet war? Selbstverständlich fehlte seinem Gehen Zweck und Ziel. Sinnestätigkeit war beschränkt vorhanden, denn er war nicht blind, nicht taub, nicht stumm, hatte Geschmack und Gefühl.

[Illustration: Abb. 11. Frontalschnitt durch die rechte Großhirnhalbkugel des Menschen. (Nach Dr. C. Heitzmann.)

~Stl~ Stirnlappen. ~Schl~ Schläfenlappen. ~Sw~ weiße Substanz. ~Sg~ graue Substanz. ~Ba~ Balken. ~Sth~, ~Lk~ u. ~Vm~ innere Anhäufungen grauer Substanzen. ~Ki~ innere Kapsel. ~Vr~ rechte Hirnkammer.]

Aber die Triebe machten sich noch mit starker Wucht und Selbständigkeit geltend. Hatte er kein Futter, so lief er hungrig und sehr lebhaft umher. Nach dem Fressen trat sofort Ruhe ein, und es überfiel ihn ein ruhiger, anscheinend traumloser Schlaf, bis Nahrungsmangel oder starke innere oder äußere Reize sein Bewußtsein von neuem aufstachelten. Die körperlichen Bedürfnisse wirken also sogar noch bei völligem Großhirnmangel treibend (Trieb!) und setzen alle Glieder in Bewegung, die der unmittelbaren Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse dienen.

Nach Goltz und Flechsig gleicht nun das +neugeborene Kind+ -- besonders aber eine Frühgeburt, da sie mit einem fast ganz unreifen, des Nervenmarks fast völlig entbehrenden Großhirn zur Welt kommt -- einem großhirnlosen Wesen. Schon vom ersten Atemzuge an wirken die Triebe mächtig. Schreiend fordert das junge Leben die Befriedigung seiner Bedürfnisse. Sind sie befriedigt, schwinden die Zeichen von Bewußtsein, es schläft. Noch lange zeigt sich die Herrschaft der Triebe, nach deren Befriedigung fast ausschließlich die Sinne verlangen. Idioten, deren Großhirn sich nicht ausbildete, bleiben auf dieser Entwicklungsstufe stehen. Wir ersehen daraus, daß +ein gesundes, voll entwickeltes Großhirn nötig ist, um die Triebe zu beherrschen und überhaupt zu höheren geistigen Leistungen zu gelangen+.

[Illustration: Abb. 12. Innen(Median-)seite der linken Großhirnhalbkugel des erwachsenen menschlichen Gehirns in ½ natürl. Größe. Rechts Stirn, links Hinterhaupt. Das verlängerte Mark mit dem Kleinhirn bei ~h~ (Hirnschenkel) abgetrennt. ~a~ empfindende, ~b~ bewegende Zentren, ~B~ Balken, ~S~ Sehhügel. (Aus Pfeiffer, Das menschliche Gehirn.)]

Wir wenden uns nun den größeren und kleineren Arbeitsgebieten der Großhirnrinde zu, wie sie auf unserem farbigen Umschlagsbild,[11] das nach Pfeiffer hergestellt wurde, und auf der Abbildung 12 zu sehen sind. Über die Abgrenzung der +Sinneszonen+ sind die Forscher einig. Von den Sinnesorganen lassen sich die Nervenleitungen sowohl anatomisch als auch entwicklungsgeschichtlich bis zur Rinde verfolgen.

Der Hinterhauptslappen enthält den Sehbezirk. Wir „sehen“ mit dem Hinterhauptsteil des Großhirns. Der Schläfenteil enthält die Hörzone. In Teilen der untern Großhirnfläche (in der Seepferdchenwindung, ~gyrus hippocampi~) liegen Geruch und Geschmack (s. Abb. 12). Aber ganz einig ist man sich noch nicht. Entwicklungsgeschichtliche Betrachtungen verlegen beide Sinne mehr an den Balken und über ihn. Wenn auch bei Tast- und Körpergefühlsempfindungen die niedern nervösen Organe (Rückenmark, verlängertes Mark, Kleinhirn, Mittel- und Zwischenhirn) eine große Bedeutung haben, spielt dabei doch auch die hintere Zentralwindung eine ganz +bedeutende Rolle+.

Bewegungen sind das Ergebnis einer gemeinsamen Betätigung mehrerer Bezirke des gesamten Gehirns und Rückenmarks. Die vordere Zentralwindung des Großhirns gilt aber als engere Bewegungszone, weil sie eine Menge Punkte enthält, die nach Öffnung des Schädels und Reizung mit elektrischem Strom Arbeiten bestimmter Muskeln auslösen.

Nun bleibt aber noch ein großer Teil der Hirnrinde (nach Flechsig reichlich zwei Drittel) frei, wohin keine Nervenfasern von den Sinnesorganen verlaufen, und von wo sich auch keine Verbindung zu Muskeln nachweisen läßt.

Es liegt nahe, dorthin die Vorstellungs- und Gedankenverknüpfung (die Assoziations- und Apperzeptionstätigkeit) zu verlegen. So unterscheidet Flechsig auf Grund entwicklungsgeschichtlicher und reicher praktischer Erfahrung als Irrenarzt drei große Assoziationszonen, die aber noch nicht allgemein als solche anerkannt werden, gegen die sich sogar schärfster Widerspruch erhebt.

Die Mehrzahl der Forscher neigt nämlich zu der Annahme, daß die verbindende und verknüpfende Fähigkeit unseres Geistes nicht von genau zu umgrenzenden Zonen (Assoziationsherden) abhängt, sondern daß bei solchen Vorgängen größere oder geringere Teile der gesamten Hirnrinde mitarbeiten. Dieser Meinung ist z. B. Wundt.

Aber auch Flechsig behauptet nicht, daß die von ihm angegebenen Stellen des Gehirns unabhängig von andern arbeiten können. Er meint auch, daß wir Vorstellungen in tausend-, hunderttausend- und millionenzellige mit Rücksicht auf die dabei in Tätigkeit tretenden nervösen Elemente einteilen können. Wenn wir etwa das Wort Honig +schreiben+, so wird dem +Schreib+bezirk eine gewisse Führerschaft zukommen, aber es muß doch erst in einer andern Zone ein +Vorstellen+ des Wortes Honig stattfinden. Da wir häufig während des Schreibens leise Sprechbewegungen vollziehen, die, durch Hebelvorrichtungen aufgezeichnet, sich nachweisen lassen, also auch deutlich oder undeutlich der Klang des Wortes im Bewußtsein anklingt, müssen jedenfalls auch die Sprech- und Hörzone mitarbeiten, ebenso die Sehzone; denn jedes Wort wird ja auch gesehen, meist sogar noch prüfend überflogen. Außerdem schreiben wir das Wort nicht geistlos hin, wir sind uns über seine Bedeutung klar. Dann arbeitet die Wortbedeutungszone mit. Dazu denken wir vielleicht an die gelbe Farbe des Honigs, die Vorstellung vom süßen Geschmack läßt uns das Wasser im Munde zusammenlaufen (Geschmacksbezirk). Denken wir nun noch an seinen Urheber, an die summende Biene (Gehör-Gesicht), an seinen Ursprung, den Blütenkelch, usw., so ist als sicher anzunehmen, daß bei diesem doch immerhin einfachen seelischen Erlebnis beinahe die ganze Gehirnrinde mitarbeitet.

In der Schläfengegend liegt die sogenannte Insel. Tiefe Erkrankungen der +linken+ Insel führen bei +Rechts+händern meist zu starken Sprachstörungen. Nach Flechsig ist sie schon durch ihre Lage und ihre Nervenverbindungen dazu berufen, besonders in der linken Gehirnhälfte die zerstreuten Bezirke der Sprache einheitlich zusammenzufassen. Aber schon gegen die Abgrenzung der Wortseh- (Lesen), Worthör-, Sprech- und Schreibbezirke hat sich starker Widerspruch bemerkbar gemacht. Daran ist allerdings nicht zu zweifeln, daß es diese 4 Bezirke gibt, daß die 4 verschiedenen Äußerungen der Sprache: Lesen, Worthören, Sprechen und Schreiben nicht einheitlich an +einem+ Orte untergebracht sind. Das zeigen die Störungen bei Sprachlähmungen (Aphasie). Nur ob diese Bezirke einen +besonderen+ Platz +neben+ den Sinneszonen haben oder ob sie nicht vielmehr in den linken Sinneszonen mit +drinstecken+, das ist die Streitfrage.

1911 ist Nießl von Mayendorf in seiner großen Sonderarbeit „Die aphasischen Symptome und ihre kortikale (auf der Hirnrinde) Lokalisation“ auf Grund vieler Tatsachen zu der Überzeugung gelangt, daß die bisherige Abgrenzung der Sprachzonen nicht haltbar ist. Sie seien +in die Sinnes+zonen zu verlegen.

Auf unserer Titelblattabbildung ist noch der von Dejerine vermutete Lesebezirk angegeben. Allein es gibt eine ganze Reihe Fälle, wo die graue Rinde (und nur in der grauen Rinde können Erinnerungen haften, nur sie hat Nervenzellen, die weißen Markfasern darunter sind nur Leitungsbahnen für die Erregungen der Rinde oder der Sinneswerkzeuge) dieser Gegend zerstört war durch Erweichungen oder gelähmt durch Blutergüsse -- und die Kranken fröhlich weiterlasen. Nur wenn die linken Leitungsbahnen zur Stelle schärfsten Sehens, oder dieser linke Hirnbezirk schärfsten Sehens selbst zerstört war, dann war Leseblindheit +immer+ vorhanden.

Nießl von Mayendorf hat weiter gezeigt, daß die Brocasche Sprechstörung von Erkrankungen der unteren linken vorderen Zentralwindung verursacht wird. Von dort gehen auch die sonstigen Bewegungsantriebe zu Zunge, Lippen, Schlund, Kehlkopf aus. Wiederum liegt die Sprechzone +im Sinnesgebiet+ (und nicht außerhalb, nicht in der linken dritten Stirnwindung).

Für das Worthören (Wernicke) sollen auch nur die beiden Schläfenquerwindungen in Betracht kommen.

Die zweite große Hirnzone für geistiges Verknüpfen ist nach Flechsig das Stirnhirn, das sich beim Menschen durch eine besonders starke Entwicklung auszeichnet, wie auch bei den Tieren die geistige Entwicklung mit der Ausbildung des Vorderhirns gleichen Schritt hält. Kleinere anatomische Eingriffe oder Verletzungen bleiben in den höheren Teilen meist ohne nachweisbare Schädigung, d. h. es stellt sich keine Lähmung von Gliedmaßen ein, auch die Sinne arbeiten wie sonst. Es erfolgt auch keine merkliche Störung des Geisteslebens, vielleicht deshalb, weil gerade dort die große Vielseitigkeit der Faserverbindungen den angrenzenden Hirnteilen ermöglicht, stellvertretend für die verletzte Stelle zu wirken. Größere Verletzungen allerdings haben eine Abnahme des Gedächtnisses zur Folge, auch geringere, in gewissen Fällen sogar gänzliche Willenlosigkeit.

Neben Wundt und Flechsig nehmen auch andere Forscher an, daß das Stirnhirn eine große Bedeutung für die Aufmerksamkeits- und Lernvorgänge und den Willen hat. Und da alle Willenshandlungen von Gefühlen begleitet sind -- Wundt bezeichnet ja sogar die Willenshandlung als einen zusammengesetzten Gefühlsprozeß --, wird das Stirnhirn wohl bedeutungsvoll für Gefühle sein.

Infolge reicher, ja verschwenderischer Ausstattung mit Leitungsfasern bis in die entlegensten Teile der Hirnrinde sei der Anteil des Stirnlappens an der Ausbildung des +Bewußtseins+ sehr groß. Hier können Erregungen sämtlicher Sinnes-, Bewegungs- und Vorstellungszonen zusammentreffen. Bei Störungen in diesem Teil finden sich denn auch Beeinträchtigungen des Bewußtseins, die sich beim Affen auch durch wissenschaftliche Versuche nachweisen lassen. Da außerdem Erkrankungen des Stirnlappens zu Veränderungen des Bewußtseins, zur Entstehung von Größenwahn oder Selbstvernichtungswahn führen können, soll dieser Teil des Hirns wichtig sein für den Begriff der eigenen Persönlichkeit, für die Vorstellung vom Ich.

Demgegenüber macht Nießl von Mayendorf geltend, daß fast jede Verletzung des Gehirns die Menschen zu Neurasthenikern macht, daß also Abnahme von Aufmerksamkeit und Gedächtnis eintritt. Das sei kein Grund, Aufmerksamkeit, Bewußtsein, Gefühl und Willen gerade dorthin verlegen zu wollen.

Eine dritte große Verknüpfungszone, gegen die sich allerdings viel Widerspruch erhebt, nimmt Flechsig im hintern Scheitelhirn an (s. Umschlagbild und Abb. 12). Was er sich als deren Aufgabe denkt, wird uns in folgenden zwei Beispielen klar werden. Newton sah einen Apfel vom Baume fallen. Dieser einfache Vorgang gab ihm den Anstoß, das Gesetz der Schwere zu entwickeln. Galileis Pendelgesetze haben ihre erste Ursache in einer vom Winde hin und her bewegten Kirchenampel. Von wieviel Millionen Menschen sind schon fallende Äpfel oder vom Winde bewegte Gegenstände gesehen worden -- und ihnen fiel dabei gar nichts ein! Diese Fähigkeit, daß bei gewöhnlichen Dingen ungewohnte, außerordentliche Gedanken auftauchen, die sich im Kopfe des Schöpfergeistes zu einem ganzen Gebäude der prächtigsten Gedankenverbindungen auswachsen, verlegt Flechsig in das hintere Scheitelhirn. Tatsächlich zeigen solche Schöpfer der großen geistigen Zusammenhänge, eine starke Entwicklung ihres Schädels in der Scheitelgegend, so der Mathematiker Gauß, die Tonmeister Bach, Beethoven, Richard Wagner, der Philosoph Kant und Naturwissenschafter, wie Darwin und Liebig.

Andere Forscher sind vorsichtiger. So möchte Nießl von Mayendorf über die übrige Hirnrinde außer den Sinneszonen nur so viel sagen, daß sie wahrscheinlich nichts mit Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gedächtnis zu tun haben, sondern daß die Ernährungszustände der Hirnrinde als Gefühle das einzige sind, was von den dort sich abspielenden Vorgängen zu Bewußtsein kommt.

Wir müssen abwarten, wie die Verarbeitung der Kriegshirnverletzungen die Ansichten klären wird.

Die leitenden Markfasern entwickeln sich größtenteils erst nach der Geburt und gehen wohl erst um die Zeit der Geschlechtsreife der vollen Reife entgegen. Außerdem ist anzunehmen, daß der Mensch, solange sich noch neue Markfasern, also Nervenleitungsbahnen, im Gehirn bilden, neuer geistiger Erwerbungen fähig ist. Denn weil alle körperlichen Glieder durch Übung stärker werden, besonders eine Zunahme ihrer Muskelmasse eintritt, liegt die Vermutung nahe, daß geistige Arbeit auch neue Leitungsbahnen schafft und vorhandene Bahnen verstärkt; das würde bis zum 40. Lebensjahr und darüber der Fall sein. Dann wird sich wohl der Faserreichtum und die damit verbundene geistige Leistungsfähigkeit längere Zeit auf gleicher Höhe halten, mit zunehmendem Alter aber abnehmen. In den Vergrößerungsuntersuchungen von Kaes findet sich eine Stütze für diese Vermutung.

[Illustration: Abb. 13. Ganglienzellenschicht aus der Sehrinde des Menschen. Nach Ramon y Cajal.

(Aus Verworn, Mechanik des Geisteslebens.)]