Sechstes Kapitel
Lieber Pichert!
Als ich das letztemal in den Ferien bei Dir war, batest Du, ich möchte Dir doch einmal schreiben. Ich tue es gern. Ich stelle mir vor, ich sitze bei Dir in Deinem Stübchen und erzähle Dir von meinem Leben, während Du Deine Nähte ziehst. Von meiner ganzen Studienzeit ist dies letzte Jahr das langweiligste. Es ist einem zumute wie auf der Eisenbahn, kurz ehe man umsteigt. Man packt seine Siebensachen zusammen und kann keine Minute stillsitzen und hat kein Interesse an den Dingen und Menschen, die um einen sind. Im Herbst steigen wir um, ins Seminar. Ich werde mich freuen, wenn wir soweit sind. Jetzt ist es ein Durcheinander von Leuten, von denen jeder andere Ziele und andere Wünsche hat. Der eine will Arzt werden, der andere Advokat, andere warten, bis sie eine Beamtenstelle bekommen können, und wir Seminaristen sind mitten zwischen diesem weltlichen Volk sozusagen die, die nicht mitzählen. Darum freue ich mich, wenn ich wieder an einen Ort komme, wo alles an einem Strang zieht.
Es war hier zum Aushalten, solange man ein Kind war. Aber die Studien fangen an, mir auf die Nerven zu fallen, und noch mehr die Studenten. Die meisten scheinen zu glauben, das Studium an und für sich sei schon ein Lebenszweck. Sie nehmen sich furchtbar ernst, wenn sie die Daumen in die Ohren drücken und über ihren Büchern ochsen. Keiner von ihnen denkt über die nächsten Jahre hinaus ans Leben, keiner hat Interesse für die Dinge daheim. Wenn wir so Donnerstags über Land spazieren und das Herz geht mir auf, wenn ich sehe, wie die Äcker stehen, das Korn und der Klee und die Kartoffeln und alles, dann ärgere ich mich, wie diese Bauernsöhne kein Auge haben für das, womit sie doch aufgewachsen sind. Ich langweile mich zu Tode an der Spielerei meiner Studien und sehne mich inbrünstig nach dem Tage, wo ich einmal mit all diesen Vorbereitungen fertig bin. Man muß ja den Schwindel gelernt haben, sagen sie, um den Leuten zu imponieren, aber ich meine, man könnte das alles in viel kürzerer Zeit. Ich finde, was ich hier gelernt habe, hätte ich zu Hause mit unserm Pfarrer lernen können und daneben mit meiner Mutter unsere ganzen Felder bestellen.
Wie gut ist es, daß sie jetzt den alten Wöllem hat, der ihr an die Hand geht und ihr in unserm Häuschen Gesellschaft leistet. Wenn ich über drei Jahre Kaplan werde, hoffe ich, eine Stelle draußen zu bekommen, wo ich die beiden zu mir nehmen kann. Man wird mich doch um Gottes willen nicht irgendwo in der Stadt gefangen setzen. Das wäre gut für Heine Putty, der paßt in die Stadt. Rede nicht darüber, Pichert, aber der arme Junge tut mir leid. Der hat so viel den Beruf zum Priester wie der große Türke, aber er wird daran glauben müssen. Er hat nicht die moralische Kraft, vor seinen Vater hinzutreten und zu sagen: Ich kann’s nicht. Ich sehe es ihm an, wie er darunter leidet. Und so gibt es noch andere. Sie wissen, daß ihre Eltern zu Hause sich seit Jahren das Blut unter den Nägeln herausgearbeitet haben, daß ihre Geschwister alles entbehren mußten, nur damit ein Geistlicher in die Familie kommt. Sie haben von Kindesbeinen auf immer sagen hören, daß sie einmal Priester werden, sie wissen, wenn sie jetzt abseits gehen, ist es eine Katastrophe. Sie haben keine Kraft, dies Hoffnungsgebäude über den Haufen zu werfen, das so viele über ihnen errichtet haben, und da lassen sie sich eben einmauern. Wenn ich denke, daß mich einer in diesen Beruf wider meinen Willen zwingen möchte, – lieber sollte die Welt zugrunde gehen. Aber wie käme der arme Heine Putty dazu, jetzt auf einmal den Seinen die Zähne zu zeigen? Vater, Mutter und Geschwister können den Tag nicht erwarten, wo sie ihn „unsern Herrn“ nennen, und das soll er alles jetzt gewaltsam abschütteln! Wie gern würde ich ihm helfen, aber solchen Menschen ist nicht zu helfen. Wenn einer nicht selbst gegen den Strom schwimmen kann, darf man ihn auch nicht gegen den Strom schleppen, sonst schluckt er Wasser und ertrinkt am Ende.
Mit Herrn Kleyer stehe ich mich jetzt so gut wie nie zuvor. Seit Vaters Tod ist es rührend, wie er so treu und betulich um mich herum ist. Er faßt mich jetzt von einer ganz andern Seite auf. Er glaubt jetzt nicht mehr, daß ich es faustdick hinter den Ohren habe. Ich bin im Handumdrehen sein bester Freund geworden. Er nimmt mich stundenlang mit sich auf sein Zimmer und spricht mit mir über die intimsten Dinge, über Bücher, die er eben liest, über dies und jenes Schöne, das er darin gefunden hat, und woran er sich begeistern kann wie einer von zwanzig Jahren. Er schüttet mir sein Herz aus und klagt mir, was ihm Unangenehmes mit Schülern oder sonstwie zugestoßen ist. Ich merke, wie wohl es ihm tut, daß er jemand hat, dem er sich rückhaltlos mitteilen kann. Es ist ja auch kein Vergnügen, so von früh bis spät vor einer Rotte Korah, wie die Buben es manchmal sind, in Stiefeln und Sporen und wie in einem moralischen Panzer herumzugehen, und sich keine Sekunde lang das Mindeste vergeben zu dürfen, immer den Gestrengen herauszukehren, immer sich stramm am Zügel zu haben und sich selber zu schulmeistern, um die Herrschaft über die andern zu behalten. Ich denke mir zwar, daß es auch anders gehen müßte, daß man den Buben auch ohne beständiges Augenfunkeln und Stirnrunzeln imponieren könnte, aber er ist eben von der andern Schule. Sonst hat er das beste Herz von der Welt. Neulich hat er mich gar auf eine Flasche Wein und eine Zigarre eingeladen, ich traute meinen Augen nicht. Ich glaube, er hat jetzt keinen hier, mit dem er so ganz und so einfach Mensch zu sein wagt, wie mit mir, und ich bin nicht wenig stolz darauf. Aber warum richten sich manche Menschen ihr Leben so ein, daß sie nur im Verborgenen und in gestohlenen Stunden das zu sein wagen, was sie innerlich sind?
Lieber Pichert, ich sehe Dich, wie Du an Deiner Brille rückst und denkst: Was schreibt mir der Fenn da für ein Zeug? Das interessiert mich doch nicht. Es ist wahr. Dir liegt wahrscheinlich nicht sehr viel an der Erziehungsmethode unseres Alten, aber es lief mir eben so mit aus der Feder. In sechs Wochen kommen wir nach Haus. Dann machen wir ein Kreuz übers Konviktstor. Es waren im ganzen langweilige Jahre, Jahre der Unnatur, des Zwangs, des Massendrills. Von unsern Lehrern keiner, der uns aus dem trockenen Brotstudium hinaus den Weg in die Freiheit gewiesen hätte, wo in der Sonne die Blumen wachsen, die sie uns getrocknet zwischen Löschpapier zeigten. Jahre, die nach Bücherstaub und Schweiß riechen, in denen nichts an einen herantrat, was man fürs Dasein lieben lernte. Ich sehe es kommen: Wenn wir später unsere Erinnerungen aus dieser Zeit auskramen werden, kommt nichts zum Vorschein als die öden Professorenanekdoten. Wir sind da hindurch getrieben worden, wie durch einen Tunnel, und wenn man seine Wiesinger Kinderjahre nicht hätte, die hinter einem liegen, wie eine blumige Wiese im Sonnenschein, was wäre man für ein armer, armer Kerl! Das verstehst Du vielleicht wieder nicht, mein lieber Pichert, aber das werde ich Dir erklären, wenn wir einmal abends zusammen in Deinem Stübchen sitzen, oder wenn wir Sonntags nach der Vesper über die Gewann gehen. Um eins nur tut es mir leid: Ich muß mich jetzt von meinem besten Freunde trennen, von dem Theo Schütz, den Du ja schon kennst. Ich ziehe im Herbst die Soutane an und gehe ins Seminar, er geht nach Aachen aufs Polytechnikum und wird Maschineningenieur. Das war ein lieber Mensch, Pichert, und ich glaube wohl, daß er mir so lieb war wie Du. Gib acht, von dem hören wir noch reden, das ist einer von denen, die sich ihre Äste nicht verschneiden lassen. Er denkt über vieles anders als ich und ist ja auch in anderen Verhältnissen groß geworden, aber im Grunde sind wir, glaube ich, von einem Holz, und es müßte sonderbar zugehen, wenn wir nicht für immer Freunde blieben.
Nun Gott befohlen, lieber Pichert, meine freie Zeit ist um. Laß mal von Dir hören.
Dein treuer Fenn Kaß.
Lieber Fenn!
Dein Brief hat mir viel Freude gemacht, besonders daß Du jetzt so mit Eurem Alten stehst, wie Ihr ihn nennt. Ich bin froh, daß Du jetzt bald wieder nach Hause kommst. Es kommt mir drollig vor, daß ich Dich in der langen Soutane sehen soll. Sie muß Dir aber gut stehen, mit Deinen breiten Schultern. Der Heine-Schneider hat schon für seinen Putty den Stoff gekauft. Das Feinste und Teuerste, was sie in der Stadt im Laden hatten. Er bekommt, mit Verlaub zu reden, das Maul über den Jungen nicht mehr zu. Es muß keine Freude sein, so einen Vater zu haben, der einen so in allen Wirtshäusern herumträgt. Ich meine, Du hast recht, Fenn, das Pastorwerden ist dem Putty seine Sache nicht. Wenn nur alles gerade reißt mit dem! Deiner Mutter geht es gut. Ich sehe sie als hier und da mit der Hacke vorbeigehen, sie sieht gut aus. Der Wöllem kann froh sein, daß er so ein warmes Nest gefunden hat. Er ist ein guter Kerl. Er sagt auch, er hätte es bei Euch besser, wie bei dem Lampert. Der Fritz ist jetzt Herr und Meister in Brebach, sein Onkel Majerus läßt ihn so ziemlich in allem gewähren. Mit Brauns ist er jetzt eins und alles, seit sie ihn die paar Tage in Kost hatten, als das mit seinem Vater ... Du weißt ja. Der Père Reining wird jeden Tag wackliger. Es ist auch kein Wunder, der Mann hat seine dreiundachtzig auf dem Buckel. Ich hatte auch wieder meinen steifen Arm ein paar Wochen lang, aber jetzt ist es wieder gut. Wenn Du kommst, lieber Fenn, bring mir vom Cary, Du weißt ja, wieder ein halbes Pfund Schnupftabak mit, wie immer. Ich gebe Dir das Geld wieder. Sei vielmal gegrüßt von Deinem alten Pichert, und auf baldiges Wiedersehen.
Jakob Thielen, genannt Pichert.
Als Fenn Kaß an dem klaren Augustmorgen, an dem die Ferien begannen, durch das Konviktstor herausschritt, war sein Herz leicht wie lange nicht mehr. Die Kameraden, die um ihn wimmelten, fuchtelten mit ihren Stöcken und beredeten sich, wie sie die nächsten Stunden in der Stadt vertun sollten, ehe ihre Züge in die Heimat fuhren. Fenn hatte in sich nur einen Drang: Fort, hinaus, heim! Er gedachte, Putty zu fragen, ob er den Weg mit ihm zu Fuß machen wollte, aber da hieß es, Putty sei von dem Fritz Lampert schon abgeholt worden, der werde ihn später mit seinem Wagen nach Hause bringen.
„Auch gut,“ dachte Fenn. Daß ihn die beiden ausgeschlossen hatten, war ihm eigentlich recht. Er kaufte für den Pichert ein halbes Pfund Schnupftabak, für Wöllem ein Päckchen Varinas und ein paar irdene Pfeifen, „rheinisch Bietchen“ genannt, und für seine Mutter ein Gebäck, von dem er wußte, daß es ihr ein Leckerbissen war. Das band er alles in eins, hängte es am Stock über die Schulter, steckte die linke Hand in die Hosentasche, und wanderte „zum Städtle“ hinaus. Und er pfiff sich dazu eine Reisenote, daß die Mädchen stehen blieben, sich lachend anstießen und hinter ihm her sagten: „Kuck den, der hat’s gut vor!“ Auf der Landstraße draußen ging er neben dem Graben im kurzen Gras, schlenkerte sein Paket in der Linken und köpfte lustig die Dolden der Schafgarben und die pludderigen grauen Flaumköpfe des Löwenzahn. Sobald er weit draußen war, wo die Straße ganz einsam wurde, sang er sich ein Marschlied, daß es weit über die Felder schallte. Er war froh, wie einer, der etwas klebrig Unangenehmes von sich abgewaschen hat und im frischen Wasser einem willkommenen Ufer entgegenschwimmt. Die längste Etappe auf seinem Weg ins Leben hatte er hinter sich, die drei Jahre strammen Studiums im Priesterseminar schreckten ihn nicht. Da lebte man schon sein eigenes Zellenleben, konnte ruhig seine Wurzeln in das geistige Erdreich senken, in dem man sich wohl fühlte, wurde nicht mehr als halbes Kind, sondern als ganzer, verantwortlicher Mensch behandelt, kurzum, da stand man schon auf der Bahn, die gerade hinaus in die Wirklichkeiten des Daseins führte. Die innige Gestalterfreude des Starken war in Fenn, wie er einsam über die staubweiße Landstraße wanderte, das Bewußtsein, daß er viele würde glücklich machen können, wenn sie an ihn glaubten. Und sie würden an ihn glauben, sie würden an ihn glauben. Herr, du meines Lebens! jauchzte er und hieb mit seinem Stock allerhand Figuren in die Luft. Er war zu Haus, ehe er es sich versah. Der Pichert trompetete ihm ein schmetterndes Willkomm entgegen, als er ihm seinen Schnupftabak brachte, die Mutter lachte still übers ganze Gesicht, als er ihr Lieblingsgebäck aus der Papierhülle wickelte und Wöllem knurrte, während er seinen Tabak und seine Pfeifen einsteckte: „Hm, meng Sach aß gudd gaangen!“ Dann gab es zu Mittag natürlich Fenns Lieblingsgericht: Eierkuchen mit Kartoffeln und Endiviensalat, und dazu holte Wöllem ein Liter Bier aus der „Auberge“ an der Kreuzstraße.
* * * * *
Am Nachmittag kam eines von den Heinens Mädchen, um zu fragen, wo Putty geblieben sei. Und dann kam auch der Schneider und ärgerte sich blau, daß dieser Windhund, dieser Ausreißer, sich solche Seitensprünge erlaubte. Der Fritz Lampert, von dem schon allerhand Weibergeschichten die Runde machten, war doch kein Kamerad für einen, der Geistlicher werden wollte, Himmelkreuzsakra! Und er würde dem Putty den Kopf waschen, daß er alle Glocken der Nachbarschaft sollte zuhauf läuten hören. Die Lampe des Schneiders Heinen war die einzige, die noch im Dorf brannte, als Fritz Lampert seinem Freund Putty vor dessen Vaterhaus vom Wagen herunterhalf und ihm gute Nacht wünschte, um sich sofort mit seinem Gefährt schleunigst aus dem Staube zu machen. Er überhörte es geflissentlich, daß ihm Putty zuraunte, er möchte doch noch auf einen Augenblick mit hereinkommen, um eine Kleinigkeit zu genießen. Und er vernahm durch das Rollen der Räder und das Hufgeklapper seines Braunen hindurch, wie auf Puttys Klopfen die Tür aufflog und Worte gewechselt wurden, die auf keinen liebreichen Empfang deuteten.
„Hierher kommst du!“ herrschte der Schneider seinen Sohn an, als der nach dem Treppengeländer tastete, um sein Schlafzimmer aufzusuchen. Und als Putty nicht gleich Order parierte, fühlte er sich derb am rechten Oberarm gefaßt und in die Stube gezerrt.
„Da setz dich hin!“
Inzwischen kam auch Frau Heinen im Unterrock fröstelnd herbei, stellte sich am Tisch auf und rieb sich gähnend die Hüfte.
„Wo warst du so spät?“ – wollte sie das Verhör beginnen.
„Wo wird er gewesen sein!“ fuhr ihr Mann zornbebend dazwischen, „gesoffen haben sie, bei den Weibern sind sie gewesen.“
Putty schlug ein paar schwimmende Augen mit einem leeren Blick zu seinem Vater auf und zuckte stumm und verächtlich die Achseln.
„Ich will wissen, wo du warst!“ brüllte der Schneider und schlug mit dem geballten Fäustchen auf den Tisch, daß Frau Heinen ängstlich nach der Lampe griff.
Putty hob wieder die Achseln und skizzierte mit der Linken eine müde Gebärde in die Runde.
„Der Kerl ist ja besoffen wie ein Schwein!“ sagte der Schneider mit dem Ausdruck unsäglichen Abscheus.
„Laß ihn schlafen gehen,“ schlug die Mutter vor, worauf sie Putty streng anfuhr: „Soll ich dir vielleicht eine Tasse schwarzen Kaffee kochen?“
„Ich gehe lieber schlafen,“ lallte Putty.
„Vor mir die Treppe hinauf!“ befahl der Schneider. In der Tür drehte sich Putty um. Er hatte in seiner Betrunkenheit das Empfinden, daß ihm von seinem Vater ein tätlicher Schimpf drohte. Der Schneider hatte schon den Fuß gezückt. Putty sah die Bewegung, auf Sekunden war sein Rausch verflogen und aus seinen Augen brach eine so irre Flamme des Hasses und der Wut, daß seine Mutter sich ihm schreiend entgegenwarf. Auch der Schneider hatte den Blick aufgefangen und es war ihm dabei kalt übers Herz gekrochen. Er war froh, daß seine Frau alles weitere abgeschnitten hatte. So sagte er, noch bebend vor Aufregung und plötzlicher Angst, mit künstlich zurechtgemachter Verachtung: „Mach, daß mir der Kerl aus den Augen kommt!“
* * * * *
Gegen Ende September sagte eines Tages Putty Heinen zu seinem Freund Fenn: „Morgen sind unsere Soutanen fertig. Mein Vater läßt dir sagen, morgen werden sie anprobiert.“
Dann gingen die beiden querfeldein. Putty lenkte in Wege ein, die immer weiter vom Dorf abführten. Jetzt waren sie am „Hau“ hinauf zur Höhe gelangt, von der man weit in der Runde die Berge mattgrau in der Herbstluft stehen sah. Putty schaute lange träumerisch in die Weite in der Richtung, wo die Stadt lag, und dann umschlang er plötzlich krampfhaft und leidenschaftlich schluchzend einen dicken Baum am Weg und rief in einem fort, in tränender Verzweiflung den Namen seines Freundes.
„Komm zu dir,“ redete ihm Fenn begütigend zu. Er dachte sich schon, wie dem armen Kerl zumute war.
„Fenn, was soll das werden mit mir, was soll das werden!“ und sein heulendes Leid quoll heraus wie ein heißer Strahl, wie Blut aus offenen Adern.
„Ja Putty, da kann ich dir nicht helfen, wenn du glaubst, du kannst deinen Leuten nicht sagen, daß du nicht hinein willst, dann mußt du dich eben bezwingen. So schlimm wird es schließlich ja nicht sein. Es sind ja viele vor dir denselben Weg gegangen und haben es schließlich doch verwunden.“
„Ich kann es nicht. Wenn man dir was einstopfen will, was dich ekelt, kannst du es doch nicht schlucken. Du erbrichst es, sobald es dir auf die Zunge kommt. Ich kann nicht, ich kann nicht!“
„Was ist denn daran, das dir so unüberwindlich scheint?“
„Alles. Ich will leben. Ich will mich anziehen wie jedermann! Ich will nicht ein Gezeichneter sein, dem jeder schon am Kleid ansieht, daß er nicht darf, was alle dürfen!“
„Ist das nicht ein bißchen Eitelkeit, Putty?“
„Nein, es ist die Wut dagegen, daß man mich zum Krüppel machen will, alle zu Haus, mein Vater und meine Mutter und meine Schwestern! Sie sagen, sie haben um mich gedarbt. Gelogen ist es! Was haben sie sich denn meinetwegen versagt? Das wenige, das sie mir vielleicht geopfert haben, gibt ihnen doch kein Recht, so über mich zu verfügen!“
„Bist du dir ganz klar darüber, daß du nicht wegen einer dummen Weibergeschichte –?“
„Ach, Fenn, glaube mir, es gibt keine dummen Weibergeschichten für den, der zur Entsagung nicht geboren ist. Für den ist jede Weibergeschichte ein schlimmer Aufruhr, in dem er sein Bestes lassen kann.“
„Was heißt das: Zur Entsagung nicht geboren! Also wenn du zum Entsagen keine Lust hast, sagst du einfach, du bist zur Entsagung nicht geboren?“
„Ach tu doch nicht so, als ließe sich das alles glatt nach dem Einmaleins aufs Papier hinrechnen. Und überhaupt, es ist nicht das Weib allein, es ist alles! Das ganze Leben! Ich kann mir nicht, wie du, meinen Lebensweg so schnurgrad zwischen zwei Pappelreihen denken, mit der ewigen Seligkeit als Abendrot in der Perspektive. Was mir alles bevorstehen kann, siehst du, ist mir noch wie ein süßbanges Geheimnis, eine Fülle von Schönem oder Schrecklichem oder beidem zusammen. Aber frei will ich sein, nach allem zu greifen und allem zu entfliehen.“
Fenn zuckte die Achseln: „Ja, dann weiß ich dir keinen andern Rat. Dann mußt du eben den Mut haben, daß du es deinen Leuten sagst, wie es um dich steht.“
Putty hatte sich in dem leidenschaftlichen Ausbruch Luft gemacht, seine Energie war schon erschöpft.
„Ich kann nicht,“ sagte er traurig. „Zehnmal schon dachte ich mir ein Herz zu fassen, aber es war mir immer, als müßte ich mit meinem Geständnis etwas ganz Furchtbares entfesseln, etwas, in dem alles zugrunde gehen würde. Jetzt mag es sich wenden, wie es will. Ich komme mir vor, wie einer, der Spießruten läuft und die Augen zudrückt, bis er hindurch ist. Mir ist, als zeigten die Leute mit Fingern auf mich und drängten sich dazu, wie ich nackt ausgezogen und angeprangert und gestäupt werde. Das muß doch ein jeder sehen, daß ich in das Kleid und den Beruf nicht hineingehöre.“
Fenn konnte dem Freund nicht mehr zureden. Und er dachte, was man in solchen Fällen immer denkt, um von einer häßlichen Vorstellung loszukommen: „Wer weiß, vielleicht ist es am Ende gar nicht so schlimm.“
* * * * *
Am folgenden Tage holte Putty den Freund ab. Fenn war in dem kleinen Garten des Küsterhauses beim Zwetschenpflücken. Putty nahm eine der dunkelblauen Früchte, zerdrückte sie, daß das goldgelbe Fleisch sich spaltete und in der spitzen Kernhöhlung süßer Saft zusammenlief. Aber der Genuß daran wurde ihm durch den Gedanken an die seelische Hinrichtung vergällt, die ihm bevorstand. Fenn sprang lustig vom Baum. „Also gehen wir,“ sagte er heiter. Er schraubte absichtlich seine gute Laune um ein paar Grad höher, als Abwehr gegen Puttys Herzensangst, von der er einen neuen Ausbruch befürchtete. In der Schneiderstube lagen die beiden Soutanen fertig zum Anprobieren über einer Stuhllehne. Schneiderhinchen saß mit gekreuzten Beinen auf dem Tisch, die Brille auf der Nase, das Band des Zentimetermaßes über die Schultern gehängt. Er hüpfte herunter, reckte die Glieder und sagte: „Also wollen wir mal sehen, wie ihr als Herren ausschaut.“
Es roch unangenehm scharf nach Fleckwasser, ein Geruch, den Putty von klein auf nicht hatte ausstehen können, und den er zuletzt haßte, weil er ihn stets an seinen Vater erinnerte.
„Wer will zuerst dran kommen?“
Fenn wollte Putty den Vortritt lassen, aber der schob den Freund vor: „Allez hopp, mir ist es immer noch früh genug.“
Schneiderhinchen wollte auffahren. Was fiel denn dem Buben ein! Er sollte doch seinem Schöpfer danken. Und nun: Mir ist es immer noch früh genug! Na wart! Dir werde ich! – Aber das streitbare Männlein fraß seinen Jähzorn hinein und begnügte sich damit, einen funkelnden Blick nach Putty hinüberzuwerfen.
Fenns magerer, knochiger Körper trug das lange schwarze Gewand leicht und selbstverständlich. Man sah, es belästigte ihn nicht, es floß gehorsam um seine Bewegungen, es beeinträchtigte in nichts das wohltuend Bildhafte seiner kräftigen Männlichkeit. Der Schneider war stolz auf sein Werk. „Besser hätte sie dir keiner in der Stadt gemacht,“ sagte er mit einem leisen Anflug von Vorwurf, aber auch von Genugtuung. Als ob doch vielleicht bei Fenn der Plan hätte bestehen können, seinem alten Schneider bei dieser festlichen und besondern Gelegenheit abtrünnig zu werden.
Dann kam Putty an die Reihe. Als ihm die langen Ärmel feierlich weit bis über die halben Hände hingen, als sein Vater dicht vor ihm kniete und mit wächsernen, ärmlichen Fingern emsig die lange Knopfreihe von unten herauf zu schließen begann und dabei Putty aufforderte, dasselbe Geschäft von oben her zu besorgen, als dieser dann das schwarze, schwere Tuch mit seinem kirchlich ernsten Glanz an sich hinabhängen sah, war ihm wirklich nicht anders, als ob er lebendigen Leibes eingemauert werden und selber Stein auf Stein zu seinem Hungerkerker fügen sollte. Sein Körper krampfte sich zusammen, der Krampf löste sich in einer explodierenden Bewegung des Abscheus und der Abwehr, und die Bewegung zitterte hysterisch nach durch alle seine Glieder.
„Was ist los?“ fragte der Schneider unwillig erstaunt.
„Ich komme mir vor, wie ein Frauenzimmer!“ sagte Putty und erkannte seine eigene Stimme nicht. So hatte der Aufruhr seines Innern die Muskulatur seiner Kehle umgeknetet.
„Du bist wohl verrückt,“ sagte sein Vater und richtete sich mühsam zornig auf.
„Es ist ja wahr,“ gab Putty, schon dem Weinen nah, zurück, und zeigte mit verächtlicher Gebärde an sich herunter.
„Ich meine gar, du Aff ...“ eiferte das Schneiderhinchen und schlug seinem unbotmäßigen Buben jähzornig die Hand ins Gesicht.
Dann geschah etwas Plötzliches, züngelnd Gewalttätiges, wie ein Sprengschuß.
„Es war seine Schuld“ – war Puttys erster Gedanke, als er wieder zu sich kam. Er hatte wirklich nichts dafür gekonnt. Es war, als wäre er ein Spielzeug aus Hausenblase gewesen, in das jemand heftig hineingepustet hätte. So plötzlich, mit einem Ruck, hatten sich seine Arme gespannt, waren seine Fäuste wütenden Hunden gleich dem Schneider an die Kehle und ins Gesicht gesprungen. Mitten aus einem Gerümpel von Tisch und Stühlen sah das angstverzerrte Gesicht des kleinen, blassen Mannes hervor. Aus einer schmalen Wunde über dem linken Auge floß ein spärliches Blutgerinsel, wurde durch die Braue abgelenkt, fand den Weg hinunter über die Wange. Als der Schneider das warme Rieseln spürte, griff er mit der Hand hin. Der Anblick des roten Saftes erfüllte ihn mit Entsetzen. „O Gott, o Gott!“ stöhnte er und zeigte Fenn schaudernd die beiden blutgefärbten Finger. Und er sah so ärmlich, so mitleidheischend, so gottergeben aus, so ganz zerknirscht im Opferlamm-Gefühl eines, von dem man verlangt, er soll einem Vatermörder verzeihen, daß Fenn ein Lächeln unterdrücken mußte.
Die Schneiderin und die beiden Mädchen hatten von draußen einen heisern Schrei und heftiges Poltern gehört und stürzten herein. Als sie des Blutes ansichtig wurden, stießen sie gellende Hilferufe aus und drängten Fenn, der beschwichtigen wollte, beiseite. Sie hoben den hilflosen Schneider auf die Beine und bestürmten ihn mit Fragen, was geschehen sei. Er deutete nur stumm, mit einer herzbrechend betrübten Duldermiene auf seinen ungeratenen Sohn, der zitternd, zu Tode erschrocken, leichenfahl dastand und nun auf einmal aufheulend in die Knie brach.
Wären jetzt alle mit bissigen Vorwürfen über ihn hergefallen, so hätte sich Putty vielleicht gewaltsam einen Weg in die Freiheit gebrochen. Als aber die Weiber hörten, was geschehen war, sahen sie ihn entsetzt an, wie einen Ausgestoßenen, und führten den Vater sanft hinaus in die Küche, an den Wasserstein, wo sie ihm unter der Pumpe umständlich die Wunde auswuschen. Es war ein kaum halbfingerlanger Riß, den sich der Schneider beim Aufschlagen auf die Tischkante zugefügt hatte. „Daß einem sein eigen Herzblut nach dem Leben trachten muß!“ stöhnte er, während ihm seine Älteste ein nasses Tuch auf die Stirn drückte.
„Sagen Sie doch das nicht!“ fiel Fenn, fast ärgerlich, ein. „Putty hat sich gegen die Ohrfeige gewehrt, und dabei sind Sie zu Fall gekommen.“
„Wollte Gott, daß du recht hättest, Fenn,“ hauchte das Schneiderhinchen.
Im Zimmer drinnen hörte man Putty schluchzen und von Zeit zu Zeit leidenschaftlich aufheulen. „Ich tu ja alles, was ihr wollt! Der Vater soll nur das nicht sagen, nur das nicht!“
Der Schneider wurde allmählich gerührt. „Führt mich zu ihm hinein,“ sagte er matt.
Er war sich nie so groß, so edel, so erhaben vorgekommen wie jetzt, wo er dem schluchzenden Opfer seiner Beschränktheit die Hände auflegte und ihm versicherte, er wolle ihm denn also noch einmal verzeihen, und er hoffe, er werde die Lehre beherzigen, mit der ihn der liebe Herrgott hart am Abgrund des Vatermordes vorbeigeführt habe.
Vierzehn Tage später bezogen Fenn Kaß und Putty Heinen ihre Zellen im Luxemburger Priesterseminar.
Zweites Buch