Chapter 7 of 11 · 5637 words · ~28 min read

Erstes Kapitel

Um die Menschen ist es manchmal wie um Schachfiguren. Ein Spiel ist vorbei, und das Leben stellt die Figuren zu einem neuen Spiele auf. Jahrelang ist es vielleicht, als erlebten sie Großes, aber ihre Schicksale waren nur Schein, Ereignisse ohne Beziehungen, und darum ohne Bedeutung, Erlebnisse ohne Ausstrahlung, Schicksale ohne Widerhall an andern Menschenschicksalen. Dann eines Tages beginnt das neue Spiel, und die Fäden neuer Glücks- und Unglücksgewebe spinnen sich zwischen den Menschen.

Was seit den letzten Jahren mit den Menschen vorgegangen ist, die uns in dieser Erzählung nähergetreten sind, war die Aufstellung zu einem neuen Spiel auf dem Schachbrett des Lebens.

Fenn Kaß und Putty Heinen hatten ihre drei Jahre im Seminar in der unheimlichen Ruhe verbracht, in der geistliche Seminaristen diese dunkle Durchgangszeit vom Triebleben der Jugend zum pflichtbeherrschten Berufsdasein zu verbringen scheinen – denn nach außen wird von den Kämpfen, deren Zeuginnen die Zellenwände jener Anstalt sind, nichts laut.

Fritz Lampert hatte in Brebach die Mühle seines Onkels übernommen, nachdem ein ungebärdiges Pferd dem alten Hagestolz, der es eigensinnig zähmen wollte, den Schädel eingetreten hatte. In dem neuen Lampertshaus in Brebach aber, das sich über den Trümmern des alten aufzubauen versuchte, waltete als Hausfrau die frühere Lehrerin „Brauns Marjänni“.

Es war keine erfreuliche Sache, wieso das gekommen war. Schon als Lehramtskandidatin und dann als angehende Lehrerin in Brebach, wo Fritz durch seinen Einfluß ihr die Stelle hatte verschaffen helfen, war Marjänni im Hause des Jugendgespielen häufig zu Gaste gewesen. Erst besuchte sie Fritz in Begleitung einer Verwandten, dann geschah es immer öfter, daß sie in Brebach spät abends weit um die Gärten herumschlich und bei Fritz zur Ucht ging, oder daß er auf ein Stündchen in ihre Stube im ersten Stock der Mädchenschule kam. Dann spielten sie „Mühlchen“ oder Sechsundsechzig, tranken einen mit Nußschalen angesetzten süßen Schnaps und redeten von den Tagen ihrer Kindheit. Sie hatten einander nicht eigentlich lieb. Es war die süße Angewöhnung, die sie einander in die Arme führte. Marjänni machte gerade die leidige Prüfungszeit der jungen Lehrerinnen durch, in der die armen Dinger zwischen Pfarrer und Bürgermeister, diesem und jenem einflußreichen Bauern und seiner Bäuerin, der Pfarrersköchin und sonst einer gottesfürchtigen Seele nicht mehr wissen, wie der rechte Pfad geht und ganze Abende voll Herzeleid verlassen daheim sitzen. Da war Fritz Lampert derjenige gewesen, der in solchen Augenblicken der Hilflosen Stärke und Stütze vortäuschte, und sie war ihm in Erlösungsfreude und Vergeltungsbedürfnis anheimgefallen. Acht Tage lang hatten sie sich gemieden nach jener Nacht. Dann trieben ihn die hungrigen Sinne wieder ihr zu. In ihr aber hatte der Ordnungssinn und Haushaltungstrieb der Frau, die in ihrem Leben wie in ihrem Wäscheschrank Ordnung halten will, wieder die Oberhand gewonnen, und sie hatte Fritz mit Fasten und Milde dahin gebracht, daß er ihrem Verhältnis rechtzeitig die standesamtliche Sanktion gab. Und so war sie zu Ostern in der Lampertsmühle die schöne Müllerin geworden, und schon um Mariä Himmelfahrt war der Hochzeit die Taufe gefolgt.

Ungefähr um dieselbe Zeit, da in Brebach der kleine Stammhalter des Hauses Lampert über die Taufe gehoben wurde, zog der Jugendfreund seiner Mutter, Fenn Kaß, als wohlbestallter Kaplan mit seiner Mutter und dem alten Wöllem ins Dorf und wurde von Feuerwehr und Gesangverein, von männlicher und weiblicher Jugend festlich empfangen und nach Gebühr und Überlieferung geehrt.

Sein Pfarrer, Herr Brendel, hatte die dünnen, geschlossenen Lippen in die Breite gezogen und ihm eine magere, blutleere Hand mit schwarzgeränderten Fingernägeln zum Gruße gereicht. Er hatte dabei die Hoffnung ausgesprochen, daß sie in segensreichem Wirken mit Gottes Hilfe einander in die Hände arbeiten würden. Pfarrer Brendel, der auf die hübsche Lehrerin nie gut zu sprechen gewesen war, hatte es sich nicht verkneifen können, einige Zeit nach Fenns Installation die Geburt des jungen Lampert in einer Predigt zu feiern, die mit feinen und groben Anspielungen auf den Fall gespickt war. Am selben Sonntag Abend hatte er seinen neuen Kaplan zu Tisch, und es entspann sich zwischen beiden folgendes Gespräch, bei welchem Fräulein Brendel, gierig aufhorchend, mit den Händen den Nickelaufsatz des kalten Stubenofens streichelnd, daneben stand, bis es heikel wurde und der Herr Bruder sie hinauswinkte. Den Rest hörte sie dann durch das Schlüsselloch.

„Ich habe diesem Frauenzimmer überhaupt nie über den Weg getraut!“ sagte Pfarrer Brendel mit zusammengekniffenen Brauen.

„Warum?“ fragte Fenn kurz und abweisend.

„Sie sah schon danach aus. Eine Lehrerin zieht sich doch so nicht an.“

Fräulein Brendel räusperte sich zum Zeichen ihres Einverständnisses.

„Mir ist nie aufgefallen, daß Fräulein Braun sich extravagant angezogen hätte,“ sagte Fenn Kaß.

„Nun ja, nicht gerade extravagant. Aber es gibt im Äußern der Frau denn doch gewisse – wie soll ich sagen? – Besonderheiten, gewisse Linien, deren Betonung auf eine eitle und leichtfertige, vielleicht gar unkeusche Sinnesart deutet.“

„Ich verstehe nicht, was Sie meinen.“

„Nun, ich will mich aus Schicklichkeitsgründen nicht deutlicher ausdrücken!“ Und Pfarrer Brendel schnaufte vor nachträglicher Entrüstung.

„Ich habe mich nie auf dergleichen verlegt.“

„Sie weichen mir aus.“

„Das tue ich manchmal, wenn ich merke, daß anders das Gespräch auf keinen grünen Zweig kommt.“

Pfarrer Brendel dachte eine Weile darüber nach, ob sein Kaplan ihm mit diesen Worten wohl eine Zurechtweisung habe erteilen wollen. Aber im Bewußtsein seines guten Rechts setzte er sich darüber hinweg und suchte zuvörderst, das angeschnittene Gesprächsthema in seinem Sinne zu erschöpfen. „Und dann: Die Sache mit Fräulein Braun und diesem hergelaufenen Lampert sah ich lange kommen.“

„Wieso?“ klang in feindseliger Zurückhaltung die Frage des Kaplans.

Pfarrer Brendel winkte seine Schwester hinaus und fuhr fort: „Herr Kaplan, Sie sind erst seit ein paar Wochen im Dorf. Sie scheinen nicht zu wissen, was vorher die Spatzen von den Dächern pfiffen.“

„Was denn?“

„Daß unser tugendhaftes Fräulein Lehrerin Abend für Abend ihren Freund Lampert besuchte und stundenlang mutterseelenallein bei ihm zubrachte.“

„Das ist nicht wahr.“

„Wieso, Herr Kaplan, das ist nicht wahr?“

„Das glaube ich nicht.“

„Ob Sie es glauben oder nicht, es ist so.“

„Ich kenne Fräulein Braun von Kindheit auf, ich halte sie nicht für fähig ...“

„Lernen Sie die Menschen kennen, Herr Kaplan. Frau, sage mir, wie du dich anziehst, und ich sage dir, wer du bist.“

„Na ja, das ist ja auch eine Psychologie,“ sagte Fenn obenhin. Er hatte wirklich keine Lust, mit dem verbauerten Menschen sich auf einen längern Wortstreit über einen so explosionsgefährlichen Gegenstand einzulassen. Die Gerüchte über das Verhältnis Marjännis zu Fritz waren früher tatsächlich nicht bis zu Fenn gedrungen. Um so brutaler hatte sich ihm jetzt die Wahrheit enthüllt. Auf dem Nachhauseweg suchte er sich über seine Betroffenheit klar zu werden. Es war ein milder Herbstabend. Fenn ging vom Pfarrhaus die Straße bergauf, an den letzten Häusern vorbei, durch einen mit niedrigem Gebüsch eingefaßten Hohlweg bis zur Höhe, wo der Wald anfängt und man die Nähe und Ferne mit dem weitgeschlängelten Fluß, dem in großen Schlingen ausbiegenden Tal, dem Dorf und seinen Äckern und Wiesen beherrscht. Hier hinauf war er gleich am ersten Tag nach seinem Einzug in Brebach gestiegen, seinem innersten Bedürfnis nach Klarheit und nach Überblick über die Dinge folgend. Er kannte aus seinem Seminarleben die Wohltaten der „Retraite“, der tagelangen, gewollten Einsamkeit, in der sich alles Vergängliche wie ein Niederschlag auf den Boden der Seele senkt und diese mit ihrem Wesen geklärt und still darüber steht. Fenn Kaß stand da, in allen Weiten der einzig wache Mensch. Die Nacht mit ihren leisen Geräuschen, eine Frucht, die leise in die Stoppeln fiel, ein kurzer Lufthauch, der auf eine Sekunde das Rauschen des Flusses herübertrug – die Nacht war um ihn, wie ein dunkler, stiller Weiher, der sich mit unsichtbaren Ufern um einen breitet und auf dessen Spiegel ab und zu eine Blase mit geheimnisvollem Klang zerspringt. Dann wuchs aus der Stille das Grollen eines nahenden Schnellzuges, der bald weit unten vorbeiglitt. Feuerschein hauchte die dem Schlot entqualmenden Wolken an, die Wagenreihe glimmerte mit ihren hellen Scheiben durch die Landschaft, wie nachts auf einer schwarzen Wand ein Phosphorstrich.

Jetzt war es wieder totenstill. Fenns Augen gewöhnten sich langsam an das Dunkel. Er lehnte an dem Stamm eines hoch ausgeästeten Kirschbaums, von dem er mit dem Blick den ganzen Umkreis des Horizonts umfaßte. Das Band des Flusses leuchtete matt vom Widerschein des Nachthimmels, die steigende Masse der Ferne mit den dunklern Flecken der Wälder lastete schwer wie in unsichtbare Unendlichkeiten hinaus, die hellen Häuser des Dorfes unten in der Talsenkung drängten sich aneinander, wie schlafende Tiere im Pferch.

Fenn Kaß dachte mit wehem Zorn an die Freundin seiner Kindheit und Jugend. Auf dem Grunde seiner Gedanken stand schmerzhaft, mit den Augen eines wunden Tieres, die Frage: Warum hat sie mir das getan? Bis sich die Antwort durchrang, erst zag, dann herrisch: daß er zu solch einer Frage kein Recht hatte. Was war jenes Weib denn ihm schuldig, ihm, der dem Weibe entsagt hatte? Wieder einmal, wie damals bei dem Schimpf der betrunkenen Burschen, dämmerte diesem Leidenschaftslosen auf, was seine Entsagung letzten Endes bedeutete. Solange die Frau, die allein er unbewußt zu seinem Leben je in Beziehung gebracht hatte, gleichsam geschlechtslos, ein Wesen an und für sich, in seinem innern Gesichtskreis stand, solange die Besitzfrage nicht gestellt war, solange hatte in ihm auch der Besitzerinstinkt geschlummert. Nun war er brutal vor die Tatsache gestellt, daß diese Frau ihre Weibheit, das Besondere, an das er nie mit wachen Sinnen gedacht hatte, an einen anderen weggeworfen hatte, weil sie bei diesem zu finden wußte, was ihr Freund ihr nicht geben durfte. Das war die Stunde, in der Fenn Kaß die Zähne zusammenbiß, heißen Herzens und grimmigen Gemüts erst das Opfer brachte, das er längst schon gebracht zu haben wähnte.

Aber er brachte es, er wurde mit sich fertig. Wie einen unbändigen Falken schmiedete er seinen Willen fest an den Gedanken, daß alle, die drunten in den dämmerhellen Häusern schliefen, ein Recht hatten auf seine Liebe, daß er ihnen Gutes tun mußte, und daß er sie mit Liebe zu sich zwingen wollte. Er wanderte ziellos querfeldein, die ganze Nacht, und als der Morgen kam, weitete sich seine Seele zumal mit der Welt, die um ihn war. Eine Flur nach der andern, ein Hügel um den andern, drang das Land leise und unwiderstehlich ringsum aus dem Dunkel, wurde scharf und klar, und so hellte sich in Fenn Kaß die dunkle Welt seines Wollens auf, bis seine Zukunft in kühnen, deutlichen Umrissen vor ihm stand.

* * * * *

Mutter Kaß und der alte Wöllem waren um ihren Herrn Kaplan sehr in Sorge gewesen und freuten sich, die eine mit lautem Gruß, der andere mit zufriedenem Grunzen, seiner Heimkehr. Frau Kaß saß in der Küche am Herd und drehte energisch die Kurbel der Kaffeemühle, die sie zwischen den blaubeschürzten Knien hielt, Wöllem ging zwischen Küche und Schuppen wackelbeinig hin und her und schaffte Reisig für das Morgenfeuer.

„Denkst du daran,“ fragte Frau Kaß, „daß du heute abend den Burschen zum Besten geben wolltest?“

Fenn hatte bei seiner Installation in Brebach von der männlichen Dorfjugend ein grasgrünes Plüschsofa geschenkt bekommen und wollte heute abend dafür ein Fäßchen Bier auflegen. Er sah nach den Zigarren, fragte, ob die Mutter für die nötigen Schinkenbrote gesorgt und ob Wöllem die erforderlichen Vorkehrungen für einen ungestörten Zapfbetrieb getroffen habe. – Alles war bereit, sie konnten kommen.

Und sie kamen. Sie wußten, was sich schickte, denn sie rieben klirrend alle, Mann für Mann, umständlich ihre genagelten Sohlen an dem Kratzeisen ab, fuhren sich beim Hutabziehen gleich mit der Hand, die die Krempe hielt, glättend über den Scheitel bis in den Nacken, und jeder war bestrebt, sobald er dem Herrn Kaplan die Hand gedrückt hatte, durch die Reihe der Kameraden hindurch rücklings mit tastenden Ellenbogen in den Hintergrund unterzutauchen.

Es waren Menschen von ungeschlachter Kraft, die zuerst in der beständigen Angst lebten, sie könnten in der Stube des Herrn Kaplans irgend etwas versehentlich umschmeißen oder Löcher in den Fußboden treten. Erst allmählich wurden sie sicherer, da sie merkten, daß Frau Kaß und ihr Sohn sie gar nicht mißtrauisch beobachteten, wie sie es wohl von ihrem Pfarrer und seiner Köchin gewöhnt waren. Der alte Wöllem gar, der so vergnügt herumhumpelte und ungestraft nach seinem sauern Rolltabak duftete, flößte ihnen vollends Zutrauen ein, und sie wurden bald zutunlich. Der Herr Kaplan war ja auch gar nicht so unnahbar würdevoll, so lateinisch, wie die andern geistlichen Herren, die sie kannten. Erstens war er gerade so ein starkknochiger Enakssohn wie sie selber. Zwar seine Hände waren nicht schwielig und erdfarben, wie ihre, aber er wußte sie zu gebrauchen. Das hatten sie gesehen, als Wöllem das Bierfäßchen hereingerollt und Fenn Kaß es freihändig auf den Tisch gehoben hatte, wo es jetzt zwischen zwei Holzscheiten festgeklemmt lag. Und als der Herr Kaplan den Hahn ins Faß schlug, dachten alle, was er für einen geschickten Hammerschwung hatte und wie er sich so ganz sachgemäß und gar nicht linkisch dabei anließ. Und dann: Alles gefiel ihnen an dem neuen: daß er so kameradschaftlich mit ihnen anstieß, daß beim Lachen seine kräftigen Zähne blitzten, daß er bei der gemütlichen Unterhaltung weltlich ungezwungene Redensarten gebrauchte, daß seine Mutter ihn nicht „Ihr“ und „Herr“, sondern du und Fenn nannte. Und es war trotzdem – das fühlten sie, wenn auch ohne Scheu, so doch deutlich heraus – es war doch eine Kluft zwischen ihm und ihnen. Nicht nur seine Gelehrsamkeit: sein ganzes Wesen, die Reife und Sicherheit, die in ihm waren, die ruhige Überlegenheit, der sie sich gern beugten. Sie mißbilligten es denn auch, als ihr Hauptspaßmacher, der Schmiede-Anton, mit dem Herrn Kaplan gleich vertraulicher tat, als er es ihrem Empfinden nach gedurft hätte.

Aber Fenn nahm nichts krumm und ging gemütlich auf die Scherze ein. „Man merkt, daß Sie Schmied sind. Drei meiner Onkel waren Schmiede, und sie machten alle drei gern ein Späßchen.“

„Ja, Herr Kaplan, wenn man so bei der Esse steht und den Blasebalg zieht, dann fällt einem allerlei ein.“

Und Fenn Kaß erzählte, wie es ihm immer einen Mordsspaß gemacht hatte, den Blasebalg zu ziehen, wie stolz er gewesen war, als er es schon mit einer Hand zuwege brachte, gerade wie der Onkel und seine Gesellen. Wie immer in der Schmiede sich die Burschen zusammenfanden, ein Eisen in der Esse anglühten, um ihre Pfeife damit in Brand zu setzen und wie sie dann ein halbes Stündchen blieben und Scherze machten und Geschichten erzählten, daß bei ihrem Lachen die Nachbarschaft aufhorchte.

* * * * *

Allmählich wurde die Gesellschaft warm, und Fenn Kaß sah sich einen nach dem andern an und horchte auf den Widerhall ihres Innern. Das waren ja jetzt seine Kameraden sozusagen, die Gesellen, mit denen zusammen er allerlei Lebendiges im Dorfe wirken wollte. Und er wollte sie kennen, um sicher zu sein, wessen er sich von jedem zu versehen hatte. Da waren zunächst die drei Brüder Kamp, der Johann, der Thedi und der Viktor, blonde, rotbäckige Burschen mit lustigen, blauen Augen, gutmütig, gescheit und zu jeder Arbeit anstellig. Das hatte er bald weg. Wenn von Maschinen die Rede ging, standen die drei gleich im Mittelpunkt des Gesprächs und alle andern bezogen sich auf sie, als auf die offiziösen Dorfsachverständigen. Sie lachten bei jedem Wort, das sie sagten, nicht als ob ein besonders lustiger Anlaß vorläge, sondern aus innerm Bedürfnis, aus Freude am Dasein, weil bei ihnen die Heiterkeit jede Lebensäußerung begleitete, wie das Geräusch die Bewegung. Dann waren noch zwei Brüder Masseler, der Emil und der Nikolas oder „Neckel“. Emil war von einer bäuerlich zimperlichen Erbtante in den Manieren eines sanften Knaben erzogen und hatte in einem Jesuitenpensionat des Auslandes, durch das nach alter Überlieferung alle bessern Bauernsöhne des Landes hindurchgehen mußten, eine Erziehung genossen, die ihn für alle Zeit außerhalb der andern stellte. Er war von allen der einzige, der glatt rasiert ging. Er spitzte sehr oft den Mund, wie zum Küssen, zum Zeichen, daß er reden wollte, aber er redete selten und wenig, das Mundspitzen ging dann in ein mild ironisches Lächeln über, bei dem sich jeder denken konnte: Aha, er weiß es besser, der Emil, er ist nur zu diskret. So hatte sich Masseler der Ältere, mit dem vornehmen Namen Emil, zur Freude seiner Erbtante in den Ruf eines klugen und sanften Jünglings gebracht, im Gegensatz zu seinem Bruder Neckel, der zwar auch nicht viel, aber deftig sprach und sein bißchen gesunden Bauernverstand in robusten Redensarten ausmünzte. Eben noch ging über ihn die Geschichte um von der Antwort, die er dem Herrn Pfarrer gegeben hatte, als ihm der zumutete, einen Knecht zu entlassen, der nicht in die Kirche ging. „Na ja!“ hatte Neckel gemeint, „Da’ se’t den: ‚Laaft mer de Bockel eran,‘ an dann hun ech en Dreck, Här Paschto’uer.“

Der Längsten und Stillsten einer unter der ganzen Schar war „der Ruß“. Eine Hüne mit einem Kalmückenschädel, der in der ganzen Gegend als unverbesserlicher Wild- und Fischdieb bekannt und dem trotzdem nichts anzuhaben war. Dutzende Male hatten ihn die Gendarmen auslauern wollen, und er hatte ihnen jedesmal eine Nase gedreht. Niemand wußte, in welchem hohlen Baum jeweils sein rostiges Schießeisen versteckt war, aber so viel war sicher, daß der Ruß in der Nähe desselben hohlen Baumes gerade einen Wildwechsel ausgespürt hatte. Die Fische im Fluß kannte er mit Namen, er fing sie, bis unter die Arme und oft bis über den Kopf im Wasser, mit den Händen, füllte sie beim Gurt in die weiten Hosenbeine, die unten in den Strümpfen staken, und ließ sie, wenn ihn die Gendarmen überrumpelten, gemächlich nach unten wieder herauszappeln. Mit dem Ausdruck der beleidigten Unschuld erklärte er dann, er habe doch nur „Ried gerupft“, um seine Fässer zu kalfaktern, und hatten die Gendarmen den Rücken gedreht, so suchte er sich unter dem Uferrain und aus den Schilfbüscheln seine entronnene Beute wieder zusammen.

In einem gewissen drolligen Gegensatz zu all diesem schwergliedrigen Menschtum stand der „Fritt“. Der Fritt war ein kleiner beweglicher Kerl, an dem alles Nerv und Neugier war. Sowie eine Erscheinung in den Umkreis seiner Wahrnehmungen trat, nahm er sie an, wie ein Hund das Wild, und seine hohe, verschleierte Stimme kläffte in unablässigen Fragen nach dem Wie, Warum, Woher und Wohin der Dinge. Er hielt mit seinem Scharfsinn die Andern, Stärkern in Schach, und es wagte sich nicht leicht einer an ihn. „Er beißt,“ sagten sie von ihm, und tatsächlich hatte er einmal bei einer Rauferei sich in die Wade eines Gegners festgebissen. „Na ja,“ krähte er heiser, als einer auf diese Art der Verteidigung anspielte, „jeder hilft sich, wie er kann. Meinen Sie nicht auch Herr Kaplan?“ Und der Fritt gab sich nicht zufrieden, bis er die Meinung des Herrn Kaplan über den Fall ergründet hatte.

Wer da glaubt, daß sich auf dem Dorf die persönlichen Besonderheiten im Einerlei des Werktags verwischen, begeht einen schweren Irrtum. Nirgends sind die Typen so scharf und eckig herausgearbeitet, nur daß sie sich oberflächlicher Wahrnehmung nicht offenbaren. Fast jeder ist dort ein abgeschlossenes Original mit fester anerkannter Eigenart, und die Leichtgebackenen sondern sich bald heraus und gelten nicht für voll. Die Zuchtwahl hat sie längst aus den Reihen der eigentlich Besitzenden verbannt, sie wohnen in den Taglöhnerhütten, wo die letzten Häuser stehen, aber auch sie werden in der eigenartigen Umwelt jeder zu einem menschlichen Sonderfall. Je nach der Blutmischung geht ihr Geschlecht zugrunde oder arbeitet sich langsam, durch zwei, drei Generationen – langsamer als in den Kreisen, wo der Besitz leichtflüssiger ist – bis in die Front der Vollgültigen hinauf. Auch von dieser Menschensorte waren bei Fenn Kaß an jenem Abend mehrere zu Gast: der Jänni, ein gutmütiger Landstreicher, von dem die Sage ging, er übe manchmal das Sattlerhandwerk aus und dem „die Rede nicht wich“. Man verstand nicht alles, was er sagte, aber meist kugelten sich Jännis Kameraden – wenn bei ihm von Kameraden die Rede sein konnte – über das wenige, was sie verstanden, weil es entweder blödsinnig dumm oder verblüffend gescheit war. Ein anderer „Leichtgebackener“ war da, dessen Vater es schon zu nichts gebracht hatte, und von dem es wahrscheinlich war, daß sich unter ihm die Geschicke seines Hauses auch nicht zum Bessern wenden würden. Sein Vorname war eine onomatopoetische Anpassung des nicht ganz seltenen „Nikelas“ an die träge, nachgiebige und langstielige Behäbigkeit des Mannes: er hieß nämlich „Niegela“. Alles, wozu er angestellt wurde, besorgte er mit einer stumpfsinnigen Gewissenhaftigkeit, aber es dauerte unheimlich lang. Niegela war eigentlich nur dazu da, daß man sich über ihn lustig machte. Es hatte nicht den Anschein, als ob ihm irgend etwas zustoßen könnte, worüber man nicht lachen würde. Niegela war einmal auf dem Grund eines neuen Brunnens verschüttet und mit knapper Not, mehr tot als lebendig, heraufgeschafft worden. Als er wieder zu sich gekommen war, hatte er den Umstehenden eine Grimasse geschnitten, weil er es für seine Pflicht gehalten hatte, zu verhindern, daß sich die Leute um ihn noch weiter Sorge machten. Heute abend betrank er sich sinnlos, nicht weil es ihm, sondern weil es den andern Vergnügen machte, wenn sie ihn mit seinen langen Beinen über die Straße torkeln sahen.

Alle mit Namen nennen, die an jenem Abend dem Herrn Kaplan die Ehre schenkten, wäre nicht möglich. Es war auch viel menschliches Mittelgut da, wackeres Bauernblut, mit kräftigen Kinnladen, hellen Augen und ungeschlachten Fäusten, denen alles, was nicht Stall und Scheune und Acker war, wie bloßer Zeitvertreib ohne irgendwelche Wichtigkeit vorkam. Ihr Ehrgeiz reicht nicht über die Nasen ihrer Gäule und die Grenzen ihrer Gemarkung, und ihre Seelen sind wie Söldner, die der lautesten Werbetrommel folgen.

* * * * *

Dergestalt war die Gesellschaft, die Fenn Kaß zu einem Glas Bier, einem Schinkenbrot und einer Zigarre um sich versammelt hatte. Es dauerte nicht lang, so war er mit den drei Kamps Burschen in einem angeregten Gespräch über die geplante Feldbereinigung. Alles ginge am Schnürchen, sagten sie, nur Emil Masseler und seine Erbtante wären störrisch. Der sanfte Emil spitzte den Mund und lächelte, zuckte langsam die Achseln und meinte zuletzt, es sei ja alles gut, wie es sei. Da mischte sich der Fritt ins Gespräch und steckte dem hochmütigen Großbauernsohn energisch Bescheid. Ob er denn glaube, das Dorf werde sich durch seinen Starrkopf im Fortschritt hindern lassen.

„Fortschritt?“ sagte Emil Masseler mit lächelnder Skepsis.

„Jawohl, Fortschritt!“ begehrte das Frittchen auf. Und erklärte heiser krähend, mit vielen hochdeutschen Ausdrücken, das Wesen und den Vorteil der Feldbereinigung im Interesse der rationellen Ackerwirtschaft.

„Was meinen Sie dazu, Herr Kaplan?“ schloß er seine Ausführungen.

„Ich wollte, ich hätte dem Emil sein Geld und er wüßte mein Französisch,“ lallte der Jänni, und ein wieherndes Gelächter machte dem sachlichen Redefluß des Kleinen ein Ende. Aber das Frittchen gab noch nicht klein bei. Es verzieh dem Glattrasierten nicht sein Hohnlächeln über den Fortschritt und begann, trotz dem Herrn Kaplan, auf Emil wegen dessen Reise nach Lourdes zu sticheln. Denn Masseler der Ältere war in Lourdes gewesen.

„Und wenn du zehnmal hingehst,“ krähte der Fritt giftig, „deinen Dickschädel kann dir die Muttergottes doch nicht wegkurieren!“

Emil schaute auf den geistlichen Herrn, von dem jetzt sicher ein scharfer Verweis gegen den respektlosen Fritt ergehen würde.

Indes, Fenn Kaß tat nichts dergleichen. „Kommt Kinder, wir wollen uns wieder vertragen,“ sagte er beschwichtigend. Emil war schmerzlich erstaunt und nahm sich vor, der Erbtante über den uneifrigen Herrn Kaplan klaren Wein einzuschenken, damit auf diesem Umweg der Herr Pfarrer erfahren sollte, wie sein Untergebener die Muttergottes und ihren treuen Verehrer Emil Masseler ungerochen verunglimpfen ließ.

Von der Feldbereinigung glitt das Gespräch auf andere Gegenstände über, die auch die Allgemeinheit betrafen. Fenn stellte seinen Zuhörern, die ihn nur teilweise verstanden, eindringlich vor, wie sie sich hier draußen unverzeihlich das Leben schwer machten. An tausend Ecken und Enden könnten sie sich die Arbeit erleichtern und Zeit behalten für andere Beschäftigung, die sie vorwärts brachte. Warum, zum Beispiel, verhielten sie sich gegen Ackerbaumaschinen noch so ablehnend? Warum hatten sie keine Wasserleitung und mußten eine Menge Zeit damit verlieren, daß sie ihr Vieh zur Schwemme trieben, oder aus dem Brunnen Wasser herzutrugen? Warum hatten sie kein elektrisches Licht und hantierten jahraus jahrein mit ihren feuergefährlichen, trüben Ölfunseln in Stall und Scheune?

„Elektrisches Licht!“ sagte wieder mit seinem ironischen Lächeln Emil Masseler.

„Warum nicht?“ fragte der Kaplan dawider. Sie hatten in der Nähe des Dorfes die schönste Wasserkraft. Oder gar im Dorfe selbst, die Majerusmühle.

„Der Lampert läuft uns nach mit seiner Mühle,“ sagte Emil Masseler.

Fenn meinte, was einer auf solcher Mühle heutzutage noch verdiente, das könnte ihm die Gemeinde gern für die Wasserkraft ersetzen. Und der Lampert hätte sicher nichts dagegen, wenn ihm seine weiße Kohle allein, ohne Arbeit und Kopfzerbrechen, so viel eintrüge, wie sie es heute mitsamt der Mühle tat. Er machte seinen Zuhörern von ungefähr die Rechnung auf. Alle schenkten ihm nachdenkliche Aufmerksamkeit. Nur der sanfte Emil äußerte: „Ja, wenn das ginge!“

„Es ginge schon, wenn alle wollten,“ sagte Fenn. Die drei Kamps ereiferten sich für den Plan. Man würde natürlich das alte Rad durch eine Turbine ersetzen.

„Und man könnte durch eine kleine Umleitung des Bachs das fünffache Gefälle herausbekommen,“ warf der Kaplan ein. Es war ja so einfach. Da ging eine Schlucht, der sogenannte Höhlenweg, sichelförmig um das Dorf. Fast niemand benutzte ihn, weil er vor Schmutz die meiste Zeit unwegsam war. Der Niveauunterschied vom Einfluß des Baches ins Dorf bis zur Mühle, nahe am untern Ende der Schlucht, war ziemlich beträchtlich und bildete ein Gefälle, das jetzt unausgenützt blieb. Wurde der Bach in den Höhlenweg geleitet, was oben mit einem kurzen Durchstich leicht und billig zu machen war, so hatte man einen natürlichen Mühlendeich, eine fertige Talsperre im kleinen, die Kraft für eine elektrische Anlage reichlich hergab. Niemand wurde geschädigt, Erdmassen waren kaum zu bewegen, die Kosten konnten ein paar Tausende nicht überschreiten. Es war so einfach, daß man sich wundern mußte, wie noch niemand auf die Idee gekommen war. Die drei Kamps und der Fritt waren gleich Feuer und Flamme für den Plan. Emil Masseler verhielt sich ablehnend. Die Sache gefiel ihm schon deshalb nicht, weil sie ihm keine Handhabe bot, auf seine Scholle pochend ein Machtwort dagegen zu sprechen. Denn der Höhlenweg war Gemeindebesitz, und außer Lampert war eigentlich niemand da, dessen Grund und Boden in Mitleidenschaft gezogen wurde.

„Laßt euch die Sache durch den Kopf gehen,“ redete Fenn seinen Gästen zu. „Es wäre eine Sünd’ und eine Schand’, wenn es ginge und wir wollten’s nicht schaffen. Wir betrögen uns selbst um eine der schönsten Kulturwohltaten“ – er sagte wahrhaftig „Kulturwohltaten“, und den jungen Brebachern weitete sich dabei die Brust – „und dazu haben wir als Menschen doch schließlich unsern Verstand, daß wir ihn gebrauchen, um uns Gottes Erde immer schöner und wohnlicher einzurichten.“

Da kam von der Tür her eine schmalzig salbungsvolle Stimme, die sagte: „Gott hat dem Menschen seine unsterbliche Seele gegeben und seinen Verstand, auf daß er damit sein Heil wirke und seinem Schöpfer immer wohlgefälliger werde. Das dürfen Sie nicht vergessen, Herr Kaplan.“

Alle Köpfe reckten sich nach der Tür, in deren Rahmen Herr Pfarrer Brendel stand und mit zwei ausgestreckten Fingern die Gebärde des Segnens skizzierte, mit der er durch die Reihen der knienden Dorfkinder zu schreiten pflegte. „Übrigens, gelobt sei Jesus Christus,“ fügte er hinzu, und Emil Masseler sekundierte: „In Ewigkeit Amen.“

Pfarrer Brendel sah auf die Uhr. „O, so spät schon,“ tat er erstaunt. „Ich komme von einer Kranken gerade hier vorüber und wollte eben nur auf eine Sekunde hereinsehen.“

„Ich hatte Sie eingeladen, Herr Pfarrer,“ sagte Fenn.

„Ich weiß, ich weiß, aber ich wollte nicht indiskret sein. Jung zu jung gesellt sich gern. Ich gehe schon wieder. Gelobt sei Jesus Christus.“

„In Ewigkeit Amen. Ich wollte auch gerade gehen, Herr Pastor. Wenn Sie erlauben –“

„Aber nein doch, Masseler, bleiben Sie, ich will dem Herrn Kaplan seine Gäste nicht entführen.“

„O, es bleiben ja noch genug. Sie entschuldigen mich, Herr Kaplan, aber ich habe meiner Tante versprochen –“

„Bitte, Herr Masseler, nichts zu entschuldigen. Gute Nacht, und lassen Sie sich den Abend gut bekommen.“

* * * * *

Als die beiden draußen waren, sagte der Niegela zu den Umstehenden: „Die Kranke, die der besucht hat, die hat lange Hosen an und trinkt Schnaps.“

„Und spielt mit ihm Sechsundsechzig,“ sagte der Fritt.

Es kam kein rechter Zug mehr in die Unterhaltung. Auf dem Heimweg tauschten die Burschen ihre Eindrücke aus.

„Er ist ein feiner Kerl,“ sagten die Kamps.

„Man kann mit ihm disputieren,“ pflichtete ihnen der Fritt bei.

„Und er hat seine Zigarren nicht abgezählt,“ lobte ihn der Jänni.

„Freundlich hat er nicht drein geschaut, wie der Pastor auf einmal da stand,“ stellte der Ruß fest. Und da waren sie alle darin einig, daß dieser Pfarrer und dieser Kaplan schlecht zusammen in der Deichsel gingen.

„Aber da könnt ihr euch darauf verlassen,“ meinte der Fritt, „der wird ihm die Zähne zeigen, der alte Brendel steckt den nicht in die Tasche.“

* * * * *

Am nächsten Morgen nach der Messe bat Pfarrer Brendel seinen Kaplan, ihn vor der Kirche zu erwarten, er habe mit ihm zu reden.

„Sie haben sich da gestern abend mit den jungen Leuten eingelassen. Ich finde, man darf in dieser Beziehung nicht zu weit gehen.“

„Sie haben recht, Herr Pastor. Und ich glaube, nicht zu weit gegangen zu sein.“

„Sie haben allerhand Fragen aus dem profanen, materiellen Gebiet mit ihnen besprochen. Man muß da sehr vorsichtig sein, Herr Kaplan.“

„Ich weiß, Herr Pastor. Wir sind ja gelehrt worden, daß ein unverlöschliches Siegel uns von der Laienwelt ausscheidet und zum besondern Anteil und Eigentum Gottes macht, daß unser Amt noch über dem der Engel steht. Da klingt es freilich befremdlich, wenn wir von künstlichem Dünger und Turbinen und elektrischen Beleuchtungsanlagen zu unsern Pfarrkindern reden.“

Pfarrer Brendel hatte bei dieser Rede seines Kaplans sichtlich zum mindesten einen Steigbügel verloren, und er schuf durch Räuspern und Schnäuzen eine Pause, um wieder Herr der Lage zu werden. „Ich weiß, daß unter euch Modernen die Tendenz herrscht, zum Volk hinabzusteigen, wie ihr das nennt. Nehmen Sie sich in acht. Wer sich unter die Kleie mischt, wird von den Säuen gefressen.“

Fenn dachte: „Dagegen läßt sich jetzt nichts mehr einwenden, was diesem Mann gegenüber die Mühe lohnte.“

„Ich habe Sie beobachtet, Herr Kaplan, seit Sie in Ihren hiesigen Wirkungskreis eingetreten sind. Es wäre ja schließlich nicht so viel dagegen zu sagen, daß Sie die Leute wirtschaftlich zu beraten suchen. Das ist ja manchmal ein brauchbares Mittel, ihnen auch sonst beizukommen. Aber Sie scheinen ein sogenannter Wissenschaftler zu sein. Wie ich höre, geben Sie sich Mühe, unsern Bauernburschen allerhand astronomische, physikalische, geologische Probleme zu erklären. Sie rütteln sogar an der biblischen Schöpfungsgeschichte.“

Fenn mußte lächeln.

Und Pfarrer Brendel machte eine weitere Anstrengung, sich in seiner überlegenen Stellung zu behaupten: „Glauben Sie mir, Herr Kaplan, die Wissenschaft hat schon manchen in die Wüste geführt. Wir Ältern, die wir die Erfahrung haben, wir sagen mit Christus dem Herrn: Eines nur ist notwendig.“

„Ich kann Ihnen aber Roscher zitieren. Sie kennen doch Roscher?“ sagte Fenn und dachte: „Vielleicht fragt er am Ende wenigstens, welcher?“

Aber Pfarrer Brendel brummte kaum hörbar: „Natürlich kenne ich Roscher! Was sagt denn der?“

„Roscher sagt: Sobald die Kulturüberlegenheit des Priesters aufhört, ist sein Ansehen gefährdet.“

„So? Und ich sage Ihnen: Haben Sie Kulturüberlegenheit, soviel Sie wollen, wenn Ihnen die Frömmigkeit fehlt, ist alles umsonst. _Nisi Dominus aedificaverit domum, in vanum laboraverunt qui aedificant eam!_“

„Darauf kann ich Ihnen wiederum dienen. Der Aquinate sagt –“

„Ich muß Sie bitten, mir mit Ihren profanen Zitaten vom Leibe zu bleiben. Der Aquinate! Wer ist nun das wieder?“

„Ach so, ich dachte, Sie kennten – Also sagen wir, der heilige Thomas von Aquin.“

„Den lasse ich mir gefallen.“

„Der sagt: _Inutilis pietas, quae scientiae discretione caret._“

„Hat das der heilige Thomas wirklich gesagt?“

„Jawohl, es steht in der _Summa theologiae_.“

„Na, ich glaub’s Ihnen. Aber ich muß nochmals bitten: untergraben Sie nicht mutwillig Ihr Ansehen dadurch, daß Sie sich mit den Leuten allzu gemein machen und daß Sie ihnen Dinge entschleiern, die ihnen ewig Geheimnis bleiben müßten. Sie kennen diese Sorte noch nicht genügend.“

„Haben Sie von gestern abend den Eindruck gewonnen, daß ich mich mit dieser Sorte, wie Sie sagen, zu weit eingelassen habe?“

„Das nicht gerade. In gewissem Sinne vielleicht sogar zu wenig.“

„Wie meinen Sie das?“

„Nun, ich will durchaus offen sein. Ich habe erfahren, daß in Ihrer Gegenwart über die Muttergottes von Lourdes respektlos geredet wurde, sehr respektlos, und daß Sie nicht, wie es wohl Ihre Pflicht gewesen wäre, Einspruch erhoben.“

„Eigentlich freue ich mich, daß Sie mir diese Gelegenheit zur Aussprache geben. Ich kenne zunächst nur eine Muttergottes, und die ist weder von Lourdes noch von Marpingen, noch läßt sich ihr Wohnsitz sonstwie geographisch bestimmen. Was nun speziell den Wunderglauben an Lourdes betrifft, so vermag ich nicht, ihn zu teilen. Wenn dieser Wunderglaube Bedingung für meinen geistlichen Beruf gewesen wäre, trüge ich heute nicht dies Kleid.“

„Wie, Sie glauben nicht an Lourdes?“

Fenn sagte schonungslos, was er über die Geschichte von Lourdes alles gelesen hatte.

„Es ist furchtbar!“ murmelte Pfarrer Brendel vor sich hin.

„Was finden Sie Furchtbares daran? Wenn Sie wüßten, wie in die Geschichte von Lourdes die Politik und die Habsucht hineingespielt haben, fänden Sie es sehr angebracht, daß die Wahrheit über den Ursprung jener Wunderhistorie nicht verschüttet wird. Die daran glauben wollen, mögen in ihrem Glauben Trost suchen und finden, ich werde ihnen eine Überzeugung nicht stehlen, die ihre Leiden lindern kann. Aber zwingen lasse ich mich nicht, daß ich etwas unterstütze, was ich für – sagen wir einmal, für künstlich aufgebaut halte.“

„Und weiß man im Bistum, wie Ihr Standpunkt ist?“

„Ich habe seinerzeit da, wo es darauf ankam, kein Hehl daraus gemacht.“

Pfarrer Brendel war niedergeschmettert. Die Persönlichkeit seines Kaplans war ihm in den paar Minuten unheimlich geworden. Er fand einen Ausweg: „Herr Kaplan,“ sagte er, „ich schlage Ihnen vor, wir gehen zusammen in die Kirche und beten, daß wir über diese schlimme Anfechtung hinwegkommen.“

Fenn ging nachdenklich mit. Und während neben ihm sein Pfarrer, das Gesicht in den Händen, nach Sammlung rang, dachte der junge Kaplan, wie merkwürdig es sei, daß man in seinem Beruf so oft auf die ärgsten Hindernisse dort stößt, wo man die größte Hilfe zu finden berechtigt wäre.