Chapter 9 of 11 · 11477 words · ~57 min read

Drittes Kapitel

Das Kaplanshaus lag am Flußufer und hatte einen hübschen Garten, in dem jetzt, Ende September, die Sonnenblumen ihre breiten Samentorten reifen ließen, die Äpfel die warme Farbe des gelb glühenden Abendhimmels bekamen und Astern und Chrysanthemen zu knospen begannen. Fenn saß in der Spätnachmittagssonne und freute sich der reifen Schönheit, die um ihn war. Die Uferhügel standen fern in leichtem Dunst, und der Fluß spiegelte den wolkenlosen Himmel, die schrägen Sonnenstrahlen machten die Wiesen leuchten und schienen auf die Schornsteine eines weit talauf liegenden Dorfes, daß der Rauch nicht entweichen konnte und als silbriger, bewegungsloser Schleier über den Dächern hing. Ganz aus der Ferne kam der breite Ton einer Automobilhuppe wie das kurze Muh eines Rindes. Das laute, schnurrige Singen des Motors schwoll an und wieder ab, jetzt ratterte die Maschine heran, schien langsamer zu fahren und stoppte. Fenn hörte von seinem Platz aus, daß seine Mutter an der Haustür mit jemand redete, dann wurde es still, und jetzt kam ein Herr durch den Garten auf Fenn zu. Dieser ging ihm zögernd entgegen, im Gesicht den angespannten, fragenden Ausdruck, der in die Züge tritt, wenn man etwas Fremdartiges rasch und angestrengt enträtseln soll.

Der Unbekannte strich sich lachend den glänzendschwarzen Vollbart und sagte: „Ja, lieber Fenn, wenn du mich mit solcher Bullenbeißermiene empfängst, kehre ich lieber gleich wieder um.“

„Jeß Marja!“ klang es freudig erregt dawider, „der Theo!“ Na ja, der Bart, und der unvermutete Überfall, das Automobil, das Fremdartige überhaupt, da konnte man schon einen Augenblick mit der Stange im Nebel fahren.

„Akkurat so hast du ausgesehen. Nun sag, kannst du mich bis morgen oder übermorgen brauchen? Ich bin solange frei, seit Gott weiß wann mein erster freier Augenblick – der soll dir gehören. Das heißt, wenn du mich haben willst.“

„Mach keine lange Vorrede. Dein Bett ist gedeckt. Deine Karre laß drüben in den Schuppen fahren, und so du einen Chauffeur hast, ist auch für ihn gesorgt. Mit meinem alten Wöllem wird er sich ja hoffentlich vertragen.“

Als die beiden Freunde, nachdem alles besorgt war, zusammen im Garten saßen und Mutter Kaß ihnen eine Flasche Mosel und Zigarren hingestellt hatte, sagte Theo Schütz: „Es gibt doch noch reine Freuden im Leben, Fenn. Solche Freude war unser Wiedersehen vorhin.“

„Ja,“ bestätigte mit leisem Lächeln Fenn Kaß. „Es muß wohl so sein. Ich besinne mich eben, worüber ich mich in diesem Augenblick noch ebenso stark hätte freuen können wie über dein Kommen. Und ich finde nichts.“

„Aber schön hast du’s hier. Ich glaube, ich begreife jetzt deine Berufswahl.“

Fenn lachte. „Läßt du dich so leicht bestechen?“

„Ich meine jetzt nur das Äußerliche. Das Innerliche steht ja freilich auf einem andern Blatt.“

„Jawohl, das Innerliche, das steht auf einem andern Blatt.“

Hatte das nicht wie eine leise Enttäuschung geklungen? Theo sah besorgt dem Freund ins Gesicht. Nein, er mußte sich geirrt haben. Es verriet nichts, was danach ausgesehen hätte.

Man erzählte sich seine Lebensschicksale der letzten Zeit. Theo hatte seit seinem letzten Zusammensein mit Fenn in einer großen französischen Maschinenfabrik eine schöne Anstellung gefunden.

„Und Junge,“ sagte er voll froher Erregtheit, „es ist ganz anders gekommen, als du es mir prophezeit hattest. Ich habe keine Vertretung für Schmieröle, ich habe einen Wirkungskreis, der mir die tiefste Genugtuung gibt.“

„Dann hast du recht, dich zu freuen. Was ist schließlich das Glück? Einen Lebensberuf haben, der einem das zur Pflicht macht, was man am liebsten und am besten tut.“

„Seine besten Kräfte regen dürfen und dafür belohnt werden, jawohl. Hör mich an, Fenn. Dir sag ich es. Aber es ist vorläufig noch tiefes Geheimnis. Meine Fabrik will aus Frankreich auswandern, die politische Lage ist zu unsicher. Die Oberleitung hat ihr Auge auf Luxemburg geworfen. Aber sie sucht eine ausgiebige Wasserkraft. Ich hab ihr vorgeschlagen, im Ösling den nötigen Grund und Boden an der Sauer entlang zu kaufen und eine Talsperre zu bauen. So ungefähr weiß ich schon, wo und wie es ginge. Der Vorschlag hat den Leuten eingeleuchtet, und ich bin hier, um unter der Hand die Sache einzufädeln, eventuell Kompromisse zu schließen, Aufnahmen machen und was alles dazu gehört. Was sagst du dazu?“

„Ich kann mir denken, wie du dich darüber freust. Da hast du wirklich etwas Großes eingeleitet. Große Verantwortungen warten auf dich und vielleicht ein großer Erfolg.“

„Ja, die Verantwortung, siehst du, das ist mir der beste Maßstab. Ich messe den Mann an den Verantwortungen, die er nach reiflicher Überlegung übernimmt.“

„Und wie weit bist du mit deinem Projekt?“

„So in großen Umrissen sind meine Berechnungen fertig. Wir bekämen für unsere Fabrik die Pferdekräfte, die wir brauchten, und darüber hinaus soviel, daß wir durch Fernleitung einen ganzen Umkreis noch mit Kraft und Licht versorgen könnten.“

„Du kommst mir wie gerufen,“ sagte Fenn lachend. Und er teilte dem Freund seine eigenen Pläne mit.

„Machen wir,“ ging Theo Schütz darauf ein. „Wir können ja das gleich morgen an Ort und Stelle näher besprechen.“

Bei Tisch und während des Abends wurden Erinnerungen, Erlebnisse, Pläne ausgetauscht. Fenn erfuhr, daß Theo Schütz, wenn sich seine Idee zu einem festen Vorhaben verdichtete, vorläufig als Vertreter seiner Fabrik nach seiner Heimat übersiedeln und das Projekt in zweckmäßiger Weise vorbereiten sollte, während die Firma drüben langsam sich aus den alten Verhältnissen lösen würde. Fenns Miniaturtalsperre fand des sachkundigen Freundes vollste Billigung. Wenn Theo einmal im Lande wäre, würde man der Sache ganz ernsthaft näher treten. Dann sprach man von den frühern Schulgenossen. Fenn erzählte von Fritz Lampert, von Marjänni, die Theo von früher kannte, und von Putty Heinen, der weit oben im Norden eine Kaplanei verwaltete. Von sich sagte er nichts, die ganzen zwei Tage, die Theo bei ihm blieb. Als dieser Abschied nahm, begleitete ihn eine heimliche Sorge um den zurückbleibenden Freund. Er hatte ihn öfters fragen wollen, ob er spüre, daß er im Leben wirklich an dem Platz stehe, an den er gehörte. Aber er unterließ seine Frage, denn er konnte sich im voraus die Antwort denken.

Beide standen vor dem Kaplanshaus und reichten sich nochmals die Hände. Theo behielt die Hand des Freundes lange in der seinen. Und noch einmal wollte die Frage über seine Lippen. Aber wie er ihn so dastehen sah, mußte er denken: „Wenn Fenn Kaß spürt, daß er hier nicht hingehört, dann wird er seiner Wege gehen.“ Und er ließ ankurbeln.

* * * * *

Die Beete im Gemüsegarten der Mutter Kaß leerten sich, die Astern und Chrysanthemen verblühten, die Blätter wurden gelb, und in einer Novembernacht kam ein Frost und räumte brutal mit all den zitternden, greisenhaften Überbleibseln des Sommers auf. Durch Fenns Fenster, vor dem ein Kirschbaum bis ganz zuletzt seine schlanken Blätter im Winde geregt hatte, schien jetzt nüchtern das kalte, weiße Tageslicht, und über dem Antlitz der Erde war nicht mehr das Geschleier schwankender Schatten, das ihm so schön steht, wie wirkliche Schleier einem Frauengesicht. In der Seelsorge bekam Kaplan Kaß angestrengter zu tun. Während des Sommers und Herbstes hatten die Bauern keine Zeit, krank zu werden. Jetzt lag bald hier, bald da einer oder eine darnieder, hatte sich vertrunken oder verhitzt oder auf dem nassen Erdreich einen Schlaf getan, der das Leben kosten konnte. Fenn kam in viele Krankenzimmer und sah, wie hilflos diese Menschen waren, sobald sie nicht mehr aufrechtstanden. Er begriff ihre Scheu davor, sich „zu legen“. Sie hatten den Instinkt gewisser Vögel, die nicht auf flachem Boden einfallen wollen, weil sie wissen, daß sie dann nur mit Mühe wieder auffliegen können. Es ging gut, er brachte seine Kranken mit Gottes und des alten Landdoktors Hilfe durch. Bis auf zwei, einen Goldkerl von altem Bauer und das lahme Lieschen.

* * * * *

Der Alte trug im Dorfe den knorrigen Namen Schente’ Storrek. Er war schon seit einem Jahr im Mark getroffen. Wenn er, im langen blauen Kittel, das Dorf heraufkam, die Hacke geschultert, die kalte Pfeife mit dem Kopf verkehrt im Mundwinkel, dann sah man gleich: den hat’s. Die krummen Beine schlenkerten kraftlos, der Kittel hing schlaff auf dem Gestell eines Körpers, der in der Hitze eines immerwährenden Fiebers langsam bis auf die Knochen zusammenschmolz. Zuletzt saß der Storrek, der ein alter Junggeselle war und seine Ländereien bis auf einen Lieblingsacker verpachtet hatte, nur noch im Sonnenschein vor seinem Häuschen mit den hellblau getünchten Fenstersteinen auf einem alten Eichen-„Kill“ und hatte hinter sich auf der Fensterbank ein weißes Porzellanpöttchen mit „Altem“ aus dem halben Fuder, das er vom letzten guten Jahrgang her für sich aufgespart hatte. Aber der „Alte“ schmeckte ihm nicht mehr, die Pfeife brannte er schon gar nicht mehr an. Er konnte seine richtige Sorte Tabak nicht mehr finden, behauptete er, und der Neue kratzte ihn im Hals. Die Nachbarkinder setzten sich manchmal auf ein Weilchen zu ihm auf den „Kill“ und betrachteten neugierig seine schweren Hände, an denen besonders ein paar abnorm große Daumen saßen. Wenn er aber zu husten anfing, machten sie neugierig erschrockene Gesichter, schoben sich verstohlen vom Sitz und gingen wieder um die Ecke ihren Spielen nach. So hatte der Storrek draußen gesessen, bis ihn die Sonne nicht mehr wärmen wollte. Dann hatte er sich hinter den Ofen und zuletzt in sein Bett zurückgezogen. Fenn Kaß hatte ihm zugeredet, und der Alte hatte sich denn auch „gelegt“. Als er das magere Knie auf den Bettrand setzte, sagte er mühsam lächelnd: „Einsteigen nach Kirchhofshausen!“ Fenn war bei ihm bis zum letzten Atemzug, der alte Storrek starb als Philosoph. Fenn machte bei ihm einen schüchternen Trostversuch und gab es dann auf. Er merkte, das war einer, der hatte zu altern gewußt und würde zu sterben wissen, weil er zu reifen gewußt hatte: „Wann et engem seng Zeit aß, da muß än dru’ gle’wen!“ sagte Schente’ Storrek resigniert, und der Herr Kaplan sollte sich weiter keine Mühe geben. Aber wenn er ihm eine Freude machen wolle, so solle er ihm manchmal aus der Bibel etwas vorlesen. Der Storrek hatte eine alte Allioli-Bibel, die er vor langen Jahren einem Hausierer aus Einsiedeln abgekauft hatte, und Fenn Kaß las ihm daraus die Stellen vor, an denen die Blätter am stärksten abgegriffen waren.

„Versteht ihr denn auch alles, Storrek?“ fragte er einmal.

„Alles nicht,“ sagte der Schente’ Storrek, „aber es lautet alles so schön.“

Eines Nachmittags, als der erste Schneesturm durch die Gassen blies, drehte der Storrek das Gesicht gegen die Mauer und entschlief, um nicht mehr aufzuwachen.

Mit dem lahmen Lieschen hatte der Herr Kaplan es weniger bequem. Es war noch im September mit dem großen Pilgerzug in Lourdes gewesen, und als es wieder kam, hatte es vielen Leuten geschienen, als ginge es an seinen Krücken wirklich leichter und lebhafter herum.

„Noch ein paarmal,“ sagte es, „dann kann ich zu Fuß zurückkommen.“ Es hatte ein fixes Mundwerk. Seine dünnen Lippen streckten sich schmollend vor und hatten etwas von einem Entenschnabel. Aber sein Mundwerk lag an der Kette seines Gebrechens, und wenn das Lieschen gerade gut im Zug war, spannte sich die Kette und es kroch mit einem vorwurfsvollen Au! für ein Weilchen in stille Betrachtung zurück.

Das Lieschen wollte fortwährend getröstet sein. Es dachte noch nicht ans Sterben. Es glaubte steif und fest daran, daß die Muttergottes von Lourdes seine Beine ganz gerade und stark machen würde. Aber wenn es einmal stürbe, und es käme in den Himmel – für diesen Fall wollte das Lieschen genau wissen, wie es ihm droben ergehen würde, worin die Pracht und Herrlichkeit bestand, die seiner dort wartete. Fenn Kaß konnte ihm darüber nun nicht viel sinnlich Greifbares mitteilen, und Lieschen kam seiner Phantasie zuhilfe. Sie schilderte lebhaft und mit viel Vergleichen aus dem Kreis ihrer Umwelt, wie es aussehen würde. Gott der Vater saß auf einem goldenen Thron und glänzte wie die Sonne, noch heller, viel heller, aber man konnte ihn anschauen, ohne daß einem die Augen weh taten. Über dies „Anschauen“ machte sich Lieschen viele Gedanken, und es erwartete davon eigentlich die Hauptsache. Dabei war es sicher, daß man es da droben wie eine alte, liebe Bekannte empfangen würde, wie eine Kusine etwa, oder eine Tante, für die das ganze Haus zum Empfang an den Bahnhof geht, und die das beste Zimmer im Haus bekommt.

Als es mit Lieschen zum Sterben kam, verlangte sie, so lange ihr Bewußtsein und ihre Kräfte reichten, nur nach ihrer Arznei.

Zwischen diesen beiden Krankenstuben lernte Fenn manche andere kennen, und er hatte dabei viel mehr die Gesunden für das Leben, als die Kranken für das Sterben zu trösten. Im allgemeinen kam er sich angesichts des Todes unsäglich überflüssig und ohnmächtig vor, und diesen Eindruck hatte er am stärksten da, wo er es mit den wertvollsten Menschen zu tun hatte. Er lernte einsehen: damit man einem andern auf dem Weg zum Tod oder auf dem Weg durchs Leben wirklich etwas Besonderes sein kann, muß man ihm näher gekommen sein, als er den Menschen in seinem Wirkungskreis kommen konnte.

* * * * *

Theo Schütz wohnte seit November in Luxemburg. Er hatte seine alten Beziehungen wieder angeknüpft und war bald mitten im Getriebe der kleinen Hauptstadt. Er besuchte seinen Freund in Brebach häufig und blieb oft tagelang bei ihm, um so öfter, je mehr er merkte, daß Fenn Kaß seine Gegenwart brauchte. Er überzeugte sich mehr und mehr, daß Fenn einem Scheideweg entgegenging.

Eines Winterabends saßen sie in Fenns Studierzimmer. Der Ofen brannte, der Raum war voll der molligen Wärme, die nicht allein die Luft, sondern alle Möbel und Mauern durchdringt.

„Ich kann mir nichts Gemütlicheres denken als so ein Kaplanszimmer,“ sagte Theo.

„Das ist ein Fabrikgeheimnis meiner Mutter,“ meinte Fenn.

„Ich dächte doch, es liegt in der Sache selbst. Ein Landpfarrer und ein Landkaplan, die waren mir von jeher die berufensten Träger des Begriffs Gemütlichkeit.“

„Man muß dafür geschaffen sein,“ sagte Fenn Kaß nachdenklich.

Theo überlegte eine Weile und fiel dann mit der Türe ins Haus. „Und bist du dafür geschaffen?“

Diesmal ging Fenn einer ernsten Aussprache nicht aus dem Weg. „Ich habe den Priesterberuf immer für etwas so Großes und Ernstes angesehen, daß ich nicht schon jetzt, nach einem halben Jahr, innerlich umsatteln kann.“

„Was fällt dir daran am schwersten?“

„Da muß ich mich prüfen, ehe ich dir eine richtige Antwort geben kann. Ich glaube, ich kann so sagen: das Schwerste daran ist mir, daß mich meine Tätigkeit nicht ausfüllt. Aber das kann noch kommen. Was ich dir vorausgesagt hatte, daß du deinen Flug zu hoch nehmen und später am Boden schleichen würdest, trifft jetzt umgekehrt auf mich zu. Die Verhältnisse sind mir in allem zu klein, und ich spüre zudem, sie sind mir feindlich. Ich denke immer: was ich hier im höchsten Falle wirken kann, ist das wirklich wert, daß ich dafür auf die volle Entfaltung meiner Kräfte verzichte? Jeder Mensch ist dem Ganzen gegenüber eine Verheißung. Das Schwerste ist mir, daß ich oft denke, ich muß, was mich angeht, der vollen Erfüllung entsagen.“

Theo wollte antworten, als ihm Fenn ins Wort fiel.

„Ich will mich nicht besser machen, als ich bin. Ich suche mir darüber klar zu werden, was ich mir unter der vollen Erfüllung denke, und ich bin nicht sicher, daß mein Widerwille gegen die Entsagung frei ist von unreinem Eigennutz.“

Theo sagte langsam und nachdenklich: „Glaubst du nicht, Fenn, daß die Fähigkeit oder der Trieb zur Entsagung eine Besonderheit niedergehender Geschlechter ist? Daß eine menschliche Entwicklungsreihe im Aufstieg nur positive Tugenden pflegt, nicht die gewissermaßen negative Tugend der Entsagung?“

„Du tust mir die Ehre, zu glauben, ich gehöre einer aufsteigenden Entwicklungsreihe an?“

„Ich habe manchmal über euch vier Wiesinger nachgedacht: dich, den Putty Heinen, den Fritz Lampert und die Marjänni. Ihr seid sozusagen Menschen des ersten Stadiums, wie sie die Kultur dem großen Menschenrohmaterial der Dörfer entnimmt, um damit Veredlungsversuche anzustellen. Manchmal greift sie fehl, das Rohmaterial ist nicht veredlungsfähig, oder es ist schon selber ein Produkt des Verfalls – gelöschter Kalk. Dein Freund Lampert ist solch ein keimunfähiges Individuum. Putty Heinen – ja, der ist ein Fall für sich. Bei dem hat die Natur nicht weit genug ausgeholt, es langt nicht für eine Geschlechterreihe. Du wirst sehen, das Auf und Ab seiner Entwicklungsparabel vollzieht sich ganz in ihm allein und dann ist Schluß. Und die Marjänni – wie soll ich das ausdrücken? Eigentlich kenne ich sie nicht genug –“

„Mir macht es den Eindruck, daß da die Parabel trostlos flach ausfallen wird,“ sagte Fenn gedrückt.

„Bleibst also noch du. – Nein, laß mich. Ich meine es bitter ernst. Du sagtest eben, dein Beruf fülle dich nicht aus. Das wußte ich längst. Jetzt heißt es –“

„Die Konsequenzen ziehen. Gut. Ich bin nicht der Mann, der dem aus dem Wege geht, wenn es sich aufdrängt.“

„Ich weiß, Fenn Kaß, mit wem ich zu tun habe. Ich weiß, daß du schwerer Entschlüsse fähig bist, aber auch schwerer Opfer. Ich betrachte die Dinge von außen her und sehe sie übersichtlicher als du, der mitten drin steckt. Ich habe gegen dich die Pflicht, dich vor einem Opfer zu warnen, das ein Verbrechen wäre gegen dich und gegen das, was das Leben mit dir vorhat.“

„Schweig jetzt still und laß mir Zeit. Ich gebe dir mein Wort: An dem Tage, wo ich die Überzeugung gewinne, daß ich hier nicht hingehöre – ich meine es so: daß ich außerhalb des Priestertums Stärkeres und Größeres leisten und mit Segen für mich und andere weiter um mich wirken kann – an dem Tage ziehe ich die Soutane aus.“

* * * * *

Eine erste Folge dieses Gespräches war, daß Fenn Kaß sich eifriger als je in seinen Pflichtenkreis einspann, mit gesenktem Kopf und mit geistigen Scheuklappen gegen jede Ablenkung den Wagen seines Tagewerkes dahinzog.

„Du mußt den Hochmut in dir abtöten,“ redete er sich zu, „du mußt dich in die Denkart der Leute versenken, mußt sie begreifen lernen; und sie verstehen, heißt sie lieben lernen.“ Und immer wieder, wenn er seinen Entschluß zur Entsagung, zur Aufopferung eines Teiles seiner selbst aufs neue faßte, fiel ihm das Wort Theos ein: „Entsagung ist das Erbteil des Verfalls.“ Hatte er ein Recht, das Beste in sich, seine tragfähigsten Triebe verdorren zu lassen? Und wem zulieb? Je besser er die Menschen um sich kennen lernte, desto weniger schienen sie ihm das Opfer zu verdienen, das er ihnen bringen wollte. Die ihn liebten – das spürte er heraus – würden ihm treu bleiben, auch wenn er von ihnen ginge. Die drei Kamps zum Beispiel. Für die war er nicht der Seelsorger, für die war er der gute Kamerad, der sie verstand und ihnen half. Und der „Niegela“. Er war ein Trottel, aber doch eine Seele von Mensch. Und manch ein stiller Bauer, mit dem er selten ein Wort wechselte, aber aus dessen Augen wirkliche Verehrung und Treue ihn anblickte. Dagegen die andern, von Pfarrer Brendel angefangen bis zum sanften Emil und seiner Erbtante – Beschränktheit, Boshaftigkeit, und dazwischen die schwere, interesselose Masse der Gleichgültigen, die um Hirn und Herz die dicke Kruste ihres Habsuchtsinstinktes trugen.

Frau Kaß fing an, sich um ihren Sohn zu sorgen. Er war die letzte Zeit so in sich gekehrt, die Schatten in seinen Augenhöhlen wurden immer dunkler und sie hörte ihn oft bis spät in die Nacht in seinem Zimmer auf und ab gehen.

Eines Tages, kaum daß es dunkelte, kam Marjänni zu ihr in die Küche geschlichen. Sie hatte rotgeweinte Augen und ihre Lippen zitterten, als sie sagte: „Ich komme, euch Lebewohl sagen. Ich bin heute zum letzten Male hier.“

Frau Kaß machte große Augen und fragte: „Wie, Marjänni, zieht ihr fort?“

Marjänni schüttelte den Kopf, und ihre Tränen begannen wieder zu strömen. „Nein,“ stieß sie schluchzend hervor, „ich darf nicht mehr kommen, mein Mann hat es verboten.“

„Oh! verboten! Und warum das?“

Marjänni fing noch heftiger an zu schluchzen. „Es ist so schlecht, ich kann es nicht sagen!“

„Nun, so gar arg kann es doch nicht sein,“ redete Frau Kaß ihr zu.

„Doch, doch Mutter Kaß! Sie sagen –“

„Nun?“

„Sie sagen, ich halte es mit euerm Herrn!“, und ein Sturzbach von Tränen entquoll ihren verschwollenen Augen.

Frau Kaß streckte den Kopf vor, kniff die Augen zu, blähte die Nüstern und fragte mit geschürzter Oberlippe, als hätte sie nicht richtig verstanden: „Was? Mit unserm Herrn? Mit unserm Fenn? Du sollst es mit unserm Fenn ... Wer sagt das?“

Jetzt vergaß Marjänni ihr Herzeleid, das Interesse an der Sache überwog. Sie trocknete rasch ihre Tränen und begann heftig flüsternd ihre Erzählung.

Ihr Mann war übellaunig nach Haus gekommen und hatte erst nicht mit der Farbe herausgewollt. Ach, weiter nichts von Belang, ein Krawall mit dem Ruß. Aber was denn, warum denn? Na ja, der Ruß war frech geworden beim Kegeln, und da hatten die beiden gerauft. Aber um was es denn gegangen war? Diese Mannsleute, um eine Pfeife Tabak ... Was, um eine Pfeife Tabak? ..., hatte Fritz ganz bleich vor Zorn gesagt. Wenn mir einer unter die Nase reibt, meine Frau sei eine ... und dann hatte er ihr alles ins Gesicht geschrien, was ihm der Ruß hämisch aufgetischt hatte. Er glaubte es ja nicht, das wäre noch schöner, aber er wollte nicht mehr, daß Marjänni im Kaplanshause verkehrte.

Frau Kaß hörte ruhig zu und stierte eine Weile vor sich hin. „Es ist gut, Marjänni,“ sagte sie dann. „Geh nach Haus und sag deinem Mann, er soll gegen niemand von der Sache ein Sterbenswörtchen verlauten lassen. Unser Fenn darf davon nichts erfahren. Komm nicht mehr in unser Haus, wir bleiben ja doch gute Freunde. Aber tu nicht, als ob du etwas wüßtest. Ich kann mir ja denken, von wo das Geschwätz ausgeht. Wenn wir den Ruß fassen, ist uns nicht geholfen, wir müssen warten, bis einer von denen sich verplappert, die die Geschichte aufgebracht haben. Aber die Freude sollen sie jetzt nicht haben, daß sie merken, wir wissen alles und grämen uns darüber.“

Marjänni riet noch, brennend vor Neugierde, hin und her, wen Frau Kaß wohl im Verdacht hatte, aber sie brachte aus der alten Frau nichts mehr heraus. Die sagte nur starren Blickes: „Nein, Marjänni, geh jetzt. Und tu, wie ich dir gesagt habe.“ Dann kniff sie die Lippen zusammen und schüttelte auf alle Fragen Marjännis nur noch den Kopf.

Erst als Frau Lampert draußen war, zog Fenns Mutter ihr großes Taschentuch und weinte hinein, daß es sie an den Schultern schüttelte. „Also dafür habe ich ihn groß gezogen, daß so ein Pack ihn mir jetzt verunglimpft!“

Aber sie faßte sich rasch. Beim Abendessen wagte sie ein paar leise Anspielungen, konnte sich aber überzeugen, daß Fenn dem bösen Gerücht gegenüber völlig ahnungslos war. Da lag also nicht der Grund zu seinem in sich gekehrten Wesen. Frau Kaß hoffte zuversichtlich, daß der üble Klatsch, wenn er keine Nahrung erhielte, mit der Zeit wieder einschlafen und an ihrem Einzigen spurlos vorübergehen würde.

* * * * *

Dem Kaplan fiel es auf, daß sein Pfarrer seit einiger Zeit für den Lokalverein, den Fenn gegründet hatte, ein regeres Interesse an den Tag legte. Er hörte ab und zu davon, daß Herr Brendel abends in einer Vereinssitzung erschienen sei und mit den Mitgliedern äußerst leutselig getan habe. Fenn machte sich selbstquälerische Vorwürfe, weil ihm diese Tatsache, statt ihn zu freuen und ihm als eine friedfertige Annäherung des Pfarrers zu erscheinen, verdächtig vorkam.

„Ich fange an, an Verfolgungswahn zu leiden,“ dachte er, und nahm sich noch peinlicher vor ungerechten Beurteilungen anderer in acht.

Um dieselbe Zeit brachte ihm der Briefträger eines Tages ein wohlriechendes Kuvert mit einer Bristolkarte, auf der er las: „Herr und Frau Peppinger geben sich die Ehre, Seine Hochwürden Herrn Kaplan Kaß auf Mittwoch, elften Februar, zwölf ein halb Uhr, zum Mittagessen einzuladen. U. A. w. g.“

Peppinger? Er kannte niemand dieses Namens. Waren das die reichen Peppingers aus dem nahen Kantonalhauptort?

Andern Morgens fragte ihn der Herr Pastor, ob er auch schon seine Einladung zu Peppingers erhalten habe. Fenn erfuhr, daß die junge Frau den Wunsch geäußert habe, bei der nächsten Firmung in ihrem Marktflecken Patin zu stehen. Sie wollte deshalb nun die Bekanntschaft aller Herren Geistlichen ihres Kantons machen. Und daher die Einladung. Er gehe doch mit? Man könne unbesorgt annehmen, die Leute hätten’s dazu.

Fenns Mutter redete ihm zu, daß er sich nicht ausschlösse, und er ging mit zu Peppingers.

Es wurde sehr gemütlich. Die Peppingers machten für die Verhältnisse des Ortes ein großes Haus. Er, der Herr Peppinger, hatte im Hauptamt einen lässig betriebenen Lederhandel, dem ein im Hause ergrauter Kommis vorstand, und im Nebenamt ein privates Geldverleihinstitut, bei dem sozusagen alle Bauern des Kantons in der Kreide gestanden hatten, standen oder zuversichtlich eines Tages stehen würden. Des Herrn Peppinger Intelligenz war ganz in Erwerbssinn aufgegangen, und er wußte wie kein anderer die Wurst nach der Speckseite zu werfen. Seine Bekannten machten ihn zum Helden sämtlicher Dümmlingsanekdoten, die sie kannten, aber von seinem Kassenschrank und seinem Keller sprachen sie mit unbegrenzter Hochachtung. Mit der Geistlichkeit seines Kantons stand er immer auf dem besten Fuß und viele Herren Pastöre und Kapläne der Umgegend wußten den Weg zum und vom Hause Peppinger in der stichdunkelsten Nacht zu finden.

Der Herr des Hauses empfing seine Gäste mit einer linkischen Liebenswürdigkeit. Er war nicht der Mann vieler und lauter Worte. Das verriet schon sein Äußeres. Sein dünnes, blondes Haar, war _à la_ frommer Heinrich über dem spitzen Scheitel glatt gestrichen, seine wasserblauen Augen glotzten ewig erstaunt durch den goldenen Kneifer, der ihm lässig und schief auf der Nase saß, und sein Gesicht war wie aus einem unzulänglich gebackenen Milchteig. Frau Peppinger dagegen, die gern Firmpatin werden wollte, war eine dunkelfarbige, resolute Person, die jedem Ankommenden mit ausgestreckten Händen entgegenrauschte und mit „das ist recht!“ – „das freut mich, daß Sie auch gekommen sind!“ jeden einzelnen willkommen hieß.

Als Fenn Kaß den geräumigen Flur des Hauses Peppinger betrat, vom Kutscher Dominik in Livree an der Türe empfangen, fand er schon eine ganze Gesellschaft dort versammelt. An den Kleiderhaken hingen Mäntel und Hüte der geistlichen Herren. Die hellfarbigen, glattpolierten Wanderstöcke aus Eichenholz gehörten den Jüngeren, die Herren Pastöre der älteren Generation hatten ihre Regenschirme oder spanischen Rohre mit Elfenbein- oder Hornknauf mitgebracht.

Fenn hörte den behäbigen Pfarrer Schock, einen Studiengenossen und Busenfreund Peppingers sagen:

„Brebacher, da ist ja auch dein Kaplan.“ Pfarrer Brendel nahm davon keine Notiz.

Ein paar von den Herren saßen im Flur auf einer alten geschnitzten Herdbank, einer Siedel, andere standen umher, lehnten am Treppengeländer und baten Frau Peppinger, die sie in den Salon nötigen wollte, sie doch lieber draußen ihre Zigarren fertig rauchen zu lassen. Frau Peppinger tat ihrem Hausfrauenherzen Gewalt an und sagte bittersüß, die Zigarren könnten sie ja auch mit hineinnehmen, aber ein Herr Kaplan Schramm, mit einem pfiffigen Schuljungengesicht, meinte, das gehe nicht, er wisse von seiner Tante, was sich schickt.

Frau Peppinger rauschte auf Fenn Kaß zu und hieß ihn mit einem liebenswürdigen Wortschwall willkommen. Dazwischen rief sie nach dem Salon hinüber ihrem Manne zu, daß Herr Kaplan Kaß aus Brebach gekommen sei. Und sie zeigte dem neuen Gast ihre schöne „Siedel“, ein echtes altes Stück, das sie samt einer stilvollen eichenen Stockuhr für ein Spottgeld – raten Sie mal – in einem Nachbardorf bei einem Kunden ihres Mannes gekauft hatte. Ob er sich für dergleichen interessiere? – Ja, meinte Fenn Kaß, wenn es an Ort und Stelle stehe. Er liebe die alten Sammlerstücke nicht, die, aus ihrer Umgebung herausgelöst, inmitten modernen Hausrats altväterische Biederkeit vorstellen sollten.

„Da haben Sie recht,“ sagte Frau Peppinger verbindlich. „Wir haben auch schöne neue Sachen.“

Sie führte ihn in den Salon, wo ihr Mann zwischen Tischen und Tischchen, Stühlen und Stühlchen hin und her lavierte, um den Gästen über den Gegenstand, den sie gerade ins Auge gefaßt hatten, geflissentlich Erklärungen zu geben.

„Ich finde, Louis XV ist doch noch immer das schönste, was man von Stil hat,“ begann die Hausfrau wieder das durch die Vorstellung zwischen Fenn und ihrem Mann unterbrochene Gespräch.

Herr August Peppinger winkte seinem Busenfreund Schock, und die beiden hatten ein geheimes Konsilium. Es lief in folgende Zwiesprache aus:

„Also erst den 1908er Caseler, dann den 1904er Wiltinger Kupp,“ rekapitulierte Pfarrer Schock.

„Die Vierer machen sich wieder.“

„Wundervoll. Dann zu dem warmen Schinken ...“

„Da dachte ich an ein Glas Bier.“

„Ganz recht, das erfrischt. Und dann gibst du von deinem alten Volnay, dem 84er.“

„Soviel ist davon gar nicht mehr da.“

„Er muß getrunken werden, er verliert.“

„Meinetwegen. Wenn du meinst, daß sie ihn zu schätzen wissen? Und zu den Krebsen?“

„Grade zu den Krebsen. Es ist nichts verkehrter, als zu den Krebsen Weißwein zu trinken.“

„Schön. Und dann?“

„Dann gibst du von deinem alten Mercier Splendide, von dem, wo die Pfropfen nach dem Entkorken ganz dünn bleiben.“

„Ich weiß nicht, ob davon ...“

„Doch, ich weiß bestimmt, es liegt davon noch ein ganzer Korb, zwei Dutzend Flaschen.“

„Du, wollen wir die nicht für uns zwei aufsparen?“ Pfarrer Schock sah seinem hellblonden Busenfreund mißtrauisch in die Augen.

„Sicher ist sicher, dachte ich, aber ich nehme dich beim Wort. Also dann von der letzten Sendung.“

Sie stiegen in den Keller und suchten aus den Gestellen die Kreszenzen zusammen, auf die sie sich geeinigt hatten. Jeder trug vorsichtig unter beiden Armen und in beiden Händen je zwei Flaschen.

Oben wurden sie mit lautem Halloh von den jungen Semestern empfangen. Und dann sah man die großen weißen Baumwollhandschuhe des Kutschers Dominik an der Flügeltür zwischen Salon und Speisezimmer die Messingriegel von oben und unten zurückziehen und die knarrende Tür öffnen. Frau Peppinger bat mit einem zutunlich hausmütterlichem „So, meine Herren!“ zu Tisch.

Um die von weißem Linnen schimmernde, von Kristall und Silber blitzende und gleißende Festtafel suchte jeder seinen Platz. Als dann Herr Peppinger mit einer einladenden Handbewegung sich schon halb niedergelassen hatte, wurde er durch ein vorwurfsvolles „Aber Peppinger!“ seiner Gattin wieder emporgescheucht. „Herr Seimich,“ flüsterte die Frau ihrem Nachbar zur Rechten zu. Und der alte Herr Seimich, ein spindeldürrer Pfarrer mit eingefallenen Wangen und erloschenen Asketenaugen schlug mit zittriger Hand ein großes Kreuz und hub das Tischgebet an. August Peppinger fingerte verlegen an seinem Kneifer herum und seine Frau zuckte noch einmal mit einem raschen Blick nach oben und einem leisen Kopfschütteln über dem Gebet die Achseln. Dann zog sich jeder der geistlichen Herren mit gewohnter Gebärde die Soutane in Sitzhöhe glatt, es gab ein geräuschvolles Stuhlrücken, ein weitausholendes Entfalten der Servietten, und auf einen Wink der Hausfrau begann das Auftragen.

Fenn Kaß hatte im Verhältnis zu seinem Rang und Alter einen der besten Plätze bekommen. Er saß der Hausfrau, die in der Mitte der Tafel den Ehrenplatz einnahm, schräg gegenüber, zwischen Abbé Rommelfangen, dem Chefredakteur der „Luxemburger Abendglocke“ rechts und dem pfiffigen Kaplan Schramm links. Abbé Rommelfangen hatte ein blühend rotes Kinderantlitz, zu dem zweierlei nicht paßte: seine Nase, die lang und spitz heraussprang, wie der Zeiger einer Sonnenuhr, und seine unsteten Augen, deren Blicke wie verflatterte Vögel nirgends auszuruhen vermochten und nur ab und zu sich ängstlich schielend an die Nasenspitze Rommelfangens hefteten.

Fenn gegenüber, etwas weiter von der Mitte ab, saß Dr. Feller, ein blutjunger Vikar mit einem gescheiten Gesicht und sehr starken Brillengläsern. Er war der Sohn eines höheren Staatsbeamten aus der Hauptstadt und galt unter seinen Konfratres als ein Kenner der feinen Lebensart. Eben studierte er das Menü, beugte sich vornüber und suchte die Blicke der Hausfrau, um ihr seine Anerkennung dadurch auszudrücken, daß er die Lippen spitzte und mit Daumen und Zeigefinger eine Bewegung andeutete, als ob er sich rasch einen Faden aus dem Mund zöge. Damit war die ganze Tafelrunde von der Tadellosigkeit der Speisenfolge überzeugt.

Nach der Suppe beantragte Pfarrer Schock, einen ersten Schluck zu tun. „Um den Wurm zu töten, sagt der Franzose.“

Und Pfarrer Schlunz, ein runder, rotbackiger Biedermann, zitierte den alten Spruch, daß ein Glas Wein nach der Suppe dem Doktor zehn Dukaten aus der Tasche stehle. Er kostete den Caseler, grunzte anerkennend und sagte, er sei allerdings seit einiger Zeit zum „Viez“ übergegangen und befinde sich sehr wohl dabei. Er nannte seine Quelle und den Preis, und alle fanden es sehr billig und vorteilhaft. Nur der alte Herr Seimich konnte den Apfelwein nicht verdauen. Er habe sich bei einem französischen Weinreisenden ein Halbstück kleinen Bordeaux bestellt, daran werde er wohl genug haben bis an sein seliges Ende. Im Anschluß hieran teilte er Frau Peppinger Näheres über seine chronischen Verdauungsbeschwerden mit.

Das Gespräch wollte zuerst nicht recht in Fluß kommen. Nur die Jüngsten, an den äußersten Tischenden waren bald in einer angeregten halblauten Unterhaltung begriffen. Sie sprachen, offenbar durch die Nähe Rommelfangens angeregt, über Stil, Literatur, Zeitungen, über den Unterschied zwischen deutschem und französischem Journalismus, zwischen Louis Veuillot und Erzberger. Einer wollte den Abbé Rommelfangen ins Gespräch ziehen, aber die andern winkten heftig ab. Sie hatten für ihn einen scheuen Respekt, aber wenig Sympathie. Seine Schreibweise, die populär sein wollte und nur ungeschlacht war, imponierte ihnen, weil sie im Schreiben ein wenig unbeholfen geblieben waren, und sie wußten, daß er beim Bischof einen Stein im Brett hatte, weil er stets erriet, wo er grob oder scharf oder feierlich schreiben mußte, um dem Hochwürdigsten Herrn aus der Seele zu schreiben. Und sie standen alle zur größeren Ehre Gottes in seiner Fron, sandten ihm Berichte über die Geschehnisse aus ihren Ortschaften und warben Abonnenten.

Heute wußten sie alle, daß Rommelfangen nicht an Peppingers Tisch saß, weil die Frau Firmpatin werden wollte. Sie errieten, daß eine politische Aktion einzufädeln war, daß Peppinger ihr Kandidat bei den nächsten Kammerwahlen sein würde, und sie machten einander auf das sorgenvolle Gesicht Rommelfangens aufmerksam, der kaum ein Wort sprach und in Gedanken an einem Brotkügelchen herumknetete.

Er litt offenbar unter der Rede, in der er der Versammlung die Kandidatur Peppingers ankündigen sollte.

Der Fisch kam: Hecht mit Kapernsauce. Dr. Feller mischte sich quer über den Tisch hinüber in das lückenreicher werdende Gespräch über lesenswerte Bücher im Allgemeinen und über „Dreizehnlinden“ im Besondern und schnitt das Thema von der Rückständigkeit der Katholiken in Literatur und Kunst an. Pfarrer Brendel hatte schon seit Jahren in seiner Pfarrei die Borromäusbücher eingeführt und ließ keine Inferiorität gelten. Kaplan Schramm war so heimtückisch, den auf beiden Backen kauenden Pfarrer Schlunz ins Gespräch zu ziehen. Aber der hatte für Literatur kein Interesse. Er trieb neben seiner Seelsorge eine schwungvolle Landwirtschaft mit Molkerei, Schweine-, Hühner- und Bienenzucht. Er klopfte mit der Messerspitze auf eine neue Portion Hecht, die er auf das leise Zureden des Kutschers Dominik sich heruntergelangt hatte und sagte kauend über den Tisch hinüber zur Hausfrau: „Sehr gut! sehr gut!“ worauf er die hochbeladene Messerspitze zärtlich zum Munde führte.

„Sie schicken uns nie etwas für das Blatt,“ sagte unvermittelt Abbé Rommelfangen zu seinem schweigsamen Nachbar Fenn Kaß.

„Bei uns passiert nichts, was in die Zeitung gehört,“ antwortete Fenn, kurz angebunden.

„Es passiert immer was, man muß nur aufpassen und Interesse dafür haben.“

„Dann fehlt mir wohl das Interesse.“

„Das wird es sein. Ich habe schon gemerkt, daß Sie nicht viel für uns übrig haben.“

Es entstand eine kleine Pause. Dann entgegnet Fenn:

„Ich denke, es ist nicht meine Sache, Zeitungsreporter zu spielen.“

„Da–as ist je–edermanns Sache!“ sagte Rommelfangen, der in der Erregung stotterte. „Je–edermann, der u–unsrer heiligen Sa–ache dienen will ...“

„Über die Heiligkeit Ihrer speziellen Sache will ich mit Ihnen nicht streiten, zumal nicht in einem fremden Hause,“ erwiderte Fenn halblaut, aber entschieden.

Frau Peppinger hatte das Wetterleuchten gemerkt, und im Instinkt ihrer Gastgeberinnenpflicht lenkte sie ab:

„Aber Herr Kaß, Sie nehmen sich da gerade das allerschlechteste Stück.“

Der Kutscher Dominik räusperte sich aufgeregt, als hätte er einen Rüffel bekommen und dirigierte mit der Platte dem Gast das schönste Stück unter die Gabel.

Fenn dankte, und Kaplan Schramm sagte, er wolle sich opfern und mit Widerstreben noch einmal zugreifen.

Der Wiltinger duftete nach Riesling in der mählich wärmer werdenden Zimmerluft, und auch die blassesten Gesichter begannen an den Backenknochen und unter den Augen sich fleckig zu röten. Um den Tisch bildeten sich die Gesprächsinseln, die entstehen, wenn der Alkohol leise zu wirken beginnt. Das Bedürfnis nach Übersicht, das dem Nüchternen eigen ist, macht der Lust am Ausspinnen eines Lieblingsthemas Platz, das Mißtrauen gegen sich selbst und die Schüchternheit weichen der Freude am leichten Fluß vermeintlich geistvoller Gedanken. Die geräuschvolleren Temperamente brachten die stilleren in Schwung, und wie es so geht: bald waren die Stilleren die, die am lautesten redeten. Pfarrer Schlunz tat immer herablassender zu Dominik, Hochwürden Herr Seimich ließ sich durch die Vortrefflichkeit der Gerichte verlocken, seine blasse Stirnhaut rötete sich unregelmäßig, in Landkartenmanier, und seine Asketenaugen glühten. Die Jüngeren stritten sich jetzt darüber, ob der Ministerpräsident, der allgemein als Freidenker galt, im Grunde noch ein gläubiger Christ sei oder nicht. Und Pfarrer Brendel sagte wegwerfend: „Laßt ihn einmal auf der Flanke liegen, _in articulo mortis_, dann wird er sich schon wieder auf seinen Kinderglauben besinnen.“

„Ach ja,“ pflichtete Hochwürden Seimich bei, „wenn ihr letztes Stündlein schlägt, dann kriegen sie es auf einmal mit der Angst.“

„Siehe Voltaire!“ griff Herr Schlunz in seinen Zitatenschatz.

Fenn Kaß hatte bis dahin ruhig zugehört und sagte jetzt:

„Warum soll jemand, der sein Leben lang als aufrechter Mann nicht geglaubt hat, auf dem Totenbett aus Angst auf einmal gläubig werden? ... Bitte, meine Herren, ich meine nicht jemand, der rein aus Bequemlichkeit das Praktizieren und Kirchengehen aufgegeben hat, sondern einen Mann, der sich aufrichtig mit sich auseinandergesetzt hat, der in seinem Innern die aufrichtige Überzeugung gewonnen hat, daß es sich mit den Glaubenswahrheiten unsrer Religion nicht so verhält, wie wir lehren ...“

Weiter kam er nicht. Die einen lachten höhnisch auf, die andern redeten mit roten Gesichtern auf ihn ein. Nein! So verliere man den Glauben nicht! Aus heiterm Himmel werde keiner zum Gottesleugner, das Laster sei die Artillerie des Unglaubens, die ihm erst das Terrain frei mache.

„Das ist echt Kaß,“ flüsterte Pfarrer Brendel seinem Nachbarn zu.

„Sie ha–aben ja me–erkwürdige Ansichten, Herr Kaß!“ sagte Rommelfangen sarkastisch, die Arme kreuzend und jedes Wort mit einem Kopfnicken unterstreichend.

„Prosit, Herr Konfrater!“ rief Dr. Feller über den Tisch Kaß zu und hielt ihm das schäumende Bierglas hin, denn gerade begann Dominik, den safttriefenden Schinken herumzureichen. „Wir wollen diesen hochinteressanten Streit zu gelegnerer Zeit austragen. Es kommt alles auf die Nuancen an.“

„Das sind A–ansichten,“ grollte Rommelfangen, mußte sich aber doch den beschwichtigenden Worten des jungen Vikars fügen. Denn Dr. Feller hatte Einfluß. Er würde nach der Ansicht aller eine schöne Karriere machen. Er hatte in Rom im _Collegium germanicum_ studiert, unterhielt wertvolle Beziehungen in der besseren Gesellschaft, galt trotz seiner Jugend als ein überlegener Geist, der häufig in Vermittlerrollen wohltätig zu wirken wußte. Seine Kameraden prophezeiten ihm mit Sicherheit die Mitra.

Jetzt mischte sich Herr Peppinger ins Gespräch.

„Herr Feller, ich habe gehört, Sie können gerade so gut beweisen, daß es einen Gott gibt, wie daß es keinen gibt.“

„Aha,“ sagte Kaplan Schramm erwartungsvoll, „endlich einmal ein vernünftiges Wort!“

Dr. Feller lachte.

„Was wir nicht alles beweisen können, Herr Peppinger! Nehmen Sie sich in acht, sonst beweise ich Ihnen, daß Sie überhaupt gar nicht da sind.“

Rommelfangen zuckte die Achseln. Warmer Schinken und Gottesbeweis waren für ihn Dinge, die nur ein frivoler Geist im Zusammenhang behandeln konnte. Und je näher der Augenblick rückte, wo er den Zweck des heutigen Gastmahls bekannt machen sollte, desto strenger wurden seine Grundsätze. Er hörte kaum noch hin, wie die Jungen über Kunst in der Schule sprachen, wie einer erklärte, an die Schulwände gehörten Heiligenbilder, das sei was fürs kindliche Gemüt, der schönste Gipsabguß eines profanen Kunstwerks sei für das kindliche Begriffsvermögen Kaviar, eine unangenehme hügelige Unterbrechung der glatten Wandfläche. Da schlug Abbé Rommelfangen, der mit Peppinger einen raschen Blick gewechselt hatte, mit dem Messerrücken an seinen leeren Champagnerkelch und stand auf.

„Pst, Silentium!“ ging es um den Tisch.

Peppinger schluckte vor Aufregung und rückte mit beiden Händen den Kneifer zurecht.

Abbé Rommelfangen blieb nach den ersten Worten stecken und zog aus der Tasche einen Zettel, von dem er seine Rede ablas.

Es hieß darin, daß bald wieder der Kampf entbrennen werde, der Kampf um die Macht, „der auch schon bei uns ein Kampf um den Glauben unsrer Väter geworden ist“. Da müßten glaubensstarke Männer her, die für die heilige Kirche und ihre Lehren allezeit Farbe bekennen. Und da sei Herr Peppinger der Mann, den sie brauchten. Auf den könnten sie vertrauen, daß er mit ihnen Schulter an Schulter usw. „Gläubige Männer heraus!“ Das sei die Losung. „Und Herr Kandidat – was sage ich! – Herr Abgeordneter Peppinger lebe hoch!“

Ein dreifaches donnerndes Hoch brach sich an Wänden und Decke des Speisezimmers. Dominik hatte in aller Eile den Champagner eingeschenkt und alle Gläser streckten sich Peppinger entgegen. Auch seine Gattin ging strahlend auf ihn zu und sagte: „Siehst du, August!“

August war blaß geworden bis in die Lippen.

Als wieder Stille eingetreten war und alle sich gesetzt hatten, blickte er mit seinen wasserblauen Augen hilfesuchend über die Versammlung und griff schließlich in die linke Brusttasche, aus der auch er einen Zettel hervorzog.

Mit tonloser Stimme las er, häufig sich räuspernd, daß der Vorschlag des hochwürdigen Herrn Vorredners ihn ebenso überrasche, wie er ihn ehre. Er sei sich der großen Verantwortung bewußt usw., aber er nehme trotzdem an und er gebe sein Ehrenwort, daß er nie gegen die Interessen „unserer Mutter der heiligen Kirche“ seine Stimme abgeben werde.

Wieder betäubendes Hoch und Bravo! Hochwürden Herr Schock, der sich sozusagen als der Einpeitscher betrachtete, ließ immer neuen Champagner auffahren. Es war ein Druck von der Versammlung genommen. Ein Vikar, der des Harmoniumspielens kundig war, wurde ans Klavier genötigt und griff ganze Hände voll rauschende Kirchenakkorde. Er versuchte auch ein paar Volkslieder, die die Korona mitsang, bis Rommelfangen sagte, das werde in der Straße unliebsam auffallen. Aber der musikalische Vikar war nicht mehr vom Instrument wegzubringen und ließ eine fromme Weise und eine kindliche Improvisation nach der andern erschallen. Rommelfangen hatte seinen Stuhl neben den Peppingers getragen und besprach mit diesem schon Einzelheiten seines Wahlfeldzuges. Frau Peppinger horchte hin mit dem gespannten Interesse der Gattin, die ihrem Mann nicht Schneid und Grütze genug zutraut, immer auf dem Sprung, um einzugreifen, wenn er versagen sollte.

Zigarrenrauch begann die Räume zu durchziehen, in die sich die lauten Gäste zerstreut hatten. Es ging jetzt hoch her. Auf der ganzen Linie war Politik Trumpf.

Fenn Kaß war zu Sinn, als schallte das alles an ihm vorbei, ohne ihn zu berühren. Dr. Feller trat zu ihm und pries begeistert, was doch der Partei für eine wunderbare Organisation in der geistlichen Hierarchie geschaffen sei, was für ein unübertreffliches Offizierkorps der Klerus in der Wahlschlacht abgebe. Fenn Kaß schüttelte den Kopf und wandte ein, dazu glaube er nicht berufen zu sein. Dr. Feller tat seine Bedenken mit einem burschikosen: „Man muß eben mit den Wölfen heulen“ ab. Frau Peppinger kam hinzu und floß über von Liebenswürdigkeit für den Kaplan, dem sie schon den ganzen Mittag mit ihrem Fraueninstinkt den unsicheren Kantonisten angesehen hatte. Fenn Kaß aber benützte die willkommene Gelegenheit, sich zu empfehlen und verließ unauffällig die sehr angeregte Gesellschaft. Er ging langsam durch den Spätnachmittag am Fluß entlang, mit dem Hut in der Hand, und ließ sich die herbe Vorfrühlingsluft um den warmen Kopf wehen. Ein unüberwindliches Gefühl des Unbehagens quälte ihn. Er fühlte die Nähe der Menschen, in deren Mitte er seinen Nachmittag verbracht hatte und wußte, daß er nie so werden könnte wie sie, nie sich in der Luft heimisch fühlen, in der sie mit vollen Lungen atmeten. Er redete fast zornig auf sich ein, wiederholte sich in Gedanken, daß die meisten ja doch seelengute Menschen seien, voll des besten Willens, das Gute zu tun, wie sie es gelehrt worden waren. Und immer wieder fühlte er in sich die Empörung aufstehen gegen die Zumutung, daß er mit ihnen in innerer und äußerer Gemeinschaft leben und sterben sollte. Ihr Herdeninstinkt, ihre geistige Genügsamkeit, um deretwillen er sie oft bemitleidet hatte, erregten seinen Zorn, weil er wußte, daß sie ihn stillschweigend als Bundesgenossen beanspruchten. Ihr Biedersinn, der bäuerliche Rhythmus ihres Wesens, erschienen ihm als protzige Unkultur, die aus der Not prahlerisch eine Tugend machte und sich mit Bleigewichten an ihn zu hängen suchte. Und wie er auch sann und sann, er fand keinen Ausweg aus ihrer Gemeinschaft.

Als er nach Hause kam, saß sein Freund Theo in seinem Studierzimmer und rief ihm entgegen: „Du, lies mir einmal tüchtig das Kapitel! Ich habe eine Dummheit gemacht. Ich lasse mich in deinem Kanton als demokratischer Kandidat für die nächsten Kammerwahlen aufstellen.“

Fenn lachte laut auf. „Freilich, ich hätte dir allerhand Gescheiteres gewußt. Du und Politik!“

Theo machte eine komische Armesündermiene.

„Na, tröste dich,“ spottete Fenn, „du bist ja nicht der einzige. Ich war heute dabei, wie dein Nebenbuhler auf den Schild gehoben wurde.“ Er erzählte die Geburt der Kandidatur Peppinger.

„Wie kommst du armer Saul unter diese Propheten?“ fragte Fenn.

„Ja, es muß doch auch Leute geben, die Politik treiben.“

„Aber ausgerechnet du! Du solltest als Maschineningenieur doch wissen, daß Politik der Apparat ist, der bei größter Kraftvergeudung den geringsten Nutzeffekt hergibt.“

„Wenn dieser Nutzeffekt nun aber nicht anders zu erzielen ist?“

„Ja, so heißt es immer. Aber mir kommen die politischen Parteien vor wie die zwei Feuerwehrleute, denen ich einmal zusah, wie sie sich bei einem Brande darum prügelten, wer den Schlauch halten sollte. Mittlerweile löschten die Hausleute selbst das Feuer.“

„In gewissem Sinn hast du ja recht. Sie wollen alle das Beste, und das Dumme ist nur, daß angeblich keiner es dem andern glaubt.“

„Und darum streiten sie sich herum, und es dauert zehn Jahre, bis etwas Nützliches zustande kommt, das in zehn Monaten ebenso gut zu leisten gewesen wäre.“

„Was willst du, lieber Fenn, ich mache mir ja auch keine Illusionen. Ich weiß, ich habe von Politik keinen Dunst. Aber was soll man machen? Man sitzt ruhig daheim und denkt an nichts Böses! Plötzlich klopft es, und herein treten drei Herren mit ernsten Gesichtern, die einem auf den Kopf zusagen, man sei der Rettungsanker einer Weltanschauung, man müsse unbedingt eine Kandidatur annehmen. Die Herren holen ihre Argumente wie aus einem Rucksack. Du denkst, er ist leer, und im Handumdrehen langen sie daraus die moralischen Daumschrauben, die sie dir anlegen, während du schon glaubtest, sie wollten sich empfehlen. Sie streuen dir Pfeffer in die Augen, sie nehmen dir dein Ehrenwort ab wie ein Portemonnaie, und wenn du am nächsten Morgen aufwachst, stellst du dich vor den Spiegel und sagst: Herr, Sie sind ein Hornochse! – Aber es ist zu spät, du bist Kandidat!“

Mit dem Talisman solcher Skepsis zog Theo Schütz in den Wahlkampf.

* * * * *

Das halbe Ländchen war ein Hexenkessel, in dem es von Übertreibung, Lüge, Ehrabschneidung brodelte. Die Geister kochten in Siedehitze, und die Menschen gebärdeten sich, als hinge das Schicksal des Weltalls von dem Ausgang dieser Wahlen ab.

In Fenns Kanton waren drei Abgeordnete zu wählen. An die zwei alten war nicht zu tippen, um den dritten Platz kämpften Theo Schütz und Herr Peppinger. In der „Abendglocke“ erschienen Artikel, unter denen das Papier dampfte. Die paar ersten Wochen ausschließlich für Peppinger: wie er einer biedern, alt-luxemburgischen Familie angehöre, wie er nach allen Seiten unabhängig sei, weder dem Kapital noch den „Sozen“ verschrieben, eine Säule des Mittelstandes, der im Volk wurzelte, kein vorlauter Redner, aber zu durchgreifender Arbeit in den Abteilungen befähigt und entschlossen. Dann gegen Schütz: ein hergelaufener Industrieritter, der in Frankreich den Haß gegen Gott und seine heilige Kirche eingesogen habe, von dem man nicht wisse, in wessen Sold er stehe und wem er sich für den Fall seiner Wahl verschrieben habe. Das waren so die Hauptleitmotive, die hinum und herum, bald ironisch, bald pathetisch durch alle Tonarten abgewandelt wurden.

Fenn Kaß hatte seinem Freund von vornherein erklärt, daß er sich um die Wahlen in keiner Weise kümmern und bei niemand, auch nicht bei seinen zuverlässigsten Freunden im Dorf, ein Wort für ihn einlegen würde. Aber es geschah ihm doch, daß er in seinem Verein, wenn Pfarrer Brendel gerade vor ihm dagewesen war und die Leute bearbeitet hatte, die eine oder andere Verleumdung gegen Theo auffing und ihre Nachbeter eines Bessern belehren mußte. Ach ja, hieß es dann; aber gegen den reichen Peppinger kann er doch nicht an.

Fenn kam auch auf einige Nachbardörfer, wo Schulgenossen von ihm amtierten und Vereine nach Art des seinigen ins Leben gerufen hatten oder beeinflußten. Er war Zeuge, wie alle sich begeistert in den Dienst der Peppingerschen Wahlsache stellten und um die eigentlichen Vereinsinteressen sich nur insofern kümmerten, als dadurch etwa bewiesen werden konnte, wieso die Partei Peppinger dem Kanton freund und die Partei Schütz dem Kanton feind sei.

Bald hub auch von allen Kanzeln des Kantons das Anathema an gegen den freisinnigen Kandidaten, diesen notorischen Gottesleugner, der es mit seinen Gesinnungsgenossen darauf abgesehen habe, dem Volk den Glauben zu stehlen.

Fenn wußte, daß dies Treiben die höchste Billigung fand, aber er meinte, es könne doch nicht möglich sein, daß er der einzige von allen sei, der davor solchen Abscheu empfand. Es sei doch nicht denkbar, daß alle, die sich zusammen mit ihm durch ihre Studienjahre hindurch vollgesogen hatten mit den idealsten Vorstellungen von der Erhabenheit des Priesteramtes, jetzt ihre ganze Tatkraft und Arbeitsfreudigkeit in ödem politischen Klatsch verzettelten.

Aber so weit er um sich blickte, er sah keinen seiner geistlichen Altersgenossen, der nicht den Beflissenen spielte, der nicht so tat, als sei Herr Lederhändler August Peppinger der bravste, ehrlichste, gottesfürchtigste und gescheiteste Mann innerhalb der Landesgrenzen und Herr Ingenieur Theo Schütz der Antichrist in Person, ein Herrenknecht und Hochstapler, von dem es noch gar nicht einmal feststehe, daß er nicht seine Großmutter umgebracht und silberne Löffel gestohlen habe.

Dies überhitzte, unaufrichtige Wesen widerte Fenn Kaß derart an, daß er das physische Bedürfnis empfand, sich einmal hinauszuretten.

Er dachte an seinen Jugendgespielen Putty Heinen. Der saß in den Öslinger Bergen als Kaplan auf einem der kleinen Dörfer, die mit ihren weißgetünchten Häusern und blauschwarzen Schieferdächern so sauber und frischgewaschen von den Bergrücken und Hängen in die Weite schimmern.

Fenn Kaß machte sich einen freien Tag und fuhr hin.

Von der Haltestelle, wo er ausstieg, hatte er anderthalb Stunden zu gehen. Eine Bahnwärtersfrau zeigte ihm einen Weg, der abseits von der Landstraße über stille Buschpfade und durch entlegene Wiesentäler führte. Fenn klomm erst eine ginsterbestandene Höhe hinan und sah die weißen Häuser des Dorfes, das er eben verlassen hatte, verstreut unter sich in dem höckerigen Kessel liegen. Die Felsrücken streckten sich in das enge Wiesental vor und fielen sanft gegen das glasklare, schwarzbraune Wasser des Flüßchens ab, auf dem weiße Schaumflocken zu Tal trieben. Diese Felsgebilde sahen manchmal aus, wie riesige Tierschnauzen, die im Ausruhen platt auf die Erde gedrückt sind. Unten im Tal der Wiesengrund leuchtete im jungen Grün und war eine zarte Folie für die dunkeln Fichtengruppen, die mürrisch in all der Erneuerung des Frühlings mit ihrem ewig alten düstern Kleide standen. Die Wälder waren flaumig braun und weich, und in ihrem Braun, in dem man schon die schwellenden Knospen ahnte, schimmerte da und dort wie ein grüner Hauch der Wipfel einer Hagebuche oder das Silbergrau wolliger Pappelkätzchen. An den Eichen hing noch das tabakbraune welke Laub, das den Winterstürmen getrotzt hatte, und wo eine, kurz zusammengeschnitten und gedrungen als Markscheide in den Wiesen stand, wirkte sie wie ein rothaariger Landstreicher, der gut gelaunt sich den Wind um die Ohren sausen läßt. Fenn witterte Veilchenduft und pflückte sich an einem Hag ein Sträußchen, das er abends seiner Mutter heimbringen wollte. Er dachte an die Veilchen, die sie immer um Ostern zwischen ihr Linnen legte. Er schritt fürbaß und ließ sich in tiefen Zügen die Lenzluft durch die Lungen gehen. Sein Pfad führte über die Höhe. Aus dem Wiesengrund stiegen die braunen Hänge steil herauf, schoben und schachtelten sich ineinander, zwischen den Bergrücken flossen, wie grüne Gletscher, Wiesenstreifen nieder und mündeten in der breiten Flur der Talsohle.

Fenn sah das Dorf nicht mehr. Lautlose Einsamkeit war weit um ihn her, und wie ein Bild selbstgewollter trotziger Abgeschiedenheit sah er auf einem der Berggipfel, die wie erstarrter Wellenschlag der Erde vor ihm sich ausbreiteten, ein graues, weitschichtiges Haus liegen, einen alten, befestigten Herrensitz, der halb verfallen, wie ein verwunschenes Schloß, plötzlich mit seiner starren grauen Masse da war und sagte: Hier bist du in meinem Bann, hier rede ich von Dingen und Zeiten, die nicht mehr sind und nie mehr sein werden.

Fenn wanderte drauf los, durch einen andern stillen Talgrund, durch den ein Bach quirlte, dann durch dichtes Gebüsch den Burgweg hinauf. Eine Herde Kühe kam ihm entgegen. Die Tiere blieben vor ihm stehen und glotzten ihn an, bis der Bub, der mit einem riesigen Käsebrot in der Hand ihnen folgte, sie mit hüh und hoh! und einem leichten Gertenhieb übers Kreuz weiter trieb. Oben traf Fenn eine rotwangige junge Frau mit himmelblauen Augen und zwei Reihen blitzender Zähne, die Wäsche auf die Weißdornhecke aufhängte. Er unterhielt sich mit ihr und sie brachte ihm eine Tasse schäumende Milch und erzählte ihm von dem Schloßherrn, einem stillen Menschen, der das alte Schloß für ein Spottgeld gekauft und sie mit ihrem Mann zur Bewirtschaftung hineingesetzt hatte. Er hatte oft die Sehnsucht, sich abzusondern und kam mit seinen Büchern und seinem Angelgeräte heraus, wohnte in den alten weiten Räumen, deren Fenster auf die Berge hinausgehen und hängte träumend tagelang seine Angelschnur in das luftklare Bergwasser des Baches im Tal.

Fenn Kaß dachte: Wer er auch sei, er will das Glück genießen, er selbst zu sein. Er hat recht.

Und er ging verträumt weiter. Alles, was ihn bedrückt hatte, war in der freien Einsamkeit der Berge von ihm abgefallen. Der Schlachtruf: Hie Schütz, hie Peppinger! schien ihm herüberzudringen wie ein Geschrei raufender Kinderscharen, und er mußte darüber lächeln. Am Wegrand sah er ein zerknülltes Zeitungsblatt liegen, und es ging ihm durch die Gedanken: Das also ist hier draußen die Politik: ein zerknülltes Stück Makulatur, das wie eine Verunreinigung wirkt, ein Blatt Papier aus zerwalkten Lumpen in einer ewig wunderbaren Welt treibender Keime und schwellenden Lebens und sonnendurchzitterter Schönheit, ein beschämendes Symbol menschlicher Kraftvergeudung neben dem mühelosen, zwecksicheren Sein und Werden im All.

In dieser Stimmung stieg er den Pfad hinunter, der wieder in ein neues Tal und jenseits hinauf in das Kirchdorf führte, in dem Putty Heinen zuhause war. Und da sah er ihn auch schon drüben den Pfad herkommen und schickte ihm einen lauten Juchzer zum Gruß hinüber. Die schwarze Gestalt blieb stehen, schirmte mit der Hand die Augen, und dann kam die Antwort, ein langgezogenes „Juhu! Fenn!“

Unten im Wiesengrund trafen sie zusammen. Putty sprang vor Freude auf einem Bein wie ein Kind. Sie hatten sich seit ihrer Anstellung nicht gesehen und hatten sich allerlei zu sagen. Namentlich für Putty war es ein Labsal, dem Freund sein Herz ausschütten zu können.

Er hatte sich überwunden, sagte er, er war unsäglich glücklich in seinem Beruf. „Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“ zitierte er begeistert.

„Du wirst hier viel arbeiten können,“ meinte Fenn. „So still, so fern von aller Ablenkung.“

„Ja, was soll man arbeiten? Es gibt in der Seelsorge schon zu tun. Aber die Hauptsache ist das andre, siehst du, was mich mit meinem Beruf aussöhnt, das Mitschaffen am großen Werk der Wiedergeburt unseres politischen Lebens ...“

„Um Gottes willen,“ unterbrach ihn Fenn, „ich reiße mich zu Haus los, um der Drangsal der Politik auf vierundzwanzig Stunden zu entfliehen, und nun kommst du mir so!“

Putty lachte auf.

„Na, wir können ja auch von was anderm reden. Vorerst gehen wir nach Haus, daß wir uns bei meiner Schwester zum Mittag ansagen, und dann sehen wir weiter.“

Putty führte den Freund durch sein Haus, zeigte ihm die Dorfkirche, den Friedhof, die Umgebung, ging mit ihm zu ein paar der reichsten Bauern des Orts, um ihn als seinen Jugendfreund und Dorfkameraden vorzustellen, zu den Schulschwestern, die einen süßen Schnaps und selbstgebackene Makronen auftischten. Und sie schlenderten durch das Dorf, blieben bei den Leuten stehen, die vor den Häusern beschäftigt waren und denen Putty eine Prise anbot.

„Weißt du,“ sagte er ein wenig verschämt zu Fenn, „ich habe mir den Schnupftabak angewöhnt. Eine harmlose Genußmöglichkeit. Und er wirkt zuweilen tatsächlich erfrischend.“

Ein pfiffig aussehendes Bäuerlein, dem er auch die länglich runde Dose aus Kirschrinde mit dem Lederriemchen am Deckel hinhielt, meinte, es könne in keinem Fall was schaden. „Es kennt sich nachher niemand aus, ob einer die rote Nase vom Schnupfen oder vom Trinken hat.“

Manche hielten in ihrer Arbeit inne, wenn die beiden geistlichen Herren auf sie zukamen, zogen die Mütze vom Kopf und strichen sich mit der Hand, die den Mützenschirm hielt, verlegen grinsend über den Scheitel bis in den Nacken hinunter. Andre sahen nur unter der Arbeit, wie bei etwas Unrechtem ertappt, nach den Herren herüber und rückten linkisch an der Mütze, wenn sie nicht schon vorher im Dunkel von Scheune oder Stall verschwunden waren, von wo sie ihrem Kaplan und seinem Freund mit schuldbewußter Neugier nachsahen.

Schulkinder kamen in Reih und Glied, knixten und sagten schallend: „Gelobt sei Jes’ Christus!“ Die Kleinen umringten Putty und den fremden Herrn, um bei ihnen eine Patschhand anzubringen, nur ein paar größere Mädchen wurden rot, stießen sich kichernd an und drängten verlegen vorüber.

Als vom Kirchturm die helle Dorfglocke Mittag läutete, setzten sich die beiden Freunde in der gemütlichen Stube des Kaplanshauses an den runden Tisch, den die Leonie dem Gast zu Ehren frisch gedeckt hatte. Die Fenster rahmte grünes Gerank ein und auf den Fensterbänken standen in blauen und grünen Gläsern die prächtigen Hyazinthen, die „Zäre Joffer“ zum Erstaunen der Bäuerinnen getrieben hatte.

Während die „Herren“ die Suppe auslöffelten, stand die Leonie mit versonnenem Lächeln, die Hände unter dem Busen gefaltet, daneben und freute sich mütterlich an dem Appetit der beiden.

Fenn fragte scherzend, wie sie denn mit ihrem Brüderlein zufrieden sei.

„Ach, es geht,“ sagte sie. „Wenn er nur ein bißchen mehr zu Hause bliebe.“

Putty zuckte die Achseln. Das reizte sie, und sie sagte halb im Ernst, halb im Scherz, daß er die meiste Zeit auswärts sei und sie ihn manchmal tagelang nicht zu sehen bekomme, und daß er sehr oft Besuch habe und sie manchmal nicht wisse, wie sie die Enden zusammenbringen werde.

„Was hast denn du für ’ne Ahnung, was mein Beruf mit sich bringt,“ wies Putty sie barsch zurecht, „ich gehe nicht aus, wenn ich nicht muß.“

„So! Heute hast du doch auch wieder fortgewollt, weil ihr eine politische Versammlung hättet, und nun konntest du doch zu Haus bleiben.“

„Red bitte nicht über Dinge, die du nicht verstehst.“

„So heißt es immer. Wenn ich auch nicht rede, ich denke doch mein Teil,“ trumpfte die große Leonie auf.

„Gut, also kriegen wir jetzt was zu essen oder nicht?“

Leonie zwinkerte zu Fenn Kaß hinüber, während sie die Suppenschüssel fortnahm, und ging achselzuckend hinaus.

„Bist du wirklich so viel auswärts?“ fragte Fenn.

„Ach wo, ab und zu mal zur Aushilfe, oder zum Besuch bei einem Nachbarn, und dann haben wir allerdings auch unsre politischen Zusammenkünfte, oder ich bin mal hier im Dorf spät abends in einem Verein.“

„Da behältst du nicht viel Zeit für dich?“

„Für mich? Wie meinst du das?“

„Ich meine, daß es doch nicht dein Ehrgeiz sein kann, in dieser Umwelt zu versauern. Einsamkeit ist schön, aber man darf ihr nicht entfliehen, wie du es tust. Und man muß immer ein wenig an sich herummachen, finde ich, um die Fähigkeit zu behalten, sich über das Milieu emporzuheben.“

„Ja so, ich lese auch ab und zu was. Ich weiß, was du meinst.“

„Man soll immer denken, daß das Leben noch einmal mehr und besseres von einem verlangt. Ein jeder soll sich bereitzuhalten suchen, das Höchste zu leisten, wozu seine Kräfte ausreichen.“

„Na ja, das schon. Das hast du ja immer gesagt. Wenn du es so auffassen willst.“

Putty war offenbar nicht geneigt, dem Freund in diese Gedankengänge folgen. Er sorgte während des Essens für leichteren Gesprächsstoff, aber nachher, als sie bei der Tasse schwarzen Kaffee saßen und ihre Zigarren rauchten, brachte er die Rede doch wieder auf seine politische Tätigkeit.

„Unsre Organisation, siehst du, ist das bewunderungswürdigste Werkzeug politischer Macht, das die Kulturwelt kennt,“ sagte er begeistert.

„Na na,“ lachte Fenn Kaß. „Ich kenne Dinge, für die ich mich mehr begeistern kann, als für eure Organisation.“

„Das ist nicht unsre, das ist auch deine Organisation!“

„Bleib mir bitte damit vom Leib! Ich bin Priester, ich bin kein Wahlagent.“

Putty redete sich in Eifer. Er sprach in der Leitartikelprosa seiner Parteiblätter von der Pflicht des Seelsorgers, tätig in die Politik einzugreifen, wenn die Interessen der Kirche auf dem Spiel stehen.

„Soll ich dir sagen, was ich für meine Pflicht halte? Meinen Leuten den wahren Glauben beizubringen, den Glauben, der tief innen überzeugt und wärmt. Wenn sie dann nicht von selbst, aus der Erleuchtung ihres Glaubens heraus, auch in der Politik das Richtige zu finden wissen, dann ist es schlimm genug, aber ich kann ihnen und der Kirche dann nicht helfen, weiter gehe ich nicht mit.“

Putty wußte wohl, was darauf zu antworten gewesen wäre. Aber das wichtige Wesen seines Gegenübers benahm ihm die Zuversicht, mit der er sonst wohl auf seine Argumente baute. Er versuchte, ihm von einer andern Seite beizukommen.

„Ich will nicht einmal behaupten, daß wir alle die politische Betätigung streng genommen als unsre Pflicht ansehen. Aber sie ist uns unleugbar eine Genugtuung. Sieh mal, wenn der Klerus von heute sich von allem Weltlichen abschließen sollte, wie es die ganz Unentwegten und außer ihnen merkwürdigerweise auch unsre Gegner behaupten, ja, wer zum Henker möchte dann noch Priester werden! Wir wollen uns doch nicht unter eine Glasglocke aufs Kamin stellen lassen, wir wollen doch auch Menschen, Bürger sein, uns regen, dreinschlagen dürfen, wenn es sein muß.“

Fenn schüttelte den Kopf und Putty wurde wärmer.

„Und da, siehst du, da ist es ein wahres Labsal, in einer Organisation drin zu stehen, von der man sich getragen fühlt, wo man hieb- und stoßsicher an seinem Platze wirkt.“

Jetzt kroch Fenn Kaß in sich zusammen und sagte mit gerunzelten Brauen:

„Wem das Spaß macht, allerdings. Mein Fall wäre es nicht. Daß es dein Fall ist, kann ich dir nachfühlen. Denn nimm es mir nicht übel, da hast immer – wie soll ich sagen? – einen Halt außer dir gebraucht.“

Putty wurde rot, zog ein paarmal kräftig an seiner Zigarre, hüllte sich in eine Rauchwolke und sagte, als er den Hieb verwunden hatte:

„Sei es wie es sei, ich bin mit Begeisterung bei der Sache. Und ich finde darin Genugtuung. – Und Anerkennung,“ fügte er nach einer kleinen Pause mit Beziehung hinzu.

„O ja, du wirst es zu was bringen können.“

„Das braucht dich nicht zu verbittern.“

Fenn lachte lustig auf.

„Nein, Putty, so dumm wollen wir wirklich nicht sein.“

Putty schämte sich schon seiner albernen Regung.

„Ich weiß ja,“ sagte er, „du hast deine Auffassung vom Priesterberuf, und ich weiß auch, daß du nicht leicht davon abzubringen bist. Aber du mußt es doch verstehen, wenn ich sage, daß es schön ist, einer großen Sache in Gehorsam zu dienen.“

„So ausgedrückt, jawohl. Aber ich fürchte, euch oder vielen von euch ist die große Sache eben die Organisation. Die ist euch Selbstzweck. Ihr habt euern Spaß an der Maschine. Die Maschine aber läuft im Dienst eines Herrn, den ihr nicht kennt.“

„Ich verstehe dich nicht.“

„Ja du, ich verstehe mich vielleicht selber nur halb. Ich habe das unbestimmte Gefühl, nachdem ich das Priesterkleid angezogen habe, um Gott zum Heile der Menschen zu dienen, daß ich jetzt dunkeln, fernen Kräften dienen soll, die menschlichen Wesens sind und mit andern Menschenkräften um die Herrschaft der Welt ringen durch die Zeiten hindurch. Und siehst du, wo ich kämpfen soll, will ich genau wissen, um was und für wen.“

Jetzt lachte Putty.

„Senke nieder, Adlergedank, dein Gefieder!“

„Du hast recht. Und heute kein Wort mehr von Politik.“

Sie durchstreiften Nachmittags die Wälder, standen auf den höchsten Schroffen der Umgegend, sahen weit im Süden den Rauch der Hochöfen steigen, die blauen Moselberge im Südosten verdämmern und auf den Höhen gen Norden die letzten weißen Häuser des Landes stehen.

Als Fenn Kaß wieder im Zug saß, und durchs Kupeefenster seinem Jugendgenossen zum Abschied zuwinkte, löste sich in ihm ein unbehagliches Gefühl, das er den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte, in den betrübenden aber bestimmten Gedanken auf, daß Putty Heinen eine innerlich verlorene Existenz sei: sein fahriges Wesen, seine Begeisterung, die sich wie ängstlich an ein eingebildetes Ideal klammerte, die Nörgeleien der Schwester, die Tatsache, daß er bei einem flüchtigen Blick in Puttys Bücherei allerhand leichte, vielleicht schlüpfrige Ware hatte liegen sehen, aber nicht ein Buch, nicht eine Zeitschrift, die auf ernste geistige Interessen deuteten, – das alles reihte sich ihm zu einer traurigen Indizienkette zusammen, und er fuhr nach Haus in einer Stimmung, in der sich Zorn und Mitleid seltsam mischten.

* * * * *

In diesen Tagen, da Fenn Kaß mit knirschenden Zähnen und geballten Fäusten Stunden und Nächte lang gegen den Ekel ankämpfte, den ihm das Schauspiel des Wahlkampfes einflößte, geschah es, daß er folgenden Brief erhielt:

„Sehr geehrter Herr Konfrater!

Ich erfahre, daß Sie Sich nicht damit begnügen, in Ihrem Wirkungskreis die Kandidatur des Herrn Peppinger zu ignorieren, sondern daß Sie für den Freidenker Theo Schütz, der Ihr persönlicher Freund sein soll, Propaganda machen. Ich möchte Sie hiermit davor warnen, daß Sie die Dinge auf die Spitze treiben. Unsere Presse ist zum Äußersten entschlossen und würde sich nötigenfalls nicht scheuen, sowohl gegen genannten Schütz die Bedenken geltend zu machen, die aus seinem Vorleben und seinen Familienverhältnissen für jeden solid denkenden Bürger sich ergeben, als auch Ihre Person in den Bereich der Polemik zu ziehen. Sapienti sat! Das werden gerade Sie, Herr Konfrater, in Ihren speziellen Verhältnissen zu beherzigen wissen.

Mit gebührender Hochachtung

Rommelfangen, Chefredakteur der Abendglocke.“

Als hätte der Wisch, den er in Händen hielt, die Luft um Fenn verpestet, riß dieser alle Fenster auf und ließ die abendliche Kühle hereinströmen. Indes, er kam nicht zur Ruhe, er mußte ausschreiten. Er ging zum Dorf hinaus, jener Höhe am Waldessaum zu, wo er schon einmal in schwerem Harm gestanden hatte. Aus einem Wirtshaus, wo man ihn hatte vorbeigehen sehen, brüllten sie ihm ein Hoch auf Peppinger nach. Er glaubte, die heisere Stimme des Ruß und die krähende des kleinen Fritt herauszuhören. Lautes Gelächter und Gläserklirren folgte dem Geschrei.

Fenn lehnte wieder an dem hohen Kirschbaum und sah wieder das Tal in weichen Umrissen hinausdämmern. Er stand, die Lippen fest zusammengepreßt, die Brauen in tiefen Falten, die Arme verschränkt. Und er prüfte sich auf Herz und Nieren, ob er in all der schweren Zeit, die er hinter sich hatte, sich einmal untreu geworden sei, ob er das Recht verwirkt habe, selbstherrlich über sich zu entscheiden. Nein, sein Weg war gerade gewesen und lag im hellen Tag. Er war keiner Mühsal ausgewichen. Aber jetzt war er am Ende seiner Kraft. Wie damals der arme Putty Heinen, so schlang er jetzt die Arme um den rauhen Baumstamm und begann zu weinen. Er weinte wirklich, der starke Fenn Kaß. Er versuchte zu beten. Er stellte sich den Gott vor, zu dem er beten wollte, und je länger er an ihn dachte, desto klarer wurde ihm, daß dieser Gott nicht das von ihm wollen konnte, was die Menschen von ihm verlangten. Dann zweifelte er wieder an sich: „Ich mache mir den Gott zurecht, den ich brauche, um mich zu rechtfertigen.“ Und er grübelte weiter auf dieser Spur: „Haben denn das nicht alle Gottsucher getan? Den Gott in ihrer Seele werden lassen, dessen ihre Seele bedurfte?“

So kam er nicht zur Ruhe. Er dachte an seine Mutter und ging nach Haus.

„Mutter, ich habe dir etwas zu sagen.“

Die alte Frau erschrak bis in den Hals. Sie dachte an die häßliche Verleumdung, die ihr Marjänni hinterbracht hatte. Mit schlotternden Knien ging sie zu ihm in sein Zimmer.

„Mutter, glaubst du, daß ich dir alles zulieb tue, dessen ich fähig bin?“

„Ja Fenn, warum fragst du?“

„Damit du nicht denken sollst, wenn ich dir jetzt einen Schmerz bereite, daß es mir möglich gewesen wäre, anders zu handeln.“

„Du mußt alles frei heraussagen, Fenn. Wir zwei haben uns ja doch immer gleich verstanden.“

„Erinnerst du dich, Mutter, wie ich dir damals sagte, warum ich Geistlicher werden wollte?“

„Ja, du sagtest, glaube ich, du müßtest viele haben, denen du Gutes tun kannst, und die dich lieb haben.“

„Glaubst du, Mutter, daß es so geworden ist, wie ich es mir damals dachte?“

Sie sah lange schweigend unter sich und sagte dann hart: „Nein, Fenn, es ist nicht so geworden.“

„Und glaubst du, ich habe lange und ehrlich genug versucht, ob es doch noch so werden könnte?“

Jetzt wußte sie, wo die Schatten in seinen Augenhöhlen herkamen. Und sie wußte auch, besser als er selber, daß sein Mühen vergebens war und vergebens bleiben würde. Sie wußte, wie die kleine bucklige Gehässigkeit ihn seit damals weiter und boshafter umrankte, wie jeder seiner Schritte mißdeutet wurde, und daß er nicht die Hornhaut ums Herz hatte, die ihn gegen solche Verletzungen unempfindlich gemacht hätte. Ja, wenn er sich nicht aus freien Stücken zum Diener derer gemacht hätte, die jetzt nach seinem Herzen zielten! Aber jetzt! Jetzt wollte er sich frei machen. Jetzt kam er und fragte sie, seine Mutter, ob er ihr ihren alten, heitern, klaräugigen Fenn wiederschenken dürfte!

Es stieg ihr beklemmend in die Kehle und heiß in die Augen, und sie sagte: „Du dummer Bub! Meinst du denn, ich habe nicht schon lange gemerkt, daß du in die Irre gehst!“