Chapter 10 of 26 · 727 words · ~4 min read

X.

Sie, meine Herren, glauben an einen ewig unzerstörbaren Kristallpalast, d. h. also an etwas, dem man heimlich weder die Zunge zeigen noch eine lange Nase machen kann. Ich aber fürchte diesen Palast, gerade weil er aus Kristall und ewig unzerstörbar ist, und weil man ihm nicht einmal heimlich wird die Zunge zeigen können.

Denn sehen Sie mal: wenn an Stelle des Palastes ein Hühnerstall wäre und es regnete, so würde ich vielleicht auch in den Hühnerstall kriechen, um nicht naß zu werden, doch würde ich trotzdem nicht aus bloßer Dankbarkeit den Hühnerstall für einen Palast halten, einzig weil er mich vor dem Regen beschützt hat. Sie lachen, Sie sagen, daß in diesem Fall der Hühnerstall und ein großes Wohnhaus – ein und dasselbe wären. Gewiß, antworte ich, wenn man nur zu dem Zweck leben müßte, um nicht naß zu werden.

Was soll ich aber tun, wenn ich es mir nun einmal in den Kopf gesetzt habe, daß man nicht nur zu dem Zweck lebt, und daß, wenn man schon einmal lebt, dann auch in Wohnhäusern leben sollte. Das ist meine Überzeugung, das sind meine Wünsche, und die werden Sie nur dann aus mir herausreißen können, wenn es Ihnen zuerst gelingt, sie zu verändern. Nun gut, verändern Sie mich, verführen Sie mich zu etwas Anderem, geben Sie mir ein anderes Ideal. Vorher aber werde ich einen Hühnerstall doch nicht für einen Palast halten. Mag es sogar so sein, daß der Kristallpalast nur Aufschneiderei ist, daß man ihn nach den Naturgesetzen überhaupt nicht als möglich annehmen kann, und daß ich ihn mir nur infolge meiner eigenen Dummheit ausgedacht habe, infolge einiger alter irrationaler Angewohnheiten unserer Generation. Was geht es aber mich an, ob man ihn annehmen kann oder nicht. Bleibt sich das denn nicht ganz gleich, wenn er nur in meinen Wünschen vorhanden ist, oder, besser gesagt, so lange vorhanden ist, wie meine Wünsche vorhanden sind? Vielleicht belieben Sie wieder, über mich zu lachen? Nur zu! Ich nehme Ihren ganzen Spott gerne hin, doch werde ich nicht sagen, daß ich satt bin, wenn ich essen will; ich weiß, daß ich mich mit einem Kompromiß nicht zufrieden geben werde, mit einer unendlichen periodischen Null, bloß weil sie nach den Naturgesetzen wirklich vorhanden ist. Ich werde niemals sagen, die Krone meiner Wünsche sei – eine Mietskaserne mit Wohnungen für die Armen und auf alle Fälle mit dem Aushängeschild irgend eines jüdisch-deutschen Zahnarztes. Vernichten Sie meine Wünsche, verwischen Sie die Bilder meiner Ideale, zeigen Sie mir irgend etwas Besseres, und ich werde Ihnen glauben. Meine Herren, Sie wollen mir vielleicht sagen, es lohne sich nicht, unsere Bekanntschaft weiter fortzusetzen? In dem Falle aber könnte ich Ihnen von mir aus dasselbe sagen. Wir diskutieren ja im Ernst. Wollen Sie mich jedoch Ihrer Aufmerksamkeit nicht mehr würdigen, so werde ich Sie nicht weiter belästigen. Meinetwegen. Ich werde Sie ja sowieso nicht grüßen.

Ich habe meinen dunklen Winkel, habe meinen Untergrund.

Vorläufig aber lebe und wünsche ich noch, – und daß mir meine Hand verdorre, wenn ich auch nur einen einzigen Ziegelstein zum Bau solch einer Mietskaserne bringe! Beachten Sie bitte weiter nicht, daß ich vorhin den Kristallpalast, wie ich vorgab, aus dem einen Grunde ablehnte, weil man ihm nicht die Zunge zeigen könne. Ich habe das keineswegs gesagt, weil ich es etwa so liebe, meine Zunge herauszustecken. Ich ... vielleicht hat es mich nur geärgert, daß es unter all Ihren Gebäuden bis jetzt noch kein einziges gibt, dem man auch nicht die Zunge zeigen wollte. Im Gegenteil, ich wäre sogar gern bereit, mir aus lauter Dankbarkeit die Zunge ganz und gar abschneiden zu lassen, wenn man mir dafür garantiert, daß mich dann niemals mehr der Wunsch anwandeln wird, sie noch herauszustecken. Was kann ich dafür, daß mir dieses niemand garantiert, und daß man sich mit Mietswohnungen begnügen muß! Warum bin ich denn mit solchen Wünschen geschaffen? Sollte ich denn wirklich nur geschaffen sein, um zur Überzeugung zu kommen, daß mein ganzer innerer Mensch nichts als Betrug ist? Sollte wirklich der ganze Zweck meines Daseins nur darin liegen? Glaub’s nicht.

Doch, übrigens, wissen Sie was: ich bin überzeugt, daß man unsereinen, ich meine, solch einen Untergrundmenschen, im Zaum halten muß. Er ist wohl fähig, vierzig Jahre lang stumm im dunkelsten Winkel zu sitzen, dafür aber geht er denn auch sofort durch, wenn er einmal ans Tageslicht kommt, dann redet er, redet er, redet er ...