Part 5
[109] Mitteilungen des Vereins für Erdkunde zu Leipzig. 1873. 39.
[110] Entdeckung der Nilquellen. I. 125.
[111] Transactions of the Ethnological Society. New Series I. 320.
[112] ~Petermann~s Mitteilungen. 1873. 32.
[113] ~Livingstone~s letzte Reise. Deutsche Ausgabe. II. 153.
[114] Daselbst. II. 58.
[115] ~Stanley~, Durch den dunklen Weltteil. II. 157 und Anmerkung auf S. 159.
[116] Verhandlungen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft. 1885. 459.
[117] ~Stanley~ a. a. O. II. 221. 232. 263. 302.
[118] Verhandlungen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft. 1883. 458.
[119] Mitteilungen der Afrikanischen Gesellschaft in Deutschland. IV. 259 (1885).
[120] Verhandlungen der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. 1886. 159. 161.
[121] Leutenant ~Tappenbeck~ in den Mitteilungen der Afrikanischen Gesellschaft. V. Heft 2 (1886).
[122] Der amtliche Bericht über die Hinrichtung jener Wodukannibalen ist nach dem Moniteur Haïtien vom 12. März 1864 mitgeteilt im Globus VIII. 249. Vollauf Material zur Bestätigung aller von den Negern Haitis begangenen kannibalischen Scheußlichkeiten enthält das Werk ~Spenser~ St. Johns Hayti or the Black Republic. London 1884. Der Verfasser war zwölf Jahre englischer Geschäftsträger in Haiti und ist wegen seiner Zuverlässigkeit bekannt. Der Missionsbischof ~Cleveland Cox~ hat schon früher über die zunehmende Verwilderung unter den Schwarzen Haitis geklagt und dieselben beschuldigt, daß sie bei ihren Jahresfesten die eigenen Kinder schlachten und fressen. Globus. XXIV. 48.
+Australien+
Der australische Kontinent zählt heute noch höchstens 50,000 eingeborene Schwarze und diese sind, wo sie sich dem Einflüsse der Weißen entziehen, Anthropophagen, wofür die bündigsten Beweise vorliegen.
Er kommt am Schwanenfluß, also Westaustralien, nach Salvado vor, wo man selbst Tote ausgrub, um sie zu essen[123], und ~John Forrest~, welcher 1869 längere Zeit in der Umgebung des Barlee-Sees zubrachte, wurde dort von den Eingeborenen bedroht, daß sie ihn fressen wollten, auch fand er dort einen Schwarzen, der ihm mitteilte, daß kürzlich sein Bruder gefressen worden sei.[124] Weiteres über die Anthropophagie der Westaustralier teilt ~Oldfield~ mit, nach welchem einmal die bei ihnen allgemein herrschende Blutrache, andererseits Hunger zum Kannibalismus treiben. Die erschlagenen Feinde werden verzehrt, _the bloodrevergers subsisting entirely on the flesh of their victims_, wenn sie sich im feindlichen Gebiete befinden. Dabei wird weder Geschlecht noch Alter geschont und wenn keine Gelegenheit vorhanden, das Fleisch zu kochen, so wird es roh verzehrt.[125] Auf reinen Fleischgenuß gerichtet ist der westaustralische Kannibalismus, wenn sie die Alten erschlagen und verzehren, _that so much good food may not be lost_. Man glaubt, die Alten hätten keine Seelen mehr, welche, zurückkehrend, dem Fresser etwa Ungemach bereiten könnten.[126] In Hungerszeiten töten die Watchandie in Westaustralien eines ihrer Kinder durch einen Schlag mit der Keule in den Nacken um das Fleisch zu verzehren. Die Mutter, welche keinerlei laute Klagen ausstoßen darf, da sie sonst Prügel erhält, bekommt den Kopf als ihren Anteil; der Mann verzehrt die fetten Stücke, die übrigen Kinder, wenn vorhanden, werden mit den Eingeweiden abgefunden. Alles wird roh verzehrt, da solche Greuel gewöhnlich in der nassen Winterszeit stattfinden, wenn es unmöglich ist, Feuer anzuzünden. Bei andern Kannibalenschmäusen werden die Eingeweide und Füße nicht verzehrt; die letzteren häutet man -- aus einem unaufgeklärten Grunde -- nur ab. Das Fleisch der Europäer, sagen die Westaustralier, schmecke „salzig“; das Fleisch der Weiber ziehen sie jenem der Männer vor.[127]
Die Anthropophagie wird von ~W. P. Stanbridge~, der 18 Jahre mit den Schwarzen in naher Berührung lebte, für Südaustralien nachgewiesen.[128] „Eine ganz abscheuliche Erscheinung im Leben dieser Wilden, sagt er, ist ihr Kannibalismus, der sich auf die gräßlichste Weise äußert. Die Eltern ermorden nicht selten ihre neugeborenen Kinder, um sie aufzufressen. Auch herrscht ein entsetzlicher Aberglaube, demgemäß ein älterer Bruder in dem Wahne lebt, daß er sofort auch die Körperkraft seines jüngeren Bruders sich aneignen könne, wenn er diesen erschlägt und verzehrt. Das geschieht unter Festlichkeiten und bei diesen dringen Vater und Mutter mit eifriger Ermahnung in den älteren Sohn, so viel Fleisch von dem Leichnam hinabzuwürgen, als irgend möglich ist.“ Hier liegt also entschieden Aberglauben als Beweggrund vor. Übrigens herrscht in Südaustralien auch der Kannibalismus aus reiner Gourmandise, wenigstens bei den Narrinyeri. _If a man had a fat wife, he was always particulary careful not to leave her unprotected lest she might be seized by prowling cannibals._[129]
Am Cooper Creek, nördliches Südaustralien, sind deutsche Missionare angestellt, die dort (1868) vollauf Gelegenheit hatten den Kannibalismus der Schwarzen zu beobachten. Einer derselben schreibt: „Die zahlreichen Arten von Ratten und Mäusen liefern hauptsächlich die Fleischkost der Eingeborenen. -- Die zahlreichen kleinen Eidechsen schmecken den Kindern gut. Zudem fangen sie vier Arten Fische und essen eine große Anzahl von Würmern, die als eine Delikatesse gelten. Kannibalismus ist hier eine Thatsache und eine Mutter verzehrt mit lächelnder Miene ihr eigenes Kind. Die Schwarzen essen Teile von jeder Leiche, wenn etwas Eßbares daran ist. Vor einiger Zeit starb der Älteste des Stammes. Als ich fragte, ob sie diese Leiche auch verzehren würden, antwortete mir einer der Schwarzen: ‚Nein, der Kerl ist zu mager, er hat kein Fett.‘“[130] Bedarf man einer Bestätigung dieses Berichtes, so giebt sie ~Warburton~, nach dem die Bewohner des untern Barkuthales (Cooper Creek, Lake Eyre) entschieden Anthropophagen sind.[131] Auch am Peakfluß werden die gestorbenen Kinder verzehrt, als Grund wird von den Schwarzen angegeben, daß, wenn sie dieses nicht thäten, sie sich fortwährend grämen müßten. Den Kopf bekommt die Mutter und die Kinder im Lager bekommen auch ihr Teil, damit sie gut wachsen. Auch verzehren sie einzelne Teile von verstorbenen Männern und Frauen, namentlich solche, in denen sie den Sitz gewisser tüchtiger Eigenschaften wähnen.[132]
Was die Eingeborenen der Kolonie Victoria betrifft, so hat über deren Kannibalismus ~Richard Oberländer~, der längere Zeit unter ihnen lebte, seine eigenen und fremde Erfahrungen zusammengestellt.[133] „Die Eingeborenen Australiens, so berichtet er, sind Kannibalen, machen daraus kein Geheimnis und sprechen davon als von einer selbstverständlichen Sache, wie sie denn auch die Art und Weise der Zubereitung des Mahles ganz unbefangen beschreiben.“ Nach ~Buckley~, den ~Oberländer~ citiert, begegnete jener auf seinen Wanderungen dem wegen seines Kannibalismus übel berüchtigten Pallidurgbarran-Stamme, der nicht nur das Fleisch seiner getöteten Feinde verzehrt, sondern Menschenfleisch bei allen möglichen Gelegenheiten. „Der Barrabulstamm, schreibt ~Oberländer~ ferner, fing einen alten Mann und ein Mädchen ein, die zu einem andern Stamm gehörten, und welche sie beschuldigten, meinen Freund ~Gellibrand~ gemordet zu haben. Das Mädchen ward getötet und gebraten und das Fett als Haarpomade benutzt. Etwas warmes Fleisch ward lachend einem Engländer zum Kosten gereicht. Dr. ~Cotten~ nahm, so viel mir erinnerlich, einen Teil des Schenkels als Beweis der Thatsache mit sich fort.“
In Neu-Süd-Wales, woher ~Majoribanks~ 91 Beispiele des Kannibalismus zusammenstellt, aß man besonders das Nierenfett der Gefallenen, dessen Genuß man übernatürliche Kräfte zuschrieb.[134]
~Angas~, bekannt durch seine Arbeiten über die Australier, teilte den Gelehrten von der Novara-Expedition mit, daß in der Nähe der Moreton-Bai (Queensland) ein Knabe starb, dessen Kopf und Haut, der rohen Sitte gemäß, vom übrigen Körper getrennt und an einem Stocke über Feuer getrocknet wurden. Vater und Mutter waren bei dem Vorgange zugegen und stießen laute Schreie aus. Das Herz, die Leber und die Eingeweide wurden unter die anwesenden Krieger verteilt, welche Stücke davon an den knöchernen Spitzen ihrer Speere mit forttrugen, während die gerösteten Oberschenkel -- angeblich die größten Leckerbissen -- von den Eltern selbst verzehrt wurden. Haut, Schädel und Knochen dagegen packten die Eingeborenen sorgfältig zusammen und nahmen sie in ihren Säcken aus Grasgeflecht auf die Reise mit. Nicht selten soll eine Mutter ihr eigenes Kind in dem dunkeln Wahn auffressen, daß jene Kraft, welche ihre Leibesfrucht ihr entzogen, auf solche Weise wieder in den Körper zurückkehre! Fällt den Eingeborenen ein Krieger eines feindlichen Stammes in die Hände, so sollen sie ihrem erbarmungswürdigen Opfer mit fanatischer Wildheit das Fett der Nieren aus dem Leibe reißen und sich in dem Glauben damit beschmieren, daß dies dem Körper Kraft, dem Herzen Mut verleihe.[135]
Ein Gutsbesitzer am obern Mary River (nördlich von Brisbane, Queensland), giebt höchst eingehende auf Selbstbetrachtung gegründete Schilderungen des merkwürdigen Gebrauches, wie die Schwarzen den Toten die Haut abziehen, die Knochen vom Fleisch befreien und beides zu abergläubigen Zwecken bewahren. In seiner Gegenwart schämte man sich indessen auch das schon geröstete Fleisch zu verzehren. Er fügt aber seinem Bericht hinzu: „Ich fühle mich verpflichtet es auszusprechen, daß die Eingeborenen das Fleisch ihrer verstorbenen Freunde verzehren und indem sie das thun, glauben sie fest, daß sie sich damit eine Wohlthat erweisen und den Toten ehren. Sie verzehren es nicht etwa, weil sie nach demselben lüstern wären; doch ist dem früher so gewesen, und noch vor einigen Jahren schmausten die alten Männer mit großem Appetit das gut geröstete Fleisch junger Frauen. Infolge des Verkehrs mit den Weißen geschieht das aber nicht mehr häufig und man begräbt oftmals auch Frauen und Kinder unzerstückelt, aber die Männer, insbesondere die Häuptlinge, werden auch jetzt (1871) noch verzehrt. Es ist mir mitgeteilt worden, daß noch ganz vor kurzem alte abgemagerte Männer, deren Fleisch gewiß nicht saftig war, gewissenhaft gefressen worden sind. Wenn man das Fleisch eines Menschen genießt, gewinnt man dadurch die Kraft und die guten Eigenschaften, welche derselbe gehabt hat. Das ist Wahnglaube.“[136]
Auch die Schwarzen im nördlichen Queensland machen kein Geheimnis daraus, daß sie Menschenfleisch verzehren; doch scheint es, daß sie mehr aus gewissen Traditionen als aus Nahrungsbedürfnis Anthropophagen sind. Die meisten Schwarzen werden begraben, ohne gefressen zu werden. Auch an der Wide Bay werden diejenigen, die man verzehrt, vorher abgehäutet. Die Haut wird um ein Bündel Speere gewickelt, so, daß das Haar auf die Spitzen zu stehen kommt. Die Fingernägel läßt man an der Haut sitzen. Die Reliquie wird von Lager zu Lager geschleppt und in jedem aufgestellt, wo sich die Trauerweiber um dieselbe versammeln und sich mit Beilen Einschnitte beibringen. Am Carpentariagolf verzehrt man die im Gefecht Gebliebenen. Sterben sie infolge der Wunden Abends oder in der Nacht, so kocht man sie am Morgen. Ein großes Loch wird im Boden ausgehöhlt und der Leichnam wird in einem Stück gekocht, wozu drei bis vier Stunden nötig sind. Die Weichteile werden nicht gegessen, sondern herausgenommen und begraben. Am Golf häutet man die Toten nicht, ehe man sie verzehrt. Nachdem das Fleisch gegessen ist, werden die Knochen auf einen Baum gelegt oder begraben. Die Leichen der Feinde bleiben da liegen, wo sie gefallen sind; man verzehrt nur die Leichen von der eigenen Partei. Kinder werden verzehrt, wenn sie sterben; Kindsmord ist nicht häufig in Queensland.[137]
Der kannibalische Ring um den australischen Kontinent wird geschlossen, wenn wir die Beweise für die Anthropophagie im Norden beibringen. Schon als ~Owen Stanley~ mit dem Aufnahmeschiff Rattlesnake Nordaustralien besuchte, wurde die Bemerkung gemacht, daß man die Leichen der erschlagenen Feinde verspottete und zerstückelte. Der Kopf aber wird als Trophäe mitgenommen und die Krieger verzehren die Augen nebst den Wangen, im Glauben, dadurch tapfer zu werden.[138]
Wenn auch in Tasmanien dieselben Naturverhältnisse herrschten wie auf dem australischen Kontinente und die dortige, jetzt ausgestorbene Rasse den Australiern sehr nahe stand, so ist sie doch, zur Zeit der Entdeckung wenigstens, von Kannibalismus frei zu sprechen gewesen. Es waren wenigstens keine Beweise dafür beizubringen.[139]
[123] ~Waitz~ (~Gerland~), Anthropologie der Naturvölker. VI. 749.
[124] ~Petermann~s Mitteilungen. 1870. 147. 148.
[125] ~Oldfield~ in Transactions of the Ethnolog. Society. New Series. III. 245.
[126] ~Oldfield~ a. a. O. 248.
[127] ~Oldfield~ a. a. O. 286. 288.
[128] Transactions of the Ethnological Society. New Series. I. 291.
[129] The Native Tribes of South Australia. Adelaide 1879. 2.
[130] Auszug aus der zu Tanunda erscheinenden „Deutschen Zeitung“. Globus XVI. 15.
[131] Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. 1868. II. 16.
[132] Verhandlungen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft. 1879. 237.
[133] Globus IV. 279.
[134] ~Waitz~ (~Gerland~), Anthropologie der Naturvölker. VI. 748.
[135] Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde. III. 32.
[136] Journal of the Anthropological Institute. II. 179 (1873).
[137] ~E. Palmer~, Notes on some Australian Tribes. Journal of the Anthropological Institute. XIII. 282.
[138] ~Macgillivray~, Narrative of the Voyage of H. M. S. ~Rattlesnake~. London 1852. I. 152.
[139] ~Bonwick~, Daily Life of the Tasmanians. 23.
+Die Südsee+.
In der Südsee treffen wir auf den klassischen Boden der Menschenfresserei. Von Neu-Guinea bis zur Osterinsel hin waren oder sind noch deren Bewohner Anthropophagen, weder Melanesier noch Polynesier machen eine Ausnahme, und nur der Grad derselben ist ein verschiedener, von der rohesten, rein auf das Nahrungsbedürfnis gerichteten Form bis zu den letzten Überbleibseln des Kannibalismus, die sich noch in symbolischen Handlungen oder Sagen offenbaren. _The Polynesians may, without injustice, be called a race of cannibals_, sagt ~H. Hale~[140] und unserm ~J. R. Forster~, welcher vor länger als 100 Jahren noch keinen sicheren Überblick über alle Südseeinsulaner haben konnte, drängte sich damals schon die Überzeugung auf „daß alle Bewohner der verschiedenen Inseln im Südmeere, selbst in dem glücklichsten, fruchtbarsten Erdstriche, wo die Hauptnahrung in Früchten besteht, nichts destoweniger vor Zeiten Menschenfresser gewesen sind.“[141]
In der Mythologie der Polynesier finden wir Züge, die auf Anthropophagie hinweisen. So glaubten sie, daß die Geister der Gestorbenen von den Göttern oder Dämonen verzehrt, und daß der geistige Teil ihrer Opfer von dem Geiste des Idols, dem das Opfer galt, verspeist wurde. Die Vögel, welche zum Bereiche der Tempel gehörten, nährten sich nach polynesischer Meinung von den Körpern der Menschenopfer und man nahm an, daß der Gott in Vogelgestalt sich dem Tempel näherte und die auf dem Altar liegenden Opfer verschlang. Auf einigen Inseln war sogar das Wort „Menschenfresser“ eine Bezeichnung der Hauptgötter. Kriege, nur zu dem Zwecke unternommen, um sich Menschenfleisch zur Speise zu verschaffen, waren bei den Polynesiern nichts seltenes; die Genugthuung und der gestillte Rachedurst, welche nach dem Verzehren des Feindes sich einstellten, waren indessen keineswegs der einzige Beweggrund zur Anthropophagie der Polynesier: wir finden vielmehr auch Beispiele, daß Hungersnot sie zu dieser Unsitte trieb.[142]
+Neu-Guinea und Nachbarschaft.+ „Unter allen wilden Völkern, die als Anthropophagen berüchtigt sind, werden die Papuas zuerst genannt und obschon es sich nicht leugnen läßt, daß sie in ihren Sitten noch sehr roh sind, so ist dies doch keineswegs auf die ganze Bevölkerung bezüglich und man thut ihnen gewiß hierin entschieden Unrecht. Obwohl auch in einem neuen Reisewerke[143] bemerkt wird, daß die Papuas ihre Gefangenen, ja die Bewohner an der van Dammen-Bai (Geelvinksbai) ihre eigenen Toten verzehren, so sind doch noch von keinem glaubwürdigen Manne bestimmte Nachrichten darüber vorhanden und wir müssen diese vagen Gerüchte daher mit Recht als unwahr bezeichnen.“ So urteilt in seiner verdienstvollen Schrift über Neu-Guinea ~Otto Finsch~.[144] Aber was er als vages Gerücht hinstellt, hat sich als entschieden wahre Thatsache erwiesen. Da auch sonst die Melanesier des großen Oceans der Anthropophagie ergeben sind und auf den umliegenden Inseln Neu-Guineas dieselbe entschieden nachgewiesen war, so ließ sich dadurch mit Wahrscheinlichkeit schon auf das Vorkommen von Kannibalismus auf Neu-Guinea schließen. Neuere Reisende bestätigen dies denn auch vollständig.
Schon der Amerikaner ~Bickmore~ brachte beglaubigte Beweise von der Anthropophagie der Papuas bei[145] und übereinstimmend berichten, ~Wallace~ ausgenommen, dasselbe die späteren Reisenden, die sich die Aufgabe gestellt haben, das unbekannte Innere dieser das deutsche Reich an Größe übertreffenden Insel zu erforschen. Der Florentiner ~Odoardo Beccari~, welcher 1871 nach Wonim di Bati, der nordwestlichen Halbinsel von Neu-Guinea, ging und dort das Arfakgebirge bestieg, brachte Berichte von Menschenfressern, die zwischen 132° und 133° östl. L. v. Greenwich hausen und dem Stamme der Kraton angehören.[146]
Noch eingehender erforschte den Nordwesten Neu-Guineas unser Landsmann Dr. ~A. B. Meyer~, dem es auch gelang die Nordwesthalbinsel an ihrer engsten Stelle, von der Geelvinksbai zum Mac Cluergolf zu kreuzen.[147] Nach ihm sind Kannibalen in dem besuchten Teile: Der Stamm der Karoans in den Bergen an der Nordküste, zwischen Amberbaki und den zwei kleinen Inseln Amsterdam und Middelburg; die Tarungarés an der Ostküste der Geelvinksbai, welche sogar ihre eigenen Todten verzehren; die Bergbewohner der Insel Jobi in der Geelvinksbai. Daß auch an Mac Cluer Inlet Kannibalen wohnen, ist bestätigt worden. Ein Hamburger, Namens Schlüter, Steuermann des Schiffes „Franz“, Kapitän Redlick, wurde dort nebst einigen Matrosen von den Papuas ermordet und der Körper als Speise an benachbarte Stämme verkauft.[148]
Während wir so Kunde vom Vorkommen der Anthropophagie im Nordwesten Neu-Guineas erhalten, kam gleichzeitig Bestätigung über deren Verbreitung im Südosten. ~Moresby~, der die dortigen Küsten aufnahm, stellt sofort dort Kannibalismus fest[149] und die dann später dort angesiedelten englischen Missionare geben dann weitere Einzelheiten. Die Kiefern der Verzehrten werden als Armschmuck getragen. Am Flusse Aivei oder Alele sind die Eingebornen „alle Menschenfleisch essende Kannibalen, sei es gekocht oder ungekocht; sie sagen es sei eine bessere Nahrung als alles andere“. Am Südkap kam ein befreundeter Häuptling zu der Frau des Missionars Gill und bot ihr eine Menschenbrust zur Speise an, die er als saftigen Bissen rühmte.[150] Das sind deutliche Beweise, daß hier das Menschenfleisch als Genußmittel betrachtet wird; ob andere Beweggründe dort für die Anthropophagie noch vorhanden sind, läßt sich aus den Berichten noch nicht ersehen.
In der Verlängerung der östlichen Halbinsel Neu-Guineas, nur durch eine schmale, korallenreiche See getrennt, ethnographisch und physikalisch aber mit dem Hauptlande übereinstimmend, liegt der Louisiade-Archipel, dessen melanesische Eingeborene Anthropophagen sind; vollauf Bestätigung ihres abscheulichen Kannibalismus verdanken wir dem französischen Schiffsarzt ~V. de Rochas~.[151] An der östlichen Insel Rossel strandete im Sommer 1858 das Schiff St. Paul, welches 317 chinesische Kulis von Hongkong nach Australien führen sollte. Die Schiffbrüchigen retteten sich auf eine kleine Nebeninsel und der Kapitän fuhr in der Schaluppe fort, um Hilfe zu holen. Er gelangte nach Neu-Caledonien, wo die französische Behörde sofort ein Kriegsschiff, auf dem Rochas sich befand, nach Rossel abordnete, um die Schiffbrüchigen zu retten. Am 5. Januar 1859 traf das Schiff dort ein; aber von mehr als 300 Männern waren nur noch vier am Leben, die übrigen waren von den Eingeborenen ermordet und aufgefressen worden. Einzelheiten übergehen wir, da sie nicht geeignet sind, Licht auf die Motive der That zu werfen, wenn es auch fast scheint, als sei bloße Lust nach dem Genusse von Menschenfleisch die Ursache des schauderhaften Vorfalls gewesen.
Von den übrigen Satelliten Neu-Guineas erwähnen wir, daß auf Rook kein Kannibalismus herrscht. „Die Menschenfresserei, welche an den Küsten Neu-Guineas herrscht, erregt auf Rook Abscheu.“[152] Dagegen sind die Eingeborenen der Massims-Inseln (d’Entrecasteaux-Inseln, an der Südostspitze Neu-Guineas) Kannibalen.[153]
Den Kannibalismus der Melanesier des Bismarck-Archipels kennt ~Wilfred Powell~ aus eigener Anschauung, er wohnte den Menschenfressermahlzeiten bei und sein Reisewerk ist ein fortlaufender Bericht über die verschiedensten kannibalischen Einzelheiten. Beim Häuptling Toragood der Duke of York Insel bei Neu-Britannien sah ~Powell~ abgehackte Menschenglieder an einem Tabubaum hängen. Von einem bei seinem Hause liegenden Leichnam sagte Toragood: „der Mann half meine Mutter verzehren“; jetzt kam er selbst an die Reihe. „Ich glaube, sagt ~Powell~, es ist für diese armen Geschöpfe fast unmöglich den Kannibalismus aufzugeben, so groß ist ihre Begierde nach Menschenfleisch.“ Frauen werden durch die Heirat völliges Eigentum des Mannes und wenn letzter erzürnt ist, kann er die Frau töten, um sie zu verzehren, was vorkommt. Jeder Häuptling hat zwei ständige Minister: einen Sprecher und einen Schlächter. Ersterer besorgt das Reden, letzterer das Schlachten und Zerlegen. Das wertvollste Stück vom Manne ist der Schenkel, vom Weibe die Brust. Der Kopf wird nie gegessen, ebensowenig die Eingeweide, welche man verscharrt. Bein- und Armknochen von Feinden werden am stumpfen Ende der Speere befestigt; die Eingebornen glauben, dies verleihe ihnen die Stärke des Mannes, dessen Gebein sie tragen und machen sie unverwundbar gegenüber den Verwandten der Gefressenen. Selten verzehren sie einen Mann aus ihrem eignen Stamm. Sollte aber einer von seinem Häuptling getötet oder wegen Verbrechen hingerichtet sein, so kann der Leichnam an einen andern Stamm verkauft werden. Auch die Neu-Irländer sind Kannibalen.[154]
Den Naturforschern des „Challenger“ erschienen die Bewohner der Admiralitätsinseln unzweifelhaft als Kannibalen; sie zeigten ihnen durch Pantomimen, wie sie menschliche Glieder kochten und verzehrten.[155]
+Salomonen.+ Am 7. Februar 1567 entdeckte der Spanier ~Alvaro Mendana de Neyra~ die Salomonen, landete auf der von ihm so benannten Insel Santa Ysabel im Sternhafen (Puerto de la Estrella) und trat mit den Eingeborenen in Verkehr, deren Häuptling Tauriqui Biliban Harra nach polynesischer Sitte durch Namentausch mit ihm Freundschaft schloß. Während eines zweimonatlichen Aufenthalts hatte er Gelegenheit, die Sitten der Eingeborenen genügend kennen zu lernen, deren Anthropophagie ihm sofort auffiel. „Diese Menschen, sagt er, sind Barbaren, Anthropophagen, Fresser von Menschenfleisch; sie verschlingen sich untereinander, wenn sie Kriegsgefangene machen und selbst dann, wenn sie, ohne in offener Feindschaft miteinander zu sein, sich durch Hinterlist gefangen nehmen. Der Beweis, daß sie Anthropophagen sind, besteht darin, daß sie dem General bei verschiedenen Gelegenheiten Stücke von Indianern anboten, als ein sehr delikates und von ihnen geschätztes Gericht“.[156]
Seitdem haben alle Reisenden und Missionare, welche von den Salomons-Inseln berichteten, deren Bewohner als unzweifelhafte Kannibalen geschildert. Die Anthropophagie besteht dort völlig unvermindert fort, wofür wir Belege aus der allerneuesten Zeit anführen wollen. Im Jahre 1872 besuchte das britische Kriegsschiff Blanche, Kapitän ~Cortland H. Simpson~, die Insel Ysabel, wo sich ihm in einem der an der Küste gelegenen Dörfer ein schauderhafter Anblick darbot. An dem Hause eines Häuptlings waren 25 Köpfe von Feinden angenagelt, welche erst vor drei Wochen hinterrücks getötet und dann verspeist worden waren.[157]
Noch eingehender berichtet Kapitän ~Edwin Redlick~ vom Schoner „Franz“, der in neuester Zeit eine Kreuzfahrt durch das Inselgewirr des westlichen stillen Ozeans bis Neu-Guinea unternahm. Er ankerte in der Makira-Bai der Insel San Christoval (Bauro) und ging, begleitet von einem dort wohnenden Engländer, ~Perry~, der Jagd wegen ans Land. „Beim Verlassen der Bai begegneten wir verschiedenen großen Canoes und an eins derselben heranrudernd, fanden wir, daß in demselben ein zugerichteter oder gekochter Leichnam lag. ~Perry~ nahm die Sache kühl, als etwas alltägliches und da er uns höchst entsetzt sah und den Matrosen übel wurde, bemerkte er, daß er mindestens zwanzig Körper in diesem Zustande gesehen habe, die gleichzeitig am Strande lagen, um verspeist zu werden. An Bord des Kriegscanoes waren zwei Gefangene, ein Knabe und ein Mädchen von etwa 14 Jahren. In der Absicht, ihr Leben zu retten, erbot ich mich sie zu kaufen; doch konnte ich bieten, was ich wollte, die Eingeborenen gingen nicht darauf ein. Wir hörten später, daß die Schwarzen nach Makira gingen, die Hälfte des Körpers dort verkauften und das Übrige einem andern Stamm; auch ihre beiden Gefangenen verkauften sie. Wir kamen bald nachher an zwei Häuser, in denen eine große Zahl Schädel von Leuten aufbewahrt wurden, die sie gefressen hatten. Wir fanden die Eingeborenen ruhig und inoffensiv, doch alle Kannibalen.“[158]
Die neuesten Nachrichten über den Kannibalismus auf den Salomonen verdanken wir dem dort stationierten katholischen Missionar ~Verguet~. Er ist dort noch _en pleine vigueur_; die Eingeborenen kennen nichts delikateres als Menschenfleisch. Das ganze Dorf erschallt von Freudenrufen, wenn ein Kannibalenfest stattfindet, man zerschlägt Kokosnüsse, raspelt Taro und Ignamen, um Pasteten zu backen, während der Leichnam zubereitet wird. ~Verguet~ schildert als Augenzeuge; nach ihm ward der Kadaver in große Bananenblätter gewickelt und dann mit stets erneuerten heißen Kieseln umgeben, bis er gar war. So bleibt das Fleisch saftig. Man sieht sich vor, daß die Haare nicht verbrannt werden; diese zieht man skalpartig mit der Haut ab und setzt diese Perrücke auf eine Kokosnuß, die im Gemeindehaus aufgehangen wird. Wenn die Insulaner Menschenfleisch verzehren, verstecken sie sich vor den Europäern, doch verbergen sie die Sache nicht, wenn sie zufällig bei ihren Mahlzeiten überrascht werden. Nicht selten, namentlich auf Ysabel, sieht man Armbänder von Menschenzähnen oder am Halse der Eingeborenen hängen Finger, Ohren oder andere Teile _qu’on ne nomme pas_. Nach ~Verguet~ scheint keinerlei besonderer Aberglauben hier mit dem Kannibalismus verknüpft zu sein.[159]