Chapter 15 of 32 · 3976 words · ~20 min read

Part 15

Natürlich hielt ich ihn für einen Fremden, der sich mit dem Wirt entzweit habe und nun abgereist sei; eben deshalb nahm es mich nicht wenig wunder, als ich mittags, da ich mich in der Wirtsstube befand, dieselbe komische kaffeebraune Figur mit der fuchsroten Perücke, welche des Morgens hinausritt, eintreten und ohne Umstände an dem gedeckten Tisch Platz nehmen sah. Es war das häßlichste und dabei possierlichste Gesicht, das mir jemals aufstieß. In dem ganzen Wesen des Mannes lag so etwas drollig Ernstes, daß man ihn betrachtend, sich kaum des Lachens enthalten konnte. Wir aßen miteinander, und ein wortkarges Gespräch schlich zwischen mir und dem Wirt hin, ohne daß der Fremde, der gewaltig aß, daran Anteil nehmen wollte. Offenbar war es, wie ich nachher einsah, Bosheit des Wirts, daß er das Gespräch geschickt auf nationelle Eigentümlichkeiten lenkte, und mich geradezu frug, ob ich wohl schon Irländer kennen gelernt und von ihren sogenannten Bulls etwas wisse? Allerdings! erwiderte ich, indem mir gleich eine ganze Reihe solcher Bulls durch den Kopf ging. Ich erzählte von jenem Irländer, der, als man ihn frug, warum er den Strumpf verkehrt angezogen, ganz treuherzig antwortete: „Auf der rechten Seite ist ein Loch!“ -- Es kam mir ferner der herrliche Bull jenes Irländers in den Sinn, der mit einem jähzornigen Schotten zusammen in einem Bette schlief und den bloßen Fuß unter der Decke hervorgestreckt hatte. Nun bemerkte dies ein Engländer, der im Zimmer befindlich und schnallte flugs dem Irländer den Sporn an den Fuß, den er von seinem Stiefel heruntergenommen. Der Irländer zog schlafend den Fuß wieder unter die Decke und ritzte mit dem Sporn den Schotten, der darüber aufwachte und dem Irländer eine tüchtige Ohrfeige gab. Darauf entspann sich unter ihnen folgendes sinnreiche Gespräch: „Was Teufel ficht dich an, warum schlägst du mich?“ -- „Weil du mich mit deinem Sporn geritzt hast!“ -- „Wie ist das möglich, da ich mit bloßen Füßen bei dir im Bette liege.“ -- „Und doch ist es so, sieh nur her.“ -- „Gott verdamm mich, du hast recht, hat der verfluchte Kerl von Hausknecht mir den Stiefel ausgezogen und den Sporn sitzen lassen.“ -- Der Wirt brach in ein unmäßiges Gelächter aus, aber der Fremde, der eben mit dem Essen fertig worden und ein großes Glas Bier hinuntergestürzt hatte, sah mich ernst an und sprach: „Sie haben ganz recht, die Irländer machen oft dergleichen Bulls, aber es liegt keineswegs an dem Volke, das regsam und geistreich ist, vielmehr weht dort eine solche verfluchte Luft, die einen mit dergleichen Tollheiten wie mit einem Schnupfen befällt, denn, mein Herr, ich selbst bin zwar ein Engländer, aber in Irland geboren und erzogen und nur deshalb jener verdammten Krankheit der Bulls unterworfen.“ -- Der Wirt lachte noch stärker und ich mußte unwillkürlich einstimmen, denn sehr ergötzlich war es doch, daß der Irländer, nur von Bulls sprechend, gleich selbst einen ganz vortrefflichen zum besten gab. Der Fremde, weit entfernt durch unser Gelächter beleidigt zu werden, riß die Augen weit auf, legte die Finger an die Nase und sprach: „In England sind die Irländer das starke Gewürz, das der Gesellschaft hinzugefügt wird, um sie schmackhaft zu machen. Ich selbst bin in dem einzigen Stück dem Fallstaff ähnlich, daß ich oft nicht allein selbst witzig bin, sondern auch den Witz anderer erwecke, was in dieser nüchternen Zeit kein geringes Verdienst ist. Sollten Sie denken, daß in dieser ledernen leeren Bierwirtsseele sich auch oft dergleichen regt, bloß auf meinen Anlaß? Aber dieser Wirt ist ein guter Wirt, er greift sein dürftig Kapital von guten Einfällen durchaus nicht an, sondern leiht hie und da in Gesellschaft der Reichen nur einen aus auf hohe Zinsen; er zeigt, ist er dieser Zinsen nicht versichert, wie eben jetzt, höchstens den Einband eines Hauptbuchs, und der ist sein unmäßiges Lachen; denn in dieses Lachen hat er seinen Witz eingewickelt. Gott befohlen meine Herren!“ -- damit schritt der originelle Mann zur Türe hinaus, und ich bat den Wirt sofort um Auskunft über ihn. „Dieser Irländer,“ sagte der Wirt, „der Ewson heißt und deswegen ein Engländer sein will, weil sein Stammbaum in England wurzelt, ist erst seit kurzer Zeit hier, es werden nun gerade zweiundzwanzig Jahre sein. -- Ich hatte als ein junger Mensch den Gasthof gekauft und hielt Hochzeit, als Herr Ewson, der auch noch ein Jüngling war, aber schon damals eine fuchsrote Perücke, einen grauen Hut und einen kaffeebraunen Rock von demselben Schnitt wie heute trug, auf der Rückreise nach seinem Vaterlande begriffen, hier vorbeikam, und durch die Tanzmusik, die lustig erschallte, hereingelockt wurde. Er schwur, daß man nur auf dem Schiffe zu tanzen verstehe, wo er es seit seiner Kindheit erlernt, und führte, um dies zu beweisen, indem er auf gräßliche Weise dazu zwischen den Zähnen pfiff, einen Hornpipe auf, wobei er aber bei einem Hauptsprunge sich den Fuß dermaßen verrenkte, daß er bei mir liegen bleiben und sich heilen lassen mußte. -- Seit der Zeit hat er mich nicht wieder verlassen. Mit seinen Eigenheiten habe ich meine liebe Not; jeden Tag seit den vielen Jahren zankt er mit mir, er schmält auf die Lebensart, er wirft mir vor, daß ich ihn überteure, daß er ohne Roastbeef und Porter nicht länger leben könne, packt sein Felleisen, setzt seine drei Perücken auf, eine über die andre, nimmt von mir Abschied und reitet auf seinem alten Gaule davon. Das ist aber nur sein Spazierritt, denn mittags kommt er wieder zum andern Tore herein, setzt sich, wie Sie heute gesehen haben, ruhig an den Tisch und ißt von den ungenießbaren Speisen für drei Mann. Jedes Jahr erhält er einen starken Wechsel; dann sagt er mir ganz wehmütig Lebewohl, er nennt mich seinen besten Freund und vergießt Tränen, wobei mir auch die Tränen über die Backen laufen, aber vor unterdrücktem Lachen. Nachdem er noch, Lebens und Sterbens halber, seinen letzten Willen aufgesetzt, und, wie er sagt, meiner ältesten Tochter sein Vermögen vermacht hat, reitet er ganz langsam und betrübt nach der Stadt. Den dritten oder höchstens vierten Tag ist er aber wieder hier und bringt zwei kaffeebraune Röcke, drei fuchsrote Perücken, eine gleißender wie die andere, sechs Hemden, einen neuen grauen Hut und andere Bedürfnisse seines Anzuges, meiner ältesten Tochter, seiner Lieblingin, aber ein Tütchen Zuckerwerk mit, wie einem Kinde, unerachtet sie nun schon achtzehn Jahre alt worden. Er denkt dann weder an seinen Aufenthalt in der Stadt, noch an die Heimreise. Seine Zeche berichtigt er jeden Abend und das Geld für das Frühstück wirft er mir jeden Morgen zornig hin, wenn er wegreitet, um nicht wiederzukommen. Sonst ist er der gutmütigste Mensch von der Welt, er beschenkt meine Kinder bei jeder Gelegenheit, er tut den Armen im Dorfe wohl, nur den Prediger kann er nicht leiden, weil er, wie Herr Ewson es von dem Schulmeister erfuhr, einmal ein Goldstück, das Ewson in die Armenbüchse geworfen, eingewechselt und lauter Kupferpfennige dafür gegeben hat. Seit der Zeit weicht er ihm überall aus und geht niemals in die Kirche, weshalb der Prediger ihn für einen Atheisten ausschreit. Wie gesagt, habe ich aber oft meine liebe Not mit ihm, weil er jähzornig ist und ganz tolle Einfälle hat. Erst gestern hörte ich, als ich nach Hause kam, schon von weitem ein heftiges Geschrei und unterschied Ewsons Stimme. Als ich ins Haus trat, fand ich ihn im stärksten Zank mit der Hausmagd begriffen. Er hatte, wie es im Zorn immer geschieht, bereits seine Perücke weggeschleudert und stand im kahlen Kopf, ohne Rock, in Hemdärmeln dicht vor der Magd, der er ein großes Buch unter die Nase hielt und stark schreiend und fluchend mit dem Finger hineinwies. Die Magd hatte die Hände in die Seiten gestemmt und schrie, er möge andere zu seinen Streichen brauchen, er sei ein schlechter Mensch, der an nichts glaube usw. Mit Mühe gelang es mir, die Streitenden auseinander zu bringen und der Sache auf den Grund zu kommen. -- Herr Ewson hatte verlangt, die Magd solle ihm Oblate verschaffen zum Briefsiegeln; die Magd verstand ihn anfangs gar nicht, zuletzt fiel ihr ein, daß das Oblate sei, was bei dem Abendmahl gebraucht werde, und meinte, Herr Ewson wolle mit der Hostie verruchtes Gespötte treiben, weil der Herr Pfarrer ohnedies gesagt, daß er ein Gottesleugner sei. Sie widersetzte sich daher und Herr Ewson, der da glaubte nur nicht richtig ausgesprochen zu haben und nicht verstanden zu sein, holte sofort sein englisch-deutsches Wörterbuch und demonstrierte daraus der Bauernmagd, die kein Wort lesen konnte, was er haben wolle, wobei er zuletzt nichts als englisch sprach, welches die Magd für das sinnverwirrende Gewäsche des Teufels hielt. Nur mein Dazwischentreten verhinderte die Prügelei, in der Herr Ewson vielleicht den Kürzeren gezogen.“

Ich unterbrach den Wirt in der Erzählung von dem drolligen Manne, indem ich frug, ob das vielleicht auch Herr Ewson gewesen, der mich in der Nacht durch sein gräßliches Flötenblasen so gestört und geärgert habe. „Ach, mein Herr,“ fuhr der Wirt fort, „das ist nun auch eine von Herr Ewsons Eigenheiten, womit er mir beinahe die Gäste verscheucht. Vor drei Jahren kam mein Sohn aus der Stadt hierher; der Junge bläst eine herrliche Flöte und übte hier fleißig sein Instrument. Da fiel es Herrn Ewson ein, daß er ehemals auch Flöte geblasen und ließ nicht nach, bis ihm Fritz seine Flöte und ein Konzert, das er mitgebracht hatte, für schweres Geld verkaufte.

Nun fing Herr Ewson, der gar keinen Sinn für Musik, gar keinen Takt hat, mit dem größten Eifer an, das Konzert zu blasen. Er kam aber nur bis zum zweiten Solo des ersten Allegros, da stieß ihm eine Passage auf, die er nicht herausbringen konnte, und diese einzige Passage bläst er nun seit den drei Jahren fast jeden Tag hundertmal hintereinander, bis er im höchsten Zorn erst die Flöte und dann die Perücke an die Wand schleudert. Da dies nun wenige Flöten lange aushalten, so braucht er gar oft neue, und hat jetzt gewöhnlich drei bis vier im Gange. Ist nur ein Schräubchen zerbrochen oder eine Klappe schadhaft, so wirft er sie mit einem: Gott verdamm mich, nur in England macht man Instrumente, die was taugen! -- durchs Fenster. Ganz erschrecklich ist es, daß ihn diese Passion der Flötenblaserei oft nachts überfällt und er dann meine Gäste aus dem tiefsten Schlafe dudelt. Sollten Sie aber glauben, daß hier im Amtshause sich, beinahe ebenso lange als Herr Ewson bei mir ist, ein englischer Doktor aufhält, der Green heißt und mit Herrn Ewson darin sympathisiert, daß er ebenso originell, ebenso voll sonderbaren Humors ist? -- Sie zanken sich unaufhörlich und können doch nicht ohne einander leben. Es fällt mir eben ein, daß Herr Ewson auf heute abend einen Punsch bei mir bestellt hat, zu dem er den Amtmann und den Doktor Green eingeladen. Wollen Sie es sich, mein Herr, gefallen lassen, noch bis morgen früh hier zu verweilen, so können Sie heute abend bei mir das possierlichste Kleeblatt sehen, das sich nur zusammenfinden kann.“ --

Sie stellen sich es vor, gnädigster Herr, daß ich mir den Aufschub der Reise gern gefallen ließ, weil ich hoffte, den Herrn Ewson in seiner Glorie zu sehen. Er trat, sowie es Abend worden, ins Zimmer und war artig genug, mich zu dem Punsch einzuladen, indem er hinzusetzte, wie es ihm nur leid täte, mich mit dem nichtswürdigen Getränk, das man hier Punsch nenne, bewirten zu müssen; nur in England trinke man Punsch, und da er nächstens dahin zurückkehren werde, hoffe er, käme ich jemals nach England, mir es beweisen zu können, daß er es verstehe, das köstliche Getränk zu bereiten. -- Ich wußte, was ich davon zu denken hatte. -- Bald darauf traten auch die eingeladenen Geiste ein. Der Amtmann war ein kleines kugelrundes, höchst freundliches Männlein mit vergnügt blickenden Augen und einem roten Näschen; der Doktor Green ein robuster Mann von mittlern Jahren mit einem ausfallenden Nationalgesicht, modern, aber nachlässig gekleidet, Brill’ auf der Nase, Hut auf dem Kopfe. -- „Gebt mir Sekt, daß meine Augen rot werden!“ rief er pathetisch, indem er auf den Wirt zuschritt und ihn, bei der Brust packend, heftig schüttelte: „Hallunkischer Cambyses, sprich! wo sind die Prinzessinnen? Nach Kaffee riecht’s und nicht nach Trank der Götter!“ -- „Laß ab von mir, o Held! weg mit der starken Faust, zermalmst im Zorne mir die Rippen!“ -- rief der Wirt keuchend. „Nicht eher, feiger Schwächling,“ fuhr der Doktor fort, „bis süßer Dampf des Punsches Sinn umnebelnd Nase kitzelt, nicht eher laß ich dich, du ganz unwerter Wirt!“ -- Aber nun schoß Ewson grimmig auf den Doktor zu und schalt: „Unwürdiger Green! Grün soll’s dir werden vor den Augen, ja greinen sollst du gramerfüllt, wenn du nicht abläßt von schmachvoller Tat!“ -- Nun dacht ich, würde Zank und Tumult losbrechen, aber der Doktor sagte: „So will ich, feiger Ohnmacht spottend, ruhig sein, und harrn des Göttertranks den du bereitet, würd’ger Ewson.“ -- Er ließ den Wirt los, der eiligst davonsprang, setzte sich mit einer Catomiene an den Tisch, ergriff die gestopfte Pfeife und blies große Dampfwolken von sich. -- „Ist das nicht, als wäre man im Theater?“ sagte der freundliche Amtmann zu mir, „aber der Doktor, der sonst kein deutsches Buch in die Hand nimmt, fand zufällig Schlegels Shakespeare bei mir, und seit der Zeit spielt er, nach seinem Ausdruck, uralte bekannte Melodien auf einem fremden Instrumente. Sie werden bemerkt haben, daß sogar der Wirt rhythmisch spricht, der Doktor hat ihn so zu sagen eingejambt.“ -- Der Wirt brachte den dampfenden Punschnapf, und unerachtet Ewson und Green schwuren, er sei kaum trinkbar, so stürzten sie doch ein großes Glas nach dem andern hinab. Wir führten ein leidlich Gespräch. Green blieb wortkarg, nur dann und wann gab er auf komische Weise, die Opposition behauptend, etwas von sich. So sprach z. B. der Amtmann von dem Theater in der Stadt, und ich versicherte, der erste Held spiele vortrefflich. -- „Das kann ich nicht finden,“ fiel sogleich der Doktor ein, „glauben Sie nicht, daß, hatte der Mann sechsmal besser gespielt, er des Beifalls viel würdiger sein würde?“ Ich mußte das notgedrungen zugeben, und meinte nur, daß dies sechsmal besser spielen +dem+ Schauspieler not tue, der die zärtlichen Väter ganz erbärmlich tragiere. -- „Das kann ich nicht finden,“ sagte Green wieder, „der Mann gibt alles, was er in sich trägt! Kann er dafür, daß seine Tendenz sich zum Schlechten hinneigt? Er hat es aber im Schlechten zu rühmlicher Vollkommenheit gebracht, man muß ihn deshalb loben!“ -- Der Amtmann saß mit seinem Talent, die beiden anzuregen zu allerlei tollen Einfällen und Meinungen, in ihrer Mitte, wie das exzitierende Prinzip, und so ging es fort, bis der starke Punsch zu wirken anfing. Da wurde Ewson ausgelassen lustig, er sang mit krächzender Stimme Nationallieder, er warf Perücke und Rock durchs Fenster in den Hof und fing an mit den sonderbarsten Grimassen auf so drollige Weise zu tanzen, daß man sich vor Lachen hätte ausschütten mögen. Der Doktor blieb ernsthaft, hatte aber die seltsamsten Visionen. Er sah den Punschnapf für eine Baßgeige an und wollte durchaus darauf herumstreichen, mit dem Löffel Ewsons Lieder akkompagnierend, wovon ihn nur des Wirts dringendste Protestationen abhalten konnten. -- Der Amtmann war immer stiller und stiller geworden, am Ende stolperte er in eine Ecke des Zimmers, wo er sich hinsetzte und heftig zu weinen anfing. Ich verstand den Wink des Wirts und frug den Amtmann um die Ursache seines tiefen Schmerzes. -- „Ach! ach!“ brach er schluchzend los; „der Prinz Eugen war doch ein großer Feldherr, und dieser heldenmütige Fürst mußte sterben. Ach, ach!“ -- und damit weinte er heftiger, daß ihm die hellen Tränen über die Backen liefen. Ich versuchte ihn über den Verlust dieses wackern Prinzen des längst vergangenen Jahrhunderts möglichst zu trösten, aber es war vergebens. Der Doktor Green hatte indessen eine große Lichtschere ergriffen und fuhr damit unaufhörlich gegen das offene Fenster. -- Er hatte nichts Geringeres im Sinn, als den Mond zu putzen, der hell hineinschien. Ewson sprang und schrie als wäre er besessen von tausend Teufeln, bis endlich der Hausknecht, des hellen Mondscheins unerachtet, mit einer großen Laterne in das Zimmer trat und laut rief: „Da bin ich, meine Herren, nun kann’s fortgehen.“ Der Doktor stellte sich dicht vor ihm hin und sprach, ihm die Dampfwolken ins Gesicht blasend: „Willkommen, Freund! Bist du der Squenz der Mondschein trägt, und Hund, und Dornbusch? Ich habe dich geputzt, Hallunke, darum scheinst du hell! Gut Nacht denn, viel des schnöden Safts hab ich getrunken, gut Nacht, mein werter Wirt, gut Nacht, mein Pylades!“ -- Ewson schwur, daß kein Mensch zu Hause gehen solle, ohne den Hals zu brechen, aber niemand achtete darauf, vielmehr nahm der Hausknecht den Doktor unter den einen, den Amtmann, der noch immer über den Verlust des Prinzen Eugen lamentierte, unter den andern Arm, und so wackelten sie über die Straße fort nach dem Amtshause. Mir Mühe brachten wir den närrischen Ewson in sein Zimmer, wo er noch die halbe Nacht auf der Flöte tobte, so daß ich kein Auge zutun, und mich erst im Wagen schlafend, von dem tollen Abend im Gasthause erholen konnte.“

Die Erzählung des Leibarztes wurde oft durch lauteres Gelächter, als man es sonst wohl im Zirkel eines Hofes hören mag, unterbrochen. Der Fürst schien sich sehr ergötzt zu haben. „Nur eine Figur,“ sagte er zum Leibarzt, „haben Sie in dem Gemälde zu sehr in den Hintergrund gestellt, und das ist Ihre eigne, denn ich wette, daß Ihr zu Zeiten etwas boshafter Humor den närrischen Ewson sowie den pathetischen Doktor zu tausend tollen Ausschweifungen verleitet hat, und daß Sie eigentlich das exzitierende Prinzip waren, für das Sie den lamentablen Amtmann ausgeben.“ -- „Ich versichere, gnädigster Herr,“ erwiderte der Leibarzt, „daß dieser aus seltner Narrheit komponierte Klub so in sich abgeründet war, daß alles Fremde nur dissoniert hätte. Um in dem musikalischen Gleichnis zu bleiben, waren die drei Menschen der reine Dreiklang, jeder verschieden, im Ton aber harmonisch mitklingend, der Wirt sprang hinzu wie eine Septime.“ -- Auf diese Weise wurde noch manches hin und her gesprochen, bis sich, wie gewöhnlich, die fürstliche Familie in ihre Zimmer zurückzog und die Gesellschaft in der gemütlichsten Laune auseinander ging. -- Ich bewegte mich heiter und lebenslustig in einer neuen Welt. Je mehr ich in den ruhigen, gemütlichen Gang des Lebens in der Residenz und am Hofe eingriff, je mehr man mir einen Platz einräumte, den ich mit Ehre und Beifall behaupten konnte, desto weniger dachte ich an die Vergangenheit, sowie daran, daß mein hiesiges Verhältnis sich jemals ändern könne. Der Fürst schien ein besonderes Wohlgefallen an mir zu finden, und aus verschiedenen flüchtigen Andeutungen konnte ich schließen, daß er mich auf diese oder jene Weise in seiner Umgebung fest zu stellen wünschte. Nicht zu leugnen war es, daß eine gewisse Gleichförmigkeit der Ausbildung, ja eine gewisse angenommene gleiche Manier in allem wissenschaftlichen und künstlerischen Treiben, die sich vom Hofe aus über die ganze Residenz verbreitete, manchem geistreichen und an unbedingte Freiheit gewöhnten Mann den Aufenthalt daselbst bald verleidet hätte; indessen kam mir, so oft auch die Beschränkung, welche die Einseitigkeit des Hofes hervorbrachte, lästig wurde, das frühere Gewöhnen an eine bestimmte Form, die wenigstens das Äußere regelt, dabei sehr zu statten. Mein Klosterleben war es, das hier, freilich unmerklicher Weise, noch auf mich wirkte. -- So sehr mich der Fürst auszeichnete, so sehr ich mich bemühte die Aufmerksamkeit der Fürstin auf mich zu ziehen, so blieb diese doch kalt und verschlossen. -- Ja, meine Gegenwart schien sie oft auf besondere Weise zu beunruhigen, und nur mit Mühe erhielt sie es über sich, mir wie den andern ein paar freundliche Worte zuzuwerfen. Bei den Damen, die sie umgaben, war ich glücklicher; mein Äußeres schien einen günstigen Eindruck gemacht zu haben, und indem ich mich oft in ihren Kreisen bewegte, gelang es mir bald, diejenige wunderliche Weltbildung zu erhalten, welche man Galanterie nennt, und die in nichts anderm besteht, als die äußere körperliche Geschmeidigkeit, vermöge der man immer da, wo man steht oder geht, hinzupassen scheint, auch in die Unterhaltung zu übertragen. Es ist die sonderbare Gabe, über Nichts mit bedeutenden Worten zu schwatzen und so den Weibern ein gewisses Wohlbehagen zu erregen, von dem, wie es entstanden, sie sich selbst nicht Rechenschaft geben können. Daß diese höhere und eigentliche Galanterie sich nicht mit plumpen Schmeicheleien abgeben kann, fließt aus dem Gesagten, wiewohl in jenem interessanten Geschwätz, das wie ein Hymnus der Angebeteten erklingt, eben das gänzliche Eingehen in ihr Innerstes liegt, so daß ihr eignes Selbst ihnen klar zu werden scheint, und sie sich in dem Reflex ihres eignen Ichs mit Wohlgefallen spiegeln. -- -- Wer hätte nun noch den Mönch in mir erkennen sollen! -- Der einzige mir gefährliche Ort war vielleicht nur noch die Kirche, in welcher es mir schwer wurde, jene klösterlichen Andachtsübungen, die ein besonderer Rhythmus, ein besonderer Takt auszeichnet, zu vermeiden. --

Der Leibarzt war der Einzige, der das Gepräge, womit alles wie gleiche Münze ausgestempelt war, nicht angenommen hatte, und dies zog mich zu ihm hin, so wie er sich deshalb an mich anschloß, weil ich, wie er recht gut wußte, anfangs die Opposition gebildet, und meine freimütigen Äußerungen, die dem für kecke Wahrheit empfänglichen Fürsten eindrangen, das verhaßte Farospiel mit einem Mal verbannt hatten.

So kam es denn, daß wir oft zusammen waren, und bald über Wissenschaft und Kunst, bald über das Leben, wie es sich vor uns ausbreitete, sprachen. Der Leibarzt verehrte ebenso hoch die Fürstin, als ich, und versicherte, daß nur sie es sei, die manche Abgeschmacktheit des Fürsten abwende, und diejenige sonderbare Art Langeweile, welche ihn auf der Oberfläche hin und her treibe, dadurch zu verscheuchen wisse, daß sie ihm oft ganz unvermerkt ein unschädliches Spielzeug in die Hände gebe. Ich unterließ nicht, bei dieser Gelegenheit mich zu beklagen, daß ich, ohne den Grund erforschen zu können, der Fürstin durch meine Gegenwart oft ein unausstehliches Mißbehagen zu erregen scheine. Der Leibarzt stand sofort auf und holte, da wir uns gerade in seinem Zimmer befanden, ein kleines Miniaturbild aus dem Schreibepult, welches er mir mit der Weisung, es recht genau zu betrachten, in die Hände gab. Ich tat es und erstaunte nicht wenig, als ich in den Zügen des Mannes, den das Bild darstellte, ganz die meinigen erkannte. Nur der Änderung der Frisur und der Kleidung, die nach verjährter Mode gemalt war, nur der Hinzufügung meines Backenbarts, dem Meisterstück Belcampos, bedurfte es, um das Bild ganz zu meinem Porträt zu machen. Ich äußerte dies unverhohlen dem Leibarzt. „Und eben diese Ähnlichkeit,“ sagte er, „ist es, welche die Fürstin erschreckt und beunruhigt, so oft Sie in ihre Nähe kommen, denn Ihr Gesicht erneuert das Andenken einer entsetzlichen Begebenheit, die vor mehreren Jahren den Hof traf wie ein zerstörender Schlag. Der vorige Leibarzt, der vor einigen Jahren starb und dessen Zögling in der Wissenschaft ich bin, vertraute mir jenen Vorgang in der fürstlichen Familie und gab mir zugleich das Bild, welches den ehemaligen Günstling des Fürsten, Francesko, darstellt, und zugleich, wie Sie sehen, rücksichts der Malerei, ein wahres Meisterstück ist. Es rührt von dem wunderlichen fremden Maler her, der sich damals am Hofe befand und eben in jener Tragödie die Hauptrolle spielte.“ -- Bei der Betrachtung des Bildes regten sich gewisse verworrene Ahnungen in mir, die ich vergebens trachtete klar aufzufassen. -- Jene Begebenheit schien mir ein Geheimnis erschließen zu wollen, in das ich selbst verflochten war, und um so mehr drang ich in den Leibarzt, mir das zu vertrauen, welches zu erfahren mich die zufällige Ähnlichkeit mit Francesko zu berechtigen scheine. -- „Freilich,“ sagte der Leibarzt, „muß dieser höchst merkwürdige Umstand Ihre Neugierde nicht wenig aufregen und so ungern ich eigentlich von jener Begebenheit sprechen mag, über die noch jetzt, für mich wenigstens, ein geheimnisvoller Schleier liegt, den ich auch weiter gar nicht lüften will, so sollen Sie doch alles erfahren, was ich davon weiß. Viele Jahre sind vergangen und die Hauptpersonen von der Bühne abgetreten, nur die Erinnerung ist es, welche feindselig wirkt. Ich bitte, gegen niemanden von dem, was Sie erfuhren, etwas zu äußern.“ Ich versprach das, und der Arzt fing in folgender Art seine Erzählung an: