Part 5
Anfang April verließ Johann der Beständige mit seinem Gefolge -- darunter auch Luther, Melanchthon, Spalatin und anderen -- Torgau. Daselbst verweilte man längere Zeit, so daß Melanchthon noch ausgiebig Gelegenheit hatte, sich mit Luther über die ihm übertragene Verteidigungsschrift zu besprechen, die nötigenfalls »als Bekenntnis und Rechtfertigung der Evangelischen« in Augsburg vorgetragen werden könnte. Denn Luther selbst sollte in Coburg zurückbleiben. Ein Mann wie er, in Acht und Bann, konnte unmöglich vor Kaiser und Reich erscheinen.
[Illustration: Coburg.]
Am 2. Mai langte als der Erste der Fürsten Kurfürst Johann in Augsburg an. Erst allmählich füllte sich die Stadt mit den übrigen Fürsten, geistlichen und weltlichen, Reichsständen und Gesandten. Kaiser Karl hatte seinen Einzug bis auf den 15. Juni verschoben. Den Tag darauf feierte man in öffentlicher Prozession und größtem Gepränge das Fronleichnamsfest. Bestimmt lehnten die evangelischen Fürsten jede Beteiligung daran ab. Charakterfest wahrten sie ihren evangelischen Standpunkt. Am 20. Juni wurde der Reichstag mit einem feierlichen, selbstverständlich katholischen Gottesdienst in der Stiftskirche eröffnet. Die Reden, die man darnach hielt, ließen deutlich erkennen, daß man bereit war, selbst mit dem Schwerte in der Hand den Protestantismus zu unterdrücken. Die Evangelischen aber setzten ihre Hoffnung auf Gott. Auch hatten sie die Zuversicht, daß der Kaiser sein Wort halten und ihr Bekenntnis anhören werde.
Fleißig hatte Melanchthon seit seiner Ankunft in Augsburg daran gearbeitet. Immer mehr ward aus der geplanten Verteidigungsschrift eine Bekenntnisschrift. Dem Kurfürsten lag viel daran, daß auch Luther Melanchthons Arbeit begutachtete. Am 15. Mai schickte er ihm die Schrift auf die Feste Coburg, indem er ihm dazu schrieb: »Nachdem ihr und andere unsere Gelehrten zu Wittenberg auf unser gnädiges Ansinnen und Begehren die Artikel, so der Religion halber streitig sind, in ein Verzeichnis gebracht, so wollen wir euch nicht bergen, daß jetzt allhier Magister Philippus dieselbigen weiter übersehen und in eine Form gezogen hat, welche wir euch hierbei übersenden. Und ist unser gnädiges Begehren, ihr wolltet dieselben weiter zu übersehen und zu bewegen unbeschweret sein. Und wo es euch dermaßen gefällig oder etwas davon oder dazu zu setzen bedächtet, das wollet also daneben verzeichnen, damit man alsdann auf Kaiserlicher Majestät Ankunft, der wir uns in Kürze versehen, gefaßt und geschickt sein möge, und uns dieselbige alsdann bei diesem Boten wohl verwahrt und verpetschaftet unverzüglich wiederum anher schicken.« Luther erfüllte des Kurfürsten Wunsch und gab über Melanchthons Schrift, die er als eine Verteidigungsschrift (Apologie) bezeichnet, folgendes Urteil ab: »Ich hab Magister Philippsen Apologie überlesen, die gefället mir fast (d. i. sehr) wohl, und weiß nichts dran zu bessern noch ändern, würde sich auch nicht schicken, denn ich so sanft und leise nicht treten kann.« Trotz dieses Urteils hörte Melanchthon nicht auf, an seiner Schrift zu feilen, zu ändern und zu bessern; auch Kanzler Brück und andere Räte und Gelehrte waren ihm dabei behilflich.
Schließlich berieten die evangelischen Stände die Schrift, die trotzdem sie durch viele Hände gegangen war, dennoch überall das Gepräge Melanchthon'schen Geistes trägt. Unterschrieben wurde sie zunächst vom Kurfürsten Johann von Sachsen samt seinem Sohne Johann Friedrich, von den Herzögen Ernst und Franz von Lüneburg, vom Markgrafen Georg von Brandenburg, dem Landgrafen von Hessen, dem Fürsten Wolfgang von Anhalt und den Städten Nürnberg und Reutlingen. Später, aber noch während des Reichstages, gaben auch die Städte Kempten, Windsheim, Heilbronn und Weißenburg ihre Unterschrift.
Am 25. Juni 1530, nachmittags 3 Uhr, begann in der Kapitelstube des bischöflichen Hofes der sächsische Kanzler Beyer vor Kaiser und Reich das Bekenntnis der evangelischen Stände in deutscher Sprache zu verlesen. Der Kaiser nahm dasselbe deutsch und lateinisch entgegen und versprach, die Sache in reifliche Erwägung zu ziehen. Er wünschte nicht, daß man die Schrift drucken ließe. Sie hätte ja leicht den Evangelischen neue Genossen gewinnen können. Trotzdem wurde in demselben Jahre allein der deutsche Text sechsmal gedruckt.
»An diesem Tage ist der allergrößten Werke eines geschehen, die je auf Erden geschehen sind,« sagte Spalatin am 25. Juni 1530. Aber nicht nur auf die Protestanten hatte die Verlesung ihres Glaubensbekenntnisses den tiefsten Eindruck gemacht. »So hör' ich nun wohl, die Lutherischen sitzen in der Schrift und wir Päpstlichen daneben,« bekannte Herzog Wilhelm von Bayern, und der Augsburger Bischof, Christoph von Stadion, mußte zugeben: »Was vorgelesen worden, ist reine Wahrheit, wir können es nicht leugnen.« Von der Tiefe aber evangelischen Bekenntnisses schien des Kaisers Beichtvater eine Ahnung erhalten zu haben; denn er sagte: »Ihr habt eine Theologie, die man nur begreift, wenn man viel betet.« Luther hatte recht, wenn er einmal sagte: »Der Reichstag zu Augsburg ist mit keinem Gelde zu bezahlen um des Bekenntnisses des Glaubens und des Wortes Gottes willen, so von den Unsern da gethan ist. Denn da haben die Widersacher bekennen müssen, daß unsere Konfession recht und wahr sei.«
Das Augsburgische Glaubensbekenntnis oder die »Augsburger Konfession«, wie man gewöhnlich sagt, enthält 28 Artikel. Die ersten 21 stellen die Glaubenslehre der Protestanten dar, die letzten sieben geben an, welche Änderungen in kirchlichen Gebräuchen sich als notwendig erwiesen. Die ersten 21 sind also die Hauptsache. Sie sind im Anhang unseres Gesangbuchs abgedruckt. In unserer Zeit, wo die römische Kirche überall den Kampf gegen uns Evangelische eröffnet hat, wo die »römisch-katholischen Widersacher unsern Glauben so heftig wie in den Zeiten des Augsburger Reichstags befeinden und lästern«, muß ein evangelischer Christ, der konfirmiert und reifer geworden ist, auch diese erste Bekenntnisschrift seiner Kirche kennen und verstehen lernen. »Für unsere Kirche, die hier den Gegnern gegenüber vor Kaiser und Reich zum ersten Mal ihrem Glauben einen förmlichen und gemeinsamen öffentlichen Ausdruck gegeben hatte, ist sie mit ihrem gedrängten, reichen Inhalt und festen, schlichten, feierlichen Ton ein bleibendes, teures Kleinod geworden. Es mahnt uns fort und fort, für was und gegen wen wir auch heute noch zu kämpfen haben. Es ruft jedem von uns zu: Halte, was du hast! (Offenb. Joh. 3, 11).«
Daß die Römischen auf solch' herrliches Bekenntnis nicht schweigen konnten, verstand sich von selbst. Nicht weniger als zwanzig Theologen beauftragte der Kaiser dasselbe -- nicht zu prüfen -- sondern zu widerlegen. Sie arbeiteten lange daran und hatten doch den Schmerz, ihre Schrift, weil sie viel zu schwerfällig, unklar und heftig war, vom Kaiser zurück zu erhalten. Als sie endlich am 3. August in deutscher Sprache dem Reichstage vorgelesen wurde, fühlten nicht nur die Evangelischen, auf wie schwachen Füßen die Lehre der Römischen stand. Sie hätten gern eine Abschrift jenes Machwerks in Händen gehabt. Der Kaiser wollte sie ihnen aber nur unter der Bedingung zustellen, daß sie keine Gegenschrift erscheinen ließen. Das war unannehmbar. Glücklicherweise hatte aber ein guter Freund Luthers und Melanchthons bei der Vorlesung der »Widerlegung« das meiste zu Papier bringen können. Auf Grund dieser Nachschrift hat dann Melanchthon seine »Apologie« (d. i. Verteidigungsschrift, nämlich des Augsburgischen Glaubensbekenntnisses) ausgearbeitet, die im April 1531 erschien.
Diese Schrift ist ein wahres Meisterwerk. Einige Sätze aus der Vorrede mögen hier mitgeteilt sein: »Ich habe die höchsten Gründe der Gegner zusammengefaßt, daß bei hohen und niedern Ständen, bei den Jetzigen und unsern Nachkommen, bei allen eingeborenen Deutschen, auch sonst aller Welt, allen fremden Völkern ein klar Zeugnis vor Augen sei und ewig stehen bleibe, daß wir rein, göttlich, recht von dem Evangelio Christi gelehrt haben; wir haben wahrlich nicht Lust oder Freude an Uneinigkeit, auch sind wir nicht so gar stock- oder steinhart, daß wir unsere Gefahr nicht bedenken. Denn wir sehen und merken, wie die Widersacher in dieser Sache uns mit so großer Bitterkeit suchen und bis hierher gesucht haben an Leib, Leben und Allem, was wir haben. Aber wir wissen die öffentliche göttliche Wahrheit, ohne welche die Kirche Christi nicht kann sein oder bleiben, und das ewig heilige Wort des Evangelii nicht zu verleugnen oder zu verwerfen.« -- »Darum wollen wir, so die erkannte helle Wahrheit mit Füßen getreten wird, diese Sache hier Christo und Gott im Himmel befehlen, der der Waisen und Witwen Vater und aller Verlassenen Richter ist; der wird, das wissen wir ja fürwahr, die Sache urteilen und recht richten. Und du, Herr Jesu Christ, dein heiliges Evangelium, deine Sache ist es; wollest ansehen so manch betrübt Herz und Gewissen und deine Kirche und Häuflein, die vom Teufel Angst und Not leiden, erhalten und stärken deine Wahrheit; mache zu Schanden alle Heuchelei und Lügen, gieb also Friede und Einigkeit, daß deine Ehre fürgehe und dein Reich wider alle Pforten der Hölle kräftig ohne Unterlaß wachse und zunehme.«
[Illustration]
8. Einig und stark.
Wir sind bereit, Friede zu halten und Liebe zu üben gegen alle, wofern sie uns die Lehre des Glaubens rein und unverletzt lassen.
Luther.
Uneinigkeit ist ein alter Erbfehler des deutschen Volkes. Es hat ihn oft schwer genug büßen müssen. Vielfach hat erst der vor den Thoren stehende Feind die deutschen Stämme veranlaßt, sich die Bruderhand zu reichen.
Angesichts der Feindschaft des Kaisers und der Römischen schlossen am 29. März 1531 die evangelischen Stände zu Schmalkalden einen Bund auf sechs Jahre. Der Kurfürst von Sachsen und der Landgraf Philipp von Hessen sollten die Oberhauptleute sein. Hätten sich damals nicht die Türken wieder gerührt, so wär's wohl zum Kriege gekommen. Statt dessen ward nun zwischen dem Kaiser und den Evangelischen im Sommer 1532 zu Nürnberg ein Religionsfriede geschlossen. Es sollte zunächst alles bleiben, wie es war. Auch durfte weder der Kaiser die Protestanten noch die Protestanten den Kaiser angreifen.
Bald nach diesem Friedensschluß erlitt der schmalkaldische Bund einen schmerzlichen Verlust. Am 15. August hatte Kurfürst Johann den Beständigen von Sachsen auf dem Schlosse Schweinitz ein Schlagfluß getroffen. Am nächsten Morgen früh 10 Uhr standen Luther und Melanchthon am Sterbebette des edlen Fürsten, der zu Speyer, Augsburg und Schmalkalden fest, entschieden und beständig für die evangelische Sache eingetreten war. Am Sonntag darauf bestattete man ihn neben seinem Bruder, Friedrich dem Weisen, in der Schloßkirche zu Wittenberg. Luther hielt die Leichenpredigt. Johann Friedrich, des Heimgegangenen Sohn, übernahm das Regiment.
Insbesondere Melanchthon und die süddeutschen Gottesgelehrten, allen voran Martin Butzer in Straßburg, hatten den dringenden Wunsch, alle Evangelischen Deutschlands und der Schweiz möchten sich aufs engste verbinden. Von solchen Einigungsplänen war Luther kein Freund. Er fürchtete, daß dabei die reine Lehre, insbesondere vom heiligen Abendmahl, leiden werde. Auf keinen Fall wollte er seine feste Gewißheit, daß im heiligen Abendmahle Christus selbst gegenwärtig sei und sich allen Abendmahlsgästen mitteile, preisgeben. Als Geistesverwandte aber der Süddeutschen und der Schweizer, insbesondere Zwinglis, erschienen ihm die Wiedertäufer, die gerade damals viel von sich reden machten. Die entsetzlichste Verzerrung evangelischer Freiheit und die abscheulichste Verkehrung derselben in fleischliche Zügellosigkeit hat im Jahre 1534 zu Münster stattgefunden. Man müsse an der Wand greifen, sagte Luther, daß der Teufel dort leibhaftig haushalte. Am 25. Juni 1535 ward die Stadt in blutigem Kampfe den »Heiligen« abgenommen. Erst als die Süddeutschen sich in ihrer Abendmahlslehre derjenigen Luthers eng näherten, ließ sich dieser zu weiteren Verhandlungen herbei. Im Mai 1536 war eine große Zahl Gottesgelehrter aus Straßburg, Augsburg, Ulm, Memmingen, Frankfurt, Konstanz und anderen Städten in Wittenberg versammelt. Da wurde die Einigkeit hergestellt. Es war ein großer Augenblick, und man begreift's, daß den Anwesenden die Thränen ins Auge traten, als Luther mit freudig bewegter Stimme erklärte: »Weil es denn so steht, so sind wir eins, erkennen und nehmen euch an als unsere lieben Brüder im Herrn.«
Im Nürnberger Religionsfrieden war Waffenstillstand beschlossen worden, bis einmal auf einer Kirchenversammlung die Streitigkeiten zwischen den Evangelischen und Römischen entschieden worden wären. Das wäre natürlich für einen Papst ein großer Triumph gewesen, wenn's ihm gelungen wäre, die abtrünnigen Protestanten in den Schoß der sogenannten »allein selig machenden« Kirche zurückzuführen. Papst Paul III., der seit dem Jahre 1534 auf dem römischen Stuhle saß, hoffte sich diesen Ruhm zu erwerben. Schlau sind die Päpste meistens gewesen, Paul III. aber war es besonders. Er plante eine Kirchenversammlung, bedauerte aber, dieselbe nicht, wie es die Evangelischen wollten, in Deutschland, sondern nur in Italien abhalten zu können. Mantua wurde dazu bestimmt. Die schmalkaldischen Bundesgenossen ließen jedoch dem päpstlichen Gesandten erklären: erstens würde hoffentlich der Kaiser nicht zugeben, daß das Konzil auf anderem als deutschem Gebiet gehalten würde, und zweitens könne nur die Heilige Schrift, aber nicht ein Konzil in Glaubenssachen entscheiden.
Der Papst kümmerte sich jetzt nicht weiter um die Protestanten, sondern schrieb einfach für das Jahr 1537 eine Kirchenversammlung nach Mantua aus. Man beriet auf protestantischer Seite viel hin und her, was zu thun sei. Schließlich einigten sich die Glieder des evangelischen Bundes dahin, im Februar 1537 in Schmalkalden zusammenzukommen. Dort sollte beschlossen werden, was auf dem Konzil »aufs äußerste zu verteidigen« sei. Von vornherein erstrebte man volle Einmütigkeit. Luther hatte den Auftrag aufzusetzen, was der Versammlung vorgelegt werden sollte. Er sollte aufzeichnen, »worauf er in allen Artikeln, die er bisher gelehrt, gepredigt und geschrieben, auf einem Konzil, auch in seinem letzten Abschied von dieser Welt vor Gottes allmächtigem Gericht gedächte zu beruhen und zu bleiben und darinnen ohne Verletzung göttlicher Majestät, es betreffe gleich Leib oder Gut, Frieden oder Unfrieden, nicht zu weichen.«
Das that Luther in den sogenannten »Schmalkaldischen Artikeln«, die ebenso wie die Augsburgische Konfession, die Apologie und die beiden Katechismen zu den Bekenntnisschriften unserer Kirche gehören. Die »Schmalkaldischen Artikel« zerfallen in drei Teile. Im ersten handelt Luther »von den hohen Artikeln der göttlichen Majestät«. Über dieselben bestand keine Meinungsverschiedenheit. Desto mehr aber über das, was der zweite Teil besagt. Hier stellt Luther den Satz von der Rechtfertigung allein aus dem Glauben in den Vordergrund. »Von diesem Artikel kann man nichts weichen oder nachgeben, es falle Himmel und Erde, oder was nicht bleiben will. Und auf diesem Artikel steht alles, das wir wider den Papst, Teufel und Welt lehren und leben. Darum müssen wir des gar gewiß sein und nicht zweifeln, sonst ist es alles verloren und behält Papst und Teufel und alles wider uns den Sieg und Recht.« Im zweiten Artikel wird die Schriftwidrigkeit der Messe nachgewiesen. Im dritten fordert Luther, die Klöster sollen dazu verwendet werden, »daß man Pfarrer, Prediger und andere Kirchendiener haben möge, auch sonst nötige Personen zu weltlichem Regiment in Städten und Ländern, auch wohlerzogene Jungfrauen zu Hausmüttern und Haushälterinnen.« Vielfach ist Luthers Rat befolgt worden, z. B. bei der Gründung der Fürstenschulen zu Meißen, Grimma und Schulpforta. Der vierte Artikel weist nach, daß der Papst nicht aus Gottes Wort und nach göttlicher Einsetzung das Haupt der Christenheit ist. »An diesen vier Artikeln,« meinte Luther, »werden sie genugsam zu verdammen haben im Konzil.« Er fügt deshalb noch einen dritten Teil hinzu mit einer Reihe von nicht gerade grundsätzlichen Artikeln, über die vielleicht eine Verständigung erzielt werden könnte. Eine Nachgiebigkeit auf dem Boden der reformatorischen Grundsätze hielt Luther bei den Römischen für ausgeschlossen. Er wußte genau: Entweder bleibt der Papst Papst -- dann läßt er das Evangelium nicht zu -- oder er läßt das Evangelium zu -- dann hört er auf Papst zu sein. Darum betete Luther: »Ach lieber Herr Jesu Christe, halt du selber Konzil und erlöse die Deinen durch deine herrliche Zukunft. Es ist mit dem Papst und den Seinen verloren; sie wollen dein nicht. So hilf du uns Armen und Elenden, die wir zu dir seufzen und dich suchen mit Ernst, nach der Gnade, die du uns gegeben hast, durch deinen heiligen Geist, der mit dir und dem Vater lebet und regieret, ewiglich gelobet. Amen.«
[Illustration]
9. Ein Tag im Hause Luthers.
Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, ist eingeweiht.
Goethe.
Wer einmal nach Eisenach kommt, wird ganz gewiß nicht versäumen, auf die Wartburg zu wandern und sich das Zimmer zeigen zu lassen, in dem einst unser Luther als Junker Jörg gewohnt und das Neue Testament übersetzt hat. Und wer einmal nach Wittenberg kommt, der wird nicht versäumen, das Haus Luthers zu besuchen. Es ist das alte Augustinerkloster. Der Kurfürst hat es einst dem Reformator geschenkt. Man hat recht daran gethan, daß man in diesem Hause möglichst wenig geändert hat. Das sieht man vor allem an dem großen Wohnzimmer. Ganz wie es einst zu Luthers Lebzeiten war, ist's geblieben. Dort der mächtige Kachelofen -- da mag manchmal Muhme Lene sich gewärmt haben! Dort der große Familientisch, da haben sie sich zu Mittag und Abend zu fröhlicher Mahlzeit versammelt. Dort die tiefe Fensternische mit dem Lehnstuhl -- da hat Käthe Luther oft gearbeitet und mitunter durchs Fenster nach den spielenden Kindern geschaut. Ist's nicht, als müßte Luther selbst aus seiner Studierstube hereintreten?
[Illustration: Lutherhaus in Wittenberg.]
So versetzen wir uns denn einmal um Jahrhunderte zurück, kehren ein in Luthers Hause und wollen einen Tag lang stille Beobachter und Zuhörer sein! Es ist am frühen Morgen. Schon füllt sich das Wohnzimmer. Wer sind alle, die da kommen? Dort die ehrwürdige Muhme Lene, Frau Luthers Tante, die einst auch Nonne im Kloster zu Nimbschen gewesen war und nun hier eine freundliche Unterkunft gefunden hatte, und mit ihr die älteren Kinder des Hauses, Hans und Lenchen. Dort mehrere Studenten und ein vertriebener evangelischer Prediger, dem der gastfreie Hausherr Herberge gewährt hat. Dort die Dienstboten, die Luther immer zu seiner Familie rechnete, allerdings mit der Forderung, daß sie wie die Kinder des Hauses Zucht sich unterwürfen. Und nun treten mit freundlichem Gruße Hausvater und Hausmutter ein, mit ihnen die drei jüngsten Kinder, Martin, Paul und Margarethe. In früher Morgenstunde ist die Hausgemeinde zum Gottesdienst versammelt -- wahrlich ein schönes Bild! Wenn's doch so in allen Häusern wäre! Dann erst geht's an die Arbeit: die Hausfrau mit den Dienstboten in die Zimmer und Küche und Keller, in den Garten und in den Stall! Es gab viel zu thun in diesem Hause! Der Hausvater und die Studenten nehmen ihre Bücher und eilen in die Vorlesungen.
[Illustration: Lutherstube in Wittenberg.]
Es ist schon ein gut Stück Tagesarbeit gethan, als um zehn Uhr -- so war es damals Brauch -- zum Mittagessen gerufen wurde. Von seinen Vorlesungen war Luther in die Stadtkirche gegangen, um bei der feierlichen Weihe einiger junger Prediger gegenwärtig zu sein. Dann hat er fleißig an seinem Schreibtisch gearbeitet, -- morgen soll er auf Wunsch des Kurfürsten vor dessen Gästen in der Schloßkirche predigen --, hat mehrere Briefe geschrieben und ist trotz seiner vielen Arbeiten nicht böse gewesen, als Freund Melanchthon kam, um etwas zu fragen, als einige Fremde vorsprachen, die ihn nur einmal sehen wollten, und als eins der jüngsten Kinder anfing, sich neben dem Schreibtisch eine Spielecke einzurichten und dem Vater etwas laut Gesellschaft zu leisten.
[Illustration: Luthers Familie]
Nicht nur die Hausbewohner stellten sich an Luthers Tische ein. Mancher arme Student fand da ein Plätzchen. Fremde Gäste, die Luther besuchten, mußten auch an der Mittagsmahlzeit teilnehmen. Da war's ein großer Kreis, für den die wackere Hausfrau zu sorgen hatte, und es mag ihr sehr willkommen gewesen sein, wenn eine dankbare Stadt, der Luther einen wichtigen Dienst geleistet hatte, oder ein reicher Freund einmal ein Stück Wildbret in die Küche oder ein Faß Wein in den Keller schickte. Daß man sich in Luthers Hause nicht ohne Tischgebet zum Essen setzte, versteht sich von selbst. Eins der Kinder mußte es sprechen. Bald begann dann eine fröhliche Unterhaltung, wie sie Luther bei Tische liebte. War ein fremder Gast aus fernen Landen zugegen, der mußte von seiner Heimat erzählen. Auch manch ernstes Gespräch ist da geführt worden. Was unser Luther redete, war von Wichtigkeit. Drum haben's die »Tischgesellen« sich wohl gemerkt, auch manches gleich bei Tische aufgeschrieben. Wir haben ein paar Bände solcher »Tischreden« Luthers, in denen es auch an manchem heiteren Wort nicht fehlt.
Nach des Tages Arbeit fand man sich zum Abendbrot wieder zusammen. Dann geht es hinaus in den wohlgepflegten Garten, wo Luther sich an der Schönheit der Blumen und am Gesang der Vögel erfreut, Käthe aber mit Stolz das prächtig gedeihende Gemüse betrachtet. Statt zum Kegelschieben oder einem anderen Spiel im Freien, wie sonst oft, fordert Luther heute die jungen Leute auf, noch ein Stündchen in sein Studierzimmer zu kommen und mit ihm eine »Hausmusika« zu veranstalten. Ein Krug frisches Bier, von der tüchtigen und fleißigen Käthe selbst gebraut, erquickt die Sänger. Kaum aber ist die Sonne untergegangen, so sammelt man sich noch einmal im Wohnzimmer zur gemeinsamen Abendandacht. Die Kleinen und Kleinsten gehen zur Ruhe. In dem Turmzimmer aber, dessen Fenster nach der Elbe hinausblickt, ist noch lange Licht. Dort sitzt der fleißige Luther über der Bibel. Morgen wollen die Freunde Melanchthon, Bugenhagen, Cruciger, Rörer und andere kommen, um mit ihm an der Übersetzung einer besonders schwierigen Stelle des Alten Testaments zu arbeiten. Mitternacht ist's geworden. Von St. Marien und von der Schloßkirche bringen die Glocken dem neuen Tag den ersten Gruß. Luther tritt ans offene Fenster, schaut nach dem sternenbedeckten Himmel, faltet die Hände zum Gebet und spricht seinen Abendsegen.
So friedlich und freundlich wie heute ist's freilich nicht immer in Luthers Hause gewesen. Auch Kummer und Sorge, Krankheit und Tod haben dort ihren Einzug gehalten, und die beiden Eltern haben wie andere Christenleute ihr Kreuz zu tragen gehabt. Der trübste Tag in Luthers Hause ist wohl der gewesen, da das dreizehnjährige Lenchen starb. Aber Luther, der so manchen Trauernden zu trösten gewußt hat, trauerte auch selbst nicht ohne Trost. Bei den »Heiligen im Himmel« suchte er hinfort das tote Kind, dessen er auf Erden nach Gottes Rat nur kurze Zeit sich hatte freuen sollen.
[Illustration]
10. Luthers Freunde.
Ein treuer Freund ist ein Trost des Lebens; wer Gott fürchtet, der kriegt solchen Freund.
Sirach 6, 16.
Das wäre eine lange Reihe, wollte man sie alle aufzählen, die zu Luthers Freundeskreis gehörten -- und wie viele treue Freunde mag er hin und her in Stadt und Land gehabt haben, deren Namen wir gar nicht kennen! Nur von solchen Freunden, die unserm Luther am nächsten standen und von denen der liebe Leser gewiß schon etwas gehört hat, soll hier kurz die Rede sein!
[Illustration: Friedrich der Weise, Johann der Beständige, Johann Friedrich der Großmütige.]
Da nennen wir zuerst den wackeren Kurfürst ~Friedrich den Weisen~ von Sachsen. Ihm hatte Luther viel zu danken. Immer hielt er über seinem Wittenberger Professor seine schützende Hand. Er verhinderte es, daß man Luther nach Rom brachte. Er weigerte sich, gegen den gebannten Luther etwas zu thun. Statt dessen brachte er den Geächteten auf der Wartburg in Sicherheit. Und wie dankbar ist Luther für das alles seinem Kurfürsten gewesen! Er hat's ihm nicht nur in den Trauerpredigten gedankt, die er nach des Landesherrn Abscheiden hielt, sondern sein Leben lang hat er die besonderen Tugenden Friedrichs des Weisen gerühmt, »neben seiner Weisheit und Vorsicht namentlich seine Milde gegen seine Unterthanen, seine Liebe zur Gerechtigkeit, seinen Haß gegen alle Lüge«. Zu Luthers treuesten Freunden haben auch Friedrichs des Weisen Nachfolger gehört, ~Johann der Beständige~, der sich oft in der Kirche Luthers Predigten nachschrieb, und ~Johann Friedrich der Großmütige~, der selten nach Wittenberg kam, ohne sich von Luther in der Schloßkirche eine Predigt halten zu lassen.
[Illustration: Justus Jonas.]