Chapter 6 of 10 · 3907 words · ~20 min read

Part 6

+Neu-Hebriden.+ ~Cook~ und seine Begleiter, welche nicht „so lieblos“ sein wollten, die Bewohner der Neu-Hebrideninsel Tanna auf eine bloße Vermutung hin der Anthropophagie zu beschuldigen, wurden verhindert, in das Innere der Insel vorzudringen, wobei man ihnen andeutete, man würde sie, falls sie weiter vorwärts gingen, fressen. „Sie deuteten durch Zeichen sehr verständlich an, daß sie einen Menschen zuerst totschlügen, hierauf die Glieder einzeln ablöseten und dann das Fleisch von den Knochen schabten. Endlich setzten sie die Zähne an den Arm, damit uns gar kein Zweifel übrig bleiben sollte, daß sie wirklich Menschenfleisch äßen.“[160] Und noch wiederholt geschah während der Anwesenheit des Entdeckers dasselbe, so daß schon damals kein Zweifel darüber herrschen konnte, die Bewohner von Tanna seien Anthropophagen. ~G. Forster~, nach dem Grunde forschend, ruft dann aus: „Gemeiniglich pflegt man dieselbe dem äußersten Mangel an Lebensmitteln Schuld zu geben; allein was für einer Ursache will man sie hier beimessen, wo das fruchtbare Land seinen Einwohnern die nahrhaftesten Pflanzen und Wurzeln im Überfluß und nebenher auch noch zahmes Vieh liefert? Wohl ungleich wahrscheinlicher und richtiger läßt sich diese widernatürliche Gewohnheit aus der Begierde nach Rache herleiten.“[161]

Die Neu-Hebriden-Bewohner sind, wie die übrigen Melanesier, bis zu dieser Stunde greuliche Kannibalen. Der Missionar ~George Turner~, der lange auf Tanna lebte, bemerkt von den dunkelfarbigen Eingeborenen: „Wenn der Körper eines Feindes erhalten wird, richtet man ihn für den Ofen her und serviert ihn bei der nächsten Mahlzeit mit Yams. Es kann darüber kein Zweifel herrschen. Sie sind ganz erpicht auf Menschenfleisch und verteilen es in kleinen Bissen weit und breit unter ihre Freunde als eine köstliche Speise. Ich erinnere mich eines Tages mit einem Eingeborenen darüber gesprochen zu haben und versuchte, ihm die Sache vergeblich zuwider zu machen. Er nahm alles mit herzlichem Lachen auf und antwortete: ‚Schweinefleisch ist gut für Sie, dies aber paßt für uns,‘ und indem er mich wie durch die That überzeugen wollte, biß er in seinen Arm und schüttelte ihn, als ob er mit den Zähnen ein Stück herausbeißen wollte. Auf anderen Inseln ist es anders, doch auf Tanna ziehen kannibalische ‚Kenner‘ einen schwarzen Mann einem Weißen vor. Der letztere, sagen sie, schmecke ‚salzig‘. Sie betrachten alles, was ihnen in den Weg kommt, als ‚Fisch‘, wie die Niedermetzelungen weißer Männer gezeigt haben.“[162]

Wie auf Tanna, so liegen die Verhältnisse auf den übrigen Eilanden der Neu-Hebriden, auf Erromango[163], Malikollo, Espiritu Santo. Von dieser nördlichen Insel haben wir einen den Kannibalismus bestätigenden Bericht des dort wohnenden Missionars ~John Goodwill~, der vom 24. Juni 1873 datiert ist.[164] Es herrschte einer der häufigen Kriege unter den Eingeborenen. „Der zwei Miles von meiner Station wohnende Häuptling tötete fünf ‚Buschleute‘ und verteilte sie unter die uns befreundeten Dorfbewohner, damit sie sich daran ergötzen möchten. Ich that alles, was in meiner Macht stand, sie davon abzuhalten und erklärte ihnen, wie abscheulich der Kannibalismus sei. Ihre ständige Antwort aber war: Es waren Ihre Feinde, die Sie zu töten und auszuplündern suchten; sie stahlen Ihre Hühner, zerbrachen Ihre Fenster, Möbel u. s. w. und das ist Grund genug, sie zu töten und zu verzehren.“

Auch der Schweizer ~O. Rietmann~, welcher die Neu-Hebriden besucht hat, bemerkt nach den Angaben dortiger Missionare, daß die Eingeborenen von Mallicolo arge Kannibalen seien. Während er sich auf Deck die Hände wusch, kam ein Schwarzer grinsend auf ihn zu, ergriff seinen Arm und gab zu verstehen, daß der gut zu essen sei. Sein Geberdenspiel und das mehrfach wiederholte Wort kaikai, daß in den meisten Dialekten der Gruppe „essen“ bedeutet, zeigten genügsam an, wonach ihn gelüstete. „Wenn, sagt ~Rietmann~, unter den Eingeborenen Australiens manche Stämme Kannibalen sind, so erklärt sich das. Die Natur hat sie nur karg mit Nahrung aus dem Tier- und Pflanzenreiche beschenkt und man begreift, daß solche Wilden ihre Zuflucht zu Menschenfleisch nehmen. Aber auf den von der Natur geradezu beglückten Inseln der Südsee bringt die Natur nahrhafte und wohlschmeckende Pflanzen in Fülle hervor: Yams, Taro, Brotfrucht, Bananen und viele andere; den Eingeborenen stehen Schweine, Vögel und Fische zu Gebote, und doch sind sie auf manchen Eilanden die eingefleischtesten Kannibalen.“[165]

Noch einige Nachrichten finden wir bei ~Eckardt~.[166] Nach ihm ward auf Aneityum 1853 der letzte Mensch gefressen; an den Küsten derjenigen Inseln, wo häufig Europäer verkehren, ist die Anthropophagie verschwunden, doch im Innern dauert sie fort; so bei den Ermama Kararei, den Buschleuten, auf Tanna. Das Schiff Rosario konstatierte 1871 beim Besuche Espiritu Santos noch unverblümte Vorliebe für Menschenfleisch. Auf Vaté dagegen liefert man die im Kriege Erschlagenen den Verwandten gegen eine Anzahl Schweine aus.

+Neu-Caledonien.+ Als ~Cook~ 1774 Neu-Caledonien entdeckte, erkannte er die seitdem festgestellte Anthropophagie der Eingeborenen nicht, ja er erzählt sogar eine Geschichte, wie die Insulaner sich erstaunt und angeekelt von den Matrosen abgewendet hätten, welche einen Rinderknochen benagten, wobei sie nicht undeutlich zu verstehen gaben, daß sie glaubten, jene nagten an Menschenknochen, da ihnen größere Säugetiere völlig unbekannt waren.

Alle späteren Reisenden und namentlich die auf Neu-Caledonien angesiedelten Franzosen bestätigen dagegen den ausgedehnten Kannibalismus der schwarzen Eingeborenen. Der Schiffsarzt ~Rochas~ sagt trocken, wenn auch nicht ganz richtig: _L’anthropophagie est purement alimentaire chez les Néo-Calédoniens._ Sie führen Krieg aus keinem anderen Grunde als um sich Fleisch zu verschaffen, da in ihrem Lande von Säugetieren nur eine Fledermausart vorkommt, die nicht eßbar ist. Nach dem Kampfe werden die wenigen Toten in Stücke zerhackt und unter die Häuptlinge verteilt. Die Neu-Caledonier ziehen das Fleisch ihrer Landsleute demjenigen der Europäer vor, da letzteres ihnen zu salzig schmeckt. Daß die Häuptlinge allein das Recht haben die Körper der Feinde zu verzehren beruht auf angemaßtem Privileg; sie verteilen dann das erhaltene Fleisch in ihren Familien.[167] Völlig beglaubigt ist der Fall, daß im Jahre 1850 fünfzehn Mann von der Besatzung des französischen Kriegsschiffs Alcmène von den Neu-Caledoniern erschlagen und verzehrt wurden.[168]

Noch weit eingehender spricht sich der Ingenieur ~Jules Garnier~ über den Kannibalismus aus. Sein Besuch Neu-Caledoniens fällt in das Jahr 1864, er hat vortrefflich darüber geschrieben und wiederholt mit eigenen Augen die Kannibalenschmausereien gesehen.[169] Die Gegend, in welcher er beobachtete, ist der Distrikt von Houagap an der Nordostküste, wo von befreundeten Eingeborenen sehr häufig den französischen Postenkommandanten das Fleisch von erlegten Feinden angeboten wurde. ~Garnier~ wohnte einem Pilufeste des Widustammes bei, der die französische Herrschaft anerkannt hat. Im Schein des Feuers sah er zwölf Häuptlinge sitzen, zwischen denen auf Bananenblättern Stücke gebratenen Menschenfleisches mit gekochten Yams und Tarowurzeln lagen. Es waren die Leichen der im Kampfe erschlagenen Feinde, welche das Material zu dem gräßlichen Mahle geliefert hatten. Folgen ekelhafte Einzelheiten, die wir hier übergehen.

~Garnier~ hat sich die Frage vorgelegt, wie die Neu-Caledonier und die Melanesier überhaupt zu der gräßlichen Sitte gelangt sind und teilt uns ein Gespräch mit, das er darüber mit einem Neu-Caledonier geführt hat. Dieser erklärte die Sache damit, daß die Europäer andere und bessere Speisen hätten; für die Neu-Caledonier aber sei Menschenfleisch das beste. Das wäre also eine physiologische Entschuldigung der Unsitte. Übrigens benutzte man nicht bloß erschlagene Feinde und Kriegsgefangene, sondern auch Übelthäter zum Verzehren; letztere wurden auf Befehl des Häuptlings getötet. Ferner wurden alte Leute und zwar mit ihrer Genehmigung den Göttern geopfert und gegessen. Endlich sollen nach ~Garnier~ auch mißgestaltete Kinder von ihren eigenen Eltern geschlachtet und gefressen werden.

Auch der Missionar ~X. Montrouzier~, welcher zwanzig Jahre auf Neu-Caledonien zugebracht hat, ist in der Lage gewesen sehr eingehend über die dortige Anthropophagie zu berichten. Die Insel ist in zwei große Conföderationen gespalten, die der Ot und die der Wawap. Die Kriege zwischen beiden werden bis aufs Messer geführt und diejenigen, welche in der Schlacht fallen, werden von den Siegern verzehrt, deren Erfolg nicht als vollständig gilt, wenn sie sich nicht die Leichen der Feinde verschaffen können. Alte Rivalität, bei dem geringsten Anlasse erneut, führt zu diesen Kriegen, die man außerdem zu bestimmten Zeiten unternimmt. So pflegte der zu den Ot gehörige Stamm der Puebo alle fünf Jahre den zu den Wawap gehörigen Stamm der Balade zu überfallen.

Abgesehen von den Kriegen haben die Neu-Caledonier noch andere Mittel sich Leichen für den Ofen zu verschaffen. Dahin gehört zunächst die Anklage wegen Zauberei und jeder, der einmal angeklagt wird, ist sicher, auch geopfert zu werden, denn Anklage und Verurteilung sind eins. Die Häuptlinge pflegen hiervon reichlichen Gebrauch zu machen.

Auch bei den Festlichkeiten verschafft man sich Menschenfleisch, indem man einen oder mehrere der geladenen Gäste tötet. Der Häuptling bestimmt seinen Vertrauten das Schlachtopfer; ein plötzlicher Tumult wird erregt und der Betreffende dabei erschlagen, nur um das nötige Fleisch zum Feste zu liefern. Die Häuptlinge töten oft ihre eigenen Untertanen, um sich Fleisch für Gäste zu verschaffen, wofür ~Montrouzier~ verschiedene Beispiele anführt. Daß aber die Schlachtopfer vorher gemästet werden, bestreitet der Missionar auf das Entschiedenste.[170]

Wenn nun im Jahre 1873 ~Balansa~ von Neu-Caledonien schreibt: _Aujourd’hui heureusement cette horrible coutume a disparu de l’île_[171], so müssen wir dem leider das viel jüngere Zeugnis ~Moncelon~’s gegenüberstellen, welcher noch heute vorkommende Fälle von Anthropophagie erwähnt; namentlich werden Weiber weggefangen und verzehrt. Auch er führt teils Hunger, teils Rachsucht als Motive an.[172]

Auf den Loyalitätsinseln bei Neu-Caledonien haben wir das Aufhören der Anthropophagie den Missionaren zu verdanken. Trotz des Zwiespaltes, in den die Eingeborenen durch die einander feindlich gegenüberstehenden katholischen und protestantischen Missionare gerieten, ist dort ein Fortschritt zu bemerken gewesen, aber mit diesen eine totale Umwälzung unter den Eingeborenen hervorrufenden Fortschritten ist auch ihr Untergang besiegelt. Sie nehmen an Zahl stark ab. _L’idolatrie a disparu depuis peu d’années, et avec elle l’anthropophagie et tous les maux qu’elle entraîne. A des tribus indépendantes et en état de guerre presque permanent, guerres qui le plus souvent avaient pour enjeu la chair humaine, une religion toute de paix est venue._[173] So wie auf der Hauptinsel Lifu liegen auch die Verhältnisse auf den beiden kleinern Inseln Maré und Uea.

Noch 1845 fand ~Turner~ auf Maré den gräßlichsten Kannibalismus, der ganze Körper wurde in sitzender Stellung, die Beine zum Kinn heraufgezogen, im Ofen gebraten und so aufgetischt.[174]

+Fidschi-Inseln.+ Auf diesen, wo der Kannibalismus zu den sozialen Einrichtungen gehörte, hat derselbe wohl seinen höchsten Grad erreicht. Die Ursachen dafür sind auch dort verschiedener Art. Wir erkennen dieselben am besten, wenn wir dem Berichte des Missionars ~Thomas Williams~ folgen[175], der sich längere Zeit auf den Inseln aufhielt.

Daß nicht bloß Geschmack am Menschenfleisch die Insulaner zum Kannibalismus trieb, erkennt man daran, daß derselbe im Zusammenhang mit den Tempelbauten oder dem Stapellauf der Kähne vorkam. Menschen wurden als Walzen bei letzterem benutzt und dann den Zimmerleuten zur Speise übergeben. Das Deck der neuen Kähne wurde mit Menschenblut abgewaschen; wird der Mast zum ersten Male niedergeholt, so schlachtet man ebenfalls Menschen ab und verspeist sie. Hier liegt sicher ein abergläubisches Motiv zu Grunde: durch die Menschenopfer wollte man den Kähnen glückliche Fahrt verschaffen.

Daß die natürlichen Todes Gestorbenen verzehrt wurden, leugnet ~Williams~; man begrub dieselben stets. Auch die im Kriege Erschlagenen wurden nicht immer alle gefressen; denn die Leichen Hochstehender wurden davon zuweilen ausgenommen. Auch ist manchmal die Masse des vorhandenen Menschenfleisches zu groß, um verzehrt werden zu können, so daß man Stücke wegwarf. Im Jahre 1851 wurden einmal zu Namena fünfzig Kadaver gleichzeitig gekocht, es war Überfluß an Fleisch vorhanden, so daß man die Köpfe, Hände, Eingeweide wegwarf und nur das übrige verzehrte. Ist wenig Menschenfleisch vorhanden, so verzehrt man jedoch alles am Körper.

Wenn die Körper für den Ofen zugerichtet werden, so wird dieses durch einen besonderen Trommelschlag kund gethan. „Bakolo“, der für das Kannibalenmahl bestimmte Körper des Erschlagenen, wird unter bestimmten, von ~Williams~ mitgeteilten Gesängen und Kriegstänzen herangeschleppt, vor dem Häuptling niedergeworfen und von diesem dem Priester übergeben, um ihn dem Kriegsgott zu opfern -- woraus ein religiöses Motiv sich für diese Form des Kannibalismus ergiebt. Während der große Ofen geheizt ist[176], zerlegt ein Fleischer kunstgerecht den vorher gewaschenen Körper; die einzelnen Teile werden in Blätter gewickelt und dann auf die heißen Steine gelegt. Zuweilen werden die Kadaver auch ganz, in sitzender Stellung gebraten. Kocht man dagegen das Menschenfleisch, so löst man es vorher von den Knochen.

Wie sehr auch Rachsucht beim Kannibalismus dieser Insulaner das Motiv ist, erkennt man daraus, daß, als 1850 Tuikilakila seinen eigenen ihm feindlichen Vetter Ratu Rakesa besiegte, ersterer nicht zugab, daß der Leichnam des letzteren begraben wurde. Er ließ ihn dem Kriegsgott opfern und sprach dabei: „Wäre ich in seine Hände gefallen, so hätte er mich verzehrt; nun er mein ist, verzehre ich ihn“. Daß aber auch reine Genußsucht nach Menschenfleisch Beweggrund für die Anthropophagie ist, ergiebt sich aus folgendem abscheulichen Fall. Ein gewisser Loti ging mit seinem Weibe in die Taropflanzung, um dort zu arbeiten. Als das Werk gethan war, ließ er sie Holz holen, den Ofen heizen und einen Bambussplitter herbeibringen, um die Speise zu zerlegen. Nachdem sie gehorsam dieses ausgeführt, erschlug er das Weib, kochte und verzehrte er es, wobei ihm von einem Bekannten Gesellschaft geleistet wurde. Niemals hatte der Unmensch mit dem Weibe, mit dem er ruhig lebte, Streit gehabt. Schiffbrüchige verzehrt man regelmäßig, da der Glaube herrscht, das Meer habe sie nur darum nicht verschlungen, damit sie verspeist werden könnten.

Einzelne heidnische Häuptlinge verabscheuten allerdings den Kannibalismus und konnten nie dazu vermocht werden Menschenfleisch zu essen. Diese aber waren Ausnahmen von der Regel. Die Anthropophagie war weit verbreitet und Menschenfleisch galt als Delikatesse. Man raubte Menschen um sie zu fressen. Dabei wurde weder Alter noch Geschlecht verschont, Kinder wie Greise wanderten in den Ofen. Herz, Schenkel und Oberarm galten als die größten Leckerbissen, der Kopf war weniger beliebt.

Die Weiber aßen selten „Bakolo“ und einigen Priestern war es verboten. Auf der Insel Moala wurden sogar oft die Gräber geöffnet, um die Leichen daraus als Nahrung zu verwenden. Häuptlinge sandten zuweilen ihren Freunden Leichname als Geschenk in weite Entfernung. Während der Insulaner sonst alles Fleisch nur im durchaus frischen Zustande verzehrt, erregt ihm faulendes Menschenfleisch keine Abscheu. Gewöhnlich kocht man Menschenkörper allein und die Öfen und Töpfe, in denen sie zubereitet wurden, sind ebenso streng tabu wie die bei der Mahlzeit benutzten Schalen und Gabeln. Zuweilen dienen die Schädel der Opfer als Trinkschalen, aus den Schienbeinen macht man Nadeln zum Segelnähen. Der schrecklichste, bei der Anthropophagie vorkommende Brauch jener Insulaner, ist aber das vakototoga, die Tortur, wobei dem noch lebenden Feinde Stücken Fleisch vom Körper abgeschnitten, dann gekocht und vor seinen Augen verzehrt werden. ~Williams~ erzählt von einem Häuptling, der 900 Menschen verzehrt hatte, deren Zahl durch aufgestellte Steine bezeichnet wurde.

Während die Polynesier bis zur Zeit der Ankunft der Europäer die Töpferei nicht kannten, besaßen die Fidschi-Insulaner schon Töpfe und in diesen kochten sie ihre Speisen, zumal auch das Menschenfleisch. Noch mehr, sie bedienten sich auch der Gabeln, was um so mehr auffallen muß, als dieses Kulturinstrument selbst bei uns in Europa ziemlich späten Datums ist. Wir wissen, daß sie zu ihren Kannibalenmahlzeiten ganz besondere, aus Holz geschnitzte Gabeln gebrauchten, die als Erbstücke in den Familien sich erhielten und mit individuellen Namen belegt waren, wie denn die Gabel eines Häuptlings, der sich durch großen Kannibalismus auszeichnete, undro-undro hieß, d. h. „ein kleines Ding, das eine große Last trägt.“[177]

~Williams~, der durchaus glaubwürdige Missionar, sagt ausdrücklich, daß er in seinem Berichte alle Färbung vermieden habe und daß er das schauderhafte Bild durch Mitteilung mancher Einzelheiten noch düsterer habe gestalten können. Es wird anderweitig genügend bestätigt.

Wer sich für die scheußlichen Einzelheiten interessiert, die bei den Kannibalenmahlzeiten der Fidschi-Insulaner stattfinden, der möge den Bericht des englischen Matrosen ~John Jackson~ nachlesen, der 1840-42 freiwillig unter ihnen lebte.[178] Diese eingehenden und ausführlichen Berichte liegen allerdings vierzig und fünfzig Jahre zurück. Seitdem haben die Fidschi-Inseln, die jetzt britische Besitzung sind, auch eine europäische Bevölkerung, wenigstens an ihrem Rande und auf den kleinen Eilanden erhalten: der 1883 verstorbene König Thakombau war Christ geworden, die Missionare sind thätig und die Anthropophagie hat abgenommen. Aber ganz ausgerottet ist sie noch keineswegs, und der Insulaner, der heute als guter Christ erscheint, kann morgen, wenn Gelegenheit sich bietet, wieder plötzlich in die alte Gewohnheit zurückverfallen. Fälle von Kannibalismus sind nicht ganz selten und man darf die Insulaner noch zu den Anthropophagen rechnen. Im Juli 1867 verließ der zu Mbau angesiedelte wesleyanische Missionar ~T. Baker~ nebst mehreren Gefährten, trotz verschiedener wohlgemeinter Warnungen, seine Station, um im Innern von Viti Levu bei dem Stamme der Navosa das Christentum zu predigen: Er wurde erschlagen und verzehrt.[179] Glücklicher passierte dieselbe Stelle zwei Jahre vorher Dr. ~Eduard Gräffe~, der über den Kannibalismus, wie er gegenwärtig auf den Fidschi-Inseln herrscht, bemerkt, daß wesentlich der Geschmack am Menschenfleisch dort die noch nicht ganz ausgerottete Anthropophagie begründe.[180]

Indessen haben wir doch gesehen, daß außer der reinen Gourmandise, welche allerdings bei den Fidschi-Insulanern in Bezug auf Menschenfleisch nicht geleugnet werden kann, noch anderweitige Beweggründe der Anthropophagie auf diesen Inseln herrschte. Auch ~Erskine~[181] berichtet, daß die erschlagenen Feinde den Göttern geweiht wurden, bevor man sie fraß.

Die Weihung der zu Fressenden den Göttern, das Tabu, welches dabei über manche Gegenstände ausgesprochen war, beweisen den ursprünglich religiösen Beweggrund der Anthropophagie, wozu dann noch Rachsucht sich gegen den erschlagenen Feind gesellt, die schließlich in Feinschmeckerei und gewohnheitsmäßigen Menschenfleischgenuß überging. So haben wir eine völlige Skala.

Ein furchtbarer Ausbruch des Kannibalismus, der wie eine Seuche ganze Distrikte erfaßte und an dem auch bereits „bekehrte“ Stämme Teil nahmen, fand im Jahre 1873 statt. Besonders waren die Kannibalen, die Alles mordeten und fraßen, was ihnen unter die Hände kam, darauf erpicht, „einen Jehovapriester zu fressen“, was ihnen indessen nicht gelang. Die Einzelheiten schildert der zu Rewa angesessene Missionar ~A. J. Webb~.[182]

+Sandwich-Inseln.+ In Melanesien, wo die Anthropophagie bis auf unsere Tage herrscht, scheint dieselbe den Höhepunkt erreicht zu haben; in Polynesien dagegen ist sie heute bis auf geringe Reste verschwunden. Der Einfluß der Missionare hat hier durchgreifend gewirkt, er konnte dieses um so mehr, als bereits im verflossenen Jahrhundert die Entdecker jene Unsitte im Absterben begriffen sahen. Daß sie aber einst allgemein über Polynesien verbreitet war, darf nicht bezweifelt werden.

Da ~Gerland~ eine sehr große Anzahl von Belegstellen für den Kannibalismus der Polynesier zusammengestellt hat[183], so können wir uns hier etwas kürzer fassen.

Auf den Hawaiischen Inseln war wohl schon zu ~Cook~s Zeiten die Menschenfresserei in der Abnahme begriffen, ja man schämte sich derselben. Daß Teile von ~Cook~s Leichnam selbst verzehrt worden seien, wie wohl angegeben wurde, ist noch neuerdings von Dr. ~Winslow~ eingehend widerlegt worden, der überhaupt die Sandwich-Insulaner von der Anthropophagie freisprechen möchte.[184] Letzteres ist indessen ein vergebliches Beginnen, indem, nach ~Forster~, die Hawaier selbst erzählten, daß ihre Vorfahren Kannibalen gewesen seien; als ein Rest der Anthropophagie muß auch angesehen werden, daß der König bei seiner Einweihung that, als ob er das ihm dargereichte linke Auge eines geopferten Menschen verschlinge. ~John Turnbull~, der in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts die Südsee durchkreuzte, bemerkt dieses und glaubt überhaupt, daß zu seiner Zeit noch Anthropophagie vorkam. Er fand den Spucknapf des Königs mit den Zähnen erschlagener Feinde ausgelegt.[185] Durch das Verzehren des linken Auges glaubte man die Kraft des Herzens des Opfers in sich aufzunehmen.

+Markesas-Inseln.+ Ist, wie von anderen polynesischen Eilanden, auch die Anthropophagie der Eingeborenen der Markesas-Inseln geleugnet worden, so kann daran doch keineswegs gezweifelt werden, wenn auch ein allmähliches Eingehen des Kannibalismus daselbst beachtet wurde, so daß derselbe gegenwärtig fast erloschen ist. Bemerkenswert bleibt, daß die Weiber sich an den Kannibalenschmausereien ebensowenig wie die Kinder beteiligen durften. Allgemein ausgeübt wurde sie nur im Kriege, wo man namentlich Augen und Herz, letzteres roh, verschlang. Von den Menschenopfern durften nach ~Ellis~ außer den Priestern nur Häuptlinge und Greise essen.

~Camille de Roquefeuil~, ein französischer Seemann, welcher 1817 auf den Markesas-Inseln des Sandelholzhandels wegen war, fand damals die Anthropophagie noch in voller Blüte. Sein Gewährmann war ein lange Zeit auf den Inseln ansässiger Engländer Namens ~Ross~, der ihm berichtete, wie 1815 noch die ganze Mannschaft eines europäischen Bootes von den Einwohnern Wahitoas niedergemetzelt und verzehrt wurde. In viele feindliche, sich stets untereinander bekriegende Parteien getrennt, rieben sich die Insulaner untereinander auf. Die Leichen der erschlagenen Feinde sowie die Kriegsgefangenen wurden regelmäßig verzehrt und es gab nur eine Ausnahme von dieser Regel, nämlich dann, wenn die Priester im Namen ihrer Eatuas (Götter) dagegen einkamen. Gewöhnlich rettete diese Weihung das Leben des Gefangenen nicht, aber er wurde wenigstens nicht gefressen und man beerdigte ihn bei den Hütten, wo die Fetische in die Erde verscharrt waren.[186]

Berichte aus der jüngsten Zeit, welche die Anthropophagie der Markesaner bestätigen, sind folgende. Dem Irländer ~Lamont~, der 1852 als Geschäftsmann Nukahiwa besuchte, wurde in der Hanapae-Oao-Bucht von den Eingeborenen ein Ofen gezeigt, welcher kurz vorher erbaut war, um einen weißen Ansiedler zu braten, weil er einen der Ortshäuptlinge erschlagen.[187]

Im Jahre 1872 unternahm die französische Fregatte „La Flore“ eine Expedition nach verschiedenen Inseln der Südsee und besuchte auch die Markesas. Berichte von dieser Reise hat der Schiffsfähnrich ~Julien Viaud~ veröffentlicht und in einem derselben sagt er: Die Anthropophagie ist auf Nukahiwa seit mehreren Jahren erloschen und herrschte jetzt nur noch auf der Nachbarinsel Hivaoa (Dominica).[188] Noch neuer ist der Bericht ~Clavel~s. Dieser hält es für ausgemacht, daß die Anthropophagie auf den Markesas nicht in der Vorliebe für den Genuß von Menschenfleisch, sondern nur in der Befriedigung der Rachsucht begründet sei. Seine Anschauung begründet er durch folgende Beispiele: Vor wenigen Jahren wurde ein verstümmelter Leichnam gefunden; infolge der deshalb angestellten Untersuchung stellte sich heraus, daß die Mörder kleine Stückchen vom Fleisch des Ermordeten in Zündholzschachteln mit sich genommen und zwischen ihrer Nahrung genossen hatten. Ein Häuptling von Hatihéu, der seine Schwiegermutter verzehrt hatte, gab auf ~Clavel~s Frage, ob sie gut geschmeckt habe, eine abweisende Antwort. Jetzt ist die Anthropophagie dort so gut wie erloschen.[189]

+Paumotu.+ Ursprünglich sind alle Bewohner der Paumotu-Inseln Anthropophagen gewesen und auf den östlichen sind sie es noch jetzt, was ihren Zusammenhang mit den Rarotongern (Hervey-Gruppe) beweist, bei denen das Menschenfressen allgemein geübt wurde; auf den westlichen Inseln ist es aber schon vor der Einführung des Christentums durch den Einfluß der Tahitier unterdrückt worden.[190] Auf dem östlich von den Niedrigen Inseln gelegenen +Rapanui+ (Osterinsel) _cannibalism was practised four or six years since_ (1862 oder 1864); _some Spaniards were eaten_.[191]

+Gesellschaftsinseln.+ ~Meinicke~ nimmt an, auf Tahiti sei die Anthropophagie niemals Sitte gewesen.[192] Indessen da alle übrigen polynesischen Inseln sie kannten und teilweise noch kennen, so wird auch Tahiti keine Ausnahme gemacht haben, wenn auch der Kannibalismus dort zur Zeit der Entdecker schon in den letzten Zügen lag. Nur um zu prahlen, verschlangen dort einige Leute ein paar Bissen Rippenfett wie ~Cook~ und ~Ellis~ bezeugen, und das Darreichen des Auges eines Geopferten war hier so gut Sitte wie auf den Sandwich- und Samoa-Inseln. ~Wilson~ berichtet darüber folgendermaßen: Motuaro, das Oberhaupt von Eimeo, leistete dem jungen Könige (Pomare, Otu), der auf den Schultern eines Mannes getragen wurde und von allen seinen Vornehmen umgeben war, seine Huldigung. Er brachte von Eimeo drei Menschenopfer, der Priester höhlte von jedem ein Auge aus und reichte es auf einem Pisangblatte dem Oberherrn dar. Zugleich hielt er dabei eine feierliche Rede; die toten Körper wurden hierauf fortgetragen und im Morai begraben. Dieselbe Ceremonie wurde hernach von einem jeden Oberhaupte oder Fürsten der verschiedenen Distrikte wiederholt. Einige brachten ein, andere zwei Menschenopfer; sie waren an einem langen Pfahl befestigt und wurden nach Überreichung des Auges beerdigt.

„Man erklärte die grausamen Opfer auf folgende Art: der Kopf wird für heilig gehalten, und das Auge für dessen kostbarsten Teil. Dies wird daher dem Könige, als des Volkes Haupt und Auge, überreicht. Bei der Überreichung des Auges sperrt der König den Mund auf, +als ob er es verschlingen wolle+. Hierdurch glauben sie, erhalte er großen Zuwachs von Weisheit und Klugheit; auch glauben sie, daß ein Schutzgott bei dieser Feierlichkeit zugegen sei, das Opfer annehme und durch Mitteilung von mehr Lebenskraft die Seele des Königs stärke.“[193] ~Ellis~ erzählt Kannibalengeschichten von der kleinen westlich von Tahiti gelegenen Insel Tapamanoa.[194]