Chapter 31 of 32 · 3607 words · ~18 min read

Part 31

In dem Augenblick erfaßte mich, wie ein jäher alle Nerven und Pulse durchzuckender Schmerz, die Sehnsucht der höchsten Liebe; „Aurelie -- ach Aurelie!“ rief ich laut. Der Prior stand auf und sprach in sehr ernstem Ton: „Du hast wahrscheinlich die Zubereitungen zu einem großen Feste in dem Kloster bemerkt? -- Aurelie wird morgen eingekleidet und erhält den Klosternamen Rosalia.“ -- Erstarrt -- lautlos blieb ich vor dem Prior stehen. „Gehe zu den Brüdern!“ rief er beinahe zornig, und ohne deutliches Bewußtsein stieg ich hinab in das Refektorium, wo die Brüder versammelt waren. Man bestürmte mich aufs neue mit Fragen, aber nicht fähig war ich, auch nur ein einziges Wort über mein Leben zu sagen; alle Bilder der Vergangenheit verdunkelten sich in mir, und nur Aureliens Lichtgestalt trat mir glänzend entgegen. Unter dem Vorwande einer Andachtsübung verließ ich die Brüder und begab mich nach der Kapelle, die an dem äußersten Ende des weitläufigen Klostergartens lag. Hier wollte ich beten, aber das kleinste Geräusch, das linde Säuseln des Laubganges riß mich empor aus frommer Betrachtung. Sie ist es ... Sie kommt ... ich werde sie wiedersehen -- so rief es in mir, und mein Herz bebte vor Angst und Entzücken. Es war mir, als höre ich ein leises Gespräch. Ich raffte mich auf, ich trat aus der Kapelle, und siehe, langsamen Schrittes, nicht fern von mir, wandelten zwei Nonnen, in ihrer Mitte eine Novize. -- Ach, es war gewiß Aurelie -- mich überfiel ein krampfhaftes Zittern -- mein Atem stockte -- ich wollte vorschreiten, aber keines Schrittes mächtig sank ich zu Boden. Die Nonnen, mit ihnen die Novize, verschwanden im Gebüsch. Welch ein Tag! -- welch eine Nacht! Immer nur Aurelie und Aurelie -- Kein anderes Bild -- Kein anderer Gedanke fand Raum in meinem Innern. --

Sowie die ersten Strahlen des Morgens aufgingen, verkündigten die Glocken des Klosters das Fest der Einkleidung Aureliens, und bald darauf versammelten sich die Brüder in einem großen Saal; die Äbtissin trat, von zwei Schwestern begleitet, herein. -- Unbeschreiblich ist das Gefühl, das mich durchdrang, als ich +die+ wiedersah, die meinen Vater so innig liebte, und unerachtet er durch Freveltaten ein Bündnis, das ihm das höchste Erdenglück erwerben mußte, gewaltsam zerriß, doch die Neigung, die ihr Glück zerstört hatte, auf den Sohn übertrug. Zur Tugend, zur Frömmigkeit wollte sie diesen Sohn aufziehen, aber dem Vater gleich, häufte er Frevel auf Frevel und vernichtete so jede Hoffnung der frommen Pflegemutter, die in der Tugend des Sohnes Trost für des sündigen Vaters Verderben finden wollte. -- Niedergesenkten Hauptes, den Blick zur Erde gerichtet, hörte ich die kurze Rede an, worin die Äbtissin nochmals der versammelten Geistlichkeit Aureliens Eintritt in das Kloster anzeigte, und sie aufforderte, eifrig zu beten in dem entscheidenden Augenblick des Gelübdes, damit der Erbfeind nicht Macht haben möge, sinneverwirrendes Spiel zu treiben, zur Qual der frommen Jungfrau. „Schwer,“ sprach die Äbtissin, „schwer waren die Prüfungen, die die Jungfrau zu überstehen hatte. Der Feind wollte sie verlocken zum Bösen, und alles, was die List der Hölle vermag, wandte er an, sie zu betören, daß sie, ohne Böses zu ahnen, sündige und dann, aus dem Traum erwachend, untergehe in Schmach und Verzweiflung. Doch die ewige Macht beschützte das Himmelskind, und mag denn der Feind auch noch heute es versuchen, ihr verderblich zu nahen, ihr Sieg über ihn wird desto glorreicher sein. Betet -- betet, meine Brüder, nicht darum, daß die Christusbraut nicht wanke, denn fest und standhaft ist ihr dem Himmlischen ganz zugewandter Sinn, sondern daß kein irdisches Unheil die fromme Handlung unterbreche. -- Eine Bangigkeit hat sich meines Gemüts bemächtigt, der ich nicht zu widerstehen vermag!“ --

Es war klar, daß die Äbtissin mich -- mich allein den Teufel der Versuchung nannte, daß sie meine Ankunft mit der Einkleidung Aureliens in Bezug, daß sie vielleicht in mir die Absicht irgend einer Greueltat voraussetzte. Das Gefühl der Wahrheit meiner Reue, meiner Buße, der Überzeugung, daß mein Sinn geändert worden, richtete mich empor. Die Äbtissin würdigte mich nicht eines Blickes; tief im Innersten gekränkt, regte sich in mir jener bittere, verhöhnende Haß, wie ich ihn sonst in der Residenz bei dem Anblick der Fürstin gefühlt, und statt daß ich, ehe die Äbtissin jene Worte sprach, mich hätte vor ihr niederwerfen mögen in den Staub, wollte ich keck und kühn vor sie hintreten und sprechen: „Warst du denn immer solch ein überirdisches Weib, daß die Lust der Erde dir nicht aufging? ... Als du meinen Vater sahst, verwahrtest du denn immer dich so, daß der Gedanke der Sünde nicht Raum fand? ... Ei, sage doch, ob selbst dann, als schon die Inful und der Stab dich schmückten, in unbewachten Augenblicken meines Vaters Bild nicht Sehnsucht nach irdischer Lust in dir aufregte? ... Was empfandest du denn, Stolze! als du den Sohn des Geliebten an dein Herz drücktest, und den Namen des Verlornen, war er gleich ein freveliger Sünder, so schmerzlich riefst? -- Hast du jemals gekämpft mit der dunklen Macht wie ich? -- Kannst du dich eines wahren Sieges erfreuen, wenn kein harter Kampf vorherging? -- Fühlst du dich selbst so stark, daß du +den+ verachtest, der dem mächtigsten Feinde erlag und sie dennoch erhob in dieser Reue und Buße?“ -- Die plötzliche Änderung meiner Gedanken, die Umwandlung des Büßenden in den, der stolz auf den bestandenen Kampf fest einschreitet in das wiedergewonnene Leben, muß selbst im Äußern sichtlich gewesen sein. Denn der neben mir stehende Bruder frug: „Was ist dir, Medardus, warum wirfst du solche sonderbare zürnende Blicke auf die hochheilige Frau?“ -- „Ja,“ erwiderte ich halblaut, „wohl mag es eine hochheilige Frau sein, denn sie stand immer so hoch, daß das Profane sie nicht erreichen konnte, doch kommt sie mir jetzt nicht sowohl wie eine christliche, sondern wie eine heidnische Priesterin vor, die sich bereitet, mit gezücktem Messer das Menschenopfer zu vollbringen.“ Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu kam, die letzten Worte, die außer meiner Ideenreihe lagen, zu sprechen, aber mit ihnen drängten sich im bunten Gewirr Bilder durcheinander, die nur im Entsetzlichsten sich zu einen schienen. -- Aurelie sollte auf immer die Welt verlassen, sie sollte, wie ich, durch ein Gelübde, das mir jetzt nur die Ausgeburt des religiösen Wahnsinns schien, dem Irdischen entsagen? -- So wie ehemals, als ich, dem Satan verkauft, in Sünde und Frevel den höchsten strahlendsten Lichtpunkt des Lebens zu schauen wähnte, dachte ich jetzt daran, daß beide, ich und Aurelie, sei es auch nur durch den einzigen Moment des höchsten irdischen Genusses, vereint und dann als der unterirdischen Macht Geweihte sterben müßten. -- Ja, wie ein gräßlicher Unhold, wie der Satan selbst, ging der Gedanke des Mordes mir durch die Seele! -- Ach, ich Verblendeter gewahrte nicht, daß in dem Moment, als ich der Äbtissin Worte auf mich deutete, ich preisgegeben war der vielleicht härtesten Prüfung, daß der Satan Macht bekommen über mich und mich verlocken wollte zu dem Entsetzlichsten, das ich noch begangen! Der Bruder, zu dem ich gesprochen, sah mich erschrocken an. „Um Jesus und der heiligen Jungfrau willen, was sagt Ihr da!“ so sprach er; ich schaute nach der Äbtissin, die im Begriff stand, den Saal zu verlassen, ihr Blick fiel auf mich, totenbleich starrte sie mich an, sie wankte, die Nonnen mußten sie unterstützen. Es war mir, als lisple sie die Worte: „O all ihr Heiligen, meine Ahnung.“ Bald darauf wurde der Prior Leonardus zu ihr gerufen. Schon läuteten aufs neue alle Glocken des Klosters, und dazwischen tönten die donnernden Töne der Orgel, die Weihgesänge der im Chor versammelten Schwestern, durch die Lüfte, als der Prior wieder in den Saal trat. Nun begaben sich die Brüder der verschiedenen Orden in feierlichem Zuge nach der Kirche, die von Menschen beinahe so überfüllt war, als sonst am Tage des heiligen Bernardus. An einer Seite des mit duftenden Rosen geschmückten Hochaltars waren erhöhte Sitze für die Geistlichkeit angebracht, der Tribüne gegenüber, auf welcher die Kapelle des Bischofs die Musik des Amts, welches er selbst hielt, ausführte. Leonardus rief mich an seine Seite, und ich bemerkte, daß er ängstlich auf mich wachte; die kleinste Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit; er hielt mich an, fortwährend aus meinem Brevier zu beten. Die Klaren Nonnen versammelten sich in dem mit einem niedrigen Gitter eingeschlossenen Platz dicht vor dem Hochaltar, der entscheidende Augenblick kam; aus dem Innern des Klosters, durch die Gittertüre hinter dem Altar, führten die Cisterziensernonnen Aurelien herbei. -- Ein Geflüster rauschte durch die Menge, als sie sichtbar geworden, die Orgel schwieg und der einfache Hymnus der Nonnen erklang in wunderbaren, tief ins Innerste dringenden Akkorden. Noch hatte ich keinen Blick aufgeschlagen; von einer furchtbaren Angst ergriffen, zuckte ich krampfhaft zusammen, so daß mein Brevier zur Erde fiel. Ich bückte mich darnach, es aufzuheben, aber ein plötzlicher Schwindel hätte mich von dem hohen Sitz herabgestürzt, wenn Leonardus mich nicht faßte und festhielt. „Was ist dir, Medardus,“ sprach der Prior leise, „du befindest dich in seltsamer Bewegung, widerstehe dem bösen Feinde, der dich treibt.“ Ich faßte mich mit aller Kraft zusammen, ich schaute auf, und erblickte Aurelien, vor dem Hochaltar knieend. O Herr des Himmels, in hoher Schönheit und Anmut strahlte sie mehr als je! Sie war bräutlich -- ach! ebenso wie an jenem verhängnisvollen Tage, da sie mein werden sollte, gekleidet. Blühende Myrten und Rosen im künstlich geflochtenen Haar. Die Andacht, das Feierliche des Moments, hatte ihre Wangen höher gefärbt, und in dem zum Himmel gerichteten Blick lag der volle Ausdruck himmlischer Lust. Was waren jene Augenblicke, als ich Aurelien zum erstenmal, als ich sie am Hofe des Fürsten sah, gegen dieses Wiedersehen. Rasender als jemals flammte in mir die Glut der Liebe -- der wilden Begier auf -- O Gott -- o, all ihr Heiligen! laßt mich nicht wahnsinnig werden, nur nicht wahnsinnig -- rettet mich, rettet mich von dieser Pein der Hölle. -- Nur nicht wahnsinnig laßt mich werden -- denn das Entsetzliche muß ich sonst tun, und meine Seele preisgeben der ewigen Verdammnis! -- So betete ich im Innern, denn ich fühlte, wie immer mehr und mehr der böse Geist über mich Herr werden wollte. -- Es war mir als habe Aurelie teil an dem Frevel, den ich nur beging, als sei das Gelübde, das sie zu leisten gedachte, in ihren Gedanken nur der feierliche Schwur, vor dem Altar des Herrn +mein+ zu sein. -- Nicht die Christusbraut, des Mönchs der sein Gelübde brach verbrecherisches Weib sah ich in ihr. -- Sie mit aller Inbrunst der wütenden Begier umarmen und dann ihr den Tod geben -- +der+ Gedanke erfaßte mich unwiderstehlich. Der böse Geist trieb mich wilder und wilder -- schon wollte ich schreien: „Haltet ein, verblendete Toren, nicht die von irdischem Triebe reine Jungfrau, die Braut des Mönchs wollt ihr erheben zur Himmelsbraut!“ -- mich hinabstürzen unter die Nonnen, sie herausreißen -- ich faßte in die Kutte, ich suchte nach dem Messer, da war die Zeremonie so weit gediehen, daß Aurelie anfing das Gelübde zu sprechen. -- Als ich ihre Stimme hörte, war es, als bräche milder Mondesglanz durch die schwarzen, von wildem Sturm gejagten Wetterwolken. Licht wurde es in mir, und ich erkannte den bösen Geist, dem ich mit aller Gewalt widerstand. -- Jedes Wort Aureliens gab mir neue Kraft, und im heißen Kampf wurde ich bald Sieger. Entflohen war jeder schwarze Gedanke des Frevels, jede Regung der irdischen Begier. -- Aurelie war die fromme Himmelsbraut, deren Gebet mich retten konnte von ewiger Schmach und Verderbnis. -- Ihr Gelübde war mein Trost, meine Hoffnung, und hell ging in mir die Heiterkeit des Himmels auf. Leonardus, den ich nun erst wieder bemerkte, schien die Änderung in meinem Innern wahrzunehmen, denn mit sanfter Stimme sprach er: „Du hast dem Feinde widerstanden, mein Sohn! das war wohl die letzte schwere Prüfung, die dir die ewige Macht auferlegt!“ --

Das Gelübde war gesprochen; während eines Wechselgesanges, den die Klaren Schwestern anstimmten, wollte man Aurelien das Nonnengewand anlegen. Schon hatte man die Myrten und Rosen aus dem Haar geflochten, schon stand man im Begriff die herabwallenden Locken abzuschneiden, als ein Getümmel in der Kirche entstand -- ich sah, wie die Menschen auseinander gedrängt und zu Boden geworfen wurden; -- näher und näher wirbelte der Tumult. -- Mit rasender Gebärde, -- mit wildem, entsetzlichen Blick drängte sich ein halbnackter Mensch (die Lumpen eines Kapuzinerrocks hingen ihm um den Leib), alles um sich her mit geballten Fäusten niederstoßend, durch die Menge. -- Ich erkannte meinen gräßlichen Doppelgänger, aber in demselben Moment, als ich, Entsetzliches ahnend, hinabspringen und mich ihm entgegenwerfen wollte, hatte der wahnsinnige Unhold die Galerie, die den Platz des Hochaltars einschloß, übersprungen. Die Nonnen stäubten schreiend auseinander; die Äbtissin hatte Aurelien fest in ihre Arme eingeschlossen. -- „Ha ha ha!“ -- kreischte der Rasende mit gellender Stimme, „wollt ihr mir die Prinzessin rauben? -- Ha ha ha! -- die Prinzessin ist mein Bräutchen, mein Bräutchen“ -- und damit riß er Aurelien empor und stieß ihr das Messer, das er hochgeschwungen in der Hand hielt, bis an das Heft in die Brust, daß des Blutes Springquell hoch emporspritzte. „Juchhe -- Juch Juch -- nun hab’ ich mein Bräutchen, nun hab’ ich die Prinzessin gewonnen!“ -- So schrie der Rasende auf und sprang hinter den Hochaltar, durch die Gittertüre fort in die Klostergänge. Voll Entsetzen kreischten die Nonnen auf. -- „Mord -- Mord am Altar des Herrn,“ schrie das Volk, nach dem Hochaltar stürmend. „Besetzt die Ausgänge des Klosters, daß der Mörder nicht entkomme,“ rief Leonardus mit lauter Stimme, und das Volk stürzte hinaus und wer von den Mönchen rüstig war, ergriff die im Winkel stehenden Prozessionsstäbe und setzte dem Unhold nach durch die Gänge des Klosters. Alles war die Tat eines Augenblicks; bald kniete ich neben Aurelien, die Nonnen hatten mit weißen Tüchern die Wunde, so gut es gehen wollte, verbunden, und standen der ohnmächtigen Äbtissin bei. Eine starke Stimme sprach neben mir: „~Sancta Rosalia, ora pro nobis~,“ und alle die noch in der Kirche geblieben, riefen laut: „Ein Mirakel -- ein Mirakel, ja sie ist eine Märtyrin -- ~Sancta Rosalia, ora pro nobis~.“ -- Ich schaute auf. -- Der alte Maler stand neben mir, aber ernst und mild, so wie er mir im Kerker erschien. -- Kein irdischer Schmerz über Aureliens Tod, kein Entsetzen über die Erscheinung des Malers konnte mich fassen, denn in meiner Seele dämmerte es auf, wie nun die rätselhaften Schlingen, die die dunkle Macht geknüpft, sich lösten.

Mirakel, Mirakel! schrie das Volk immerfort; seht ihr wohl den alten Mann im violetten Mantel? -- der ist aus dem Bilde des Hochaltars herabgestiegen -- ich habe es gesehen -- ich auch, ich auch -- riefen mehrere Stimmen durcheinander und nun stürzte alles auf die Knie nieder und das verworrene Getümmel verbrauste und ging über in ein von heftigem Schluchzen und Weinen unterbrochenes Gemurmel des Gebets. Die Äbtissin erwachte aus der Ohnmacht, und sprach mit dem herzzerschneidenden Ton des tiefen, gewaltigen Schmerzes: „Aurelie! mein Kind! meine fromme Tochter! -- ewiger Gott -- es ist dein Ratschluß!“ -- Man hatte eine mit Polstern und Decken belegte Bahre herbeigebracht. Als man Aurelien hinaufhob, seufzte sie tief und schlug die Augen auf. Der Maler stand hinter ihrem Haupte, auf das er seine Hand gelegt. Er war anzusehen wie ein mächtiger Heiliger, und alle, selbst die Äbtissin, schienen von wunderbarer, scheuer Ehrfurcht durchdrungen. -- Ich kniete beinahe dicht an der Seite der Bahre. Aureliens Blick fiel auf mich, da erfaßte mich tiefer Jammer über der Heiligen schmerzliches Märtyrertum. Keines Wortes mächtig, war es nur ein dumpfer Schrei, den ich ausstieß. Da sprach Aurelie sanft und leise: „Was klagst du über die, welche von der ewigen Macht des Himmels gewürdigt wurde von der Erde zu scheiden in dem Augenblick, als sie die Nichtigkeit alles Irdischen erkannt, als die unendliche Sehnsucht nach dem Reich der ewigen Freude und Seligkeit ihre Brust erfüllte?“ -- Ich war aufgestanden, ich war dicht an die Bahre getreten. „Aurelie,“ sprach ich, -- „heilige Jungfrau! Nur einen einzigen Augenblick senke deinen Blick herab aus den hohen Regionen, sonst muß ich vergehen in -- meine Seele, mein innerstes Gemüt zerrüttenden, verderbenden Zweifeln. -- Aurelie! verachtest du den Frevler der, wie der böse Feind selbst, in dein Leben trat? -- Ach! schwer hat er gebüßt -- aber er weiß es wohl, daß alle Buße seiner Sünden Maß nicht mindert -- Aurelie! bist du versöhnt im Tode?“ -- Wie von Engelsfittichen berührt, lächelte Aurelie und schloß die Augen. „O, -- Heiland der Welt -- heilige Jungfrau -- so bleibe ich zurück, ohne Trost der Verzweiflung hingegeben! -- O Rettung! -- Rettung von höllischem Verderben!“ So betete ich inbrünstig, da schlug Aurelie noch einmal die Augen auf und sprach: „Medardus -- nachgegeben hast du der bösen Macht! aber blieb ich denn rein von der Sünde, als ich irdisches Glück zu erlangen hoffte in meiner verbrecherischen Liebe? -- Ein besonderer Ratschluß des Ewigen hatte uns bestimmt, schwere Verbrechen unseres freveligen Stammes zu sühnen, und so vereinigte uns das Band der Liebe, die nur über den Sternen thront und nichts gemein hat mit irdischer Lust. Aber dem listigen Feinde gelang es, die tiefe Bedeutung unserer Liebe uns zu verhüllen, ja uns auf entsetzliche Weise zu verlocken, daß wir das Himmlische nur deuten konnten auf irdische Weise. -- Ach! war +ich+ es denn nicht, die dir ihre Liebe bekannte im Beichtstuhl, aber statt den Gedanken der ewigen Liebe in dir zu entzünden, die höllische Glut der Lust in dir entflammte, welche du, da sie dich verzehren wollte, durch Verbrechen zu löschen gedachtest? Fasse Mut, Medardus! der wahnsinnige Tor, den der böse Feind verlockt hat zu glauben, er sei du, und müsse vollbringen, was du begonnen, war das Werkzeug des Himmels, durch das sein Ratschluß vollendet wurde. -- Fasse Mut, Medardus -- bald bald ...“ Aurelie, die das letzte schon mit geschlossenen Augen und hörbarer Anstrengung gesprochen, wurde ohnmächtig, doch der Tod konnte sie noch nicht erfassen. „Hat sie Euch gebeichtet, ehrwürdiger Herr? hat sie Euch gebeichtet?“ so frugen mich neugierig die Nonnen. „Mit nichten,“ erwiderte ich: „nicht ich, +sie+ hat meine Seele mit himmlischem Trost erfüllt.“ -- „Wohl dir, Medardus, bald ist deine Prüfungszeit beendet -- und wohl mir dann!“ Es war der Maler, der diese Worte sprach. Ich trat auf ihn zu: „So verlaßt mich nicht, wunderbarer Mann.“ -- Ich weiß selbst nicht, wie meine Sinne, indem ich weiter sprechen wollte, auf seltsame Weise betäubt worden; ich geriet in einen Zustand zwischen Wachen und Träumen, aus dem mich ein lautes Rufen und Schreien erweckte. Ich sah den Maler nicht mehr. Bauern -- Bürgersleute -- Soldaten waren in die Kirche gedrungen und verlangten durchaus, daß ihnen erlaubt werden solle, das ganze Kloster zu durchsuchen, um den Mörder Aureliens, der noch im Kloster sein müsse, aufzufinden. Die Äbtissin, mit Recht Unordnungen befürchtend, verweigerte dies, aber ihres Ansehens unerachtet vermochte sie nicht die erhitzten Gemüter zu beschwichtigen. Man warf ihr vor, daß sie aus kleinlicher Furcht den Mörder verhehle, weil er ein Mönch sei, und immer heftiger tobend schien das Volk sich zum Stürmen des Klosters aufzuregen. Da bestieg Leonardus die Kanzel und sagte dem Volk nach einigen kräftigen Worten über die Entweihung heiliger Stätten, daß der Mörder keineswegs ein Mönch, sondern ein Wahnsinniger sei, den er im Kloster zur Pflege aufgenommen, den er, als er tot geschienen, im Ordenshabit nach der Totenkammer bringen lassen, der aber aus dem todähnlichen Zustande erwacht und entsprungen sei. Wäre er noch im Kloster, so würden es ihm die getroffenen Maßregeln unmöglich machen, zu entspringen. Das Volk beruhigte sich, und verlangte nur, daß Aurelie nicht durch die Gänge, sondern über den Hof in feierlicher Prozession nach dem Kloster gebracht werden solle. Dies geschah. Die verschüchterten Nonnen hoben die Bahre auf, die man mit Rosen bekränzt hatte. Auch Aurelie war, wie vorher, mit Myrten und Rosen geschmückt. Dicht hinter der Bahre, über welche vier Nonnen den Baldachin trugen, schritt die Äbtissin von zwei Nonnen unterstützt, die übrigen folgten mit den Klaren Schwestern, dann die Brüder der verschiedenen Orden, ihnen schloß sich das Volk an, und so bewegte sich der Zug durch die Kirche. Die Schwester, welche die Orgel spielte, mußte sich auf den Chor begeben haben, denn, sowie der Zug in der Mitte der Kirche war, ertönten dumpf und schauerlich tiefe Orgeltöne vom Chor herab. Aber siehe, da richtete sich Aurelie langsam auf, und erhob die Hände betend zum Himmel, und aufs neue stürzte alles Volk auf die Kniee nieder und rief ~Sancta Rosalia, ora pro nobis~. -- So wurde +das+ wahr, was ich, als ich Aurelien zum erstenmal sah, in satanischer Verblendung nur frevelig heuchelnd, verkündet.

Als die Nonnen in dem untern Saal des Klosters die Bahre niedersetzten, als Schwestern und Brüder betend im Kreis umherstanden, sank Aurelie mit einem tiefen Seufzer der Äbtissin, die neben ihr kniete, in die Arme. -- Sie war tot! -- Das Volk wich nicht von der Klosterpforte, und als nun die Glocken den irdischen Untergang der frommen Jungfrau verkündeten, brach alles aus in Schluchzen und Jammergeschrei. -- Viele taten das Gelübde, bis zu Aureliens Exequien in dem Dorf zu bleiben, und erst nach denselben in die Heimat zurückzufahren, während der Zeit aber strenge zu fasten. Das Gerücht von der entsetzlichen Untat, und von dem Martyrium der Braut des Himmels, verbreitete sich schnell, und so geschah es, daß Aureliens Exequien, die nach vier Tagen begangen wurden, einem hohen, die Verklärung einer Heiligen feiernden Jubelfest glichen. Denn schon tags vorher war die Wiese vor dem Kloster, wie sonst am Bernardustage, mit Menschen bedeckt, die, sich auf dem Boden lagernd, den Morgen erwarteten. Nur statt des frohen Getümmels hörte man fromme Seufzer und ein dumpfes Murmeln. -- Von Mund zu Mund ging die Erzählung von der entsetzlichen Tat am Hochaltar der Kirche, und brach einmal eine laute Stimme hervor, so geschah es in Verwünschungen des Mörders, der spurlos verschwunden blieb. --