Chapter 4 of 26 · 612 words · ~3 min read

IV.

„Hahaha! Dann werden Sie ja auch an Zahnschmerzen Genuß finden!“ wenden Sie lachend ein.

„Warum nicht? Auch im Zahnschmerz ist Genuß,“ antworte ich. Einmal habe ich einen ganzen Monat Zahnschmerzen gehabt – ich weiß, wie das ist! Natürlich, hierbei erbost man sich nicht schweigend – man stöhnt. Doch ist es dann kein aufrichtiges, sondern ein schadenfrohes Gestöhn, aber in dieser Schadenfreude ist ja alles enthalten! Gerade in diesem Gestöhn drückt sich ja die ganze Wonne, der ganze Genuß des Leidenden aus: empfände er keinen Genuß, so würde er auch nicht stöhnen. Das ist ein gutes Beispiel, meine Herren, bleiben wir bei ihm. In diesem Stöhnen liegt erstens die ganze für Ihre Erkenntnis erniedrigende Zwecklosigkeit Ihres Schmerzes, die ganze Gesetzlichkeit der Natur, auf die Sie natürlich spucken können, doch durch die _Sie_ trotzdem leiden, die Natur aber nicht. Zweitens, die Erkenntnis, daß kein Feind vorhanden, wohl aber der Schmerz vorhanden ist; die Erkenntnis, daß Sie zusammen mit allen möglichen Doktoren vollkommen Sklave Ihrer Zähne sind; daß, falls es irgend jemand will, Ihre Zähne nicht mehr schmerzen werden, wenn er es aber nicht will, sie noch weitere drei Monate schmerzen werden; und daß drittens, wenn Sie sich immer noch nicht ergeben und immer noch protestieren wollen, Ihnen zur eigenen Beruhigung nur noch übrig bleibt, sich selbst durchzuprügeln oder mit der Faust etwas schmerzhafter an Ihre Wand zu schlagen – sonst aber entschieden nichts. Nun, sehen Sie, – gerade von diesen Beleidigungen bis aufs Blut, von diesem Verspottetwerden, ohne zu wissen von wem, entsteht dann allmählich dieser Genuß, der oft bis zur höchsten Wollust steigen kann. Bitte, meine Herren, hören Sie doch einmal aufmerksam dem Gestöhn eines gebildeten Menschen des neunzehnten Jahrhunderts zu, wenn er Zahnschmerzen hat, doch schon so am zweiten oder dritten Tage, wenn er nicht mehr so stöhnt, wie am ersten Tage, d. h., nicht nur einfach, weil seine Zähne schmerzen, nicht wie irgend ein gewöhnlicher Bauer stöhnt, sondern wie ein Mensch, der von der Bildung und der europäischen Kultur durchdrungen ist – wie ein Mensch, „der sich vom Boden und dem Volke getrennt hat,“ wie man sich jetzt auszudrücken pflegt. Sein Gestöhn wird gewissermaßen gemein, boshaft und hält ganze Tage und Nächte lang an. Und er weiß es ja selbst, daß ihm dieses Stöhnen nicht den geringsten Nutzen bringt; weiß es selbst am allerbesten, daß er damit ganz umsonst sich wie auch die anderen nur ärgert und reizt; er weiß sogar, daß das Publikum, vor dem er sich solche Mühe gibt, seine Familie, ihm schon bis zum Widerwillen zugehört hat, ihm nicht für einen Pfennig glaubt und bei sich denkt, daß er doch anders, einfacher stöhnen könnte, ohne Läufer, Triller und Sprünge, daß er es nur aus Bosheit, aus Schadenfreude tut. Nun, gerade in diesen Erkenntnissen und Qualen liegt ja die Wollust! „Ich beunruhige Euch, zerreiße Euch das Herz, gönne keinem im Hause Schlaf! So wacht denn, bitte, fühlt mal mit, daß meine Zähne schmerzen! Jetzt bin ich für Euch nicht mehr der Held, der ich früher scheinen wollte, sondern einfach ein gemeines Menschlein, ein Chenapan. Nun gut! Freut mich sehr, daß Ihr mich durchschaut! Mein häßliches Gestöhn widert Euch wohl an? Nur zu! werde Euch gleich einen noch häßlicheren Läufer vorstöhnen ...“ Verstehen Sie mich auch jetzt noch nicht, meine Herren? Nein, es scheint doch, daß man sich lange bis zu dem entwickeln und tief in sich selbst versenken muß, um alle Windungen dieser Wollust verstehen zu können. Sie lachen? Freut mich! Meine Späßchen sind vielleicht etwas abgeschmackt, sind uneben, verwirrt und voll von Mißtrauen zu mir selbst. Aber das kommt doch daher, daß ich mich selbst nicht achte! Aber kann denn ein erkennender Mensch sich überhaupt noch irgendwie achten?