Chapter 3 of 5 · 3943 words · ~20 min read

Part 3

Wien ist vor Schreck betäubt! Dieses ist die richtige Bezeichnung des Gefühlszustandes der Bevölkerung. Als seit 5 Uhr Morgens die Zeitungen die Nachricht in die Familien brachten, was im Herzen der Stadt vorging, ertönte ein Schrei des Schreckens und — der Entrüstung gegen Himmel! Allerorts hat man dies schreckliche Feuer am Horizonte der Stadt gesehen, in den Vororten Wiens, soweit die Tramway ihr Netz ausdehnt, hatte man schon Kunde am Abend, dass das Ringtheater brenne, dass aber kein Menschenleben zu beklagen sei, wie die Sicherheitswache männiglich kund und zu wissen that, der darum frug. Was sind Millionen Gulden Verlust für Wien, Nichts, und tausendmal weniger als Nichts gegen den Verlust eines einzigen Menschenlebens auf so grauenerregende Art. Das gute Herz der Wiener wollte schier brechen, als die Zeitungen selbst eingestanden, 300 Menschenleichen sind bis zum Schlusse der Blätter aus den Flammen geschafft worden! Allerorts widerhallten die vom Tagblatte an der Spitze gebrachten Worte: Grauenhafte, furchtbare, entsetzliche Katastrophe! «Wahr ist’s» hörte man sagen, «kein so grauenvolles, niederschmetterndes, beschämendes Ereigniss hat unsere Stadt seit Jahrzehnten betroffen!» Der Eindruck, den die Schilderung allein machte, war erschütternd bis in’s Mark hinein, und der helle Tag beleuchtete schreckensbleiche, bestürzte Menschen, die alle Arbeit, alle Pflichten vergassen und hinein in die Stadt rannten und eilten, sich an die Waggons der Tramway anklammerten, weil sie keinen Platz mehr finden konnten, nur um möglichst rasch den Ort des Schreckens zu erreichen. Unser Zeichner skizzirte ein Bild einer solchen Völkerwanderung durch eine Linie am Morgen des Unglückes, Freitag den 9. December 1881, als es zur Gewissheit wurde, dass Menschen während des Brandes im Ringtheater waren, ohne dass man zu deren Rettung auch nur eine einzige Fackel rechtzeitig entzündet hätte!

Völkerwanderung durch die Linie.

Die Frage um die Entstehungsursache bildete das Hauptgespräch der Hunderttausende, die tagsüber das Ringtheater besichtigten. Ich benütze die Erzählung des jungen Komikers Lindau vom Ringtheater, die folgendermassen lautet:

Als das Feuer ausgebrochen war, wurden sofort die Gasflammen abgelöscht ... Die Feuermasse, welche sich von der Bühne über den Zuschauerraum ergoss, erleuchtete denselben, beleuchtete die drängenden, stossenden, stürmenden, schreienden, jammernden, entsetzten Massen, welche den Ausgängen zustürzten in wilder Flucht. Auf den Treppen herrschte Dunkel, man hatte die Oellampen, welche vorhanden waren, nicht angezündet. Auf den engen, dunklen Treppen nun tobte ein wilder Kampf — ein Kampf um’s eigene Leben, der zum Kampfe gegen das fremde Leben werden musste.

Viele Leute gelangen von der Treppe glücklich bis zum neuen Foyer; von der Strasse draussen weht durch die offenen Fenster des Balcons frische würzige Luft ... ein Hoffnungsstrahl für die fast Sterbenden, für die Halbtodten. Die Glücklichen, die zuerst das Foyer erreicht, stürzen auf den Balcon. Hier herrscht noch Sicherheit — für wie lange? Wer weiss es? Die Leute auf dem Balcon hörten das Knistern der Flammen, sie sehen, wie der Himmel sich immer mehr roth färbt, sie fühlen den heissen Dunst aus dem Innern des brennenden Theaters auf sie eindringen, immer mehr füllt sich der Balcon; wem es möglich ist, sucht sich ein Plätzchen. Es dauerte lange, bis das «einzige» Rettungstuch kam; eine peinvolle Ewigkeit. Da fasst sich Einer ein Herz, er ruft den vor dem brennenden Theater angesammelten Menschenmassen zu: «Ich springe hinunter ohne Tuch» ... Die Menge trennt sich nicht. Tausende Arme werden emporgestreckt, um den Mann aufzufangen, der den kühnen Sprung wagt ... er springt und gelangt in Sicherheit. Ihm folgten Andere rasch; fast Alle, die kühn genug waren, vom Balcon herabzuspringen, kamen in Sicherheit und trugen blos einige leichte Abschürfungen davon.

[Illustration: Völkerwanderung durch die Linie.]

Da springt ein Mann hinunter — ein stark gebauter, untersetzter Mensch, er hat das Malheur, mit dem Opernglasriemen an dem Geländer hängen zu bleiben, aber er reisst sich los und lässt sich zu Boden fallen; zerschunden und blutend wird er von der Menge aufgenommen — er heisst Friedrich und ist in der Oelfabriks-Gesellschaft bedienstet. Im Café Mocca, wohin der Mann gebracht wird, erhält er einen Verband auf seine leichte Wunde.

Endlich kommt das ersehnte Falltuch, es nimmt viele Menschen, zumeist Weiber, auf, welche heil in Sicherheit kommen.

Aber die Anderen? Die Hunderte auf der Treppe? Wer rettet die? Sie ersticken oder werden zerdrückt, wenn es ihnen nicht gelingt, sich in’s Freie zu retten über die Nothtreppen. Das Dunkel erschwert, wie schon erwähnt, das Vorwärtskommen, die Verwirrung und der Jammer sind unbeschreiblich.

Ein junger Mann, der sich gerettet, erzählt halb sinnlos, er habe seine Cousine verloren. «Bis zum zweiten Stock habe ich mich bei ihr erhalten, in dem Gedränge wurden wir getrennt ... ich habe sie noch von Weitem liegen gesehen, sie ist gewiss todt ... ich Unglücklicher, sie wurde mir von den Eltern anvertraut .. sie ist erst seit zwei Tagen in Wien». Man sucht den trostlosen Mann zu beruhigen, vergebens, er schreit und weint und ruft den Namen Minna, Minna unzählige Male, er bestürmt alle Commissäre, natürlich fruchtlos; er läuft zur Polizei, da kann man ihm keine Auskunft geben; er besichtigt die Todten und die Verwundeten, sie ist nicht darunter; er gibt ihren Namen an, Niemand kennt ihn. «Vielleicht ist sie mit den fünf Verwundeten in’s Krankenhaus gebracht worden?» meint ein Commissär. «Nein, nein», ruft er, «sie war so weit oben, sie ist todt, todt!»

Die aufgeregte Menschenmenge, das heisst halb Wien, wollte, sei es aus Theilnahme, sei es aus sträflicher Neugierde, die Leichname der Verbrannten sehen. Alles nun drängte und belagerte das Polizeigebäude, um — nach einer affichirten Kundmachung — Einlasscertificate behufs Agnoscirung der im anatomischen Gebäude im allgemeinen Krankenhause ausgestellten Leichname der Verbrannten zu begehren. Von vielen solchen leichtfertigen Personen wurden der Polizeibehörde Namen von Leuten bekanntgegeben, die gar nicht vermisst wurden, nur um Einlass zu erlangen und so kam es, dass die Liste der Vermissten in erschreckender Weise wuchs. Das Unglück war leider ohnedies gross genug und wurde durch dieses sträfliche Vorgehen seitens des Publikums für den Moment noch grösser gemacht. Das Portal des allgemeinen Krankenhauses bot einen merkwürdigen Anblick. Um dasselbe schaarten sich tausende Einlassbegehrende, eine doppelte Reihe Infanterie-Soldaten bildete einen Kreis um das Thor und es durfte nur Jener passiren, der die behördliche Legitimation vorweisen konnte.

Am 9. December Abends spielte sich auch ein officieller Act der Pietät ab, der verzeichnet zu werden verdient. Das hohe Haus der Abgeordneten sah sich veranlasst, die Katastrophe vom Schottenring in die Discussion zu ziehen, und ich bringe diesen Sitzungsbericht als ehrendes Angedenken für die Verunglückten und für unser Parlament.

[Illustration: Das Portal des allgemeinen Krankenhauses.]

Das Parlament soll seine Arbeiten sistiren — so beantragt die Vereinigte Linke, welche überdies eine gemeinsame Interpellation mit der Rechten vereinbart .... Das Unglück führt die Menschen zusammen.

In der am 9. December Abends abgehaltenen Sitzung des Clubs der Vereinigten Linken constatirte der Vorsitzende Dr. Herbst, dass diese Sitzung vor dem entsetzlichen Unglück einberufen worden sei, welches die Bewohner Wiens getroffen. An die Wiederaufnahme der parlamentarischen Arbeiten wollte man bei der Ergriffenheit aller Abgeordneten, die auch den Tod eines Collegen (des Abgeordneten Pengowski) zu beklagen hatten, erst dann wieder denken, wenn alle jene Unglücklichen, welche das Opfer der Katastrophe geworden sind, zur Ruhe bestattet sein werden.

Abgeordneter Friedmann beantragte die Einsetzung eines Comités zur Vorbereitung von Anträgen, durch welche ein Gesetz geschaffen werden soll, betreffend die Sicherheitsvorkehrungen für Theater und andere öffentliche Orte gegen Feuersgefahr.

Abgeordneter Schaup sagte: Dieser Gegenstand gehört in die Competenz der Landtage.

Vorsitzender Dr. Herbst meinte: Die Partei müsse bei jedem Schritte, den sie in dieser Angelegenheit thue, mit grösster Vorsicht zu Werke gehen. Sie dürfe sich nicht dem Scheine aussetzen, als wollte sie aus diesem namenlosen Unglücke politisches Capital schlagen und sie dürfte auch nichts thun, wodurch die ohnedies aufgeregte Bevölkerung noch mehr aufgeregt werden könnte.

Abgeordneter Dr. Weitlof theilt mit, dass er und die übrigen Vertreter der Stadt Wien bereits zum Entschlusse gekommen seien, in der nächsten Sitzung eine Interpellation einzubringen. Die Einsetzung eines Comités nach dem Antrage Friedmann hätte vorläufig keinen Zweck. Unter allgemeiner Zustimmung constatirte der Redner, welch’ peinlichen Eindruck es in allen Kreisen machte, dass am 9. December, unmittelbar nach der furchtbaren Katastrophe, in den Theatern gespielt wurde.

Abgeordneter Löblich meinte, es dürfte sich weniger darum handeln, neue Vorkehrungen für die Sicherheit zu treffen, als vielmehr darum, dass die bestehenden Vorkehrungen in Zukunft besser überwacht werden.

Abgeordneter Alter wünscht, dass in dieser Angelegenheit gemeinsam mit der Rechten vorgegangen werde. Der Club möge sich dahin aussprechen, dass der Vorstand mit den übrigen Clubs ein Einvernehmen pflege.

Abgeordneter Eduard Suess sagte: In dieser entsetzlichen Angelegenheit denkt Keiner von uns daran, seinen oppositionellen Standpunkt hervorzukehren, denn wir sind Alle überzeugt, dass Graf Taaffe in dem grossen Unglücke Alles nur Mögliche thun werde. Redner ist der Ansicht, dass man die Rechte auffordern soll, sich einer Interpellation der Vereinigten Linken anzuschliessen, durch welche die Regierung aufgefordert würde, legislative und administrative Massregeln zu ergreifen, um, soweit dies durch menschliche Voraussicht erreicht werden kann, die Bevölkerung Wiens und alle übrigen Bewohner des Reiches vor einem ähnlichen Vorkommnisse zu bewahren.

Abgeordneter Schaup stellt den Antrag, zwei Mitglieder des Clubs an den Obmann des Executiv-Comités der Rechten, Grafen Hohenwart, abzusenden, welche ihm die Anschauungen des Clubs mittheilen und zu einen gemeinsamen Schritt des ganzen Hauses einladen sollen.

Abgeordneter Dr. Edlbacher erklärt unter allgemeiner Zustimmung, der Club selbst müsse der Auffassung entgegentreten, als ob er irgend eine politische Demonstration beabsichtige. Hierauf wurde einstimmig beschlossen, die angeregte Interpellation gutzuheissen und den Grafen Hohenwart hievon sogleich durch die Abgeordneten Sturm und Ed. Suess in Kenntniss zu setzen. Das Executiv-Comité der Rechten, welches eben versammelt war, erklärte sich mit dem Vorgehen der Linken sofort einverstanden. Letztere setzte ein Comité, bestehend aus den Abgeordneten Suess, Sturm und Tomaszczuk, ein. Bezüglich des Antrages Friedmann wird beschlossen, erst nach erfolgter Interpellations-Beantwortung sich zu entscheiden. Die sodann im Club der Linken erschienenen Abgeordneten Hohenwart und Heinrich Clam theilten mit, dass die vom Abgeordneten Ed. Suess entworfene Interpellation mit geringen Abänderungen die Zustimmung der Rechten gefunden habe. Es wurde hierauf vereinbart, dass die Interpellation vom Abgeordneten Eduard Suess, den Vorständen der Vereinigten Linken und den Obmännern der vier Clubs der Rechten am 10. eingebracht und von sämmtlichen Mitgliedern des Hauses unterzeichnet werden soll. Die Abgeordneten erwarten, dass die Interpellation sofort beantwortet wird.

Der Gemeinderath und die Katastrophe.

Auch die Väter unserer Stadt haben in feierlicher Weise ihre Beileidskundgebung dargethan.

Unter dem Eindrucke der entsetzlichen Katastrophe des 3. Decembers versammelte sich am 9. December der Gemeinderath zu einer Sitzung, um eine der Stadtvertretung würdige Kundgebung zu erlassen. Die Mitglieder des Gemeinderathes waren lange vor Beginn der Sitzung erschienen. Es fanden früher Besprechungen der Clubobmänner statt, um bezüglich der in der Finanzsection zu stellenden Anträge über die Unterstützung der Hinterbliebenen unbemittelter Opfer der Katastrophe eine Einigung zu erzielen. Gemeinderath Dr. Mandl hatte den Antrag vorbereitet, dass von Seiten der Stadt jene Leichen, welche nicht reclamirt werden, dann die Leichentheile, bezüglich deren eine Agnoscirung unmöglich ist, in einem gemeinsamen Grabe feierlich auf Kosten der Gemeinde bestattet werden mögen. Der Antrag konnte, indem die vorhergegangene Sitzung nur der Beileids- und Trauerkundgebung gewidmet war, nicht in Verhandlung gezogen werden, aber von Seite des Bürgermeisters wurde die Durchführung des Antrages zugesagt.

Präcise fünf Uhr erschien der Bürgermeister Dr. v. Newald, begleitet von dem Vicebürgermeister Uhl und den Schriftführern Bärtl und Dr. Landsteiner.

Bürgermeister Dr. v. Newald erklärte die Sitzung für eröffnet und richtete folgende Ansprache an die Versammlung:

«~Meine Herren!~

Es gibt Momente, in welchen es schwer fällt, dem überwältigenden Gefühle, welches die Herzen von Tausenden durchzittert, Ausdruck zu geben. Ein solcher ist wohl der, in welchem ich zu Ihnen spreche. Erschüttert von der Katastrophe des gestrigen Tages, sind wir Alle ausser Stande, die Grösse der schmerzlichen Theilnahme in Worte zu fassen, welche uns und die gesammte Bevölkerung Wiens in diesem Augenblicke erfüllt. Zu jeder Zeit hat der Gemeinderath der Stadt Wien bei ausserordentlichen Unglücksfällen in thatkräftiger Weise eingegriffen, und glaube ich deshalb gewiss nur in Ihrem Sinne und nach Ihren Intentionen zu handeln, wenn ich die Finanzsection ersuche, die erforderlichen Anträge zur Linderung des Schmerzes und der Noth der betreffenden Familien schleunigst dem Gemeinderathe vorzulegen. (Zustimmung.)

Seine kaiserliche Hoheit Kronprinz Rudolf hat folgendes Telegramm an mich gerichtet: «Meiner Frau und mein innigstes Beileid zu der schweren Katastrophe, die gestern Wien getroffen hat».

Wir Alle sprechen hiermit Ihren kaiserlichen Hoheiten für diesen neuen Beweis des erhebenden Wohlwollens für unsere Stadt den ehrerbietigsten Dank aus».

Zeitungsausträger.

In der Bevölkerung gährte eine gewaltige Aufregung; die halbe Million Einwohner der Vororte und Vorstädte wallte in den Nachmittagsstunden in unübersehbaren Reihen nach dem Schottenringe; Personen, die vielleicht ein Decennium die innere Stadt nicht betraten, sie kamen, durch die Schreckensnachricht allamirt, nach der Stadt, und der Ring bot ein groteskes Bild der Bewohner der Residenzstadt an der Donau. Die Aufregung erlangte ihren Höhepunkt zur Zeit der Ausgabe der Abendblätter. Ich liefere eine Skizze der Erstürmung eines harmlos seines Weges wandernden Zeitungsausträgers, der von einem Rudel Menschen überfallen wurde und seiner Bürde im Nu enthoben war; galt es doch endlich einmal die Liste der Todten und Vermissten zu durchfliegen! Die Ueberraschung war eine peinliche, die erste Liste war mit weit mehr als hundert Agnoscirten ausgestattet und eine ebenso hohe Zahl enthielt die Namenliste der Vermissten — also ebenfalls Todter.

Es wurden harte Anklagen gegen unsere öffentlichen Institute laut, herbe Worte erpresste der Schmerz und nicht selten schallte der Vorwurf an mein Ohr, dass immer und immer der Aermste, der nur über wenig Geld verfügen kann, zum Opfer falle, denn vom Parterre und den Logen sind Wenige verunglückt, sondern das Gros derselben recrutirt sich aus den Besuchern der billigeren Plätze auf den Galerien.

[Illustration: Zeitungsausträger.]

Die Listen entfesselten den Strom der Betrachtungen und der herbsten, abfälligsten Kritiken. Allerorts frug man sich: Wie so es möglich geworden, wie so es gekommen, dass erst nach 35 Minuten des Ausbruches des Feuers darauf gedacht worden ist, dass Menschenleben noch gerettet werden könnten? Wer war es, der eine solche Autorität genoss, dass man seinen Worten unbedingt Glauben schenkte, als er versicherte, Niemand befindet sich im Theater, Niemand in den Garderoben, Niemand auf der Bühne und in Zuschauerraum, so dass die Feuerwehr viel später den Versuch machte, das Innere des Theaters zu betreten, trotzdem die Leute über die Balcons springen mussten? Wer ist der Urheber dieses Gerüchtes, das so vielen heiteren, friedlichen Menschen auf so grässliche Art das Leben kostete? Denn wäre man, statt das Feuer zu löschen, allsogleich eingedrungen, die Verlustliste existirte vielleicht gar nicht, oder doch nur sehr — sehr reducirt. Hat es an Wackeren gefehlt, die bereit gewesen wären, einzudringen? Gewiss nicht, denn wie ich früher gezeigt, hatten sie den Muth, nachdem der Brand die grösste Ausdehnung gewonnen, einzudringen, um Leichname zu Tage zu fördern! Alle, alle Opfer sind diesem schrecklichen Gerüchte zuzuschreiben, und jenen Personen in Amt und Stellung, die «diesem» Gerüchte auf’s Wort glaubten und die Rettungsversuche unterliessen — sie sind, wenn auch nur moralisch, dafür verantwortlich, denn eine böse Absicht ist ja von Vornherein auszuschliessen. — Warum haben die Oellampen, die doch von Seite des vorsorglichen Stadtbauamtes angeordnet waren, nicht gebrannt, als das Gas verlöscht wurde? Wären die Leichen gleich Hekatomben vor einer Stiegenabsatzmauer zu finden gewesen, wenn ein rettendes Oelflämmchen den dem Erstickungstode Nahen die Treppe gezeigt hätte? Nein, und tausendmal nein, es wären vielleicht einzelne Menschen zertreten worden, aber zu Hunderten und Hunderten wären sie niemals um’s Leben gekommen! War die Antwort Jauner’s auf die Anfrage des Herrn Ministerpräsidenten, der im Auftrage Sr. Majestät unseres allergnädigsten Kaisers einen Bericht an diesen absenden musste, wirklich convenirend, dass die Oellämpchen in Reparatur sind, alle, nicht ein einziges ausgenommen, befänden sich in Reparatur? Wem erzählt man das, und wer soll’s glauben, der Kaiser und das Volk? Dort, wo man einer Sarah Bernhardt 6.000 Francs allabendlich auszahlte, soll man auf die in Reparatur befindlichen Lämpchen warten müssen, und nicht stets eine gleiche oder dreifache Zahl allabendlich in Bereitschaft haben? Die Bevölkerung wagt es heute nicht mehr, das Theater zu besuchen, denn dieses Vergnügen kann das Leben kosten, wenn Zufälligkeiten, wie im Ringtheater, zusammentreffen.

Selbst ich, der ich mir vorgenommen, objectiv die Thatsachen der Schreckensnacht in diesem Büchlein wiederzugeben, falle aus meiner Rolle und die Hand erzittert, der Gedanke verwirrt sich, die Zornesader schwillt bei dem Gedanken, dass vielleicht zehn Liter Oel und um 200 fl. Lampen hunderten Menschen hätten das Leben retten können!

Im Corridor des Todes.

[Illustration: Im Corridor des Todes.]

Die zweite Leidensstation bildete für den im Dienste der Publicistik wirkenden Menschen der Besuch des Anatomiegebäudes im allgemeinen Krankenhause. — Der Berichterstatter am Schlachtfelde sieht der Gräuel und Entsetzen gewiss mehr; aber das Bewusstsein: sie alle starben als Männer und Helden für ihr Vaterland, für Gott und Kaiser, sie zogen in die Schlacht mit dem Gefühle in der Brust, nicht jede Kugel trifft und wenn auch — was weiter — stärkt seine Nerven, stählt seinen Sinn. Aber wir friedlichen Menschen, denen die Sinne zu schwinden drohen, wenn vor unseren Augen ein Tramwaywaggon einen Menschen rädert, wir — ich meine den Zeichner dieser Illustrationen und meine Wenigkeit — wir haben eine Leidensstation vor uns, indem wir die grässlich verstümmelten Leichenreihen abschreiten müssen, um Notizen und Skizzen zu machen mit blutendem Herzen — und ich schäme mich nicht, es auszusprechen — mit Thränen in den Augen — Thränen der tiefsten Wehmuth, des Schmerzes und des Mitleidens! Da lagen sie Alle vor mir, Männer, Frauen, Jungfrauen, Jünglinge und Kinder, schwarz und starr. Da zur rechten Hand eine wohlgenährte weibliche Gestalt, ihre Figur ist mit einem silberdurchwirkten Theaterschleier überdeckt, ein grellrother mit schimmernden Borten eingefasster Rock, das Knie des rechten Fusses in feinen Strumpf eingehüllt, ist noch ganz unversehrt, während der andere Fuss, ausgestreckt, ohne Vorderfuss, blos den halbverbrannten Knochen des Schien- und Wadenbeines ohne Strumpf präsentirt, um welchen, an einer Spagatschnürchen befestigt, eine Blechmarke mit Nr. 87 hängt! Das Gesicht aufgedunsen und russgeschwärzt, die Hände an die Augen gepresst, die Kleider zerrissen und eine blendend weisse Brust den Blicken präsentirend — da lag das ausgelöschte Leben, noch nicht agnoscirt, mit Nummer 87 versehen! — Ihre Nachbarin zur Rechten, ruht ohne Hände und Füsse neben ihr, das Haupthaar ist weggebrannt sammt der Kopfhaut, nur das Mieder aus blauer Seide ist unverletzt und zwängt den Körper in die ihm verliehene Form. Die Blechmarke ist in Ermanglung von Extremitäten an das Schnürband des Mieders befestiget! Die Gestalten weiter abwärts, die in einer endlosen Reihe daliegen auf einem mit Kalk übertünchten schräg an die Wand gelehnten langen Bretterladen, sind mehr oder minder arg verbrannt und fast unkenntlich; bei Einigen ist durch die furchtbare Gluthhitze, der sie höchst wahrscheinlich ausgesetzt waren, der Bauch aufgesprungen und die Gedärme hiedurch blosgelegt worden, welche brannten! Arme, arme Frauen! Ihr dem zarten Geschlechte angehörend, warum musstet gerade Ihr in diesen Raume des Todes in der Majorität vertreten sein? — Hier die beiden Knaben, die man nicht zu trennen wagte — der kleinere ruht auf dem Steinpflaster des Corridors, in dem wir uns befinden, der grössere ist über ihn gebeugt und hält ihn fest umschlungen, fest presst er ihn an sein Herz für die Ewigkeit. Hier eine krampfhaft die geballten Hände in die Luft streckende Gestalt eines nahezu sechs Schuh hohen Mannes; er hat den rauchgeschwärzten Kopf unnatürlich verdreht; auf seiner Brust ruht seine Brieftasche aufgeschlagen, auf deren einen Seite das Bildniss eines circa 8jährigen Mädchens in photographischer Ausführung ruht, frisch und schön, als hätte es nicht den Brand im Ringtheater mitgemacht. Dort ruht Einer an der Wand, die Hände ober dem Kopf gefaltet haltend, den Kopf sanft nach rechts geneigt, als schliefe er im Schatten einer Linde an einem heissen Sommertage. — Meine Feder versagt mir den Dienst, mein Gemüth ist krank, ich fühle mich zu schwach für den Reporterdienst. Ein Leichenfeld, auf welchem Frauen, Mädchen und Kinder in solcher Zahl liegen, könnte selbst ein Wereschagin nicht naturgetreuer wiedergeben und der Leser mag aus unseren Skizzen den Schluss ziehen, dass wir geleistet, was menschlich fühlende Wesen nur immer leisten konnten.

Frauenleichen.

Wir verlassen gebrochen und gebeugt die Stelle, an der nur der eine Trost herrscht, dass die Leiden Derjenigen, die hieher gebettet wurden, nur kurz gewesen sein können.

In den Sälen des Anatomiegebäudes begannen die fünf Sectionen der dort am 9. December um 2 Uhr Nachmittags eingetroffenen Commission mit der polizeilichen Beschau der Agnoscirten. Die Zahl derselben belief sich Abends 8 Uhr auf circa 180. Im Ganzen wurden circa 100 Todte beschaut. Jeder derselben ward in dem Locale der betreffenden Section auf die grosse Marmorplatte gelegt und dann eine genaue Beschreibung seiner Person, sowie der Kleider vorgenommen. Die bei den Leichen vorgefundenen Werthsachen, wie Uhren, Geldbeträge u. s. w., nahm die Commission in Verwahrung. Es war bereits halb neun Uhr Abends vorüber, als die beiden letzten Sectionen, welchen die Commissäre Köllner, Bauer und Buresch als Vertreter der Polizei angehörten, ihre Arbeiten beendigt hatten.

[Illustration: Frauenleichen.]

Am 10. December um 8 Uhr wird mit der polizeilichen Beschau fortgefahren und gleichzeitig die gerichtliche Agnoscirung der bisher beschauten Leichen begonnen werden. Zu diesem Behufe hatten Jene, welche die einzelnen Todten zu erkennen erklärten, sich vor der gerichtlichen Commission einzufinden, und zwar jeder derselben mit zwei Zeugen, welche gleich ihm eidlich die Identität des betreffenden Verunglückten behaupten können. Diese gesetzlich vorgeschriebene Massregel erscheint in diesem Falle um so gebotener, als bezüglich mancher der agnoscirten Todten gerechte Bedenken obwalten, ob sie thatsächlich mit jenen Personen, für die man sie seitens der Agnoscirenden ausgegeben, identisch sind.

[Illustration: Agnoscirung.]

Während die Sectionen ihres traurigen Amtes walteten, war draussen in den Gängen, auf deren Steinfliessen die Menge der grässlich entstellten Leichen lag, ein unaufhörliches Gedränge, aus welchem jeden Augenblick die Jammerrufe Derjenigen ertönten, welche hier umherirrten, um ihre vermissten Angehörigen aufzusuchen. Dabei machte sich, wie überhaupt in dem ganzen Anatomie-Gebäude, ein jede Brust beklemmender intensiver Geruch nach verbranntem Fleische bemerkbar.

In den Ruinen.

Der 10. December gestaltete sich nicht minder aufregend für Wien und die Wiener. In der Nacht vom 9. auf den 10. brach abermals das bereits in Abnahme und als «gedämpft» bezeichnete Feuer aus. Helle Flammen schlugen klafterhoch empor. Die Feuerwehr, da nur mehr eine Spritze auf dem Platze verblieb, konnte dem Umsichgreifen des Brandes nicht Herr werden, die Schubleitern waren wieder zu kurz gewesen und man arbeitete mit später eingetroffenen Löschtrains bis gegen Morgens, um der Zerstörungswuth des Elementes Einhalt zu thun. Es sind nunmehr die Appartements des Directors vernichtet, und eine Stiege stürzte in den glühenden Krater. Es stehen nur mehr die vier Wände des einst so herrlich ausgestatteten Theaters.

Nachdem die Befürchtung ausgesprochen wurde, dass die Mauern einstürzen könnten, zog eine Abtheilung Cavallerie auf, um das immer mehr zuströmende Publikum aufzuhalten und einer eintretenden Katastrophe vorzubeugen. — Das Interesse des Tages absorbirten immer die Todten; selbst im Schoosse des Gemeinderathes entspann sich ein heftiger Kampf, auf welche Art das Begräbniss der Opfer des 8. December stattfinden soll. Gemeinderath Lueger wollte die 200 Särge über die Ringstrasse getragen sehen, damit man den Todten gebührende Ehre bezeige; dessen Gegner hingegen beantragten die Ueberführung der Särge mit den Cadavern der Besucher des Ringtheaters bei Nacht und wenn möglich bei Nebel, um die unteren Classen der Bevölkerung nicht aufzureizen. Der Vorschlag Dr. Lueger’s wurde verworfen und der Gegenantrag angenommen, und zwar soll das Leichenbegängniss am Montag den 12. December 1881 am Centralfriedhofe selbst stattfinden und die nichtagnoscirten Leichen auf Kosten der Commune Wien zur letzten Ruhe in ein gemeinsames Grab bestattet werden. Ein feierliches Requiem soll in der St. Stefanskirche die Ceremonie eröffnen, bei welchem sich die Spitzen der Behörden, Parlamente, Gesellschaften und Vereine einfinden werden. Sämmtliche Angehörige der Verbrannten sind speciell einzuladen, und nach dem Centralfriedhofe zu geleiten, meldete man aus dem Rathhause.

Graf Taaffe, der Ministerpräsident, hat an diesem Tage zur Bevölkerung gesprochen, und seine Worte widerhallten in den Herzen der Wiener nicht. Er hatte über das grösste Unglück, das Wien seit vielen Jahren getroffen, und das, wenn man die besonderen Verhältnisse in Betracht zieht, in der Geschichte unserer Stadt überhaupt ohne Beispiel dasteht, eine eigene Ansicht.

[Illustration: In den Ruinen.]