Chapter 3 of 11 · 5383 words · ~27 min read

Drittes Kapitel

Wie wenn aus stillen Wiesen- und Ackergründen sich geheimnisvolle Berge heben und die Menschen, die an die Ebene gewöhnt sind, sich in ihre Täler und Schluchten hineinwagen – so war es im Leben der drei Wiesinger Knaben gewesen, als das neue Dasein, das schon seit Jahr und Tag mit unbestimmten Umrissen am Horizont ihrer Erwartungen gestanden hatte, sie jetzt umfing. Und das Neue, das sie in ihre Entwicklung, in ihr geistiges und leibliches Werden hinein verarbeiten mußten, meisterte sie oder wurde von ihnen gemeistert, je nachdem sie über ihm standen oder es über sie hinwegging. Zu Hause waren sie vom Säuglingsalter an in ihr Verhältnis zu den Dingen und Menschen hineingewachsen und sich nie bewußt geworden, daß es anders sein könnte. Jegliches war an seinem Platz gewesen in ihrem ruhigen Hinleben, und nun geschah es auf einmal, daß wieder jeder die Ellenbogen rühren mußte, bis er da stand, wo er hingehörte. Feindschaften und Freundschaften, Zu- und Abneigungen sind zwischen Dorfkindern wie etwas, mit dem sie zur Welt gekommen sind. So ein Dorfjunge trägt den ruhigen, stetigen Haß, der zwischen ihm und einem andern ist, wie er seine Nase im Gesicht trägt und wünscht und denkt nicht, daß sie anders oder etwa gar nicht da wäre. Wem seine Gespielen besonders aufsässig sind, der nimmt es hin, wie einen Höcker oder ein krummes Bein, das ihm die Natur mit auf den Lebensweg gegeben hat. Dergleichen ist nicht, als ob es geworden, sondern als ob es immer dagewesen wäre. Soll aber so ein junges Menschenkind sich plötzlich mit Kopf und Herz in hundert andere, fremde Köpfe und Herzen schicken, neben denen es nicht herangewachsen ist, dann stößt es sich an allen Ecken und Kanten.

Am heftigsten von den dreien fand sich der weichherzige Heine Putty aus seiner Bahn geschleudert. Er litt die ersten Tage unsäglich unter dem, was er bei seinen Mitschülern als Hochmut, als Roheit und als Stumpfsinn empfand, und was doch weiter nichts war, als der Hochmut, die Roheit und der Stumpfsinn, die schon in seinen Dorfgespielen als die undifferenzierten Keime späterer Entwicklungen vorhanden gewesen waren. Nur daß sie ihm jetzt als etwas Neues lebendig entgegentraten, auf das er seinen empfindlichen Seelenapparat erst einstellen mußte. Fritz Lampert fand sich rascher und schmerzloser mit seiner neuen Umwelt ab. Seine Protzennatur feite ihn gegen alle grüblerischen Zweifel an seiner Überlegenheit, und in dem kleinen Kreise, in dem er sich bald heimisch zu machen wußte, war er, gerade wie zu Hause, das reiche, verwöhnte Bauernsöhnchen, das sein Taschengeld vernaschte und dem beständig von den heimlich gelutschten Süßigkeiten eine braune Kruste in den Mundwinkeln saß.

Fenn Kaß freilich hatte gleich vom ersten Tage an durch seine beiden Abenteuer sich eine Art Ausnahmestellung gesichert, die ihm das Hineinfinden in die neue Ordnung bedeutend erleichterte. Der „Alte“ hatte vor ihm Respekt bekommen, wenn er sich auch mit der felsenfesten Absicht trug, diesen trotzigen Willen doch noch einmal auf feierliche Weise vor allem Volke zu brechen und diesem verflixten klobigen Kerl von Küsterssohn den Teufel Hochmut auszutreiben. Für die Kameraden war Fenn Kaß mit dem Nimbus des Charakters umkleidet. Nichts imponierte ihnen so, als wenn es von jemand hieß, er sei ein Charakter; denn sie standen in dem Alter, wo in den Knaben das Seelenmetall sich zu härten beginnen muß, soll daraus der Stahl werden, der dem Leben auf Stich und Hieb standhält. Und darum empfanden sie instinktiv den Wert dessen, der schon jetzt auf Stich und Hieb so stählernen Klang zurückgab.

Die erste Zeit freilich, da wurde es allen dreien hart. Da lernten sie zuerst die Sehnsucht kennen. Die letzten Oktoberwochen gingen ins Land. Die drei Wiesinger wußten: jetzt zieht daheim der brenzliche Geruch der Kartoffelfeuer über Stoppeln und Wiesen; jetzt haben die Kameraden ein Leben voller Freiheit. Sie brauchen nicht mehr in die Schule. Sie spielen in den weiten Weidegründen Räuber und Gendarm. Wo ein Nußbaum steht, schmeißen sie ihre Prügel nach den paar Nüssen, die der Bauer an den äußersten Zweigen hat hängen lassen.

Putty dachte an die wonnigen Abende zu Hause, wenn er seine Schularbeiten geschrieben hatte und, die Ellenbogen aufgestützt, die Daumen in die Ohren gepreßt, den Inhalt des neuen Kalenders verschlang. Fritz träumte davon, wie er beim Einfahren der Kartoffeln sich auf glänzenden Pferderücken herumrekelte, auf den schönsten und feurigsten Pferden des Dorfes, und wie jetzt bald die Kirmeß in Brebach käme, wo der schlanke Fuchs in den Tilbury gespannt wurde und er zum Onkel Majerus kutschieren durfte. Ja, damals war er noch ein Kerl, zu dem die andern aufsahen. Hierin der langweiligen Stadt, da war er ein gewöhnlicher „Wiesenfresser“, dem kein Mensch ansah, daß sein Vater der dickste Bauer in der Gemeinde war und den schönsten Kutschwagen besaß.

Und Fenn Kaß? Er ging den Berg seiner neuen Pflichten hinan mit dem stetigen Schritt des treuen Arbeitsgauls, nicht zu langsam und nicht zu rasch. Aber mitten hinein überkam es ihn doch manchmal mit tiefem Sehnen nach allem, was er verlassen hatte. Nach dem schlichten Dasein daheim, nach dem kleinen, ruhigen Kreis, in dem sich für ihn bisher Arbeit und Genießen abgewickelt hatten. Nach seiner Kirche, nach seinen Glocken, nach dem Friedhof mit den Ebereschen, mit Malven und Sonnenblumen über halb eingesunkenen Rasenhügeln und schiefen, grauen Steinkreuzen; nach den kleinen Besorgungen im Pfarrhaus, der freundlichen „Zäre Joffer“ und ihrem Bruder mit den gütig ernsten Augen, dem Père Reining, dem Lehrer Braun – und da wären wir ja auch bei Lehrers Marjänni. Sobald Fenn in seinen Gedanken so weit war, meinte er, jeder müsse ihm ansehen, daß er gerade an so ein dummes Mädel dachte. Er schämte sich, drückte die Fäuste fester an die Schläfen und biß die Zähne grimmiger aufeinander, und wie mit Hammerschlägen trieb er sich die Regeln und Vokabeln in den Kopf hinein.

* * * * *

Die ersten Ferien kamen. Am Abend vor Weihnachten gingen die drei Wiesinger zu Fuß nach Hause. Und zum ersten Male erlebte es Fenn Kaß, wie einem das Vaterhaus so klein wird, sobald man es einmal verlassen und einmal eine Zeitlang zwischen weitern Wänden und unter einem höhern Dach gewohnt hat. Er kam sich vor, als sei er vom heimatlichen Ufer abgetrieben, und alles, alles sei zurück- und in sich zusammengesunken, bis es so klein geworden war, wie die Ferne alle Dinge macht.

Auf den Weihnachtstag waren die drei jungen Studiosen beim Pfarrer Reining zu Mittag geladen. Nach dem ersten Glas Wein erzählte Putty mit glänzenden Augen von ihrem Leben im Konvikt; wie sie schon für nächstens eine Theateraufführung vorbereiteten, wie er darin einen vornehmen Pagen und Fritz einen Reitersmann mit Stiefeln und Sporen darzustellen habe.

Ob denn der Fenn nicht auch dabei sei? fragte Fräulein Gretchen. Nein, der Fenn hatte wohl daran keinen Spaß, es war auch niemandem eingefallen, ihn zu fragen. Über Pfarrer Reinings weißes Gelehrtengesicht ging ein feines Lächeln. Er nickte und meinte: „Ja, der Fenn lernt das Komödienspielen nicht. Der ist von einer andern Sorte.“

Am Nachmittag machten alle drei zusammen einen Besuch bei Lehrers. Herr Braun interessierte sich für die Methoden seiner Oberkollegen aus der Stadt, und Marjänni hörte altklug zu, wie es die Jungens jeder in seiner Art zu erklären suchten und wie doch immer Fenn mit ein paar Worten das Wesentliche zu treffen schien. Putty war einigermaßen enttäuscht, daß die Gespielin nicht stärker von der Rückkehr der drei überwältigt war. Sie tat, als stünde sie etwas durchaus Selbstverständlichem gegenüber. Fritz brachte eine Schachtel Schokoladenpralinés mit, die er selbst schon halb ausgenascht hatte. Er schickte beim Überreichen seiner Gabe voraus, daß die mit brauner Füllung die besten seien, und er bestand darauf, daß Marjänni in seiner Gegenwart von jeder Sorte eines kostete, während sie in ihrer vorsorglichen Hausfrauenart am liebsten die ganze Schachtel aufgehoben hätte.

Für Putty und Fritz waren die paar Ferientage voller festlichen Sonnenscheins. Der Schneider kam aus dem Stolz und der Rührung über „seinen Studenten“ nicht heraus und erzählte im Wirtshaus dramatische Geschichten über Puttys Erfolge: Wie er als einziger der ganzen Klasse einmal zu sagen wußte, wer Peru entdeckt hatte. Peru, Peru! Ihr Dickköpfe wißt nicht einmal, ob Peru eine Stadt ist oder ein Purgiermittel! Von Mutter und Schwestern wurde Putty auf Händen getragen und behandelt wie ein seltener Besuch, dem man alles zu lieb tun müsse. Er mußte sich mit ihnen in die mollig geheizte Stube setzen und von seinem Luxemburger Leben erzählen, was er in Gegenwart des Vaters nie tat. „Der erzählt noch zuviel, wenn er schon nichts weiß!“ Die Frauen saßen mit offenem Munde, die Hände in die Schürze gewickelt, und Puttys lebendige Erzählkunst war wie etwas, das lau und wohlig an ihnen herunterrann. Das waren die Stunden, nach denen ihn noch lange Jahre ein weiches Sehnen überkam, wenn er wieder in der Stadt sich durch seine Pennälerpflichten hindurchwinden mußte.

Fritz Lampert verbrachte den größten Teil seiner Ferientage mit seinem Vater im Wirtshaus und auf der Kegelbahn. Und wenn es auch wieder um einen Taler den Einsatz ging, der alte Lampert legte ihn für Fritz hin und verzog das gedunsene Trinkergesicht ebensowenig, wenn einer der andern den Gewinn einheimste, wie wenn er selber oder Fritz das Spiel gewann. Die beiden Lamperts waren bekannt dafür, daß sie mit niemand, nicht einmal unter sich, halbpart spielten, und bei den Stammgästen der Kegelbahn, die das Spiel als weitverzweigtes Kompagniegeschäft betrieben, waren sie deshalb nur mäßig beliebt. Eines Abends, als der alte Lampert gerade ein paarmal nacheinander ein ziemlich fettes Spiel eingestrichen hatte, mit der nachlässigen Gebärde, mit der er vom Tisch nach dem Pfeifenstopfen die Tabakreste in den Beutel wischte, hörte Fritz, wie ein Bursche zu dem andern sagte: „Er brauchte auch nicht so zu tun, als ob ihm unser Geld Schmierkäse wäre. Er kann’s gebrauchen.“ Als Fritz abends vorm Schlafengehen dem Alten die Worte wiederholte, zuckte der die Achseln, holte aus dem Wandschrank die Flasche mit dem alten Kornschnaps und trank davon zwei Weingläser voll. Dann ging er heiser lachend die Treppe hinauf und keuchte:

„Sie können mir alle den Buckel hinaufsteigen.“

Mit Fenn Kaß war es, als ob der Faden seiner alten Gewohnheiten gar nicht abgerissen wäre. Er ging seinem Vater beim Küsteramt an die Hand ganz wie vordem und tat gar nicht dergleichen, als ob er als studierender Mensch auf Ruhe in den Ferien ein verbrieftes Recht hätte. Die Teilung der Arbeit, wie sie früher bestanden hatte, war für Fenn auch in den Ferien maßgebend. Wenn Vater Kaß der erste aus den Federn war und eigenhändig in aller Früh die Betglocke läutete, so lag alles weitere Geläute tagsüber und bis zum späten Abend seinem Sohn ob. Fenn schloß die Kirche auf und zu, Fenn legte dem Herrn Pfarrer das Meßgewand zurecht, Fenn sorgte fürs Kerzenanzünden, für den richtigen Altarschmuck, wie es die Tage nach der Abstufung ihres festlichen Charakters verlangten. Er kannte alle Schmuck-Garnituren auf den Fingern auswendig.

Aber am meisten Genugtuung bereitete ihm das Aufziehen der Turmuhr. Das war ein Geschäft, mit dem ihn sein Vater lange nicht hatte betrauen wollen. Es galt als geradezu halsbrechend. Man mußte auf Leitern im Innern des Turmes von einem Absatz zum andern steigen, daß einem beim Hinunterblicken ordentlich schwindelig werden konnte. Oben stand man dann auf einer schmalen Bretterbrücke und mußte mit der Kurbel die schweren Gewichte heraufwinden. Ein Fehltritt, und man stürzte den ganzen Leiterweg wieder hinunter. Das Uhraufziehen war der Frau Küsterin eine Quelle der Sorge und Angst. Immer, wenn einer von ihren Mannsleuten in den Turm steigen mußte, wartete sie mit banger Seele, bis er heil und gesund wieder vor ihr stand. Wie eine Försterfrau um ihren Mann bangt, wenn er auf Wilddiebe lauern geht. Für Fenn aber war es eine der reinsten Freuden, an diese berüchtigte Arbeit die Spannkraft seiner jungen Muskeln und die Abenteuerlust seiner dreizehn Jahre zu setzen. Und dann das Uhrwerk! Das war ihm wie ein lebendiges Tier, dem er in den Brustkasten hineingucken durfte. Er kannte jedes Rad mit Namen, er vermaß sich, den ganzen Krempel auseinanderzuschrauben und wieder einzurichten, ohne ein Rad übrig zu behalten, wie es dem Dorfschmied einst passiert war, als er in der Uhr nach dem Rechten hatte sehen wollen.

Fenn Kaß war eine eigene Natur, zu deren Kern die Äußerlichkeiten des Lebens nicht leicht hineindrangen. Die Seele der andern war wie eine Wage, die mit jeder Veränderung der Umwelt aus dem Gleichgewicht kam. Zwischen Kinderstube und Stadtleben schwankte sie hin und her, Jahre lang, bis eine Seite der andern leidlich die Wage hielt. Diesmal gab es bei der Rückkehr aus den Ferien noch einen bedenklichen Ruck, und die ersten Abende konnte man in den Schlafsälen der Jüngsten manch unterdrücktes Schluchzen hören, und unter mancher Wange netzte sich das Kopfkissen von Heimwehtränen.

* * * * *

Dann ging das Leben im Konvikt seinen Gang, Jahr um Jahr. Fenn Kaß schlug sich redlich durch seine Klassen. Sein Wissen wuchs, wie das Holz der Eiche, Jahresring um Jahresring, dicht und fest und sicher aufeinander, aber das Wissen Puttys war wie weiches Pappelholz, hoch und rasch emporgeschossen, unzuverlässig und untüchtig. Den Lampert hatten sie schon nach dem ersten Jahre hinter sich zurückgelassen. Er geriet immer bedenklicher ins Hintertreffen, und eines Tages wurde er von dem „Alten“ endgültig abgeschüttelt. Das kam so. Fritz war eines Morgens mit den andern zum Weg in die Klasse angetreten. Man war im Anstaltshof rottenweise aufgestellt, unter der Führung eines ältern Semesters, das in der Terminologie des Hauses Präfekt hieß. Der Präfekt, ein derber Öslinger Bauernsproß mit klobigen Nagelschuhen und zu kurzen Beinkleidern, dem die roten Hände wie Hummerscheren aus den Ärmeln hingen, hatte den jungen Lampert, der wieder einmal einen Anzug nach dem neuesten Schnitt trug, ironisch beschnuppert. Fritz hielt es nämlich für fein, sich stets in eine Wolke desjenigen Parfüms zu hüllen, von dem er jeweilig gehört oder gelesen hatte, es sei das feinste. Diesmal war es Verbena.

„Der Teufel weiß, wonach der Lampert wieder duftet!“ sagte der Präfekt.

Fritz gab eine so unanständige Antwort, daß die ganze Rotte in ein betäubendes Irokesengeheul ausbrach. Der Herr Direktor kam wie mit Siebenmeilenstiefeln über den Platz gestelzt und fragte zornfunkelnd, was los sei. Der Präfekt wiederholte treu die Lampertsche Verbalinjurie, und das Geheul erscholl von neuem.

Wie Blitze züngelten die Worte des Alten auf Fritzens Haupt. Der drehte ihm den Rücken und zuckte die Achseln. Die Stimme Kleyers überschlug sich, zischte, fauchte, sprang in spitzem, elastischem Echo von der Hausfront bis über das Tal hinüber. „Freches Individuum! Abbitte leisten! Sofort! Auf der Stelle! Oder hinaus! Hinaus!! Hinaus!!!“ „Jeß Marja!“ sagte Fritz gelassen in diesen Zornesorkan hinein. „Maacht iech net mid! Der krit jo e Schlaag!“ Und er gehe direkt, lieber heute als morgen, und er habe die Boulettenwirtschaft schon ewig satt. Zwischen jeden Satz hinein fuhr wie eine Stahlklinge ein blitzendes „Ruhig! Still! Kein Wort mehr!“ des wutschnaubenden Direktors.

Fritz Lampert ging wirklich und mietete sich in der Stadt eine behagliche Bude. Er war die nächste Zeit hindurch der Held des Tages. Und die Wut, die Herr Kleyer an diesem räudigen Schaf nicht hatte auslassen können, kühlte er in kleinen Ausfällen, die er gegen Fenn Kaß richtete. Fenn Kaß, der andere Wiesinger, war ja derselbe Trotzkopf wie sein Dorfgenosse, es bestand zwischen ihnen zweifellos eine heimliche Solidarität, die Fenn büßen mußte. Bald donnerte ihn bei Tisch der Alte an, weil Fenn mit einem Nachbar ein Wort gewechselt hatte, bald gab er ihm in der Kapelle einen Stoß, wenn er beim Knien sich nicht genug zusammennahm, bald ging ein Sturzbach über das Haupt des Sünders nieder, wenn ihn Herr Kleyer mit den Händen in den Taschen erblickte. Fenn ließ alles mit ruhigem Gemüt über sich ergehen. Er wußte: muckte er auf, so gab es zwischen ihm und dem Direktor ein Ringen auf Leben und Tod. Wozu, dachte er, dies Fingerhackeln? Ich laß mich doch nicht zu Brei zermalmen, daß sie nachher aus mir eine neue Masse kneten, wie sie sie brauchen. Ich weiß selbst, was ich tue.

In solchen Stunden war es ihm ein Trost, mit Theo Schütz zusammen zu sein. Der war auch einer von den Hartgesottenen, die sich nicht von dem „Alten“ in seinem Erziehungsraptus auf denselben Leisten mit hundert andern wollten schlagen lassen. „Er will einen bloß zerbrechen, damit er die Stücke nach seinem Gustus wieder zusammenleimen kann!“ sagte Theo zu Fenn. „Um mich kümmert er sich weniger, ich bin hier nur geduldet, sie wissen, daß ich später doch meine eigenen Wege gehe. Aber du, du gehörst ihnen mit Haut und Haaren, wenn du später deinen Willen hast, kannst du ihnen allerhand Striche durch allerhand Rechnungen machen. Darum mußt du hinein in die Form.“

„Wenn ich aber doch nicht will? Er kann mir doch nichts vorwerfen; ich tue in allem meine Pflicht, mehr brauche ich nicht.“

Fenn Kaß hatte auch schon mit seinem Vater über sein Verhältnis zu Herrn Kleyer Rat gepflogen. Der war geradeswegs mit ihm zum Pfarrer Reining gegangen. Herr Reining ließ sich von Fenn die Sache auseinanderlegen, nickte still vor sich hin und sagte, er werde sehen, was zu tun sei. Aber hinterher tat er gar nichts und dachte: der Fenn ist ein Goldkerl, der frißt sich durch.

* * * * *

Auf den Lippen der drei Wiesinger sproßte schon der Flaum der Jünglingsjahre und es war an der Zeit, da die blinde Unbefangenheit ihrer Knabenjahre sich in ahnende Neugier vor den Rätseln des Lebens zu wandeln begann.

Fritz Lampert hatte in der derb zufassenden Einfachheit seiner Bauernnatur vor den Toren, die ihn in das Heiligtum neuer Erkenntnisse führen sollten, nicht lange halt gemacht, und es hatte ihn seelisch auch weiter nicht erschüttert, was er auf seinen verbotenen Streifzügen erlebt hatte. Für Putty aber, den er ohne Umschweife eines Tages in seine Eroberungen einweihte, wurde dies zu einem Erlebnis, das ihn in glühende Gedankenorgien hineinpeitschte. Andern Tags predigte Direktor Kleyer in der Kapelle. Es klang dem jungen Heinen in die Ohren wie die Posaunen des Jüngsten Gerichtes, als er begann: „Geliebte Zöglinge! Hütet euch! Das Laster geht um! Das Laster mit bleichen Hängebacken und bläulich fahlen Säcken unter den Augen. Und wen es vergiftet, und wessen Blicke vordem leuchteten wie Kohlenfeuer im Felsengemäuer, dessen Inneres wird eitel Fäulnis! Und sein Blick wird wie der Sumpf, auf dessen trübem Spiegel das Gift der Tiefe schillert!“

Putty war vernichtet. Ihm schien, als spürte er den Hauch der Fäulnis von sich ausgehen und als seien seine Augen trüb wie Sümpfe. Und während am Abend nach Tisch die Kameraden lärmend durch Hof und Gänge tobten, saß er zerknirscht, in weinender Inbrunst vor dem Altar in der Kapelle und reinigte seine Seele durch Gebet. Aber je mehr er betete, desto grimmiger fielen ihn die Gedanken an, die heimtückischen Gedanken an die sündige Lust. Er erhob hilfeflehend den Blick und sah vor sich ein Stationsbild: die Grablegung. Hunderte Male hatte er es gesehen und betrachtet – jetzt stach ihm zum ersten Male der nackte Arm der Maria Magdalena in die Augen, der durch ihr gelöstes Haar durchschimmerte, und ihr Antlitz nahm plötzlich bekannte Züge an: die schöne Wiesinger Lehrerstochter! Langsam, wie das junge Sonnenlicht von der erwachenden Erde, ergriff das Weib von dieser keimenden Mannheit Besitz. Putty taumelte aus der Kapelle in die Spiele seiner Kameraden hinein. Aber seine Glieder gehorchten ihm nicht. Es war darin wie ein lähmendes Gift, wie man es im Traum spürt, wenn man sich bewegen will und kann nicht los aus der warmen, zähen Umarmung des Schlafes. Seine Kehle war voller Bangigkeit und sein Herz voll eines unendlichen Mitleids mit sich selbst. Wie ein Opferlamm kam er sich vor, ein Märtyrer, der sein Leben durch elterliche Unvernunft, durch stumpfsinnigen Zwang verdorben und verpfuscht sieht. Der Gedanke durchfuhr ihn plötzlich an das Kleid der Entsagung, das er nach Jahren tragen sollte, an die schwarze, geschlechtslose Soutane. Und er bäumte dagegen zähneknirschend auf, wie gegen einen brutalen Eingriff in seine Persönlichkeit.

Mitten in der Nacht wachte Fenn Kaß von einem leisen Stoß gegen seine Schulter auf. Er sah dicht vor seinen Augen ein leichenblasses Gesicht, das in dem verstohlen hereindringenden Mondenschein tränennaß glänzte, und erkannte nach ein paar Sekunden Putty.

„Was ist denn los?“ fragte er, noch halb schlaftrunken.

„Fenn – höre mich an! Es erwürgt mich. Ich kann nicht schlafen, bis ich dir alles gesagt habe.“

„Aber leise, daß nur der Präfekt nichts hört. Kannst du nicht warten, bis morgen?“

„Nein, du siehst ja, es läßt mir keine Ruhe.“

„Was denn? Du bist ja ganz drunter und drüber!“

„Fenn, mit mir ist es aus. Morgen geh’ ich heim und werde Schneiderlehrling.“

„Ach so! Dann kann ich ja weiter schlafen.“

„Lach mich nicht aus, es ist blutiger Ernst. Ich kann nicht mehr Priester werden.“

„Na, da hast du ja noch ein paar Jährchen, bis du dich entscheiden mußt.“

„Nein, ich kann den Gedanken nicht mehr ertragen, daß ihr glaubt, ich will Geistlicher werden.“

„Dir kann es doch egal sein, was die andern glauben.“

„Nein, ich ertrag es nicht. Ich will nicht, daß sie glauben soll, ich – –“

„Sie? Wer, sie?“

„Die Marjänni.“

„Was hat die Marjänni –?“

„Höre mich an, Fenn! Es ist etwas mit mir vorgegangen innerlich ...“

„Na ja! Jetzt weiß ich schon, was kommt. Du hast Weibergeschichten im Kopf. Laß mich damit zufrieden.“

„Nein, Fenn! Du mußt es hören. Ich bitte und beschwöre dich. Es ist keine Frivolität ...“

„Putty, sei kein Frosch. Ich könnte dich ja jetzt beichten lassen, und dann hättest du morgen früh einen Moralischen und würdest dich schämen, daß du dich so vor mir ausgezogen hast! Geh schlafen, und wenn es dich morgen oder übermorgen noch drückt, na, dann kannst du meinetwegen dein Herz in meinen Busen ausschütten.“

„Meinst du, Fenn?“ fragte Putty schon merklich beschwichtigt, „Aber ich versichere dir, es ist furchtbar. Ich war nie in meinem Leben so, – so – –“

„Jawohl! Geh jetzt! Ich will nicht wegen Störung der Nachtruhe bei dem Alten unter den Schlitten kommen.“

Putty schlich lautlos zu seinem Lager zurück, und fünf Minuten später mischten sich seine ruhigen Atemzüge in die seiner Schlafsaalgenossen.

Aber statt seiner lag jetzt ein anderer wach. Fenn Kaß. „Was hat denn der mit Brauns Marjänni?“ – so ungefähr gingen seine Gedanken. – „Das wäre noch schöner. Die will ja Lehrerin werden, die ist doch kein Mädchen wie die andern. Und er ist doch auch kein Bub wie die andern. Er ist ja von allen immer durchgehauen worden – selbst von den Mädels. Was gehen denn den jetzt auf einmal die Frauenzimmer an? Er bildet sich das nur ein. Wir denken doch auch an keine Mädels – das ist dummes Zeug – dummes Zeug – die Marjänni lacht ihn aus, wenn sie so was hört – das kommt von seinem dummen Geschichtenlesen – und sein Vater haut ihm die Jacke voll, wenn er nicht Order parieren will – er soll lieber seine Metamorphosen für morgen vorbereiten – das letztemal hat er nichts gewußt – er ist ein Bähschaf – manchmal – ein guter Kerl, aber – ein Bäh – ein Bähschaf. Und die Marjänni, die lacht – die lacht ihn aus – die Marjänni – die Marj – –“

Und dann nahm er ihr Bild mit hinüber in seine Träume.

* * * * *

Puttys Weltschmerz hielt indes länger vor, als Fenn vorausgesetzt hatte. Am nächsten Tag verkniff er sich noch sein Herzensgeheimnis, aber am zweitnächsten mußte Fenn die ganze Beichte hören: Wie es in seinem Innern plötzlich klar geworden sei, wie er mit einem Male sein ganzes zukünftiges Leben vor sich habe liegen sehen als eine Wüste, die in den Abgrund führte, wie ihm Marjänni gleich einem verklärten Rettungsengel erschienen sei und wie er nun ganz bestimmt wisse, was er zu tun habe.

„Na, du kannst es ja mal probieren,“ meinte Fenn Kaß sehr sachlich. „Aber sage vorläufig deinem Vater nichts, das hat immer noch Zeit, wenn du vor der Entscheidung stehst. Bis dahin läuft noch viel Wasser die Mosel hinunter und es gehen dir noch viele Gedanken durch den Kopf. Lern jetzt deinen Ovid, das ist viel gescheiter.“

Putty war nach diesem Gespräch stark ernüchtert. Aber sein früheres Gleichgewicht war ein- für allemal dahin. Zwar das Bild Marjännis wurde blaß und blässer, aber statt dieser einen behielt das Weib schlechthin seine Macht über ihn, und die ganze sehnsüchtige Liebesqual schlug bei ihm in eine butterweiche Sorte von Weltschmerz um. So saß er denn an den Sonntagnachmittagen im Studiensaal und las immer wieder im „Taugenichts“ von Eichendorff. Aus der Ferne knallten und widerhallten die Büchsen der Schützengesellschaft, die in einem alten Festungsgraben ihre Scheiben stehen hatte. Manchmal trug der Wind eine verwehte Wolke von Blechmusik herüber, wenn ein Verein in der Stadt einen Umzug hielt. Alle Geräusche kamen so fernher, so gedämpft, klangen so unsäglich traurig in Puttys Käfig herein, daß er sich vor Unglück und Elend nicht zu lassen wußte. Nebenan, im Garten einer herrschaftlichen Villa, sah er modisch gekleidete Altersgenossen mit schlanken jungen Mädchen Ball spielen, und er bildete sich ein, in die eine davon, die die schlankste war und die schönsten und längsten braunen Zöpfe hatte, sterbensverliebt zu sein. Las er dann von dem armen Taugenichts den Kapitelschluß, wo jener die schöne Frau mit ihrer Begleitung übers Wasser gerudert hat: „Und da warf er sich ins Gras und weinte bitterlich“ – dann legte Putty seinen Kopf auf die Arme und dachte an das weiße schlanke Mädchen von drüben, das von dem Dasein eines gewissen Peter Heinen, genannt Putty, aus Wiesing keine Ahnung hatte, da doch dieser selbe junge Mann sich in Liebe zu ihr verzehrte – und wenn er dann meinte, jetzt hätten vor unsäglichem Elend seine Augen endlich ein wenig Salzwasser gepumpt, dann hatte er noch ein viel größeres Mitleid mit sich selber als mit dem armen Taugenichts.

Zu Puttys großem Leidwesen wirkte die Liebe auf ihn jedoch auch stark appetiterregend. Er hatte die Sache einmal ganz und gar romantisch bis ans Ende durchführen wollen, ganz ätherisch, ganz transzendent, und hatte sich mit hungrigem Magen, aber hehren Gefühlen in der Brust am Nachtessen vorbeigefastet. Einmal und nicht wieder.

Seinem Freund Fenn durfte er mit solchen erotischen Gewissensqualen nicht mehr kommen, der hatte dafür nicht das leiseste Verständnis. War er dann von einer Predigt des Herrn Direktors bis ins Innerste aufgewühlt und verängstigt, flüchtete er in die Kapelle. Dort sah ihn der fromme Jüngling Louis Binz, der schon einmal dem ganzen Hause als Musterknabe vorgeführt worden war, und dessen Streben seither nach nichts geringerm, als dem Heiligenschein des hl. Aloysius von Gonzaga ging, von dem geschrieben steht, er habe nicht einmal seine Mutter anzusehen gewagt, aus Furcht vor fleischlichen Anfechtungen. Als eines Abends Putty die Kapelle verließ, streckte sich ihm die wächserne Hand dieses Louis Binz mit zwei gereckten Fingern entgegen, die sich eben in das Weihwasserbecken getaucht hatten. Putty näßte seine Fingerspitzen an denen seines Mitschülers und sah dabei in zwei vor innerer Verzückung schwimmende Augen. Im Korridor, wo die andern plaudernd auf und ab gingen, gesellte sich Louis Binz zu Putty. Nach einigen gleichgültigen Redensarten brachte er das Gespräch auf die Wonnen der heimlichen Andachtsstunden in der Kapelle, vor dem Altar, wo in einem roten Glas das Flämmchen der ewigen Ampel glühte. Von dieser Ampel kam seine Phantasie nicht los. Sie war ihm das billige Sinnbild seiner Seele. Und allmählich steckte er Putty mit diesem glutrot und inbrünstig flackernden Mystizismus an. Aber der Schneiderssohn brannte nicht im eigenen Feuer von innen heraus, er war nur von den innern Flammen des andern angeheizt, und seine Seelentemperatur sank, sobald ihn Louis Binz aus seinem Bannkreis entließ. Dann kamen wieder Zeiten, wo er ganz gottverlassen und verzeihungsbedürftig in die Schwüle desselben Umgangs zurück flüchtete. Fenn Kaß schüttelte den Kopf über den neuen Freundschaftsbund. Er selbst empfand gegen Binz den instinktiven Ekel des gesunden Menschen gegen alle Hysterie, zumal seit er gehört hatte, Binz habe einmal insgeheim eine neuntägige Andacht zum heiligen Herzen Jesu gehalten, um seine, Fenns Seele, zu retten. Er lachte darüber, aber es ärgerte ihn doch, daß dieser Flagellant und Fanatiker sich mit ihm in eine gewisse Gedanken- und Gefühlsgemeinschaft hineindrängte. Sein Leben lag vor ihm so klar, wie ein heller Tag, mit Morgen, Mittag und Abend. Jetzt begann er zu empfinden, daß fremde Einflüsse ihm seinen Sonnentag mit ungesunden Nebeln zu trüben suchten.

„Sag deinem Binz, er soll mich gefälligst mit seinen Fürbitten beim Himmel verschonen, sonst, wenn ich wieder dergleichen höre, hau ich ihn so gottsjämmerlich durch, daß er genug zu tun hat, wenn er für sich selbst betet!“

Putty empfand erst eine widerstrebende Bewunderung für Fenn, eine Bewunderung, in die sich ein leiser Neid darüber mischte, daß er nicht auch die Kraftnatur war, die dem Leben so frisch-fromm-fröhlich mit geballter Faust gegenüber stand. Sobald aber Fenns Gegenwart nicht mehr auf ihn wirkte, und er wieder dem sanften Zauber des Binzschen Heiligenscheins verfiel, schlug er über die Brutalität seines Freundes ein Kreuz und vereinbarte mit dem andern, daß sie beide einen ganzen Abend lang für die Erleuchtung Fenns in der Kapelle beten wollten.

* * * * *

Fenn Kaß war bei seinen Mitschülern, von denen es im vorhinein feststand, daß sie den geistlichen Beruf ergreifen wollten, allmählich in den Ruf eines Freidenkers und unsichern Kantonisten gekommen. So zwar, daß ihn eines Tages der Herr Direktor zu sich beschied, um ihn über seine Zukunftspläne gründlich auszuholen.

„Du bist ja soweit ein guter Zögling, Kaß, es ist dir im großen ganzen nicht viel vorzuwerfen, aber man wird aus dir nicht klug. Sieh mal die andern, die sich auf das Priesterseminar vorbereiten, denen sieht man die Begeisterung für ihren Beruf förmlich an den Augen an. Fenn Kaß, warum bist du nicht begeistert?“

Es war an derselben Stelle, wo der junge Kaß schon einmal dem Ansturm Kleyers standgehalten hatte, damals am Tage seiner Aufnahme. Auch jetzt schlug er die Blicke nicht nieder, sondern ließ sie emporschweifen, an den Wänden entlang, wo neben Heiligenbildern der knochige Charakterkopf des alten Mannes hing, durch die Zweige des Gummibaumes hindurch, zum Fenster hinaus in den leuchtenden Wolkenhimmel. Das waren ja dieselben weißen Sonnenwolken, die über seine Kindertage hingezogen waren, damals, als noch nichts und niemand seine Seele in starre Formen zu pressen suchte. Gerade zog drüben am südlichen Himmel ein großes, leuchtendes Wolkengebilde vorüber, ein phantastisches Schneegebirge mit blendend weißen Firnen, mit schwindelnden Abgründen und weiten, seligen, jungfräulichen Wüsteneien, ein in klaren Umrissen und schwellender Plastik in den hellen Tag hineingestelltes Traumgesicht. Und Fenn Kaß war davon ganz erfüllt. Der gute Dämon seiner Kinderjahre schlug seine Flügel um ihn, und er fühlte sich so stark wie daheim, wo er wurzelte, daheim, wo er zum Atmen alle Luft der Täler und Hügel und Wälder und Acker hatte, wo er jauchzend das Wachsen seiner Kraft gespürt, überschäumend vom Gefühl des Seins seinen Kameraden vorangestürmt war in Spiel und Streit. Und er tauchte mit stumm inbrünstiger Leidenschaft seine Blicke in all dies Licht und all dies leuchtende Erinnern. Da stand er hoch über der Stubenluft, die ihn jetzt umwitterte, und über den Händen, die nach seinen Flügeln griffen.

„Herr Direktor,“ sagte Fenn Kaß ruhig, „was wollen Sie mit mir? Ich gehe meinen Weg und tue meine Pflicht. Was haben Sie mir vorzuwerfen?“ Er sagte es so ernst, so schwer, so selbstsicher, daß das schöne Pathos des Herrn Direktors davon durchlöchert und zerfetzt ward.

„Fenn Kaß! Du bist eine verstockte und verbissene Natur, und wenn das nicht anders wird mit dir, so wirst du“ – hier kam der Redner wieder in Schwung, hier lagen ihm wieder seine pädagogischen Donnerkeile zur Hand – „so wirst du untergehen, fallen von Stufe zu Stufe! _Abyssus abyssum invocat! Et finis interitus!_“

Fenn Kaß schüttelte den Kopf und lächelte dazu. „Ach nein, Herr Direktor, lassen Sie mich nur machen. Sie werden sehen, es geht auch ohne Begeisterung.“

„Ich will’s hoffen, Kaß, ich will’s hoffen für dich und für deine armen Eltern, die ihr Letztes dransetzen, um ihren Sohn eines Tages am Altare zu sehen ...“

„Herr Direktor, ich weiß, was ich meinen Eltern schuldig bin,“ versetzte Fenn mit zornigem Unwillen, wandte sich zur Tür und ging hinaus. Er hörte hinter sich die Stimme des „Alten“ gellen: „Kaß! Komm her! Sofort!“

Aber er zuckte die Achseln und ging hinaus. Der Herr Direktor fand schließlich, daß es das klügste sei, ihn laufen zu lassen. Dieser Duckmäuser, dieser hinterhältige Bursche! Der war ihm am Ende wirklich über! Da sollte doch ein heiliges Kreuzgewitter ... Und der Herr Direktor ertappte sich auf der Sünde des Jähzorns, ging in sein Kämmerlein und kniete lange, mit den Händen vorm Gesicht, auf seinem Betschemel und erbetete sich in heißem Flüstern Vergebung für seine Sünde.