Chapter 1 of 32 · 3462 words · ~17 min read

Part 1

Dieses Buch wurde in der Deutschen Buch- u. Kunstdruckerei G. m. b. H. in Zossen gedruckt u. bei der Leipziger ☐ Buchbinderei-Actiengesellschaft ☐ ======= in Leipzig gebunden. =======

[Illustration]

Die Elixiere des Teufels

Die Bücher des Deutschen Hauses

Herausgegeben von Rudolf Presber

Erste Reihe

3. Band

[Illustration]

Die Elixiere des Teufels

Nachgelassene Papiere des +Bruders Medardus+, eines Kapuziners.

Mit 4 Illustrationen von Ernst Stern

1908

Buchverlag fürs Deutsche Haus

Berlin--Leipzig

„Wenn auch Bücher nicht gut oder schlecht machen, besser oder schlechter machen sie doch!“

(Jean Paul)

E. Th. A. Hoffmann

Im Jahre 1776, als der junge Goethe in Weimar heimisch wurde, erblickte Hoffmann das Licht der Welt. Und als er nach fünf Jahrzehnten an Rückenmarksdarre starb, war auch Goethes künstlerische Entwicklung abgeschlossen; einige Jahre später legt er seines Geistes letzten Tiefsinn im zweiten Teil des Faust nieder.

Wer dieser beiden Menschen Leben nach außen und innen mit der Seele nachging, hat von der Zeit, in der sie wirkten, nicht alles, vom Menschengeist in seinen Höhen und Tiefen Unendliches gespürt. Eine Parallele zwischen ihnen zu ziehen -- um so fruchtbarer oft, je greller der Gegensatz ist -- hier wäre es sinnlos. Und würde beiden Unrecht tun. Goethen verkleinern, Hoffmann mit den schwärzesten Tinten tuschen. Eins aber darf gesagt werden: daß beide so gerade leben, so sich entwickeln konnten in einer weltgeschichtlichen Periode, da die Wogen des Kampfes um die größten Gegenstände in alle Winkel Europas brandeten, ist wunderbar und beweist, daß der Überwinder Goethe und der Überwundene Hoffmann, jeder in seiner Art, Bahnen schritt, die abseits der Heerstraße in purpurne Fernen führen.

Äußerlich war das Leben des romantischen Spätlings wilder und wechselreicher, innerlich seichter. Hin und her, hinauf und hinunter wirbelte E. Th. A. Hoffmann ein wenig gnädiges Geschick. Drei große Gaben bescheerte ihm die Natur. Er war Zeichner, Musiker und Poet zugleich und in allen drei Künsten hinausgehoben über werkelnden Dilettantismus. Und hat doch hie und da zwischen seinen drei Musen hungernd gesessen. Er war pflichtgetreu als Beamter und hat zweimal üble Differenzen mit seinen Vorgesetzten bös büßen müssen. Er war ein sehr gescheiter, exakt und schnell arbeitender Jurist und hat nach der Ansicht der meisten den Prozeß seines Lebens, an eigener Schuld zerbrechend, in allen Instanzen verloren.

Wenn man hinzunimmt, daß diesem Schicksal, wie der Sauerteig dem Brot, eine unendliche Phantasie, die jede andere Regung und Neigung sieghaft beherrschte, beigegeben war, so geht die Rechnung restlos auf. Hoffmanns Leben war ein Künstlerleben, trotz alledem. Nur daß seine Kunst ihn wie im Taumel mit sich riß, statt daß er sie meisterte. Er sah die Welt mit dem scharfen Auge des Karikaturisten, aber er lernte nichts daraus, stieg nicht an fest durchdachten Erfahrungen in die Höhe, sondern goß unermüdlich den hitzigen Wein seiner tollen Einbildungskraft darüber und freute sich dann, unbekümmert um die Wirklichkeit, der wunderlichen Schemen und Geister, die dem brodelnden Dunst entstiegen. Was er erlebte war so widerspruchsvoll, daß er dazu kam, eigentlich nur an den Zufall zu glauben und dem Genuß des Augenblicks nachzujagen. Menschenleben ist Traum und Schatten. Seltsames geschieht ringsum. Wenn wir nüchtern nur die Konturen beäugen, so gähnt’s uns an wie etwas Unheimliches, Dunkles, Unerklärliches. Aber wenn der Wein und sprühender Witz im Freundeskreise seelischen Rausch entzaubert, dann öffnen sich die Tiefen und Geister steigen empor und tanzen und raunen und künden tiefere Wahrheit als alles Forschen am hellen Tag.

Und diese Gespenster sah Hoffmann wirklich. Unter den Linden des aufgeklärten Berlin begegneten sie ihm. Wenn die Feder in nächtlicher Stunde seine Gesichte niederschrieb, standen sie am Bücherbrett, huschten über den Spiegel, bis sich der Schöpfer vor den Geschöpfen fürchtete und in grauser Angst den Namen der Gattin rief, die kommen und ihn über die eigenen Phantasmen beruhigen mußte.

Kein Wunder, daß auch die Leser Hoffmanns zu sehen glauben, was er beschreibt. Es hat kaum ein Dichter mit so geringer Gewalt über die Sprache eine solche Plastik und Realität der Schilderung erreicht. Darauf allein beruht seine weite Verbreitung. Denn der Dichter des „goldnen Topf’s“, „des Spielers“ und anderer feiner psychologischen Studien braucht es sich nicht gefallen lassen, lediglich als effektvoller Gespensterbeschwörer zu gelten. Frankreich hat ihn verschlungen; und diese Beliebtheit jenseits der Vogesen ist um so interessanter, als sie dem formlosen deutschen Phantasten von einer Nation widerfährt, deren künstlerische Stärke in der Form, deren Schwäche besonders in der sinnlichen Anschauung liegt. Auch dem eigenen Volke lebt Hoffmann; in unserer Zeit kräftiger, denn je. Mit dem mählichen Schwinden jeder dogmatischen Religiosität geht heute eine seltsame Neigung zum Transzendentalen Hand in Hand, die weiter verbreitet ist, als die Oberfläche verrät. Und so kommts, daß man so viel über Ernst Theodor Amadäus schreibt, ihn eifrig ediert und kommentiert.

Der vorliegende Band bietet eine seiner reifsten Erzählungen. „Die Elixiere des Teufels“ schuf Hoffmann in der literarisch fruchtbarsten Zeit seines Lebens. Der erste Band entstand in Dresden, als die unerquickliche Bamberger Periode glücklich hinter ihm lag, der zweite in Berlin. „Die Elixiere“ beweisen am besten, daß Hoffmann nicht nur, wie seine zahlreichen mißgünstigen Beurteiler behaupten, stark nach der Weinlaune schmeckende Capriccios düstrer und heitrer Art hinwerfen konnte. Wenn auch -- das gelang Hoffmann selten anders -- die Komposition unklar und in ihrer gehäuften Fülle scheinbar unentwirrbar bleibt, so geht doch eine tiefe Idee durch das Buch. Eine einzige unbedachte Tat genügt, den Menschen zu vernichten. Ein Augenblick verbotenen Lüsten nachgegeben, und schleppend folgt eine dunkle Kette dumpfer Tage, in denen Frevel sich häuft auf Frevel.

Aber es ist keine Wirklichkeit. Ein wüster Traum bleibt’s, der nur dem unruhig Schlafenden krasse Wirklichkeit dünkt. Das Leben sind Fieberphantasien, die vorübergleiten, und nur eins ist wahrhaftig und setzt diesem ganzen tollen Daseinsspuk ein unentrinnbares Ende, der Tod.

+Karlernst Knatz.+

Die Elixiere des Teufels

Vorwort des Herausgebers

Gern möchte ich dich, günstiger Leser, unter jene dunklen Platanen führen, wo ich die seltsame Geschichte des Bruders Medardus zum ersten Male las. Du würdest dich mit mir auf dieselbe, in duftige Stauden und bunt glühende Blumen halb versteckte, steinerne Bank setzen; du würdest, so wie ich, recht sehnsüchtig nach den blauen Bergen schauen, die sich in wunderlichen Gebilden hinter dem sonnichten Tal auftürmen, das am Ende des Laubgangs sich vor uns ausbreitet. Aber nun wendest du dich um, und erblickst kaum zwanzig Schritte hinter uns ein gotisches Gebäude, dessen Portal reich mit Statuen verziert ist. -- Durch die dunklen Zweige der Platanen schauen dich Heiligenbilder recht mit klaren lebendigen Augen an; es sind die frischen Freskogemälde, die auf der breiten Mauer prangen. -- Die Sonne steht glutrot auf dem Gebirge, der Abendwind erhebt sich, überall Leben und Bewegung. Flüsternd und rauschend gehen wunderbare Stimmen durch Baum und Gebüsch: als würden sie steigend und steigend zu Gesang und Orgelklang, so tönt es von ferne herüber. Ernste Männer, in weit gefalteten Gewändern, wandeln, den frommen Blick emporgerichtet, schweigend, durch die Laubgänge des Gartens. Sind denn die Heiligenbilder lebendig worden, und herabgestiegen von den hohen Simsen? -- Dich umwehen die geheimnisvollen Schauer der wunderbaren Sagen und Legenden, die dort abgebildet, dir ist, als geschähe alles vor deinen Augen, und willig magst du daran glauben. In dieser Stimmung liesest du die Geschichte des Medardus, und wohl magst du auch dann die sonderbaren Visionen des Mönchs für mehr halten, als für das regellose Spiel der erhitzten Einbildungskraft. --

Da du, günstiger Leser, soeben Heiligenbilder, ein Kloster und Mönche geschaut hast, so darf ich kaum hinzufügen, daß es der herrliche Garten des Kapuzinerklosters in B. war, in den ich dich geführt hatte.

Als ich mich einst in diesem Kloster einige Tage aufhielt, zeigte mir der ehrwürdige Prior die von dem Bruder Medardus nachgelassenen, im Archiv aufbewahrten Papiere als eine Merkwürdigkeit, und nur mit Mühe überwand ich des Priors Bedenken, sie mir mitzuteilen. Eigentlich, meinte der Alte, hätten diese Papiere verbrannt werden sollen. -- Nicht ohne Furcht, du werdest des Priors Meinung sein, gebe ich dir, günstiger Leser, nun das aus jenen Papieren geformte Buch in die Hände. Entschließest du dich aber, mit dem Medardus, als seist du sein treuer Gefährte, durch finstre Kreuzgänge und Zellen -- durch die bunte -- bunteste Welt zu ziehen, und mit ihm das Schauerliche, Entsetzliche, Tolle, Possenhafte seines Lebens zu ertragen, so wirst du dich vielleicht an den mannigfachen Bildern der Camera obscura, die sich dir aufgetan, ergötzen. -- Es kann auch kommen, daß das gestaltlos scheinende, sowie du schärfer es ins Auge fassest, sich dir bald deutlich und rund darstellt. Du erkennst den verborgenen Keim, den ein dunkles Verhängnis gebar, und der, zur üppigen Pflanze emporgeschossen, fort und fort wuchert in tausend Ranken, bis +eine+ Blüte, zur Frucht reifend, allen Lebenssaft an sich zieht, und den Keim selbst tötet. --

Nachdem ich die Papiere des Kapuziners Medardus recht emsig durchgelesen, welches mir schwer genug wurde, da der Selige eine sehr kleine, unleserliche mönchische Handschrift geschrieben, war es mir auch, als könne das, was wir insgemein Traum und Einbildung nennen, wohl die symbolische Erkenntnis des geheimen Fadens sein, der sich durch unser Leben zieht, es festknüpfend in allen seinen Bedingungen, als sei +der+ aber für verloren zu erachten, der mit jener Erkenntnis die Kraft gewonnen glaubt, jenen Faden gewaltsam zu zerreißen und es aufzunehmen mit der dunklen Macht, die über uns gebietet.

Vielleicht geht es dir, günstiger Leser, wie mir, und das wünschte ich denn, aus erheblichen Gründen, recht herzlich.

Erster Teil.

1. Abschnitt.

Die Jahre der Kindheit und das Klosterleben.

Nie hat mir meine Mutter gesagt, in welchen Verhältnissen mein Vater in der Welt lebte; rufe ich mir aber alles das ins Gedächtnis zurück, was sie mir schon in meiner frühesten Jugend von ihm erzählte, so muß ich wohl glauben, daß es ein mit tiefen Kenntnissen begabter lebenskluger Mann war. Eben aus diesen Erzählungen und einzelnen Äußerungen meiner Mutter, über ihr früheres Leben, die mir erst später verständlich worden, weiß ich, daß meine Eltern von einem bequemen Leben, welches sie im Besitz vielen Reichtums führten, herabsanken in die drückendste, bitterste Armut, und daß mein Vater, einst durch den Satan verlockt zum verruchten Frevel, eine Todsünde beging, die er, als ihn in späten Jahren die Gnade Gottes erleuchtete, abbüßen wollte auf einer Pilgerreise nach der heiligen Linde im weit entfernten kalten Preußen. -- Auf der beschwerlichen Wanderung dahin fühlte meine Mutter nach mehreren Jahren der Ehe zum erstenmal, daß diese nicht unfruchtbar bleiben würde, wie mein Vater befürchtet, und seiner Dürftigkeit unerachtet war er hoch erfreut, weil nun eine Vision in Erfüllung gehen sollte, in welcher ihm der heilige Bernardus Trost und Vergebung der Sünde durch die Geburt eines Sohnes zugesichert hatte. In der heiligen Linde erkrankte mein Vater, und je weniger er die vorgeschriebenen beschwerlichen Andachtsübungen seiner Schwäche unerachtet aussetzen wollte, desto mehr nahm das Übel überhand; er starb entsündigt und getröstet in demselben Augenblick, als ich geboren wurde. -- Mit dem ersten Bewußtsein dämmern in mir die lieblichen Bilder von dem Kloster, und von der herrlichen Kirche in der heiligen Linde, auf. Mich umrauscht noch der dunkle Wald -- mich umduften noch die üppig aufgekeimten Gräser, die bunten Blumen, die meine Wiege waren. Kein giftiges Tier, kein schädliches Insekt nistet in dem Heiligtum der Gebenedeiten; nicht das Sumsen einer Fliege, nicht das Zirpen des Heimchens unterbricht die heilige Stille, in der nur die frommen Gesänge der Priester erhallen, die, mit den Pilgern goldne Rauchfässer schwingend, aus denen der Duft des Weihrauchopfers emporsteigt, in langen Zügen daherziehen. Noch sehe ich, mitten in der Kirche, den mit Silber überzogenen Stamm der Linde, auf welche die Engel das wundertätige Bild der heiligen Jungfrau niedersetzten. Noch lächeln mir die bunten Gestalten der Engel -- der Heiligen -- von den Wänden, von der Decke der Kirche an! -- Die Erzählungen meiner Mutter von dem wundervollen Kloster, wo ihrem tiefsten Schmerz gnadenreicher Trost zuteil wurde, sind so in mein Innres gedrungen, daß ich alles selbst gesehen, selbst erfahren zu haben glaube, unerachtet es unmöglich ist, daß meine Erinnerung so weit hinausreicht, da meine Mutter nach anderthalb Jahren die heilige Stätte verließ. -- So ist es mir, als hätte ich selbst einmal in der öden Kirche die wunderbare Gestalt eines ernsten Mannes gesehen, und es sei eben der fremde Maler gewesen, der in uralter Zeit, als eben die Kirche gebaut, erschien, dessen Sprache niemand verstehen konnte und der mit kunstgeübter Hand in gar kurzer Zeit die Kirche auf das herrlichste ausmalte, dann aber, als er fertig worden, wieder verschwand. -- So gedenke ich ferner noch eines alten fremdartig gekleideten Pilgers mit langem grauem Barte, der mich oft auf den Armen umhertrug, im Walde allerlei bunte Moose und Steine suchte, und mit mir spielte; unerachtet ich gewiß glaube, daß nur aus der Beschreibung meiner Mutter sich im Innern sein lebhaftes Bild erzeugt hat. Er brachte einmal einen fremden wunderschönen Knaben mit, der mit mir von gleichem Alter war. Uns herzend und küssend saßen wir im Grase, ich schenkte ihm alle meine bunten Steine und er wußte damit allerlei Figuren auf dem Erdboden zu ordnen, aber immer bildete sich daraus zuletzt die Gestalt des Kreuzes. Meine Mutter saß neben uns auf einer steinernen Bank, und der Alte schaute, hinter ihr stehend, mit mildem Ernst unsern kindischen Spielen zu. Da traten einige Jünglinge aus dem Gebüsch, die, nach ihrer Kleidung und nach ihrem ganzen Wesen zu urteilen, wohl nur aus Neugierde und Schaulust nach der heiligen Linde gekommen waren. Einer von ihnen rief, indem er uns gewahr wurde, lachend: „Sieh da! eine heilige Familie, das ist etwas für meine Mappe!“ -- Er zog wirklich Papier und Crayon hervor und schickte sich an uns zu zeichnen, da erhob der alte Pilger sein Haupt und rief zornig: „Elender Spötter, du willst ein Künstler sein und in deinem Innern brannte nie die Flamme des Glaubens und der Liebe; aber deine Werke werden tot und starr bleiben wie du selbst, und du wirst wie ein Verstoßener in einsamer Leere verzweifeln und untergehen in deiner eigenen Armseligkeit.“ -- Die Jünglinge eilten bestürzt von dannen. -- Der alte Pilger sagte zu meiner Mutter: „Ich habe euch heute ein wunderbares Kind gebracht, damit es in eurem Sohne den Funken der Liebe entzünde, aber ich muß es wieder von euch nehmen und ihr werdet es wohl, so wie mich selbst, nicht mehr schauen. Euer Sohn ist mit vielen Gaben herrlich ausgestattet, aber die Sünde des Vaters kocht und gärt in seinem Blute, er kann jedoch sich zum wackern Kämpen für den Glauben aufschwingen, lasset ihn geistlich werden!“ -- Meine Mutter konnte nicht genug sagen, welchen tiefen unauslöschlichen Eindruck die Worte des Pilgers auf sie gemacht hatten; sie beschloß aber dem unerachtet meiner Neigung durchaus keinen Zwang anzutun, sondern ruhig abzuwarten, was das Geschick über mich verhängen und wozu es mich leiten würde, da sie an irgend eine andere höhere Erziehung, als die sie selbst mir zu geben imstande war, nicht denken konnte. -- Meine Erinnerungen aus deutlicher selbst gemachter Erfahrung heben von dem Zeitpunkt an, als meine Mutter auf der Heimreise in das Cisterzienser Nonnenkloster gekommen war, dessen gefürstete Äbtissin, die meinen Vater gekannt hatte, sie freundlich aufnahm. Die Zeit von jener Begebenheit mit dem alten Pilger, welche ich in der Tat aus eigner Anschauung weiß, so daß sie meine Mutter nur rücksichts der Reden des Malers und des alten Pilgers ergänzt hat, bis zu dem Moment, als mich meine Mutter zum erstenmal zur Äbtissin brachte, macht eine völlige Lücke: nicht die leiseste Ahnung ist mir davon übrig geblieben. Ich finde mich erst wieder, als die Mutter meinen Anzug, soviel es ihr nur möglich war, besserte und ordnete. Sie hatte neue Bänder in der Stadt gekauft, sie verschnitt mein wild-verwachsnes Haar, sie putzte mich mit aller Mühe und schärfte mir dabei ein, mich ja recht fromm und artig bei der Frau Äbtissin zu betragen. Endlich stieg ich, an der Hand meiner Mutter, die breiten, steinernen Treppen herauf und trat in das hohe, gewölbte, mit heiligen Bildern ausgeschmückte Gemach, in dem wir die Fürstin fanden. Es war eine große, majestätische, schöne Frau, der die Ordenstracht eine Ehrfurcht einflößende Würde gab. Sie sah mich mit einem ernsten, bis ins Innerste dringenden Blick an, und frug: „Ist das euer Sohn?“ -- Ihre Stimme, ihr ganzes Ansehn -- selbst die fremde Umgebung, das hohe Gemach, die Bilder, alles wirkte so auf mich, daß ich, von dem Gefühl eines inneren Grauens ergriffen, bitterlich zu weinen anfing. Da sprach die Fürstin, indem sie mich milder und gütiger anblickte: „Was ist dir Kleiner, fürchtest du dich vor mir? -- Wie heißt euer Sohn, liebe Frau?“ -- „Franz“, erwiderte meine Mutter; da rief die Fürstin mit der tiefsten Wehmut: „Franziskus!“ und hob mich auf und drückte mich heftig an sich, aber in dem Augenblick preßte mir ein jäher Schmerz, den ich am Halse fühlte, einen starken Schrei aus, so daß die Fürstin erschrocken mich losließ, und die durch mein Betragen ganz bestürzt gewordene Mutter auf mich zusprang, um nur gleich mich fortzuführen. Die Fürstin ließ das nicht zu; es fand sich, daß das diamantne Kreuz, welches die Fürstin auf der Brust trug, mich, indem sie heftig mich an sich drückte, am Halse so stark beschädigt hatte, daß die Stelle ganz rot und mit Blut unterlaufen war. „Armer Franz,“ sprach die Fürstin, „ich habe dir weh getan, aber wir wollen doch noch gute Freunde werden.“ -- Eine Schwester brachte Zuckerwerk und süßen Wein, ich ließ mich, jetzt schon dreister geworden, nicht lange nötigen, sondern naschte tapfer von den Süßigkeiten, die mir die holde Frau, welche sich gesetzt und mich auf den Schoß genommen hatte, selbst in den Mund steckte. Als ich einige Tropfen des süßen Getränks, das mir bis jetzt ganz unbekannt gewesen, gekostet, kehrte mein munterer Sinn, die besondere Lebendigkeit, die, nach meiner Mutter Zeugnis, von meiner frühsten Jugend mir eigen war, zurück. Ich lachte und schwatzte zum größten Vergnügen der Äbtissin und der Schwester, die im Zimmer geblieben. Noch ist es mir unerklärlich, wie meine Mutter darauf verfiel, mich aufzufordern, der Fürstin von den schönen herrlichen Dingen meines Geburtsortes zu erzählen, und ich, wie von einer höheren Macht inspiriert, ihr die schönen Bilder des fremden unbekannten Malers so lebendig, als habe ich sie im tiefsten Geiste aufgefaßt, beschreiben konnte. Dabei ging ich ganz ein in die herrlichen Geschichten der Heiligen, als sei ich mit allen Schriften der Kirche schon bekannt und vertraut geworden. Die Fürstin, selbst meine Mutter, blickten mich voll Erstaunen an, aber je mehr ich sprach, deste höher stieg meine Begeisterung, und als mich endlich die Fürstin frug: „Sage mir liebes Kind, woher weißt du denn das alles?“ -- da antwortete ich, ohne mich einen Augenblick zu besinnen, daß der schöne wunderbare Knabe, den einst ein fremder Pilgersmann mitgebracht hätte, mir alle Bilder in der Kirche erklärt, ja selbst noch manches Bild mit bunten Steinen gemalt und mir nicht allein den Sinn davon gelöset, sondern auch noch viele andere heilige Geschichten erzählt hätte. --

Man läutete zur Vesper, die Schwester hatte eine Menge Zuckerwerk in eine Tüte gepackt, die sie mir gab, und die ich voller Vergnügen einsteckte. Die Äbtissin stand auf und sagte zu meiner Mutter: „Ich sehe Euern Sohn als meinen Zögling an, liebe Frau! und will von nun an für ihn sorgen.“ Meine Mutter konnte vor Wehmut nicht sprechen, sie küßte, heiße Tränen vergießend, die Hände der Fürstin. Schon wollten wir zur Türe hinaustreten, als die Fürstin uns nachkam, mich nochmals aufhob, sorgfältig das Kreuz beiseite schiebend, mich an sich drückte, und heftig weinend, so daß die heißen Tropfen auf meine Stirn fielen, ausrief: „Franziskus! -- Bleibe fromm und gut!“ -- Ich war im Innersten bewegt und mußte auch weinen, ohne eigentlich zu wissen warum. --

Durch die Unterstützung der Äbtissin gewann der kleine Haushalt meiner Mutter, die unfern dem Kloster in einer kleinen Meierei wohnte, bald ein besseres Ansehen. Die Not hatte ein Ende, ich ging besser gekleidet und genoß den Unterricht des Pfarrers, dem ich zugleich, wenn er in der Klosterkirche das Amt hielt, als Chorknabe diente. --

Wie umfängt mich noch wie ein seliger Traum die Erinnerung an jene glückliche Jugendzeit! -- Ach, wie ein fernes herrliches Land, wo die Freude wohnt und die ungetrübte Heiterkeit des kindlichen unbefangenen Sinns, liegt die Heimat weit, weit hinter mir, aber wenn ich zurückblicke, da gähnt mir die Kluft entgegen, die mich auf ewig von ihr geschieden. Von heißer Sehnsucht ergriffen, trachte ich immer mehr und mehr die Geliebten zu erkennen, die ich drüben, wie im Purpurschimmer des Frührots wandelnd, erblicke, ich wähne ihre holden Stimmen zu vernehmen. Ach! -- gibt es denn eine Kluft, über die die Liebe mit starkem Fittich sich nicht hinwegschwingen könnte. Was ist für die Liebe der Raum, die Zeit! -- Lebt sie nicht im Gedanken und kennt +der+ denn ein Maß? -- Aber finstre Gestalten steigen auf, und immer dichter und dichter sich zusammendrängend, immer enger und enger mich einschließend, versperren sie die Aussicht und befangen meinen Sinn mit den Drangsalen der Gegenwart, daß selbst die Sehnsucht, welche mich mit namenlosem wonnevollem Schmerz erfüllte, nun zu tötender, heilloser Qual wird! --