Chapter 10 of 32 · 3648 words · ~18 min read

Part 10

Unter seltsamen Sprüngen, Grimassen und wunderlichen Reden bearbeitete der Kleine mein Haar. Bald sah er finster und mürrisch aus, bald lächelte er, bald stand er in athletischer Stellung, bald erhob er sich auf den Fußspitzen, kurz es war mir kaum möglich, nicht noch mehr zu lachen als schon wider meinen Willen geschah. -- Endlich war er fertig und ich bat ihn, noch ehe er in Worte ausbrechen konnte, die ihm schon auf der Zunge schwebten, mir jemanden heraufzuschicken, der sich, ebenso wie er des Haupthaars, meines verwirrten Barts annehmen könnte. Da lächelte er ganz seltsam, schlich auf den Zehen zur Stubentür und verschloß sie. Dann trippelte er leise bis mitten ins Zimmer und sprach: „Goldne Zeit, als noch Bart und Haupthaar in einer Lockenfülle sich zum Schmuck des Mannes ergoß, und die süße Sorge +eines+ Künstlers war. -- Aber du bist dahin! -- der Mann hat seine schönste Zierde verworfen und eine schändliche Klasse hat sich hingegeben, den Bart mit entsetzlichen Instrumenten bis auf die Haut zu vertilgen. -- Es gibt Pietros, die euerm schmachvollen Treiben, die Bärte auszurotten, noch das zu retten suchen, was sich über die Wellen der Zeit erhebt. Ha, Pietro! zeige, welcher Geist dir einwohnt, ja, was du für die Kunst zu unternehmen bereit bist, indem du herabsteigst zum unleidlichen Geschäft der Bartkratzer.“ -- Unter diesen Worten hatte der Kleine ein vollständiges Barbierzeug hervorgehoben und fing an, mich mit leichter geübter Hand von meinem Barte zu befreien. Wirklich ging ich aus seinen Händen ganz anders gestaltet hervor, und es bedurfte nur noch anderer, weniger ins Auge fallender Kleidungsstücke, um mich der Gefahr zu entziehen, wenigstens durch mein Äußeres eine mir gefährliche Aufmerksamkeit zu erregen. Der Kleine stand, in inniger Zufriedenheit mich anlächelnd, da. Ich sagte ihm, daß ich ganz unbekannt in der Stadt wäre, und daß es mir angenehm sein würde, mich bald nach der Sitte des Orts kleiden zu können. Ich drückte ihm für seine Bemühung und um ihn aufzumuntern, meinen Kommissionär zu machen, einen Dukaten in die Hand. Er war wie verklärt, er beäugelte die Dukaten in der flachen Hand. „Wertester Gönner und Mäzen,“ fing er an, „ich habe mich nicht in Ihnen betrogen, der Geist leitete meine Hand, und im Adlerflug des Backenbarts sind Ihre hohen Gesinnungen rein ausgesprochen. Ich habe einen Freund, einen Damon, einen Orest, der das am Körper vollendet, was ich am Haupt begonnen, mit demselben tiefen Sinn, mit demselben Genie. Sie merken, mein Herr, daß es ein Kostümkünstler ist, denn so nenne ich ihn, statt des gewöhnlichen trivialen Ausdrucks +Schneider+. -- Er hüpfte schnell von dannen und erschien bald mit einem großen, starken, anständig gekleideten Manne wieder, der gerade den Gegensatz des Kleinen machte, sowohl im Äußern, als in seinem ganzen Wesen, und den er mir doch eben als seinen Damon vorstellte. -- Damon maß mich mit den Augen und suchte dann selbst aus dem Paket, das ihm ein Bursch nachgetragen, Kleidungsstücke heraus, die den Wünschen, welche ich ihm eröffnet, ganz entsprachen. Ja, erst in der Folge habe ich den feinen Takt des Kostümkünstlers, wie ihn der Kleine preziös nannte, eingesehen, der in dem Sinn durchaus nicht aufzufallen, sondern unbemerkt und doch beim Bekanntwerden geachtet, ohne Neugierde über Stand, Gewerbe usw. zu erregen, zu wandeln, so richtig wählte. Es ist in der Tat schwer, sich so zu kleiden, daß der gewisse allgemeinere Charakter des Anzuges irgend eine Vermutung, man treibe dies oder jenes Gewerbe, nicht aufkommen läßt, ja daß niemand daran denkt, darauf zu sinnen. Das Kostüm des Weltbürgers wird wohl nur durch das Negative bedingt, und läuft ungefähr darauf hinaus, was man das gebildete Benehmen heißt, das auch mehr im Unterlassen als im Tun liegt. -- Der Kleine ergoß sich noch in allerlei sonderbaren grotesken Redensarten, ja, da ihm vielleicht wenige so williges Ohr verliehen als ich, schien er überglücklich, sein Licht recht leuchten lassen zu können. -- Damon, ein ernster, und wie mir schien verständiger Mann, schnitt ihm aber plötzlich die Rede ab, indem er ihn bei der Schulter faßte und sprach. „Schönfeld! du bist heute wieder einmal recht im Zuge tolles Zeug zu schwatzen; ich wette, daß dem Herrn schon die Ohren wehe tun, von all dem Unsinn, den du vorbringst.“ -- Belcampo ließ traurig sein Haupt sinken, aber dann ergriff er schnell den bestaubten Hut und rief laut, indem er zur Türe hinaussprang: „So werd ich prostituiert von meinen besten Freunden.“ -- Damon sagte, indem er sich mir empfahl: „Es ist ein Hasenfuß ganz eigner Art, dieser Schönfeld! -- Das viele Lesen hat ihn halb verrückt gemacht, aber sonst ein gutmütiger Mensch und in seinem Metier geschickt, weshalb ich ihn leiden mag, denn leistet man recht viel wenigstens in +einer+ Sache, so kann man sonst wohl etwas weniges über die Schnur hauen.“ -- Als ich allein war, fing ich vor dem großen Spiegel, der im Zimmer aufgehängt war, eine förmliche Übung im Gehen an. Der kleine Friseur hatte mir einen richtigen Fingerzeig gegeben. Den Mönchen ist eine gewisse schwerfällige, ungelenke Geschwindigkeit im Gehen eigen, die durch die lange Kleidung, welche die Schritte hemmt und durch das Streben, sich schnell zu bewegen, wie es der Kultus erfordert, hervorgebracht wird. Ebenso liegt in dem zurückgebeugten Körper und in dem Tragen der Arme, die niemals herunterhängen dürfen, da der Mönch die Hände, wenn er sie nicht faltet, in die weiten Ärmel der Kutte steckt, etwas so Charakteristisches, das dem Aufmerksamen nicht leicht entgeht. Ich versuchte dies alles abzulegen, um jede Spur meines Standes zu verwischen. Nur darin fand ich Trost für mein Gemüt, daß ich mein ganzes Leben, als ausgelebt möcht ich sagen, als überstanden ansah, und nun in ein neues Sein so eintrat, als belebe ein geistiges Prinzip die neue Gestalt, von der überhaupt selbst die Erinnerung ehemaliger Existenz immer schwächer und schwächer werdend, endlich ganz unterginge. Das Gewühl der Menschen, der fortdauernde Lärm des Gewerbes, das sich auf den Straßen rührte, alles war mir neu und ganz dazu geeignet, die heitre Stimmung zu erhalten, in die mich der komische Kleine versetzt. In meiner neuen anständigen Kleidung wagte ich mich hinab an die zahlreiche Wirtstafel und jede Scheu verschwand, als ich wahrnahm, daß mich niemand bemerkte, ja daß mein nächster Nachbar sich nicht einmal die Mühe gab mich anzuschauen, als ich mich neben ihn setzte. In der Fremdenliste hatte ich, meiner Befreiung durch den Prior gedenkend, mich Leonhard genannt und für einen Privatmann ausgegeben, der zu seinem Vergnügen reise. Dergleichen Reisende mochte es in der Stadt gar viele geben, und umsoweniger veranlaßte ich weitere Nachfrage. -- Es war mir ein eignes Vergnügen, die Straßen zu durchstreifen und mich an dem Anblick der reichen Kaufladen, der ausgehängten Bilder und Kupferstiche zu ergötzen. Abends besuchte ich die öffentlichen Spaziergänge, wo mich oft meine Abgeschiedenheit mitten im lebhaftesten Gewühl der Menschen mit bittern Empfindungen erfüllte. -- Von niemandem gekannt zu sein, in niemandes Brust die leiseste Ahnung vermuten zu können, wer ich sei, welch ein wunderbares, merkwürdiges Spiel des Zufalls mich hieher geworfen, ja was ich alles in mir selbst verschließe, so wohltätig es mir in meinem Verhältnis sein mußte, hatte doch für mich etwas wahrhaft Schauerliches, indem ich mir selbst dann vorkam, wie ein abgeschiedener Geist, der noch auf Erden wandle, da alles ihm sonst im Leben Befreundete längst gestorben. Dachte ich daran, wie ehemals den berühmten Kanzelredner alles freundlich und ehrfurchtsvoll grüßte, wie alles nach seiner Unterhaltung, ja nach ein paar Worten von ihm geizte, so ergriff mich bittere Unmut. -- Aber jener Kanzelredner war der Mönch Medardus, der ist gestorben und begraben in den Abgründen des Gebirges, ich bin es nicht, denn ich lebe, ja mir ist erst jetzt das Leben neu aufgegangen, das mir seine Genüsse bietet. -- So war es mir, wenn Träume mir die Begebenheiten im Schlosse wiederholten, als wären sie einem anderen, nicht mir, geschehen; dieser andere war doch wieder der Kapuziner, aber nicht ich selbst. Nur der Gedanke an Aurelien verknüpfte noch mein voriges Sein mit dem jetzigen, aber wie ein tiefer nie zu verwindender Schmerz tötete er oft die Lust, die mir aufgegangen, und ich wurde dann plötzlich herausgerissen aus den bunten Kreisen, womit mich immer mehr das Leben umfing. -- Ich unterließ nicht, die vielen öffentlichen Häuser zu besuchen, in denen man trank, spielte usw. und vorzüglich war mir in dieser Art ein Hotel in der Stadt lieb geworden, in dem sich, des guten Weins wegen, jeden Abend eine zahlreiche Gesellschaft versammelte. -- An einem Tisch im Nebenzimmer sah ich immer dieselben Personen, ihre Unterhaltung war lebhaft und geistreich. Es gelang mir den Männern, die einen geschlossenen Zirkel gebildet hatten, näher zu treten, indem ich erst in einer Ecke des Zimmers still und bescheiden meinen Wein trank, endlich irgend eine interessante literarische Notiz, nach der sie vergebens suchten, mitteilte, und so einen Platz am Tische erhielt, den sie mir umso lieber einräumten, als ihnen mein Vortrag sowie meine mannigfachen Kenntnisse, die ich, täglich mehr eindringend in all die Zweige der Wissenschaft, die mir bisher unbekannt bleiben mußten, erweiterte, zusagten. So erwarb ich mir eine Bekanntschaft, die mir wohl tat, und mich immer mehr und mehr an das Leben in der Welt gewöhnend, wurde meine Stimmung täglich unbefangener und heitrer; ich schliff all die rauhen Ecken ab, die mir von meiner vorigen Lebensweise übrig geblieben. --

Seit mehreren Abenden sprach man in der Gesellschaft, die ich besuchte, viel von einem fremden Maler, der angekommen und eine Ausstellung seiner Gemälde veranstaltet habe: Alle außer mir hatten die Gemälde schon gesehen und rühmten ihre Vortrefflichkeit so sehr, daß ich mich entschloß auch hinzugehen. Der Maler war nicht zugegen als ich in den Saal trat, doch machte ein alter Mann den Cicerone und nannte die Meister der fremden Gemälde, die der Maler zugleich mit den seinigen ausgestellt. -- Es waren herrliche Stücke, mehrenteils Originale berühmter Meister, deren Anblick mich entzückte. -- Bei manchen Bildern, die der Alte flüchtige, großen Freskogemälden entnommene Kopien nannte, dämmerten in meiner Seele Erinnerungen aus meiner frühsten Jugend auf. -- Immer deutlicher und deutlicher, immer lebendiger erglühten sie in regen Farben. Es waren offenbar Kopien aus der heiligen Linde. So erkannte ich auch bei einer heiligen Familie in Josephs Zügen ganz das Gesicht jenes fremden Pilgers, der mir den wunderbaren Knaben brachte. Das Gefühl der tiefsten Wehmut durchdrang mich, aber eines lauten Ausrufs konnte ich mich nicht erwehren, als mein Blick auf ein lebensgroßes Porträt fiel, in dem ich die Fürstin, meine Pflegemutter, erkannte. Sie war herrlich und mit jener im höchsten Sinn aufgefaßten Ähnlichkeit, wie Van Dyk seine Porträts malte, in der Tracht, wie sie in der Prozession am Bernardustage vor den Nonnen einherzuschreiten pflegte, gemalt. Der Maler hatte gerade den Moment ergriffen, als sie nach vollendetem Gebet sich anschickt, aus ihrem Zimmer zu treten, um die Prozession zu beginnen, auf welche das versammelte Volk in der Kirche, die sich in der Perspektive des Hintergrundes öffnet, erwartungsvoll harrt. In dem Blick der herrlichen Frau lag ganz der Ausdruck des zum Himmlischen erhobenen Gemüts, ach es war, als schien sie Vergebung für den frevelnden, frechen Sünder zu erflehen, der sich gewaltsam von ihrem Mutterherzen losgerissen und dieser Sünder war ja ich selbst! Gefühle, die mir längst fremd worden, durchströmten meine Brust, eine unaussprechliche Sehnsucht riß mich fort, ich war wieder bei dem guten Pfarrer im Dorfe des Cisterzienserklosters, ein muntrer, unbefangener, froher Knabe, vor Lust jauchzend, weil der Bernardustag gekommen. Ich sah sie. -- Bist du recht fromm und gut gewesen, Franziskus? frug sie mit der Stimme, deren vollen Klang die Liebe dämpfte, daß sie weich und lieblich zu mir herübertönte. -- Bist du recht fromm und gut gewesen? Ach, was konnte ich ihr antworten? -- Frevel auf Frevel habe ich gehäuft, dem Bruch des Gelübdes folgte der Mord! -- Von Gram und Reue zerfleischt sank ich halb ohnmächtig auf die Knie, Tränen entstürzten meinen Augen. -- Erschrocken sprang der Alte auf mich zu und frug heftig: „Was ist Ihnen, was ist Ihnen, mein Herr?“ -- Das Bild der Äbtissin ist meiner eines grausamen Todes gestorbenen Mutter so ähnlich, sagte ich dumpf in mich hinein und suchte, indem ich aufstand, soviel Fassung als möglich zu gewinnen. „Kommen Sie, mein Herr!“ sagte der Alte, „solche Erinnerungen sind zu schmerzhaft, man darf sie vermeiden, es ist noch ein Porträt hier, welches mein Herr für sein bestes hält. Das Bild ist nach dem Leben gemalt und unlängst vollendet, wir haben es verhängt damit die Sonne nicht die noch nicht einmal ganz eingetrockneten Farben verderbe.“ -- Der Alte stellte mich sorglich in das gehörige Licht und zog dann schnell den Vorhang weg. -- Es war Aurelie! -- Mich ergriff ein Entsetzen, das ich kaum zu bekämpfen vermochte. -- Aber ich erkannte die Nähe des Feindes, der mich in die wogende Flut der ich kaum entronnen, gewaltsam hineindrängen, mich vernichten wollte, und mir kam der Mut wieder, mich aufzulehnen gegen das Ungetüm, das in geheimnisvollem Dunkel auf mich einstürmte. --

Mit gierigen Blicken verschlang ich Aureliens Reize, die aus dem in regem Leben glühenden Bilde hervorstrahlten. -- Der kindliche milde Blick des frommen Kindes schien den verruchten Mörder des Bruders anzuklagen, aber jedes Gefühl der Reue erstarb in dem bittern, feindlichen Hohn, der, in meinem Innern aufkeimend, mich wie mit giftigen Stacheln hinaustrieb aus dem freundlichen Leben. -- Nur +das+ peinigte mich, daß in jener verhängnisvollen Nacht auf dem Schlosse Aurelie nicht mein worden. Hermogens Erscheinung vereitelte das Unternehmen, aber er büßte mit dem Tode! -- Aurelie lebt, und das ist genug, der Hoffnung Raum zu geben, sie zu besitzen! -- Ja, es ist gewiß, daß sie noch mein wird, denn das Verhängnis waltet, dem sie nicht entgehen kann; und bin ich nicht selbst dieses Verhängnis?

So ermutigte ich mich zum Frevel, indem ich das Bild anstarrte. Der Alte schien über mich verwundert. Er kramte viel Worte aus über Zeichnung, Ton, Kolorit, ich hörte ihn nicht. Der Gedanke an Aurelie, die Hoffnung, die nur aufgeschobene böse Tat noch zu vollbringen, erfüllte mich so ganz und gar, daß ich forteilte ohne nach dem fremden Maler zu fragen, und so vielleicht näher zu erforschen, was für eine Bewandtnis es mit den Gemälden habe könne, die wie in einem Zyklus Andeutungen über mein ganzes Leben enthielten. -- Um Aureliens Besitz war ich entschlossen alles zu wagen, ja es war mir, als ob ich selbst über die Erscheinungen meines Lebens gestellt und sie durchschauend, niemals zu befürchten, und daher auch niemals zu wagen haben könne. Ich brütete über allerlei Pläne und Entwürfe meinem Ziele näher zu kommen, vorzüglich glaubte ich nun, von dem fremden Maler manches zu erfahren und manche mir fremde Beziehung zu erforschen, die mir zu wissen, als Vorbereitung zu meinem Zweck, nötig sein konnte. Ich hatte nämlich nichts Geringeres im Sinn, als in meiner jetzigen neuen Gestalt auf das Schloß zurückzukehren, und das schien mir nicht einmal ein sonderlich kühnes Wagstück zu sein. -- Am Abend ging ich in jene Gesellschaft; es war mir darum zu tun, der immer steigenden Spannung meines Geistes, dem ungezähmten Arbeiten meiner aufgeregten Fantasie Schranken zu setzen. --

Man sprach viel von den Gemälden des fremden Malers und vorzüglich von dem seltnen Ausdruck, den er seinen Porträts zu geben wüßte; es war mir möglich in dies Lob einzustimmen und mit einem besonderen Glanz des Ausdrucks, der nur der Reflex der höhnenden Ironie war, die in meinem Innern wie verzehrendes Feuer brannte, die unnennbaren Reize, die über Aureliens frommes, engelschönes Gesicht verbreitet, zu schildern. Einer sagte, daß er den Maler, den die Vollendung mehrerer Porträts, die er angefangen, noch am Orte festhielte, und der ein interessanter, herrlicher Künstler, wiewohl schon ziemlich bejahrt sei, morgen abend in die Gesellschaft mitbringen wolle.

Von seltsamen Gefühlen, von unbekannten Ahnungen bestürmt, ging ich den andern Abend, später als gewöhnlich, in die Gesellschaft; der Fremde saß mit mir zugekehrtem Rücken am Tische. Als ich mich setzte, als ich ihn erblickte, da starrten mir die Züge jenes fürchterlichen Unbekannten entgegen, der am Antoniustage an den Eckpfeiler gelehnt stand, und mich mit Angst und Entsetzen erfüllte. -- Er sah mich lange an mit tiefem Ernst, aber die Stimmung, in der ich mich befand, seitdem ich Aureliens Bild geschaut hatte, gab mir Mut und Kraft diesen Blick zu ertragen. Der Feind war nun sichtlich ins Leben getreten, und es galt, den Kampf auf den Tod mit ihm zu beginnen. Ich beschloß, den Angriff abzuwarten, aber dann ihn mit den Waffen, auf deren Stärke ich bauen konnte, zurückzuschlagen. Der Fremde schien mich nicht sonderlich zu beachten, sondern setzte, den Blick wieder von mir abwendend, das Kunstgespräch fort, in dem er begriffen gewesen, als ich eintrat. Man kam auf seine Gemälde und lobte vorzüglich Aureliens Porträt. Jemand behauptete, daß das Bild, unerachtet es sich auf den ersten Blick als Porträt ausspreche, doch als Studie dienen und zu irgend einer Heiligen benutzt werden könne. -- Man frug nach meinem Urteil, da ich eben jenes Bild so herrlich mit allen seinen Vorzügen in Worten dargestellt, und unwillkürlich fuhr es mir heraus, daß ich die heilige Rosalia mir nicht wohl anders denken könne, als eben so wie das Porträt der Unbekannten. Der Maler schien meine Worte kaum zu bemerken, indem er sogleich einfiel: „In der Tat ist jenes Frauenzimmer, die das Porträt getreulich darstellt, eine fromme Heilige, die im Kampfe sich zum Himmlischen erhebt. Ich habe sie gemalt, als sie, von dem entsetzlichen Jammer ergriffen, doch in der Religion Trost, und von dem ewigen Verhängnis, das über den Wolken thront, Hilfe hoffte; und den Ausdruck dieser Hoffnung, die nur in dem Gemüt wohnen kann, das sich über das Irdische hoch erhebt, habe ich dem Bilde zu geben gesucht.“ -- Man verlor sich in andere Gespräche, der Wein, der heute, dem fremden Maler zu Ehren, in bessrer Sorte und reichlicher getrunken wurde als sonst, erheiterte die Gemüter. Jeder wußte irgend etwas Ergötzliches zu erzählen, und wiewohl der Fremde nur im Innern zu lachen, und dies innere Lachen sich nur im Auge abzuspiegeln schien, so wußte er doch, oft nur durch ein paar hineingeworfene kräftige Worte, das Ganze in besonderem Schwunge zu erhalten. -- Konnte ich auch, so oft mich der Fremde ins Auge faßte, ein unheimliches, grauenhaftes Gefühl nicht unterdrücken, so überwand ich doch immer mehr und mehr die entsetzliche Stimmung, von der ich erst ergriffen, als ich den Fremden erblickte. Ich erzählte von dem possierlichen Belcampo, den alle kannten, und wußte zu ihrer Freude seine fantastische Hasenfüßigkeit recht ins grelle Licht zu stellen, so daß ein recht gemütlicher, dicker Kaufmann, der mir gegenüber zu sitzen pflegte, mit vor Lachen tränenden Augen versicherte, das sei seit langer Zeit der vergnügteste Abend, den er erlebe. Als das Lachen endlich zu verstummen anfing, frug der Fremde plötzlich. „Haben Sie schon den Teufel gesehen, meine Herren? -- Man hielt die Frage für die Einleitung zu irgend einem Schwank und versicherte allgemein, daß man noch nicht die Ehre gehabt; da fuhr der Fremde fort: „Nun, es hätte wenig gefehlt, so wäre ich zu der Ehre gekommen, und zwar auf dem Schlosse des Barons F. im Gebirge.“ -- Ich erbebte, aber die andern riefen lachend, nur weiter, weiter! „Sie kennen,“ nahm der Fremde wieder das Wort, „wohl alle wahrscheinlich, wenn Sie die Reise durch das Gebirge machten, jene wilde, schauerliche Gegend, in der, wenn der Wanderer aus dem dicken Tannenwalde auf die hohen Felsenmassen tritt, sich ihm ein tiefer, schwarzer Abgrund öffnet. Es ist der sogenannte Teufelsgrund, und oben ragt ein Felsenstück hervor, welches den sogenannten Teufelssitz bildet. -- Man spricht davon, daß der Graf Viktorin, mit bösen Anschlägen im Kopfe, eben auf diesem Felsen saß, als plötzlich der Teufel erschien, und, weil er beschlossen, Viktorins ihm wohlgefällige Anschläge selbst auszuführen, den Grafen in den Abgrund schleuderte. Der Teufel erschien sodann als Kapuziner auf dem Schlosse des Barons, und nachdem er seine Lust mit der Baronesse gehabt, schickte er sie zur Hölle, sowie er auch den wahnsinnigen Sohn des Barons, der durchaus des Teufels Inkognito nicht dulden wollte, sondern laut verkündete: es ist der Teufel, erwürgte, wodurch denn aber eine fromme Seele aus dem Verderben errettet wurde, das der arglistige Teufel beschlossen. Nachher verschwand der Kapuziner auf unbegreifliche Weise, und man sagt, er sei feige geflohn vor Viktorin, der aus seinem Grabe blutig emporgestiegen. -- Dem sei nun allem, wie ihm wolle, so kann ich Sie doch davon versichern, daß die Baronesse an Gift umkam, Hermogen meuchlings ermordet wurde, der Baron kurz darauf vor Gram starb, und Aurelie, eben die fromme Heilige, die ich in der Zeit, als das Entsetzliche geschehen, auf dem Schlosse malte, als verlassene Waise in ein fernes Land, und zwar in ein Cisterzienserkloster, flüchtete, dessen Äbtissin ihrem Vater befreundet war. Sie haben das Bild dieser herrlichen Frau in meiner Galerie gesehen. Doch das alles wird Ihnen dieser Herr (er wies nach mir) viel umständlicher und besser erzählen können, da er während der ganzen Begebenheit auf dem Schlosse zugegen war.“ -- Alle Blicke waren voll Erstaunen auf mich gerüstet, entrüstet sprang ich auf und rief mit heftiger Stimme: „Ei, mein Herr, was habe ich mit Ihren albernen Teufelsgeschichten, mit Ihren Morderzählungen zu schaffen, Sie verkennen mich, Sie verkennen mich in der Tat, und ich bitte, mich ganz aus dem Spiel zu lassen.“ Bei dem Aufruhr in meinem Innern wurde es mir schwer genug, meinen Worten noch diesen Anstrich von Gleichgültigkeit zu geben; die Wirkung der geheimnisvollen Reden des Malers, sowie meine leidenschaftliche Unruhe, die ich zu verbergen mich vergebens bemühte, war nur zu sichtlich. Die heitre Stimmung verschwand, und die Gäste, nun sich erinnernd, wie ich, allen gänzlich fremd, mich so nach und nach dazu gefunden, sahen mich mit mißtrauischen, argwöhnischen Blicken an.

Der fremde Maler war aufgestanden und durchbohrte mich mit den stieren, lebendigtoten Augen, wie damals in der Kapuzinerkirche. -- Er sprach kein Wort, er schien starr und leblos, aber sein gespenstischer Anblick sträubte mein Haar, kalte Tropfen standen auf der Stirn, und von Entsetzen gewaltig erfaßt, erbebten alle Fibern. -- „Hebe dich weg,“ schrie ich außer mir, „du bist der Satan, du bist der frevelnde Mord, aber über mich hast du keine Macht!“