Part 2
Wie aber kam Luther nach Rom und was hat er in Rom erlebt? Johann Staupitz war der Meinung, daß in den Augustinerklöstern Deutschlands mancherlei anders werden mußte. Mit seinen Besserungsvorschlägen waren aber nicht alle Klöster einverstanden. Da sollte der Papst selbst die Entscheidung treffen und ein Machtwort sprechen. Ein Wittenberger Doktor der Theologie, der früher selbst einem Augustinerkloster vorgestanden hatte, wurde beauftragt, nach Rom zu reisen und dem Papst die Angelegenheit zu unterbreiten. Luther sollte sein Begleiter sein. Durch Thüringen, Bayern, Schwaben, Vorarlberg und Graubünden zogen die beiden im Spätherbst des Jahres 1511 nach Mailand, von da über Florenz nach Rom. Wenn heutzutage jemand nach Italien reist, bewundert er die schneebedeckten Bergriesen, welche die deutschen von den welschen Landen trennen, erquickt sich dann an der Lieblichkeit der fruchtbaren italienischen Ebene und bewundert Schritt für Schritt die Denkmäler des grauen Altertums, die prächtigen
[Illustration: Luther als Mönch.]
Kirchen und die reichen Kunstschätze. Luther reiste mit anderen Gedanken. Sein ganzes Sinnen war auf das Seelenheil gerichtet. Ob er nicht dessen in der Hauptstadt der Christenheit würde gewiß werden können? Als Luther Rom zum ersten Male schaute, sank er in die Kniee, erhob die Hände und sprach: »Sei mir gegrüßt, du heiliges Rom, dreimal heilig von der Märtyrer Blut, das da vergossen ward!« Bei den Augustinern fand er mit seinem Gefährten Aufnahme. Diesem lag die Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten ob. Luther hatte Zeit, sich in der Stadt umzusehen. Da lief er, wie er selbst erzählt, durch alle Kirchen, betete, beichtete und las an manchem Altar die Messe. Er hatte gedacht, in Rom müßten alle Leute recht fromm, die Priester aber ganz besonders heilig sein. Zu seiner tiefen Betrübnis aber mußte er wahrnehmen, daß das in Italien gebräuchliche Sprichwort: »Je näher Rom, je ärger Christ!« die Wahrheit redete. Wenn nun Rom mit seinen reichen Gnadenschätzen wirklich einer Seele zur Frömmigkeit und zum Frieden sollte helfen können, mußte es da in der »heiligen« Stadt nicht ganz anders aussehen? So wurde gerade in Rom Luther von dem Gedanken gequält, daß alle von der Kirche angepriesenen Gnadenmittel ihm nicht geben konnten, was er mit der ganzen Inbrunst seiner nach Gott verlangenden Seele suchte.
In Rom zeigt man noch heute, wie damals die Treppe, die einst vor dem Richthause des Pilatus zu Jerusalem gestanden haben soll. Luther rutschte ihre 28 Stufen auf den Knien hinauf, weil solch »frommem« Werke reiche Ablaßgnade verhießen war. Während er's aber that, mußte er an ein Wort denken, daß ihm auf der ganzen Romreise durch die Seele klang: »Der Gerechte wird seines Glaubens leben« (Habakuk 2, 4). Stimmte zu diesem Worte der Heiligen Schrift, was die Kirche von dem Friede suchenden Christen forderte? War es nicht die Pflicht eines Jeden, der seine Kirche lieb hatte, ihre Lehre und ihr Leben wieder mit der Heiligen Schrift in Einklang zu bringen? Mit solchen Gedanken mag Luther heimgekehrt sein. Im Frühjahr 1512 finden wir ihn wieder in Wittenberg.
Noch lag für ihn ein Schleier über der Heiligen Schrift. Wer Gottes Wort verstehen will, der muß die Eine große Wahrheit erfaßt haben: Gott ist die Liebe. Die Liebe Gottes in Jesu Christo geoffenbart, ist das Licht, das die Bibel durchflutet. Bisher hatte die Furcht vor Gottes Zorn und Christi strengem Gericht Luthers Herz erfüllt. Er hatte gemeint, alles thun zu müssen, was er nur thun konnte, um Gottes Zorn zu besänftigen und Christi Erbarmen zu verdienen. Da war es Johann Staupitz, der ihn Gott anders erkennen lehrte: Gott ist nicht ein Gott des Zorns, sondern Gott ist die Liebe. Christus ist nicht der zürnende Richter, sondern unser Heiland und Erlöser. Nicht unsere Werke vermögen etwas, sondern die Liebe Gottes, die in uns wohnt. Jetzt erst erschloß sich Luthers suchender Seele die Heilige Schrift in ihrer ganzen Herrlichkeit. Jetzt erquickte sich sein Herz an den köstlichen Sprüchen, wie: »Ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß er sich bekehre und lebe« (Hesek. 33, 11); »Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten« (Ps. 51, 19). Und als Luther die berühmte Stelle des Römerbriefes (3, 21. 22): »Nun aber ist ohne Zuthun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, geoffenbart und bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich sage aber von solcher Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesum Christ zu Allen und auf Alle, die da glauben« verstehen lernte, daß da »nicht die Gerechtigkeit des Menschen oder des eigenen Willens gemeint ist, sondern die Gerechtigkeit Gottes, aber nicht die, durch welche Gott gerecht ist, sondern die, mit der er den Menschen bekleidet, wenn er den Gottlosen rechtfertigt«, da war's ihm wie heller lichter Tag, da hatte er den Frieden gefunden und bekannte jubelnd: »Das Leben muß aus dem Glauben herkommen! Da wurde mir die ganze Heilige Schrift und der Himmel selbst aufgethan!«
»Gezwungen und getrieben ohne seinen Dank« wurde Luther im Oktober 1512 zum Doktor der Theologie ernannt. Der Kurfürst Friedrich der Weise hat die Kosten bezahlt. Nun galt Luthers ganze Thätigkeit der Heiligen Schrift. Nur ihr lebte er fortan. Was dem Tier die Weide, dem Menschen das Haus, dem Vogel das Nest, der Gemse der Fels, dem Fische der Strom ist, das ist die Heilige Schrift den gläubigen Seelen, lautete sein schönes Bekenntnis. Die Heilige Schrift legte er den Studenten aus. Ihr Verständnis erschloß er den Klosterbrüdern. Jede seiner Predigten wurde ein freudiges Zeugnis des Friedens, den er in Gottes Wort gefunden hatte, eine ernste Mahnung zu aufrichtiger Buße und eine freundliche Einladung: Kommt zu Jesu! Er sollte nun die Mauern niederreißen, die die Kirche des Mittelalters zwischen der Menschenseele und ihrem Gott aufgerichtet hatte. Er war dazu berufen, auf Grund der Heiligen Schrift der Christenheit den zu zeigen, der da spricht: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, Niemand kommt zum Vater, denn durch mich« (Joh. 14, 6).
[Illustration]
[Illustration: Wittenberg.]
4. Kampf und Sieg.
+a+) Der Ablaßhandel.
Ihr habt den Weinberg verderbet, und der Raub von den Armen ist in eurem Hause.
Jes. 3, 14
Je glücklicher sich Luther fühlte, seit er innerlich frei geworden war im Glauben an seinen Heiland, um so schmerzlicher empfand er's, daß es die Kirche versäumte, gewissenhaft die Leute zu lehren: »Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein andrer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden« (Apostelg. 4, 12). Das hätte doch auf allen Kanzeln gepredigt werden müssen. Das hätten die Lehrer den Kindern ins Herz prägen sollen. Vor allem hätten die Priester den Leuten, die im Beichtstuhl ihre Sünden bekannten und Vergebung begehrten, sagen müssen: Glaubt an den Herrn Jesus, so habt ihr Vergebung der Sünden! Davon war nichts zu hören! Der Papst benutzte vielmehr das Verlangen der Christen nach dem Seelenheil, um seine Kassen zu füllen.
[Illustration: Johann Tetzel.]
Zu diesem Zwecke hatte man im Laufe der Zeit folgende Irrlehre ausgebildet: Nur der Priester kann dem Christen Vergebung der Sünden zusprechen. Er spricht sie dem zu, der Schmerz über seine Sünden empfindet und seine Sünden bekennt. Damit ist der Christ vom ewigen Tod befreit, aber die zeitlichen Strafen im irdischen Leben und im »Fegefeuer« bleiben noch bestehen. Diese Strafen behauptete nun die Kirche für diejenigen mildern zu können, die gewisse Büßungen oder Leistungen nach ihrer Anordnung auf sich nähmen. Diesen Erlaß oder Nachlaß der zeitlichen Sünden~strafen~ nannte man Ablaß. Man konnte ihn erlangen, wenn man gegen die Türken in den Krieg zog, wenn man eine Wallfahrt nach Palästina unternahm, wenn man die Pilatustreppe in Rom hinaufrutschte, wenn man eine bestimmte Anzahl Vaterunser betete und dergleichen mehr. Je mehr aber der Papst und seine Bischöfe Geld brauchten, um so mehr wurde den Leuten -- angeblich »aus rücksichtsvoller Milde der Mutter Kirche« -- die Möglichkeit gegeben, derartige Leistungen mit Geld abzulösen. Und um den Leuten solchen Ablaß als recht verlockend erscheinen zu lassen, pries man jetzt geradezu Vergebung der ~Sünden~ um Geld an. Frug aber jemand: Wer leistet denn nun jene Büßungen und »guten Werke« für mich? so antwortete man: Christus hat ja in seinem Leben viel mehr gute Werke gethan, als zur Tilgung der Sündenschuld der Menschheit nötig waren, und die Heiligen haben auch viel mehr gute Werke gethan, als Gottes Gesetz von ihnen forderte. So sind eine Menge ~überflüssiger~ guter Werke vorhanden. Das ist ein unermeßlicher Schatz der Kirche, aus dem sie ihren schwächeren Gliedern spenden und mitteilen kann. Wer Ablaß kauft, bekommt davon etwas. Ja, man kann auch zu Gunsten der armen Seelen im Fegefeuer Ablaß kaufen. Denn: »sobald der Groschen im Kasten klingt«, erklärte der Erzbischof von Mainz selbst, »fährt die Seele aus dem Fegefeuer zum Himmel auf.«
Welch' entsetzliche Verirrung ist das gewesen! Und wie frech priesen die Ablaßkrämer des Papstes reiche Gnade an! Luther sollte davon im eigenen Beichtstuhl zu hören bekommen. Als er den Beichtenden sagte, sie könnten Vergebung der Sünden nur erlangen, wenn sie dieselben ernstlich bereuten und Besserung gelobten, zeigten sie ihm ihren Ablaßzettel und sagten, da wäre ihnen schon Vergebung der Sünden schwarz auf weiß zugesichert, Buße und Besserung hätten sie also gar nicht nötig.
Schon seit einigen Jahren zog nämlich in Deutschland, auch in unserm Sachsen, der berüchtigte Ablaßkrämer Johann Tetzel umher. Er vertrieb den Ablaß für die Kasse des Kurfürsten Albrecht von Mainz, der zugleich Erzbischof von Magdeburg war und verstand das Geschäft des Ablaßhandels ganz vorzüglich.
Albrecht von Mainz brauchte viel Geld. Das Erzbistum hatte er teuer bezahlen und deshalb eine große Summe bei den reichen Fuggers in Augsburg borgen müssen. Zwar konnte der Papst sagen, daß er ihm nicht das Erzbistum verkauft hätte, sondern nur das erzbischöfliche Pallium. Das war ein schmaler, weißer, mit Kreuzen besetzter Kragen, dessen Wert Luther auf »etwa einen Groschen« schätzte. Der Papst ließ sich aber dafür 30000 Gulden bezahlen. Der Ablaßhandel sollte nun die Schuld decken. Die eine Hälfte des Ertrags bekam der Papst, der angeblich für den Neubau der Peterskirche das Geld verwenden wollte, die andere Hälfte steckten die Fuggers ein. Daß aber die Deutschen eifrig kauften und gut bezahlten, dafür sorgte Johann Tetzel.
Das war ein großer Festtag, wenn er mit seinem Kram in einer Stadt Einzug hielt. Rat und Bürgerschaft, Geistlichkeit und Schüler erwarteten den hohen »Himmelsgast« vor den Thoren, um ihn mit Fahnen und brennenden Kerzen unter Glockengeläute in die Stadt zu führen. Ein breites, rotes Kreuz mit des Papstes Wappen und ein sammetnes Kissen mit des Papstes pergamentenem Ablaßbriefe trug man Tetzel voran. So ging es bis zur Kirche. Am Hauptaltar wurde der Ablaßkasten niedergelegt und das Kreuz aufgerichtet. Da gab es ein Leben die kommenden Tage. Von weither zogen die Leute herbei, um Ablaß zu lösen, den Tetzel und seine Gehilfen beredten Mundes anzupreisen wußten: »Nie wird wieder Sündenvergebung und ewiges Leben zu einem so geringen Preise erlangt werden können. Auch ist keine Hoffnung vorhanden, daß, so lange die Welt steht, eine solche Freigebigkeit des römischen Stuhls für Deutschland wiederkehrt. Es mag jedermann des Heils seiner eigenen Seele und der Seelen seiner Verstorbenen wahrnehmen! Jetzt ist der Tag des Heils, jetzt ist die angenehme Zeit! Versäume niemand seiner Seele Seligkeit!« Da wanderte manch schönes Guldenstück in Tetzels Ablaßkasten. Friede in Herz und Gewissen war dem Volke mehr wert, als Gold und Silber. Niemals ist schändlicherer Betrug geübt worden, als in jenem Ablaßhandel.
Im Herbste des Jahres 1517 kam Tetzel in die Nähe von Wittenberg. Viele ernste Christen waren entsetzt über den schmählichen, Gottesfurcht, Frömmigkeit und Zucht untergrabenden Handel. Da ließ es Luther keine Ruhe mehr. Herz und Gewissen drängten ihn, dagegen seine Stimme zu erheben. Er that es in seinen berühmten »95 Thesen.«
+b+) Luther schlägt die 95 Thesen an.
Wir können nichts wider die Wahrheit sondern für die Wahrheit.
2. Cor. 13, 8.
Am 1. November, dem Allerheiligentage, feierte die Schloßkirche zu Wittenberg ihre Kirchweih. Das war ein großer Festtag, zu dem viel Volks, auch viele Priester und Mönche nach Wittenberg kamen. Die Universität wollte solchen Tag in ihrer Weise mitfeiern. Ein gelehrter Professor stellte Thesen, d. i. einzelne Sätze, auf und lud andere gelehrte Leute ein, über dieselben in feierlicher Versammlung mit ihm zu disputieren. Am Tag vor Allerheiligen -- am 31. Oktober -- 1517, einem Sonnabend -- es soll Mittag 12 Uhr gewesen sein, schlug Luther 95 solche Thesen an die Thür der Schloßkirche zu Wittenberg an. Dort waren schon manchmal derartige Streitsätze angeschlagen worden, ohne daß man lange davon gesprochen hätte. Luthers 95 Thesen sind noch nicht vergessen. An jedem Reformationsfest wird ihrer gedacht. Die Thür, an die Luthers Hand sie einst geschlagen, ist nicht mehr vorhanden. Eine eherne Pforte steht an ihrer Stelle und darauf sind jene Streitsätze, in Erz gegossen, zu lesen.
Luther hat seine Thesen in lateinischer Sprache abgefaßt. Sie waren nicht für das Volk bestimmt. Die Gelehrten sollten sich aussprechen über das von Luther Gesagte. Die Überschrift und die wichtigsten jener 95 Sätze lauten auf Deutsch also:
»Aus Liebe zur Wahrheit und aus Verlangen, sie an den Tag zu bringen, soll über nachfolgende Sätze zu Wittenberg disputiert werden unter dem Vorsitz des ehrwürdigen Vaters Martin Luther, der freien Künste und der h. Theologie Magister, der letzteren auch ordentlichen Lehrers daselbst. Er bittet daher, daß die, welche nicht mündlich in persönlicher Anwesenheit mit uns sich unterreden können, es abwesend auf schriftlichem Wege thun wollen. Im Namen unseres Herrn Jesu Christi. Amen.«
1. These: »Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: »Thut Buße!« (Matth. 4, 17) hat er gewollt, daß das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.«
32. These: »Wer durch Ablaßbriefe meint seiner Seligkeit gewiß zu sein, der wird ewiglich verdammt sein samt seinen Lehrmeistern.«
33. These: »Nimm dich wohl in Acht vor denen, die da sagen, der Ablaß des Papstes sei jene unschätzbare Gabe Gottes, durch welche der Mensch Gott versöhnt werde.«
36. These: »Jeglicher Christ hat, wenn er in aufrichtiger Reue steht, vollkommenen Erlaß von Strafe und Schuld, die ihm auch ohne Ablaßbriefe gebührt.«
37. These: »Jeder wahre Christ, ob lebend oder tot, hat Anteil an allen geistlichen Gütern Christi und der Kirche. Gott hat ihm diesen auch ohne Ablaßbriefe gegeben.«
43. These: »Man lehre die Christen, daß, wer dem Armen giebt oder dem Bedürftigen leiht, besser thut, als wenn er Ablaß lösen wollte.«
45. These: »Man lehre die Christen, daß, wenn er einen Bedürftigen sieht und des ungeachtet sein Geld für Ablaß hingiebt, nicht Papstes Ablaß, wohl aber Gottes Zorn damit erwirbt.«
46. These: »Man lehre die Christen, daß, wenn sie nicht überflüssiges Gut reichlich besitzen, sie verpflichtet sind, das, was zur Notdurft gehört, für ihr Haus zu behalten und mit nichten für Ablaß zu verschwenden.«
50. These: »Man lehre die Christen, daß, wenn der Papst den Schacher der Ablaßprediger wüßte, er lieber den Dom St. Petri werde zu Asche verbrennen lassen, als daß derselbe von Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe sollte erbaut werden.«
53. These: »Das sind Feinde Christi und des Papstes, die um der Ablaßpredigt willen das Wort Gottes in anderen Kirchen gänzlich verstummen machen.«
55. These: »Des Papstes Meinung ist selbstverständlich, daß, wenn man den Ablaß, als der nur geringen Wert hat, mit ~einer~ Glocke, mit ~ein~fachem Gepränge und Feierlichkeit begeht, man das Evangelium, als welches den höchsten Wert hat, mit hundert Glocken, hundertfachem Gepränge und Feierlichkeit rühmen soll.«
62. These: »Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.«
Da hört man den ganzen tiefen Ernst des Reformators heraus. Seine 95 Thesen »sind der Notschrei, der aus der Tiefe des erwachten deutschen Gewissens heraufdrang. Noch geht das Wort nicht gegen den Papst, der im Gegenteil verteidigt statt angegriffen wird; neuer und alter Wein, Gesetz und Evangelium gähren noch durcheinander. Wohl rollen schon von ferne die Donner drin und zucken die Blitze, die sich über dem ganzen Bau entladen werden; aber es scheint auch die warme Sonne des Evangeliums schon hindurch. Der das erste Wort hat, ist doch der Herr und Meister Christus. Die Sprache ist schon gewaltig und kühn, wuchtig die Worte, wie der Hammer, der sie anschlägt.«
Mit beispielloser Schnelligkeit verbreiteten sich Luthers 95 Thesen weit über Deutschland hinaus. »In vier Wochen hatten sie schier die ganze Christenheit durchlaufen, als wären die Engel selbst Botenläufer.« In Rom hatte man keine Ahnung von dem tiefen Ernst des deutschen Mönches und von der Tragweite jener Sätze. Was sollte das Mönchlein dem Haupte der Christenheit und dem gewaltigen, festgefügten Bau der Kirche anhaben können? Als unumstößliche Wahrheit galt, was die Kirche lehrt, mochte es in der Bibel begründet sein oder nicht. Wer anders als die Kirche lehrte, war ein Ketzer. Wie mancher war bereits beseitigt worden! Sollte es so schwer sein, auch mit diesem deutschen »Sohn der Bosheit« -- so nannte damals Papst Leo X. unseren Luther -- fertig zu werden?
[Illustration: Papst Leo X.]
Hingebende, treue Liebe und fester Gehorsam banden auch jetzt noch Luther an die Kirche. Aus Liebe zur Kirche kämpfte er gegen eine Irrlehre und einen Mißbrauch, durch die, wie er meinte, Papst und Kirche betrogen seien. Papst und Kirche haben niemals einen besseren Freund gehabt als Luther. Er hat es ehrlich gemeint. Aber für ihn war kein Platz in einer Kirche, die keinen Widerspruch vertragen und den Satz nicht dulden konnte: Die Heilige Schrift allein ist die Quelle des Glaubens und die Richtschnur des Lebens. Man lud Luther nach Rom vor. Hatte man ihn nur erst dort, so war ihm leicht der Prozeß zu machen. Luther fürchtete sich gewiß nicht vor dem Papst, obgleich er wie bei der Löwenhöhle in der Fabel so auch in der Löwenhöhle (»Leo« heißt auf deutsch »Löwe«) Rom nur Fußstapfen sah, die ~hinein~, aber keine, die ~hinaus~ führten. Aber Kurfürst Friedrich der Weise war in Sorge um seinen Professor und ließ ihn nicht in die gefährliche Löwenhöhle ziehen. Da mußte der Papst versuchen, auf deutschem Boden mit Luther fertig zu werden. Umsonst verhandelte Kardinal Kajetan zu Augsburg mit dem unbequemen, unbeugsamen Mönch, den weder Drohungen noch Versprechungen zum Widerruf bewegen konnten. »Geh! widerrufe oder komm mir nicht wieder vor die Augen!« war des Kardinals letztes Wort. Und die »Bestie mit den tiefen Augen und den wundersamen Spekulationen im Kopfe« -- so titulierte der Kardinal unsern Luther -- widerrief nicht und kam ihm nicht wieder vor die Augen. Geschickter als Kajetan wollte des Papstes Kammerherr, Karl von Miltitz, die Sache anfangen. Es gelang ihm auch, von Luther das Versprechen zu erhalten, er werde in Zukunft schweigen, wenn seine Gegner auch schwiegen. Aber lange dauerte es nicht, so riefen ihn diese von neuem auf den Kampfplatz.
Der Ingolstädter Professor +Dr.+ Johann Eck meinte im Kampfe gegen Luther sich ohne Mühe besondere Lorbeeren verdienen zu können. Auf sein Anregen sollte im Sommer 1519 zu Leipzig eine Disputation gehalten werden. Da wollte er den Gegner öffentlich schlagen. Er hat sich freilich sehr geirrt. Was er erreichte, war nur dies, daß Luther unumwunden erklärte: Das Papsttum beruht nicht auf göttlicher Einsetzung. Daß sogar eine Kirchenversammlung (Concil) irren kann, hat das Kostnitzer Concil bewiesen, indem es ganz evangelische Sätze verdammte. Herzog Georg der Bärtige von Sachsen, der für die Schäden der Kirche nicht blind war, aber das, was Luther lehrte als Ketzerei ansah und haßte, rief, als er solches hörte, aus: »Das walt' die Sucht!« Immer deutlicher ward es Luther, daß man in Glaubenssachen sich weder auf ein Wort aus dem Munde des Papstes noch auf einen Beschluß der Kirche, sondern einzig und allein auf die Schrift gründen dürfe.
[Illustration: +Dr.+ Johann Eck.]
[Illustration: Titelblatt der von Luther in Leipzig gehaltenen Predigt.
(Das auf diesem Titel befindliche Bild Luthers ist das älteste des Reformators. Die Umschrift ist im Spiegel zu lesen).]
Ein Leipziger Professor, der der Disputation von Anfang bis zu Ende beigewohnt hat, hat uns den Eindruck geschildert, den Luthers Person und Auftreten machte. Seine Worte zeichnen uns ein anschauliches Bild des mutigen Gottesstreiters: »Luther ist zwar nur mittelgroß und schmächtig; denn Sorgen und Studien haben ihn gleichmäßig erschöpft, so daß, wer ihn nur näher ansieht, alle Knochen an ihm zählen kann. Aber er ist frisch und bei voller Jugendkraft, seine Stimme hell und klar, bewundernswert seine Gelehrsamkeit und Schriftkenntnis, so daß er alles bereit hat. Griechisch und Hebräisch hat er soweit inne, daß er über Auslegung der Heiligen Schrift urteilen kann. Auch fehlt es ihm nicht an Redegabe; denn es steht ihm ein großer Vorrat von Wörtern und Sachen zu Gebote. Vielleicht möchte man an ihm Urteilskraft und die rechte Anwendung derselben vermissen. Im täglichen Leben ist er höflich und freundlich, ohne alles Finstere und Strenge in seinem Wesen, ein launiger und angenehmer Gesellschafter, bald lebhaft, bald ruhig, je nachdem, aber immer freundlichen Angesichts, wie arg auch die Gegner ihn bedrohen, so daß es nicht glaublich ist, ein Mann unternehme so Schwieriges ohne den Willen Gottes. Aber freilich, was fast alle ihm zum Fehler machen: er ist im Tadeln rücksichtsloser und bissiger, als es für einen, der auf Neuerungen in der Religion denkt, sicher aber für einen Theologen anständig ist. Vielleicht hat er diesen Fehler mit allen denen gemein, die erst spät zur Gelehrsamkeit gelangen.«
[Illustration: Alt-Leipzig.]
+c+) Der Sieg des Gebannten.
Viele schelten mich übel, daß jedermann sich vor mir scheuet; sie ratschlagen miteinander über mich und denken mir das Leben zu nehmen. Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott!
Psalm 31, 14. 15.
Die Geschichte von David und dem Riesen Goliath hat sich oft wiederholt. Mancher christliche Held hat im Kampfe auf Gott geschaut und zu seinem Feind gesprochen: »Du kommst zu mir mit Schwert, Spieß und Schild; ich aber komme zu dir im Namen des Herrn Zebaoth« (1. Sam. 17, 45) -- und hat gesiegt! Sieger waren die beiden Apostel, die als Gefangene vor dem Hohen Rat standen und das Bekenntnis ablegten: »Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein andrer Name den Menschen gegeben, darinnen wir sollen selig werden. -- Wir können es ja nicht lassen, daß wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehört haben« (Apostelgesch. 4, 12. 20). Verhöhnt von der Weisheit Griechenlands predigt Paulus auf dem Areopag -- und doch stürzt sein Wort Götterbilder und Götzentempel. Als ein Gebundener zieht er in Rom ein -- und doch muß der Kaiser, der der Welt gebietet, vom Throne steigen und Krone und Szepter dem Gekreuzigten zu Füßen legen.
Kaiser und Papst, die ganze Welt steht Luther gegenüber -- und Luther siegt. Es mußte wahr werden:
»Es streit für uns der rechte Mann, Den Gott hat selbst erkoren. Fragst du, wer er ist? Er heißt Jesus Christ, Der Herr Zebaoth, Und ist kein andrer Gott: Das Feld muß er behalten!«
Luther ~wollte~ keinen andern Helfer im Kampfe als Gott und sein Wort. Edle deutsche Ritter, wie Franz von Sickingen, Ulrich von Hutten, Hartmut von Kronberg, boten ihm ihr Schwert und ihre Burgen an. Er aber wollte kämpfen nur mit dem Schwert des Geistes. Seine feste Burg sollte allein Gott der Herr bleiben. Und wie hat Luther das Schwert des Geistes geschwungen! Jeder evangelische Christ müßte auf seinem Bücherbrett stehen haben Luthers herrliche Hauptschriften vom Jahre 1520.