Chapter 8 of 11 · 4853 words · ~24 min read

Zweites Kapitel

Frau Marjänni Lampert stand mit geschürztem Rock am Herd und kochte ein Milchsüppchen für ihr Kind, als Fenn Kaß mit gebücktem Kopf durch die Türe trat. „Gelobt sei Jesus Christus. Wie geht’s, Frau Marjänni?“

Sie ließ vor Schreck den Löffel in den Topf fallen, streifte den Rock herunter und wischte hastig in seinen Falten die Hände ab. „O Mamm, wat sin ech elo erschreckt!“

„Nun, einen guten Abend werd’ ich doch wohl noch geboten kriegen,“ lachte er.

„Guten Abend auch. Und wo kommst du ... wo kommen Sie denn so auf einmal her?“

Marjänni stand schamübergossen. Hatte denn der, der so plötzlich ihr da gegenübergetreten war, nicht ein Recht auf sie gehabt? War ihr nicht immer gewesen, als gehörte sie zu ihm, seit den fernsten Tagen ihrer Kindheit? Kam er jetzt, Rechenschaft von ihr zu fordern? Dagegen bäumte sich etwas in ihr, etwas, das wie Trotz aussah und auch ein wenig Stolz war, von dem Bauernstolz, der von ihrem Mann auf sie abgefärbt hatte. Schließlich hatte sie doch eingeheiratet in die reiche Lampertsfamilie, die in Wiesing seit hundert Jahren immer die reichste gewesen war und zu der immer das ganze Dorf emporgeblickt hatte. Und sie war in Brebach die reiche und schöne Müllerin und hatte nach niemand zu fragen. Was wollte er denn von ihr, der arme Küstersfenn, der bei ihrem Schwiegervater die Kühe gehütet hatte für ein Butterbrot oder ein Stück Zwetschenkuchen Jawohl, sie hatte sich mit ihrem Fritz vergangen, aber das brauchte ja jetzt niemand mehr zu wissen. Was wollte er also von ihr?

„Ei ei,“ dachte Fenn Kaß, „das ist nicht mehr die alte Marjänni, das ist wirklich und wahrhaftig die Frau Lampert. Na, um so besser.“ Er besah sie sich eine Weile, und es fiel ihm auf, welche Veränderung mit ihr vorgegangen war. Es war ja noch dasselbe Gesicht, so ziemlich auch noch dieselbe Gestalt. Aber etwas fehlte gegen früher, etwas, das wie eine Hemmung über dem ganzen Menschen gelegen hatte und jetzt verschwunden war. Und etwas war auch in dem Ausdruck dieses Gesichts und in allen Bewegungen, was früher nicht darin gewesen war. Etwas, was Fenn an Fritz Lampert erinnerte. Aber das war wohl nur Einbildung. Einerlei, es hatte sich bei ihm festgesetzt. Es kam über ihn, wie damals, als ihm der Pfarrer von den heimlichen Zusammenkünften der beiden erzählt hatte. Fenn war zumut wie einem, der ein liebgewordenes Haus von weitem wiedersieht und weiß, es steht noch und schaut ungefähr noch aus wie früher, aber ein anderer wohnt drin, und für dich hat es keine Stätte mehr.

„Wo ich herkomme?“ ging er auf Marjännis Frage ein. „Um die Wahrheit zu sagen: Geradewegs aus der Kirche.“

„Das hätte ich mir denken können. Da gehört Ihr ja eigentlich auch hin,“ sagte sie und suchte gleich, sich Vergebung für ihre plumpe Rede zu erlächeln.

„Freilich, die Kirche ist ja unsere Werkstatt.“ Er wollte fragen, ob Fritz zu Hause sei, und wußte plötzlich nicht, ob er noch „dein Mann“ sagen dürfte, da sie vorhin über das „du“ gestolpert war. „Ist Fritz zu Hause?“ fragte er schließlich.

„Nein, mein Mann ist auf der Jagd,“ beeilte sie sich zu entgegnen. „Aber meinen Sohn kann ich dir vorstellen. Komm doch herein in die Stube.“

Nein, er dankte. Er hätte mit Lampert reden wollen, er werde ein andermal wiederkommen. Und er empfand auch, daß sie mit ihm den rechten Ton nicht finden würde, daß es ihr lieb wäre, wenn er ginge.

Er schlug den Weg in die Äcker ein und kam in die Nähe des Höhlenwegs. Am Rande der Schlucht stand Fritz Lampert, die Jagdflinte schußbereit, während unten im Gestrüpp seine Bracken läuteten. Fenn blieb stehen und wartete ab. Ein Häschen brach oben aus dem Gestrüpp, tat ein paar Sätze über einen Sturzacker und überschlug sich im Feuer, daß seine weiße Bauchwolle schimmerte. „Bravo!“ rief Fenn, und Fritz antwortete geschmeichelt: „Ah, du bist das! Den hab ich mir prompt geholt, was!“ Er nahm dem apportierenden Hund den Hasen ab und tat ihn nach den üblichen Manipulationen in die Jagdtasche. „So, jetzt kann ich heimgehen, jetzt lacht mich die Frau nicht aus.“

Fenn dachte: „Gute Laune ist die beste Maklerin“ und fing mit Fritz gleich von dem Geschäft zu reden an, das er mit ihm plante. Er erklärte ihm an Ort und Stelle das Technische und sagte, was man von ihm beanspruchte: daß er sich wegen seiner Wasserkraft abfinden ließe und die Mühle, die dem Wohnhaus gegenüberlag, als Betriebsgebäude für die elektrische Anlage billig hergäbe. Fritz wollte sich die Sache mal überschlafen. Daß ihm seine Mühle nicht viel einbrachte, gab er zwar nicht zu, indes, er wollte mit sich reden lassen.

„Und nun laß ich dich nicht los, nun mußt du mit mir zu Nacht essen.“

„Nein, Fritz, ich danke wirklich. Ich war vorhin bei euch zu Haus, ich habe deine Frau begrüßt ...“

„Um so besser. Du mußt mir den Gefallen tun.“ Er faßte Fenn am Ärmel und zog ihn mit fort.

* * * * *

Ja, gemütlich sah es aus bei Lamperts. Die Frau wußte ein Haus zu führen. Anfangs sei es ihr ja schwer gefallen, scherzte Fritz, da habe manchmal noch das Fräulein Lehrerin überwogen, aber sie habe sich als Hausmutter gemacht, sie koche leidlich, und es lasse sich mit ihr leben. Nur mit der Butter gehe sie zu sparsam um, wohl noch von zuhause her. Er müsse an allem reichlich Butter haben, und wenn sie zwei Mark das Pfund koste. Er begann sehr viele Sätze mit „ich“, um zu sagen, wie er, Fritz Lampert, dies oder jenes am liebsten habe. „Ich trinke keinen Viez, der ist mir zu läpsch.“ Oder: „Ich esse vom Hasen nur das Contrefilet, das hier, unterm Rückgrat sitzt.“ Und Frau Marjänni tat es ihm schon nach: „Mein Mann mag Fische nur, wenn sie direkt aus dem Wasser kommen,“ und: „Mein Mann könnte längst Feuerwehrkommandant sein, wenn er wollte.“

Fritz und Marjänni konnten es nicht fassen, daß Fenn Kaß sich in den Kopf gesetzt hatte, den Brebachern eine elektrische Kraftanlage zu bauen.

„Glaubst du denn, daß du dabei etwas aufsteckst?“ fragte Fritz.

„Ich will doch nichts aufstecken, ich bin schon zufrieden, wenn die Leute ihr Licht für Stall und Scheune und die Kraft für ihre Dreschmaschinen und dergleichen billig bekommen.“

„Was hast denn du davon?“ meinte Marjänni.

„Die Freude, daß ich ihnen einen Dienst geleistet habe.“

Fritz prustete los, und Marjänni sagte: „Doch, Fritz, ich glaube ihm das. Laß ihn doch, wenn es ihm Spaß macht.“

„Na ja, es gibt also doch noch Idealisten. Frau, hol uns noch eine Flasche, und bring dir ein Glas mit.“

Es wurde gemütlich. Marjänni brachte noch eine Flasche und schüttete zum Nachtisch eine Schürze voll frischer Nüsse auf das Tischtuch. Fenn hemmte seine Zunge rechtzeitig. Er wollte sagen: „Ei, das ist ja wie am Vorabend unserer ersten Fahrt nach Luxemburg“ – da trat die blutende Gestalt des alten Lampert dazwischen und schnitt ihm das Wort ab. Marjänni trank mit und wurde gesprächig. Fenn fiel es auf, wie der junge Lampert anfing, seinem Vater ähnlich zu sehen. Er hatte schon dasselbe gedunsene Gesicht, nur blasser, dieselben Quellaugen, dieselben groben Hände, die sich schwer auf alles legten, aber aus denen die Energie des Zufassens, wie sie in den Händen der Lampertschen Vorfahren gewohnt hatte, verflüchtigt war.

Und sie? „Sie sieht ihm doch ähnlich!“ dachte Fenn, während er sie verstohlen betrachtete, wie sie, eine Wange in der hohlen Hand und den Ellenbogen aufgestützt, ihm schräg gegenübersaß, neben ihrem Mann. In den Augen lag die Ähnlichkeit nicht. Das waren willfährige Gehorcherinnenaugen, die nach den Wünschen eines Gebieters spähten, nicht immer froh, manchmal mißmutig, aber immer untertan. Es waren die Augen eines Wesens, das in sich allein keine Erfüllung findet, das Ergänzung sucht und sich da gehorsam einlebt, wo sein Schicksal es am Strande absetzt. Sie war mit ihrem ganzen Wollen und Denken dem Wollen und Denken ihres Mannes magdlich untergeben, und einige Sekunden lang schnürte es Fenn wieder die Kehle, daß sie außerhalb seines Lebens ihre Erfüllung gefunden hatte. Jetzt sah er auch die Ähnlichkeit. Sie lag im Zug des Mundes. Ihre Lippen, die ehedem wie feine, rote Striche waren, glichen jetzt runden Wülsten und standen fortwährend gerade soweit geöffnet, daß man in ihrem Schatten die Zähne blitzen sah. Genießerisch breit waren ihre Lippen geworden, schlapp und satt, wie die ihres Mannes. Tiefes Mitleid mit ihr gewann allmählich bei Fenn die Oberhand.

Man sprach weiter von dem Plan, die Mühle der Gemeinde abzutreten. Fritz nahm ein Blatt Papier und rechnete aus, wie sich für ihn das Ergebnis stellen würde. Er operierte mit Ziffern, in denen er seinen derzeitigen Verdienst stark übertrieb, aber dennoch fand sich, daß er kein schlechtes Geschäft machen würde. Marjänni zog das Blatt an sich und suchte zu begreifen. Die Ziffern verwirrten sich ihr vor den Augen, aber ihr Instinkt redete. Wenn Fritz die Mühle aufgab, hatte er gar keine Beschäftigung mehr. Was dann würde, wußte sie genau. Schon jetzt betrank er sich jeden Tag, machte in den paar Wirtshäusern des Dorfes die Runde und blieb halbe Tage lang draußen, wenn er wo in eine Partie Karten oder Kegel geriet. Marjänni meinte also, mit dem elektrischen Projekte sei es nichts. Fritz begehrte auf, Fenn vermittelte, und als Lampert mit groben Worten dreinfuhr, kamen seiner Frau die Tränen. Da legte er erst recht los gegen diese verfluchte Flennerei der Weiberbande. Wenn sie von drei Glas Wein das heulende Elend bekam, sollte sie doch lieber Milch trinken. Sie sollte ihre Kartoffeln kochen und ihre Kinderwindeln waschen und sich nicht dreinmischen, wenn die Männer zu reden hätten.

Fenn suchte Frieden zu stiften, Fritz wurde noch gröber, und dann verteidigte sich Marjänni. Da sie mundfertiger war, als ihr Mann, kam dieser schließlich ins Hintertreffen. Er benutzte die Pausen, um mit seinem gröbsten Geschütz dazwischenzufeuern, schrie, bleich vor Zorn mit seltsam verwandelter, knödelnder Halsstimme, sie wisse ja, was sie zu tun habe, wenn es ihr nicht mehr passe, und er hätte klüger getan, sie in ihrem Schulmeisterheim zu lassen und sich eine Frau zu nehmen, die an ein Regiment gewöhnt sei, wie es in deftigen Häusern herrsche. Ein Wort gab das andere, bis Fritz rasend dastand und seinen Stuhl fluchend mit beiden Händen bis an die Decke hob, als wolle er ihn seiner Frau auf dem Scheitel zerschmettern. Aber er begnügte sich, ihn auf den Tisch zu hauen, daß Flaschen und Gläser in Splittern herumflogen.

Marjänni kannte das. Sie wußte: nun wird er ruhiger. Und sie rettete sich rasch auf die Seite der gekränkten Unschuld. „Das ist ja recht nett,“ sagte sie mit kalt verweisendem Ton. „Du bringst unserm Gast ja eine merkwürdige Vorstellung bei von unserm Familienleben.“

„Ach was,“ brummte er im Verschnaufen, „du sollst mich nicht so in Wut bringen. Geh, Fenn, setz dich her, sie holt noch eine Flasche.“

Fenn mußte wohl oder übel noch eine Flasche mittrinken. Marjänni saß dabei, und es brachte ihn in tödliche Verlegenheit, daß sie ihm manchmal, wenn Fritz sie gerade nicht bemerkte, einen Blick zuwarf, der zwischen ihr und ihm eine Art geheimen Einverständnisses herstellen, einen Blick, der ihm sagen sollte: „Ja, so ist er! Was bin ich doch für eine todunglückliche Frau!“ Und im nächsten Augenblick sagte sie mit fast zärtlicher Vorsorglichkeit: „Fritz, trink nicht so schnell, du weißt ja, es bekommt dir nicht!“

Als Fenn von den beiden Abschied nahm, standen sie im Rahmen der Haustür eng umschlungen, und es kam ihm vor, als legten sie bewußt in ihren Gute-Nachtgruß ein klein wenig von der Ironie des Reichen gegen den Bettler. Ein Gefühl physischen Ekels war in ihm gegen den Lebensausschnitt, dessen Zeuge er gewesen war. Irgend etwas göttlich Reines meinte er beschmutzt und zertreten gesehen zu haben, und am trostlosesten schien es ihm, daß die, die er in solche Tiefen gestoßen sah, nicht mehr mit der starken Sehnsucht, die erlösen kann, ans Licht zu streben vermochte.

* * * * *

Fenns Verhältnis zu seinem Pfarrer gestaltete sich immer unerfreulicher. Brendel war aus kleinen Verhältnissen an die Spitze der wohlhabenden Pfarrei in Brebach gekommen. Er war fromm, von jener Frömmigkeit, die in Worten verdampft, dabei von robustem Erwerbssinn. Und so wickelte sich sein Leben ab zwischen dem Bestreben, „auf den Haufen zu schaffen“, wie die Leute sagten, und dem andern, seine Pfarrei nach seinem Begriff der Gottesfurcht zu stilisieren. Ein frömmelnder Bauer war ihm der Inbegriff alles Erstrebenswerten, was ein Seelsorger aus einem Pfarrkind machen kann. Und daß ihn sein Kaplan in dieser Richtung nicht unterstützte, nahm er ihm natürlich äußerst übel. Auf Schritt und Tritt sah er sein Wirken von dem frischen, weltlichen Draufgängertum dieses „Schmiedegesellen“, wie er ihn heimlich nannte, durchkreuzt. Pfarrer Brendel hatte seine Pfarrei mit einem frommen Vereinswesen wie mit Kaninchenbauen durchzogen. Er hatte einen Jünglings- und einen Jungfrauenverein, einen Paramentenverein, einen Verein des Heiligen Herzens Jesu und einen Verein des Heiligen Herzens Mariä, einen Verein vom Kindlein Jesu für Loskaufung von armen Heidenkindern und eine Bruderschaft von diesem und eine Schwesterschaft von jener Heiligen. Jeder Mensch in Brebach hatte für jeden Tag in der Woche einen andern Verein, als dessen Mitglied er sich jeweils fühlen konnte, wenn er Lust hatte. Und außerdem durchdrang der Herr Pfarrer den Gesangverein und die Feuerwehr vollständig mit seinem Einfluß, alle mehr oder weniger öffentlichen Kundgebungen des profanen Lebens suchte er mit Pietismus zu durchsäuern, allerdings nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Denn wenn die Brebacher aus angeborener Gutmütigkeit und innerlicher Glaubenstreue sich manches gefallen ließen, so schüttelten sie sich doch zuweilen, wenn ihr Pfarrer sie zu stark für seine Frömmlerzwecke in Anspruch nahm.

Die Buchführung über seine heilige Vereinsmeierei war eine der Hauptbeschäftigungen des Pfarrers Brendel, und er ging denn auch schon mit dem Gedanken um, sie auf seinen Kaplan abzuladen, als er wahrnahm, daß er damit den Bock zum Gärtner machen würde. Durch seine Vereinssaat wehte ein verdächtiger Wind. Und eines schönen Tages stand er vor der unerfreulichen Tatsache, daß aus den Kerntruppen seines Jünglingsvereins und seiner andern männlichen Vereine und Bruderschaften sich auf Betreiben des „Schmiedegesellen“ ein Ackerbau-Lokalverein gebildet hatte mit dem schnöden Zweck, Kunstdünger gemeinsam zu beziehen, Ackerbaugeräte und Maschinen zu gemeinsamem Gebrauch anzuschaffen und sich durch Vorträge und Lektüre allgemein zu bilden. Dazu kam, daß der Kaplan durch diesen Verein auf die Gemeinde zugunsten seiner elektrischen Kraftanlage zu drücken gedachte. Emil Masseler hatte das alles dem Herrn Pfarrer brühwarm hinterbracht, als dieser eines Abends mit seiner Schwester auf ein Schwätzchen zur Erbtante gekommen war. Bei der Erbtante gab es immer eine gute Flasche, und da konnte der Herr Pastor seinem bedrängten Herzen zwanglos Luft machen. Die Erbtante wollte mit den Behörden, deren Vertreter ebenfalls ihren Keller zu schätzen wußten, ein Wörtchen reden. Diesem ungefügigen Herrn würde man schon das Handwerk legen.

Da wirkte es wie ein kaltes Sturzbad, als eines Tages in Brebach bekannt wurde, Kaplan Kaß sei in der Stadt lange beim Ackerbauminister gewesen, der ihn gar bei sich zu Tisch gehabt und ihn wegen seiner gemeinnützigen Initiative in Gegenwart verschiedener hoher Beamten sehr gelobt habe. Verbohrter als je kroch Pfarrer Brendel in das Schneckenhaus seiner frommen Selbstgerechtigkeit zurück und brütete Vergeltung.

Am nächsten Sonntag predigte er im Hochamt. Kaplan Kaß saß im Chorgestühl. Was Pfarrer Brendel in der Regel predigte, war ein lauwarmer Wortbrei mit Mohn, bei dessen Genuß seine Zuhörer eine unwiderstehliche Schlafsucht überfiel. Eine Weile wehrten sie sich dagegen, zwangen die Augenlider krampfhaft hinauf, bis ihnen war, als stiege der Altar mit seinen blinkenden Blumen und seinen gelben Kerzenflammen langsam gen Himmel und als senkte sich ein dunkler Sammetvorhang zwischen sie und die sichtbare Welt. Diesmal schmeckten sie alle den Essig durch, der zwischen den Worten ihres frommen Pfarrers sickerte, und sie horchten auf. Was war denn das? Das klang ja gar nicht so erdenfern und schläfrig wie sonst, das schien ja, als ob ihnen „der Herr“ diesmal wirklich etwas zu sagen hätte.

„Geliebte Christen!“ Sonst war die Anrede über sie hinweggegangen wie ein leerer Schall. Heute klang daraus ein Aufruf, eine Aufforderung, zu hören.

„Geliebte Christen!“ Und Pfarrer Brendel begann eine anspielungsreiche Predigt über die Erhabenheit und Heiligkeit des Priesterstandes. Er sagte in umfangreichen Ausführungen, was und wie seiner Auffassung nach der Priester sein müsse und was und wie er nicht sein dürfe. Mit Frömmigkeit und Gebet müsse er die Welt bezwingen, – „alles übrige wird Euch zugegeben werden. Hat unser Herr und Heiland nicht zu seinen Jüngern gesagt: Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch, Moses hat Euch nicht das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt Euch das rechte Brot vom Himmel. Geliebte Christen, seht Euch vor, daß Euch nicht ein moderner Moses das falsche Brot vom Himmel breche, denn: ich bin das Brot des Lebens, sagt der Herr. Was frommt es Euch, wenn Ihr Eure Kornäcker mit künstlichem Dünger besät, und Eure unsterblichen Seelen leiden Schaden und müssen dürsten nach Wahrheit und Frömmigkeit wie die Wiese nach dem Tau, und es ist niemand, der sie tränket. Sorget nicht, sprach Jesus zu seinen Jüngern, für Euer Leben, was Ihr essen sollt und wie Ihr Euch kleiden sollt, denn das Leben ist mehr als die Speise und der Leib mehr denn die Kleidung. Wichtiger ist es, geliebte Christen, daß Ihr Eure Seelen mit dem Geiste Gottes, als daß Ihr Eure Häuser mit dem Lichte dieser Welt erleuchtet. Der Herr erhält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die da niedergeschlagen sind. Aller Augen warten auf ihn und er gibt ihnen Speise zur rechten Zeit.“

Fenn Kaß hatte schon seit einigen Tagen wahrgenommen, daß der Pfarrer etwas gegen ihn im Schilde führen mußte. Eine Frage fiel ihm ein, die Herr Brendel ihm kürzlich mit seltsamer Betonung gestellt hatte: ob er sich denn wirklich in seinem Beruf glücklich fühle. „Bis jetzt wohl,“ hatte ihm Fenn geantwortet. „Und ich denke, wenn es mir gelingt, mein Wirken nach meiner Auffassung auszugestalten, so werde ich wohl auch ferner glücklich bleiben, soweit das dem Menschen überhaupt beschieden ist.“ Pfarrer Brendel hatte sauersüß dazu gelächelt und entgegnet, der Herr Kaplan sei noch sehr jung und unerfahren, und die Hauptsache sei eben die Auffassung. „Wo will er hinaus?“ dachte Fenn Kaß, als er jetzt den Pfarrer in seinem weißen Chorhemd auf der Kanzel stehen und mit merkwürdig rotem Kopf auf seine Gemeinde losreden sah. Die erste Anspielung auf seine Tätigkeit als Gründer des Lokalvereins hatte bewirkt, daß alle Gesichter in der Kirche sich nach dem Chor wandten, wo der Herr Kaplan saß. Und alle hatten gesehen, wie Fenn das Blut in die Stirn gestiegen war und wie sich die Falte zwischen seinen Brauen tiefer gegraben hatte.

Pfarrer Brendel sprach weiter:

„Geliebte Christen! Wie steht geschrieben? Es war ein Weib mit Namen Martha, die nahm Jesum auf in ihr Haus. Und sie hatte eine Schwester, die hieß Maria. Die setzte sich Jesu zu Füßen und hörte seiner Rede zu. Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragest du nicht danach, daß mich meine Schwester läßt allein dienen? Sage ihr doch, daß sie mir helfe. Jesus aber antwortete und sprach: Martha, Martha, du machst dir viel Sorge und Mühe. Eins aber nur ist notwendig. Maria hat das beste Teil erwählt, das soll nicht von ihr genommen werden. Geliebte Christen! Was lehrt uns diese Erzählung aus dem Evangelium des heiligen Apostels Lukas? Daß wir sollen unsern Sinn nicht richten auf das Weltliche und Sinnliche, nicht auf Geld und Gut noch auf Speise und Trank, denn sehet die Lilien auf dem Feld: sie säen nicht und ernten nicht, und sie haben keinen Lokalverein und keine elektrische Beleuchtung, und sind doch schöner gekleidet als Salomon in all seiner Pracht und Herrlichkeit.“

Wieder fuhren alle Köpfe nach dem Chorgestühl, wo der Kaplan saß und mit harten verschlossenen Mienen den predigenden Pfarrer ansah.

„Und im Evangelium Johannis lesen wir, geliebte Christen, daß auch Judas Ischariot zugegen war, als Maria dem Herrn die Füße salbete mit Salbe aus köstlicher Narde, und der Verräter sagte: Warum ist die Salbe nicht um dreihundert Silberlinge verkauft und das Geld den Armen gegeben worden? Er sorgte sich aber nicht um die Armen, sondern um seinen Geldbeutel. Und Christus der Herr durchschaute ihn und sagte zu denen, die um ihn standen: Arme werdet ihr allezeit bei Euch haben, mich aber habt Ihr nicht allezeit bei Euch. Und so, geliebte Christen, gibt es auch heute noch unter denen, die sich die Jünger Jesu nennen, viele, die mehr auf das Wohl des Geldbeutels, als auf die Gegenwart des Herrn bedacht sind.“

Fenn Kaß schüttelte den Kopf und dachte: „Wie kann in einem Menschenhirn soviel Torheit und Gottesliebe beieinander wohnen!“

Und der Herr Pfarrer sprach salbungsvoll und boshaft weiter von denen, die den wahren Priesterberuf haben und denen, die die räudigen Schafe in Gottes Herde sind: „Es sind die unruhigen, verbohrten Köpfe, für die die Glaubenstreue besonders schwer ist, es sind die unlenkbaren Charaktere, die sich nie an den priesterlichen Gehorsam gewöhnen, Temperamente, die sich vielleicht insgeheim auch gegen die priesterliche Keuschheit aufbäumen, Seelen endlich, die niemals oder in höchst unvollkommener Weise den dem Priestertum nötigen religiösen Geist, Geschmack an göttlichen Dingen und Seeleneifer sich aneignen. Beten wir, geliebte Christen, daß unsere Pfarrei immerdar vor solchen falschen Seelenhirten bewahrt bleibe, beten wir, daß der Geist der Frömmigkeit und Gottesfurcht, daß der Geist Marias niemals verdrängt werde durch die irdischen, himmelabgewandten Sorgen einer Martha oder gar eines Judas Ischariot in Priestergestalt. Amen!“

Die Zuhörer atmeten auf in der gelösten Spannung ihrer Gemüter, und sie wußten nicht, sollten sie dem Pfarrer recht geben, der als frommer Gottesmann sicher eine dem Himmel gefällige und im Grunde ja auch sehr interessante Predigt gehalten hatte, oder sollten sie sich auf die Seite des Kaplans schlagen, der doch ein so umgänglicher Mensch war und sie so geschickt zu nehmen verstand? Sie wollten abwarten. Denn wie sie den Kaplan kannten, würde er den Schimpf nicht stillschweigend einstecken.

Das Hochamt war vorbei. Die Kinder konnten es kaum erwarten, bis sie ins Freie kamen. Zwei und zwei traten sie aus ihren niedrigen Bänken, knixten lustig vor der Kommunionbank und gingen den Gang hinunter zwischen den Sitzen der Großen, die Mützen und Hüte an den Mund gedrückt, auf das offene Kirchentor zu, reichten sich kichernd Weihwasser und traten mit einem innerlichen Juchzer über die Schwelle, denn noch zehn, zwanzig Schritt, und sie durften in langen Sätzen die Treppe hinunter auf die Straße stürmen. Aber sie schraken zusammen, und die vordern stockten. Vor ihnen stand plötzlich der Kaplan, der aus der Sakristei um die Kirche herum gekommen war. Er winkte stumm, daß sie vorbei gehen sollten, und erst als die Erwachsenen kamen, stellte er sich ihnen mitten in den Weg und hob die Hände in die Höhe. Verdutzt blieb alles stehen und sammelte sich auf dem Vorplatz. Als die letzten heraus waren, ging Fenn Kaß durch die stummen Reihen hindurch, zog die Kirchentür in die Klinke und trat auf die breite erhöhte Schwelle.

„Meine lieben Freunde!“ hub er an. Die guten Brebacher betrachteten ihn wie eine Erscheinung. Das war ja unerhört. Der hatte ja den Teufel im Leib.

„Meine lieben Freunde! Ich möchte euch nicht nach Hause gehen lassen, ohne ein Mißverständnis zu zerstreuen, das vielleicht nach der heutigen Predigt unseres – eures Herrn Pfarrers bei einigen von euch entstanden sein könnte.“

Emil Masseler räusperte sich, zum Zeichen, daß er ganz bei der Sache sei und bereit, sich zu merken, was der Redner Falsches oder Ungehöriges etwa vorbringen würde. Seine Erbtante schüttelte leise und mißbilligend den Kopf, und die Frauen, die um sie standen, fanden infolgedessen auch, daß Kaplan Kaß im Begriffe war, daneben zu greifen.

„Aus den Worten eures Herrn Pfarrers möchte vielleicht der eine oder der andere von euch schließen, es mißfalle unserm lieben Herrgott, wenn sich ein Priester dazu herbeiläßt, seinen Pfarrkindern mehr von der Wahrheit zu sagen, als sie davon sonst erfahren, und auch in Dingen des Erwerbs mit Rat und Tat ihnen an die Hand zu gehen. Ich halte diese Auffassung für falsch. Ich bin nach wie vor entschlossen, euch die Geheimnisse der Natur aufzuhellen, die ihr verstehen könnt und, soviel an mir liegt, werktätig zu eurem zeitlichen Wohlergehen beizutragen. Derjenige, der euch euren Verstand und eure Kräfte gegeben hat, der will auch, daß ihr sie reget und gebraucht, daß ihr auch mit diesem Talente wuchert und damit das wirkt, wozu es seiner Natur nach bestimmt ist. Nicht die Wahrheit ist verderblich, sondern die Lüge. Und keine Arbeit, die in der natürlichen Ordnung der Dinge liegt, kann dem Schöpfer mißfällig sein. Nur Schwächlinge und Kranke können das Gegenteil behaupten. Wenn ich euch helfe, eure Kräfte nach Möglichkeit anzuspannen und auszunützen, so habe ich bei der Ausführung von Naturgesetzen geholfen, die von Gott geschaffen sind. Am klarsten lernt ihr den Schöpfer erkennen in der Gesetzmäßigkeit, mit der alle Kräfte des Weltalls ineinander wirken. Am aufrichtigsten verehrt man den Meister, in dessen Werk man sich selber als ein Teil des Ganzen fühlt und betätigt. Lernen und arbeiten sind das gottgefälligste Gebet, ihr Lohn und ihr Segen sind von Gott gewollt. Ich könnte noch lange über denselben Gegenstand zu euch reden und euch viele Bibelsprüche anführen, die für mich zeugen, indes euer Mittagsmahl wartet auf euch, und ich will nicht schuld sein, daß eure Suppe überkocht.“

Dieser Schluß, den Fenn Kaß lächelnden Mundes vorbrachte, glättete die Stirnen, die überm Zuhören sich kraus gezogen hatten, und dehnte die Münder zu einem beifälligen und befreiten Lächeln in die Breite.

Fenn Kaß trat von der Schwelle der Kirchentür herunter. Bereitwillig öffnete die Menge ihm eine Gasse, und er schritt weit ausholend zwischen ihren ehrerbietigen und zutunlichen Grüßen hindurch.

Die Leute verliefen sich mit Gesumme, nur der sanfte Emil blieb zurück und wartete auf den Pfarrer, dem er, so gut er es vermochte, den Inhalt der eben gehörten Standrede wiederholte. Pfarrer Brendel machte dazu ein ganz verdonnertes Gesicht und sagte am Schluß mit einem Ausdruck, als sei ihm der Gottseibeiuns erschienen: „Das klingt ja genau wie materialistische Weltanschauung.“

„Ganz genau,“ bestätigte voll innerer Freude und äußerer Betrübnis der sanfte Emil.

„Ich will nicht _ab irato_ handeln,“ sagte Pfarrer Brendel, „aber der Fall ist ernst, sehr ernst. Grüße deine Tante, lieber Emil, und ich ließe guten Appetit wünschen. Vorderhand will ich nichts beschließen, ich muß vor allen Dingen den Herrn Kaplan zur Rede stellen, wie es gemeint war.“

Es kam zu einer scharfen Auseinandersetzung zwischen dem Pfarrer und Fenn Kaß. Aus dem Ton väterlich ernster Zurechtweisung fiel Herr Brendel sehr bald in eine nervöse Unsicherheit, denn sein Kaplan setzte ihm mit überlegenen Worten zu, und er freute sich wirklich, daß er zu der Unterredung nicht, wie es zuerst seine Absicht gewesen war, mehrere zuverlässige Älteste der Gemeinde zugezogen hatte, damit sie Zeugen wären, wie der vorlaute junge Herr klein beigeben würde.

„Und schließlich, Herr Pfarrer, ich tue meine Pflicht, wie ich sie verstehe und wie manche im Lande sie gleich mir tun möchten. Sollte das mich nicht davor schützen, daß Sie mich öffentlich vor der versammelten Gemeinde in den schmählichsten Verdacht bringen, so muß ich alle Mittel anwenden, die mir gegen solche Verunglimpfung zu Gebote stehen.“

„Tun Sie, was Ihnen beliebt,“ sagte Pfarrer Brendel. Und er ließ von Stund an seinen Kaplan ausspionieren, ob er etwa Anstalten träfe, sich bei seinen geistlichen Vorgesetzten zu beschweren. Sein Plan für diesen Fall war fertig.

Fenn ließ es dabei bewenden. Wenn er die Sache vor das Bistum brachte, war es so gut wie sicher, daß er samt seinem Pfarrer versetzt wurde, und dann würden für ihn anderswo möglicherweise dieselben Schwierigkeiten des Einlebens sich wiederholen. Er wollte die Geschichte einschlafen lassen und im übrigen die Wege weitergehen, die er eingeschlagen hatte.

* * * * *

Mutter Kaß war an dem Sonntag, wo der eben erzählte Zwischenfall sich ereignet hatte, nicht in der Kirche gewesen. Aber Marjänni hatte alles mit angehört und der alten Frau am selben Nachmittag noch vor der Vesper in der Küche, während Fenn in seiner Studierstube saß, haarklein und dramatisch mit groß aufgerissenen Augen und leidenschaftlich geflüsterten Sätzen alles erzählt.

„Man muß ihn gewähren lassen,“ hatte Frau Kaß ruhig versetzt, als die junge Frau fertig war und hatte sie auf später zu einer Tasse Kaffee geladen. Marjänni war geschmeichelt gewesen. Schon hieß es im Dorfe, mit dem Kaplanshause ließen sich schlechterdings keine Beziehungen anknüpfen, sowohl die Mutter Kaß wie der alte Wöllem seien unzugänglich und gleich festverriegelten Türen. Frau Lampert wußte also die Ehre zu schätzen, und sie kam in die Küche zu den beiden Alten bald häufig zu Gast, ohne daß die meiste Zeit Fenn darum wußte. Er wunderte sich nur, wie seine Mutter jetzt so genau in der kleinen Dorfchronik Bescheid wußte und ihm oft aus verborgenen Geschehnissen heraus Dinge erklären konnte, auf die er sonst sich keinen Vers zu machen wußte. Allmählich bekam er einen Einblick in das verworrene Gespinst der ärmlichsten und kleinlichsten Dorfintrigen, bei denen in der Regel unbefriedigte Weiblichkeit die unausrottbare Triebkraft abgibt: Weiber, die ihren Tatendrang und ihre abgestandene Liebesbedürftigkeit durch das Sicherheitsventil eines so orgiastisch wie systematisch betriebenen Klatsches ausströmen lassen, und Männer, die ihnen dabei helfen. An der Zurückhaltung der einen, den Verlegenheiten der andern und der klebrigen Unterwürfigkeit dritter merkte Fenn Kaß bald, daß er den passiven Mittelpunkt mancher Klatschgewebe abgeben mußte, und er lachte darüber und zuckte die Achseln, wie ein Gulliver, den die Liliputaner in einen Käfig mit Zwirnfadengittern einsperren möchten.