Chapter 8 of 10 · 3934 words · ~20 min read

Part 8

+Centralamerika.+ Im September des Jahres 1528 hielt, wie ~Oviedo~ uns berichtet, der Fray ~Francisco de Bobadilla~, ein großes Examen mit den Indianern Nicaraguas ab, um die Natur ihrer Religion zu ergründen. Es waren Leute vom Stamme der Niquirans, wahrscheinlich mexikanischen Ursprungs, die ihm die vorgelegten Fragen beantworteten. Quiateot war der Regengott und auf des Priesters Frage, wie er veranlaßt würde, daß es regne, antworteten die Indianer: „Wir gehen in seinen Tempel und opfern ihm einige junge Kinder. Nachdem wir diesen die Köpfe abgeschnitten haben, besprengen wir mit deren Blut die Bildnisse und Steinidole in dem Hause der Götter, das in unsrer Sprache Teobat heißt.“ Frage des Priesters: „Was beginnt ihr mit den Körpern der Geopferten?“ -- Antwort der Indianer: „Diejenigen der Kinder begraben wir; die der Männer werden von den Kaziken und Häuptlingen verzehrt, doch nicht von dem übrigen Volke.“ Hiernach wurden also auch Männer geopfert, die in der ersten Antwort nicht erwähnt sind. Die Weiber waren von allen Dingen, welche die Tempel anging, ausgeschlossen und doch wurden auch ihre Körper in den Tempeln geopfert, indessen die Abschlachtung erfolgte im Vorhofe. Das Fleisch der Weiber wurde aber niemals angerührt, da sie in religiösen Dingen für unrein galten. Schlachtopfer waren aber nur Sklaven und Kriegsgefangene.[218]

+Peru.+ Wenn wir ~Antonio de Herrera~ Glauben schenken dürfen, so wurde der Kannibalismus auch von den Eingebornen am Cauca, im heutigen Columbia, in einer schauderhaften Weise ausgeübt; der Bericht ist jedenfalls übertrieben, wie ~Herrera~ denn gern in seinem Werke über Westindien Märchen einfließen läßt. Er sagt nämlich[219]: „Das Volk des Landes ist so fleischermäßig, daß die Lebendigen das Grab der Toten sind; denn es ist gesehen worden, daß der Mann sein Weib ißt, der Bruder den Bruder oder die Schwester, der Sohn den Vater, und wenn sie einen Gefangenen gemästet haben, so holen sie ihn an dem Tage, an dem er gefressen werden soll, mit mancherlei Gesängen herbei, und der Herrscher befiehlt, daß ein Indianer ihm jedes Glied abschneiden muß, und so fressen sie ihn bei lebendigem Leibe. Nach der Aussage der Einwohner von Arma haben sie mehr als achttausend Indianer verzehrt, und einige Spanier haben diese Qual auch ausgestanden.“

Wir erwähnen diese Erzählung des ~Herrera~ nur, weil sie uns geeignet erscheint, den Übergang zu der Anthropophagie der Inkaperuaner zu machen. Denn sowie bei dem hochstehenden Volke auf der Hochebene von Anahuac Menschenopfer und Kannibalismus herrschten, so kamen sie auch in Peru vor. ~Garcilasso de la Vega~ entwirft ein abschreckendes Bild von der Wildheit der ältesten Urbewohner Perus vor dem Auftreten der Inkas, indem er die Opferfeste beschreibt, bei denen Menschen zu Tode gemartert und gefressen wurden. Selbst unter den Inkas hatten die Peruaner diese blutige Sitte noch, obgleich dieses traurige Erbteil einer barbarischen Vorzeit unter einer humaneren Regierung schon vor der Ankunft der Europäer mehr und mehr in Vergessenheit geraten war.[220]

+Gebiet des Amazonas.+ Auf den Antillen (abgesehen von rückfälligen Negern), in Mexiko, im Gebiete der Cordilleren ist unzweifelhaft heute die Anthropophagie erloschen. Dagegen ist sie, was man mit Unrecht bezweifelt hat, noch weit in den Tiefebenen Südamerikas, zumal bei den umherstreifenden Horden im Gebiete des Amazonas und seiner Nebenflüsse vertreten. Zu den Zweiflern gehört in erster Linie der verdiente ~Eduard Pöppig~, welcher von den am Ostabhange der Anden lebenden Indianervölkern bemerkt: „Der ungewöhnliche Grad von Bildungsfähigkeit der meisten den Anden näher lebenden Stämme wird wohl am besten durch die Thatsache bewiesen, daß vor kaum 150 Jahren noch unter ihnen Gewohnheiten herrschten, die sie der Anthropophagie dringend verdächtig machten. Wenn man mit allem Ernste annimmt, daß dergleichen Völker die niedrigsten und wildesten sind, so ist es um so mehr Beweis ihrer guten Anlagen, wenn die Zucht der Europäer sie in ungewöhnlich kurzer Zeit von ihren Lastern zu entwöhnen und bis zu einem unverhältnismäßig hohen Grade zu civilisieren vermag“.[221] Andere, wie ~Azara~, haben die Anthropophagie der Südamerikaner ganz ableugnen, und alles darüber gesagte den sensationsbedürftigen Übertreibungen der Eroberer und Missionare zuschreiben wollen.[222] Die Thatsachen indessen beweisen, daß noch heute im östlichen Peru Menschenfresser wohnen, und daß mit Nichten anthropophage Völker zu den „wildesten und niedrigsten“ gehören. Im Gegenteil, wenn auch nicht immer, nehmen gerade diese sehr häufig eine höhere Stufe als ihre Nachbarn ein, die der Menschenfresserei nicht ergeben sind. Unter den neueren ist es ~Woldemar Schultz~, welcher, mit philanthropischem Blicke auf die südamerikanischen Indianer schauend, deren Anthropophagie in der Gegenwart in Abrede zu stellen versucht.[223]

Diesem gegenüber haben wir festzustellen, daß bei den auf tiefer Gesittungsstufe stehenden Jagd- und Fischernomaden des südamerikanischen Kontinentes, zumal bei den schwachen Horden, die verborgen in den Urwäldern am Amazonas und seinen Nebenströmen hausen, die Anthropophagie noch jetzt eine sehr verbreitete ist. Bei der atomistischen Zersplitterung dieser Völkerschaften kann nicht die Rede davon sein, alle einzeln in ihrer Beziehung zur Anthropophagie hier aufzuführen, doch genügt wohl eine Anzahl aus der Menge hervorgegriffener Beispiele. ~Karl Friedrich Philipp von Martius~ hat uns bewiesen, daß die physiologische Entschuldigung für die Anthropophagie bei den südamerikanischen Indianern in Wegfall kommt. „Nur selten, sagt er, verfällt der Mensch in diesen fruchtbaren und fischreichen Gegenden einem Hunger, der ihn zwänge, auf seines gleichen wie auf ein zahmes Wild Jagd zu machen. Die weibliche Bevölkerung ist mit so instinktivem Fleiße dem Anbau von Nährpflanzen und der Mehlbereitung ergeben, daß es nicht leicht zu jener Extremität des Hungers kommt. Aber außer allen übrigen Veranlassungen zu Streit und Krieg zwischen den Söhnen des Waldes, reizt ihn die Aussicht seine Gefangenen vorteilhaft zu verkaufen, zu fortwährenden Kämpfen und ein bei dieser Veranlassung getöteter Widersacher wird als Edelwild, das sich zur Wehre gesetzt hat, wie im Triumph verspeist. Es ist also weder dringender Hunger noch Nationalhaß, sondern Berechnung einer seltenen, leckeren, den rohen Stolz befriedigenden Mahlzeit, in gewissen Fällen vielleicht auch Blutrache und Aberglauben, was diesen Wilden zum Kannibalen macht. In der Kette ungünstiger Verhältnisse, welche ihn in seiner Entmenschung erhalten, ist die Anthropophagie eines der mächtigsten Glieder. Von allen tierischen Zügen in der sittlichen Physiognomie des Menschen ist sie der tierischste und obgleich sie ehemals vielleicht bei allen Völkerschaften Brasiliens im Schwange ging, ist sie doch gegenwärtig bei den meisten verabscheut. Die europäische Kultur kann sich rühmen erfolgreich gegen diese entmenschte Sitte angekämpft zu haben“.[224]

Die Kaschibos am Ucayale, denen wir uns zuerst zuwenden, haben wahrlich keinen Mangel an Wild, und der Fluß liefert ihnen Fische und Schildkröten in Menge, dessenungeachtet sind sie Kannibalen. Allerdings sind die Nachrichten darüber nicht immer bestimmt. _The Cashibos are said to be cannibals_ meint ~Herndon~[225], während Professor ~Raimondi~ angiebt, daß sie nur ihre Alten aus religiösen Gründen verzehren.[226] ~J. J. v. Tschudi~ dagegen behauptet, daß sie Kriege führten, um sich Gefangene zum Verzehren zu verschaffen. Auch Leute des eigenen Stammes verzehren sie, dagegen niemals Weiber, wie 1842 die Missionare von Ocopa aussagten, nicht etwa aus Rücksicht und Schonung, sondern weil sie die Weiber für etwas untergeordnetes und ihr Fleisch für giftig halten.[227]

Am Cosiabatay, einem Nebenflüßchen des Ucayale, fand ~Marcoy~ einen gekreuzigten Kaschibo-Indianer, die Schetibos hatten ihn hier lebendig ans Kreuz geschlagen. _C’etait une vieille coutume des Schetibos de tuer tout Cachibo qu’ils rencontraient, et cela pour punir la nation dans l’individu, de son goût décidé pour la chair humaine._ ~Marcoy~ bildet die ekelhafte Scene, wie die Aasgeier den Gekreuzigten zerfleischen, auch ab.[228]

Diese Kaschibos (Carapuchos, Callisecas, Fledermausindianer) reichen vom Pachitea bis zum Aguaita (linkes Ucayaleufer) und sind, wie Dr. ~Abendroth~, der sich unter ihnen aufhielt, versichert, gegenwärtig die einzigen Anthropophagen in Peru.[229] Noch 1865 wurden die peruanischen Offiziere Juan Tavara und Alberto West am Ucayale von den Kaschibos ermordet und gefressen, und als 1866 die ersten Dampfer vom Amazonas aus in den Ucayale einfahrend bis zu diesen wilden Indianern kamen, wurden sie von ihnen angefallen. In einem Gefechte kamen 25 Kaschibos um, die auch nach dem Berichte dieser Dampferexpedition „unzweifelhaft Kannibalen“ sind. Über die Motive des Kannibalismus bei den Kaschibos bleiben wir im Unklaren.

Kannibalischen Gewohnheiten ergeben sind, wie ~Martius~ bezeugt, die Miranhas und nach ~Marcoy~s Berichten die ihnen benachbarten Mesayas. Beide Völker, noch verhältnismäßig zahlreich, haben der Civilisation und den Seuchen Stand gehalten, beide leben in arger Feindschaft miteinander und verzehren gegenseitig ihre Gefangenen aus Rachsucht. Sie leben am Japure und an dessen Mündung in den Amazonenstrom sowie an letzterem selbst.

Die Mesayas gehören zu dem weit verbreiteten Stamme der Umaüas und sollen nach ~Marcoy~ noch tausend bis zwölfhundert Köpfe zählen. Ihre Ältesten erzählen den Ursprung der Anthropophagie bei ihnen folgendermaßen: Vor langer Zeit, als die Tiere noch sprechen konnten, trieb sich eine Horde Miranhas am Japure umher und fand dort einen auf dem Sande schlafenden Umaüa. Diesen schlugen die Miranhas, welche sehr hungrig waren, tot und fraßen ihn auf. Die Umaüas erhielten Kunde von diesem Vorgange durch einen Vogel, den Surucua; sie begannen von nun an einen Rachekrieg gegen die Miranhas, und wer von diesen in ihre Gewalt geriet, wurde aus Rache und Wiedervergeltung aufgefressen. Dabei ging oder geht man mit ausgesuchtem Raffinement zu Werke. Der Gefangene wurde im Dorfe der Mesayas streng überwacht, aber nicht etwa eingesperrt. Man gab ihm eine Frau, die ihn recht gut und vollauf füttern mußte, damit er wohlbeleibt werde. Nach etwa einem Vierteljahre führte man ihn Abends bei Vollmond in den Wald; dort mußte er selber das Holz sammeln, mit welchem er gebraten werden sollte. Wenn er mit seiner Last im Dorfe angekommen war und dieselbe niedergelegt hatte, bezeichneten die Krieger, die ihn bisher bewachten, mit rotem Oker jene Körperteile, die sie am andern Tage verspeisen wollten, und nachher wurde bei Mondschein ein Tanz aufgeführt, an welchem der Gefangene teilnahm. Inzwischen brachten die Frauen das zum Schmause notwendige Geschirr herbei, und nach Mitternacht mußte der Miranha in seine Hütte gehen. Am nächsten Morgen wurde der Gefangene gerufen; sobald er aus der Hütte trat, erhielt er sofort mehrere Keulenschläge auf die Schläfe und sank leblos nieder. Dann schnitt man ihm den Kopf ab, der auf eine Lanze gesteckt und im Dorfe umhergetragen wurde; den Körper schleppte man zu den Kochkesseln, wo er zerlegt wurde; auch die Knochen wurden entzwei geschlagen, damit man das Mark genießen könne. Von dem Schlachtopfer durfte nichts übrig bleiben als der mit Farbe bemalte Kopf, der in der Hütte des tapfersten Kriegers als Trophäe aufbewahrt wurde. Aber was geschah unmittelbar nach dem Schmause? Alle Mesayas waren bemüht, das genossene Menschenfleisch so rasch wie möglich wieder von sich zu geben; sie ekelten sich selber vor der abscheulichen Speise, und damit ist der Beweis geliefert, daß sie dieselbe nicht aus Gier nach Menschenfleisch verzehrt hatten, sondern lediglich der Rache und der Wiedervergeltung wegen. Der letzte Kannibalenschmaus soll nach ~Marcoy~ im Jahre 1846 stattgefunden haben.[230]

Was die Miranhas betrifft, so herrscht seit langer Zeit in ihrem Lande Hungersnot. Zu Ackerbauern haben sie sich nie emporgeschwungen, sie sind Jäger und Fischer. Seit langem nun giebt es in ihrem Gebiete am rechten Japureufer, wie ~Marcoy~ erzählt, weder Tapire noch Peccaris mehr, weder Affen noch große Nagetiere, selbst der Jaguar kommt nicht mehr vor, und da wird es begreiflich, wenn den Miranhas nachgesagt wird, sie fräßen ihre Kranken und Alten. Der Grund aber, weshalb sie ihr armseliges Gebiet nicht verlassen, ist die Feindschaft der angrenzenden Stämme, die jeden Miranha niedermachen, der sich bei ihnen blicken läßt.[231] Nachbarn der Miranhas waren die jetzt untergegangenen Yamas. Diese zerbrachen die Knochen ihrer Todten, um das Mark auszusaugen, und sie thaten dieses, weil sie meinten, im Marke stecke die Seele des Verstorbenen, und diese gehe in den Menschen über, welcher das Mark verzehrt.[232]

Am Madeira sind die wilden, in den Wäldern hausenden, von allem europäischen Einflüsse noch völlig unberührten Parentintins bei Crato unzweifelhaft Kannibalen, die einen brasilianischen Seringueiro (Kautschuksammler) bei Crato überfielen und auf einer Sandbank brieten und verzehrten, wobei sie von den Verfolgern überrascht wurden. Desgleichen gelten die Araras für Anthropophagen und beide Stämme sind Ursache, daß die Seringueiros nicht in die ausgedehnten, reichen Kautschukwälder der Nebenflüsse des Madeira vorzudringen wagen.[233]

Am Uaupés sind die Cobeus echte Kannibalen; sie verzehren die Leichen der im Kriege erschlagenen Feinde, ja sie führen Kriege zu dem ausgesprochenen Zwecke sich Menschenfleisch zu verschaffen. Haben sie mehr davon, als sie auf einmal verzehren können, so räuchern sie den Rest über Feuer und bewahren ihn lange auf.[234]

Die Indianer am Putumajo -- auf columbischem Gebiete im Territorium von Caqueta -- haben im Jahre 1883, wie aus einem amtlichen Berichte hervorgeht, einen jungen Columbianer Namens Portés erschlagen und verzehrt. „Die Indianer sind in der That Kannibalen, essen aber nur ihre Kriegsgefangenen, um Rache an denselben zu üben. Besondere Vorliebe für Menschenfleisch ist nicht vorhanden.“[235]

Am Jauari sind die Majorunas noch jetzt Kannibalen, wofür ~Bates~ die Beweise beibringt.[236]

Alle Tupivölker waren bei der Entdeckung Südamerikas Kannibalen und so kann es nicht Wunder nehmen, wenn nun auch heute noch die zu ihnen zählenden Stämme kannibalischen Sitten ergeben sind, so die im Gebiete des Tapajoz wohnenden Apiacas, die zu den Centraltupis gerechnet werden. Ihr Name stammt von dem Tupiworte Apiaba, Mensch und ihre Sprache ist der herrschenden lingua geral so nahe verwandt, daß über ihre ethnische Stellung keine Zweifel aufkommen. Wie ~de Castelnau~ berichtet[237], töten sie im Kriege alle ihre Feinde, gleichviel welchem Geschlechte dieselben angehören, um deren Leichname dann zu braten und zu verzehren. Die Kinder der Feinde führen sie aber mit in ihre Aldeas, um sie gleich ihren eigenen Kindern zu behandeln und mit diesen zu erziehen. Wenn aber diese gefangenen Kinder das Alter von 12 bis 14 Jahren erreicht haben, so dienen sie zu einer Kannibalenmahlzeit, welche von dem ganzen Dorfe unter großen Feierlichkeiten begangen wird. Mit Arafedern schön geschmückt zieht die Bevölkerung auf, die Kriegstrompeten erklingen und die unglücklichen Kinder werden in einem Kreis vor die tanzende Menge geführt. Hinter den armen Geschöpfen stehen die Pflegeeltern, welche sie aufgezogen und diese sind es auch, welche sie erschlagen. Während der nächtliche Tanz fortdauert, werden die Leichen zerstückelt und verzehrt. Auch junge Weiber hält man zuweilen jahrelang gefangen, ehe sie geschlachtet und gefressen werden.

+Anthropophagie der Tupi zur Zeit der Entdeckung.+ Sowohl in dem Berichte ~Marcoy~s über die Behandlung der zum Verzehren bestimmten Gefangenen, als in dem, was ~de Castelnau~ über die Apiacas sagt, erkennt man wesentliche Züge aus den eigentümlichen Gebräuchen wieder, die von den ersten Entdeckern uns geschildert werden, als sie die kannibalischen Gewohnheiten der Tupivölker kennen lernten.

~Amerigo Vespucci~, der 1501 die brasilianische Küste besuchte, bringt in einem Briefe an ~Lorenzo Medici~ ausführliche Mitteilungen über die Anthropophagie der Tupivölker, mit welchen er zusammentraf.[238] Nachdem er über die Kämpfe der Eingeborenen untereinander gesprochen, fährt er fort: „Wenn sie Sieger sind, schneiden sie die Besiegten in Stücke, verzehren dieselben und versichern, daß es ein sehr vortreffliches Gericht sei. Sie ernähren sich auch vom Menschenfleisch; der Vater verzehrt den Sohn und der Sohn den Vater, je nach Umständen und den Zufällen des Kampfes. Ich habe einen abscheulichen Menschen gesehen, der sich rühmte, mehr als 300 Leute verzehrt zu haben. Ich habe auch einen Ort gesehen, den ich etwa 27 Tage bewohnte und wo Stücke gesalzenen Menschenfleischs an den Balken der Häuser hingen, wie wir bei uns getrocknetes oder geräuchertes Schweinefleisch, Würste oder andere Eßwaren aufhängen. Sie waren höchst erstaunt, daß wir nicht gleich ihnen das Fleisch unserer Feinde verzehrten; sie sagten, daß nichts vortrefflicher schmecke als dieses Fleisch und daß man nichts saftigeres und delikateres haben könne.“

~Pigafetta~, welcher mit ~Magalhaes~ auf der ersten Weltumsegelung die brasilianische Küste berührte und zwei Monate im Hafen Sta. Lucia blieb, erzählt uns ein Geschichtchen[239] -- das den Ursprung der Anthropophagie bei den Tupivölkern erklären soll. „Die Einwohner haben den Gebrauch Menschenfleisch zu essen, üben aber diese Grausamkeit nur gegen ihre Feinde aus, und sagen, diese Gewohnheit habe ihren Anfang durch eine Frau genommen, deren einziger Sohn ermordet war. Als man nachher verschiedene von den Thätern gefangen zu der Alten geführt, wäre sie als ein wüthender Hund auf einen von ihnen gestürzt und hätte ihm einen Teil der Schulter abgefressen. Dieser wäre nachher zu den Seinigen entflohen und hätte ihnen seine Schulter gewiesen, worauf sie alle angefangen, das Fleisch ihrer Feinde zu verzehren. Doch essen sie solches nicht auf einmal, sondern schneiden es in Stücken und hängen es in den Rauch, und einen Tag essen sie ein Stück gekocht, und den andern gebraten, zum Andenken ihrer Feinde.“

Daß der Kannibalismus sich nach Süden zu bis an den la Plata erstreckte, dafür haben wir abermals ~Pigafetta~s Zeugnis.[240] Unter 34½ Grad fanden die Weltumsegler einen großen Fluß von süßem Wasser -- den la Plata -- und „gewisse Leute, die man Kannibalen nennt und die Menschenfleisch essen. Unter anderen sahen wir einen derselben von unserem Schiff, der so groß wie ein Riese war und eine Stimme hatte wie ein Stier“. Der Name Kannibalen für Anthropophagen war also damals -- 28 Jahre nach Entdeckung der Neuen Welt -- schon gang und gäbe.

Nehmen wir eine der alten Reisebeschreibungen, eines der zahlreichen Flugblätter zur Hand, die im Beginn des 16. Jahrhunderts, kurz nach der Entdeckung Brasiliens, erschienen und von dieser handeln, so finden wir unfehlbar Berichte über die dort herrschende Menschenfresserei.

So zeigt ein um jene Zeit zu Nürnberg oder Augsburg gedrucktes Blatt das Bild eines brasilianischen Indianers nebst Erläuterung, in der es heißt: „Sy streiten auch miteinander. Sy essen auch einander selbst die erschlagen werden und hencken dasselbig Fleisch in den rauch.“[241] Keiner aber hat die Anthropophagie der Tupivölker besser und eingehender geschildert als unser Landsmann ~Hans Staden~ aus Homburg in Hessen, der als Abenteurer im Jahre 1547 beschloß, „Indien zu besehen“ und zehn Monate lang Gefangener der Tupinamba im heutigen Brasilien war, die er gründlich kennen lernte.[242]

Im 25. Kapitel des zweiten Teiles erläutert ~Hans Staden~ „warumb ein Feind den andern esse“ und er giebt darauf die Antwort: „Sie thuen das nicht aus Hunger, sondern nur aus großem Haß und Neid. Treffen sie im Kriege aufeinander, so rufen sie einander zu, daß sie ihrer Freunde Tod aneinander rächen, die Feinde erschlagen und verzehren wollen.“ ~Staden~, der selbst nur durch ein Wunder dem Tode unter den Tupinamba entrann, hat wiederholt den Kannibalenmahlzeiten beigewohnt, er spricht als unverdächtiger Augenzeuge und schildert im 38. Kapitel des zweiten Teils „mit was Ceremonien sie ihre Feinde tödten und essen“. Dort heißt es:

„Wenn sie ihre feinde erstmals heimbringen, so schlagen sie die weiber und die jungen. Darnach vermalen sie ihnen mit grawen federn, scheren im die augenbrawen über den augen ab, danzen umb in her, binden inen wol, das er inen nicht entläufft, geben im ein weib, das in verwaret, und auch mit im zu thun hat. Und wann die schwanger wirdt, das kind ziehen sie auf biß es groß wird. Darnach wann es inen in den Sinn kompt, schlagen sie es todt und essen’s. Geben im wol essen, halten inen eine zeitlang, rüsten zu, machen der gefeß vil, da sie die geträncke in thun, backen sonderliche gefeß, darin thun sie die reidtschaft, darmit sie in vermalen, machen fedderqueste, welche sie an das holtz binden, darmit sie in todtschlagen, machen eine lange schnur, Massurana genant, da binden sie inen ein, wann er sterben sol. Wenn sie alle reidschaft bey einander haben, so bestimmen sie ein zeit, wann er sterben sol, laden die wilden von andern dörfern, daß sie auff die zeit dahin kommen. Dann machen sie alle gefeße voll geträncke, und einen tag oder zwen zu vorn. Ehe dann die weiber die getrencke machen, führen sie den gefangen ein mal oder zwey auff den platz tantzen umb inen her.“

„Wenn sie nun alle bey einander sein, die von außen kommen, so heyßet sie der oberste der hütten wilkommen, spricht: so kompt helfet unsern feindt essen. Des tages zuvor, ehe sie anheben zu trincken, binden sie dem gefangenen die schnur Massurana umb den Hals. Desselbigen tages vermalen sie das holtz, Iwera Pemme genant, darmit sie ihn todt schlagen wöllen. Ist lenger denn ein klaffter, streichen ding daran, das klebet. Dann nemen sie eyerschalen, die sin graw, und sein von einem vogel Mackukawa genant, die stoßen sie klein, wie staub, und streichen das an das holtz. Dann sitzet ein fraw und kritzelt in dem angeklebten eyerschalen staub. Dieweil sie malet, stehet es vol weiber umb sie her, die singen. Wenn das Iwera Pemme dann ist, wie es sein sol, mit fedderquesten und anderer reidschaft, hencken sie es dann in eine ledige hütte über die erden an einen reidel, und singen dann darum her die ganze nacht.“

„Dasselbigen gleichen vermalen sie den gefangenen sein angesicht. Auch dieweil das weib an im malet, dieweil singen die andern. Und wann sie anheben zutrincken, so nemen sie den gefangenen bey sich, der trinket mit inen und sie schwatzen mit im.“

„Wann das trinken nun ein ende hat, des andern tages darnach ruhen sie, machen dem gefangnen ein hütlin auff den platz, da er sterben sol, da liegt er die nacht inne, wol verwart. Dann gegen morgen ein gute weil vor tage, gehen sie tanzen und singen umb das holtz her damit sie in todtschlagen wöllen, bis das der tag anbricht, dann zihen sie den gefangenen aus dem hütlin, brechen das hütlin ab, machen räum, dann binden sie im die Mussurana von dem hals ab und binden sie in umb den leib her, zihen sie zu beiden Seiten steiff. Er stehet mitten darin gebunden, irer viel halten die schnür auff beiden enden. Lassen in so ein weil stehen, legen steinlein bey ihn, damit er nach den weibern werfe, so umb ihn herlaufen und dräwen im zu essen. Dieselbigen sein nun gemalet und darzu geordiniret, wenn er zerschnitten würd, mit den ersten vier stücken um die hütten her zulaufen. Daran haben die andern kurtzweil.“

„Wann das nun geschehen ist, machen sie ein fewer ungefehrlich zweier schritt weit von dem Schlaven. Das fewer muß er lehen. Darnach kompt ein fraw mit dem holtz Iwera Pemme gelauffen, keret die fedderquesten in die höhe, kreischt von freuden, läuft vor dem gefangenen uber, das er es sehen soll.“

„Wann das geschehen ist, so nimpt eine mannsperson das holtz, gehet mit vor den gefangenen stehen, hält es vor in, daß er es ansiehet, dieweil gehet der, welcher in todtschlagen wil, hin, selb XIIII oder XV und machen iren leib graw mit äschen, dann kompt er mit seinen zuchtgesellen auf den platz bey den gefangenen, so uberliffert der ander so vor dem gefangnen steht, diesem das holtz, so kompt dann der könig der hütten und nimpt das holtz und steckts dem, der den gefangen soll todtschlagen, einmal zwischen den beynen her, welches nun eine ehr unter inen ist. Dann nimpt er wiederumb das holtz, der den todtschlagen sol, und sagt dann: Ja hie bin ich, ich wil dich tödten, denn die deinen haben meiner freunde auch viel getödtet und gessen, antwortet er: Wenn ich todt bin, so habe ich noch viel freunde, die werden mich wol rechen, darmit schlecht er inen hinten auf den kopff, das im das Hirn darauß springt, alsbaldt nemen in die weiber, ziehen in auf das fewer, kratzen ihm die haut alle ab, machen in ganz weiß, stopfen in den hintersten mit einem holtze zu, auf daß im nichts entgeht. Wann im dann die haut abgefegt ist, nimpt in eine mannsperson, schneidet im die Beine über den knien ab, und die arme an dem leibe, dann kommen die vier weiber, und nemen die stücke, und laufen mit um die hütten her, machen ein groß geschrey von freuden, darnach schneiden sie im den rücken mit den hintersten von den vorderleib ab, dasselbige theilen sie dann unter sich, aber das eingeweyd behalten die weiber, sieden, und in die brühe machen sie einen brey, mingau genannt, den trinken sie und die kinder. Das eingeweyd essen sie, essen auch das fleisch um das haupt her, das hirn in dem haupt, die zungen, und was sie sonst daran genießen können, essen die jungen. Wann das alles geschehen ist, so gehet dann ein ieder wiederumb heim, und nemen ir theil mit sich. Derjenige, so disen getödtet hat, gibt sich noch einen namen.“