Part 4
Wir wissen sofort, wie er sie einlernte: stückchenweise. Wenn das Ende eines Abschnitts 4-6mal an den Anfang gehängt wird wie in obiger Zeichnung und nur einmal die zum nächsten Abschnitt führende Verbindung geschlagen wird, dann kann’s ja gar nicht anders kommen; denn die +Gefahr+, daß man +an den Anfang zurückgeführt+ wird, ist +immer da vorhanden+, wo +stückchenweise eingeprägt+ wird.
Deshalb empfiehlt sich in jedem Falle das Ganzlernen, dann hängt aneinander, was zueinander gehört.
Überdies zeigen auch zahlreiche seelenkundliche Versuche mit +Sicherheit+, daß das Lernen im Ganzen bedeutend vorteilhafter ist in bezug auf +Zeitersparnis+ und +Behalten+.
Besonders ist das Lernen im Ganzen natürlich bei +sinnvollem+ Stoff zu empfehlen, der sich ja förmlich dagegen wehrt, durch ein Lernen in Teilen zerstückelt zu werden. Hier unterstützt der Denkzusammenhang ganz außerordentlich das Verknüpfen; denn es wird uns der +Sinn fortwährend und weiterlaufend+ zum Bewußtsein gebracht. Die Aufmerksamkeit bleibt dadurch fortwährend besser gefesselt als beim Lernen in Teilen, wo die Versuchung gar zu groß ist, achtlos zu lernen und einen wichtigen Vorteil aus der Hand zu geben: Sinnvolles Lernen hat meist eine etwa zehnfach bessere Wirkung als geistloses Einpauken. Darum wird beim Lernen im Ganzen eher ein gedankenloses Hersagen vermieden, das für das Einprägen fast wirkungslos ist.
Nun gibt es aber doch ganz große Gedichte. +Die+ in einem Zuge einzuprägen, dürfte schon aus dem Grunde nicht ratsam sein, weil die Aufmerksamkeit gar nicht so lange angespannt zu arbeiten vermag. Am +Anfang+ und +gegen das Ende+ hin +spannt sich+ die Aufmerksamkeit an, während +in der Mitte+ deutlich ein +Nachlassen+ nachzuweisen ist.
Und doch ist das Lernen im Ganzen auch hier zu empfehlen, aber mit einer Änderung, die Meumann vorgeschlagen hat. Man teilt ein großes Gedicht, etwa Schillers „Lied von der Glocke“, dem Inhalte nach in mehrere Teile und zieht dort trennende Bleistiftstriche.
Nun wird im Ganzen gelernt, aber bei den Bleistiftstrichen ist zu warten, damit sich die Vorstellbindungen und -verknüpfungen festigen können, die Aufmerksamkeit sich neu sammelt und man dann mit aller Frische und Sammlung nach jedem Striche wieder fortfahren kann.
So bilden sich +die Bindungen nur in einer Richtung+. Und die beim Lernen in Teilen entstehenden, an den Anfang zurückführenden Verbindungen werden vermieden.
Das gilt besonders für +gleichartigen, überall gleich schweren+ Lernstoff. Finden sich mehrere schwere Stellen, wird es ohne Zweifel vorteilhafter sein, sie mit einigen Mehr-Lesungen +gesondert+ einzuprägen während des Ganzlernens.
(Wer da glaubt, mit dem Teil-Lernen bessere Erfolge zu erzielen, der vergesse wenigstens nie, den Teil am Anfang und Ende in natürlichen Zusammenhang zu bringen. Stets wird es sich empfehlen, dem gesonderten Lernen +einige Ganz-Lesungen vorauszuschicken+.)
Verteilung der Wiederholungen auf mehrere Tage.
Es ist nicht zweckmäßig, etwas durch unsinnige Häufung von Wiederholungen in einem Atem einprägen zu wollen. Größere Unterbrechungen und Verteilung auf eine längere Zeitstrecke sind unter allen Umständen vorteilhaft. (Also +zeitig beginnen+!) Ebbinghaus fand zum Beispiel, daß 68 Wiederholungen an einem Tage nicht den Einprägungswert haben, wie insgesamt 38 Wiederholungen, auf drei Tage verteilt. Auch Adolf Jost fand, daß besonders bei den Stoffen, die eine große Zahl von Wiederholungen brauchen, die ausgedehnteste Verteilung am wirksamsten ist. Er stellte ein schnelleres Lernen und besseres Behalten fest.
Schließlich kommt es gar nicht darauf an, daß wir etwas so schnell als möglich lernen. Die Hauptsache ist, daß sich +feine Fäden in alle möglichen Gedankenbereiche spinnen+, damit das Gelernte nicht als toter Ballast, sondern +lebendig in uns wirkt+, +eng mit unsrer Persönlichkeit verknüpft+ wird, damit Schätze des Schönen, etwa Dichterworte, +Einfluß auf unser Leben+ gewinnen, nach allen Richtungen hin mit ihren Strahlen +erwärmend, bereichernd und vergoldend+ wirken. Und das wird durch eine Verteilung der Wiederholungen viel besser erreicht als durch ihre Häufung.
Die Einbildung.
Nichts hindert alle unsre Fähigkeiten so sehr, wie der lähmende Zweifel: „Wirst du es fertig bringen? Vermagst du es noch?“ So wird jeder z. B. beim Hoch- oder Weitspringen die Beobachtung machen, daß er gewiß nicht über die Schnur kommt, wenn er sich die Frage vorlegt: „Wirst du drüber kommen?“ Sagt er sich aber: „Das wäre noch schöner! Das leistest du bestimmt,“ dann kann er sicher sein, daß er die sich selbst zugetraute Leistung vollbringt.
Der +Glaube an sich+ selbst wirkt +Wunder+. Daher ist die +Stärkung des Selbstvertrauens+ eine wichtige Aufgabe der Erziehung. Ganz besonders macht sich das Vertrauen auf eigene Kraft beim Gedächtnis bemerkbar. Wenn ein Schüler mit dem bangen Zweifel aufzusagen beginnt: „Wirst du es auch noch können?“ so bleibt er sicher stecken. Der felsenfeste Glaube aber: „Das bringst du fertig!“ ist unter allen Umständen von größtem Vorteil.
Um diesen Vorteil zu gewinnen, brauchen manche Schüler ein merkwürdiges, aber doch wirkungsvolles Mittel. Sie legen beim Schlafen das Buch unter den Kopf, nachdem sie die Aufgabe sicher gelernt haben. Am frühen Morgen wird alles nochmals durchgelesen und dann später mit gutem Erfolge aufgesagt, weil der lähmende Zweifel infolge der Einbildung (Autosuggestion) ausgeschaltet ist.
Wir wollen nicht auf die herabschauen, die zu absonderlichen Mitteln greifen, um das unbedingt nötige Vertrauen auf ihr Gedächtnis zu gewinnen, wenn es ihnen nicht aus freiem Willensantrieb gelingt. So mancher große Geist hat in sonderbaren Begleitumständen die nötige Anregung zur Arbeit gefunden, wobei ohne Zweifel die Einbildung die größte Rolle gespielt hat. Haydn und Richard Wagner legten z. B. beim Tondichten gewählte Kleidung an. Wagners Vorliebe für Samt und starke Wohlgerüche ist ja allgemein bekannt. Grün und rotgelbe Tapeten galten Goethe als Anregungsmittel, und die Beispiele für ähnliches Verhalten sind zahllos!
Übers Aufhalten des +Vergessens+ handelt ausführlich die „Praktische Gedächtnispflege“ S. 29-35 übers absichtliche Vergessen und über falsche und richtige Psychanalyse, d. h. über Befreiung unserer Seele, „Neue Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben“.
[12] Wundts Philosoph. Studien, Bd. 18, 1903.
[13] Hat doch sogar Trautschold, ein Schüler Wundts, einmal in den „Philosophischen Studien“ den Versuch gewagt, die Assoziationszeit und die Zeit für eine Gehbewegung in Verbindung zu bringen.
[14] Von H. Seidels Erzählungen (J. G. Cotta Nachfg., Stuttgart) ist auch eine Probe „Die Augen der Erinnerung“ in der billigen „Schatzgräber-Sammlung“ Nr. 90 (Kunstwart-Verlag) erschienen.
[15] Das der rege Leipziger Lehrerverein einrichtete.
[16] Pädagogisch-psychologische Arbeiten, Bd. VI. 1. Alfred Leopold Müller, Unterschiede der Vorstellungen und Vorstellungsverbindungen bei Kindern verschiedener Altersstufen.
VI. Mehr Arbeit der Sinne!
Bücher sind Brillen, durch welche die Welt betrachtet wird, schwachen Augen freilich nötig zur Stütze, zur Erhaltung. Aber der freie Blick ins Leben erhält das Leben gesünder.
Feuchtersleben, Diätetik der Seele (Tagebuchblätter).
Der verdienstvolle Erzieher Dinter fragte einst einen Postboten, der über 20 Jahre lang zweimal täglich durch einen Wald gehen mußte, ob es ein Nadel- oder Laubwald sei. Der Mann blieb die Antwort schuldig, da er es wirklich nicht wußte.
Ein krasser Fall allerdings! Aber ob man uns mit ähnlichen Fragen hin und wieder nicht auch in arge Verlegenheit bringen könnte?
Wollen wir doch gleich einmal versuchen, ob wir imstande sind, alle Geschäfte links und rechts auf einer Straße anzugeben, die wir täglich auf dem Gange zur Arbeit, zur Schule usw. schon seit Jahren benützen!
Oder eine zweite Selbstprüfung: Steht die VI (6) bei unsrer Taschenuhr verkehrt oder aufrecht? (Erst nach Beantwortung der Frage am Schluß des Buches nachsehen!)
Wie nötig die Sinnesübung ist, zeigt
Die Zeugenaussage. Ihre Mängel und mögliche Besserung.
Umfassende und eingehende Versuche lehren: Eine völlig wahrheitsmäßige Zeugenaussage gibt es nicht. Es handelt sich immer um ein Gemisch von Wahrheit und etwas Irrtum.
+Geheimrat von Liszt+ wies den Teilnehmern an den Übungen seines kriminalistischen Seminars zweimal nach, wie unglaublich verfälscht die eigene Zeugenaussage war. Die beiden schlagenden Versuche haben berechtigtes Aufsehen erregt. +William Stern+ teilt sie in seinem umfassenden grundlegenden Werke über „+Die Zeugenaussage+“ (4 Hefte) mit:
Das einemal ließ er zwei Übungsteilnehmer sich zanken, wobei ein ungeladener Revolver gezogen und abgedrückt wurde. Die Tatberichte gingen weit auseinander -- die +Aufregung fälscht+ natürlich stark Auffassung und Erinnerung. Deshalb wählte er später einen sehr ruhigen Vorgang:
22 Rechtskunde treibende Damen und Herren sind zu einer Arbeitsgemeinschaft vereinigt. Da bringt ein Mann einen Brief an Geheimrat von Liszt. Während dieser ihn liest, nimmt der Bote ein paar Bücher aus dem Bücherfach, läßt sie fallen, hebt sie auf, behält ein Buch, stellt die andern wieder ins Fach, bekommt eine Antwort, geht hinaus und nimmt das Buch mit.
Nach einer Stunde Arbeit über Rechtsfragen erklärt Liszt, jenes kleine Erlebnis sei als ein wissenschaftlicher Versuch aufzufassen, jeder solle einen schriftlichen Bericht darüber geben.
Zur Überraschung aller Beteiligten ergab sich, daß von +neun+ Behauptungen +eine falsch+ war, bei diesem +freien Bericht+, der absichtlich eine Stunde später aufgenommen war, um der Wirklichkeit recht nahe zu kommen.
Beim +Verhör+ nach acht Tagen konnte +der vierte Teil+ der Fragen nicht mehr beantwortet werden. Und es ist immer anerkennenswert, wenn man über Dinge schweigt, die man nicht mehr genau weiß. Sonst wäre das Ergebnis noch +trostloser+ geworden; denn +außerdem+ war von +fünf abgegebenen Antworten eine falsch+.
Ein Richter hat nun die verzweiflungsvolle Aufgabe, die Wahrheit zu suchen und sieht sich Zeugen gegenüber,
1. die so würdelos sind, daß sie die Wahrheit gar nicht sagen mögen;
2. die infolge krankhafter Veranlagung sich selbst täuschen, die Unwahrheit sagen im guten Glauben, die lautere Wahrheit zu bieten. Hysterische sind ja bekannt als solche, die steif und fest an ihre bloßen Einbildungen glauben;
3. hat selbst der +geistig vollkommen Gesunde+
~a~) +Auffassungsfälschungen+, ~b~) +Erinnerungsfälschungen+, ~c~) +Aussagefälschungen+,
so daß man -- wenn er frei erzählt -- beim besten Zeugen +unter 10-20 Behauptungen+ mit +einer falschen+ rechnen muß.
Beim Ausfragen, also beim +Verhör+, ist gar schon unter 3-5 Tatsachen +eine falsche+, weil zuviel in den Zeugen hineingefragt wird.
Um bei entscheidenden Aussagen der Wahrheit ein paar Schritte näher zu kommen, hat W. Stern folgende beachtenswerte Anregungen gegeben:
1. Der freie Bericht möchte bevorzugt, das Verhör nicht über das unbedingt erforderliche Mindestmaß ausgedehnt werden.
2. Bei der Vernehmung sind die Fragen mit aufzuschreiben, daß man die Wirkung solcher Einflüsterungsfragen noch feststellen kann.
3. Stellt man dem Zeugen einen Angeschuldigten gegenüber mit der Frage: „Erkennen Sie in diesem Manne den wieder, den Sie bei der Tat gesehen haben?“ so ist der darin liegende Einbildungszwang so groß, daß die Zeugen, besonders Kinder und Ungebildete, sehr oft einfach ja sagen. Wenn man dagegen den Verdächtigen mit einer kleinen Zahl ihm nicht völlig unähnlicher Personen, dem Zeugen gegenüberstellt und aussuchen läßt: „Ist der Täter unter diesen und welcher ist es?“ dann kommt man manchmal der Wahrheit näher. Es ist schon vorgekommen, daß sich Hysterische als Zeugen herbeigedrängt haben, die überhaupt den Fall gar nicht erlebt haben können. Bei den andern aber hat man in der Bestimmtheit des Wiedererkennens oft einen Maßstab für ihre Gedächtnistreue. Aber damit eine Anklage Unschuldiger unterbleibt, muß bei den zugezogenen Personen feststehen, daß sie als Täter nicht in Betracht kommen (Mitgefangene, Gefängniswärter usw.). Auch für das Wiedererkennen belastender Gegenstände ist das gleiche Wahlverfahren nur zu empfehlen.
Wenn sich Aussagen von sonst gleich glaubwürdigen Zeugen gegenüberstehen, die teils +freiwillig berichtet haben+, teils +verhört+ sind -- welche verdienen etwas mehr Glauben?
Doch wohl die des freien Berichts.
Je mehr Zeit verfließt, desto mehr wird vergessen. (Vgl. Praktische Gedächtnispflege, S. 30 die Zahlen des Vergessens in Hunderteln, die sich als gesetzmäßig herausstellten, z. B. nach einem Tag 32%, nach sechs Tagen 51% Verlust usw.). Die Gefahr ist groß, daß die Lücken durch freie Zutaten ergänzt werden. Oft berichtet der Zeuge +nicht mehr von dem früheren =Erlebnis=+, sondern er lehnt sich unabsichtlich -- absichtlich an den Wortlaut seiner früheren Aussage an.
Wieviel fälschende +Außeneinflüsse+ können sich bis zur +späten+ Hauptverhandlung eingeschlichen haben! Der eine Zeuge bespricht sich mit dem andern. Sie legen sich in aller Unschuld ihre Aussage zurecht. Das Hörensagen von andern, der Zufall will’s, daß von einem großen Sünder vor dem Herrn auch mal etwas Liebes und Schönes berichtet wird, sofort ist mancher Zeuge geneigt, die Sache milder und ruhiger darzustellen. Oder der Parteien Haß trägt ihm von einem durchaus ehrenwerten Menschen etwas Entstelltes oder häßliches Freierfundenes zu. Mancher Zeuge verschärft nun seine Aussage.
Dazu kommen Vermutungen von Zeitungsschreibern. Die Versuchung, seinen Witz an irgendeiner merkwürdigen oder dunkeln Sache spielen zu lassen, ist für viele zu groß. Steht es erst in den Zeitungen, dann ist eine öffentliche Meinung fertig, die einflüsternd auf die Zeugen wirkt, usw. Wenn darum von einem Zeugen frühere und spätere Aussagen vorliegen -- welche haben die größere Glaubwürdigkeit?
Bei schwierig zu beurteilenden, dazu +entscheidenden+ Aussagen sollten immer Gutachten eines Seelenforschers über die allgemeine Glaubwürdigkeit des betreffenden Zeugen eingeholt werden. Wissenschaftliche Versuche über ganz bestimmte Sondergebiete, um die es sich manchmal vor Gericht handeln kann, stehen ja in reichster Auswahl zur Verfügung, etwa Farbengedächtnis, Raum- und Zeitschätzung, der Grad der Einbildungsfähigkeit usw.
So ist dringend zu wünschen, daß sich in entscheidenden Fällen die wünschenswerte Menschenkenntnis des Richters mit seelenkundlichem Wissen über verzwickte seelische Erscheinungen verbinde. Wer deshalb Aussageleistungen von anderen verlangt, beurteilt und womöglich bestraft, möchte an sich selbst die Schwierigkeiten, Grenzen und Bedingungen der Zeugenaussage +schon als Rechtsschüler+ kennengelernt haben.
+Ganz verzweifelt+ steht es oft mit der +Kinderaussage+. Ein großer Teil ihrer Lügen sind Einfälle, träumerische Spielereien, die sie dann nicht mehr von Wirklichkeitserlebnissen unterscheiden können. Selbst gegen freie Berichte ist bei vielen Kindern das +äußerste Mißtrauen+ angebracht. Bei andern ist wiederum der freie Bericht äußerst dürftig, deshalb muß verhört werden. Aber -- in viele Kinder läßt sich +alles+ hineinfragen. Daß Gänse vier Füße haben, Äpfel auf Birnbäumen wachsen, Regen auch trocken sein kann, das sind Kleinigkeiten, es kommen noch viel tollere Dinge vor.
Ungefragt erzählte mir eine sonst überaus brave Achtjährige, daß sie „wahrhaftig gesehen“, wie der Storch ein kleines Brüderchen brachte und die Mutter ins Bein gebissen. Ich selbst zeigte einer Klasse drei Minuten lang -- wie reichlich die Zeit bemessen, wird uns klar, wenn wir im Sekundentakt bis 180 zählen -- das Bild von Fritz Roeber „Kains Brudermord“, drei Personen (Adam, Eva, der erschlagene Abel) im Vordergrunde, ganz im Hintergrund ist Kain sichtbar. Außer einer schlichten felsigen Umgebung sind +nur+ diese vier Personen sichtbar!! Neben 4 Fragen der Form: Stand Eva links oder rechts von Adam? fanden sich 7 andere Fragen nach Sachen, die gar nicht dargestellt waren: Wo liegt der treue Schäferhund Abels, im Vorder- oder Hintergrund des Bildes? Da hat nun diese leicht beeinflußbare Klasse von Vierzehnjährigen gesehen: die Knaben 3,1, die Mädchen 3,37 Gegenstände, die überhaupt nicht dargestellt waren. Nur +2 mittelbegabte+ Kinder und +1 schlecht begabter+, teilnahmsloser Junge hatten, wie verlangt, stets einen Strich gemacht, wenn sie etwas nicht genau wußten. Der Klassenzweite, der Begabteste unter allen, meldete sich und beteuerte, er habe aber nicht gelogen!
Wer die Nachrichten aus dem Gerichtssaal verfolgt, stößt immer wieder auf +erschütternde Verurteilungen Unschuldiger+ durch Kinderaussagen, die sich später als Lügen herausstellen. Ehre und Leben manches Lehrers hat schwer darunter leiden müssen. Aber auch jeder andere kann in ähnliche Lagen kommen, wo ihm eine einzige Falschaussage unendlich viel Aufregungen oder gar Elend verschafft, deshalb hoffen wir, mit einer +ausführlichen Verbreitung dieser Tatsachen manches Rechtsverbrechen an Unschuldigen zu verhüten+.
Statt dieser zwei Fälle ließen sich Hunderte bringen: Der Drogist G. wurde auf die Beschuldigung der dreizehnjährigen Schülerin K. hin zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. G. verbüßte die Strafe und verließ gebrochen und vollkommen arbeitsunfähig das Zuchthaus. Die K. sagte im Wiederaufnahmeverfahren unter Eid aus, daß sie seinerzeit die Unwahrheit gesagt habe. G. wurde daraufhin freigesprochen. (Monatsschr. f. Kriminalpsychologie.) -- Rektor B. wurde von mehreren älteren Mädchen beschuldigt, sich an ihnen in ihrer Schulzeit vergangen zu haben. Er wurde zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis verurteilt und aus dem Amte entlassen. Als er seine Strafe verbüßt hatte, widerriefen mehrere der Mädchen schriftlich ihre Beschuldigungen und erklärten, ihre Aussagen nur auf Drängen der Polizei gemacht zu haben. Als sie dies aber vor Gericht bezeugen sollten, fielen sie erneut um, da sie Gefahr liefen, sich wegen Meineids verantworten zu müssen. Vergleiche auch Michel, Zeugnisfähigkeit.
Kindliche Zeugen sind meist schon zu Hause seitens der Eltern usw. unzähligen Einflüsterungen ausgesetzt gewesen. Sie treten mit völlig verschobenen Erinnerungsbildern in den Gerichtssaal, wo sie erneuten Fragezwängen und Einbildungen ausgesetzt werden.
Deshalb wird von der Seite des Rechts durch Schneickert, von der Seelenforschung aus durch Lipmann gefordert:
1. +Kinder unter 7 Jahren sind überhaupt nicht als zeugnisfähig+ zu betrachten.
2. Auf +alleinige Bekundung von Kindern+ hin darf +keine Verurteilung+ stattfinden.
In der Schule schon muß jeder planmäßig zu größter Zuverlässigkeit seiner +Beobachtung+, seiner +Erinnerung+ und seiner +Aussage erzogen+ werden. Immer wieder kann nicht nachdrücklich genug eingeschärft werden:
+Nur was du mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört hast+, davon darfst du reden, und dann rechne noch mit Irrtümern. Gegenüber dem Richter oder auch im gewöhnlichen Gespräch +unterscheide scharf deine eigenen Erlebnisse von deinen bloßen Vermutungen+ und vergiß nicht, diese als Vermutungen zu bezeichnen.
Sind +Unterschiede+ in der Zeugenaussage +zwischen Mann und Weib+ vorhanden? Die Antwort, obgleich heiter, ist leider Tatsache: So dankbar wir den Damen für holdes Verschönen unseres Lebens sind -- die Mehrzahl der Aussageversuche lehrte:
+Frauen vergessen weniger+, aber +verfälschen mehr+ als die Männer. Bei der Aufgabe, die beeidigungsfähigen Teile ihrer schriftlichen Aussage nachträglich zu unterstreichen, unterstrichen sie fröhlich doppelt soviel Falschaussagen als die Männer, nahmen also +doppelt soviel Falscheide+ auf sich.
Obige Tatsachen und die Kenntnis der Umbildungsvorgänge (s. S. 18-20) werden uns von der Notwendigkeit überzeugen, etwas mehr für die Ausbildung unserer Sinne und unserer Aufmerksamkeit zu tun und die Augen weit zu öffnen.
Es leuchtet doch ein, daß man sich nur dann genau einer Sache erinnern kann, wenn man sie +in allen Teilen gründlich beobachtet+ hat. +Punkt für Punkt, Teil für Teil+ muß das Auge den Gegenstand abwandern, ihn in seine Teile zerlegen und dann alles zu einem Gesamtbilde vereinigen.
Jeder sollte +täglich ein paar Übungen+ im raschen, sicheren, vollständigen Beobachten vornehmen. An Gelegenheit mangelt es nicht. Man sucht z. B. auf dem Tisch oder Schreibtisch mit einem Blick alle Gegenstände und ihre Lage zueinander aufzufassen, schließt die Augen und bemüht sich, ein genaues Bild des Gesehenen innerlich hervorzubringen. Dann aber ist es nötig, das innere Bild durch Vergleichen auf seine +Richtigkeit+ zu +prüfen+. Wieder schließe man die Augen und versuche erneut, noch deutlicher, sinnlicher die Gegenstände innerlich zu zeichnen! Oder man wirft einen kurzen Blick in ein Zimmer und versucht dann, ohne wieder hinzusehen, im Geist die Lage aller Gegenstände geistig darzustellen. Oder man versuche, sich an alle Einzelheiten eines Gemäldes zu erinnern!
Auch eine Übung des +Gehörs+ ist zur Steigerung der Gedächtnisleistung unter allen Umständen wünschenswert und leicht zu erreichen. Der Raum dieses Buches läßt es nicht zu, alle Übungsmöglichkeiten anzuführen. Wir können nur einige Richtlinien für die Übungen angeben:
Mit geschlossenen Augen lausche man den Geräuschen, die von der Straße oder vom Flur her ins Zimmer dringen! Man bestimme die Richtung! Aus der Stärke und aus dem Takt der Schritte läßt sich bestimmen, wer es ist, der kommt oder geht.
Eine zweite Person läßt Kupfer-, Silber-, Nickel- und Goldmünzen aus gleicher Höhe zu Boden fallen. Dann bestimmt man mit geschlossenen Augen, welches Metall herabfiel, wo die Münze hingerollt sein könnte, sucht sie mit geschlossenen Augen usw.
Welch fabelhafter Leistung ein geübter +Tastsinn+ fähig ist, zeigen uns die Blinden. Wir fassen unter diesem Sinn die eigentlich zu trennenden Sinnesgebiete des Kälte-, Wärme-, Druck- und Muskelsinnes zusammen. Üben läßt er sich natürlich auf die mannigfachste Weise, z. B. man bestimmt nur durch Fühlen den Wert zufällig ergriffener Münzen, spielt mit +geschlossenen Augen+ Klavier oder betastet und begreift Gegenstände und sucht nur mit dem Tastsinn körperliche Anschauungen zu gewinnen. Es ist dem Menschen angeboren, sich durch Berührung der Gegenstände Kenntnis über sie zu verschaffen, so daß in jeder Sammlung das Berühren der Kunstwerke verboten werden muß. Wo es aber erlaubt ist, da sollte man von dieser natürlichen Regung eifrig Gebrauch machen.
Man fürchte ja nicht, in der Erziehung unserer Sinne etwa zuviel zu tun, in der Annahme, es sei doch eigentlich nur nötig, bei allen Dingen die Hauptsachen zu beobachten und zu merken. Dem sei erwidert, daß wir aus Unachtsamkeit eine Fülle von wichtigen Punkten nicht beachten, daß außerdem unsere Neigungen schon viel zu sehr eine Auslese unter den Einzelheiten des beobachteten Stoffes vornehmen und daß die Wertschätzung gewisser Gesichtspunkte uns blind für alles übrige macht. Deshalb sei nach wie vor auf eine gründliche Schärfung und vielseitige Ausbildung unsrer Sinne hingewiesen, schon aus dem Grunde, weil wir uns mit ausgebildeten Sinnen besser in der Welt fortfinden, als mit einem guten Gedächtnis, aber mangelhaft ausgebildeten Sinneskräften.
Wer so mit seinen Sinnen fleißig und gewissenhaft arbeitet, dessen +Vorstellungsleben+ wird auch +viel reicher+ werden. Die Vorstellungen sind vollständiger, +lebendiger+, +farbiger+.
+Gedächtnisstoffe+ den +Sinnen geben+!
Das ist eine so wichtige Losung, daß sie einer ganz ausführlichen Darstellung bedarf. Wie sogar philosophische Gedankengänge Kants, eines unserer schwersten Denker nach einer Anregung meines hochverehrten Lehrers Professor Eduard Sprangers in einer Zeichnung sichtbar gemacht werden können, so daß man Kants ganzes Lehrgebäude nur aus der Zeichnung abzulesen braucht, zeige ich in „Neue Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben“.
VII. Persönliche Eigentümlichkeiten beim Vorstellen.
Indem wir tiefer in die persönlichen Unterschiede des Vorstellungslebens eindringen, versuchen wir die +Selbsterkenntnis+ zu fördern. Nur so lernt jeder den oder jenen Mangel, die Vorteile und Nachteile seiner Veranlagung kennen. Er vermag dann durch Übung schwach entwickelte, aber für das Gedächtnis wichtige Kräfte in sich zu voller Entwicklung zu bringen und auch sie nutzbar zu machen.
Durch +Charcots+ Vorlesungen über +Aphasie+ erhielt die Gedächtnisforschung eine weitere Anregung. Sie ist eine Gehirnerkrankung mit +teilweisem+ oder +gänzlichem Verlust der Sprache+, ohne daß dieser Mangel in Störungen der Sprachwerkzeuge oder der Begabung zu liegen braucht. So konnte zum Beispiel ein rechtsseitig gelähmtes, an Aphasie leidendes Mädchen das Liedchen „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ singen und beim Singen sämtliche Worte dieser Dichtung richtig und klar aussprechen; aber es war ihr unmöglich, etwa das Lied nur sprechend wiederzugeben und ohne diese Hilfe überhaupt zu sprechen. Das Gedächtnis für Worte war krank und unselbständig geworden. Das Gedächtnis für Sang und Takt aber war noch gesund und konnte dem Sprachgedächtnis wirksame Gedächtnishilfen leisten.
Charcot lehrte nun eine +Vielheit der Gedächtnisse+ und ihre Unabhängigkeit bei jenen Kranken. Dazu sei gleich bemerkt, daß tatsächlich eine Vielheit der Gedächtnisse nebeneinander besteht (Ton-, Takt-, Zahlen-, Sprach-, Personengedächtnis), die aber durchaus nicht scharf voneinander getrennt sind. Das Gedächtnis des einen Sinnes vermag das Gedächtnis anderer zu vertreten. Auch ist durch Übung eines einzelnen Gedächtnisses eine Übung des allgemeinen und der Sondergedächtnisse nachweisbar.
Die wiederholt auftretenden einseitigen Rechenkünstler, wie der Franzose Inaudi, der Grieche Diamandi und der Deutsche Dr. Rückle sind gute Beispiele dafür, was für eine Vielheit der Gedächtnisse möglich ist.
Der Piemontese Inaudi z. B. behielt Ziffern und Zahlen nach dem +Klange seiner Stimme+. Bei ihm arbeiteten ausschließlich das Gehör (akustisch) und die Sprachmuskeln (motorisch), und selbst wenn er nur aufmerksam auf die gesprochenen Zahlen hörte, merkte man deutlich, wie die Lippen und Kehle ganz leise mitarbeiteten. Er stützte sich also auf die Klangwirkung, auf den Takt und auf sein Gedächtnis für die Bewegungen der Sprachwerkzeuge und vermochte sogar nach einer Stunde öffentlichen Rechnens (mit rund 300 Ziffern) sämtliche Rechnungen zu wiederholen. Selbst am folgenden Tage vollbrachte er noch diese Leistung.
Der andere, der Grieche Diamandi, lernte +lediglich durch Sehen+ (optisch). Ja, sogar wenn ihm die Zahlen und Ziffern vorgesprochen wurden, erschienen sie ihm deutlich als Schriftzüge auf einer Tafel.
Inaudi, der erste, stellte einen nach Begabung und Neigung +einseitigen+ Menschen dar. Wir haben in ihm ein bloßes Schauspiel, ein +blendendes Feuerwerk+ der Natur vor uns. Wenn er wenigstens sein fast unbegreifliches Zahlengedächtnis, wie etwa Gauß oder Ampère, in den Dienst überschauender, scharfsinniger mathematischer Folgerungen hätte stellen können! So aber war sein Gedächtnis für anderes als Zahlen ganz schwach entwickelt. 42 Zahlen vermochte er unmittelbar nachzusprechen (andere Menschen bringen es höchstens auf 13 Zahlen). Aber er war kaum imstande, 6-7 Buchstaben oder 6-7 Wörter eines Gedichtes unmittelbar nachzusprechen.
Der deutsche Rechenkünstler Dr. Rückle schließlich ist beiden noch ganz bedeutend überlegen. Er braucht alle drei Vorstellhilfen: Sprechbewegungen, Gehör, vorwiegend aber verläßt er sich aufs Gesicht. Weiter zeigt er sich den anderen aus dem wichtigen Grunde überlegen, weil er +verstandesmäßige Hilfen+ noch mit einschaltet (eingeflochtene Rechnungen und Überlegungen), z. B. die Zahl 70128 merkte er sich im Augenblick folgendermaßen = 701 + 28 = 729 = 9³, in ähnlicher Weise 86219 = 219 = 3 × 73 und ~log~ 73 = 1,86...