Part 1
=======================================================================
Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.
Die Korrekturen nach dem Vorwort zur 2. Auflage wurden eingearbeitet.
Worte in Antiqua sind so +gekennzeichnet+, gesperrte so ~gesperrt~, =fett gedruckte= so und _kursive_ so.
=======================================================================
D. Georg Buchwald,
Die evangelische Kirche
im Jahrhundert der Reformation.
[Illustration]
Die
evangelische Kirche
im
Jahrhundert der Reformation.
[Illustration]
Dargestellt und herausgegeben im Auftrage des Evangelisch-Lutherischen Landeskonsistoriums des Königreichs Sachsen von +D.+ Georg Buchwald Pfarrer an der Nordkirche zu Leipzig.
~Zweite Auflage.~ (6.-10. Tausend.)
Leipzig 1901 _Bernhard_ Richter's Buchhandlung.
Vorwort.
Durch das Hohe Evangelisch-Lutherische Landeskonsistorium des Königreichs Sachsen veranlaßt, hat der Verfasser versucht, in schlichter Form und unter vielfacher Beschränkung ein Bild der evangelischen Kirche im Jahrhundert der Reformation für Schule und Gemeinde zu geben. Das Leben und Wirken Luthers mußte in dieser Darstellung den größten Raum einnehmen. Möge das Büchlein dazu dienen, die Liebe und Treue zu unserer evangelischen Kirche zu stärken!
Dem Hohen Evangelisch-Lutherischen Landeskonsistorium sei auch an dieser Stelle für alle freundliche Förderung gedankt! Die Verlagshandlung hat sich durch die vorzügliche Ausstattung um das Büchlein außerordentlich verdient gemacht.
~Leipzig~, am 26. Februar 1901. Georg Buchwald.
Vorwort zur zweiten Auflage.
Wenige Tage, nachdem die erste in der Höhe von 5000 Exemplaren gedruckte Auflage erschienen war, machte sich bereits der Neudruck des vorliegenden Buches nötig. Wir hoffen darin ein Zeichen zu erblicken, daß die Ausgabe des Buches einem Bedürfnis unseres evangelischen Volkes entgegenkam.
Besonders erfreulich erscheint es uns, daß eine Reihe von Lehrerseminaren das Buch für ihren gesamten Cötus bestellten.
Möge es weit hinausziehen und freundliche Aufnahme in Kirche, Schule und Haus finden.
~Leipzig~, den 19. März 1901. Georg Buchwald.
~Man bittet zu verbessern~: S. 9 Z. 3. wie der Hirsch schreiet nach -- Z. 14: 1501. -- S. 18 Abs. 1 Z. 2: 1512. -- S. 102 Z. 6. wollten.
Inhalt.
Seite
Einleitung 1
Erster Abschnitt.
Was Gott durch +D.+ Martin Luther gethan hat.
1. Von Luthers Eltern und wie es unserm Reformator in seiner Kindheit ergangen ist 4
2. Der Student und der Klosterbruder oder: Wie Luther Frieden sucht 9
3. Der Wittenberger Professor oder: Wie Luther den Frieden fand 14
4. Kampf und Sieg.
+a+) Der Ablaßhandel 20
+b+) Luther schlägt die 95 Thesen an 23
+c+) Der Sieg des Gebannten 30
5. Was Luther dem deutschen Volke geschenkt hat.
+a+) Die deutsche Bibel 37
+b+) Das deutsche Gesangbuch 42
+c+) Der deutsche Katechismus 48
6. Luther gegen den Aufruhr 53
7. Das Augsburgische Glaubensbekenntnis und die »Apologie« 57
8. Einig und stark 66
9. Ein Tag im Hause Luthers 69
10. Luthers Freunde 74
11. Luthers seliger Heimgang 79
Zweiter Abschnitt.
Die Väter der reformierten Kirche.
1. Huldreich Zwingli 85
2. Johann Calvin 91
Dritter Abschnitt.
Der Siegeszug des Evangeliums im Jahrhundert der Reformation.
1. Deutschland 94
2. Die habsburgischen Lande 97
3. Die Niederlande 99
4. Der Norden Europas 100
5. Großbritannien und Irland 101
6. Frankreich 102
7. Italien und Spanien 105
Vierter Abschnitt.
Aus der Geschichte der evangelischen Kirche bis zum Ende des Reformationsjahrhunderts.
1. Der schmalkaldische Krieg 106
2. Das Interim 110
3. Endlich Friede 112
4. Das »Eintrachtsbuch« 114
5. Berühmte Prediger, gläubige Dichter und fromme Künstler des Jahrhunderts der Reformation 116
Schlußwort 126
[Illustration]
Nachdruck verboten!
Übersetzungsrecht vorbehalten!
Gott Zebaoth, wende dich doch, schaue vom Himmel, und siehe an und suche heim diesen Weinstock und halte ihn im Bau, den deine Rechte gepflanzet hat und den du dir festiglich erwählet hast!
(Psalm 80, 15. 16.)
Einleitung.
Wenn zur Zeit vor der Reformation Christus einmal durch die Christengemeinden unseres großen Vaterlandes gewandelt wäre, hätten ihm gewiß oft die Thränen in den Augen gestanden wie damals, als er auf seine liebe Stadt Jerusalem schaute, die nicht bedenken wollte, was zu ihrem Frieden diente. Was war aus der Kirche, aus ihren Wächtern, Dienern und Hirten geworden? Was hatte man aus dem Gotteswort, wie es einst der Heiland verkündet, was hatte man aus der Predigt der Apostel gemacht?
Nicht als der treue Heiland, nicht als der gute Hirte, nicht als der Mittler, in dem allein unser Friede und Trost im Leben und im Sterben ruht, wurde Christus den Leuten gepredigt. Er war der strenge Richter. Wer von seinem harten Urteilsspruch verschont bleiben wollte, mußte seine Zuflucht zu Maria und anderen Heiligen nehmen.
Aber lehrte denn Gottes Wort nichts Anderes von Christus? Ja, wenn man nur auf den Kanzeln Gottes Wort verkündigt hätte! Aber statt das teure, lautere Evangelium zu predigen, erzählte man in der Kirche allerlei Heiligengeschichten und Legenden -- »Lügenden« pflegt sie unser Luther zu nennen.
Und wie wenig stimmte des Papstes Herrlichkeit und Macht mit dem Bilde Christi und seiner Apostel überein! Zwar sagte der Papst, er sei der Nachfolger des Apostel Petrus, ja sogar der sichtbare Stellvertreter Christi auf Erden. Christus freilich hatte eine Dornenkrone getragen und gesagt: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt« (Joh. 18, 36). Der Papst aber trug eine dreifache Krone, nicht von Dornen, sondern von purem Golde mit Edelsteinen besetzt. Damit wollte er andeuten, daß seine Macht nicht nur über die Erde, sondern auch bis in den Himmel und bis ins »Fegefeuer« reiche. Der Papst und seine Bischöfe waren reiche Leute, und Kirchen und Klöster strotzten von Gold und Silber. Des Menschen Sohn aber hatte nichts gehabt, wohin er sein Haupt legte, und seinen Jüngern befahl der Herr: »Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Erz in euern Gürteln haben« (Matth. 10, 9). Wer den Papst besuchte, mußte ihm zum Zeichen tiefster Ehrerbietung die Füße küssen. Christus aber hatte seinen Jüngern die Füße gewaschen und dann gesprochen: »Ein Beispiel habe ich euch gegeben, daß ihr thut, wie ich euch gethan habe« (Joh. 13, 15).
Unser Heiland sandte seine Jünger aus, das Evangelium zu predigen. Sie sollten den Menschen den höchsten und wichtigsten Dienst leisten: ihre Seelen dem Herrn zuführen. Wer ihn gefunden hat, der hat Frieden und einen Zugang zum Vater. Damals aber hatten sich die Priester zwischen Gott und die Christenseele gedrängt. Nur wer dem Priester oder der Kirche gehorchte, wer that, was diese ihm befahlen, der konnte zu Gott kommen und selig werden. Christus aber hatte gesagt: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich« (Joh. 14, 6).
Was müssen das für herrliche Stunden gewesen sein, wenn sich die Leute um den großen Prediger Jesus Christus sammelten und er erzählte von seinem himmlischen Vater und vom Reiche Gottes! Da blieb keine Seele ohne Speise von oben her, wenn sie sich nur nicht der köstlichen Rede des Heilands verschloß. Wie manches Auge strahlte da von Friede und Freude, weil das Herz es erfahren: Sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben! Und jetzt stand ein Priester in prächtigem Gewande vor dem Altar und redete in einer fremden Sprache, und, kam einer, wie der Zöllner im Tempel und hätte gern Frieden gefunden am Herzen Gottes, so wies der Beichtiger ihn nicht zum Kreuze, da Gottes Lamm der Welt Sünde getragen, sondern legte ihm allerlei Bußübungen auf. Es war vergessen, was der Apostel Paulus schreibt: »Der Gerechte wird seines Glaubens leben« (Gal. 3, 11) und: »So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben« (Röm. 3, 28).
Christus ist selbst der fleißigste Arbeiter gewesen. Wie hat ein Paulus gearbeitet -- bei Tage das Evangelium predigend und dann bis in die Nacht hinein durch seiner Hände Arbeit das tägliche Brot verdienend! Jetzt aber sagte man: Der Mönch, der mit dem Bettelsack auf der Schulter die Straße auf und ab zieht und Gaben für das Kloster zusammenträgt, ist ein viel trefflicherer Mann und gilt vor Gott mehr als ein Vater, der sich's für Weib und Kinder sauer werden läßt. Und die Nonne, die in ihrer Zelle sitzt oder in der Kirche fromme Lieder singt, kann stolz herabsehen auf die Mutter, die vom frühen Morgen bis zum späten Abend auf das Wohl ihrer Kinder bedacht ist und mit treuer Sorge ihr Haus in Ordnung hält.
Wohl hatte mancher fromme Mann darum getrauert, daß die Kirche nicht mehr das war, was sie einst in den Zeiten der Apostel gewesen. Wohl waren Stimmen laut geworden, die auf die Heilige Schrift wiesen und aufforderten, zur Schlichtheit der alten Kirche zurückzukehren. Aber immer war es dem Papst und seinen Bischöfen gelungen, solche Männer auf die Seite zu schieben und derartige Stimmen zum Schweigen zu bringen. Zu Tausenden haben die biederen Waldenser auf dem Scheiterhaufen das Leben für ihren Glauben gelassen und im Jahre 1415 erlitt Johann Huß den Feuertod.
Aber trotzdem schauten gläubige Herzen hoffnungsfreudig in die Zukunft. Der Herr hatte es ja selbst verheißen: »Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!« (Matth. 28, 20). Und was vermag der Feinde Macht und List, wenn der Herr auf dem Plan ist! »Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht!« (Luk. 21, 33). So mußte doch die Zeit kommen, wo der Herr sich seiner Kirche erbarmen und Gottes Wort, jetzt verfolgt und unterdrückt, wieder lauter und rein verkündet werden würde.
[Illustration]
[Illustration]
Ich würdige vollauf den reichen Segen, welcher für unsere teure evangelische Kirche davon ausgehen kann, daß ihre Glieder aller Orten an das große Erbe und die edlen Güter erinnert werden, welche Gott der Herr durch die Reformation uns beschert hat.
Kaiser Wilhelm I.
Erster Abschnitt.
Was Gott durch +D.+ Martin Luther gethan hat.
[Illustration]
1. Von Luthers Eltern und wie es unserm Reformator in seiner Kindheit ergangen ist.
Armer Leute Söhne müssen sich aus dem Staube arbeiten, müssen viel leiden. Und weil sie nichts haben, darauf sie können stolzieren und pochen, lernen sie Gott vertrauen, drücken sich und schweigen still.
Luther.
Wenn sich Gott für eine große Arbeit in seinem Reiche ein Rüstzeug erwählt, pflegt er nicht nach Reichtum oder Macht oder Ehre zu fragen. Wen er zu einer großen Aufgabe beruft, dem schenkt er auch die nötigen Gaben. Den König David hat er von den Herden weggeholt. Der Apostel Petrus legte sein Fischernetz beiseite, um dem Herrn zu folgen. Und der Mann, den Gott zum Reformator der Kirche ausersah, bekannte von sich: »Ich bin eines Bauern Sohn, mein Vater, Großvater und Ahn sind rechte Bauern gewesen.« Es mag ein gar kümmerliches Leben gewesen sein, das Vater Hans Luther mit seiner Ehefrau Margarethe in dem Dörfchen Möhra, zwischen Eisenach und Salzungen gelegen, geführt haben. Nach altem Landesbrauch war der väterliche Bauernhof dem jüngsten Bruder zugefallen. Die älteren hinterlassenen Söhne mußten sehen, wie sie durch fleißige Arbeit in fremder Leute Dienst sich ihr Brot verdienten. Da der blühende Bergbau guten Lohn verhieß, wandte sich Hans Luther diesem zu und zog nach Eisleben.
In der Langen Gasse zu Eisleben zeigt man noch heute das Haus, in dem am 10. November 1483 Nachts zwischen elf und zwölf Uhr Hans Luther und seiner Frau das erste Knäblein geboren wurde. Man wartete damals nicht lange mit der heiligen Taufe. Schon am nächsten Tag wurde das Kind in der nahen Peterskirche getauft. Weil aber für diesen Tag im Kalender der Name des heiligen Martinus steht, erhielt der kleine Luther den Namen Martin.
[Illustration: Luthers Geburtshaus.]
Luther war sechs Monate alt, als die Eltern mit ihm nach Mansfeld zogen. Der Vater hoffte dort lohnendere Arbeit zu finden. Allezeit hat unser Luther mit herzlicher Dankbarkeit an Vater und Mutter zurückgedacht. »Meine Eltern,« sagt er einmal, »sind erstlich arm gewesen; mein Vater war ein armer Häuer und die Mutter hat ihr Holz auf dem Rücken getragen, damit sie uns Kinder erzogen haben. Sie haben sich's lassen blutsauer werden.« In diesem Hause ist kein Kind verzogen worden. Aber bei aller strengen Zucht herrschte herzliche Liebe. Recht wenig Freundlichkeit aber scheint in der Schule zu Mansfeld gewohnt zu haben. Der Lehrer hat den kleinen Martin einmal an einem Vormittag fünfzehnmal hinter einander »gestrichen«.
[Illustration: Luthers Vater.]
Wie gern hätte Vater Luther etwas Ordentliches an sein Kind gewandt! Aber woher die Mittel dazu nehmen? Doch dachte er, sollte nicht Gott, der meinem Martin gute Geistesgaben verliehen hat, auch etwas Tüchtiges aus ihm machen können? Es gab manchen armen Schüler, der von Haus zu Haus zog, mit seinen Kameraden vor den Thüren ein Lied sang und dann eine milde Gabe empfing. Wollte Martin einmal ein Gelehrter werden, dann blieb ihm auch nichts anderes übrig. So hat er denn auch »das Brot vor den Häusern genommen«, erst, seit dem Jahre 1497 in Magdeburg, dann, vom folgenden Jahre ab, in Eisenach. In Eisenach aber hat Gott den jungen Luther in ein wohlhabendes Kaufmannshaus geführt. Das ist ihm zum zweiten Elternhaus geworden. Frau Ursula Cotta hatte schon öfters den Knaben beobachtet in seinem Singen und herzlichen Beten. Der arme Junge that ihr leid. In ihrem Hause war noch Platz genug. Darum nahm sie ihn wie ein eigenes Kind zu sich. »Als er eine Zeit lang in Eisenach,« so erzählt der Joachimsthaler Pfarrer und Freund Luthers, Johann Mathesius, »auch vor den Thüren sein Brot ersang, nahm ihn eine andächtige Matrone zu sich an ihren Tisch, dieweil sie um seines Singens und herzlichen Gebets willen in der Kirche eine sehnliche Zuneigung zu dem Knaben trug.« Das war eine Fügung Gottes. Nun lastete nicht mehr der Druck der Armut und Sorge ums tägliche Brot auf dem kindlichen Gemüt. Im freundlichen Hause der edlen Frau Cotta hat wohl Martin erst die Freude der Erholung nach gethaner Arbeit recht kennen gelernt. Hier konnte er nun auch mit ganzem Eifer lernen. Seinem braven Eisenacher Lehrer ist er zeitlebens dankbar gewesen. Der Magister Trebonius -- so hieß er -- war nicht nur ein grundgelehrter Mann, sondern auch ein freundlicher Lehrer. Kam er ins Schulzimmer, nahm er sein Barett ab und grüßte die Kinder; denn, sagte er, ich kann nicht wissen, ob unter ihnen ein zukünftiger Ratsherr, Bürgermeister oder Kardinal ist. Nach alledem verstehen wir, warum Luther Eisenach seine »liebe Stadt« nennt.
[Illustration: Luthers Mutter.]
[Illustration: Schule Luthers in Mansfeld.]
[Illustration: Eisenach mit der Wartburg.]
2. Der Student und der Klosterbruder= oder: Wie Luther Frieden sucht.
Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu dir.
Psalm 42, 2.
[Illustration: Lutherhaus in Eisenach.]
Nicht ohne Wehmut ist Luther aus dem Cotta'schen Hause geschieden. Wie viel Liebe hatte er dort gefunden! Wollte er aber seinem Ziele weiter zustreben, so mußte er die Eisenacher Georgsschule mit der Universität vertauschen. Das benachbarte Erfurt hatte eine berühmte Hochschule. Im Jahre 1501 trat Luther in die Schar der Erfurter Studenten ein. Was aber die meisten Universitätslehrer trieben und lehrten, wollte dem jungen Studenten nicht sonderlich behagen. Seine Seele brauchte Speise. Solche reichte ihm niemand dar. Trotzdem studierte und lernte Luther fleißiger als die meisten seiner Kameraden und hielt sich getreulich an seinen Spruch »Fleißig gebetet ist über die Hälfte studiert.« Aber recht froh ist er dabei nicht geworden. Oft wurde seine Seele von einem tiefen Weh und einem schmerzlichen Sehnen ergriffen. Sein Herz suchte etwas und er konnte sich selbst nicht sagen, was dies wäre. Später ist's ihm immer deutlicher geworden: es war das Verlangen nach einem gnädigen Gott, die Sehnsucht nach Seelenfrieden. Er konnte ihn erst finden, als er in der Heiligen Schrift studiert und seinen Heiland gefunden hatte. Jenes ungestillte Sehnen und dazu die rastlose Arbeit warfen den Jüngling aufs Krankenlager. Damals hat ihn ein ehrwürdiger Greis mit den prophetischen Worten aufgerichtet: »Seid getrost! Ihr werdet dieses Lagers nicht sterben, sondern unser Herr Gott wird noch einen großen Mann aus euch machen, der viele Leute trösten wird. Denn wen Gott lieb hat, dem legt er zeitlich das heilige Kreuz auf, in welchem geduldige Leute viel lernen!«
[Illustration: Erfurt.]
Einen ganz besonderen Freudentag hat aber Gott in jener Zeit dem jungen Luther beschert. Das war der Tag, an dem er ihn in der Universitätsbibliothek eine ganze lateinische Bibel finden ließ. »Da vermerkt er mit großem Verwundern, daß viel mehr Texte, Episteln und Evangelien darin wären, denn man pflegt in den gewöhnlichen Predigtbüchern und auf den Kanzeln auszulegen. Wie er im Alten Testament sich umsieht, kommt er über Samuelis und seiner Mutter Hanna Geschichte. Die durchliest er eilend mit herzlicher Lust und Freude, und, weil ihm das alles neu war, fängt er an von Grund seines Herzens zu wünschen, unser getreuer Gott wolle ihm dermaleinst auch ein solch eigen Buch bescheren.«
Schon war Luther »Magister« geworden. Das war eine hohe Gelehrtenwürde, die die Universität nur fleißigen und tüchtigen Leuten verlieh. Der Vater Luther war so erfreut und so stolz auf seinen Sohn, daß er ihn jetzt nicht mehr »Du«, sondern »Ihr« nannte. Er sah schon seinen Martin in Amt und Würden, etwa als den hochangesehenen, rechtsgelehrten Rat des Landesherrn.
Es sollte aber ganz anders kommen, als der Vater dachte. Einst reiste Martin in Begleitung eines Freundes in die Heimat. Nicht weit von Erfurt stieß er sich bei einem Fehltritt die Waffe, die er nach Studentensitte an der Seite trug, tief in den Schenkel. Das Blut konnte kaum gestillt werden. Der Jüngling mußte ans Sterben denken. Wie, wenn er plötzlich vor Gottes Richterstuhl gerufen würde! Tiefe Wehmut und ernste Todesgedanken weckte in seiner Seele auch der plötzliche Tod eines seiner Freunde. Endlich -- es war im Sommer 1505 -- wurde er auf dem Wege von Mansfeld nach Erfurt von einem furchtbaren Gewitter überrascht. Es war ihm, als sähe er im Blitz den Schrecken des jüngsten Gerichts und hörte im Donner die Stimme des zornigen Weltenrichters. In der Todesangst rang sich von Luthers Lippen das Gebet und Gelübde: »Hilf, liebe heilige Anna, ich will ein Mönch werden!« Das Gelübde war gethan. Der Entschluß war gefaßt. Im Kloster hoffte Luther zu finden, wonach seine Seele hungerte und dürstete: Frieden mit seinem Gott!
Im Juli 1505 schlossen sich hinter dem jungen Magister die Pforten des Augustinerklosters zu Erfurt. Nicht nur die Freunde trauerten um ihn. Für den Vater war es ein schwerer Schlag. »Da ich ein Mönch ward,« erzählt Luther, »war mein Vater übel zufrieden und wollte mir's nicht gestatten und sagte mir alle Gunst und väterlichen Willen gar ab.« Freundliche Aufnahme fand Luther im Kloster nicht. Gerade weil er so ernst und gelehrt und mit dem Magistertitel geschmückt war, lud man ihm die allerniedrigsten Arbeiten auf. Wenn er gern still in seiner Zelle über den Büchern gesessen hätte, jagte man ihn hinaus. »Mit dem Sack durch die Stadt!« hieß es. »Mit Betteln und nicht mit Studieren macht man das Kloster reich!« Daß aber einer ihrer Magister im Mönchskittel mit dem Bettelsack auf der Schulter durch Erfurts Straßen zog, rechnete sich die Universität zur Schmach. Sie wandte sich deshalb an Johann Staupitz, der allen Augustinerklöstern in Thüringen und Meißen vorstand. Dessen Fürsprache hatte es Luther zu danken, daß man ihm hinfort alle niedrigen Arbeiten und das Bettelngehen abnahm. Nun konnte er ungestört in seiner Zelle studieren. Das liebste Buch aber war ihm die Heilige Schrift. »Da ward ich,« sagt er selbst, »darinnen also bekannt, daß ich wußte, wo ein jeglicher Spruch stand und zu finden war, wenn davon geredet wurde.«
Wie jeder anderer Mönch, so mußte auch Luther ein Probejahr durchmachen. Erst dann wurde er für immer Mönch und legte sein Gelübde ab. Man hat gewiß damals keinen zweiten gefunden, der es mit seinen Gelübden so genau nahm, wie unser Luther. »Wahr ist's,« bekennt er selbst, »ein frommer Mönch bin ich gewesen und habe so streng meinen Orden gehalten, daß ich's nicht sagen kann. Ist je ein Mönch gen Himmel gekommen durch Möncherei, so wollte ich hineingekommen sein.«
Ein großer Ehrentag war's für Luther, als man ihn zum Priester weihte. Da füllte sich das Kloster mit Gästen. Auch Vater Luther, dessen Arbeit Gott in den letzten Jahren reich gesegnet hatte, kam »mit zwanzig Pferden geritten«. Aber vergessen hatte er es doch nicht, daß sein Martin wider den väterlichen Willen ins Kloster gegangen war. Als an jenem Tage der Sohn frug: »Lieber Vater, warum habt ihr euch so hart dawidergesetzt und waret also zornig, daß ihr mich nicht gerne einen Mönch wolltet werden lassen?« antwortete Vater Luther mit vernehmlicher Stimme, daß es auch die Nachbarn hörten: »Ihr Gelehrten habt ihr nicht gelesen in der Heiligen Schrift, daß man Vater und Mutter ehren soll?« Später hat's Luther eingesehen, daß der Vater ganz recht hatte.
[Illustration: Johann Staupitz.]
Aber es ist doch auch Gottes Fügung gewesen, daß Luther das Klosterleben von Grund aus kennen lernte. Mitten im Mönchtum sollte er es erfahren, daß römische Werke nicht zum Frieden führen können. Im Kloster wollte Gott ihn von dem Wahn befreien, daß der Mensch durch seine guten Werke gerecht zu werden vermöge. Luther sollte in die tiefste Unzufriedenheit mit sich selbst geführt werden, sollte hungern und dürsten lernen nach Gerechtigkeit und den Seufzer verstehen: »Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?« (Röm. 7, 24). Nur einer, der das gelernt hatte, konnte mit solcher Freude seinen Heiland ergreifen, wie es Luther gethan hat.
[Illustration]
3. Der Wittenberger Professor oder: Wie Luther den Frieden fand.
Ich habe nun den Grund gefunden, Der meinen Anker ewig hält. Wo anders als in Jesu Wunden? Da lag er vor der Zeit der Welt, Der Grund, der unbeweglich steht, Wenn Erd und Himmel untergeht.
J. A. Rothe.
Im Jahre 1502 hatte Kurfürst Friedrich der Weise die Universität Wittenberg gegründet. Die Hochschule sollte ein Kleinod des Sachsenlandes werden. Dazu brauchte sie vor allem tüchtige und fromme Lehrer. Johann Staupitz hat bei der Berufung solcher Leute seinem Landesherrn manchen guten Rat gegeben, er beste Rat aber war der, daß er ihm empfahl, den jungen Magister Martin Luther von Erfurt nach Wittenberg zu holen. Im Herbst 1508 siedelte denn auch Luther aus dem Erfurter in das Wittenberger Augustinerkloster über.
[Illustration: Kurfürst Friedrich der Weise.]
Gern hätte der neue Professor im Mönchsgewande gleich von Anfang an die Heilige Schrift seinen Vorlesungen zu Grunde gelegt. Aber weil er dazu nach der Ordnung der Universität noch kein Recht hatte, wurde er beauftragt, die Studenten in die mittelalterliche Weltweisheit einzuführen. Dabei ist er selbst in der wichtigen Erkenntnis bestärkt worden, daß auch die Weisheit der Welt nicht den Weg zur Seligkeit zeigen kann.
Schon das Jahr darauf ist Luther -- wie das zuging, wissen wir nicht -- wieder ins Erfurter Kloster versetzt worden. Er hat aber auch in Erfurt seine Lehrthätigkeit an der Hochschule fortgesetzt. Wie fleißig er in den Werken des alten Kirchenvaters Augustin und in den Schriften der Kirchenlehrer des Mittelalters studiert hat, kann man in den stattlichen Bänden sehen, die die Stadt Zwickau aufbewahrt. Da hat er mit seiner feinen, aber festen Schrift die eigenen Gedanken an den Rand geschrieben.
Von Erfurt ist Luther aber wieder nach Wittenberg zurückgekehrt, freilich auf einem großen Umwege, nämlich über Rom. In seinem Lebensgang ist das aber kein Umweg gewesen. Im Kloster hatte ihn Gott gelehrt: »Die Werke helfen nimmermehr, sie mögen nicht behüten.« Die Weisheit der Welt hatte er als Finsternis erkannt. In Rom sollte er erfahren, daß auch am »allerheiligsten« Ort in der Nähe des »heiligen« Vaters die Seele keinen Frieden finden kann. Das waren die Wege, die Gott mit unserem Luther ging, um ihn zu der Erkenntnis zu führen: Die Heilige Schrift allein zeigt den Weg zur Seligkeit. Der einzige Weg zur Seligkeit ist Jesus Christus. Ihn ergreift allein der Glaube.
[Illustration: Älteste Handschrift Luthers (1509; aus einem Bande der Zwickauer Ratsschulbibliothek).
(+Moritur beatus Augustinus Anno domini 433. Et nunc scilicet 1509. fuit mortuus ad 1076. annos+ d. h. Es stirbt der selige Augustinus im Jahre des Herrn 433 und ist jetzt, nämlich 1509 gegen 1076 Jahre tot).]