V.
„Endlich, endlich ist der Zusammenstoß mit der Wirklichkeit gekommen!“ murmelte ich, als ich die Treppe hinunter lief. „Das ist jetzt nicht mehr der Papst, der Rom verläßt, um nach Brasilien auszuwandern, das ist nicht mehr der Ball auf dem Comersee!“
„Gemein bist du, wenn du jetzt darüber lachst!“ zuckte es mir durch den Kopf.
„Meinetwegen!“ rief ich mir selbst zur Antwort. „Jetzt ist ja doch schon alles verloren!“
Von ihnen war jede Spur verschwunden: doch was tat’s schließlich: ich wußte, wohin sie gefahren waren.
An der Vorfahrt hielt einsam ein Schlitten; der Kutscher – einer von den Bauern, die die Not im Winter in die Stadt treibt, ein Wanjka in grobem Bauernkittel – war von dem immer noch träge fallenden nassen und, wie man hätte glauben können, warmen Schnee schon ganz bedeckt. Die Luft war feucht und schwül. Sein kleines rauhhaariges, mageres Pferdchen war gleichfalls schon ganz weißgeschneit und hustete – das weiß ich noch genau. Ich riß die Schlittendecke zurück, doch kaum hatte ich den Fuß hineingesetzt, als mich plötzlich die Erinnerung daran, wie Ssimonoff mir die sechs Rubel zugeworfen hatte, durchzuckte –: ich fiel wie von einem Keulenschlage getroffen auf den Schlitten.
„Nein, ich muß viel tun, um das wieder gut zu machen!“ schrie ich heiser. „Aber ich werde es schon tun, oder es ist noch heute Nacht aus mit mir. Fahr zu!“ Ich sagte ihm wohin. Das Pferd zog an. Ein ganzer Wirbelsturm von Gedanken wütete in meinem Hirn.
„Sie werden mich ja doch nicht um meine Freundschaft bitten, geschweige denn, daß sie es noch auf den Knieen täten. Das ist ja eine Fata morgana, eine umgekehrte Welt, die ich mir vorstelle, eine widerliche, romantische und phantastische Luftspiegelung, die ich mir wieder einmal vorstelle, ist ebenso wie der Ball auf dem Comersee. Und darum _muß_ ich Swerkoff eine Ohrfeige geben! Ich bin verpflichtet, sie ihm zu geben. Also es steht fest: ich fahre hin, um ihm eine Ohrfeige zu geben. Schneller! Fahr zu!“
Der Wanjka zog die Zügel an.
„Sofort nachdem ich eingetreten bin, gebe ich sie ihm. Oder sollte man noch vorher einige Sätze so ... hm, gewissermaßen als Vorwort sagen? Nein. Ich trete ein und gebe sie ihm. Sie werden alle im Salon sitzen, er mit Olympia auf dem Sofa. Diese verfluchte Olympia! Sie hat über mein Gesicht gelacht und mir einmal abgesagt. Ich werde Olympia an den Haaren und Swerkoff an den Ohren fortziehen! Nein, besser an einem Ohr und so am Ohr werde ich ihn denn durch’s ganze Zimmer ziehen. Sie werden mich vielleicht überfallen und hinauswerfen. Bestimmt werden sie das tun. Meinetwegen! Immerhin habe ich zuerst die Ohrfeige gegeben; also meine Initiative ... und nach den Gesetzen des Ehrenkodex ist das alles: er ist gebrandmarkt und kann dann mit keinen Schlägen seine Ohrfeige abwaschen, außer mit einem Duell. Er muß mich fordern. Und mögen sie mich jetzt nur schlagen. Mögen Sie nur! Diese Undankbaren! Am meisten wird Trudoljuboff schlagen: er ist stark; Ferfitschkin wird sich an ungefährlicheren Stellen ankrallen, in die Haare wird er mir fahren, natürlich, der bestimmt in die Haare. Die sind ja für ihn wie geschaffen. Meinetwegen! Zu dem Zweck gehe ich ja hin. Diese Schafsköpfe werden doch endlich das Tragische in all dem begreifen müssen! Wenn sie mich zur Tür schleppen, werde ich ihnen zurufen, daß sie im Grunde nicht einmal meinen kleinen Finger wert sind. Fahr zu, Wanjka, fahr zu!“ schrie ich plötzlich. Der Kutscher zuckte zusammen vor Schreck und hieb mit der Peitsche auf seine Mähre ein. Ich hatte schon etwas zu wild geschrieen.
„Beim Morgengrauen schlagen wir uns, das steht fest. Mit der Kanzlei, oder wie Swerkoff sagt, dem Département ist es aus. Ferfitschkin sagte vorhin, ‚Debartemang‘. Woher aber die Pistolen nehmen? Unsinn! Ich nehme meine Gage voraus und kaufe sie. Aber das Pulver, und die Kugeln? Das ist Sache des Sekundanten. Und wie damit bis zum Morgengrauen fertig werden? Und wo den Sekundanten hernehmen? Ich habe keine Bekannten. Unsinn!“ rief ich noch erregter, „Unsinn! Der erste beste, den ich auf der Straße treffe und den ich darum angehe, ist verpflichtet, mein Sekundant zu sein, ganz so, wie er zum Beispiel verpflichtet wäre, einen Ertrinkenden aus dem Wasser zu ziehen. Die exzentrischsten Zufälle müssen doch zugegeben werden. Ja, wenn ich den Direktor morgen bitte, mein Sekundant zu sein, so müßte der sich schon allein aus Ritterlichkeit dazu bereit erklären und ... und das Geheimnis bewahren! – Anton Antonytsch ...“
Doch in demselben Augenblick begriff ich klarer und deutlicher als je die ganze blödsinnige Unmöglichkeit meiner Voraussetzungen und die ganze Kehrseite der Medaille, aber ...
„Fahr zu, Wanjka, fahr zu, Esel, fahr zu!“
„Ach Herr!“ sagte die Landkraft.
Ein Frösteln überlief mich.
„Aber wär’s nicht besser ... weiß Gott, wär’s nicht besser ... direkt nach Hause zu fahren, sofort? Ach, warum, warum drängte ich mich gestern zu diesem Abschiedsmahl auf! Doch nein, das ist unmöglich! Und der Spaziergang von acht bis elf vom Tisch bis zum Ofen, vom Ofen bis zum Tisch? Nein, _sie_, _sie_ müssen für diesen Spaziergang büßen! _Sie_ müssen diese Schmach abwaschen! Fahr zu!“
„Aber was dann, wenn sie mich auf die Polizeiwacht bringen?! Das werden sie nicht wagen! Werden einen Skandal fürchten. Was aber dann, wenn Swerkoff aus Verachtung das Duell ausschlägt? Das ist ja so gut wie sicher; dann aber werde ich ihnen beweisen ... Dann werde ich in den Posthof gehen, wenn er morgen abfährt, werde ihn am Bein packen, werde ihm, wenn er in den Postwagen kriecht, den Mantel abreißen. Werde ihn mit den Zähnen an der Hand packen, werde ihn beißen. ‚Seht, wozu man einen verzweifelten Menschen bringen kann!‘ Mögen sie mich auf den Kopf schlagen und sie alle da hinter mir ... Ich werde dem ganzen Publikum zuschreien: ‚Seht diesen jungen Hund, der, um Tscherkessinnen zu verführen, in den Kaukasus fährt – mit meinem Speichel im Gesicht!‘
„Versteht sich, dann ist alles aus! Dann ist das ‚Département‘ vom Angesicht der Welt verschwunden. Man wird mich ergreifen, verurteilen, aus dem Dienst jagen, mich zu den Zwangsarbeitern stecken, darauf zu den sibirischen Ansiedlern ... Mögen Sie nur! Nach fünfundzwanzig Jahren schleppe ich mich zu ihm, in Lumpen, als Bettler, wenn man mich aus dem Gefängnis entlassen hat. Ich suche ihn irgendwo in einer Gouvernementsstadt auf. Er wird verheiratet und glücklich sein. Er wird eine erwachsene Tochter haben ... Ich werde einfach sagen: Sieh, Unmensch, sieh meine eingefallenen Wangen und mein zerlumptes Gewand! Ich habe alles verloren: die Karriere, das Glück, die Kunst, die Wissenschaft, _das geliebte Weib_, und alles _Deinetwegen_. Sieh, hier sind Pistolen. Ich bin gekommen, um meine Pistole abzufeuern und ... ich vergebe Dir! Da schieße ich denn einfach in die Luft und verschwinde spurlos ...“
Es fehlte nicht viel und ich hätte aufgeschluchzt, obgleich ich im selben Augenblick ganz genau wußte, daß meine Phantasie auf Lermontoffs „Sylvio“ und der „Maskerade“ beruhte. Und plötzlich schämte ich mich furchtbar, ich schämte mich dermaßen, daß ich das Pferd anhalten ließ, aus dem Schlitten kroch und mitten auf der Straße im Schnee stehen blieb. Der Wanjka sah mich verwundert an und seufzte.
Was sollte ich tun? Dorthin konnte ich nicht: es würde nichts dabei herauskommen; und die Sache auf sich beruhen lassen – war gleichfalls unmöglich: was dann herauskommen würde ... Himmlischer Vater! Wie denn so etwas auf sich beruhen lassen! Und nach solchen Beleidigungen!
„Nein!“ schrie ich und stürzte wieder in den Schlitten. „Das ist vorausbestimmt, das ist Verhängnis, Schicksal! Fahr zu, fahr zu, dorthin!“
Vor Ungeduld schlug ich mit der Faust den Wanjka ins Genick.
„Ach! Gott! Was haust Du mich!“ rief das Bäuerlein erschrocken, peitschte aber doch seine Schindmähre, sodaß sie mit den Hinterbeinen ausschlug.
Der nasse Schnee fiel senkrecht in dichten Flocken, als ob ihn die Erde angezogen hätte. Ich vergaß alles, denn ich hatte mich endgültig für die Ohrfeige entschlossen; ich fühlte nur mit Grauen, daß es doch schon _unbedingt_ und _sofort_ geschehn würde und sich durch _keine Macht der Welt mehr aufhalten_ ließe. Die einsamen Laternen schauten mürrisch durch das von Schneestreifen durchzogene Dunkel, wie Fackeln bei nächtlichen Beerdigungen. Der Schnee schlug mir in den offenen Mantel, unter den Rock, auf die Weste, fiel mir in den Mantelkragen, rutschte dann weiter in das Halstuch, taute an meinem heißen Halse auf und durchnäßte meinen Kragen; ich schlug aber meinen Mantel nicht zu: es war ja doch schon alles verloren! Endlich kamen wir an. Ich sprang fast bewußtlos aus dem Schlitten, lief die Stufen hinauf und schlug mit Händen und Füßen an die Tür. Meine Beine wurden besonders in den Knieen furchtbar schwach. Sonderbarer Weise wurde bald geöffnet; ganz als ob sie mich erwartet hätten.
Ssimonoff hatte in der Tat schon gesagt, daß vielleicht noch jemand kommen würde, hier aber mußte man anmelden und überhaupt Vorsichtsmaßregeln ergreifen. Es war eines jener „Modegeschäfte“, die jetzt schon längst von der Polizei aufgehoben sind. Tagsüber war es allerdings ein „Modegeschäft“; abends jedoch wurden Herren, die eine Rekommendation hatten, empfangen.
Ich ging schnellen Schrittes durch den dunklen Laden in den mir bekannten Saal und blieb erstaunt in der Tür stehen: der Saal war leer; nur ein einziges Licht brannte auf einem Tisch.
„Wo sind sie denn?“ fragte ich irgend jemanden.
Sie hatten natürlich schon Zeit gehabt, auseinanderzugehn.
Vor mir stand ein Weibsbild mit dummem Lächeln; das war die Wirtin. Sie kannte mich schon von früher. Nach einer Minute öffnete sich eine Tür und eine andere Person trat ein.
Ich schritt im Zimmer auf und ab und sprach mit mir. Es war mir, als wäre ich vom Tode errettet worden; ich fühlte es freudig mit meiner ganzen Seele: denn ich hätte ja die Ohrfeige unbedingt, unbedingt gegeben! Doch sie waren nicht da und ich ... alles war wie Spukgebilde verschwunden, alles hatte sich verändert! Endlich blickte ich mich um. Ich konnte noch nicht recht begreifen. Mechanisch blickte ich auch auf die eingetretene Person: vor meinen Augen verschwamm ein frisches, junges, etwas bleiches Gesicht mit geraden, dunklen Augenbrauen, mit einem ernsten und fast ein wenig verwunderten Blick. Das gefiel mir sofort; ich würde sie gehaßt haben, wenn sie gelächelt hätte. Ich mußte mich anstrengen, um aufmerksamer hinzusehn: noch fiel es mir schwer, meine Gedanken zu sammeln. Etwas Offenherziges und Gutes lag in diesem Gesicht, doch war es bis zur Sonderbarkeit ernst. Ich bin überzeugt, daß sie nur deswegen bei diesen dummen Jungen verspielt hatte. Übrigens konnte man sie nicht gerade schön nennen, wenn sie auch ziemlich groß, schlank und gut gebaut war. Angezogen war sie ungewöhnlich schlicht. Etwas Gemeines kroch mir ins Herz; ich trat geradenwegs auf sie zu.
Ich blickte zufällig in den Spiegel: mein erregtes aufgedunsenes Gesicht erschien mir unsagbar ekelhaft: bleich, boshaft, gemein, von zottigem, nassem Haar umrahmt. „Meinetwegen, – um so besser,“ dachte ich. „Es freut mich gerade, daß ich ihr ekelhaft erscheinen muß; das ist mir sehr angenehm ...“ –