Erstes Kapitel
Zwischen Ulmen und Platanen geht die schöne, staubweiße Dreikantonstraße quer durch das Luxemburger Ländchen, von der Mosel nach der belgischen Grenze. Allerhand bäuerliches Fuhrwerk zieht dort seine Spuren. Straßenwärter lehnen, stets verschnaufend, am Grabenrand auf ihren Schaufeln und Hacken. Um die Osterzeit liegen vor den Kilometersteinen bunte Eierschalen, von allerhand Wandervolk nach Rast und Wegzehrung hingestreut. Es ist, als ob’s im Erdreich ringsum von erwachendem Leben knistre. Manchmal kommt aus der Ferne das leise Geklingel eines Schellenkranzes, zwei magere Gäule schleppen einen gelben Kasten auf Rädern vorbei; durch die klapprigen Fenster sieht man im Innern müde Gesichter mit geschlossenen Augen vornüber nicken: der Omnibus. Im Herbst schwelt dünner Rauch von brennendem Kartoffelkraut über die Straße, und fernher zieht über die leeren Stoppelfelder unsäglich wehmütig der Choralgesang eines Bauernbuben, der hungrig um seine Kühe kreist und überm Singen an die duftigen Knollen denkt, die er sich in der Asche des Kartoffelfeuers brät.
Am schönsten ist es auf der Dreikantonstraße an sonnigen Septemberabenden. Dann dampft goldener Nebel zwischen den Bergen am Horizont. Es ist der zerfließende Rauch der Hochöfen im Süden und Westen. Da schmelzen sie das Erz, das die braunen Italiener aus den zerrissenen Eingeweiden der Erde herauswühlen, und hinter den Bergen, dort herum, wo drei Grenzen sich schneiden und das sonore Französisch des Beckens von Longwy mit den trotzigen Kehllauten altdeutscher Neulothringer und dem breitspurigen Luxemburger Platt der Escher Gegend unvermittelt zusammenklingt, da sinkt jetzt der Sonnenball langsam hinweg in den Dämmerrauch, den er sich zu leuchtenden Schleiern vergoldet hat.
Wiesing ist eines der schönsten Dörfer an der Dreikantonstraße. An der Straßenkreuzung steht ein vornehmes, altes Gasthaus mit altmodischer französischer Aufschrift „_Auberge. – On loge à pied et à cheval. – Epicerie._“ Hinter einem Fenster, in einem hohen Glaspokal, dicke Lakritzstangen, in einem andern brauner und gelber Kandiszucker. Ein weißes Porzellanfäßchen trägt die Aufschrift: _Obourg_, – ein anderes die Worte: _Poudre de chasse_, bei denen alle Bubenherzen höher schlagen. Rechts von der Freitreppe, die zum Hausflur hinaufführt, steht eine hölzerne Pferdekrippe mit Ringen zum Ankoppeln. Zwischen geköpften Silberpappeln, die im Frühjahr ihre Lämmerschwänzchen und im Herbst ihre hellgelben, welken Blätter über die Straße streuen, ragt ein uraltes Steinkreuz mit bemoostem Altartisch davor. Dort hält an Fronleichnam, bei der Kirchweih und am Muttergottestag die Prozession, und alles kniet andächtig in der Runde. Der Herr Pastor hebt über die gesenkten Häupter segnend die blitzende Monstranz, während die feiertäglich duftenden Weihrauchwolken steigen, Silberschellchen bimmeln, in der Ferne dumpf die Böller knallen, die Glocken zu Hauf läuten und in der Gaststube drin ein paar Burschen, die lieber im Wirtshaus Gottesdienst feiern, stumm an ihren Sonntagszigarren saugen und hinter den weißen Tüllvorhängen verstohlen hinausäugen.
Es gab eine Zeit, wo in Wiesing reiche Bauern wohnten. Damals, ehe die Eisenbahn fertig gebaut war, ging von den Escher Bergen der Strom des rotbraunen Erzes durch Wiesing nach der Mosel, wo das kostbare Gestein nach den deutschen Hüttenwerken in weitbauchige Kähne verfrachtet wurde. Karren an Karren rasselte und polterte durchs Dorf, es war ein betriebsames Leben, die Bauern verdienten, was sie wollten. Sie trugen zu ihren stahlblauen, blinkenden Sonntagskitteln schneeweiße Stehkragen, spielten Kegel und Karten zu einem blanken Taler den Einsatz, und als der rotbraune Strom plötzlich versiegte, da saßen sie auf dem Trocknen und wußten nicht wie. Ihre Ställe leerten sich, auf ihren Scheunen sahen durch die verfallenden Dächer die Sparren wie die Rippen eines faulenden Aases, das die Raben und Füchse angefressen haben, und an ihren schönen großen Häusern zerbrach von den teuren gewölbten Fensterscheiben eine nach der andern und wurde durch ganz gewöhnliches billiges Glas ersetzt. Da lernten ihre Söhne wieder das bittere Schwitzen und verbrachten schlaflose Nächte mit Grübeln, wie sie es anstellen sollten, um für den Jud und den Notar die Zinsen aufzubringen.
* * * * *
An einem der schönen Septemberabende stand Fräulein Gretchen, die Schwester des Herrn Pfarrers Reining, an ihrem vergitterten Küchenfenster, das auf den Hof hinausging, und sah mit verträumten Augen zu, wie ein dreizehnjähriger Junge einen Korb mit glatten, weißen Buchenholzstücken füllte, den letzten von einem großen Haufen, den er mühsam und unverdrossen auf den Speicher geschafft hatte. Der Platz war noch weiß von Sägespänen, und der bittere Geruch der frisch zersägten Buchenscheite mischte sich mit den Düften, die vom Kochherd ausgingen und in lauen, unsichtbaren Wölkchen sich an Fräulein Gretchen vorbei ins Freie stahlen.
Der Junge hatte den Korb huckepack genommen und ging, vornüber gebeugt, in langsamem Takte nickend unter seiner Last um das Haus herum durch die Hintertür hinein und die Treppe zum Boden hinauf. Im Halbdunkel des sinkenden Tags schimmerte in dem schwülen Raum unterm Dach die Trockenwäsche auf den Leinen, die zwischen den Balken des Dachstuhls gespannt waren. Es roch nach Seife, nach trockener Buchenrinde, nach süßen Birnen und Äpfeln und nach vergilbtem Papier. Der Junge setzte seinen Korb ab. Mitten im Speicherraum stand wie eine plumpe Säule der Kaminschlot, der durchs Dach hinausführte, und um diesen herum war das Brennholz fein säuberlich aufgeschichtet. Bevor der Junge den Inhalt des Korbes zu dem übrigen legte, holte er aus einer Speicherecke, von einer offenen Kiste, ein aufgeschlagenes Buch und stellte sich damit unter eine Dachluke, wo das Zwielicht zum Lesen gerade noch langte. „Geschichte der Dampfmaschine“ stand auf dem Titelblatt. Das Buch dicht an den leuchtenden Augen las der Knabe Seite um Seite, und vergaß über Denis Papin und James Watt alles um sich her.
Plötzlich hörte er rufen. Fräulein Gretchens weiche Altstimme tönte durchs Haus. „Fenn! Fenny! Könnscht de net bal?“
„Ob der Minut!“ rief Fenn hastig zurück, klappte das Buch zu, trug es an seinen Platz und leerte hurtig mit beiden Händen den Inhalt des Korbes auf den Holzstapel, der sich in Brusthöhe vor ihm türmte. Dann sprang er in eiligen Sätzen die Treppe hinunter.
In der Küchentür stand Fräulein Gretchen. In ihren weltunkundigen, sanften Augen war lächelnde Zufriedenheit, als sie den Jungen fragte, ob er nun ganz fertig sei. Dabei wandte sie sich zurück in die Küche und nahm aus einem Körbchen eine prächtige, große Birne, die sie Fenn am Stiel entgegenhielt. Er wischte schmunzelnd die flachen Hände an den Hosenbeinen ab und nahm die Birne, in die er gierig zwei Reihen blanker Zähne schlug. Wie lecker nach all dem Staub, der so bitter und trocken am heißen Gaumen klebte! Voll mitgenießender Behäbigkeit sah Fräulein Gretchen, die Hände unter ihrer kurzen, schwarzen Pelerine übereinandergefaltet, dem Knaben zu. Sie war eine gute Haut, und alle mochten die „Zäre Joffer“ leiden.
„Zären“ und „Zierden“ heißen im Luxemburgischen von uralters her in jedem Dorf zwei Häuser, das Pfarrhaus und das Hirtenhaus. In diesen Bezeichnungen hat sich noch die Genitivform erhalten, um die der Luxemburger sich sonst wie um etwas hochdeutsch Vornehmes linkisch herumdrückt. Aus „des Herren“ und „des Hirten“ ist „d’s Hären“ und „d’s Hierden“, und dann „Zären“ und „Zierden“ geworden, und „Zäre Kächen“ und „Zierden Hond“ sind in allen Dörfern stehende Ausdrücke. Wer sich in Wiesing etwas herausnehmen durfte, sprach vertraulich von „Zäre Gre’itchen“, für die andern war sie die Respektsperson, die „Zäre Joffer“.
Fenn hatte seine Birne verzehrt.
„Hast du denn dein Holz schön ‚getesselt‘?“ fragte Fräulein Gretchen in dem breiten Dialekt, der mit seinen weichen, liebevoll gedehnten Zischlauten, den fremdartigen, bald ans Englische, bald ans Oberbayrische anklingenden Diphthongen und einer Beimischung französischer Nasenlaute dem Ausländer so undeutsch und unverständlich klingt.
Fenn nickte. Er trat von einem Fuß auf den andern und würgte sichtlich an einem Anliegen, mit dem er sich nicht hervortraute.
„Nun gehst du zu Lehrers und bestellst meinem Vater, daß Essenszeit ist,“ sagte Joffer Gretchen.
Da brach dem Jungen sein Geheimnis über die Lippen. „Auf dem Speicher oben liegen so schöne Bücher!“ brachte er unvermittelt hervor, und sein offenes Bubengesicht lief dabei rot an.
„So, was denn für Bücher?“ fragte wohlwollend Fräulein Gretchen.
Er versuchte ihr klar zu machen, was er meinte, aber mit Worten dauerte es ihm zu lang. So war er in ein paar Sätzen die Treppe hinauf und holte den Schmöker. Sie meinte, sie müsse erst „eisen Här“ fragen.
„Unser Herr“ saß in seinem Studierzimmer über seinen Büchern. Der Herr Wiesinger galt in den Kreisen seiner Confratres für ein unheimlich gelehrtes Haus, aus dem noch einmal ganz was besonderes werden würde. Das Geld, das andere in Rotspohn und Zigarren anlegten, steckte er in seine Bücherei. Schön gebunden, mit schwarzbraunem Rücken und dem Goldtitel in dunkelgrünem Feld, standen die Theologen, Philosophen, Kirchenväter und Klassiker auf ihren Regalen, hinter blinkenden Kattunvorhängen. Der Herr Wiesinger sah seiner Schwester sehr ähnlich. Dasselbe gütige, weiße Gesicht, dieselben sanften Augen, nur tiefer und klüger hinter den starken Brillengläsern.
Er nahm lächelnd das Buch und blätterte sinnend eine Weile darin. „Gib’s ihm, wenn es ihm Spaß macht,“ sagte er. „Ich habe es vor reichlich vierzig Jahren als Schulpreis bekommen. Da klebt noch der Zettel: Sexta, I. Preis, Karl Reining. Aber der Fenn soll darüber sein Latein nicht vernachlässigen.“
„Und ich wollte dir auch sagen, Charles, das Essen ist soweit fertig. Wenn du kommen willst, kann aufgetragen werden.“
Unter vier Augen duzte Joffer Gretchen den geistlichen Bruder, aber in der Zärtlichkeit, mit der das luxemburgisch-französische „Scharel“ herauskam, klang ein gut Teil Ehrfurcht mit.
Fenn zog glücklich mit seiner Beute ab. Er hatte heute zum letzten Male im Pfarrhaus Holz getragen. Morgen sollte er nach Luxemburg aufs Gymnasium, um „auf Herr“ zu studieren.
* * * * *
Sein Vater war der Küster, der griesgrämige Mathias Kaß mit den buschigen Augenbrauen und den gekniffenen Lippen. Die Kaß in Wiesing gehörten zu einem alten Luxemburger Schmiedegeschlecht. Der Mathias war zufällig schwächer geraten als seine Brüder und Vettern und darum nach Wiesing gekommen, wo er in eine alte Küsterdynastie eingeheiratet hatte. Aber die Natur hatte nur ein Glied in der Kette überschlagen, beim jungen Kaß in Wiesing setzte die ganze Kraftfülle der Altvordern wieder ein. Vielleicht auch war er mehr nach der Mutter geartet, einer stillen, derben Frau, die an dem grobknochigen einzigen Sohn mit der ganzen Zärtlichkeit ihrer schlichten Seele hing. Ferdinand hatte sie ihn taufen lassen. Ferdinand war der schönste Name, den sie kannte. Irgendein vornehmer Knabe aus einer Geschichte in ihrer Lesefibel hatte Ferdinand geheißen, und so nannte sie ihren Einzigen Ferdinand. Aus jenem Bedürfnis nach Feinem, Feiertäglichem, das selbst im gröbsten Bauernweib drin steckt und ihm eingibt, ein paar Blumenscherben auf der Fensterbank zu halten, oder um Ostern herum Veilchen zwischen die Wäsche zu legen oder bei feierlichen Gelegenheiten – Begräbnis, Hochzeit, Kirmes und Kindtaufe – ihr weißes Taschentuch nebst Gebetbuch und Rosenkranz zimperlich vornehm in der Hand zu tragen.
Papa Reining, den Fenn zum Essen rufen sollte, war der Vater des Pfarrers. Ein bißchen gebeugt, ein bißchen wackelig, ein bißchen schwerhörig. Unter sich nannten ihn die Wiesinger „Zäre Pätter“, offiziell hieß er der „Père Reining“. Niemand sah ihn je anders als im schwarzen Gehrock. Allabendlich ging er auf eine Partie Sechsundsechzig zum Lehrer Braun, für dessen Jüngste er stets etwas zum Naschen in den unergründlichen Taschen seiner Rockschöße mitbrachte. Und bot das Haus einmal nichts Eigenes, dann waren es Pfefferminzpastillen. Um diese stritten sich die Kinder, es war ihnen ein seltenes und seltsames Empfinden, an Gaumen und Zunge den kühlen Hauch und den süßlichen Geschmack der kleinen weißen Plätzchen zu spüren.
Fenn Kaß wußte in dem bescheiden aussehenden, strohgedeckten Haus, das die Gemeinde ihrem Lehrer als Wohnung zur Verfügung stellte, von Kindesbeinen auf Bescheid. Von der Straße führte eine Treppe hinan, auf deren Steinbrüstung bald glucksende Hühner sich sonnten, bald die Töchter Brauns mit gefärbten Knöchelchen Spielstein spielten. An lauen Abenden saß dort Braun, ans Haus gelehnt, ein Bein auf der niedrigen Brüstungsmauer vor sich ausgestreckt, rauchte seine weiße, irdene Pfeife, sein „Hänschen“, und erklärte seiner Jüngsten die Sternbilder. Dann kroch Fenn manchmal schweigend von unten die Treppe herauf, bis zu den Füßen des Lehrers, und lauschte gespannt, wenn Braun am „Großen Wagen“ die drei Pferde und die vier Räder oder am „Rechen“ die Zähne und den Stiel mit seinem Pfeifenrohr der kleinen Marjänni demonstrierte. Man weiß nicht, was den Küstersbuben am meisten lockte, der „Große Bär“ oder die kleine Marjänni. Tatsache ist, daß es ihn nach dem Lehrerhause hinzog, auch wenn kein Stern am Himmel stand. Und noch lange nachher wurzelten die seligsten Erinnerungen seiner Kinderjahre in den Stunden, die er bei Lehrers zugebracht hatte.
Lehrers hatten jenseits der Straße einen großen Garten, in dem eine Holzbank unter einem mächtigen Holunderstrauch stand. Dorthin brachten die Mädchen ihre Puppen und die Buben ihre Pferde und gründeten einen gemeinsamen Haushalt. In eine Mauerritze wurden nebeneinander ein paar Stöckchen getrieben, das waren die Balken des Heuspeichers. Quer darüber kam Reisig und oben darauf wurde ausgerupftes Gras getürmt. Auch Raufe und Trog fehlten nicht, und den bunten Rossen, die noch so funkelnagelneu nach Lack dufteten, gebrach es an nichts. Neben dem Stall wurde ein Brunnen gebohrt, mit einer spitzen Bohnenstange, so tief, daß alle Kinder sagten, sie könnten nicht bis auf den Grund sehen, beinahe fußtief. Und aus gegabelten Zweigen und quer darüber einem runden Stäbchen mit doppelt geknicktem Ende als Kurbel wurde der Apparat gebaut, an dem aus der Tiefe des Brunnens der Wassereimer heraufgewunden wurde.
Während die Knaben so dem Viehbestand ihre Fürsorge zuwandten, bestellten die Mädchen das Haus. Unter der Bank am Holunderstrauch lag der Keller, mit Milch und Butter und Kartoffeln und allen Vorräten reich bestellt, oben drauf waren Küche, Stube und Schlafzimmer für das Puppenvolk eingerichtet. Da führte Marjänni das Zepter, in Hof und Stall war Fenn ausschlaggebend.
Auch von den andern, die gewöhnlich dabei waren, ist ein Wort zu sagen.
Heine Putty machte sich aus den Pferden nicht viel, er drückte sich mehr auf der Mädchenseite herum. Sein Vater war Schneider, aus der Gegend zwischen Mosel und Syr eingewandert, ein bartloser Schwächling mit dem Temperament eines Cholerikers, ein Bramarbas, der ein ruhiges Hünenweib heimgeführt und mit ihr einen schmächtigen Sohn und zwei derbe Töchter gezeugt hatte, die Leonie und die Justine, die bei den Haushaltungsnachmittagen im Lehrersgarten emsig schafften. Geriet der Schneider in Wut, so prügelte er unter gräßlichen Flüchen seine Kinder, eins nach dem andern, durch. Das ihm zunächst saß, kam zuerst an die Reihe, und dann die andern. Er erblickte in diesem unparteiischen Durchprügeln einen Hauptteil seiner väterlichen Sendung. Die Mutter sah ihm dabei ohne Aufregung zu, weil sie dachte, das könne unmöglich wehe tun. Aus seinen ledigen Jahren erzählte der Schneider erstaunliche Heldentaten, die ihm die Wiesinger lieber glaubten, als daß sie sich mit dem mundfixen, hergelaufenen „Schneiderhähnchen“ auf eine Kontroverse eingelassen hätten. So war der kleine Peter Heinen – aus Peter machten die Kameraden Putt und Putty – ein verschüchterter Knabe geworden, aber fein, begabt, phantasiereich und voll einer heimlichen Genußfreude, die sich nicht gern an die Oberfläche wagte, die jeden Genuß mißtrauisch in einen Herzenswinkel schleppte, wie ein Hund einen Knochen, und sich dort gierig an ihm sättigte.
Suchte Heine Putty beim Spielen stets die Gesellschaft der Mädchen und gefiel sich Fenn in der Rolle des Hausvaters, so ging der dritte Gespiele, Fritz Lampert, davon aus, daß er dahin gehörte, wo es im Augenblick am meisten zu essen und zu trinken gab. Sein Vater, der Lampesch Fiß (Fils), so genannt nach dem Vorbilde der benachbarten Lothringer Bauernsöhne, war der reichste Bauer auf viele Stunden im Umkreis. Manche im Dorf hängten, wenn sie das sagten, augenzwinkernd das fatale Wörtchen „gewesen“ daran. Soviel war sicher, der Lampesch Fiß hatte schon in jungen Jahren das Faulenzen gelernt. Und sollte Fritz von ihm auch weiter nichts erben, die Faulheit, die Selbstsucht und das Protzentum hatte er von ihm sicher, das stak im Blut.
Fenn, Putty und Fritz waren ein Kleeblatt. Und von der kleinen Marjänni hätte man sagen können, sie war an dem Blatt der Stiel, der die drei zusammenhielt.
Fenn sprang bei Brauns die Treppe hinauf und stieß im Flur auf seine Freundin, die ein langes Stück massigen Zwetschenkuchens auf der flachen Hand hielt. Wenn sie beim Hineinbeißen die Lippen schürzte, sah man in dem gesunden, roten Zahnfleisch das blinkende Elfenbein ihrer Zähne stehen, und aus zwei groß aufgerissenen, dunkeln Augen funkelte der Genuß an dem saftigen Bissen.
Daß damals in Wiesing weit und breit die schönsten Mädchen wuchsen, wußte in der Gegend jeder Bursch. Brauns Marjänni war nicht aus der Art geschlagen. Sie hatte die süßesten Augen, dunkelolive; ihr schmales Gesichtchen war weiß, wie ein Rosenblatt, nur um die Augen ein wenig dunkler, wie weiße Rosenblätter in des Kelches Mitte. Wenn es gegen Abend ging und sich ihr Haar unter dem Kamm gelockert hatte und einen breiten Rahmen um ihr entzückendes Kindergesicht legte, war sie fast zu schön, wie ein Bild, das man keinem Maler glauben würde.
So sah sie aus, als Fenn Kaß ihr jetzt im Türrahmen entgegensprang. Er griff mutwillig nach ihrem Kuchen, sie retirierte mit einem halb belustigten, halb entrüsteten „Nein, wie frech!“ in die Küche.
Der „Zäre Pätter“ war in keiner kleinen Aufregung, als Fenn ihn abberief. Er hatte drei Spiele nacheinander gegen Braun gewonnen und ihn einmal „Schneider gemacht“, und jedesmal, wenn er einen Trumpf auflegte, schwang er die Karte hoch empor, wie ein Richtbeil, und ließ sie mit einem aus tiefster Brust hervorgekeuchten Aha! auf die Karte des Gegners niedersausen, daß unter seinem feinen Greisenfäustchen die Tischplatte diskret erbebte.
„Danken Sie Ihrem Schöpfer, Herr Braun, daß ich fort muß!“ sagte er mit vibrierender Stimme, indem er sein geblümtes Taschentuch und seine silberne Schnupftabakdose vom Tisch aufnahm. „Heute wäre es Ihnen um Haus und Hof gegangen!“
Braun lachte gemütlich und kraute sich hinter dem Ohr. Er gedachte der ersten Tage, wo der „Zäre Pätter“ mit ihm Sechsundsechzig gespielt und regelmäßig Schuh und Strümpfe dabei verloren hatte. Da war er aus reinem Mitleid mit dem alten Mann hingegangen und hatte heimlich die Karten gezeichnet. Nun konnte er ihm so viel Trümpfe und Stiche in die Hände spielen, wie er für gut fand, und der gute „Zäre Pätter“ hatte dank dem Lehrer Braun einen triumphverklärten Lebensabend und kam jeden Tag in der übermütigsten Stimmung zum Abendessen. Pfarrer Reining hörte von der großmütigen Mogelei des Lehrers und erstattete diesem gewaltsam jede Woche die zwölf Sous, die er an den Père Reining aus christlicher Nächstenliebe verloren hatte.
* * * * *
Als Fenn Kaß an jenem Abend die Betglocke läutete, war ihm durchaus nicht so weich zumut, wie es doch am Vorabend eines so folgenschweren Tages begreiflich gewesen wäre. Nein, so einer war er überhaupt nicht. Es hatte ihn noch keiner von seinen Kameraden mit nassen Augen gesehen. Nicht, daß er ein rohes Gemüt gehabt hätte. Vieles ergriff ihn seelentief. Aber war sein Inneres ein bewegliches Wasser, auf dem jede Empfindung ihre Ringe warf, sein Äußeres war festes Erdreich, ein Ufer, von dem die Wellenringe der innern Aufregung spurlos zurückzitterten.
Fenn schlenkerte den großen Kirchenschlüssel an Daumen und Zeigefinger hin und her, als er langsam zwischen den Ebereschen hinging, die vom Tor des Friedhofs bis zur Kirchentür eine zierliche Allee bildeten. Einzelne rote Beeren lagen über den Pfad gestreut. Fenn fiel es ein, wie sich Marjänni mit den reifen Vogelbeeren manchmal Ohrgehänge machte, und instinktiv vermied er, auf eine der roten Korallen zu treten, als hätte er damit der kleinen Spielkameradin weh tun können.
Beim Missionskreuz an der Turmmauer hielt er die Schritte an. Dort stand Sonntags nach dem Hochamt die Gemeinde und sprach ein kurzes Gebet „für die Abgestorbenen“. Warum kam dem Küsterssohn gerade hier das Bewußtsein, daß ein Abschnitt in seinem Lebensbuche nun für immer umgeblättert war? Warum dachte er nicht an dies und jenes, das er nie mehr tun würde, und warum dachte er gerade: Du wirst nun nicht mehr Sonntag für Sonntag unterm Missionskreuz stehen und für die Verstorbenen beten? ... Drüben war immer Marjännis Platz, an dem Grab mit dem schiefen grauen Kreuz, über das jetzt riesige Sonnenblumen ihre schweren Köpfe hängten. Dort sah er sie immer stehen, wenn er etwas später, als die andern, aus der Sakristei kam, wo er noch nach dem Rechten hatte sehen müssen. Wenn sich zufällig ihre Blicke kreuzten und er ihr verstohlen zunickte, winkte sie kaum merklich wieder, schloß eine Sekunde lang ihre dunkeln Augen und betete weiter, ernst und altklug, als müßte sie ganz allein alle armen Seelen aus dem Fegfeuer beten. Der Gedanke an sie ging heimlich hinter ihm her in die stille, dämmerbraune Kirche, in der seine Schritte hallten. Dort links war ihr Platz. Sie saß die erste in ihrer Bank. Während im Hochamt das Credo oder in der Vesper die Psalmen gesungen wurden, saß der Herr Pastor seitwärts vom Altar in einem Seidendamastsessel, rechts und links die beiden Meßdiener. Das sind die feierlichsten Augenblicke im Dasein eines Dorfjungen. Die Kirche ist voll von Lichterglanz und süßem Weihrauchduft, wie im Sonntagssonnenschein eine blumige Märchenwiese, durch die die Orgelklänge als tönender Bach hindurchfließen, bald sacht, bald brausend. Die Gemeinde sitzt mit frommen, schläfrigen Sonntagsgesichtern, die Choralweisen, mit denen alle aufgewachsen sind, summen laut oder leis in jeder Kehle mit, unbewußt, wie in einem der gemalten Kirchenfenster eine lockere Scheibe bei schwingungsverwandten Klängen schläfrig mitklirrt. Auf den fremdartigen Weisen, aus denen der Widerhall einer versunkenen Zeit mit seltsamen Vinetaglocken läutet, wiegen sich die Träume hin und her. Das sind die Stunden, wo die Seelen sich von der Erde und ihren Wirklichkeiten lösen, wo die Gefühle wie die blauen Weihrauchwölkchen haltlos schweben und wo die Menschen dem gehören, der ihrem Traumbedürfnis die erdenferne Umwelt schafft, nach der es sich sehnt.
In solchen Augenblicken hatte Fenn stets das Gesicht der kleinen Lehrerstochter vor sich. Er saß neben dem Herrn Pastor, der von Samt und Seide starrte, die Hände in den weiten Ärmeln seines Chorhemdes wie in einem Muff geborgen. Und die ganze Pracht und Herrlichkeit, die sonndurchglühten Heiligen in den gemalten Fenstern, die künstlichen Blumensträuße, in deren goldenen Blättern sich glitzernd die Kerzenflammen spiegelten, die farbenfreudige Gewölbemalerei, in die sich die fromme Phantasie eines heimischen Anstreichers ergossen hatte, die ausgelassene Formenschwelgerei der Rokokoaltäre mit ihren theatralisch posierenden Heiligen, und die frommen Gesichter und die Sonntagsstimmung der Gemeinde, alles war für Fenn manchmal nur ein Rahmen um das schöne weiße Gesicht Marjännis.
Solche Visionen umgaben den Küsterssohn jetzt wie eine weiße Wolke von Erinnerung, in die seine Gedanken wie von selbst hineingetrieben waren.
Er pinkte erst dreimal leise mit der Glocke an und besorgte dann, wie jeden Tag, seit er die Kraft dazu besaß, das Abendläuten – nicht mit lautem Bimbam, wie wenn er die Wiesinger zur Kirche rief, sondern mit einseitigem, schüchternem Bimbim – Bimbim, das nur zu stillem Ave Maria mahnte. Dann schloß er das Kirchentor ab und ging.
* * * * *
Ein Bauernbub, der unter seine Kinderjahre einen Strich macht, hat von allerhand Abschied zu nehmen. Fenn Kaß hätte es nicht übers Herz gebracht, fortzugehen, ohne seinem alten Freund Pichert Lebewohl gesagt zu haben. Pichert war ein einfacher Schuster und Junggeselle, wie alte Schuster und Junggesellen auf dem Lande zu sein pflegen, ohne ein durchschlagendes Leibspruch-Leitmotiv, ohne jegliches besondere Kennzeichen.
Fenn Kaß war dem alten Pichert in Freundschaft zugetan. Er saß ganze lange Abende in der kleinen, pech- und gerbsäureduftenden Werkstatt bei ihm und führte mit ihm unglaublich vernünftige Gespräche. Und umgekehrt stand der Pichert mit Fenn Kaß genau so, als wäre der dreizehnjährige Bub ein großer und gescheiter Freund, mit dem er über alle Dinge sprechen konnte, die seinem kritischen Schusterhirn zu denken gaben.
Der Pichert wohnte in einem der letzten Häuschen des Dorfes, etwas abseits von der Straße. Eine Steinplatte führte über den Graben, und ein fußfreier Pfad über dürftigen Rasen zu der Heimstatt des alten Schusters. War er gar so alt? Er hatte kein Alter. Er war wohl auch nie jung gewesen. Es war, als ob es keine Zeit gegeben hätte, wo der Pichert nicht eilig durch die Straßen von Wiesing gelaufen wäre. Denn er hatte es immer eilig. Und immer trug er seine schwarze Tuchmütze, immer einen Kittel, eine „Schieb“ aus braunem Wollstoff, unter der an der linken Seite die mit Schnupftuch und Tabakdose beschwerte Tasche handbreit hervorbaumelte.
Fenn stieß die obere Hälfte der zweiteiligen, altmodischen „Hirzel“-Tür auf und sah hinter der dunkeln Küche das Wohn-, Eß- und Arbeitszimmer des Schusters erleuchtet. Da schob er von der untern Türhälfte den Riegel zurück und ging hinein.
Jacques Thielen, genannt der Pichert, saß auf seinem Schemel und hämmerte auf ein Stück Sohlleder los. Als Unterlage diente ihm ein handgroßer, schalenförmiger Bombensplitter, den er über dem Schurzfell auf den spitzen Knien festhielt. Von Zeit zu Zeit tauchte er die Sohle in einen mit Wasser gefüllten, grauen Steintopf, der zu seinen Füßen stand.
Als Fenn in den Lichtkreis der kleinen Küchenlampe trat, die zwischen halbfertigem Schuhzeug, Ahlen, Pfriemen, Schachteln mit Kupferösen und Strohpapierdüten mit Schuhnägeln auf dem schmalen Werktischchen stand, schielte der Pichert über seine Brillengläser zu ihm herüber. „Setz dich, Fenn,“ sagte er mit einer rissigen Fagottstimme und griff zugleich nach der Schnupftabakdose aus Kirschbaumrinde, an deren Deckel ein Lederriemchen wie ein Rattenschwänzchen vergnügt in die Höhe stand.
„Merci!“ sagte Fenn ablehnend.
„Dummer Kerl!“ schalt ihn der Pichert gutmütig. „Wenn du Pastor werden willst, mußt du das Schnupfen lernen. Anders habt ihr ja doch kein Pläsier. Arme Türken! Eine gute Flasche, eine gute Prise, ein guter Bissen bei Tisch, eine Partie Karten, ein paar Bienenkörbe als Zeitvertreib, das ist euer Leben.“ Mit einem trocknen, sonoren Lachen machte er ein Punktum hinter seinen Satz. Durch jahrelange Schnupftabakorgien war seine Nase zu einem vorlauten Resonanzboden für seine Kehle geworden.
„Du wirst jeden Tag dümmer, mein lieber Pichert,“ entgegnete Fenn zärtlich. „Glaubst du, ich werde so ein Bienenvater, der tagelang mit einem Korb hinter einem jungen Schwarm hergiepert? Wenn ich einmal gelehrt bin, weiß ich mir andre Sachen.“
„Ei was denn, zum Exempel?“
„Ich baue Maschinen.“
„Dann wärst du gescheiter zu deinem Onkel als Schlosser in die Lehre gegangen.“
„Wie dumm, Pichert! Was kann ein Schlosser, der nichts gelernt hat als feilen und hämmern! Maschinenbauen, das will studiert sein.“
„So studiere auf Inschenier.“
„Dazu muß man sehr viel Geld haben. Und dann, weißt du, so meine ich es nicht. Ich meine, wenn ich Pastor bin, habe ich Zeit genug, um nebenbei allerhand zu fingern. So’n Ingenieur ist heute auch nicht mehr das Richtige, der tut alles, weil er muß, ums Brot.“
„Gezwungenheit ist Gott leid!“ sagte der Schuster und zog eine Prise Schnupftabak aus der hohlen Hand geräuschvoll in sein linkes Nasloch. „Was einer tun muß, ums Brot, davon hat er keinen Genuß. Ich seh es kommen, Fenn, wenn du Pastor bist, stehst du lieber am Schraubstock, als daß du deine Predigt studierst.“
„An mir bleibt keiner hängen,“ sagte Fenn mit Ernst in den Augen und Stolz in der Stimme. „Ich sorge immer dafür, daß ich keinem was schuldig bleibe.“
„Das ist das Gescheitste,“ nickte Jacques Thielen zustimmend auf diese ehrenfeste Rede seines junges Freundes. „Werde du Pastor und bossele Maschinen nebenbei, soviel du willst, das ist besser, wie ...“ Der Schluß des Gedankenganges wurde übertönt durch die Hammerschläge, die doppelt emsig auf das klatschende Sohlleder niederfuhren.
„Aber das sage ich dir“ – hub der Pichert wieder an und hämmerte dabei noch ingrimmiger auf das unschuldige Stück Rindshaut ein – „das sage ich dir, erfinde nur kein so verdammtes Teufelszeug, wie die Maschinen, auf denen sie die neuen Fabrikschuhe pfuschen. So ’ne Schweinerei! Das hält keine drei Monate und zieht Wasser wie ein Sieb!“
Von einem Haufen alten Schuhzeugs, das neben ihm in der Stubenecke aufgestapelt lag, langte er einen zerrissenen Zugstiefel herüber.
„Da hat sich der Lampesch Fiß von der Schobermeß aus der Stadt ein Paar Bottinen mitgebracht, für ein Heidengeld. Und gedauert hat der Schund ausgerechnet von zwölf Uhr bis Mittag. Da soll nun der Pichert ein ordentliches Paar Schuhe daraus machen! Was? Trag sie ihm hin und sag, er soll sie dem Jud verhandeln.“
„Was ist das nun mit dem ‚Mischell‘ und mit dem Lampesch Fiß?“ fragte Fenn, plötzlich neugierig geworden.
„Das solltest du nicht wissen? Seit der Lampesch Fiß in der Stadt das Billardspielen gelernt hat, verfaulenzt und verludert er ein Stück Land nach dem andern. Der ‚Mischell‘ gibt ihm Geld, soviel er haben will, und wenn einmal der Fiß mehr Schuld wie Wertschaft hat, dann kehrt ihm der andere das Wasser ab und schlachtet den Hof.“
„Glaubst du alles, was die Leute sagen?“ fragte Fenn mit einem Schimmer von Hoffnung, daß für den alten Lampert doch noch ein Kraut gewachsen sein könnte.
„Fenn, ich sage dir, wenn ein Bauersmann sich solches Dreckszeug an die Füße zieht,“ – verächtlich schmiß der alte Schuster den Stiefel wieder in die Ecke – „dann merke, dann geht’s mit ihm in die Binsen.“
„Es muß wohl so sein,“ sagte Fenn entmutigt. „Ich habe vor acht Tagen den Lampesch Fiß mit dem Alten auf der Gewann gesehen. Sie standen bei dem großen Nußbaum auf Langfuhr, wo dem Lampert der ganze Berg gehört.“
„Dann wird ihm der ‚Mischell‘ jetzt auch die Äcker abgeknöpft haben. Eine Affenschande! So’n herrliches Gut! Na, der Großvater Lampert muß sich schon so oft im Grabe herumdrehen, vielleicht kommt er zuletzt doch wieder auf den Rücken zu liegen.“
Diesmal zog der Pichert die Prise in das rechte Nasloch. Fenn sagte nach einer kleinen Pause:
„Morgen früh um viere fährt uns Lampesch Fiß in die Stadt, mich, den Heine Putty und den Fritz.“
„Es wäre ihm gesünder, er bliebe zu Haus.“
„Der Wöllem fährt.“
„Natürlich, sonst weiß der liebe Herrgott, in welchem Graben sie den Lump morgen abend auflesen würden.“
Wieder eine kleine Pause, dann Fenn:
„Ich bin gekommen, um dir Adieu zu sagen, Pichert.“
„Das war schön von dir, mein Junge. Na, du, von dir glaube ich, daß du nicht hoffärtig wirst, du gibst dem alten Pichert die Hand auch noch, wenn sie dir die Glatze geschoren haben. Aber die zwei andern! Paß auf, der Putt wird noch mal ein hochnäsiger Pfaff, und der Fritz schnuppert schon heute um mich herum, wie seinem Vater sein Jagdhund um einen Eckstein. Denk an mich, Fenn, der zerreißt nicht bis ans Ende lauter Schuhe, die er sich selbst gekauft hat. Nun adieu, glückliche Reise, und werd mir nicht krank in der vermaledeiten Stadt.“
Mit einem kräftigen Händedruck entließ der Pichert das junge Menschenkind, dessen Weg heute von dem seinen so weit abzweigte.
* * * * *
Als Fenn auf dem Nachhauseweg bei Lehrers vorbeikam, standen Putty, Fritz und Marjänni im Dunkeln plaudernd auf der Straße.
„Fenn, gehst du mit zu uns?“ fragte Fritz.
„Nein.“
„Komm mit,“ sagte Marjänni, „wir gehen alle zusammen.“
Da nickte Fenn und schloß sich an.
Der alte Lampert saß in der Stube allein an dem runden Tisch, den eine protzige Hängelampe aus Kupfer und geblümtem Porzellan beleuchtete. Vor ihm stand eine Flasche Weißwein mit einem abenteuerlichen Etikett, auf dem Tisch lag ein Haufen frischer Nüsse. Der Bauer knackte von Zeit zu Zeit zwischen den Backzähnen eine Nuß auf, pickte mit klobigen, zitternden Fingern die hellgelbe, frische Haut von den Kernen und biß zu jedem Kern in ein großes Butterbrot.
In eine Ecke der Stube lag ein braun und weißgefleckter Jagdhund gekauert und knurrte ab und zu im Traum. Über ihm an der Wand hing ein Gewehrrechen mit Jagdflinten und Jagd- und Patronentaschen. Öldrucke und Photographien, eingerahmte Diplome mit Denkmünzen, Preise für einen schönen Hengst oder sonstiges Paradedevieh bildeten rings an den Wänden den gewohnten Bauernstubenschmuck. Nichts Auffallendes, nur wer genau hinsah, merkte, daß etwas in dieser deftigen Dorfeleganz brüchig, undicht war, daß da und dort breite Stücke der Tapete sich losgelöst hatten, daß in dem offenstehenden Wandschrank merkwürdig viele zerbrochene Porzellanstücke die Reputation der andern, unversehrten Familienglieder schändeten und daß der Fußboden mindestens eine Woche lang nicht mehr gekehrt worden war. Denn da lagen festgetretene Papierfetzen, alte Korkstöpsel, abgenagte Knochen und dergleichen, was einer ordentlichen Hausmutter oder Dienstmagd ein Greuel gewesen wäre.
Als die Kinder hereinkamen, wischte Lampert mit der flachen Hand Brotkrumen und Nußschalen von der holzfarbenen Wachstuchdecke auf den Fußboden und sagte heiser: „Kommt, setscht ech un.“
Eine schlumpige Magd führte dem Witwer den Haushalt. Sie mußte den Butterweck und den Brotlaib bringen, einen Schoß voll frischer Nüsse auf den Tisch schütten und ein paar weitere Flaschen aus dem Keller holen. Der Bauer war inzwischen mit den Vorderarmen breit auf dem Tisch liegen geblieben und hatte stumpfsinnig an seinen Nüssen weiter geknackt und gepickt. „Eßt nur! Fritz, schenk ein!“
Putty und Marjänni langten zu.
„Unserm Fritz ist das nicht fein genug,“ knurrte der Bauer, „der muß immer aus der Tasche naschen.“
Fritz sandte seinem Vater, der nicht aufgesehen hatte, einen bösen Blick hinüber.
„Eßt, Kinder,“ wiederholte der Bauer mit schwerer Zunge. Und nach einer kleinen Pause: „Eßt, sonst holt sie der Jud.“ Heiser lachend goß er sich das letzte Glas aus der Flasche ein.
„Fenn, warum ißt du keine Nüsse? Sie sind von dem großen Baum aus Langfuhr.“
„Ich weiß, ich eß sie nicht gern.“
„Filou! Hab ich dich damals nicht erwischt, wie du dir von demselben Baum alle Taschen voll gestohlen hattest?“
Fenn, beleidigt: „Ich hatte sie nicht gestohlen, ich hatte sie mit einem Hackenstiel heruntergeschmissen!“
„Verzeihen Sie den Irrtum, Herr Kaß! Warum willst du denn heut keine mehr davon?“
„Weil ich sie heute nicht mehr mag.“
„So laß es bleiben.“
Eine Weile hörte man nur das Geräusch brechender Nußschalen und malmender Zähne. Fenn knackte die Nüsse für Marjänni. Fritz steckte heimlich Zuckerplätzchen in den Mund, die er vorhin in der „Epicerie“ an der Kreuzstraße gekauft hatte.
Allmählich kam ein Gespräch in Fluß. Marjänni fragte die Buben, was sie für die Aufnahmeprüfung am Gymnasium wissen müßten. Ihre Prüfung an der Lehrerinnen-Normalschule in einigen Jahren würde viel, viel knifflicher sein, versicherte sie. Und erzählte Schauerdinge von den halsbrechenden Schwierigkeiten der Analyse und des Participe passé, erklärte die Regel de Tri und die periodischen Dezimalbrüche für Kinderspiel und wußte alle französischen Beiwörter auf al, die in der Mehrzahl ein s annehmen, so rasch an den Fingern herzusagen, daß dem verblüfften Fritz ein angelutschtes Karamel aus dem weit geöffneten Munde herausfiel. Und dann zählte sie auf, woraus ihre Ausstattung bestehen würde.
„Ich krieg ein ganz feines, schwarzes Kleid, und noch zwei andere, und zwei Uniformhüte, und furchtbar feine Wäsche. Wir müssen jedes ein ganzes Dutzend Handtücher haben ...“
Fritz übertrumpfte sie und zählte auf, woraus seine Ausstattung fürs Konvikt bestand.
„Zeig auch deine goldene Uhr vom Onkel Majerus,“ protzte Vater Lampert.
„Wieviel Nachthemden bekommt ihr mit,“ fragte Fritz die Kameraden, um einen Maßstab für etwaige Vergleiche zu gewinnen.
Putty geriet in Verlegenheit. In seinen Kreisen hatte niemand eine Ahnung davon, daß die Spezies Hemden sich in Tag- und Nachthemden schied. Als aber Marjänni und Fritz ihn gespannt ansahen, log er aufs Geratewohl: „Ein halbes Dutzend.“
„Ich brauch keine Nachthemden,“ erklärte Fenn schlicht und verächtlich. Von da ab war er aus der Interessensphäre der andern herausgerückt, und das Gespräch ging hartnäckig an ihm vorüber.
„Sind deine mit blauem oder rotem Besatz?“ inquirierte Fritz weiter.
„Mit allerhand Farben,“ log Putty unverfroren.
„Uni ist feiner,“ entschied Marjänni. Aber Putty fand im Flug für seinen Modestandpunkt eine Rechtfertigung. „Wenn man nur von einer Farbe hat, denken die Leute, man zieht immer dasselbe Hemd an.“
Fritz sagte naserümpfend, das wisse doch ein jeder, daß das nicht wahr ist.
Jetzt mischte sich der alte Lampert hinein. „Ihr seid eine hoffärtige Bande. Ihr wißt noch gar nicht einmal, ob ihr überhaupt bei der Prüfung nicht durchsaust, mitsamt all euren Nachthemden.“
Putty wußte Rat. Sein Vater wollte mit dem Herrn Direktor reden und mit allen Professoren, er kannte sie sehr genau von der Zeit her, wo er in der Stadt Schneidergeselle gewesen war.
„Kann ich mir denken,“ sagte der Bauer. „Der Direktor sitzt da und wartet, bis der Schneider aus Wiesing mit seinem Jungen kommt: Ah, guten Morgen Schneiderhinchen, bringt Ihr uns den Burschen endlich! Den können wir gerade brauchen! – Paß auf, Putt, die geben deinem Vater noch Geld auf dich heraus!“
Fritz und Marjänni lachten, Putty schämte sich; Fenn sagte: „Es ist Zeit, daß ich nach Hause gehe.“
Lampert der Vater pflichtete ihm bei. „Wer morgen früh punkt 4 Uhr nicht da ist, kann für einen dicken Sous nachlaufen,“ sagte er und schlug zum Zeichen, daß die Sitzung aufgehoben war, mit der flachen Hand auf den Tisch.
Als die Kinder zum Gehen fertig dastanden, griente Fritz boshaft: „Brauns ihres hat sich die Taschen voll Nüsse gestopft.“
Marjänni erschrak und wurde krebsrot. Fenn sagte ruhig: „Sie hat meinen Teil genommen. Dein Vater sagt ja: Die wir nicht essen, holt der Jud.“
„Ins Bett mit euch!“ brummte der Bauer, plötzlich unwirsch.
„Du auch!“ zu Fritz. „Was liegt dran, wenn das Kind ein paar Nüsse einsteckt!“
Und da Fritz eine ungezogene Widerrede wagte, gab ihm sein Vater kurzerhand eine Ohrfeige. „Marsch, ins Bett! Morgen gibt’s Frühbirnen!“
Der Bauer riegelte die Tür hinter den drei Kindern ab. Fritz trottete greinend in seine Schlafstube und schwor dem frechen Frauenzimmer, der Marjänni, tödliche Rache. Draußen griff Putty in die Tasche und zog eine Hand voll Nüsse heraus: „Da, nimm, Marjänni,“ sagte er zärtlich und triumphierend. „Ich habe auch eine Tasche voll für dich gemaust.“
Und auf einmal fand er seinen ganzen Mut wieder: „Wenn der Fritz, der dumme Aff, morgen in der Prüfung nichts weiß, kann er sehen wer ihm weiterhilft. Ich nicht!“
Daheim schmeichelte Putty seiner Schwester Leonie ein Stück giftgrüne Veilchenseife und ein weißseidenes Taschentuch ab, das ihr zur Kirmes ein Anbeter geschenkt hatte. Der Abschied stimmte sie weich, und sie gab es her. Putty wollte auch etwas Apartes mithaben auf den Lebensweg, auf den sein Freund Fritz so viele Kisten und Kasten mitbekam.
Spät abends erwachte Fenn Kaß noch einmal in seinem Bett und hörte nebenan, wo die Eltern schliefen, Vater Kaß mit keifender Stimme gegen sein Weib ankämpfen. „Unsinn, der Junge soll sich freuen, daß wir so für ihn sorgen!“
„Du hast ja recht,“ redete die Mutter dawider, „aber wenn er doch vielleicht den Beruf nicht hätte?“
„Beruf, Beruf! Das ist auch wieder so’ne verrückte Erfindung. Wozu einer das Geld hat, dazu hat er den Beruf. Und nun laß mich schlafen!“
Fenn hörte die Bettstelle laut und energisch krachen und wußte nun, daß Vater Kaß sich herumgedreht und sein letztes Wort gesprochen hatte. Die Mutter wagte noch einige schüchterne Versuche, ihre Gedanken über die Zukunft ihres Einzigen an den Mann zu bringen. Als darauf nichts als ein kräftiges Schnarchen erfolgte, wurde sie still.
Fenn dachte gar nicht weiter darüber nach, was über zehn Jahre aus ihm werden sollte. Warum nicht Pfarrer? Er sah durchaus nicht ein, warum einer nicht Pfarrer werden sollte, wenn ihm die Wahl freistand.