Part 2
Die vorgefundenen Körper erschienen fast alle äusserlich unversehrt und nur zum kleinen Theile durch Hautabschürfungen und Contusionen entstellt. In den oberen Partien der Stiege, in der Nähe des Schnürbodens nämlich, fanden wir die Leichen vollkommen geschwärzt. Die Art und Weise, wie diese Leichen da über einander gethürmt lagen, die Stellung der Arme und der Beine gaben Zeugniss von dem Grade des Todeskampfes, den diese armen Menschen gekämpft haben müssen .... Der letzte Leichnam, den wir fanden, war ein weiblicher. Die Person lag mit dem Oberkörper nach abwärts, der fast unversehrt war, die Beine jedoch und die Bekleidung waren verbrannt .... Hinter diesem Leichnam, zum Theile schon begraben vom glimmenden Schutt, lagen noch drei grösstentheils schon verkohlte Körper, von deren Kleidung nichts mehr wahrzunehmen war. Ueber diese Leichname hinweg schritt ich noch ungefähr fünf Stufen .... ein weiteres Vordringen war unmöglich. Der Dachstuhl brannte mir lichterloh entgegen, nutzlos wäre es gewesen, noch nach weiteren Leichen zu forschen; man konnte, wie die Situation sich darstellte, doch nur mehr verkohlte Körper vorfinden, die nicht einmal mehr zu einer Agnoscirung geeignet gewesen wären.
Unten angelangt, war mein Erstes, zu fragen, ob die gleichen Arbeiten, wie ich sie mit meinen jeder Todesgefahr spottenden muthvollen Genossen hier auf der rechten Partie des brennenden Hauses unternommen, auch auf der linken Seite in Angriff genommen worden seien. Ich hörte zu meinem Entsetzen, dass in der grenzenlosen Verwirrung im ersten Augenblicke Niemand daran gedacht; jetzt das Gleiche auch hier zu thun, wäre aber eine vergebliche Mühe gewesen, da das Feuer rascher als auf der rechten Seite den linken Tract erfasst hatte.» —
Wahrlich hatte Graf Lamezan recht. Man arbeitete allerorts mit vielen Anstrengungen, aber das Werk ist wenig lohnend, denn nur Todte und immer Todte sind der Preis schwerer gefahrvoller Arbeit. In wenigen Stunden wurden aus dem brennenden Theater 144 Leichen entfernt und in den Hof der nur wenige Häuser weit entfernten k. k. Polizei-Direction getragen, woselbst sie bis zu deren Ueberführung in das k. k. allgemeine Krankenhaus aufbewahrt blieben.
Der Hof der k. k. Polizei-Direction.
Ein Trost wird den armen Hinterbliebenen der Opfer der Ringtheater-Katastrophe allerdings zu Theil, dass die Mehrzahl dieser Personen nicht lebend verbrannt ist, dass sie bereits todt waren, erstickt und erdrückt, als sie von den Flammen erfasst wurden. Ist aber der Feuertod in seiner ganzen Furchtbarkeit nicht tausendmal dem langsamen Hinsterben in dem Kampfe um das Leben, in welchem es keine Sieger gab, vorzuziehen? Aus den Stellungen der Leichen ersah man leider nur zu deutlich, wie gräulich dieser Kampf gewüthet haben mag, welche Qualen die unglücklichen Opfer des Brandes erlitten, welche peinvollen Scenen es abgegeben haben mag. Man fand Männer in fester, fast unlösbarer Umarmung mit den Zähnen in einander verbissen, die Nägel tief in das Fleisch des Anderen gebohrt. Zahlreichen Menschen fehlen die Extremitäten. Abgerissene Füsse, vom Rumpfe getrennte Hände liegen in dem Schutte; viele nicht verbrannte Körper sind zu einer unförmlichen Masse geworden, viele Leichen fand man vollkommen plattgedrückt. Diese Thatsachen machten das Auflesen von Leichen schwer, und vollends unmöglich wurde dieses bei den vollkommen verbrannten. Der ganze Schutt ist mit Asche von menschlichen Körpern gemengt, und wollte man rigoros zu Werke gehen, müsste aller Schutt dem Central-Friedhofe überstellt, eingesegnet und dort beerdigt werden.
Feuerwehrleute, welche auf den dem Ringtheater gegenüber liegenden Häusern Posto gefasst, um die Wasserstrahlen in den feurigen Krater zu senden, erzählen, dass sie ganz deutlich an der Brüstung oberhalb der zweiten Galerie einen menschlichen Leichnam hängen sahen, der ganz langsam fortbrannte, dessen Fett in die Tiefe träufelte und zischend in die glühende Kohlenmasse fiel.
[Illustration: Der Hof der k. k. Polizeidirection.]
Brennende Leichen in den Galerien.
Man konnte deutlich wahrnehmen, dass sich unten noch eine Menge schauerlich entstellter Leichname befand, welche offenbar bei dem Durchbruche des Mauerwerkes in die Tiefe gestürzt waren. Einen wahrhaft grausigen Anblick haben die zahlreichen Leichen und Leichentheile gewährt, welche an dem blossgelegten Sparrenwerke, an Eisengittern u. dgl. hingen und die von den Flammen förmlich gebraten wurden. Aber der grässlichste Anblick war und wird bleiben, als ich mitten in diesen auflodernden Feuergarben zwei aufrechtstehende Personen, welche sich umschlungen hielten, an eine eiserne Säule gelehnt, erblickte. Ich glaubte mich zu täuschen; ich frug den Feuerwehrmann, ob er es auch sieht, «ja, da hoch oben im dritten Stockwerke» ruft er, «stehen zwei Leichen» — und während wir entsetzt und erstarrt hinblicken, bewegen sich die Beiden, ein Sparren krümmt sich, der Tragbalken baucht sich aus, ... jetzt kracht er nieder — Rauchwolken, das Bild ist verschwunden, nichts als brennende Lohe, Feuerdampf und wüstes Gewoge.
[Illustration: Im Tode vereint. (Brennende Leichen.)]
In Mitte der Gräuel spielte sich auch manches groteske Bild ab. Gegenüber dem Ausgange von der Bühne, in der Hessgasse unterm Hausthore war es, wo sich der verzweifelte Director Jauner, umgeben von den Mitgliedern seines Theaters, aufhielt. Es mochte ungefähr halb 8 Uhr gewesen sein, als Theaterarbeiter daran schritten, aus den Wohnungen von Theaterbediensteten Möbel und Bettzeug zu retten. Aus dem zweiten, aus dem dritten Stockwerke wurden Tücher, Teppiche, Matratzen etc. herab auf das Strassenpflaster geworfen. Bilder, Uhren etc. wurden herabgereicht und Alles in das gegenüber liegende Hausthor gelegt, wo Secretär Gisrau händeringend stand und den Moment verwünschte, in dieses Haus eingezogen zu sein. Die aus ihren Garderoben geflüchteten Schauspieler, zum Theile schon im Costüme, Schauspielerinnen, halb entkleidet, mit blossen Armen, eilten jammernd und schreiend die Strasse auf und ab, grellroth von der Feuergluth beleuchtet, die den Himmel zu versengen schien. Von der Schnelligkeit, mit der sich das Feuer verbreitete, mag man sich einen Begriff machen, wenn man erfährt, dass schon eine Viertelstunde nach Ausbruch des Brandes das Dach seiner ganzen Länge nach und die Bühne bis unter die Versenkung hinab in Flammen standen. Jedes Fenster schien die Oeffnung eines glühenden Hochofens zu sein, vor dem die Feuerwehrleute wie Schmiede an der Esse hantirten.
Stimmen aus dem Publikum.
Gegen 10 Uhr Nachts lagen im Hofe des Polizeidirections-Gebäudes bereits 116 Leichen, die aus dem brennenden Theater dorthin geschafft wurden; sämmtliche Todtenträger und k. k. Sanitätswagen der Stadt umlagerten mit ihren Tragbahren das Gebäude längs dem Schottenringe, des Augenblickes gewärtig, die Leichen in das allgemeine Krankenhaus zu schaffen. Um ½ 11 Uhr Nachts schlugen die Flammen, nachdem ein Abnehmen des Brandes bereits wahrgenommen worden war, wieder neuerdings hell empor, die Ursache war der Einsturz des Parterres. Um Mitternacht war die schreckliche Verwüstung gethan. Das ganze Haus im Innern war ausgebrannt. Zuschauerraum und Bühne und die zusammengestürzten Ueberreste bildeten einen riesigen Feuerherd. Gegen 1 Uhr Mitternachts konnte man den Brand als localisirt betrachten und Hunderte von Menschen stürzten sich in das Gebäude, um die Todten endlich aus dem Theater zu entfernen. In Militär-Sanitätswägen wurden nunmehr die Ueberreste der unglücklichen Theaterbesucher vom 8. December en masse vom Platze geführt; eine grässlichere Arbeit wurde seit den Märztagen 1848 von der Bevölkerung Wiens nicht vollführt, als in dieser denkwürdigen Nacht.
* * * * *
Personen, welche im Theater selbst vor Ausbruch des Brandes anwesend waren, erzählen Folgendes, was ich in meiner Eigenschaft als Schilderer dieser grässlichen Nacht mittheilen muss, trotzdem ich voraussetze, dass es heute bekannt ist; aber meine Arbeit gilt der Zukunft, und deshalb muss ich zur Reproducirung von schon Bekanntem schreiten.
[Illustration: Unterm Hausthore.]
Von einer Dame, welche genau im verhängnissvollen Momente des Eintrittes der Katastrophe ihren Sitz in der dritten Parquetreihe eingenommen hatte, wurde die blitzartige Wirkung dieses furchtbaren Beginnes folgendermassen veranschaulicht: «Ich war eben im Begriffe — erzählt die Dame — mein Opernglas dem Futteral zu entnehmen, als ich plötzlich bemerke, wie der Vorhang in seltsam aufbauschende Bewegung geräth und wie durch einen starken Druck in den Zuschauerraum hineingedrängt wird. Im selben Augenblicke wird unterhalb der Courtine ein Spalt frei und durch diesen Spalt trifft mein entsetzter Blick auf eine Feuerflamme, die vom Bühnenpodium hervorzüngelt.
Augenblicklich ergreife ich meine Begleiterin am Arme und dränge dem mittleren Sitzgange zu — aber schon ist, mit einem Schlage, alles Licht erloschen, dichte Finsterniss umfängt uns, wir werden auf die Parquetstiege hinausgedrängt, ich erfasse mit beiden Händen das Geländer — da fühle ich, entsetzlich, dass meine Verwandte nicht mehr an meinem Arme ist. Ich schreie ihren Namen — sie erwiderte den Ruf, wir erfassen uns wunderbarer Weise nochmals im Finstern, werden widerstandslos fortgedrängt — dem Ausgange zu — und sind gerettet. Hinter uns flammt das Haus».
Ein Besucher der Galerie erzählte nachstehende, ungemein anschauliche Darstellung seiner Erlebnisse: «Es war zehn Minuten vor 7 Uhr. Ich befand mich auf der vierten Galerie um halb 7 Uhr. Der Vorhang war ein wenig gehoben und einige Arbeiter nagelten und richteten noch etwas zum Gaudium des Publikums. Die Musiker sassen bereits im Orchester. Man sah nur durch die kleine Spalte einmal finster, dann wieder grelles elektrisches Licht. Die Galerien waren sehr gut besucht. Auf einmal hebt sich die Courtine in’s Parterre hinein. Man sah Feuer. Alle schrieen Feuer. Die Besonnenen auf der vierten Galerie rufen: «Sitzen bleiben!» Ich war in der Nähe des Nothausganges. Auf einmal wurde Alles finster. Ich tappte zu dem Ausgang. Man schrie und jammerte. Ich lief bis in die dritte Galerie. Da lief schon ein Haufen Leute herauf und schrie: «Unten brennt’s, nicht hinunter!» Verwegene zertrümmerten die Fensterscheiben. Ich blieb vielleicht zehn Secunden auf der dritten Galerie, nicht wissend, was ich machen sollte. Da fasste ich den Entschluss, lieber durch das Feuer zu laufen, als oben bei der schreienden, tobenden Menge zu bleiben, die nicht wusste, was sie machen solle, und wo man sich gegenseitig nicht sehen konnte, weil keine Petroleumlampen angezündet waren. Ich tappte mit vielleicht noch zwei bis drei jungen Leuten, welche mir aber vorgestürzt sind, langsam die rauchige Treppe herunter und brauchte circa eine Minute. Unten angekommen, kannte ich mich nicht aus; ich war bei dem Thore in der Hessgasse.
Es waren dort gegen 20 Leute, meist feines Publikum, Herren und Damen, welche um «Hilfe», «Aufmachen» schrieen, weil das Thor versperrt war. Im Vestibule gab es aber Licht. Nach circa 1 Minute wurde die Thüre durch einen Theaterdiener aufgemacht und wir waren im Freien. Im Hause gegenüber sah ich mehrere Schauspieler und Schauspielerinnen im Costüme als Studenten, Rathsherren u. s. w. Da ereigneten sich Scenen voller Angst und Entsetzen. Man schrie durcheinander. Eine Garderobière oder sonst eine alte Frau rief unaufhörlich: «Meine Kinder werden verbrannt. Wir werden Bettler!» Auf dem Balcon, Ecke der Hessgasse ober dem Gasthause, waren viele Leute, welche um Hilfe riefen. Es wurde ihnen vom Innern des Theaters eine Doppelleiter gereicht. Doch diese war zu kurz, sie liessen sie also fallen. Die Feuerwehr kam vielleicht zwei Minuten nachdem ich mich gerettet hatte. Ich eilte gleich nach Hause, um meine Angehörigen zu verständigen».
Bis gegen 8 Uhr — also nach einer Stunde nach Ausbruch des Brandes — erzählten Personen, welche beim Ausbruche waren, wagten sich noch Personen in das brennende Gebäude, um auf den Treppen nach Todten auszuschauen und Rettungen vorzunehmen. «Es ist Alles gerettet», heisst es in der Meldung, welche ein Polizeirath den anwesenden Erzherzogen Albrecht und Wilhelm, dem Commandirenden Philippovich, und dem in Amtsuniform erschienenen Minister-Präsidenten Taaffe macht.
«Alles gerettet?» fragt Erzherzog Albrecht ungläubig ... «Das Glück!»
Nach fünf Minuten kommt athemlos ein Polizeicommissär und meldet: «Die Stiege von der zweiten zur dritten Galerie ist voll von Todten ...» Grosses Entsetzen erfasst die Menge, welche diese Nachricht vernimmt ... Jetzt will man diese Schreckenskunde kaum glauben. Es ist Alles gerettet ... Die Stiege ist voll von Todten — schreckliche Gegensätze. «Ich gehe hinauf, kaiserliche Hoheit», sagte Polizeirath Landsteiner zum Erzherzog Albrecht, und begibt sich in das Gebäude. Man braucht die Antwort des Polizeirathes nicht abzuwarten, denn schon kommt eine andere Meldung: «Fünfzehn Todte sind im Hofe des Polizeigebäudes, darunter der Garderobier des Theaters, dessen Füsse total verbrannt sind, und der nach kurzem Leiden im Tode Erlösung fand».
«Zwanzig Todte sind im Polizeihaus». «Verbrannt?» fragte Erzherzog Wilhelm.
«Nein ... lauter Erstickte».
Und so gehen die Meldungen fort — immer grösser wird die Zahl der Todten, über die man berichtet ... «Dreissig Todte» lautet die Meldung um halb 9 Uhr, — Neunzig Todte um halb 10 Uhr, 154 um Mitternacht! Im Polizeihause liegen die Leichen, schrecklich verstümmelt von dem Drängen der Menge, die im Kampfe um’s Leben stürmte und tobte; die Kleider vom Leibe gerissen, die nackte Brust voll Wunden von den Nägeln, welche die armen, armen Menschen sich im Todeskampfe beigebracht haben. Das Gesicht schrecklich verzerrt, Schaum vor dem Munde, die Augen weit hervorgestreckt.
Immer mehr häuften sich die Leichen und die Zahl derselben hatte schnell die angegebene Zahl von dreissig überschritten. Die anwesenden Aerzte konnten gar nicht rasch genug die Todtenconstatirungen vornehmen. Die Leichen wurden neben einander gelegt und, als der Raum zu enge zu werden begann, auf einander geschichtet. Alle Anwesenden zitterten vor Erregung, das Herz drohte zu zerspringen vor Aufregung, ergraute Männer weinen laut ... dazu erfüllt das Jammern der Leute, welche ihre Angehörigen suchen, den weiten Raum.
Die Aerzte constatirten, dass die meisten Menschen an Erstickung gestorben sind, ein grosser Theil fand im Gedränge den Tod. Bis halb zehn Uhr waren nur die Treppen, die zur zweiten Galerie führen, geräumt.
Ein Berichterstatter einer Zeitung folgte dem arbeitenden Personale auf die Treppe. Er schildert uns den Anblick, der sich ihm bot: «Wir schritten durch den seitlichen Gang die Treppe hinan, eine schreckliche Hitze herrschte in dem Raume, die Atmosphäre war von Rauch und Brandgeruch erfüllt. Die Treppe im ersten Stocke war bedeckt von Fetzen, abgerissenen Kleidungsstücken, Hüten, Shawls, Opernguckern u. s. w. Der zweite Stock bot ein Bild des Jammers, des Entsetzens: Leiche auf Leiche. Die Leiber der entseelten Menschen thürmten sich aufeinander; Todesröcheln drang von den oberen Stufen herab; wir wollten weiter vordringen ... der Rauch und die Hitze machten es unmöglich.
Es war unmöglich, zu retten, zu helfen. Machtlos stand man dem schrecklichen Ereignisse gegenüber, gefoltert von dem Bewusstsein, dass weiter oben noch viele Todte aufgehäuft liegen, und was noch schlimmer: viele Sterbende. In athemloser Eile stürzten wir zurück, die Feuerwehrmänner zu holen, welche mit Hilfe ihrer Vorrichtungen den Rauch passiren können. Nun begann die traurige Arbeit, die Todten und die Sterbenden aufzulesen. Dieselbe bot grosse Schwierigkeiten. Es waren nicht gleich genügend Fackeln vorhanden, um die ganze Treppe zu erleuchten; es herrschte Dunkel in diesem Raume, Dunkel dort, wo kaum wenige Schritte entfernt die wilden Flammen toben, Opfer fordernd ohne Zahl ... Ein fürchterliches Gefühl flösste dieses Dunkel ein, der Contrast zwischen dem Feuer drinnen, das solche Verheerungen anrichtet, und dem Dunkel hier auf der Treppe, welches das Rettungswerk hemmte». —
«Es war ¾ auf 7 Uhr und soeben war das zweite Zeichen gegeben worden», erzählt der Schauspieler des Ringtheaters, Herr Nötel, über seine Erlebnisse, «ich war gerade in der Garderobe fertig, hatte mein Tricot und den grünen Frack für meine Rolle angelegt und betrat die Bühne. Ich war ungefähr bis in die Mitte derselben gekommen, als ich einen furchtbaren Schreckensruf hörte. Die Situation wurde mir auch in demselben Momente in entsetzlichster Weise klar.
Ein Arbeiter hatte mit der langen Soffitenstange, welche zum Anzünden der Soffitenbeleuchtung dient, und an deren oberem Ende ein Blechgefäss, mit Spiritus gefüllt, sich befindet, aus dem ein brennender Docht hervorragt, die Soffitenlampen anzuzünden begonnen. Er kam mit dem brennenden Dochte an die Soffitenleinwand, welche zur Decoration im ersten Acte von «Hoffmann’s Erzählungen» gehört. Diese Decoration stellt das Innere einer Schänke dar. Die Soffitenleinwand fing im Momente Feuer und die helllichte Flamme theilte sich sofort dem Schleier mit, der im letzten Acte dieses Stückes als ein Zwischenvorhang hinunterfällt. Der brennbarste Zunder war gefunden. Ich befand mich im Nu in einem Flammenmeere und ich sah, wie der betreffende Arbeiter nach rückwärts sprang.[1]
[1] Einer anderen Version zu Folge war Gas entströmt, welches naturgemäss nach Aufwärts dringt. Da am Dache keine constante Oeffnung ist, sammelte sich das Gas oben an; als die offene Spiritusflamme in die Region des ausgeströmten Gases kam, entzündete sich dasselbe und verbreitete sich, Alles in Brand steckend, im Nu über den ganzen Schnürboden, so dass an ein Löschen gar nicht gedacht werden konnte, weil mit einem Schlage Alles, auch der leere obere Raum, in hellen Flammen stand.
Der Autor.
Es muss durch den plötzlichen und gewaltigen Ausbruch der Flammen ein überaus heftiger Luftzug entstanden sein. Eine hohe Feuersäule stürzte geradezu auf den Vorhang los, der die Bühne vom Zuschauerraume trennt und riss in diesen Vorhang mit dämonischer Gewalt ein breites Loch hinein, und durch diese Oeffnung drängte sich der Feuerstrom hinaus in das Theater, wälzte sich auf die bereits dicht besetzten Galerien und hüllte die Unglücklichen mit seinem Todesmantel ein.
Ich hörte nur einen einzigen, riesigen Schrei, einen einzigen Ruf unsagbarsten Schreckens und furchtbarster Verzweiflung.
Ich wendete mich nach rückwärts und stiess auf den Director Jauner. Wir eilten Beide auf die rückwärtige Theaterstiege, die aus Stein gefügt ist, stürzten beim rückwärtigen Eingang auf die Strasse hinaus und liefen, was wir konnten, nach dem vorderen, auf der Ringstrasse gelegenen Haupteingange des Theaters, um die vordere Hauptstiege zu gewinnen. Wir wollten sehen, ob das Publikum sich gerettet habe. Das Foyer und die Hauptstiege waren leer und einen Augenblick lang lebten wir in der Hoffnung, dass es Allen gelungen sei, dem Verderben zu entrinnen.
Trügerische Hoffnung! Bald sollte mir die schreckliche Gewissheit klar werden.
Jauner war zusammengebrochen und von einem Herrn, von dem ich nachträglich hörte, dass es der schwedische Consul Kendler gewesen, ohnmächtig fortgetragen worden. Ich selbst eilte wieder nach dem rückwärtigen Eingange, um mich über die Theaterstiege in die Garderoben zu begeben. Ich wollte nachsehen, ob hier nicht zu helfen, nicht zu retten wäre. Die Garderoben waren alle intact. Ich konnte mich meiner Tricots und meines grünen Fracks entledigen und kam nun auf den Gang. Hier hörte ich Hilferufe. Choristinnen stürzten geschminkt und in ihren Costümen die Treppe hinunter; mehrere von ihnen, die ihre Theatertoilette noch nicht beendet hatten, waren blos mit Hemd und Unterrock bekleidet. Ich wies die Schreienden und Jammernden nach dem sicheren Ausgange hin und begegnete dem Feuerinspector Nitsche, der im obersten Stockwerke des Theatergebäudes wohnt. Seine Wohnung war natürlich im höchsten Grade gefährdet, wir liefen hinauf, Nitsche fand seine Frau ohnmächtig, nahm sie auf den Rücken und trug sie fort. Ich selbst ergriff die beiden Kinder der Nitsche’schen Eheleute und eilte ihm nach.
Im zweiten Stocke angelangt, sah ich Flammen aus dem Theaterraume auf die Stiege hinausbrechen. Die eiserne Thüre, welche hier die Stiege von der Bühne abschliesst, war offen und da drang Feuer und Qualm hinaus. Mit einem Ruck stiess ich die Thüre zu und wir waren in Sicherheit, denn nun war das Feuermeer der Bühne von der Stiege abgeschlossen.
[Illustration: Auf der Stiege.]
Noch einmal drang ich auf die Theaterstiege bis in den dritten Stock. Hier bot sich mir der erste entsetzliche Anblick. Auch vom dritten Stock führt eine eiserne Thüre in den Bühnenraum. Eingezwickt in diese Thüre fand ich die Leiche eines Garderobiers. Der Unglückliche war offenbar zu dem rettenden Ausgange geeilt, hatte noch die Kraft gehabt, die Thüre aufzustossen, war aber, erstickt von Qualm, niedergestürzt und die wieder zuschnappende Thüre hatte die Leiche in die Stellung eingezwängt, in der ich sie fand.
Endlich war ich überzeugt, dass in dem rückwärtigen Theile des brennenden Gebäudes Niemand mehr vorhanden war. Die Theaterarbeiter waren mit grösstem Muthe so lange als möglich auf der Bühne geblieben und hatten die Flucht der im Theater selbst beschäftigten Personen beschützt. Im Orchester waren, als die Katastrophe ausbrach, erst wenige Musiker anwesend und diese versuchten sich durch den unteren Gang zu retten.[2]
[2] Was nur zweien gelungen.
Der Autor.
Ich trat nun abermals in’s Freie und begegnete hier dem Herrn Polizeirath Landsteiner. Auf dem kleinen Rasenplatze hinter dem Abgeordnetenhause, wo der Zugang zu den Galerien desselben ist, standen die Herren Erzherzoge Albrecht und Wilhelm, zu denen ich geführt wurde, um ihnen zu erzählen, was ich gesehen und was ich erlebt.
Hier erst erfuhr ich die ganze Grösse des Unglücks. Die Feuerwehr war von vorne in die Logengänge und in die Gänge hinter den Galerien eingedrungen und hatte da massenhaft Todte gefunden. Der Qualm muss sich aus diesen Räumen mittlerweile wahrscheinlich dadurch, dass die Fenster gesprungen waren, verzogen haben, wodurch das Eindringen in dieselben möglich wurde».
* * * * *
Das ist die Erzählung des Schauspielers über den Untergang seines Theaters.
Ein Arzt erzählte: «Das Schauspiel, das der Hof des Polizeigebäudes ungefähr eine Viertelstunde nach Beginn der Katastrophe bot, war folgendes: Es kamen zuerst drei bis vier Leute aus dem Publikum, die offenbar im Herunterrennen über die letzten Absätze der Treppen und im Durchzwängen durch die Eingangsthüre sich leichte Verletzungen und Abschürfungen zugezogen und sich dabei auch die Kleider zerrissen hatten. Während wir diese Wenigen verbanden, wurde der Ruf laut: «Verwundete kommen!» Man brachte zuerst drei Körper, über die die anwesenden Aerzte sich warfen, in’s Rettungszimmer. Aber man kann sagen, dass von Secunde zu Secunde die Zahl der herübergeschafften Menschen wuchs.
Und als in diesem Augenblicke der Raum des kleinen Rettungszimmers absolut unzulänglich war, wurde sofort die Verfügung getroffen, dass alle Herübergebrachten im Hofe der Reihe nach nebeneinander niedergelegt wurden. Bald wurden die Aerzte gewahr, dass man es nur mit Todten zu thun habe. Und zwar wurden unendlich wenig Brandwunden constatirt, hingegen waren die meisten Leichen vom Rauch geschwärzt und theils verkohlt, dadurch, dass sie bereits als Todte durch brennende Räume hindurchgetragen wurden. Der Tod wurde bei den meisten durch Ersticken herbeigeführt, und konnte man deutlich erkennen, wie die Menschen aneinander dicht gedrängt, die Arme im Ellbogengelenk gebeugt, in dieser Situation erstickt waren.
Die Hauptarbeit der Aerzte, unter denen sich Polizei-Arzt Dr. Marktbreiter, Jurie, Anthofer, Schiff, Bauer, Kohn, Lustgarten, nebst vielen Anderen befanden, musste sich darauf beschränken, die geradezu unvergleichlich heldenmüthigen Feuerwehrmänner, Rauchfangkehrer und Sicherheitswachleute, welche fast unter den colossalsten Anstrengungen aus Feuer, Rauch, Hitze und niederdonnerndem Gebälke die Leichen mit unglaublicher Todesverachtung heraustrugen, zu laben, und zu zwingen, eine kurze Zeit zu rasten, denn diese braven Männer, und unter ihnen Allen voran der Staatsanwalt Graf Lamezan, den ich selbst unzählige Male Leichen in den Polizeihof tragen und sofort wieder in das brennende Gebäude zurückeilen sah, sie wollten von Ruhe nichts hören, sie riefen Alle: «Wir müssen in’s Haus, wir haben keine Zeit, im dritten und vierten Stock verbrennen sie.» Statthaltereirath Karajan, der gegen 9 Uhr erschien und der die grosse Anzahl von Leichen im Polizeihofe liegen sah (es waren zu jener Stunde bereits über achtzig da), verfügte sich von da sofort in’s allgemeine Krankenhaus, um für genügenden Platz in der, für derlei Katastrophen unzulänglichen Leichenkammer zu sorgen. Gleichzeitig wurden aus den Kasernen sämmtliche Tragbahren requirirt, auf denen nun der Reihe nach der traurige Zug in die Alserstrasse hinauswanderte.»
Soweit die Erzählungen von Augenzeugen.
Ein Bild des Jammers bot in der Nacht auch noch das Thor des allgemeinen Krankenhauses, wohin die Leichen gebracht worden. Die Direction des Krankenhauses durfte die sofortige Agnoscirung der Leichen über stricten Befehl des Polizei-Präsidiums in der Nacht nicht vornehmen lassen. Das Thor war geschlossen, aber bis gegen Mitternacht standen weinende Menschen dort, welche Einlass begehrten und zurückgewiesen wurden, oder welchen, wenn man sie schon einliess, vom Portier gesagt wurde, dass sie am nächsten Morgen wiederkommen sollten. Eine junge Frau, welche ihren Gatten suchte, schluchzte herzzerreissend vor dem diensthabenden Secundararzte; ein ältlicher Herr, dessen Sohn sich im Ringtheater befunden haben sollte, weinte, dass ihm die Thränen über den grauen Bart rannen; hunderte Verzweifelte flehten mit aufgehobenen Händen, ihnen Zutritt zu den Leichen zu gewähren. Alles vergebens.
Vor dem Thore draussen begann die Menge zu murren ob dieser Verordnung, zumal sich Aller, welche sahen, was da vorging, eine unbeschreibliche Aufregung bemächtigte. Von Minute zu Minute fast wurde eine Todtenbahre herbeigetragen. Jedesmal rüttelten die Träger heftig an der Klinke, dass es unheimlich im Thorbogen widerhallte.
«Die Todten begehren Einlass», flüsterten die Wartenden und traten scheu zur Seite, wenn die Bahre vorüberkam. Ein grässlicher Brandgeruch entströmte den meisten derselben.
«Ist’s ein Todter?» fragte immer der Portier.
«Es gibt keine Lebendigen da, woher wir kommen,» lautete die dumpfe Antwort der Träger und sie verschwanden mit ihrer verhüllten Last im Dunkel des Gartens.
Viele Personen wollten ihnen nachstürzen, aber man verwehrte es ihnen.