Chapter 5 of 6 · 3985 words · ~20 min read

Part 5

Dr. Rückle konnte nach zweimaligem Durchlesen siebenmal sieben einstellige Zahlen, in sieben Reihen zu je sieben Zahlen, in jeder nur gewünschten Reihenfolge aufsagen. Diese Leistungen hat weder Diamandi noch Inaudi auch nur annähernd vollbracht.

Am besten aber zeigt sich die staunenswerte ungeheure Ausbildungsmöglichkeit eines bescheiden ausgestatteten Sinnes an der Entwicklung der taubstummblinden Helen Keller. Hier verrichtete der Tastsinn Wunder des Gedächtnisses, denn er vertrat die Stelle des Auges und des Ohres. Diese Amerikanerin, obgleich zeitlebens taub und blind, lernte mit seiner Hilfe englisch, deutsch, französisch, lateinisch, griechisch lesen und schreiben. Sie setzte es sogar durch, daß man ihr Unterricht im Sprechen erteilte. Die Eltern, ihre geliebte Lehrerin, alle rieten ab. Aber der kleine Trotzkopf von 10 Jahren setzte es durch und lernte sogar verständlich englisch sprechen. So mächtig wirkt der Geist und wenn er in einem Kerker, wie bei Helen Keller, eingesperrt wäre. Und wenn er mit einem so dürftigen Handwerkszeug wie mit dem Tastsinn arbeiten muß.

Ihre Lehrerin Annie Sullivan lehrte diesem von der Umwelt abgeschnittenen Geiste nur durch den Tastsinn das Finger-Abc, das in 27 verschiedenen Stellungen und Beugungen der Finger besteht, gab ihr einen Gegenstand und „fingerte“ ihr dann den Namen dafür in die Hand. Unermüdlich und geduldig tat sie das, bis bei dem Mädchen endlich, endlich der erste Strahl des Verständnisses durchbrach. Von da an ging es mit Riesenschritten vorwärts. Nur mit Hilfe des Tastsinnes bildete sich Helen Keller so weit fort, daß sie mit 16 Jahren die Gelehrtenschule besuchen und nach drei Jahren die Reifeprüfung machen konnte. Danach studierte sie an der Harvard-Hochschule Schrifttum und Geschichte. Sie nahm die Vorlesungen in der Weise auf, daß ihre Lehrerin ihr die Worte des Hochschullehrers mit Hilfe der Finger mitteilte.

Bei diesen fabelhaften Leistungen ist natürlich das Gedächtnis für Tastreize die allererste Grundbedingung. Infolge der höchstmöglichen Ausbildung dieses Sinnes vermag sie die feinsten Zuckungen der Hände andrer aufzunehmen und deren Gemütsbewegungen zu empfinden. „Die Hände der Menschen führen für mich eine beredte Sprache; die Berührung mancher Hand aber ist eine Beleidigung. Es gibt andere, deren Hände gleichsam Sonnenstrahlen in sich tragen.“

Bei Helen Keller sehen wir deutlich, wie ein Sinn stellvertretend für andere einspringen kann, und daß auch für die Gedächtnisse das gleiche gilt. Es arbeitet also +kein Sinn starr für sich abgetrennt+, sondern es sind Bindungen und Knüpfungen mit anderen Sinnesgebieten und -gedächtnissen möglich (vgl. S. 21. Die mehrsinnlichen Bindungen).

Aus den Leistungen der einseitigen Rechenkünstler müssen wir die Lehre ziehen, jedes Gedächtnis nach Kräften in uns auszubilden, für die nötige Verbindung und Zusammenarbeit der Sondergedächtnisse zu sorgen und nicht zuletzt den Verstand stark an der Gedächtnisarbeit zu beteiligen. Die Vernachlässigung eines Gedächtnisses bedeutet Verarmung und ist darum zu bekämpfen. „Je gleichmäßiger die Gebiete der verschiedenen Sinne bei einem Menschen entwickelt sind, desto +fruchtbarer+ wird die Vereinigung der Vorstellungen verschiedener Sinneseindrücke sein. Und +je einseitiger+ er ist, desto +notwendiger+ ist sie.“ (Paul Barth.)

Bei allen solchen reinen Anlagen, denen ein angeborener seelischer Mangel zugrunde liegt, haben wir es nämlich meist mit starrer Vererbung zu tun. So bei Künstlern, berühmten Rechnern, Schachspielern und anderen hochgesteigerten Begabungen. In mehreren Altersfolgen einer Familie findet sich mitunter eine bestimmte Vorstellungsart vor, z. B. war in der Familie Johann Sebastian Bachs das musikalische Gedächtnis in ganz hervorragender Weise ausgebildet.

Die meisten Menschen haben aber gemischtes Vorstellungsgepräge. So fanden sich unter 350 Versuchspersonen nur 18 ausgesprochene Gesichts-, 6 Gehörs- und 17 Bewegungsmenschen. Die andern mischten, und ihre Anlagen sind je nach dem Vererbungsgrade mehr oder weniger umbildungsfähig.

Je bildungsfähiger aber die Anlagen sind, um so mehr lernt der eifrig Übende mit allen eingeübten Vorstellungsmitteln arbeiten. Ein +vollkommenes+ Gedächtnis gründet sich auf eine +allseitige Entwicklung des Vorstellens+.

* * * * *

Es ist nun auf Grund der Versuche bestimmt anzunehmen, daß die Mehrzahl der Menschen abwechselnd in zwei ganz verschiedenen Formen geistig arbeitet.

Handelt es sich um Gegenstände oder Vorgänge, so erinnern wir uns früherer anschaulicher +Bilder+. Wir denken an Überreste früherer Sinneswahrnehmungen oder an Verbindungen von solchen. Das ist das sinnlich-anschauliche (gegenständliche) Vorstellen. Und zwar zählen die meisten Menschen zu den Sehern, wenn sie nicht +in Worten denken+.

Beruf oder Begabung lassen bald das eine, bald das andere hervor- oder zurücktreten. +Bildende Künstler+ arbeiten z. B. viel mit dem +sinnlichen Vorstellungsvermögen+, können sich aber meist nicht für wissenschaftliche Tätigkeit erwärmen. Die bedeutendsten +Geister der Wissenschaft+ aber +bevorzugen das Wortdenken+. Darum sind sie meist schlechte Künstler.

Bei diesem Wortdenken nun zeigen sich die Unterschiede je nach dem Vorherrschen eines Vorstellungsgepräges. Der Gehörsmensch arbeitet mit gehörten Worten, ein anderer mit Gesichtsbildern gedruckter oder geschriebener Worte und der vorwiegend auf Bewegungen sein Vorstellungsleben Aufbauende mit leisem Zusammenziehen der Muskeln der Sprachwerkzeuge.

Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, durch welche Sinne wir den oder jenen Stoff in uns aufnahmen. So berichtet ein Forscher (Baldwin) von sich, daß er sich sein Deutsch innerlich sprechend und hörend vorstellt, weil er es durch Unterhaltung in Deutschland gelernt hat, sein Französisch aber innerlich schreibend und sehend, wie er es in der Schule lernte.

Mit je mehr Sinnen wir etwas in uns aufnehmen, desto mehr Sinnen steht es dann zur Verfügung. Jedenfalls ist es uns viel geläufiger, wenn wir es durch mehrere, als wenn wir es nur durch einen Sinn aufnehmen. Und das Leben verlangt vielfach von uns vielseitige, schnelle Anwendung unseres Könnens. So bestätigen denn auch die Versuche von Lay, Schiller, Haggenmüller, Fuchs, Lobsien, Itschner die Notwendigkeit, alle Sinne heranzuziehen: Abschreiben (sehend mit Schreibbewegungen) mit leisem Sprechen (hörend mit Sprechbewegungen) ist z. B. für die Rechtschreibung die wirksamste Einprägung.[17]

Hier haben wir eine Verbindung aller nur möglichen sinnlichen Keime, des Sehens, Hörens, Sprechens und Schreibens. Und der Erfolg ist der denkbar beste bei unseren Schülern wie sie jetzt sind, d. h. noch gar nicht auf allen Sinnesgebieten genügend ausgebildet.

VIII. Wie stellen wir fest, welche Vorstellungsseiten uns fehlen und deshalb einzuüben sind?

Dazu fehlt es vorläufig an einem handlichen, vollkommen befriedigenden Verfahren. Aber einige Hinweise erlauben uns, ziemlich deutlich die vorwiegende Vorstellungsart zu erkennen.

1. Man beachte die Fehler in schriftlichen Arbeiten! Der Hörer verwechselt ähnlich klingende Laute, z. B. ä und ö mit e, s mit ß und z. Der Seher aber faßt die Form der Buchstaben scharf auf und stützt sich nicht auf den Klang, sondern aufs Wortbild. Der Hörer macht etwa Fehler: sagte -- sachte, Hitze -- Hitse, Haide -- Heide, Lid -- Lied. Davor bleibt der Seher bewahrt, weil sich ihm die Verschiedenheit des Gesichtsbildes schnell aufdrängt.

2. Der Seher merkt sich mehr die Mitlaute, weil sie dem Auge durch ihre Größe auffällig sind, der Hörer die Selbstlaute, die bekanntlich lauter klingen als die Mitlaute.

3. Der Seher kann meist genau angeben, wo eine bestimmte Stelle im Buche oder in der Arbeit zu finden ist, die andern können das nicht.

4. Der Seher buchstabiert lange Wörter leicht rückwärts wie vorwärts, was den beiden anderen Arten wesentliche Schwierigkeiten macht. Auch folgende Aufgabe vermag bei der Feststellung der Vorstellungsart zu helfen:

5. Man schreibe Gegenstände mit lebhaften Farben auf, dann Gegenstände, die starke Geräusche erzeugen! Beide Aufgaben sind 10 oder 15 Minuten lang fortzusetzen. Wer viel mit dem Gesicht arbeitet, wird bei der ersten, wer sich mehr aufs Gehör verläßt, bei der zweiten mehr Gegenstände aufschreiben.

Handelt es sich nun um Gedächtnisleistungen, die sofort von uns verlangt werden, so werden wir uns zunächst auf unser Vorstellungs- und Gedächtnisgepräge stützen, dann aber die Übung der anderen Sinne eifrig betreiben, damit sie später eine weitere Hilfe für uns werden.

In welcher Weise diese Forderung zu verwirklichen ist, möge noch durch folgende Beispiele erläutert werden:

Ein Maler wendete folgendes Mittel in seiner Malerschule an. Um seine Schüler an das Zeichnen aus dem Gedächtnis zu gewöhnen, ließ er die Umrißlinie der Figur mit dem Bleistift in der Luft verfolgen. So nötigte er seine Schüler, das Muskel- mit dem Gesichtsgedächtnis zu verschmelzen. Noch vorteilhafter soll die feine Arbeit der Augenmuskeln für das Gedächtnis sein.[18]

Von sich selbst erzählt Meumann, daß er sich beim Lernen der Fremdwörter an die Klangbilder hielt. Die hebräischen Zeitwörter bereiteten ihm aber große Schwierigkeiten, weil alle in der ersten Silbe ein langes a, in der zweiten meist ein kurzes a haben, seltener e, o und a. Da half er sich damit, daß er, obgleich Hörer, nur auf das Gesichtsbild der Mitlaute achtete. Mit dem Gesicht lernend überwand er allmählich die Schwierigkeiten.

[17] Vgl. Prof. Dr. Paul Barth, Die Elemente der Erziehungs- und Unterrichtslehre. 6. Auflage (J. A. Barth, Leipzig), und W. A. Lay, Führer durch den Rechtschreibunterricht.

[18] In der Praktischen Gedächtnispflege S. 35-44 ist die Einschaltung geeigneter Muskelempfindungen beim Lernen ausführlich dargestellt.

IX. Sinnvolles Lernen.

Zuerst ist es nötig, den +Inhalt zu erfassen+. Dann erleichtert der Zusammenhang wesentlich die Einprägung. Eine geringe Zahl von Menschen schlägt den umgekehrten Weg ein, lernt erst die Wörter und versucht dann, mit deren Hilfe in den Inhalt einzudringen. Selbstverständlich kann dieses Verfahren nicht empfohlen werden. Das mögen nur solche Leute tun, die ein großes Gedächtnis für Wörter, aber geringes Verständnis haben. Da mag der Fleiß ersetzen, was an Geist fehlt.

Wenn der +Sinn erfaßt+ ist, braucht der Lernende nach Ebbinghaus +nur ein Zehntel der Zeit+. Andere Forscher haben je nach der Schwierigkeit des sinnvollen Stoffs noch bessere Ergebnisse erhalten. Fünfundzwanzigmal so viel Wörter wurden behalten, wenn man den Versuchspersonen sinnvolle Sätze statt unzusammenhängender Wörter bot.

Die große Überlegenheit des durchdachten Zusammenhangs wird uns aus folgenden Ergebnissen klar.

Bei Meumanns Versuchen behielten die geübtesten Personen bis zu 13 Buchstaben, ebenso viele Zahlen, 7 bis 9 sinnlose Silben, bis 10 Einzelwörter, bis 20 Wörter eines Gedichts, bis 24 Wörter einer Weltansichtsrede. Daraus ersehen wir die wichtige Tatsache, daß nicht die Zahl der Elemente, sondern die Zahl der selbständigen Gedächtnis+einheiten+ maßgebend ist. Obige 10 Einzelwörter enthielten etwa 50-60 Buchstaben. Das Gedächtnis behielt sie aber nicht als Buchstaben, sondern als Worteinheiten.

„Unser Gedächtnis ist eine synthetische (zusammensetzende) Tätigkeit, die aus Elementen Einheiten schafft, und das ist ‚assoziiert‘, was für unser Bewußtsein zum Teil eines Ganzen geworden ist.“ (Meumann.)

Die hervorragende Bedeutung der Denkzusammenhänge war sicherlich schon vor langer Zeit unseren Vorfahren bekannt, sonst hätten sie nicht das Wort „Gedächtnis“ gebildet. Nur an dem, was +durchdacht+ und +verstanden+ ist, zeigen sich die besten Gedächtnisleistungen. Das Denken schafft eben die größten umfassendsten Vorstellungseinheiten und gibt allen Teilen einen weiteren Verwendungsbereich und eine größere Bereitschaft. Was die Vorstellbindungen unbewußt und achtlos erreichen, nämlich einen Zusammenhang unter den einzelnen seelischen Grundwerten, schafft das Denken viel dauerhafter, weitgespannter und besser. Diese Gedankenverknüpfungen (vgl. S. 22) bedeuten tatsächlich das Höchste, was der Menschengeist hervorzubringen vermag.

Das Verständnis für so manchen zunächst langweiligen Stoff geht uns erst auf, wenn wir vom Gegenteil ausgehen. Der Gegensatz wirft meist wertvolle Schlaglichter auf den ödesten Stoff und kann plötzlich in uns eine Fülle von Gedankenzusammenhängen anregen.

Ein vollendetes Beispiel dafür bietet die Beschäftigung mit der Rechtswissenschaft. Welche Marter für den Nichteingeweihten, in einem Gesetzbuch lesen zu müssen, wie es jetzt bei uns in Deutschland üblich ist!

Scheinbar etwas ganz anderes werden aber diese reizlosen Gesetzesabschnitte, wenn wir uns die Zeit nehmen, über jeden etwas nachzudenken, uns etwa vorzustellen, wie es sein würde, wenn das +Gegenteil+ erlaubt wäre, uns einige anschauliche Fälle auszudenken und Vermutungen über den +Grund der Entstehung+ des Gesetzes anzustellen. Ein so betrachteter Abschnitt ist dann schon zur Hälfte gelernt.

Die große Bedeutung des Gegensatzes in aller Kulturentwicklung, in unserm Denken, in unserm ganzen seelischen Leben, in der Dichtung (einfache Gegensätze, Gegensatzstimmungen an Ruinenstätten großer Vergangenheit, Parodie, Ironie, Satire, Paradoxon) habe ich ausführlich in „+Deine gestaltende Seele und dein Stil+“ dargestellt (Th. Müllers Verlag und Versandbuchhandlung).

Auch die Wörtchen „+Warum?+“, „+Wozu?+“ sind Zauberstäbe, die uns, etwa in Naturwissenschaften und Geschichte, mit einem Schlage in tausend Zusammenhänge bringen, die natürlich ganz wunderbare Gedächtnisstützen sind.

Von großer Wichtigkeit ist eine Geistestätigkeit, die wir schon in andern Abschnitten erwähnten, beim sinnvollen Lernen aber nicht übergehen dürfen: das +Zurückschauen+, +Überblicken+, +Zusammenfassen+, damit sich auch +außer der Reihe Verbindungen knüpfen+. Das schafft +bewußte Ordnung+ unter unseren Geistesschätzen, während die Vorstellbindungen blind und unbewußt ordnen.

Zusammenfassend ist bei allem Lesen und Lernen zu fordern: Pausen einzufügen, um zurückzuschauen, in stiller Betrachtung zu +vergleichen+, um +ähnliche+ oder +entgegengesetzte+ Fälle heranzuziehen.

Ganz besonders gilt es für Vernunftzusammenhänge: Erst die +Hauptgedanken klar herauszuschälen+, den ganzen Aufbau in bezug auf +Ursache und Wirkung+, +Grund und Folge+, +Zweck und Absicht+ klar vor das geistige Auge zu stellen; dann ist in einem langsamen Zeitmaß zu lesen, +das dem Verstehen angepaßt ist+.

X. Mnemotechnische Anregungen??

Um eine möglichst vollständige Gedächtnislehre zu bieten, mag hier noch folgender Abschnitt Platz finden, dem ich jedoch selbst nicht in allen Teilen zustimmen kann.

Findige Köpfe haben sich allenthalben Gedächtnishilfen geschaffen. Erinnern wir uns daran, wie sich der Soldat seine Hornsignale merkt, an das Kartoffelsupp usw. Vgl. S. 14. Sehr erfinderisch sind von jeher Schüler im Ersinnen von Merkstützen, sog. Eselsbrücken, gewesen. Für die auf dem Fichtelgebirge entspringenden Flüsse Main, Saale, Eger, Naab wurde als Merkwort das lateinische ~mens~ gewählt. Für bestimmte Dichter des 18. Jahrhunderts dient die Zahl 9 als Gedächtnishilfe: 1719* Gleim, 1729* Lessing, 1749* Goethe, 1759* Schiller, 1769† Gellert, 1799* Heine. Die Zahl der Monatstage (30 oder 31) wird vielfach von den Schülern an den Knöcheln beider Handrücken festgestellt usw.

Aber sollte sich nicht all dies durch reines Einprägen und öfteres Wiederholen ebensogut merken lassen? Wir möchten lieber für spröden Stoff vorschlagen, ihn auf +kleine Zettelchen+ zu schreiben, sie in der Tasche mit sich herumzutragen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit durchzulesen. Durch fortwährendes gelegentliches Auffrischen werden selbst die schwersten Sachen dem Gedächtnisse dauernd und geläufig einverleibt.

Noch glatter als das alleinstehende Wort ist die Zahl. Wer ein gering entwickeltes Zahlengedächtnis hat, das trotz eifriger Übung keine wesentlichen Fortschritte macht, der wird sich vielleicht mit Erfolg folgender mnemotechnischer Hilfe bedienen, um sich etwa Jahreszahlen, wichtige Fernsprechnummern, Fahrplanzeiten usw., über die er stets verfügen muß, einzuprägen. Jede Zahl wird in bestimmte Buchstaben umgewandelt (auch die in Klammer stehenden Buchstaben gelten für dieselbe Zahl).

1. Für 1 gilt t (d), da das geschriebene t Ähnlichkeit mit 1 hat.

2. n und v haben zwei Grundstriche.

3. m hat drei Grundstriche und ist dem w ähnlich.

4. r ist in der 4 vieler Sprachen zu finden. Das deutsche q hat Ähnlichkeit mit 4.

5. Das Schluß-s kann man als verschnörkelte 5 ansehen. Für 5 gelten auch ß und s.

6. b hat Ähnlichkeit mit der 6; aus demselben Grunde gehört der harte Lippenlaut p hierher.

7. Zwischen f (pf) und der Ziffer 7 lassen sich schließlich auch gewisse Ähnlichkeiten entdecken.

8. 8 ist ein recht plumpes h (j).

9. g sieht der 9 ähnlich. Es treten noch ch und k dazu.

10. Das Nullzeichen (0) in 10 kommt zuletzt, gilt darum für z, l, tz.

Gilt es nun z. B., die Zahl 814 = htr als Todesjahr Karls des Großen zu merken, so läßt sich daraus etwa das Wort Hüter bilden, das man ganz gut mit Karl dem Großen in Verbindung bringen kann. Die Schlacht bei Cannä: 216 = ntp = ~ante portas~. Mosis Gesetzgebung: 1500 = dsll = du sollst.

Die mnemotechnischen Grundsätze sind jedoch nach Meumann so verschwenderisch wie möglich. Es widerstreitet dem natürlichen Bestreben unseres Gedächtnisses, nur +das unbedingt Notwendige zu behalten+, indem der Lernende mit einer +ungeheuren Masse von Hilfsvorstellungen überlastet+ wird, die allmählich alle wieder ausgeschieden werden müssen, wenn ein glattes und sicheres Hersagen des Behaltenen stattfinden soll. Daher pflegen alle Menschen, die sich anfangs mit Begeisterung dieser so oft gekünstelten Hilfen bedienen, bald wieder abzufallen, weil +niemand diese Überlastung seines Gedächtnisses mit bloßen Hilfsvorstellungen auf die Dauer erträgt+.

In „Neue Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben“ habe ich im Anschluß an „vier Rechenkünstler und ihre Merktechnik“ +natürliche Zahlenmerkhilfen+ in reicher Auswahl vorgeschlagen: mathematisch-astronomische Geschichts-, Erdkunde-Zahlen usw.

XI. Hemmung und Förderung der Gedächtnistätigkeit.

Wir müssen die Anerkennung des Satzes verlangen, daß die Kraft des Geistes auch nach der sittlichen Richtung hin in weitestem Maße vom Körper abhängt (sonderlich vom Gehirn) .... Mit dem Kampf gegen die Rauschgifte, die nur zu häufig zum furchtbarsten Feinde des Großhirns werden, ist noch lange nicht genug getan. Allgemeine Aufklärung über die Gesundheit des Gehirnlebens tut not, und noch vieles muß geschehen.

(Flechsig, Rektoratsrede 1894.)

Gesundheitlicher Teil.

Eine Gesundheitslehre des Gedächtnisses läßt sich nicht von der Gesundheitslehre des Geistes lösen, die wiederum innig mit der Körperpflege verknüpft ist; denn nur in einem gesunden Körper kann eine gesunde Seele wohnen. Mannigfache Gefahren bedrohen die Gesundheit des Körpers und Geistes.

Selbstgifte.

Jede Arbeit erzeugt Stoffwechselreste, z. B. Kohlensäure, Harnsäure und ganz eigenartige Ermüdungsgifte. Dauert die Arbeit sehr lange, ist sie sehr anstrengend und werden mehr Gifte erzeugt, als der Körper durch Lungen und Nieren ausscheiden kann, so reichern sie sich in ihm an und wirken lähmend. Dann hat der Körper das Bedürfnis nach Ausscheidung dieser belastenden Gifte. Er zeigt Ermüdung und das +Verlangen nach Ruhe+. Die soll man ihm dann auch +gönnen+.

Arbeit im Zustande der Übermüdung ist entschieden schädlich und sollte nur in ganz dringenden Fällen ausgeübt werden. Lernarbeit ist in diesem Zustande beinahe wertlos.

Wie begegnen wir nun am besten der Ermüdung? Geben wir zunächst zwei Ärzten das Wort! „Hufelands Rat, durch Willkür die tägliche Aussonderung zu regeln, ist bekannt und begründet, und ich füge bei diesem Anlaß den hinzu, während des Lesens und Schreibens, wo man unbewußt den Atem anhält, manchmal absichtlich tief einzuatmen, selbst vom Tische aufzustehen und ein paarmal durchs Zimmer zu gehen, -- sowie, zumal bei feinerer oder abendlicher Arbeit, manchmal für einige Minuten die Augen zu schließen. Der Laie befolge diesen Rat! Der Arzt begreift ihn.“[19]

[Illustration: Abb. 16. Atmung und Puls beim Betrachten des Bildes auf Abb. 17: Jüngling zu Nain (14jähr. Schüler)

(Aus Schulze, Werkstatt der experiment. Psychologie und Pädagogik.)]

Wir haben den außerordentlich hohen Wert der Aufmerksamkeit besonders für die Verknüpfung, für das höhere geistige Dasein, kennen gelernt. Leider hat nun aber die Aufmerksamkeit auch eine Kehrseite.

In obiger Abbildung 16, die wir dem trefflichen Buche Rudolf Schulzes „Aus der Werkstatt der experimentellen Psychologie“ entnahmen, zeigt die obere Wellenlinie die Atmung, die untere den Puls eines Knaben an, der das Bild des Jünglings zu Nain (Abb. 17) betrachtet. Die beiden Marken des mittleren Strichs zeigen uns den Augenblick der Öffnung und Schließung einer Tür, die das Bild verdeckt. Wir sehen, wie die Pulslinie bei der ersten Marke plötzlich nach oben springt, also verstärkten Herzschlag anzeigt, nach Schließen der Tür aber ebenso plötzlich wieder sinkt. Die Atemveränderung ist auch sehr auffällig. Erst ganz regelmäßige Züge, während der Bildbetrachtung ganz flaches, unregelmäßiges Atmen und beim Schließen der Tür zwei tiefe, befreiende Atemzüge.

[Illustration: Abb. 17. Der Jüngling zu Nain von Haueisen.

(Verkleinerte Wiedergabe einer farb. Künstlerlithographie aus R. Voigtländer’s Verlag, Leipzig, Größe 100×70 ~cm~. Preis M 6.--.)]

Daraus ergibt sich, wie die Aufmerksamkeit die Atmung verflacht. Man redet ja auch von einer „atemlosen Spannung“. Dauert dieser Zustand lange, dann wird das die Gehirnzellen belastende Gift, die Kohlensäure, nicht in dem Maße ausgeschieden, wie es wünschenswert ist. Dreimal so viel Sauerstoff brauchen Hirnzellen wie andere Körperzellen von gleichem Gewicht. Dazu sind die Hirnzellen außerordentlich empfindlich gegen die entstehenden Stoffwechselgifte.[20]

Wird unsre Aufmerksamkeit zu lange angespannt, so antworten wir mit einem Gähnen. Diese Erscheinung ist noch nicht eindeutig erklärt. Am meisten für sich hat wohl die Meinung, daß es ein tiefes Atemholen sei, um die Kohlensäure auszuscheiden und Blut und Gehirn wieder mit Sauerstoff anzureichern. Zugleich ist mit dem Gähnen ein Druck auf die Schilddrüse verbunden, durch den sie zu einer inneren Absonderung von Gegengiften (Antitoxinen) gegen die Ermüdung angeregt wird. Oder die Aufmerksamkeit schweift ab, weil sie sich nicht länger verdichten kann. Dann sind der weitere Unterricht und die Lernarbeit wertlos. Durch ein paar tiefe, befreiende Atemzüge aber sind wir wieder in der Lage, uns zu sammeln. Dann wird die Unterrichts- und Lernarbeit wieder wertvoller.[21]

Außerdem wollen wir ja nicht außer acht lassen, daß tägliche Tiefatemübungen das einzige Mittel sind, unsre Jugend zu einem lungenkräftigen Geschlecht heranzubilden, dem auch die Schwindsucht nichts anhaben kann.

Wenn überall bei der Jugend auf eine kräftige, vollständige, tiefe Atmung besonders der +oberen+ Lungenteile, auf eine frühe Erweiterung des oberen Brustkorbs und Rippenringes (Hände hinter dem Kopf verschränken) Wert gelegt würde, dann würden viele Ansteckungen von Schwindsucht überhaupt nicht aufkommen, andere leicht und schnell ausheilen, und die große jährliche Verlustziffer an Lungenschwindsucht für unser Vaterland würde ganz gewaltig sinken (1913 = 85000 Todesfälle an Lungentuberkulose).

Dieser Abschnitt gehört mit gutem Recht in eine Gedächtnislehre, denn +was nützt alle Übung des Gedächtnisses+, wenn jener niederträchtige Feind langsam aber sicher alle Hoffnungsblüten vernichtet!

Über die Dauer der geistigen Arbeit.

Neun Stunden angestrengter geistiger Arbeit dürften das zulässige +Höchstmaß+ sein. Dann soll die Erholung, die Entspannung folgen. Diese suchen und finden die meisten Menschen durch Betätigung auf anderen Gebieten, z. B. beim Zeitungslesen, Kugel- und Kartenspielen, Schaubühnenbesuch usw. Allein diese Erholung ist nicht die denkbar beste, denn sie beansprucht wieder Aufmerksamkeit, die die Atmung verflacht. Darum müssen wir als eine wesentlich bessere Erholung das Spazierengehen mit tiefem Atmen bezeichnen.

Das ruhige Wandern mit regelmäßigen tiefen Atemzügen wird vielfach von Ärzten auch als ein wirksames Heilmittel gegen Nervosität empfohlen, zu deren ersten Kennzeichen ein Nachlassen des Gedächtnisses und die Gedankenflucht gehören. Man vermag dann nicht mehr bei einem einmal eingeschlagenen Gedankengange zu bleiben, verliert den Faden, schweift zumeist auf Grund oberflächlicher Bindungen von einem Gebiete in das andere und vergißt dabei, was man alles hatte sagen wollen.

Hier gilt es vorzubeugen. Das gelingt sicher, wenn man täglich insgesamt mindestens drei Stunden auf Wandern, leichtere oder schwerere Gartenarbeit, Sport und Turnen verwendet.

Unbedingt soll sich jeder deutsche Jüngling und jedes Mädchen dem Turnen und dem Turnspiele, dieser +allseitigen, ausgeglichenen+ Ausbildung des Körpers, eifrig hingeben. Denn es ist wahrhaftig ein Jungborn der Menschheit und erhält geschmeidig bis ins späte Alter. Der Sport ist zwar meist einseitig, wohl auch kostspieliger als das Turnen, erzieht aber zu +schneller Entschlußfähigkeit und Geistesgegenwart+.

Es ist jedoch zu bemerken, daß Sport und Turnen, überhaupt körperliche Anstrengungen, wie wissenschaftliche Versuche beim Gewichtheben, Vorstellungsbinden und Vorstellungsergänzen festgestellt haben, neben der körperlichen auch gehörig viel geistige Kraft verbrauchen. Es fällt den Beteiligten nur nicht so auf, +weil es lustbetonte Arbeit ist+. Darum ist es empfehlenswert, auch +darauf erst eine Erholung und Entspannung+ folgen zu lassen, ehe man sich wieder anstrengenden Tätigkeiten hingibt. Erwähnt sei schließlich noch, daß bei dieser Betätigung unter allen Umständen +eine Erschütterung des Kopfes und des Rückenmarks+ zu +vermeiden+ ist.

In einer Gesundheitslehre des Geisteslebens dürfen auch einige Bemerkungen über die +beste Erholung+, den +Schlaf+, nicht fehlen; denn ein Mensch, der durch den Schlaf noch nicht genügend gestärkt und neubelebt ist, der müde und abgespannt die Arbeit der Lerntätigkeit aufnimmt, leistet wenig oder gar nichts. Der wissenschaftliche Versuch zeigt uns nämlich, daß der Einfluß des körperlich-geistigen Wohlbefindens auf die Leistungsfähigkeit sehr groß ist.

Allgemein ist die Ansicht verbreitet, daß für den Erwachsenen mindestens acht Stunden Schlaf nötig sind. Wenn aber ein Bedürfnis für noch längere Ruhe vorhanden ist, so gebe man dem ruhig nach. +Die Nacht+ sollte +so wenig als möglich zur Arbeit+ verwendet werden.

Nach dem Mittagessen (12 Uhr) erreicht die geistige Leistungsfähigkeit infolge der Verdauungstätigkeit einen ganz beträchtlichen Tiefstand. Darum ist die geistige Arbeit sofort nach dem Mittagessen verfehlt. Entweder wird sie oder die Verdauung, meist beide, unter großer Kraftvergeudung ungünstig beeinflußt. Von 3 Uhr an steigert sich wieder die Arbeitsfähigkeit und erreicht gegen 5 Uhr ihren Höhepunkt am Nachmittag.

Bei Nervosität oder nach angestrengter geistiger Arbeit, die unbedingt +mindestens eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen zu beenden+ ist, vermag mancher nicht einzuschlafen. Dem können wir nicht dringend genug unser Mittel der Entspannung empfehlen, wie wir es für Spaziergänger vorschlugen, nur daß an Stelle des Marschierens fortwährendes Zählen, etwa bis vier, einzutreten hat: Also Sammlung auf tiefe Atmung und Zählen, dabei mit geschlossenen Augen Festhalten eines vorgestellten Punktes. Dazu fasse man vertrauensvoll den festen Vorsatz, am andern Morgen recht frisch, munter und leistungsfähig aufzustehen!

Wir haben es hier mit der +Einbildung+ zu tun, die aber ganz wesentlichen Einfluß auszuüben vermag. Es sei nur an die bekannte Tatsache erinnert, daß es fast jedem Menschen möglich ist, zu einer bestimmten Zeit frühmorgens aufzuwachen. Bei den meisten genügt hierzu der feste Vorsatz und der Glaube an den Erfolg.