Chapter 6 of 26 · 489 words · ~2 min read

VI.

Oh, wenn ich doch aus _Faulheit_ nichts getan hätte! Herrgott, wie würde ich mich dann achten! Würde mich gerade deswegen achten, weil ich dann doch fähig wäre, wenigstens faul zu sein! Dann hätte ich doch wenigstens eine Eigenschaft, eine positive Eigenschaft, von der ich dann auch selbst überzeugt sein könnte. Man fragt: was ist das für einer? Antwort: ein Faulpelz. Aber ich bitt’ Sie, meine Herren, das wäre doch über alle Maßen angenehm von sich zu hören. Also bin ich dann doch positiv bezeichnet, klassifiziert, es gibt also etwas, was man von mir sagen kann. „Ein Faulpelz!“ – aber das ist doch eine Benennung, eine Bestimmung, das ist ja eine Karriere, ich bitt’ Sie! Scherz bei Seite, das ist so. Dann bin ich rechtmäßiges Mitglied des ersten Klubs der Welt und beschäftige mich ausschließlich mit der Hochachtung meiner selbst. Ich kannte einen Herrn, der sein Leben lang nichts anderes tat, als darauf stolz sein, daß er sich auf Weinsorten verstand. Er hielt das für eine positive Würde und zweifelte nie an sich. Er starb nicht nur mit einem ruhigen, sondern mit einem wahrhaft triumphierenden Gewissen und war auch vollkommen im Recht. Ich aber hätte mir dann eine Karriere gewählt – oh! – ich wäre Faulpelz und Vielfraß geworden! – doch kein gewöhnlicher etwa, sondern einer, der, sagen wir, mit allem Schönen und Hohen sympathisiert. Hm! Wie gefällt Ihnen das? Ich habe mir das schon lange ausgemalt. Dieses „Schöne und Hohe“ hat mir in den vierzig Jahren doch arg auf dem Puckel gelegen; jetzt aber bin ich schon vierzig; doch wenn ich damals – oh, dann wäre jetzt alles ganz anders! Ich hätte mir sofort eine entsprechende Lebensaufgabe gewählt, nämlich: auf die Gesundheit alles Schönen und Hohen zu trinken. Ich würde jede gebotene Gelegenheit ergriffen haben, um zuerst in meinen Pokal eine Träne zu träufeln und ihn dann auf’s Wohl alles Schönen und Hohen hinabzustürzen. Alles auf der Welt würde ich dann in Schönes und Hohes verwandelt, und selbst im gemeinsten Schmutz würde ich Schönes und Hohes gefunden haben. Tränenreich wäre ich geworden wie ein nasser Schwamm. Zum Beispiel –: ein Künstler hat ein Bild gemalt: sofort trinke ich auf die Gesundheit dieses Künstlers, denn ich liebe alles Schöne und Hohe. Ein Schriftsteller hat „Einerlei was“ verfaßt, und sofort trinke ich auf das Wohl „Einerlei wessen“, denn ich liebe „alles Schöne und Hohe“. – Achtung würde ich deswegen für mich heischen, würde jeden verfolgen, der mir dafür keine Achtung zollt! Lebe ruhig, sterbe triumphierend, – ja, aber das ist doch herrlich, einfach herrlich! Und was für einen Schmeerbauch ich mir dann anlegen würde, und welch ein dreifaches Doppelkinn, von der Leuchtkraft der Nase schon gar nicht zu reden! Jeder, der mir begegnet, würde bei meinem Anblick sagen: „Donnerwetter, das ist aber ein Plus! Das ist mal was Positives!“ Sagen Sie was Sie wollen, meine Herren, aber solche Bemerkungen sind doch in unserem negativen Jahrhundert ungemein schmeichelhaft zu hören, ungemein schmeichelhaft!