Chapter 23 of 32 · 3181 words · ~16 min read

Part 23

Immer und immer wieder las ich Aureliens Blätter. Es war, als wenn der Geist des Himmels, der daraus hervorleuchtete, in mein Inneres dringe und vor seinem reinen Strahl alle sündliche, frevelige Glut verlösche. Bei Aureliens Anblick überfiel mich heilige Scheu, ich wagte es nicht mehr, sie stürmisch zu liebkosen, wie sonst. Aurelie bemerkte mein verändertes Betragen, ich gestand ihr reuig den Raub des Briefes an die Äbtissin; ich entschuldigte ihn mit einem unerklärlichen Drange, dem ich, wie der Gewalt einer unsichtbaren höheren Macht, nicht widerstehen könne, ich behauptete, daß eben jene höhere, auf mich einwirkende Macht, mir jene Vision am Beichtstuhle habe kund tun wollen, um mir zu zeigen, wie unsere innigste Verbindung ihr ewiger Ratschluß sei. „Ja, du frommes Himmelskind,“ sprach ich, „auch mir ging einst ein wunderbarer Traum auf, in dem du mir deine Liebe gestandest, aber ich war ein unglücklicher, vom Geschick zermalmter Mönch, dessen Brust tausend Qualen der Hölle zerrissen. -- Dich -- dich liebte ich mit namenloser Inbrunst, doch Frevel, doppelter, verruchter Frevel war meine Liebe, denn ich war ja ein Mönch, und du die heilige Rosalia.“ Erschrocken fuhr Aurelie auf. „Um Gott, sprach sie „um Gott, es geht ein tiefes unerforschliches Geheimnis durch unser Leben; ach, Leonard, laß uns nie an dem Schleier rühren, der es umhüllt, wer weiß, was Grauenvolles, Entsetzliches dahinter verborgen. Laß uns fromm sein, und fest aneinander halten in treuer Liebe, so widerstehen wir der dunklen Macht, deren Geister uns vielleicht feindlich bedrohen. Daß du meinen Brief lasest, das mußte so sein; ach! ich selbst hätte dir alles erschließen sollen, kein Geheimnis darf unter uns walten. Und doch ist es mir, als kämpftest du mit manchem, was früher recht verderblich eintrat in dein Leben und was du nicht vermöchtest über die Lippen zu bringen vor unrechter Scheu! -- Sei aufrichtig, Leonard! -- Ach, wie wird ein freimütiges Geständnis deine Brust erleichtern, und heller unsere Liebe strahlen!“ -- Wohl fühlte ich bei diesen Worten Aureliens recht marternd, wie der Geist des Truges in mir wohne, und wie ich nur noch vor wenigen Augenblicken das fromme Kind recht frevelig getäuscht; und dies Gefühl regte sich stärker und stärker auf in wunderbarer Weise, ich mußte Aurelien alles -- alles entdecken und doch ihre Liebe gewinnen. „Aurelie -- du meine Heilige, -- die mich rettet von ...“ In dem Augenblick trat die Fürstin herein, ihr Anblick warf mich plötzlich zurück in die Hölle, voll Hohn und Gedanken des Verderbens. Sie +mußte+ mich jetzt dulden, ich blieb, und stellte mich als Aureliens Bräutigam kühn und keck ihr entgegen. Überhaupt war ich nur frei von allen bösen Gedanken, wenn ich mit Aurelien allein mich befand; dann ging mir aber auch die Seligkeit des Himmels auf. Jetzt erst wünschte ich lebhaft meine Vermählung mit Aurelien. -- In einer Nacht stand lebhaft meine Mutter vor mir, ich wollte ihre Hand ergreifen und wurde gewahr, daß es nur Duft sei, der sich gestaltet. Weshalb diese alberne Täuschung, rief ich erzürnt; da flossen helle Tränen aus meiner Mutter Augen, die wurden aber zu silbernen, hellblinkenden Sternen, aus denen leuchtende Tropfen fielen, und um mein Haupt kreisten, als wollten sie einen Heiligenschein bilden, doch immer zerriß eine schwarze, fürchterliche Faust den Kreis. „Du, den ich rein von jeder Untat geboren“, sprach meine Mutter mit sanfter Stimme, „ist denn deine Kraft gebrochen, daß du nicht zu widerstehen vermagst den Verlockungen des Satans? -- Jetzt kann ich erst dein Inneres durchschauen, denn mir ist die Last des Irdischen entnommen! -- Erhebe dich, Franciskus! ich will dich schmücken mit Bändern und Blumen, denn es ist der Tag des heiligen Bernardus gekommen und du sollst wieder ein frommer Knabe sein!“ -- Da war es mir, als müsse ich, wie sonst, einen Hymnus anstimmen zum Lobe des Heiligen, aber entsetzlich tobte es dazwischen, mein Gesang wurde ein wildes Geheul und schwarze Schleier rauschten herab, zwischen mir und der Gestalt meiner Mutter. -- Mehrere Tage nach dieser Vision begegnete mir der Kriminalrichter auf der Straße. Er trat freundlich auf mich zu. „Wissen Sie schon, fing er an, daß der Prozeß des Kapuziners Medardus wieder zweifelhaft worden? Das Urteil, das ihm höchstwahrscheinlich den Tod zuerkannt hätte, sollte schon abgefaßt werden, als er aufs neue Spuren des Wahnsinns zeigte. Das Kriminalgericht erhielt nämlich die Nachricht von dem Tode seiner Mutter; ich machte es ihm bekannt, da lachte er wild auf und rief mit einer Stimme, die selbst dem standhaftesten Gemüt Entsetzen erregen konnte: „Ha ha ha! -- die Prinzessin von ... (er nannte die Gemahlin des ermordeten Bruders unsers Fürsten) ist längst gestorben!“ -- Es ist jetzt eine neue ärztliche Untersuchung verfügt, man glaubt jedoch, daß der Wahnsinn des Mönchs verstellt sei. -- Ich ließ mir Tag und Stunde des Todes meiner Mutter sagen; sie war mir in demselben Moment, als sie starb, erschienen, und tief eindringend in Sinn und Gemüt, war nun auch die nur zu sehr vergessene Mutter die Mittlerin zwischen mir und der reinen Himmelsseele, die mein werden sollte. Milder und weicher geworden, schien ich nun erst Aureliens Liebe ganz zu verstehen, ich mochte sie wie eine mich beschirmende Heilige kaum verlassen, und mein düsteres Geheimnis wurde, indem sie nicht mehr deshalb in mich drang, nun ein mir selbst unerforschliches, von höheren Mächten verhängtes, Ereignis. -- Der von dem Fürsten bestimmte Tag der Vermählung war gekommen. Aurelie wollte in erster Frühe vor dem Altar der heiligen Rosalia, in der nahe gelegenen Klosterkirche, getraut sein. Wachend, und nach langer Zeit zum erstenmal inbrünstig betend, brachte ich die Nacht zu. Ach! ich Verblendeter fühlte nicht, daß das Gebet, womit ich mich zur Sünde rüstete, höllischer Frevel sei! -- Als ich zu Aurelien eintrat, kam sie mir, weiß gekleidet und mit duftenden Rosen geschmückt, in holder Engelsschönheit entgegen. Ihr Gewand sowie ihr Haarschmuck hatte etwas sonderbar Altertümliches, eine dunkle Erinnerung ging in mir auf, aber von tiefem Schauer fühlte ich mich durchbebt, als plötzlich lebhaft das Bild des Altars, an dem wir getraut werden sollten, mir vor Augen stand. Das Bild stellte das Martyrium der heiligen Rosalia vor, und gerade so wie Aurelie, war sie gekleidet. -- Schwer wurde es mir, den grausigen Eindruck, den dies auf mich machte, zu verbergen. Aurelie gab mir mit einem Blick, aus dem ein ganzer Himmel voll Liebe und Seligkeit strahlte, die Hand, ich zog sie an meine Brust, und mit dem Kuß des reinsten Entzückens, durchdrang mich aufs neue das deutliche Gefühl, daß nur durch Aurelie meine Seele errettet werden könne. Ein fürstlicher Bedienter meldete, daß die Herrschaft bereit sei, uns zu empfangen. Aurelie zog schnell die Handschuhe an, ich nahm ihren Arm, da bemerkte das Kammermädchen, daß das Haar in Unordnung gekommen sei, sie sprang fort um Nadeln zu holen. Wir warteten an der Türe, der Aufenthalt schien Aurelien unangenehm. In dem Augenblick entstand ein dumpfes Geräusch auf der Straße, hohle Stimmen riefen durcheinander, und das dröhnende Gerassel eines schweren, langsam rollenden Wagens ließ sich vernehmen. Ich eilte ans Fenster. -- Da stand eben vor dem Palast der vom Henkersknecht geführte Leiterwagen, auf dem der Mönch rückwärts saß, vor ihm ein Kapuziner, laut und eifrig mit ihm betend. Er war entstellt von der Blässe der Todesangst und dem struppigen Bart -- doch waren die Züge des gräßlichen Doppelgängers mir nur zu kenntlich. -- Sowie der Wagen, augenblicklich gehemmt durch die andrängende Volksmasse, wieder fortrollte, warf er den stieren, entsetzlichen Blick der funkelnden Augen zu mir herauf und lachte und heulte herauf: „Bräutigam, Bräutigam! ... komm ... komm aufs Dach ... da wollen wir ringen miteinander, und wer den andern herabstößt, ist König und darf Blut trinken!“ Ich schrie auf: „Entsetzlicher Mensch ... was willst du ... was willst du von mir.“ -- Aurelie umfaßte mich mit beiden Armen, sie riß mich mit Gewalt vom Fenster, rufend: „Um Gottes und der heiligen Jungfrau willen ... Sie führen den Medardus ... den Mörder meines Bruders, zum Tode ... Leonard ... Leonard!“ -- Da wurden die Geister der Hölle in mir wach, und bäumten sich auf mit der Gewalt, die ihnen verliehen über den frevelnden, verruchten Sünder. -- Ich erfaßte Aurelien mit grimmer Wut, daß sie zusammenzuckte. „Ha ha ha ... Wahnsinniges, törichtes Weib ... ich ... ich, dein Buhle, dein Bräutigam, bin der Medardus ... bin deines Bruders Mörder ... du, Braut des Mönchs, willst Verderben herabwinseln über deinen Bräutigam? Ho ho ho! ... ich bin König ... ich trinke dein Blut!“ -- Das Mordmesser riß ich heraus -- ich stieß nach Aurelien, die ich zu Boden fallen lassen -- ein Blutstrom sprang hervor über meine Hand. -- Ich stürzte die Treppen herab, durch das Volk hin zum Wagen, ich riß den Mönch herab und warf ihn zu Boden; da wurde ich festgepackt, wütend stieß ich mit dem Messer um mich herum -- ich wurde frei -- ich sprang fort -- man drang auf mich ein, ich fühlte mich in der Seite durch einen Stich verwundet, aber das Messer in der rechten Hand und mit der linken kräftige Faustschläge austeilend, arbeitete ich mich durch bis an die nahe Mauer des Parks, die ich mit einem fürchterlichen Satz übersprang. „Mord ... Mord ... Haltet ... haltet den Mörder!“ riefen Stimmen hinter mir, ich hörte es rasseln, man wollte das verschlossene Tor des Parks sprengen, unaufhaltsam rannte ich fort. Ich kam an den breiten Graben, der den Park von dem dicht dabei gelegenen Walde trennte, ein mächtiger Sprung -- ich war hinüber, und immer fort und fort rannte ich durch den Wald, bis ich erschöpft unter einem Baume niedersank. Es war schon finstre Nacht geworden, als ich, wie aus tiefer Betäubung erwachte. Nur der Gedanke, zu fliehen, wie ein gehetztes Tier, stand fest in meiner Seele. Ich stand auf, aber kaum war ich einige Schritte fort, als, aus dem Gebüsch hervorrauschend, ein Mensch auf meinen Rücken sprang und mich mit den Armen umhalste. Vergebens versuchte ich, ihn abzuschütteln -- ich warf mich nieder, ich drückte mich hinterrücks an die Bäume, alles umsonst. Der Mensch kicherte und lachte höhnisch; da brach der Mond hellleuchtend durch die schwarzen Tannen, und das totenbleiche, gräßliche Gesicht des Mönchs -- des vermeintlichen Medardus, des Doppelgängers, starrte mich an mit dem gräßlichen Blick, wie von dem Wagen herauf. -- „Hi ... hi ... hi ... Brüderlein ... Brüderlein, immer immer bin ich bei dir ... lasse dich nicht ... lasse ... dich nicht ... Kann nicht lau ... laufen ... wie du ... mußt mich tra... tragen ... Komme vom Ga... Galgen ... haben mich rä... rädern wollen ... hi hi ...“ So lachte und heulte das grause Gespenst, indem ich, von wildem Entsetzen gekräftigt, hoch emporsprang wie ein von der Riesenschlange eingeschnürter Tiger! -- Ich raste gegen Baum- und Felsstücke, um ihn wo nicht zu töten, doch wenigstens hart zu verwunden, daß er mich zu lassen genötigt sein sollte. Dann lachte er stärker und mich nur traf jäher Schmerz; ich versuchte seine unter meinem Kinn festgeknoteten Hände loszuwinden, aber die Gurgel einzudrücken drohte mir des Ungetümes Gewalt. Endlich, nach tollem Rasen, fiel er plötzlich herab, aber kaum war ich einige Schritte fortgerannt, als er von neuem auf meinem Rücken saß, kichernd und lachend, und jene entsetzlichen Worte stammelnd! Aufs neue jene Anstrengungen wilder Wut -- aufs neue befreit! -- aufs neue umhalst von dem fürchterlichen Gespenst. -- Es ist mir nicht möglich, deutlich anzugeben, wie lange ich, von dem Doppelgänger verfolgt, durch finstre Wälder floh, es ist mir so, als müsse das Monate hindurch, ohne daß ich Speise und Trank genoß, gedauert haben. Nur +eines+ lichten Augenblicks erinnere ich mich lebhaft, nach welchem ich in gänzlich bewußtlosen Zustand verfiel. Eben war es mir geglückt, meinen Doppelgänger abzuwerfen, als ein heller Sonnenstrahl und mit ihm ein holdes anmutiges Tönen den Wald durchdrang. Ich unterschied eine Klosterglocke, die zur Frühmette läutete. „Du hast Aurelie ermordet!“ Der Gedanke erfaßte mich mit des Todes eiskalten Armen, und ich sank bewußtlos nieder.

2. Abschnitt.

Die Buße.

Eine sanfte Wärme glitt durch mein Inneres. Dann fühlte ich es in allen Adern seltsam arbeiten und prickeln; dies Gefühl wurde zu Gedanken, doch war mein Ich hundertfach zerteilt. Jeder Teil hatte im eignen Regen eignes Bewußtsein des Lebens und umsonst gebot das Haupt den Gliedern, die wie untreue Vasallen sich nicht sammeln mochten unter seiner Herrschaft. Nun fingen die Gedanken der einzelnen Teile an sich zu drehen, wie leuchtende Punkte, immer schneller und schneller, so daß sie einen Feuerkreis bildeten, der wurde kleiner, sowie die Schnelligkeit wuchs, daß er zuletzt nur eine stillstehende Feuerkugel schien. Aus der schossen rotglühende Strahlen und bewegten sich im farbigten Flammenspiel. „Das sind meine Glieder, die sich regen, jetzt erwache ich!“ So dachte ich deutlich, aber in dem Augenblick durchzuckte mich ein jäher Schmerz, helle Glockentöne schlugen an mein Ohr. „Fliehen, weiter fort! -- weiter fort!“ rief ich laut, wollte mich schnell aufraffen, fiel aber entkräftet zurück. Jetzt erst vermochte ich die Augen zu öffnen. Die Glockentöne dauerten fort -- ich glaubte noch im Walde zu sein, aber wie erstaunte ich, als ich die Gegenstände rings umher, als ich mich selbst betrachtete. In dem Ordenshabit der Kapuziner lag ich, in einem hohen, einfachen Zimmer, auf einer wohlgepolsterten Matratze ausgestreckt. Ein paar Rohrstühle, ein kleiner Tisch und ein ärmliches Bett waren die einzigen Gegenstände, die sich noch im Zimmer befanden. Es wurde mir klar, daß mein bewußtloser Zustand eine Zeitlang gedauert haben, und daß ich in demselben auf diese oder jene Weise in ein Kloster gebracht sein mußte, das Kranke aufnehme. Vielleicht war meine Kleidung zerrissen, und man gab mir vorläufig eine Kutte. Der Gefahr, so schien es mir, war ich entronnen. Diese Vorstellungen beruhigten mich ganz, und ich beschloß abzuwarten, was sich weiter zutragen würde, da ich voraussetzen konnte, daß man bald nach dem Kranken sehen würde. Ich fühlte mich sehr matt, sonst aber ganz schmerzlos. Nur einige Minuten hatte ich so, zum vollkommenen Bewußtsein erwacht, gelegen, als ich Tritte vernahm, die sich wie auf einem langen Gange näherten. Man schloß meine Türe auf und ich erblickte zwei Männer, von denen einer bürgerlich gekleidet war, der andere aber den Ordenshabit der barmherzigen Brüder trug. Sie traten schweigend auf mich zu, der bürgerlich gekleidete sah mir scharf in die Augen und schien sehr verwundert. „Ich bin wieder zu mir selbst gekommen, mein Herr,“ fing ich mit matter Stimme an, „dem Himmel sei es gedankt, der mich zum Leben erweckt hat -- wo befinde ich mich aber? wie bin ich hergekommen?“ -- Ohne mir zu antworten, wandte sich der bürgerlich gekleidete zu dem Geistlichen und sprach auf italienisch: „Das ist in der Tat erstaunenswürdig, der Blick ist ganz geändert, die Sprache rein, nur matt ... es muß eine besondere Krisis eingetreten sein.“ -- „Mir scheint,“ erwiderte der Geistliche, „mir scheint, als wenn die Heilung nicht mehr zweifelhaft sein könne.“ „Das kommt,“ fuhr der bürgerlich gekleidete fort, „das kommt darauf an, wie er sich in den nächsten Tagen hält. Verstehen Sie nicht so viel deutsch, um mit ihm zu sprechen?“ „Leider nein,“ antwortete der Geistliche. -- „Ich verstehe und spreche italienisch,“ fiel ich ein; „sagen Sie mir, wo bin ich, wie bin ich hergekommen?“ -- Der bürgerlich gekleidete, wie ich wohl merken konnte, ein Arzt, schien freudig verwundert. „Ah,“ rief er aus, „ah das ist gut. Ihr befindet Euch, ehrwürdiger Herr! an einem Orte, wo man nur für Euer Wohl auf alle mögliche Weise sorgt. Ihr wurdet vor drei Monaten in einem sehr bedenklichen Zustande hergebracht. Ihr wart sehr krank, aber durch unsere Sorgfalt und Pflege scheint Ihr Euch auf dem Wege der Genesung zu befinden. Haben wir das Glück, Euch ganz zu heilen, so könnt Ihr ruhig Eure Straße fortwandeln, denn wie ich höre, wollt Ihr nach Rom!“ -- „Bin ich denn,“ frug ich weiter „in der Kleidung, die ich trage, zu Euch gekommen?“ -- „Freilich,“ erwiderte der Arzt, „aber laßt das Fragen, beunruhigt Euch nur nicht, alles sollt Ihr erfahren, die Sorge für Eure Gesundheit ist jetzt das vornehmlichste.“ Er faßte meinen Puls, der Geistliche hatte unterdessen eine Tasse herbeigebracht, die er mir darreichte. „Trinkt,“ sprach der Arzt, „und sagt mir dann, wofür Ihr das Getränk haltet.“ -- „Es ist,“ erwiderte ich, nachdem ich getrunken, „es ist eine gar kräftig zubereitete Fleischbrühe.“ -- Der Arzt lächelte zufrieden und rief dem Geistlichen zu: „Gut, sehr gut!“ -- Beide verließen mich. Nun war meine Vermutung, wie ich glaubte, richtig. Ich befand mich in einem öffentlichen Krankenhause. Man pflegte mich mit stärkenden Nahrungsmitteln und kräftiger Arzenei, so daß ich nach drei Tagen imstande war, aufzustehen. Der Geistliche öffnete ein Fenster, eine warme, herrliche Luft, wie ich sie nie geatmet, strömte herein, ein Garten schloß sich an das Gebäude, herrliche fremde Bäume grünten und blühten, Weinlaub rangte sich üppig an der Mauer empor, vor allem aber war mir der dunkelblaue Himmel eine Erscheinung aus ferner Zauberwelt. „Wo bin ich denn,“ rief ich voll Entzücken aus, „haben mich die Heiligen gewürdigt, in einem Himmelslande zu wohnen?“ Der Geistliche lächelte wohlbehaglich, indem er sprach: „Ihr seid in Italien, mein Bruder! in Italien!“ -- Meine Verwunderung wuchs bis zum höchsten Grade, ich drang in den Geistlichen, mir genau die Umstände meines Eintritts in dies Haus zu sagen, er wies mich an den Doktor. Der sagte mir endlich, daß vor drei Monaten mich ein wunderlicher Mensch hergebracht und gebeten habe mich aufzunehmen; ich befände mich nämlich in einem Krankenhause, das von barmherzigen Brüdern verwaltet werde. Sowie ich mich mehr und mehr erkräftigte, bemerkte ich, daß beide, der Arzt und der Geistliche, sich in mannigfache Gespräche mit mir einließen und mir vorzüglich Gelegenheit gaben, lange hintereinander zu erzählen. Meine ausgebreiteten Kenntnisse in den verschiedensten Fächern des Wissens gaben mir reichen Stoff dazu, und der Arzt lag mir an, manches niederzuschreiben, welches er dann in meiner Gegenwart las und sehr zufrieden schien. Doch fiel es mir oft seltsamlich auf, daß er, statt meine Arbeit selbst zu loben, immer nur sagte: „In der Tat ... das geht gut ... ich habe mich nicht getäuscht! ... wunderbar ... wunderbar!“ Ich durfte nun zu gewissen Stunden in den Garten hinab, wo ich manchmal grausig entstellte, totenblasse, bis zum Geripp ausgetrocknete Menschen, von barmherzigen Brüdern geleitet, erblickte. Einmal begegnete mir, als ich schon im Begriff stand in das Haus zurückzukehren, ein langer, hagerer Mann, in einem seltsamen erdgelben Mantel, der wurde von zwei Geistlichen bei den Armen geführt, und nach jedem Schritt machte er einen possierlichen Sprung, und pfiff dazu mit durchdringender Stimme. Erstaunt blieb ich stehen, doch der Geistliche, der mich begleitete, zog mich schnell fort, indem er sprach: „Kommt, kommt, lieber Bruder Medardus! das ist nichts für Euch.“ -- „Um Gott,“ rief ich aus, „woher wißt Ihr meinen Namen?“ -- Die Heftigkeit, womit ich diese Worte ausstieß, schien mein Begleiter zu beunruhigen. „Ei,“ sprach er, „wie sollen wir denn Euern Namen nicht wissen? Der Mann, der Euch herbrachte, nannte ihn ja ausdrücklich, und Ihr seid eingetragen in die Register des Hauses: Medardus, Bruder des Kapuzinerklosters zu B.“ -- Eiskalt bebte es mir durch die Glieder. Aber mochte der Unbekannte der mich in das Krankenhaus gebracht hatte, sein wer er wollte, mochte er eingeweiht sein in mein entsetzliches Geheimnis; er konnte nichts Böses wollen, denn er hatte ja freundlich für mich gesorgt, und ich war ja frei. --