Chapter 2 of 10 · 3977 words · ~20 min read

Part 2

Sah das Fleisch, welches im Kessel gekocht war. Als er das Fleisch sah, sprach er: Meine Kinder haben gut gethan, Den Tardanak haben sie getötet Und gekocht, das ist gut. Das im Kessel befindliche Fleisch nahm und aß er.

So ist also auch hier der Menschenfresser geprellt und verzehrt die eigenen Kinder im Wahne, einen Fremden zu essen.

Die Anschauungen, wie sie in den Märchen und im Volksaberglauben hier uns entgegentreten, namentlich der Wahn, dass im menschlichen Fleische und Blute Heilkraft vorhanden sei, sie bestehen noch jetzt beim gemeinen Volke und äußern sich praktisch.

Als die Hinrichtungen in Deutschland noch öffentlich waren, ist es häufig vorgekommen, daß Zuschauer ihre Taschentücher in das Blut hingerichteter Verbrecher eintauchten, um sie dann zu Heilzwecken zu benutzen, gerade so wie der arme Heinrich des Hartmann v. d. Aue durch das Herzblut einer reinen Jungfrau vom Aussatz geheilt werden sollte. Bei Daber in Pommern wurde eine Kindsmörderin hingerichtet; als ihr Blut umherspritzte, drängten sich alle Leute, die etwas zu verkaufen hatten, besonders Bäcker und Brauer, heran, um in einem Lappen einige Tropfen davon aufzufangen. Der Lappen mit solchem Blut wurde von den Bäckern in den Brotteig, von den Brauern in das Bier getaucht, damit sie Kundenzulauf erhielten.[30]

Mit solchem Aberglauben hängen auch sich wiederholende Grabschändungen zusammen, wobei den Leichen Blut oder Stückchen Fleisch entnommen werden, um sie Erkrankten einzugeben, wie derlei Fälle 1871 und 1877 festgestellt sind zu Rostasin bei Lauenburg (Pommern) und Heidemühl (Kreis Schlochau). Gottfried Dallian aus Neukirch bei Elbing ermordete und beraubte am 31. Dezember 1865 die ledige Elisabeth Zernickel und verzehrte, wie die Gerichtsverhandlung ergab, einen Teil ihres ausgebratenen Bauchfleisches „um Ruhe in seinem Gewissen zu finden“. Die Herzen ungeborener Kinder gelten vielfach als Schutzmittel für Räuber und Diebe. Sie werden roh, sowie sie dem Leibe der Mutter entrissen waren, gegessen.[31] Berliner Zeitungen vom 13. November 1879 meldeten:

„In einem Gebüsch im Friedrichshain, gegenüber der Elbinger Straße, fand man gestern früh um 8 Uhr einen Sarg, dessen Deckel abgehoben war und in welchem die nur spärlich bekleidete Leiche eines etwa ein Jahr alten Mädchens lag. Die sofort benachrichtigte Polizei des 51. Reviers konstatierte eine grausige Verstümmelung der Leiche: Brust und Leib waren aufgeschnitten und Herz, Leber und Lunge gewaltsam aus dem Körper gerissen. Die sofort angestellten Ermittelungen ergaben, daß das Kind die erst am Mittwoch der vorigen Woche am Keuchhusten verstorbene, Sonntag begrabene Emma Schönberg, das Töchterchen des in der Fischerstraße 29 wohnenden Schuhmachermeisters Schönberg, ist. Die Bestattung hatte auf dem katholischen Kirchhof in Weißensee stattgehabt. Der Chef der Kriminalpolizei, Graf Pückler und der Staatsanwalt haben alle zur Entdeckung der Thäter führenden Maßregeln selbst angeordnet.“ Offenbar liegt hier ein ähnlicher Fall vor, wie die bereits oben gemeldeten. Man sieht also, wie die düstern Anschauungen, die mit ehemaliger Anthropophagie zusammenhängen, bis auf unsre Tage in der Hauptstadt des deutschen Reichs in niederen Volksschichten fortbestehen, Anschauungen, denen wir bei ganzen Völkern im folgenden noch sehr häufig begegnen werden. Ich nehme, der Parallele wegen, hier einen Fall vorweg.

Die mohammedanischen Nubier, mit denen ~S. W. Baker~ seinen Eroberungszug 1872 nilaufwärts nach Unjoro unternahm, waren nicht frei von dem schrecklichen Aberglauben, dass das Verzehren von Menschenfleisch besondere Eigenschaften verleihe. „Diese abergläubischen Leute hatten die Vorstellung, dass jede abgeschossene Kugel einen Mann aus Unjoro töten würde, wenn sie nur ein Stückchen von der Leber ihrer Feinde verzehren könnten. Sie hatten daher die Leber eines Erschossenen herausgeschnitten, unter sich verteilt und positiv roh verzehrt. Den Körper hatten sie mit ihren Schwertbajonetten in Stücken zerlegt, welche sie, zur Warnung für die Leute von Unjoro, auf die Büsche gehängt hatten.“[32]

[14] ~Jahn~, Volkssagen aus Pommern. No. 19 und 21.

[15] ~Veckenstedt~, Wendische Sagen. Graz 1880. 43.

[16] ~Kuhn~ und ~Schwartz~, Norddeutsche Sagen. No. 32.

[17] Vuk. Nr. 363.

[18] In der lex sal. 67. ~Grimm~, D. M. 611.

[19] ~Grimm~, Kindermärchen. 51. 56. 113. Auch der siebenbürgische Menschenfresser mästet die drei Schwestern mit Stritzeln und Nüssen. ~Haltrich~, Deutsche Volksmärchen aus Siebenbürgen.³ No. 38.

[20] ~B. Schmidt~, Volksleben der Neugriechen. 136.

[21] ~Grohmann~, Aberglauben aus Böhmen. No. 1448.

[22] ~W. Lobscheid~, Evidence of the affinity of the Polynesians and American Indians. Hongkong 1872. 62.

[23] ~Tylor~, Early history of Mankind. London 1865. 131.

[24] ~Brockhaus~, Somadeva. 142.

[25] ~Colshorn~, Märchen und Sagen. Hannover 1854. No. 8.

[26] Parallel läuft eine tschechische Sage, mitgetheilt von ~G. Krek~, Einleitung in die slawische Literaturgeschichte. Graz 1874. 265.

[27] Nach einem Referat von ~L. Stieda~ im Archiv f. Anthropologie. XI. 348.

[28] ~M. Buch~, Die Wotjäken. Helsingfors 1882. 116.

[29] ~Radloff~, Volkslitteratur der türkischen Stämme Süd-Sibiriens. St. Petersburg 1866. I. 28. 32.

[30] ~Jahn~, Volkssagen aus Pommern. No. 440.

[31] ~Mannhardt~, Die praktischen Folgen des Aberglaubens. Berlin 1878. 17 ff.

[32] ~S. W. Baker~, Ismailia. London 1874. II. 354.

+Alte geschichtliche Nachrichten über Anthropophagie+.

Den Übergang aus der vorgeschichtlichen Zeit zum Kannibalismus der Gegenwart vermitteln uns eine große Anzahl historischer Belegstellen in den Schriften der Alten, die sämtlich, mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit, einzelne Völker oder Völkerstämme der alten Welt des Kannibalismus bezichtigen, in ihrer Gesamtheit aber jedenfalls den Beweis herstellen, daß die Anthropophagie im Altertum eine Thatsache war. Hier, wo der Schwerpunkt auf die Anthropophagie bei den Völkern der Gegenwart gelangt ist, kann dieses Kapitel nur kurz behandelt werden, um so mehr, als dasselbe schon wiederholt bearbeitet worden ist.[33]

~Herodot~ wie ~Strabo~ sind eine wahre Fundgrube von Nachrichten über alte Anthropophagen; bemerkbarer Weise beschuldigen sie jedoch meistens solche Völker, die an der Peripherie ihres geographischen Wissens wohnten, Stämme im heutigen Rußland und in Mittelasien. Wenn unter den Massageten, so heißt es beim ~Herodot~[34], Jemand ein sehr hohes Alter erreicht, so kommen seine nächsten Blutsverwandten zusammen und opfern ihn und mit ihm mehrere Schafe. Nach vollbrachtem Opfer kocht man sowohl den geopferten Anverwandten, als die geschlachteten Schafe und verzehrt beide gemeinschaftlich. Die Massageten halten diese Behandlung ihrer Anverwandten für ein großes Glück. Solche Personen jedoch, die an Krankheiten sterben, verzehren sie nicht, sondern begraben sie; dies wird aber als ein Unglück beklagt, da dem Gestorbenen nicht die Ehre des Begräbnisses im Leibe seiner Verwandten zu teil geworden. Gleichfalls nach ~Herodot~[35] war es unter den Nachbarn der Massageten, den Issedonen, Sitte, daß die Söhne nach dem Tode der Väter Opfertiere schlachteten, dann die gestorbenen Väter wie die geschlachteten Tiere zerstückelten, beides kochten und verzehrten. Besonders aber hoben sie die Schädel der Verstorbenen als große Heiligtümer auf, fassten sie in Gold und brauchten sie bei ihren jährlichen Opfern. ~Herodot~ nennt selbst in Indien mehrere Völker[36], unter welchen entweder die Kinder ihre verstorbenen Eltern verzehrten, oder wo man jeden kranken Verwandten bald umbrachte, damit das Fleisch sich nicht verschlechtere, weil es zum Verzehren bestimmt war. ~Aristoteles~ hebt die Anthropophagie einiger Völker am Pontus hervor; es sei dieses, sagt er, tierische Wildheit (θηριότης), krankhaftes Gelüste wie bei den Schwangeren. ~Strabo~ berichtet ganz ähnliches von den Derbikern in Margiana. Sie erwürgen Greise, sobald sie das siebzigste Jahr zurückgelegt haben und die Verwandten verzehren deren Fleisch. Alte Frauen von gleichem Alter werden zwar erwürgt, aber nicht gegessen, sondern begraben.[37]

Von Irland (Ἰέρνη) erzählt ~Strabo~[38], daß seine rohen Bewohner „sowohl Menschen- als Vielfresser sind und es für rühmlich halten, ihre verstorbenen Eltern zu verzehren und sich öffentlich zu begatten, sowohl mit andern Frauen, als mit ihren Müttern und Schwestern. Doch auch dieses erzählen wir nur so, ohne glaubwürdige Zeugen zu haben; obgleich wenigstens die Menschenfresserei auch eine Skythische Sitte sein soll und in Belagerungsnöten auch die Kelten, Iberer und mehrere andere dasselbe gethan haben.“ Desgleichen bemerkt ~Diodorus Siculus~, daß unter den wilden Bewohner des Nordens und an den Grenzen Skythiens es Menschenfresser gäbe, wie unter den Briten, welche die Iris genannte Insel (das heutige Irland) bewohnen.[39] Bei den blutigen Bacchanalen, die Omophagien genannt wurden und die man alle drei Jahre beging, geschah es nach dem Zeugnis des ~Porphyrius~,[40] daß man, namentlich auf Chios und Tenedos, einen Menschen gliedweise zerstückelte und dessen Fleisch roh verschlang. Aber nicht allein auf Griechenland beschränkten sich solche Mysterienbräuche. Nach ~Sallust~[41] tranken Catilina und seine Genossen zur Bekräftigung ihres Bundes nicht bloß Menschenblut unter Wein gemischt, sondern es wurde auch nach den bestimmten Versicherungen der Alten ein Knabe geopfert, auf seine Eingeweide geschworen und davon gegessen. ~Juvenal~ redet von den Knabengedärmen, welche der Haruspex durchwühlt. Kleine Kinder zu religiösen Zwecken geopfert zu haben macht ~Horaz~ in seiner fünften Epode der vormals geliebten Canidia zum Vorwurf. Unter den christlichen Vätern erwähnt ~Tertullian~ die Schauerlichkeit, wie man bis auf seine Zeit im Bunde des Jupiter Menschenblut getrunken.[42] ~Juvenal~, welcher unter Domitian nach Ägypten verbannt wurde, warf auch den Ägyptern vor, dass sie den Genuß von Menschenfleisch gestatteten.[43] Noch in die ersten christlichen Jahrhunderte hinein hören wir die Beschuldigung des Kannibalismus vorgetragen. Der heilige ~Hieronymus~, welcher gegen Ende des vierten und im Anfang des fünften Jahrhunderts schrieb, schildert als Augenzeuge, daß die Atticoten sich von Menschenfleisch nährten und den Busen der Weiber und den Hintern als besondere Leckerbissen genossen.[44]

Das Angeführte genügt immerhin, um das Vorhandensein der Anthropophagie im Gesichtskreise der Alten nachzuweisen und den Zusammenhang festzustellen, welcher zwischen den Kannibalen der vorgeschichtlichen Zeit und jenen der Gegenwart besteht. Eine nur zu reiche Ausbeute auf diesem Felde werden wir aber halten, wenn wir uns den Völkern der Gegenwart zuwenden und unsern Rundgang mit Asien beginnen.

[33] ~Petrus Petitus~, De natura et moribus anthropophagorum. Utrecht 1688. Eine im Archiv für Anthropologie IV. 245-286 befindliche Abhandlung darf nur mit der allergrößten Vorsicht benutzt werden. Eine sehr gute und klare Übersicht giebt Dr. ~Leonard Korth~ „Geschichtliches und Geographisches über den Kannibalismus“. Ausland 1883. 1001. Aus dieser Übersicht habe ich im nachstehenden einiges entlehnt.

[34] ~Herodot~ I. 216.

[35] ~Herodot~ IV. 26.

[36] ~Herodot~ III. 38. 97. 99.

[37] ~Strabo~ p. 520 ed. Casaub.

[38] p. 201 ed. Casaubon.

[39] Editio ~Dindorf~ et ~Müller~. Paris 1855. p. 273.

[40] abst. II. 55.

[41] Catil. 22.

[42] Adv. gnost. c. 7. Et Latio in hodiernum diem Jovi media in urbe humanus sanguis ingustatur.

[43] Sat. XV. Noch im 13. Jahrhundert werden die Ägypter, und zwar das ganze Volk, der Menschenfresserei angeklagt. Damals bereiste ein Arzt aus Bagdad, ~Abd-Allatif~ ihr Land: „Als die Armen Menschenfleisch zu essen begannen, waren Abscheu und Erstaunen darüber so außerordentlich, daß die fürchterlichen Berichte nicht aufhörten, das Tagesgespräch zu bilden. Endlich gewöhnte sich aber das Volk daran und erlangte solchen Geschmack an der schrecklichen Nahrung, daß selbst reiche und geachtete Leute sie als gewöhnliche Speise zu sich nahmen und selbst Vorräte von Menschenfleisch anlegten.“ Winwood Reade, Savage Africa. London 1863. 157. Bei dem alten Kulturvolke der Ägypter läßt sich dagegen keine Spur von Anthropophagie darthun.

[44] Sanctus ~Hieronymus~, adversus Jovinianum. lib. II. t. IV. 2ᵃ pars. p. 202 der Folioausgabe. Paris 1706. Quum ipse adolescentulus in Gallia viderim Atticotos, gentem britannicam, humanis vesci carnibus; et quum per sylvas porcorum greges et armentorum pecudumque reperiant, pastorum nates et feminarum et papillas solere abscindere, et has solas ciborum delicias arbitrari. Daß diese Stelle sich auf Anthropophagie beziehe, ist bestritten worden (Archiv für Anthropol. IV. 252).

+Asien+.

+Malayischer Archipel.+ Die Zeugnisse für die Anthropophagie im indischen Archipel beginnen mit dem 13. Jahrhundert, mit ~Marco Polo~, welcher die verschiedenen Inseln desselben erwähnt und die sechs „Königreiche“ von Giava minore (Sumatra) schildert, die er besuchte. Dagroian, sagt er, ist eins der Königreiche, welches eine besondere Sprache hat. Man erzählte mir von einem abscheulichen Gebrauche, daß, wenn einer krank ist, sie zum Zauberer senden, ob er wohl genesen könne; sagen diese Teufel nein, so schicken die Verwandten zu einem besonders dafür Angestellten, welcher den Kranken erwürgen muß. Hierauf schneiden sie ihn in Stücken, und die Verwandten verzehren ihn mit vielem Vergnügen, selbst bis auf das Mark der Knochen; denn -- sagen sie -- wenn irgend etwas von ihm übrig bleibt, werden daraus Würmer entstehen, welchen Nahrung mangelt und die so, zur großen Qual der Seele des Verstorbenen, sterben würden. Die Knochen werden dann in irgend eine Felsenhöhle getragen, damit die wilden Tiere sie nicht berühren können. Wenn sie einen Fremden gefangen nehmen, so verzehren sie ihn auch.[45] Ob nun hier speziell die heutigen menschenfressenden Batta gemeint sind, läßt sich nicht mehr nachweisen.

Die Anthropophagie hat sicher in früherer Zeit weit ausgedehnter als jetzt auf Sumatra geherrscht, und erst als der Islam sich an den Küsten verbreitete und eine Anzahl kleiner mohammedanischer Staaten entstand, wurden die Anthropophagen nach dem Innern zurückgedrängt, wo wir nun in den Batta den letzten Rest derselben finden. Es ist der Venetianer ~Nicolo di Conti~, der uns wohl die früheste bestimmte Nachricht bringt, daß die Batta entschiedene Anthropophagen seien. Er hatte 25 Jahre lang Asien bereist und erhielt 1444 vom Papste ~Eugenius~ IV. Absolution dafür, daß er während dieser Zeit seinen Christenglauben verleugnet hatte. Auf Sumatra verbrachte ~Conti~ ein Jahr, er berichtet, was damals von großer Wichtigkeit, daß dort vortrefflicher Pfeffer wachse, und daß in einem Teile des Landes, „Batech“ genannt, das Volk Menschenfleisch esse.[46]

Die Batta, ein vergleichsweise hochstehendes malayisches Volk, mit eigentümlicher Schrift und Litteratur, bewohnen im Innern Sumatras die Hochebenen von Tobah, Sipirok, Sikunna und erstrecken sich nordwärts bis über Singkel, wo das Pupa- und Duragebirge die Grenze zwischen ihnen und den Atschinesen bildet. Im Süden reichen sie bis in die Gegend von Ajer Bangis. Bei ihnen ist die Anthropophagie, wie aus den mannigfachsten Zeugnissen hervorgeht, so eigentümlicher Art und entspringt aus so merkwürdigen Motiven, daß wir hier etwas ausführlicher uns damit beschäftigen müssen. Oft angezweifelt, hat ~William Marsden~ in seinem immer noch brauchbaren Werke über Sumatra die Thatsache, daß die Batta immer Anthropophagen sind, festbegründet.[47] Die Batta, sagt er, essen nicht Menschenfleisch, um den Hunger zu stillen, oder aus Mangel an anderen Nahrungsmitteln, ebenso wenig wird es, wie unter den Neuseeländern, als ein Leckerbissen gesucht. Sie essen es bloß als eine Art von Ceremonie, um ihren Abscheu gegen das Laster durch eine schmähliche Strafe an den Tag zu legen und als einen schrecklichen Beweis des Hasses und der Verspottung ihrer unglücklichen Feinde. Die Gegenstände dieser unmenschlichen Mahlzeiten sind im Kriege gemachte Gefangene und Missethäter, die großer Verbrechen überwiesen sind. -- -- Nachdem das Urteil vollzogen, wird der Unglückliche an einen Pfahl gebunden; das versammelte Volk wirft seine Lanzen nach ihm in einer gewissen Entfernung, und sobald er tödlich verwundet ist, laufen sie wüthend hin, schneiden Stücken aus seinem Leibe mit ihren Messern, tauchen sie in die Schüssel mit Salz und Citronensaft, rösten sie ein wenig über einem Feuer, das zu dem Zweck bereitet wird, und verzehren die Bissen mit einem wilden Enthusiasmus. Zuweilen verzehren sie den ganzen Körper, und man hat Beispiele, daß sie mit noch erhöhter Barbarei das Fleisch mit den Zähnen abgerissen haben. Folgen bei ~Marsden~ einzelne Belege.

Der Botaniker ~Charles Miller~, der gleichzeitig mit ~Marsden~ über Sumatra schrieb[48], bestätigt gleichfalls, daß die Batta „Menschenfleisch eher zur Erschreckung der Feinde, denn als gewöhnliche Nahrung essen; demungeachtet ziehen sie es allem übrigen vor und sprechen mit besonderer Entzückung von den Fußsohlen und flachen Händen als herrlichen Leckerbissen“.

Sehen wir hier nun Rachsucht als Ursache des Kannibalismus, so erstaunen wir nicht wenig, wenn wir durch ~Franz Junghuhn~ erfahren, daß die Menschenfresserei bei den Batta in einigen Fällen sogar gesetzlich als Strafe vorgeschrieben ist und zwar dann, wenn ein niedrig stehender Mann mit der Frau eines Radscha Ehebruch getrieben hat, wenn Jemand sich des Landesverrats, der Spionage oder Desertion zum Feinde schuldig gemacht und wenn ein Feind mit den Waffen in der Hand gefangen genommen wird. Im letztern Falle ist ein Auffressen bei lebendigem Leibe vorgeschrieben, in den beiden erstern Fällen ein Verzehren, nachdem der Betreffende getödtet worden ist.[49] Daß der Kannibalismus der Batta in der That integrierender Teil des Adat (der Gesetzgebung) ist, bestätigt neuerdings Dr. ~S. Friedmann~[50], und der amerikanische Reisende ~Albert S. Bickmore~[51] führt eine Reihe von Beispielen an, daß noch vor kurzem, aller holländischen Oberaufsicht zum Trotz, jene fürchterlichen Gesetze streng ausgeführt werden. Eine Folge dieser fortgesetzten Übung des Kannibalismus ist gewesen, daß ein Geschmack am Menschenfleisch bei einzelnen Batta sich eingestellt hat, wie denn der Radscha von Sipirok dem niederländischen Gouverneur von Padang versicherte, daß er zwischen dreißig- und vierzigmal Menschenfleisch gegessen, und daß er in seinem ganzen Leben nie etwas genossen habe, das ihm halb so gut schmeckte.[52]

Auf den übrigen Inseln des malayischen Archipels dürfen wir die Anthropophagie größtenteils als eingegangen betrachten. Zwar herrschen dort barbarische Gebräuche, wie das Kopfschnellen, noch immer im ausgedehnten Maßstabe, aber Kannibalismus nicht mehr. Der Malaye zeichnet sich durch Blutdurst aus, ja er ist nach ~Müller~[53] der Kannibale κατ’ εξοχην; um so erfreulicher, daß die Menschenfresserei bis auf geringe Spuren im Archipel verschwunden ist. Zu ~Pigafetta~s Zeiten scheint sie noch weiter verbreitet gewesen zu sein, denn er führt mehrere zu den Molukken gehörige Inseln -- die sich heute nicht mehr identifizieren lassen --, ferner das Innere, damals noch von Heiden bewohnte Amboinas, endlich Buru an, wo Kannibalen hausen.[54] Mit dem Vordringen des Mohamedanismus ist die Anthropophagie auch hier ausgerottet worden.

Einst mag auch bei den Dajaks auf Borneo die Anthropophagie weit verbreitet gewesen sein; heute lassen sich nur verhältnismäßig geringe Spuren derselben nachweisen. Am schlimmsten scheint es hiermit noch bei den Kajans im Innern zu stehen, wie aus dem Zeugnisse ~Spenser St. John~s hervorgeht. Das Fleisch eines im Kriege gefallenen Feindes nahmen sie in Körben mit sich, um es Abends im Lager zu rösten und zu verspeisen. Als 1855 mehrere Muka-Leute in Bintulu hingerichtet wurden, versicherten einige Kajans sich des Fleisches, das sie brieten und verspeisten. _Perhaps to strike terror into their enemies_, sagt unsere Quelle.[55]

Von den Tring-Dajaks am Mahakkanflusse in Südostborneo giebt Bock auf das entschiedenste an, daß sie Kannibalen seien. Augenzeuge ist er indessen nicht gewesen. Eine Tringpriesterin erklärte ihm, daß die innere Fläche der Hände, das Fleisch an den Knieen und das Gehirn die größten Leckerbissen seien; der Häuptling des Stammes berichtete, daß sein Volk nicht jeden Tag Menschenfleisch äße, dieses wäre nur ein Festmahl bei Schädeljagden.[56] Im Verein mit der letzteren Thatsache läßt sich hier Rachsucht als Motiv des Kannibalismus der Dajaks annehmen.

Von Celebes sagt ~Bickmore~, daß im Innern ein Kopfjägervolk wohne, welches die Küstenstämme Turaju nennen und das Menschen fressen soll. ~Barbosa~, dessen Werk 1516 erschien, und der mit ~Magalhaes~ später ermordet wurde, behauptet ähnliches von allen Einwohnern der Insel zu seiner Zeit. Er sagt, wenn sie nach den Molukken kämen, um Handel zu treiben, pflegten sie den König jener Inseln zu bitten, er möge die Güte haben, ihnen die Leute zu überlassen, die er zum Tode verurteilt hätte, damit sie an den Leichen solcher Unglücklichen ihren Gaumen befriedigen könnten, „als ob sie um ein Schwein bäten“.[57]

+Philippinen.+ Schon als die Spanier unter ~Magalhaes~ nach den Philippinen kamen, finden wir bei deren Bewohnern wenigstens eine beschränkte Anthropophagie erwähnt. ~Antonio Pigafetta~, der überlebende Reisegefährte des großen Seemanns und der Schilderer seiner Fahrten, berichtet nämlich[58]: „An einem Vorgebirge dieser Insel Buthuan und Callaghan (Busuagan und Calamianes?) erzählte man uns als eine zuverlässige Sache, daß an dem Ufer eines gewissen Flusses einige haarigte große Männer wohnten, die sehr tapfer mit Bogen und hölzernen Degen einer Hand breit stritten; und wenn sie einige ihrer Feinde getötet hatten, sogleich das Herz roh mit Pomeranzen- und Citronensaft fräßen. Diese haarigten Menschen heißen Benaian“.

Den Namen Benaian finden wir wieder in Cap Benuian, der Nordspitze der Insel Mindanao, und es ist erlaubt, hierbei an den Stamm der Manobos zu denken, ein heidnisches malayisches Volk an der Ostküste von Mindanao. ~Semper~[59] erzählt nämlich von ihren nächtlichen Überfällen und fügt hinzu: „Ist der Feind glücklich niedergeworfen und getötet, so zieht der anführende Bangani (Priester) ein heiliges, nur diesem Dienste geweihtes Schwert, öffnet der Leiche die Brust und taucht die Talismane des Gottes, die ihm um den Hals hängen, in das rauchende Blut ein. Dann reißt er das Herz oder die Leber heraus und verzehrt ein Stück davon, als Zeichen, daß er nun seine Rache an dem Feinde befriedigt habe. Dem gemeinen Volk wird es nie gestattet, Menschenfleisch zu kosten; es ist das Vorrecht, aber auch die Pflicht des fürstlichen Priesters.“

Desgleichen giebt ~Jagor~[60] uns Nachrichten, welche wenigstens das sporadische Vorkommen der Anthropophagie auf den Philippinen annehmbar erscheinen lassen. Er erzählt, daß fast in jedem größern Dorfe auf Samar und Leyte unter den Bisaya-Indiern ein oder mehrere Asuán-Familien wohnen, „die allgemein gefürchtet und gemieden, wie Ausgestoßene behandelt werden und sich nur unter einander verheiraten können. Sie stehen im Rufe Menschenfresser zu sein. Vielleicht stammen sie von solchen ab? -- Der Glaube ist sehr allgemein und festgewurzelt. Darüber zur Rede gestellt, antworten alte einsichtsvolle Indier, sie glaubten allerdings nicht, daß die Asuánen jetzt noch Menschen fräßen, aber ohne Zweifel hätten ihre Vorfahren es gethan“.

Im Zusammenhang mit der bekannten Kopfjägerei, und Rachsucht als Beweggrund zeigend, steht eine kannibalische Gewohnheit des Stammes der Gaddanen auf Luzon. Nach Dr. ~José de la Campa~ entnehmen sie den abgeschlagenen Köpfen ihrer Feinde das Gehirn, um es zu verzehren.[61] Die prähistorische Analogie für diese Art der Anthropophagie scheint -- bevor letztere bekannt war -- in den Höhlenbewohnern von Gourdan (Pyrenäen) durch ~Piette~ nachgewiesen.[62]

+Asiatisches Festland.+ Das asiatische Festland angehend, so kommen auch hier einzelne Berichte vor, welche diese oder jene Völkerschaft der Anthropophagie bezichtigen. Indessen hier kann es sich nur um einen Nachhall früherer Unsitte handeln, oder einen gelegentlichen Kannibalenschmaus aus Hungersnot. Vergebens aber sehen wir uns nach Zeugnissen um, welche gewohnheitsmäßige Anthropophagie bei einem asiatischen Volke -- die Batta ausgenommen -- heute bestätigen. Der Vollständigkeit halber wollen wir indessen hier anführen, was wir an Andeutungen gefunden haben. Staatsrat ~von Eichwald~ giebt an, daß noch im Jahre 1863 bei den Ostjaken infolge von Hungersnot das Verzehren von Kindern vorgekommen sei.[63] Derselbe will auch die Samojeden des Kannibalismus bezichtigen, da der Name derselben sich aus dem Russischen sehr gut als „Selbstesser“ erklären läßt. Indessen bemerkt ~Fr. Müller~[64] mit Recht, daß dieser Name der Volksetymologie zu Liebe aus Samod entstanden sein dürfte, mit welcher Bezeichnung noch gegenwärtig um Archangel die Samojeden von den Russen bezeichnet werden. Er ist wahrscheinlich mit dem Namen Suomi (Finne) und Same (Lappe) verwandt und datiert aus der Zeit, wo Finnen, Lappen und Samojeden in unmittelbarer Nähe zusammenwohnten. Die Kaschmiris berichten, daß die Darden Anthropophagen seien, und ein Dardenstamm sagt dies dem andern nach, wiewohl dies nach ~Leitner~ unbegründet ist; doch soll unter ihnen das Trinken des Blutes vom Feinde vorkommen.[65]

Auf Hörensagen beruhen die Angaben des Mönchs ~Rubruk~ (~Rubruquis~, ~Ruysbroek~), daß bis zu seiner Zeit (13. Jahrh.) die Bewohner von Tebec (Tibet) die abscheuliche Sitte gehabt haben sollen, die Eltern nach dem Tode zu verzehren, sie seien deshalb von den Nachbarn verabscheut worden.[66]

[45] I viaggi di Marco Polo. Ausgabe von ~Lodovico Pasini~. Venezia 1857. 157.

[46] Purchas His Pilgrims. The Third Part. London 1625. 128. -- Was ~Odoardo Barbosa~ (1516), ~Beaulieu~ (1622), ~de Barros~ (1558) u. a. über die Anthropophagie der Batta sagen, mag nachgelesen werden in ~J. R. Forster~ und ~M. C. Sprengel~: Beiträge zur Völker- und Länderkunde. Leipzig 1783. III, 298.

[47] Beschreibung der Insel Sumatra. Leipzig 1785, 387.

[48] Account of Sumatra. Philosophical Transactions vol. LXVIII. I. 1778. 161.

[49] ~Franz Junghuhn~, die Battaländer auf Sumatra. Berlin 1847. II. 155 ff.

[50] Die ostasiatische Inselwelt. Leipzig 1868. II. 45 f.

[51] Reisen im ostindischen Archipel. Aus dem Englischen. Jena 1869. 323. 337. 338. 339.

[52] ~Bickmore~ a. a. O. 323.

[53] Allgemeine Ethnographie. Wien 1873. 295.

[54] ~Pigafetta~, Erste Reise um die Welt. In ~M. C. Sprengel~ „Beiträge zur Völker- und Länderkunde“. Vierter Teil. Leipzig 1784. 138. 139. 141.

[55] ~Spenser St. John~, Forests of the far east. I. 123. 124.

[56] ~C. Bock~, Unter den Kannibalen auf Borneo. Jena 1882. 152. 153.

[57] ~Albert S. Bickmore~ a. a. O. 70.

[58] ~Pigafetta~ a. a. O. 110.

[59] Dr. ~C. Semper~, Die Philippinen und ihre Bewohner. Würzburg 1869. 62.

[60] ~F. Jagor~, Reisen in den Philippinen. Berlin 1873. 236.

[61] Mitteilungen der Wiener anthropologischen Gesellschaft. Verhandlungen 1884. 53.

[62] Oben S. 4.

[63] Archiv für Anthropologie. III. 333.

[64] Allgemeine Ethnographie. 337. Anmerkung.

[65] Dr. ~G. W. Leitner~, Results of a tour in Dardistan etc. Vol. I. Part. III. 9. Anmerkung. Lahore 1873.

[66] Recueil des voyages publié par la Société de Géographie. Paris 1839. IV. 289.

+Afrika+.