Chapter 9 of 10 · 3996 words · ~20 min read

Part 9

+Botokuden.+ Die Botokuden, wie sie von den Portugiesen nach dem Stöpsel (_botoque_) in ihrer Unterlippe bezeichnet werden, sind unzweifelhaft Anthropophagen bis zum heutigen Tage. Dieses Volk haust in der Provinz Minas Geraes in dem weiten Raum zwischen dem Rio Doce und Rio Jequitinhonha, vom 17. bis 20.° s. B. Um über ihren Kannibalismus aufgeklärt zu werden, können wir uns an die Berichte deutscher Reisender halten: ~Eschwege~, ~Neuwied~, ~Tschudi~, welche uns die besten Nachrichten über sie vermittelt haben. ~Eschwege~ drang 1811 in die Wälder dieser Anthropophagen vor. Damals lebten die Botokuden mit ihren Nachbarn, Portugiesen wie Negern, in fortwährenden Kriegen, fielen über dieselben her, mordeten und fraßen sie. „Ein Augenzeuge der Greuelthaten erzählte mir, daß ihre Anzahl nicht sehr beträchtlich war, so daß sich alle an einem einzigen Neger, den sie brateten, satt aßen; von anderen schnitten sie Arme und Beine ab und nahmen sie als Lebensvorrat mit sich. Die getöteten Weißen hatten sie alle liegen lassen, aber alle Teile des Körpers querüber eingeschnitten, so ungefähr, wie man Fische zuzubereiten pflegt, wenn man sie einsalzen will. Den Getöteten saugen sie zuerst das Blut aus und dieses scheint ihnen das leckerste zu sein. Überhaupt hat man aber bemerkt, daß, sobald sie Negerfleisch haben, sie das Fleisch der Weißen nicht achten. Bei großem Überflusse schneiden sie den Negern auch nur die Waden und das Inwendige der Hände aus, welches wahre Leckerbissen sein sollen.“[243]

Prinz ~Maximilian zu Wied~, der 1815-1817 das Land am Rio Doce und Mucury durchstreifte, brachte unzweifelhafte Beweise der Anthropophagie der Botokuden mit. „Sie schälen das Fleisch vom Körper ihrer Feinde ab, kochen es in ihren Töpfen oder braten es; den Kopf stecken sie auf einen Pfahl.“ ~Neuwied~ hebt hervor, daß die Botokuden keineswegs aus Wohlgeschmack am Menschenfleisch zu Kannibalen geworden sind, dagegen spräche, daß sie einzelne Gefangene am Leben lassen; nur wilde Rachgierde treibe sie zu der schauderhaften Sitte.[244]

Bei ~J. J. v. Tschudi~, der die Botokuden am Mucury besuchte, erscheint die Anthropophagie dieses Volkes nicht in so grausigem Lichte wie bei ~v. Eschwege~. „Die Botokuden,“ sagt er, „werden zu den Anthropophagen gezählt und sie sind in der That Menschenfresser, aber nicht in der grausam blutdürstigen Bedeutung, die man gewöhnlich mit diesem Begriff verbindet, sondern bloß aus unersättlichem Heißhunger und aus Rache. Ich glaube nicht, daß sie einen Feind erschlagen, um ihn zu fressen, sondern daß sie einen erschlagenen Feind auffressen, weil er ihnen gerade wie gelegen und bequem Nahrung darbietet und sie überhaupt alles fressen, was sie nur verdauen können. -- -- -- Das Verzehren der Feindesleichen war und ist meistens in erster Linie eine Folge des heftigen Dranges den Hunger zu stillen, dann aber mag auch eine Befriedigung des Rachedurstes dazu kommen und in diesem Falle werden nur gewisse Körperteile des getöteten Gegners als Leckerbissen dem Siegesmahle beigefügt. Auffallenderweise sucht jeder Stamm den Vorwurf dieser scheußlichen Sitte von sich ab und auf andere Horden zu wälzen. Es mag doch vielleicht bei ihnen das Gefühl vorhanden sein, daß sie sich durch das Auffressen ihresgleichen selbst unter die Tiere stellen.“[245] Darnach stimmen ~Neuwied~ und ~v. Tschudi~ überein und wir dürfen bei den Botokuden Rachgier als den Beweggrund des Kannibalismus annehmen.

Südlich von den Botokuden treffen wir, gleichfalls noch in der Provinz Minas Geraes unter 21.° s. Br. an den oberen Zuflüssen des Parahyba, speziell am Rio Xipolo zwischen der Serra Geraldo und Serra do Onça auf die Coroatos-Indianer, ein sehr rohes Volk, welches im Beginn unseres Jahrhunderts noch 1900 Köpfe zählte. Bei ihnen, die einst wohl mehr der Anthropophagie ergeben waren, finden wir gleichsam die Ausläufer kannibalischer Gewohnheiten, da sie bei ihren Festen an dem abgeschnittenen Arme eines erlegten Feindes, der zuvor in Maiswein getaucht wird, zu saugen pflegen. „Der Arm des Puri geht beim Tanze in der Reihe herum, wird auch wohl aufgestellt und mit Pfeilen nach ihm geschossen, andere tauchen ihn in das Getränk, saugen davon und mißhandeln ihn auf alle mögliche Art.“[246] Unschwer ist aus dieser Schilderung zu erkennen, wie es sich auch hier um einen Racheakt handelt.

Die Puris, die am Parahybastrome hausen und stark dem Einflusse der Brasilianer ausgesetzt sind, erscheinen heute nicht mehr als Anthropophagen; daß sie es einst waren, beweist ihr Name, denn Puru oder Puri bedeutet nach ~Varnhagen~ einfach Anthropophage.[247] Noch zu ~Neuwied~s Zeit kamen bei ihnen Fälle von Kannibalismus vor.[248]

Es mag hier und da in Brasilien außer den angeführten noch Horden geben, welche kannibalischen Gewohnheiten fröhnen[249]; im allgemeinen läßt sich aber darthun, daß in Südamerika teils durch Verdrängung der Ureinwohner, teils durch Sittigung derselben die Anthropophagie ganz außerordentlich abgenommen hat, wie ein Vergleich mit den Berichten der ersten Besucher des Landes ergiebt.

+Araukaner.+ Noch haben bei diesen sich wenigstens Spuren erhalten, die auf ehemals weiter verbreitete Anthropophagie hinweisen. Als Genugthuung für die Manen der im Kriege gefallenen Tapferen des eigenen Stammes bringen sie Menschenopfer dar, zu denen Gefangene des feindlichen Stammes benutzt werden. Dem mit einer Keule erschlagenen Opfer wird das Herz aus der Brust gerissen und frisch dem Toqui dargereicht, der einige Tropfen Blut daraus saugt, um es alsdann den übrigen Häuptlingen zu geben, die damit ein gleiches thun.[250]

+Feuerländer.+ Unmöglich ist es nicht, daß der Kannibalismus sich einst durch ganz Südamerika bis zur Magalhaesstraße und darüber hinaus erstreckte. Nach ~Charles Darwin~ sind die Feuerländer demselben infolge häufiger Hungersnot ergeben, auch herrscht bei ihnen Elternmord[251], wie dieses auch Admiral ~Fitzroy~ bestätigt. „Fast immer im Kriege mit den Nachbarstämmen begriffen, treffen sie sich selten, ohne daß ein feindlicher Zusammenstoß erfolgt. Diejenigen, welche besiegt und gefangengenommen worden sind, werden, falls sie nicht schon tot sind, von den Siegern erschlagen und verzehrt. Arme und Brust essen die Frauen, die Beine erhalten die Männer und der Rumpf wird ins Meer geworfen.“ Auch im strengen Winter nehmen sie, wenn sie keine andere Nahrung finden können, „das älteste Weib aus ihrer Mitte, halten ihr den Kopf über dichten, durch grünes verbranntes Holz erzeugten Rauch, pressen ihr die Kehle zu und ersticken sie. Sie verzehren dann das Fleisch bis auf den letzten Bissen, den Rumpf aber werfen sie, wie bei dem vorhergehenden Falle, ins Meer“.[252] Auch ~W. Parker Snow~, der gute Gelegenheit hatte, sie kennen zu lernen, sagt, daß sie nur im Falle von Hungersnot die alten Weiber, zuletzt aber ihre Hunde fressen[253] und an anderer Stelle sagt derselbe: _They are cannibals from necessity, but, I believe, not from choice._[254] Ein neuerer Beobachter, der Franzose ~Marguin~, der längere Zeit unter ihnen lebte, spricht sie gänzlich frei. _On les dit anthropophages, mais rien pour moi ne justifie cette accusation_[255], und so auch Dr. ~Hyades~, der gleichfalls einige Zeit unter ihnen lebte und das Verzehren der alten Weiber für Fabel erklärt.[256]

+Eskimos.+ Bei den Eskimos mag wohl gelegentliche Anthropophagie aus Not und Hunger vorkommen, aber vom Kannibalismus aus anderen Beweggründen sind sie freizusprechen. Sie sind kein kriegerisches Volk, das seinen Rachedurst durch das Verzehren des überwundenen Feindes stillt, wie etwa ihre südlicher lebenden indianischen Nachbarn, die unter gleichen äußeren Bedingungen (bis zum Eismeer hin) leben, jedoch kriegerischer und rachdürstiger Natur sind. Ob aber unter den Eskimos Anthropophagie herrschte, läßt sich jetzt nicht mehr nachweisen. Die Anklänge einiger Legenden in dieser Richtung, sowie die von Eskimos selbst gezeichneten und ausgeführten Holzschnitte, welche das Menschenfressen darstellen[257], erscheinen nicht als genügender Beweis.

+Nordamerika.+ Bei den Indianern Nordamerikas mag in früheren Zeiten die Anthropophagie viel weiter verbreitet gewesen sein, als sie jetzt noch vorhanden ist. In der That war sie zur Zeit der Entdeckung schon auf ein geringes zusammengeschmolzen. Heute ist nur wenig von derselben vorhanden, und auf Rachsucht am Feinde als Beweggrund zurückzuführen, abgesehen von dem durch Not erzeugten Kannibalismus. So systematisch wie in Mexiko oder weit ausgedehnt wie bei den Jagdnomaden der Südhälfte des Kontinents scheint die Anthropophagie im Norden überhaupt nie vertreten gewesen zu sein.

Für das Vorkommen der Anthropophagie in den Hudsonsbai-Ländern bei den dortigen Indianern haben wir das Zeugnis des heldenmütigen ~Samuel Hearne~, der auf sehr beschwerlichen, an Entbehrungen überreichen Reisen 1770-1771 von Fort Churchill an der Hudsonsbai bis zur Mündung des von ihm entdeckten Kupferminenflusses in das Eismeer vordrang. Er berichtet[258]:“Diejenigen, welche mit der Geschichte der Hudsonsbai bekannt sind, und das Elend kennen, welches die Bewohner dieser Gegenden häufig erfahren, werden darin nur die alltäglichen Begebenheiten des Lebens der Wilden finden, die nicht selten durch die Not gezwungen werden, einander zu verzehren. Die südlichen Wilden -- es sind die Tinnévölker gemeint -- haben über diesen Punkt die sonderbare Meinung, daß sobald einer ihres Stammes, durch Not gedrungen, Menschenfleisch genossen hat, bekommt er davon einen solchen Geschmack, daß sich niemand unter seiner Gesellschaft des Lebens sicher glaubt. Und ungeachtet es allgemein bekannt ist, daß nur die Not zu diesem schrecklichen Genusse treibt, so werden doch diejenigen, die daran Teil genommen haben, allgemein vermieden und durchgängig verabscheut und verachtet. Kein Wilder erlaubt ihnen, sein Zelt neben dem seinigen aufzuschlagen, sie werden oft sogar heimlich ermordet. Ich habe mehrere dieser Unglücklichen gesehen, die vorher allgemein geschätzt, im besten Ansehen standen und nun so verachtet und vernachlässigt wurden, daß nie ein Lächeln ihren Blick erheiterte, eine tiefe Schwermut herrschte in allen Zügen, und in dem kummervollen Auge lag deutlich die Frage: „Warum verachtet ihr mich wegen meines Unglücks? Die Zeit ist vielleicht nicht fern, wo die Not auch euch dazu verleiten kann.“ ~Hearne~ war 1775 Zeuge in Cumberland House -- westlich vom Winnipegsee --, daß ein Indianer in Gefahr geriet, von seinen Gefährten umgebracht zu werden, da er im Verdachte stand, Menschenfleisch genossen zu haben.“[259]

~J. Long~, ein britischer Holzhändler, welcher gegen Ende des vorigen Jahrhunderts Canada und die Region der großen Seen Nordamerikas durchstreifte, ein mit den Sprachen und Sitten der Rothäute außerordentlich vertrauter Mann, führt die Anthropophagie der Chippeways auf Blutdurst und Rachsucht zurück. Nachdem er verschiedene Mordgeschichten erzählt, fährt er fort[260]: „Ein Missionar der Jesuiten erzählte mir über diesen Gegenstand eine Geschichte, die niemand ohne Schaudern anhören wird. Ein indianisches Weib in seiner Mission fütterte ihre Kinder mit einem gefangenen Engländer, den ihr Mann eingebracht hatte. Sie hieb ihm sogleich einen Arm ab und gab den Kindern das strömende Blut zu trinken. Als der Jesuit ihr die Grausamkeit dieser Handlung vorhielt, sah sie ihn an und sagte: ‚Ich will Krieger aus ihnen haben, und darum füttere ich sie mit Speise von Menschen.‘“ Hier liegt also ein abergläubiges Motiv zu Grunde.

Eine Autorität wie ~Alexander Mackenzie~, den seine Entdeckungsreisen und sein langer Aufenthalt in Britisch Nordamerika wohl zu einem maßgebenden Urteil befähigen, leugnet die Anthropophagie der Chippeways im allgemeinen und giebt nur Fälle zu, in denen Hungersnot zu derselben trieb. „Wenn man,“ sagt er, „bei irgend einem Volke, nach dem unfruchtbaren Zustande seines Landes, voraussetzen könnte, daß es von Natur kannibalisch wäre, so möchte man bei der zuweilen eintretenden Schwierigkeit, sich Nahrung zu verschaffen, dieses Volk (die Chippeways) dem Vorwurf unterworfen glauben. Aber bei aller meiner Bekanntschaft mit ihnen erfuhr ich nie ein Beispiel dieser Neigung; auch sah und hörte ich unter allen Eingeborenen, die ich auf meinem Wege von 5000 (englischen) Meilen traf, nie von einem Beispiele von Kannibalensinn, sondern nur von solchen, die von der unwiderstehlichsten Notwendigkeit herrührten, die, wie man weiß, auch Menschen von den civilisiertesten Völkern einander zu verzehren zwingt.“[261] Auf solchem Boden steht auch ~P. Kane~, der bei den Chippeways nur Kannibalismus verursacht _from absolute want_ zuläßt, dabei aber darauf hinweist, daß unter den Chippeways ein Stamm als „Windigo“ bezeichnet werde, was bedeutet „Einer, der Menschenfleisch verzehrt“, worin eine geschichtliche Reminiscenz an früheren Kannibalismus erkannt werden mag.[262] Wie weit die Ableugnungen ~Mackenzie~s und ~Kane~s berechtigt sind, mag das Folgende ergeben.

Der apostolische Vikar ~H. Faraud~, der achtzehn Jahr lang als Missionar in der Athabaska-Region verlebte, bestätigt nämlich auf das entschiedenste den jetzt noch vorhandenen Kannibalismus der nördlichen Indianer. Derselbe sei allerdings teilweise aus Not im Winter bei Nahrungsmangel verursacht, dann schlachte man gewöhnlich Weiber oder Kinder -- teilweise aber sei er eine Folge der Rachsucht im Kriege. Und hier beschuldigt er Kris und Schwarzfüße, die auf dem Schlachtfelde, nachdem sie den getöteten Feind skalpiert, diesem das Herz herausreißen und an Ort und Stelle verzehren.[263]

Gewöhnlich scheint der Kannibalismus nur bei den Chippeways, Miamis, Potowatomis und überhaupt bei den Rothäuten vom Algonkinervolke gewesen zu sein; bei den Potowatomis hingegen scheint er nur das Privilegium einer Gesellschaft oder Brüderschaft zu sein. Die Mitglieder dieser Brüderschaft sind nicht allein mit großen Heldentugenden begabt, sondern sie sollen diese auch durch Zaubersprüche mitzuteilen imstande sein.[264]

Wie ~Keating~ bezeugt, ist bei den Chippeways Kannibalismus nach einer Schlacht stets allgemein gewesen; ja, fügt er hinzu, man hat unter ihnen Beispiele, wo das Menschenfleisch gedörrt und Jahre lang aufgehoben wurde, um nach langer Zeit einen Schmaus daraus zu bereiten, zu dem sie Gäste einluden.[265] Die Dakotas (Sioux) spricht er dagegen frei von der Anklage des Kannibalismus.[266] Sein Führer und Dolmetscher, ein Halbblutindianer ~Renville~, versicherte ~Keating~, daß er dabei zugegen war, als die Briten im Jahre 1813 in Verbindung mit einem Corps von etwa 3000 Indianern das Fort Meigs belagerten, letztere einen gefangenen Amerikaner schlachteten und in so viele Teile teilten, als Nationen gegenwärtig waren, indem sie den tapfersten unter jeder Nation aufriefen, um seinen Anteil an dem Kopf und Herzen zu empfangen. Der dazu aufgeforderte Dakota aber äußerte hierüber seinen Abscheu, weigerte sich das Fleisch zu essen und entfernte sich. Der englische Oberst ~Dickson~ aber, welcher die Truppen kommandierte, ließ den Winnebago rufen, der die Sache angeregt, machte ihm Vorwürfe und schickte ihn aus dem Lager fort.[267]

Furchtbare Rachsucht, die über das Leben hinaus den Feind noch verfolgen will, war der wesentlichste Beweggrund des Kannibalismus der Rothäute und so sind denn unter ihnen darauf zielende Ausdrücke wie „das Herz des Feindes verzehren“ oder „Feindesblut trinken“ sehr verbreitet. Algonkiner und Irokesen sind ganz entschieden in diesem Sinne Anthropophagen gewesen und die Mohawks, die zu den Irokesen gehören, haben sogar ihren Namen davon, denn er lautet richtig Mauquawog = Menschenfresser.[268] Nach Dr. ~Samuel Mitchills~ Berichten waren die im Staate New-York einst lebenden Indianer Anthropophagen. Die Ottawas kochten Suppe aus dem Fleische gefangener Irokesen. Unter den Miamis bestand ein Ausschuß von sieben Kriegern, _whose business it was to perform the maneating required by public authority_. Ihr letztes Kannibalenfest, bei dem ein Weißer aus Kentucky verzehrt wurde, fand gegen Ende des vorigen Jahrhunderts statt. Im Beginne unseres Säculums lebten noch Mitglieder des Menschenfresserkomitees der Miamis.[269]

Das mag genug sein, um festzustellen, daß die Indianer im Osten der Felsengebirge in geschichtlicher Zeit und bis auf unsere Tage herab nicht frei zu sprechen sind von Kannibalismus, wenn auch hervorgehoben werden muß, daß derselbe nur in geringem Umfange sich zeigt. Es hindert uns aber nichts anzunehmen, daß die Anthropophagie einst weit häufiger war, worauf auch die Spuren prähistorischen Kannibalismus hindeuten.

Diese zuerst nachgewiesen zu haben ist das Verdienst des Prof. ~Jefries Wyman~, welcher die uralten Muschelhügel am St. Johns River im östlichen Florida untersuchte und dabei zahlreiche Menschenknochen fand, die keineswegs, nach ihrer zerstreuten Lage zu schließen, von Begräbnissen herrühren konnten. Fast alle waren zerbrochen und oft fehlten wichtige Teile des Skelettes. Die Art und Weise, wie das Zerbrechen stattgefunden hatte, entsprach jener der Tierknochen, die in den Küchenabfallen (als welche die Muschelhügel zu gelten haben) vorkommen; die Knochen von Hirschen und Alligatoren waren wie die Menschenknochen behandelt und überall zeigte sich Methode, welche das Zerbrechen der Knochen etwa durch Tiere ausschloß. Wie in ähnlichen Fällen in Europa schließt ~Wyman~ aus dieser Art der Knochenbehandlung auf Kannibalismus der alten Bewohner von Florida, welche ihre Küchenabfälle in den Muschelhügeln hinterließen.[270]

+Nordamerikas Westküste.+ Kannibalismus ist auch bei den kalifornischen Indianern bekannt gewesen. Noch existieren unter ihnen Sagen von Menschenfressern und die das Land erobernden Spanier erzählten, daß die Wappo (oder Ash-o-chi-mi) in den heißen Quellen des Calistoga-Thales einst Menschenfleisch kochten, daher der frühere spanische Name Carne Humana für diese Quellen.[271]

In Nordwestamerika ist die Vancouverinsel, das Küstengebiet von Britisch-Columbia mit seinen Fjorden, sowie das benachbarte Inselgewirr der Sitz einer ganz eigentümlichen Art von Anthropophagie, die hier mit sozialen Rangstufen und einer Art von Kultus verknüpft ist. Dort wohnen die in ethnologischer Beziehung sehr ausgezeichneten Quakult, Tschimsian und Bella Coola-Indianer, über die wir Kapitän ~Jacobsen~ eingehende Nachrichten verdanken. Der letztere Stamm ist von ihm 1885, vertreten durch neun Individuen, in verschiedenen deutschen Städten gezeigt worden und es hat sich herausgestellt, daß die Art der von ihm betriebenen Anthropophagie identisch ist mit derjenigen, welche die Quakult auf Nordvancouver üben, die ~Jacobsen~ ausführlich geschildert hat.[272]

Diese Indianer, die durch ihre künstlerischen Leistungen hervorragen, sind Menschenfresser bis auf unsere Tage gewesen, wo die überhand nehmende Herrschaft der Engländer ihrem Kannibalismus ein Ziel setzt. Sie haben unter sich eine Anzahl gesellschaftlicher Rangstufen, deren höchste die der „Hametze“ oder Menschenfresser ist. Diejenigen, welche dieser Kaste angehören, sind stolz darauf und genießen unter ihrem Stamme besondere Ehren. Freilich ist bei ihnen jetzt die Zeit vorüber, in der sie Sklaven oder Kriegsgefangene schlachten und verzehren konnten, ohne daß Jemand sie daran hinderte; aber sie entschädigen sich auf weit gräßlichere Weise, indem sie bei ihrem Feste menschliche Leichen verzehren, die bereits ein oder mehrere Jahre alt sind.

Nicht das Bedürfnis nach Fleischnahrung treibt die Hametzen zu dieser Art von Kannibalismus. Menschenfleisch zu essen gilt bei ihnen als Vorrecht, das nur solchen ausgezeichneten Leuten gestattet wird, die eine ganze Reihe von Kasteiungen und Vorbereitungen durchgemacht haben. Ein aus gewöhnlichem Geschlechte stammender Indianer wird nie zur Hametzenwürde zugelassen, dieses ist nur den Söhnen von Häuptlingen oder sonst hervorragenden Leuten gestattet. Die Vorbereitungen dauern vier Jahre und es erhält der Eintretende als besonderes und ehrendes Abzeichen ein aus Cedernbast gefertigtes Band, welches er über der linken Schulter unter dem rechten Arme durchgehend trägt. Während der letzten vier Monate der Lehrzeit verlassen die angehenden Hametze Haus und Familie, um in stiller Waldeseinsamkeit und unter körperlichen Entbehrungen sich zur letzten großen Ceremonie vorzubereiten. Nachdem diese Periode vorüber, ist der Augenblick gekommen, daß der so vorbereitete „Hametze“ werden soll. Er muß zunächst Menschenblut genießen. „Der künftige Hametze springt plötzlich aus dem Walde hervor, mitten in das Dorf hinein, stürzt sich auf einen der Anwesenden und beißt ihn in den Arm oder das Bein, indem er zugleich etwas Blut aussaugt.“ Der Gebissene hat das Recht Zahlung für diesen Akt zu verlangen, die in Decken (Blankets) bis zu 40 Stück geleistet wird.[273]

Die Hametze genießen besondere Vorrechte. Ihre Tanzmasken, ihre Rasseln, ihre Kopf-, Hals- und Armringe sind besonders schön hergestellt und verziert. Wenn ein Hametze an einem Tanzfest teilnehmen soll, sind vier Häuptlinge nötig, welche ihn viermal hintereinander einladen müssen, ehe er sein Erscheinen zusagt. Beim Feste bilden sie den Gegenstand allgemeiner Hochachtung und sie selbst fühlen sich als Wesen höherer Gattung und lassen sich feiern.

Mit dem Trinken des Menschenbluts hat ein Hametze jedoch noch nicht den höchsten Grad seiner Würde erreicht. Die Ceremonie, bei welcher dieses geschieht, wird von den Hametzen allein in tiefster Einsamkeit gefeiert. Ist das Kannibalenmahl vorüber, so hat der Hametze das Recht an seiner Maske einen kleinen, aus Holz geschnitzten Menschenschädel zu befestigen. ~Jakobsen~ sah Indianer, die nicht weniger als acht solcher Schädel an der Maske trugen. Wenn die Leiche, von der diese Leute einige Bissen zu sich nehmen, genügend alt und mumifiziert ist, so soll der Genuß unschädlich sein, dagegen ist es wiederholt vorgekommen, daß beim Genuß vom Fleische verhältnismäßig frischer Kadaver einige Hametze durch Blutvergiftung ihr Ende gefunden haben.

Noch im Jahre 1859 sah es der Verwalter der Hudsonsbai in Fort Rupert, ~Hundt~, mit eigenen Augen an, daß dort (Nordvancouver) ein gefangener Sklave bei Gelegenheit eines großen Festes an einen Pfahl gebunden und ihm der Leib aufgeschnitten wurde, worauf die Hametze ihre Hände mit dem hervorströmenden Blut füllten und letzteres tranken. Wahrscheinlich wurde der Sklave nachher ganz verzehrt. Zur Strafe für diese Unthat ließ die englische Regierung das Dorf jener Indianer durch ein Kanonenboot zerstören.

Bei den Wintertänzen der Indianer auf West-Vancouver sah ~Jakobsen~ Szenen, wie die eben geschilderte, wenigstens pantomimisch dargestellt.[274]

Das Leichenfressen ist auch bei den Vancouver gegenüber am Festlande wohnenden Tschimsian festgestellt, während bei den nördlicher wohnenden Tlinkit (im ehemals russischen Nordamerika) und bei der Haida (auf den Königin Charlotte-Inseln) nichts sicheres über etwa vorhandene Anthropophagie verlautet.[275]

[210] ~Navarrete~, Coleccion de los viages. Madrid 1825. I. 204.

[211] Histoire générale des Antilles. II. 401.

[212] ~Herrera~ (bei ~Purchas~ His Pilgrims III. 865) berichtet, daß ein Mönch auf Dominica verzehrt worden sei; alle, die von seinem Fleische aßen, wurden krank oder starben. ~Purchas~ macht dazu die Marginalbemerkung: Frier vnwholsome food.

[213] ~D. Jourdanet~, Histoire véridique de la conquete de la Nouvelle-Espagne par Bernal Diaz. Seconde édition. -- -- suivie d’une étude sur les sacrifices humains et l’anthropophagie chez les Aztèques etc. Paris 1878.

[214] Tom. I. lib. II. cap. X.

[215] Drei Berichte von ~F. Cortez~ an ~Karl V.~ Deutsch. Berlin 1834. 337.

[216] ~Fray Geronimo de Mendieta.~ Ed. ~Icazbalceta~. Mexico. Lib. II. cap. 16. 19 und ~H. Strebel~, Alt-Mexiko. 12.

[217] ~Waldeck~, Voyage pittoresque et archéologique dans le Yucatan. 1838. Nach ~Kottenkamp~, Geschichte der Kolonisation Amerikas. I. 24.

[218] Nach ~Squier~ in Transact. Americ. Ethnolog. Soc. III. 138. 139. (New York 1853.)

[219] ~Herrera~ bei ~Purchas~ His Pilgrims, The Third Part. London 1625. 890.

[220] ~Garcilasso de la Vega~, Histoire des Yncas rois du Perou. Traduit de l’Espagnol. Cap. IX. 21. ~Prescott~, Eroberung von Peru. I. 81.

[221] ~E. Pöppig~, Reise in Chile, Peru und auf dem Amazonenstrome. Leipzig 1835. II. 449.

[222] ~Azara~, Voyages dans l’Amérique meridionale. II. 2.

[223] ~Woldemar Schultz~, Natur- und Kulturstudien über Südamerika und seine Bewohner im 4. und 5. Jahresbericht des Vereins für Erkunde zu Dresden. 1868. 72.

[224] ~v. Martius~, Beiträge zur Ethnographie und Sprachenkunde Amerikas. Leipzig 1867. I. 538.

[225] ~Herndon~, Exploration of the Amazon. Washington 1854. 209.

[226] Anthropological Review. I. 38 (1863).

[227] ~J. J. v. Tschudi~, Peru. II. 222.

[228] ~Paul Marcoy~, Voyage de l’océan pacifique à l’océan atlantique à travers l’Amérique du Sud, im Tour du Monde. XI. 220.

[229] Dr. ~Abendroth~ im Globus. XIX. 379.

[230] ~Paul Marcoy~ im Tour du Monde. XV. 135.

[231] ~Paul Marcoy~ a. a. O. 138.

[232] ~Marcoy~ a. a. O. 139.

[233] ~Keller-Leuzinger~, Vom Amazonas und Madeira. Stuttgart 1874. 32. 99.

[234] ~A. R. Wallace~, Amazon and Rio Negro. London 1853. 498. -- ~v. Martius~, Beiträge zur Ethnographie Amerikas. I. 600.

[235] Nach Panama Star and Herald vom 12. April 1883 im Ausland 1883. 437.

[236] The Naturalist on the Amazonas. London 1864. 454.

[237] Expédition dans les parties centrales de l’Amérique du Sud. Paris 1850. III. 314.

[238] Relation du voyage d’Améric Vespuce aux cotes du Brésil fait en 1501 et 1502, adressée a Lorenzo di Pierfrancesco de Medici. ~Charton~, Voyageurs anciens et modernes. III. 198. Paris 1863. Der Brief ward bereits 1503 in Paris gedruckt.

[239] ~Anton Pigafetta~: Erste Reise um die Welt durch ~Ferdinand Magelhan~. Aus dem Italienischen. In ~C. M. Sprengel~s Beiträgen zur Völker- und Länderkunde. Leipzig 1784. IV. 13.

[240] A. a. O. 16.

[241] Vierter und Fünfter Jahresbericht des Vereins für Erdkunde zu Dresden. 1868. 14.

[242] Warhafftig historia und beschreibung einer landschafft der wilden, nacketen, grimmigen menschenfresser leuthen, in der newen weit America gelegen, vor und nach Christi geburt im Land zu Hessen unbekannt, bisz auff dise II nechst vergangene jar, da die ~Hans Staden~ von Homberg ausz Hessen durch sein eygne erfarung erkant, und ietzund durch den truck an tag gibt. Franckfurt am Main durch Weygandt Han. 1556. Herausgegeben von Dr. ~K. Klüpfel~ in der Bibliothek des litterarischen Vereins in Stuttgart. Band 47. Stuttgart 1859.

[243] ~W. C. v. Eschwege~, Journal von Brasilien. Weimar 1818. 89.

[244] ~Maximilian Prinz zu Neuwied~, Reise nach Brasilien. Frankfurt a. M. 1821. II. 49. 50.

[245] ~Joh. Jak. v. Tschudi~, Reisen durch Südamerika. Leipzig 1866. II. 280.

[246] Hauptmann ~Marlier~s Bericht bei ~v. Eschwege~ a. a. O. 121. 127. 201.

[247] ~A. v. Varnhagen~, Historia geral do Brazil etc. Rio de Janeiro 1854. Tom. I. 100. ~Schulz~, Natur- und Kulturstudien über Südamerika. 15.

[248] ~Neuwied~ a. a. O. I. 161.

[249] Nach Dr. ~Couto da Magalhaes~ fressen die Chavantes am Araguay die Leichen ihrer verstorbenen Kinder, weil sie wähnen, daß dadurch die Seele dieser Kinder in die ihrige übergehe. (Brazil and River Plate Mail 21. Febr. 1874.)

[250] ~E. Reuel Smith~, The Araucarians. New York 1855. 274.

[251] ~Charles Darwin~s Naturwissenschaftliche Reisen. Deutsch von ~Dieffenbach~. Braunschweig 1844. I. 230.