Chapter 4 of 5 · 3976 words · ~20 min read

Part 4

Er hat zu einer in Trauer gehüllten Stadt, zu einer Bevölkerung, in deren Herzen die Ruhe nicht einzukehren vermag, gesprochen. Das Leben hat seine trüben Stunden, man kann darüber nicht hinwegkommen, aber das Unglück im Ringtheater erscheint in eigener Gestalt, es ist, als ob der Wahnsinn alle Dämonen losgelassen hätte. Immer und immer stellt sich die Frage ein, ob es denn nicht möglich gewesen wäre, das Unglück zu verhüten oder es doch in seinem Umfange wesentlich zu begrenzen. Der Minister antwortete — bevor noch das Abgeordnetenhaus seine Interpellation, die aus einem Meere von Thränen emporgetaucht, eingebracht hat — und sprach von einem furchtbaren Versäumnisse — einem Versäumnisse, welches ebensowenig gutzumachen ist, als es möglich ist, die verflossene Stunde zurück zu erkaufen; — das riesengrosse Leichentuch, das über Wien liegt, hat Graf Taaffe nicht gehoben, seine Rede erwärmte die Schreckensstarre nicht und wird sie niemals erwärmen können, denn seine Worte kamen nicht vom Herzen und gingen nicht zum Herzen; er hat ein besseres Herz als Mensch, denn als Staatsmann, und nicht der Mensch, sondern der Staatsmann hat gesprochen.

Ein Beispiel von der aufgeregten Stimmung dieser Tage lieferte das in Wien coursirende Gerücht, dass die Truppen in den Casernen consignirt und in Marschbereitschaft gehalten würden. Die Wiener Zeitungen, allen voran das Tagblatt und die Wiener Allgemeine Zeitung, thaten aber auch ihr Möglichstes, um die Bevölkerung noch mehr aufzuregen. Um ein Bild von deren Stimmung zu entwerfen, muss ich die betreffende Zeitung selbst reden lassen. In mehr als 100.000 Exemplaren wurde folgender Aufsatz verbreitet.

«Von Schauer und Schauder ist unser Herz erfasst, und erstarrt von unaussprechlichem Leid. Auf den qualenreichen Tag des Todes folgt der furchtbare Tag der Beerdigung: Wir stehen vor dem Leichenbegängnisse der Todten vom Schottenring.

Alles, was Ausdruck gibt dem Gefühle der unermesslichen Trauer, an der die ganze civilisirte Welt Theil nimmt, muss ausgeführt werden, nichts darf verabsäumt werden, nichts verkleinert. Sollte man glauben, dass in solchen Tagen des Elends es nothwendig ist, den Ruf auszustossen: Ehret die Todten!

Es ist nothwendig. Leider, leider! Die Vertretung der Wiener Bürgerschaft, der Gemeinderath, will in grosser Majorität, von der nur wenige zur Einstimmigkeit fehlen, ein grossartiges Leichenbegängniss veranstalten. Andere aber wollten kein feierliches Leichenbegängniss; in aller Heimlichkeit wollten sie all’ die Leichen der Nichtagnoscirten hinausführen lassen. Auf welcher Seite ist das richtige Gefühl, die verständige Auffassung, auf welcher Seite trägt man Rechnung dem Herzen von Wien? Was geschieht? Nein, was ist geschehen? Man wollte bereits eine vollendete Thatsache schaffen; man wollte, dass alle die Nicht-Agnoscirten in aller Stille hinausgeführt werden nach dem Centralfriedhofe, zu abendlicher Stunde, im Dunkel, ohne dass Wien davon erst etwas erfährt. Was da geschehen, ist keine Unbegreiflichkeit allein, es ist weit mehr, und Wien sagt sich selbst, was es ist. Wir erheben lauten Protest gegen die heimliche Bestattung der Todten. Wir verlangen die letzte Ehre für die Todten!

Umsonst bemühen wir uns, ausfindig zu machen, wieso man auf diesen Gedanken gerathen konnte, der Stadt Wien nach dem Tage seiner Schande in Folge der unverantwortlichen Nachlässigkeit diverser Organe, auch noch einen Tag von Fühllosigkeit und Rohheit aufzubürden. Fürchtet Ihr Euch etwa vor dem Leichenzuge? Denkt Ihr vielleicht an eine Parallele? Wisst Ihr Euch zu erinnern an das Massenbegräbniss der Opfer vom 13. März 1848? Ihr wisst Euch zu erinnern, und da Ihr es wisst, müsst Ihr auch zugestehen, dass es keine friedlichere Trauerdemonstration in den wildbewegten Tagen gegeben hat, als es eben jene gewesen. Vergesst nicht, dass Ihr selbst mit der modernen Ordnung der Dinge aus jenen Tagen herausgewachsen seid, Ihr selbst könntet nicht mit stolzen Schritten durch das neue Wien wandern, wenn es nicht jene Tage gegeben! Oder glaubt Ihr, dass unsere prunkende Ringstrasse nur für das Glück bestimmt ist und nicht mit demselben Rechte für das Unglück? Dort wo der Festzug der Stadt Wien in blitzender Pracht geführt worden, dort muss auch der Trauerzug der Stadt Wien seine Bahn finden. Schafft Sühne! Oder glauben die Herren, dass sich solche Ereignisse wegwischen lassen wie mit einem Schwamme? Oder, dass sich das Urtheil mildern lässt durch Verheimlichung der Thatsache? Ist denn das um des Himmels willen möglich? ~Lässt sich da noch etwas vertuschen?~

Eine grosse Verantwortung vor dem öffentlichen Gewissen laden sich Alle auf, welche meinen, dieses öffentliche Gewissen liesse sich irgendwie beruhigen. Wir schlagen uns ja Alle an die Brust, wir sagen es ja offen und vernehmlich: Wir Alle sind schuld und wir wollen Asche streuen auf unser Haupt und hinten hergehen hinter den hunderten von Särgen! Oder glaubt Ihr, dass die Schuld geringer wird, wenn wir das Haupt verhüllen und feige zu Hause bleiben?

Es war ein furchtbarer Festtag, der achte December. Wir haben einen traurigen Sonntag — den Tag, an dem das Leichenbegängniss stattfinden sollte. Der verdienstvolle Antragsteller auf eine Leichenfeier der Stadt, Dr. Lueger, proponirte selbst den Montag als den Tag der Trauerfeierlichkeit. Wir schlagen vor, dass Wien ihn zu einem Trauertage öffentlich declarire durch Sperrung der Gewölbe überall dort, wo der Leichenzug vorbeigehen wird. Er wird nicht mehr vorübergehen, er ist schon besorgt durch die scheue Angst Derjenigen, denen das Herz abgeht für das umermessliche Leid der Stadt Wien. So muss denn in anderer Weise für diese Trauerfeier gesorgt werden. Und wenn es ein einziger Leichnam ist, dem wir Alle folgen, wir wollen Wiens Herzensehre retten,» schrieb das Tagblatt.

Särgetransport.

In den Strassen Wien’s sah es aber auch ganz merkwürdig aus. Aller Welt las man den Kummer, die Niedergeschlagenheit von den blassen Gesichtern herab. Galt es doch, um den verbrannten Freund oder Bekannten zu trauern, und den nun verwaist Dastehenden mit Rath und That zu helfen. Die Passanten blieben oft stehen, wenn sich durch die Strassen ein unheimliches Gepolter vernehmlich machte, man konnte bestimmt darauf rechnen, dass wieder ein Zug letzter transportabler Wohnhäuser dem allgemeinen Krankenhause zugeführt werde. Unser Bild ist grausig, aber lebenswahr, leider nur zu lebenswahr.

Am Abend des 10. December lief die Frist des Unterstandes für die nicht agnoscirten Opfer des Ringstrassenbrandes ab; man beschloss ja, diese nicht erkannten, nicht erkannt werden könnenden menschlichen Ueberreste in der Stille der Nacht, während Wien schläft — wenn es vor Aufregung und Mitleid schlafen kann, auf den Centralfriedhof zu expediren. Die Namenlosen bekommen ihre Nummer und das ist auch eine ordnungsmässige Leistung.

[Illustration: Särgetransport.]

Der schwarze Tod hat wenige Tage gewüthet und sich bei dem Wiener ein gewisses Ansehen, einen gewissen Respect zu verschaffen gewusst. Viele hundert Menschenleben hat er im Zeitraume von kaum einer Stunde hinweggefegt, und dieses verdienstvolle Genie macht nicht einmal Anspruch auf Auszeichnung für seine verdienstliche Leistung der Massentödtung in kürzester Zeit. Der Rasenplatz nächst dem Leichenhofe im allgemeinen Krankenhause ist der Ausstellung seiner Erzeugnisse allerdings gratis zur Verfügung gestellt worden. An einem hübschen Hintergrunde fehlt es auch nicht, der Narrenthurm ist die geeignetste Staffage für diese Ausstellung des Todes; der Narrenthurm für die Lebenden rechts und die langgestreckte Façade des Gebäudes, allwo durch Vivisectionen auch Jahr aus und Jahr ein Lebende zerschnitten werden, links. Einige Stufen aus diesem Gebäude führen in den Hof respective Garten, allwo die Todten lagern. In mehreren Reihen standen da an die 200 Särge aneinandergereiht, die Deckel vorne abgehoben, oder doch zurückgezogen, damit die schwarzen Gesichter der Armen zu erkennen wären.

Ich kam gegen Mittag aus dem Innern des Krankenhauses dorthin. Man passirte den letzten Hof und ein Thor, wo das Militär-Spalier Unberufene am Weitergehen verhinderte. Dann gelangte man plötzlich auf den Absatz einer der vorhin erwähnten Treppen und überschaute mit Einem Blick die Sargreihen mit den schwarzen Todten. Ich gestehe, dass ich im ersten Momente entsetzt zurückprallte. Vor meinen Augen verloren die Linien der Sargreihen die feste Richtung, sie geriethen in Bewegung und mit ihnen die schwarzen Köpfe und Rümpfe. Ich glaubte, die weissschimmernden Gebisse schnappen, die wildgereckten Gliedmassen jene Kampfbewegung vollenden zu sehen, in der sie der Tod unterbrochen. Die gebräunten, losgelösten Gliedmassen, zu Hauf geschichtet auf Bretter-Unterlagen, schienen auseinander zu stieben und im wirbelnden Lufttanze die einsam in Hobelspäne gebetteten Rümpfe erreichen zu wollen, um sich einzufügen, wohin sie gehörten: in die klaffenden Achselhöhlen und entblössten Schenkelpfannen. Die klare heitere Mittagssonne schien auf den grausigen Spuk herab, und ich dachte noch: Wie kann die Sonne in die Hölle scheinen? ... Mir war auch, als ob viele Menschen unten sich über die schwarzen Todten bückten, und dabei zuckte eine Kindheitserinnerung mir durch den Kopf, ein rauchiges Bild im Hausflur, das jüngste Gericht darstellend, wo dunkle Oberkörper aus der Erde tauchen, verzweifelt die Arme schwingend und die Fäuste ballend ...

Die Särge im Narrenhofe.

Es gelang mir, das aus Schauder und Entsetzen sich herauskrampfende Unwohlsein niederzukämpfen. Ich dachte an die Unglücksnacht vom Donnerstag, als ich Leiche auf Leiche aus dem brennenden Hause tragen und im Hofe der Polizeidirection aufschichten sah, und ich sprach mir selbst zu, wie unmöglich jetzt am hellen Mittag das grässlicher sein könne, was ich zuletzt nächtlicher Weile bei Glühschein der Fackeln gesehen. Ich stieg hinab mitten unter die Todten. Jetzt lagen sie wieder ruhig da. Es gibt eine Ruhe, die blos versteinerte Bewegung ist. Man findet sie ausgedrückt in den Verschütteten von Pompeji, man findet sie hier hinter den schwarzen Masken, die der Brand über die Gesichter der Todten geworfen. Die Männer sind fast ausnahmslos in wüthendem Kampfe und Grimme dem Tode unterlegen; die Frauen sanft, ergebungsvoll, zerfleischt von Anderen, aber nicht selbst zerfleischend, geduldig und im Tode noch so milde blickend, als wäre der letzte Blick nicht in undurchdringliche Nacht, sondern auf das Antlitz eines geliebten Wesens gefallen.

[Illustration: Die Särge im Narrenhofe.]

Mit dem Grauen war es nun vorbei. An seine Stelle trat ein neuerliches Mitleid und unsagbare Trauer. Da lag in drei Särgen nebeneinander die Familie Pawlik: Vater, Mutter und Tochter; der Mann noch mit schirmend erhobener rechter Hand, die linke Hand mit ausgespreitzten Fingern nach den Angehörigen tappend. Alle Drei haben sehr entstellte, schwarze Gesichter. Unweit davon lag Max Ritter v. Bittner, ein junger hübscher Mann, wenig entstellt. Er hält beide Hände vor die halbgeöffneten Augen. In derselben Reihe befand sich der Leichnam des Handelsakademikers Duschinsky. Sein ohnehin starker Leib ist aufgebläht und das Gesicht zur schauerlichen Fratze geworden. Das Ehepaar Professor Löw zeigt schmerzhafte Mienen, aber nicht jene grauenvolle Gliederbewegung, wie hundert andere Leichen. Es gibt solche, welche in dem schwarzen Gesichte die Zähne fletschen und in den bacchantisch geschwungenen Händen noch die Fetzen halten, welche sie Anderen vom Leibe gerissen. In vielen geöffneten Augen ist noch die wahnsinnige Todesangst festgebannt. Nur bei wenigen Leichen ist es gelungen, die emporgereckten Gliedmassen in den Sarg hineinzuzwängen.

Reihenweise lagen auch die nackten, gedörrten Rümpfe im Sonnenschein da. Eine Tragbahre enthielt den kopflosen Leichnam eines Verbrannten, dessen Leib vorne geborsten ist. Nichts von seiner Kleidung war übrig geblieben, nur seine lederne Geldtasche hatte dem Feuer getrotzt und sie lag der Agnoscirung wegen neben der Mumie ihres Eigenthümers ....

Es gibt eine Grenze in der Berichterstattung. Ich kann nicht niederschreiben, was ich Alles gesehen habe in den zweihundert Särgen und auf den Brettern und auf den Bahren: vielleicht vermag es der neben mir seines Amtes waltende Zeichner.

Wenige Glückliche sind dem Elemente entronnen. Hier eine Scene des Wiederfindens einer bereits todt Geglaubten.

Mit diesem Eindrucke schloss der Tag des 10. December.

Wiedergefunden.

Sonntag den 11. December 1881 wurden die ersten Gräber für die Opfer des Ringtheaterbrandes am Centralfriedhofe geöffnet, die Mutter Erde nahm sie freudig auf, ihnen die ewige Ruhe verleihend, der sie so bald nicht bedurft hätten.

Wie zu Allerseelen, so trüb und traurig war der Tag; der Anblick der Stadt glich einem Trauerhause. Zahllose Wagen fuhren mit weinenden schwarzgekleideten Insassen durch die Strassen, Kränze in allen Dimensionen wurden Strass’ auf Strass’ ab gefahren und getragen. Wenn ein solcher Trauerwagen vorbeirollte, zog es förmlich die Hand zum Hute. Wie viel Schmerz schleppte sich da hinaus zur Begräbnissstätte! Am Centralfriedhofe gähnten schon vom frühen Morgen an 65 frische Gräber um die Leichen Derjenigen aufzunehmen, welche durch ihre Anverwandten zur letzten Ruhe geleitet wurden.

Die Tragödie des fluchbeladenen Hauses, wie man das Ereigniss in Wien nannte, nahte sich ihrem Ende. Noch brennen hunderte von menschlichen Körpern in dem grossen Flammengrabe am Schottenring, aber der Mensch entriss selbst den Flammen die Körper einer grossen Anzahl Todter und für diese öffnete sich die Erde an diesem Tage, um diese in sich aufzunehmen. Die Schollen Erde, welche von den die Särge Begleitenden hinabgeworfen wurden, hallten dumpf grollend herauf zur Oberwelt. Schlaft ruhig, ihr erstbegrabenen Märtyrer der furchtbaren Versäumniss! Ihr seid die Opfer für eine bessere Zukunft der Hinterbliebenen. Wesshalb bei diesen ersten fünfundsechzig Todten keine officielle Persönlichkeit am Friedhof anwesend war, ist mir nicht gut verständlich. Sind sie denn durch eigenes Verschulden um’s Leben gekommen, oder haben sie ihr Leben eingebüsst, vertrauend auf den persönlichen Schutz, der jedem Staatsbürger garantirt wird? Wesshalb die Absentirung der officiellen Persönlichkeiten? Sie hätten da weinen gehört, wie sie noch niemals, niemals, niemals weinen gehört haben können.

[Illustration: Wiedergefunden.]

An der Ostseite der Leichenhalle, auf dem Podium aus schwarzem Marmor, über welchem mit goldenen Lettern Hiob’s Worte zu lesen sind: «Gott hat’s gegeben, Gott hat’s genommen», standen die Functionäre zur Trauerfeierlichkeit bereit; die Rabbiner und Cantoren in ritueller Tracht, die Mitglieder des Tempelchores, brennende Kerzen tragend, im Halbkreise. Da öffneten sich auf ein gegebenes Zeichen die hohen Flügelthüren, vier Männer brachten einen schwarzverhängten Sarg in den Saal und liessen ihn auf dem Podium nieder. Hinter dem Sarge schritten in resignirtem Schmerze die Eltern dieses ersten Todten — des Handelsakademikers Leopold Duschinsky. In der Menge entstand eine Bewegung unendlichen Schmerzes und als Rabbiner Schmiedel (aus Fünfhaus) mit Hiob’s ergebungsvollem Spruche seine Rede einleitete, brach Alles in lautes Weinen aus. Ein alter Mann an der Thüre brach ohnmächtig zusammen; es war Herr Kreissl, der unglückliche Schwiegervater des Dr. Groag. Rabbiner Schmiedel sagte:

«Alle Eure Brüder, das ganze Haus Israel, beweinen den grossen Brand, den Gott angezündet hat. (Grosse Bewegung.) Unzählige Male stand ich schon auf dieser Trauerstätte, jedesmal mit von Theilnahme erfülltem Herzen. Aber so bis in’s innerste Mark hinein erschüttert war mein Herz noch niemals wie heute, denn eine grosse Stadt mit Hunderttausenden von Bewohnern trägt heute Trauer, kaum Eine Familie ist in dieser Stadt, die nicht einen Angehörigen oder einen Freund vermisst. Ach, an der Stätte des Schauers hörte man so häufig Worte, gleich jenen, welche zu dem jammernden Patriarchen gesprochen wurden: «Ist das vielleicht das Kleid, das Dein Kind getragen hat?» (Grosse Bewegung; lautes, minutenlanges Schluchzen.) Sind das vielleicht die Züge seines Antlitzes, welche mitten im verzweifelten Kampfe noch unentstellt geblieben sind? Und mitten in diesem aufgethürmten Leichenberge von entseelten Leichen war dieser junge Mann hier der Erste, der aufgefunden wurde, gestern noch ein blühender, von Kraft und Gesundheit strotzender Jüngling, der einzige Sohn, die einzige Freude seiner gottgesegneten Eltern. Sein Vater erkannte das Kleid seines Sohnes. Gleich dem Patriarchen sprach er: «Mein Sohn ist zerrissen worden.»

Nach der Grabrede hoben die Leichenbestatter den Sarg und brachten ihn nach dem für ihn bestimmten Grabe. Drei Schollen warf der Vater, drei Schollen die Mutter dem todten Sohne in’s Grab — das waren die ersten Schollen. Zwei andere Särge: sie bargen die Leichen des Doctor Jaques ~Groag~ und seiner Gattin Clementine. Die Einsegnung wurde von Dr. ~Jellinek~ vorgenommen. Nachdem Prediger ~Jellinek~ dem Ehepaare ~Groag~ einen warmen Nachruf gehalten hatte, fuhr er in seiner Todtenrede fort:

«An diesen Särgen fühle ich mich verpflichtet, als Lehrer des Judenthums, als Lehrer der Religion der Milde und Liebe, eine ernste Mahnung zu richten an Alle ohne Unterschied, eine Mahnung, die tief in die Herzen eindringen möge: Lasset uns die Todten ehren; wir wollen nicht die Trauer, die unsere Residenz erfüllt, entweihen, bannen wir aus unseren Herzen jeden Groll, erheben wir keine Anklage, weisen wir zurück jede Beschuldigung! Mögen die Todten ruhen, möge kein Hass sich erheben, kein Groll unseren Schmerz entwürdigen. Liebe und Versöhnung möge die Bewohner unserer Stadt ohne Unterschied der Confession mit einander verbinden! Wir sehen es ja, wie hinfällig jedes Menschenleben ist! Lasset uns also die Todten ehren, die Trauer nicht entweihen; Liebe, Milde und Versöhnung seien es, die von den Särgen sich erheben und die Gemüther beruhigen; Friede und Ruhe den Dahingeschiedenen, Friede und Trost den Hinterbliebenen, Versöhnung Allen in unserer Stadt! Das ist der dreifach gewundene Kranz des Friedens, des Trostes und der Versöhnung, den ich als Lehrer der Religion auf diese Särge hinterlege!»

In ununterbrochener Reihe wurden dann noch siebzehn Leichen, und von 1 bis 3 Uhr fünfundvierzig Leichen, je acht auf einmal, eingesegnet und bestattet.

* * * * *

Weniger zahlreich waren Sonntags die Separatleichenbegängnisse der Angehörigen christlicher Confession. In der Spitalscapelle wurden eingesegnet und dann nach dem Centralfriedhofe zur Beerdigung überführt:

Vormittags: Richard ~Fischer~, Carl ~Seidler~.

Nachmittags: Victor ~Ranagl~, Therese ~Hein~, Carl ~Rigal~, Leopoldine und Maria ~Seifert~, Anna und Caroline ~Schatten~, Camillo ~Schmeidel~, Florian ~Hofstetter~, Hildegard ~Wach~, Johann ~Strommer~.

Während der Leichenfeier dieser Opfer spielten sich in den Aufbahrungskammern und in der Capelle wahrhaft herzbrechende Jammerscenen ab. Besonders als die Leiche Camillo ~Schmeidel’s~ in die Capelle getragen wurde und der «Wiener Männergesangverein», dessen Mitglied der Verunglückte war, Reissiger’s erschütterndes «Nachtlied» anstimmte, ertönte aus der grossen Schaar der Leidtragenden lautes Schluchzen, so dass kein Auge trocken blieb. Fast im selben Augenblicke brachen drinnen in der Aufbewahrungskammer zwei Frauen an dem Sarge ihrer Schwester, welcher gleichfalls der unselige Abend des 8. December den Tod gebracht, halb ohnmächtig zusammen.

Hohenlohe und Tewele.

Und also schloss der Schmerzens-Sonntag, der 11. December 1881, reich an erschütternden Scenen, aber noch reicher an Thränen! — Einer Episode sei noch Erwähnung gethan. Der Director des Carltheaters, Herr Tewele, versuchte es, die Theater-Directoren Wiens zu bewegen, die Theater an diesen traurigen Tagen zu schliessen, um, während Wien in Jammer, Schmerz und Thränen aufgelöst ist, nicht Komödie spielen zu lassen. Die Theater-Directoren unserer Vorstadt-Bühnen hatten zugesagt: Tewele möge dem ersten Obersthofmeister Sr. Majestät Kaiser Franz Josef I., Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst, sein Anliegen vortragen; was die kaiserlichen Theater thun, werden sie auch thun. Die Audienz fand statt, die Bitte, Seitens Tewele vorgebracht, wurde vom Obersthofmeister — abgeschlagen. So kam es, dass Wien, mit Ausnahme des Carltheaters, an diesen Tagen Komödien spielte, an denen die Leichen der Opfer eines Theaterbrandes agnoscirt und — die ersten Todten in die Grube gesenkt wurden. Ueber Befehl Sr. Majestät des Kaisers blieben die Wiener Theater am Montag den 12. December geschlossen. Nur in dem Tingl-Tangl, genannt Danzer’s Orpheum, jodelte man, als ganz Wien weinte.

[Illustration: Hohenlohe und Tewele.]

Leichenfeier im Stephansdome.

Der 12. December 1881. — Die Politik ruht, Streit und Hader der Parteien im Parlamente ruhen, diese selbst vertagen ihre Sitzungen, Wien, das lebensfrohe Wien trägt Trauer. Vom Dome zu St. Stephan tönen schwer und bang die Glocken und gegen das Riesenthor drängt sich Alles, was Einladungen zu dem grossen Requiem erhielt, und Infanterie und Cavallerie hielt Jene ferne, welchen von Seite des löblichen Gemeinderathes der Reichs-Haupt- und Residenzstadt keine specielle «Parte» zugestellt wurde. — Doch Kritik zu üben ist nicht meine Sache. Wir Alle stehen noch zu sehr unter dem Eindrucke, den die Trauer von Tausenden auch auf die Nichtbetroffenen ausübt. Da umstanden die Lenker, Schirmer und Hüter des Volkswohles den Katafalk, die wahrhaftige Trauer spiegelte sich in ihren Gesichtern ab, denn trotz ihrer Grösse und Stellung fühlten sie sich an diesem denkwürdigen 12. December klein und unbedeutend vor dem unbegreiflichen Etwas, was wir mit «Zufall» bezeichnen wollen. Jedes Licht, das den Katafalk in zehnfachen Reihen umstand, versinnlichte ihnen ein Menschenleben, das jählings von dem Sturme ausgeblasen wurde, weil weder Schutz noch Schirm dasselbe bewahrte!

Schiller’s herrliches Lied von der Glocke fand hier leider keine Anwendung. Der Bürgermeister von Wien, der Vater der Stadt, er mag wohl die Häupter seiner Lieben gezählt haben, und siehe ihm fehlten ~viele, viele, viele theure Häupter~, an deren Sarge er nun trauernd stand. — Wie wenig grossstädtisch dieser Schiller doch damals gedacht, als er im Verlaufe seines Gedichtes die Glocke «um ~eines~ Todten» willen klagen lässt, hatte man an diesem 12. December Gelegenheit zu beachten. Einen Todten! Für wie Viele haben die Glocken zu St. Stephan an diesem Tage geklungen und geklagt? Und ihr Klang, den die Winde hinaustrugen bis vor das Weichbild der Stadt, kann den Jammer nicht zum Schweigen bringen, von dem Wien, die lebensfrohe Stadt, voll ist. — Und hätten alle Glocken des Landes mit ihrem ehernen Schalle die Luft erzittern gemacht, hätten alle Kanonen in Oesterreichs Arsenalen, Festungen und auf Oesterreichs Schiffen ihren Flammenmund geöffnet, der Schrei einer einzigen Mutter, die am Grabe ihres Kindes weint, hätte alle übertönt, ja selbst das leise Wimmern eines Kindes, das die Eltern verloren, hätte sie Alle verstummen gemacht. — Man wollte nicht getröstet sein; die, die geliebt wurden, sind nicht mehr, und keine, wenn auch noch so aufrichtige Trauer kann sie uns wiedergeben. — Auf den Katafalk zu St. Stephan stützte ein Mann in Kummer und Trauer sein Haupt, das berufen ist, einst die Krone Oesterreichs zu tragen. Der Sohn ersetzte den in den Schreckenstagen ferne von Wien weilenden Vater, und an diesem Tage dürfte er kennen gelernt haben, was es heisst, an der Spitze einer Bevölkerung zu stehen! —

Vor dem Riesenthore der Stephanskirche grenzte die Sicherheitswache ein weites Carré ab, um das sich lautlos, ohne Drängen und Hasten, wie man es sonst bei solchen Gelegenheiten sieht, eine grosse Menschenmenge gruppirte. Das Tageslicht war so glanzlos, die Fenster rundum waren von Menschen in dunkler Kleidung besetzt, dazu die schwarze Wagenburg, die hinter der Kirche aufgefahren war, das gab ungewollt ein den traurigen Anlass bezeichnendes, düsteres Bild.

Um 10 Uhr klangen alle Glocken in dumpfem Tone zusammen, die ernste Feier begann, welche die Spitzen der Bevölkerung Wiens ihren einem furchtbaren Geschicke erlegenen Mitbürgern brachten. Die Staffage des trüben Bildes bildeten keine Neugierigen; es waren Theilnehmende. Die spaliermachende Menschenmenge fehlte auf den Strassen; wer eben auf dem Wege war, den der Zug passirte, der hielt an in seinem geschäftigen Treiben, bis der lange, lange Wagenzug vorüber war. Wien hat sich ruhig verhalten, der Würde des Tages angemessen.

Der Gottesdienst, der in der Stephanskirche am 12. December abgehalten wurde, wird für immer denkwürdig bleiben. Die Stadt Wien, das Land, das Kaiserhaus, haben ihre tiefe unauslöschliche Trauer in wahrhaft erhebender Weise zum Ausdrucke gebracht. Der ehrwürdige Dom hat niemals eine solche Menschenmenge gefasst, wie an diesem Tage. Aufrichtige Andacht beherrschte jeden Einzelnen der viel tausendköpfigen Gemeinde, was die Grabesstille in dem weiten Raume dargethan. Jede Note der Kirchenmusik, jedes Wort des Priesters wurde bis in die entlegensten Winkel gehört. Die höchsten Ehren erwies die Kirche den bürgerlichen Opfern dieses bürgerlichen Dramas; solche Ehren werden sonst nur den allervornehmsten Spitzen der geistlichen und weltlichen Hierarchie erwiesen. Die höchsten Würdenträger der Kirche functionirten bei der solennsten Feier der Neuzeit — der Sohn des Landesvaters, Kronprinz Erzherzog Rudolf, und die Erzherzoge Carl Ludwig, Rainer, Albrecht, Wilhelm, Carl Salvator und Johann Salvator wohnten dem Requiem in tiefer Ergriffenheit bei.

In der Mitte der Kirche erhob sich ein hoher Katafalk, reich mit Kränzen geschmückt, von Kerzen in vielen Reihen umgeben. Die Diener der «Pietät» umgaben denselben und Sicherheitswachleute en parade bildeten Spalier. Der Hochaltar im Presbyterium, die Seitenwände desselben und die Bänke waren schwarz decorirt, und die ganze Kirche feierlichst beleuchtet.

Das Presbyterium, wo in den Seitenbänken Leidtragende Platz nahmen, war überfüllt. Unter den Anwesenden befanden sich die Vice-Präsidenten des Abgeordnetenhauses, Fürst ~Lobkowitz~ und ~Gödel-Lannoy~, der Präsident des Herrenhauses Graf ~Trauttmannsdorff~, der Bürgermeister der Stadt Wien Dr. ~v. Newald~ und der Vicebürgermeister ~Uhl~, der Ministerpräsident Graf ~Taaffe~, der Reichs-Kriegsminister Graf ~Bylandt-Rheidt~, ferner die Minister ~Welsersheimb~, ~Dunajewski~ und ~Ziemialkowski~, Herrenhausmitglied ~Gögl~, zahlreiche Mitglieder des Abgeordnetenhauses, unter Anderen Professor ~Suess~, Dr. ~Rechbauer~, ~Clumecky~, Dr. ~Russ~, Graf ~Hohenwart~, Dr. ~Rieger~, Dr. ~Jaques~, Graf ~Coronini~, Fürst ~Liechtenstein~, der Statthalter Freiherr ~v. Possinger~, der Oberststallmeister G. d. C. Prinz Emerich ~Thurn-Taxis~, G. d. C. Graf ~Pejacsevic~ und die sämmtlichen übrigen dienstfreien Generale der Wiener Garnison; der Gemeinderath war sehr stark vertreten; man sah ferner den Director ~Jahn~ von der Hofoper und Angehörige anderer Theater. Der Kronprinz und die Erzherzoge wurden von dem Fürst-Erzbischof ~Cölestin Josef~ und dem Weihbischof Dr. ~Angerer~ unter Assistenz der geistlichen Alumnen empfangen und zum Hochaltar geleitet, in dessen unmittelbarer Nähe die Mitglieder des kaiserlichen Hauses Platz nahmen.