Part 8
Das geschah auf dem Reichstage zu Augsburg im Jahre 1548. Man faßte den Beschluß, daß den Priestern die Ehe zu gestatten und das heilige Abendmahl unter beiderlei Gestalt auszuteilen sei. Der Pomp der katholischen Prozessionen und Feste sollte beibehalten werden. Den Protestanten räumte man den Satz ein, daß der Mensch nicht durch seine guten Werke, sondern durch das Verdienst Jesu Christi aus Gottes Barmherzigkeit gerecht werde. Man nannte diese Beschlüsse das ~Augsburger Interim~; denn sie sollten nur auf Zeit gelten, nämlich so lange, bis eine Kirchenversammlung eine endgiltige Entscheidung treffen würde. Nach des Kaisers Meinung sollte das Interim für Protestanten ~und~ Katholiken gelten. Aber mit Entschiedenheit lehnte es der Papst für seinen Teil ab, da es durchaus nicht Sache des Kaisers sei, Religionsgesetze zu erlassen. Selbstverständlich folgten dem Papst die katholischen Stände Deutschlands.
Wie stellten sich die deutschen Protestanten zum Interim? Standhaft weigerte sich der gefangene sächsische Kurfürst, dasselbe anzuerkennen, ebenso die Stadt Magdeburg. Die Kurfürsten von Brandenburg und von der Pfalz, der Landgraf von Hessen und der Herzog von Württemberg nahmen es an. Aber weithin setzten evangelische Prediger, die in der Annahme des Interims mit Recht eine Verleugnung der lauteren evangelischen Wahrheit erblickten, demselben entschiedenen Widerstand entgegen, unbekümmert darum, daß man sie aus Amt und Brot verstieß und aus der Heimat verjagte.
In einer schwierigen Lage befand sich Kurfürst Moritz von Sachsen. Dem Lande gegenüber hatte er zugesagt, die lautere Lehre des Evangeliums zu schützen -- diese enthielt aber das Interim keineswegs -- und der Kaiser forderte von ihm gehorsame Durchführung seines Willens. Moritz meinte beiden Verpflichtungen gegenüber gerecht werden zu können indem er einen Mittelweg einschlug. Diesen Weg sollte Philipp Melanchthon zeigen. Gern hätte der Kaiser Melanchthon in seiner Hand gehabt und unschädlich gemacht. Schon hatte er von Kurfürst Moritz dessen Auslieferung gefordert. Dieser aber antwortete dem Kaiser: »Euer Majestät möge sich besser erkundigen; sie wird sehen, daß sie unrecht über Magister Philipp berichtet ist, der, ein gottesfürchtiger, friedliebender und gelehrter Mensch, zu Wittenberg und in den Landen umher etliche gute Kirchengebräuche erhalten und viel Sekten und Uneinigkeit verhütet hat.« Melanchthon prüfte auf des Kurfürsten Befehl das Interim. Sein Urteil lautete: »Ich will überhaupt mein Gewissen nicht beladen mit diesem Buch; denn so die Regenten uns dringen würden, es also zu halten laut des Buchstabens, so würde eine große Verfolgung und viel Betrübnis und Ärgernis daraus kommen.« Die kurfürstlichen Räte thaten alles, Melanchthon zu bewegen in mancherlei Dingen, die zunächst die evangelische Lehre nicht betrafen, nachzugeben. Das Ergebnis ausgedehnter Verhandlungen der Wittenberger Theologen und des Leipziger Superintendenten Pfeffinger legte Kurfürst Moritz im Dezember 1548 dem Leipziger Landtag vor. Dieser nahm den ihm unterbreiteten Entwurf, das Leipziger Interim, nach mancherlei Widerspruch an.
Wie hat damals die Entschiedenheit, die Unbeugsamkeit und Standhaftigkeit Luthers gefehlt! Das Leipziger Interim mit seiner Unklarheit und seinem vorsichtigen Umgehen eines festen evangelischen Bekenntnisses war das traurige Zeugnis, daß es den Protestanten am Mute des Glaubens fehlte, der Luthers Stärke und Sieg gewesen war. Mit Gewalt suchte es Kurfürst Moritz in seinem Lande zur Anerkennung zu bringen. Daß es dauernden Frieden bringen könnte, hat wohl niemand ernstlich geglaubt.
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3. Endlich Friede!
Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr, nämlich Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.
Jer. 29, 11.
Schmerzlich empfand es Kurfürst Moritz, daß die Evangelischen, insbesondere auch seine eigenen Unterthanen ihn für einen Verräter der protestantischen Sache ansahen. Es erschien ihm wohl nicht zweifelhaft, daß der Kaiser, wenn's ihm seine Macht und die Verhältnisse gestatten würden, auch gegen ihn Gewalt brauchen werde. Schon jetzt fühlte er sich gedrückt und in seiner Freiheit beeinträchtigt durch das Verlangen des Kaisers, in seinem Lande das Interim einzuführen und anzuerkennen, was die päpstliche Kirchenversammlung beschließen werde. Das alles führte ihn zu dem Entschluß, die Fahne des Kaisers zu verlassen und die Sache des Protestantismus zu retten.
Im Herbst 1551 lag Moritz mit seinen Truppen vor dem standhaften Magdeburg, um im Auftrag des Kaisers an der treuen Stadt die Reichsacht zu vollziehen. Zu ihrer Überraschung erhielt die Stadt bei ihrer Übergabe die mildesten Bedingungen. Die Festungswerke blieben unversehrt. Moritz hielt sein Heer auch weiter um sich versammelt. Im Geheimen hatte er sich mit Mecklenburg, dem Markgrafen von Brandenburg und den Söhnen Philipps von Hessen verbunden; auch mit Frankreich hatte er einen Vertrag geschlossen. Sorgsam mußte alles vor dem Kaiser verborgen werden. Und in der That ist diesmal der Sachse klüger gewesen, als der Kaiser mit seinen durchtriebenen Räten. Im Sturme drang Moritz nach Süden vor. Sein Ziel war Innsbruck. Hier weilte der Kaiser. »In seiner Spelunke« wollte Moritz »den Fuchs aufsuchen«. Öffentlich gab er eine Erklärung ab, in der er seinen Schritt rechtfertigte und begründete. Er wollte der Bedrückung des Evangeliums ein Ende machen und die deutsche Freiheit retten: »So haben wir einmal Herz und Mannheit geschöpft, daß wir das beschwerliche Joch von uns werfen und die alte löbliche Freiheit unseres geliebten Vaterlandes deutscher Nation erretten mögen.«
Leider wurde Moritz durch die Widersetzlichkeit seiner Truppen etwas aufgehalten. Sonst wäre es ihm gelungen »den Fuchs in seiner Spelunke« zu fassen. So aber gelang es dem Kaiser rechtzeitig aus Innsbruck zu entkommen. Im Vertrag zu Passau (Juli 1552) wurde den Evangelischen »bis zur endgiltigen Ausgleichung der zwiespältigen Religionen« der Friede zugesichert.
Das war zugleich das Ende des verhaßten Interims, aber auch das Ende der Gefangenschaft Philipps von Hessen. Johann Friedrich von Sachsen hatte bereits in der Nacht, als der Kaiser aus Innsbruck floh, die Freiheit wieder erlangt.
Was zu Passau vertragsmäßig festgesetzt war, sollte auf einem Reichstag zum Gesetz erhoben werden. Der Reichstag zu Augsburg (1555) erkannte den Zustand, wie er damals war, als zu Recht bestehend an. Leider gelang es den Evangelischen aber nicht, dem Protestantismus auch für seine weitere Entwicklung volle Freiheit zu erwirken. Die Katholiken setzten den sogenannten »Geistlichen Vorbehalt« durch. Darnach sollte es keinem Kirchenfürsten gestattet sein, mit seinem Lande die katholische Kirche zu verlassen und sein geistliches Fürstentum in ein weltliches zu verwandeln. Wollte er zur evangelischen Kirche übertreten, so sollte er seiner geistlichen Würde und seiner weltlichen Macht verlustig gehen. Das war das Mittel, wodurch die Römlinge verhinderten, daß das ganze Deutschland evangelisch wurde.
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4. Das »Eintrachtsbuch«.
Seid allesamt gleich gesinnt!
1. Petri 3, 8.
An Einem hat's unserm deutschen Volke und unserer evangelischen Kirche oft gefehlt, an der rechten Einigkeit. Das hat Vaterland und Kirche mehr als einmal bitter büßen müssen. Uns ist es heute kaum verständlich, um welcher Fragen willen man sich im Jahrhundert der Reformation streiten konnte, und zwar nicht nur in den Kreisen der Gelehrten, sondern auch in den Gemeinden. Fast schien es, als sollte ein breiter, tiefer Graben zwischen zwei Parteien in der lutherischen Kirche gezogen werden. Die eine Partei wollte streng und unentwegt in Luthers Fußtapfen gehen und meinte das besonders dadurch zu thun, daß sie jede Annäherung an die Reformierten oder Katholiken sorgsam vermied. Die andere Partei trug das Gepräge Melanchthon'schen Geistes und suchte gerade das zu pflegen und zu erweitern, was man mit den Reformierten oder Katholiken Gemeinsames hatte und worüber man sich die Friedenshand reichen könnte. Daran nahmen jene strengen Lutheraner heftigen Anstoß. Als im Leipziger Interim die Philippisten -- so nannte man die letztere Partei -- den Katholiken mancherlei Zugeständnisse gemacht hatten, wurden sie für Verräter am wahren Luthertum erklärt. Die Söhne des gefangenen Kurfürsten von Sachsen gründeten im Jahre 1548 die Universität Jena. Diese sollte ein Hort der unverfälschten und unverwischten Lehre Luthers sein.
Die Verschiedenheit beider Richtungen zeigte sich vornehmlich in der Auffassung des heiligen Abendmahls. Melanchthon näherte sich darin der Lehre Calvins (s. oben S. 93). Man nannte deshalb seine Anhänger geradezu heimliche Calvinisten (Kryptocalvinisten). Eine Zeit lang hatten sie in Sachsen die Oberhand. Als aber von ihren Führern offen die Einigung der Lutheraner mit den Calvinisten empfohlen wurde, schritt Kurfürst August von Sachsen im Jahre 1574 zur gewaltsamen Unterdrückung der Melanchthon'schen Richtung. Ihre Anhänger wurden verjagt. Ihr Haupt, +Dr.+ Kaspar Peucer, Melanchthons Schwiegersohn, wurde festgenommen. Zwölf Jahre hat er um seiner Überzeugung willen im Gefängnis gesessen. Das waren traurige Zeiten. Der blinde Fanatismus sah und schärfte nur den Unterschied in einer Lehre. Es fehlte völlig an dem milden Sinn, der in dem gemeinsamen Glauben an Jesum Christum, den Gekreuzigten und Auferstandenen, den genügenden Grund zur gegenseitigen Duldung findet.
Schon seit einer Reihe von Jahren erstrebte man ernstlich die Einheit der evangelischen Kirche Deutschlands. Edle, verständige Fürsten erkannten die Gefahr, die in der Zersplitterung liegt. Unermüdlich arbeitete der gelehrte Jakob Andrä in Tübingen an der Herstellung des Friedens. Die Frucht gemeinsamer Arbeit mehrerer Theologen war die sogenannte Concordien- oder Eintrachtsformel (1577), die alle Lehrstreitigkeiten innerhalb der lutherischen Kirche zu schlichten suchte. Kursachsen, Brandenburg, die Pfalz und über 80 Städte stimmten ihr zu. An 8000 Männer, Geistliche und Lehrer haben sie unterschrieben und anerkannt. Wer sich des weigerte, wurde seines Amtes entsetzt und des Landes verwiesen.
Kurfürst August von Sachsen ließ die Bekenntnisschriften der evangelischen Kirche samt der Concordienformel in ein Buch zusammenfassen. Das nannte man das Concordien- oder Eintrachtsbuch. Am Jubeltage der Augsburgischen Konfession, am 25. Juni 1580, wurde es feierlich veröffentlicht. Zum Zeichen dafür, daß auch die lutherische Kirche ein Glied der großen Einen Kirche Jesu Christi auf Erden ist, sind die drei alten Glaubensbekenntnisse (das apostolische, das Nicänische und das Athanasianische) vorangestellt. Dann folgen die Augsburgische Konfession, wie sie im Jahre 1530 dem Kaiser vorgelegt worden war (s. oben S. 63 ff.), die Schmalkaldischen Artikel (s. oben S. 68), die beiden Katechismen Luthers (s. oben S. 48 ff.) und die Concordienformel.
51 Fürsten und 35 Städte haben das »Eintrachtsbuch« unterzeichnet.
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5. Berühmte Prediger, gläubige Dichter und fromme Künstler des Jahrhunderts der Reformation.
Es sind mancherlei Gaben, aber es ist Ein Geist.
1. Cor. 12, 4.
Die Reformation stellte Gottes Wort in den Mittelpunkt des Gottesdienstes. »Der größte Gottesdienst«, sagte Luther, »ist die Predigt. Durch sie kommt Christus zu dir oder du wirst zu ihm gebracht.« Die Predigt schloß der Gemeinde den ganzen Reichtum des göttlichen Wortes auf.
Der Meister der Predigt der Reformationszeit ist Luther. Alle anderen Prediger sind seine Schüler gewesen. Er selbst aber kannte keinen anderen Lehrmeister als Gottes Wort und ging bei Christus in die Schule. Von ihm lernte er so predigen, daß »es die Leute verstehen, fassen und behalten können.« Es hat wohl keinen ~fleißigeren~ Prediger gegeben als Luther. Er hat oft zweimal an einem Tage gepredigt. Mit dem Lichte göttlichen Worts beleuchtete Luthers Predigt das ganze Leben, Zeitliches und Ewiges, Irdisches und Himmlisches. Gern teilt Luther seine Predigten in zwei Teile -- der eine handelt vom Glauben, der andere von der Liebe. Da zeigt er erst, wie der Mensch durch den Glauben an Jesum Christum Gottes Gerechtigkeit erlangt. Dann predigt er, wie der Glaube sich in der Liebe bethätigen soll: im Familienleben, im Hausstand, im Gehorsam gegen die Obrigkeit, im Beruf, im Handel und Wandel. Luther begnügt sich nicht mit der Predigt über die gegebenen Sonntagstexte. Er wählt sich auch andere Bibelstellen oder predigt im Zusammenhange über ganze biblische Bücher. Weil ihn die geistliche Not des Volkes und der Jugend jammert, legt er auf der Kanzel den Katechismus von Anfang bis zu Ende aus. Im Jahre 1528 allein hat er es dreimal gethan (s. oben S. 52).
Und was ist Luther für ein ~volkstümlicher~ Prediger gewesen! Es war sein Grundsatz: »In der Kirche oder Gemeinde soll man reden, wie im Hause daheim, die einfältige Muttersprache, die jedermann versteht und bekannt ist. Wenn ich allhier predige, lasse ich mich aufs Tiefste herunter, sehe nicht an die Doktoren und Magister, deren in die Vierzig drin sind, sondern auf den Haufen junger Leute, Kinder und Gesinde, deren in die Hundert oder Tausend da sind; denen predige ich, nach denselbigen richte ich mich, die bedürfen's.« Es ist ganz köstlich zu lesen, wie Luther von Gott als einem »großen Gebhart« predigt, der »ein reicher, gewaltiger Herr und Schaffner, ja selbst ein reicher Müller und Bäcker ist, besser denn keiner auf Erden, der das Handwerk sehr wohl gelernt«, oder »ein reicher Küchenmeister und Kellner, der hat eine Küche, die so weit als die Welt ist.« Dem Heiland hat es Luther abgelauscht, die Predigt der Natur zu lesen und zu hören. Das Samenkorn, das in der Erde verdirbt und doch viel herrlicher wieder ersteht, predigt, »daß uns Gott läßt also in die Erde bescharren und verfaulen auf den Winter, auf daß wir auf den Sommer sollen wieder hervorfahren, viel schöner denn die Sonne, als sei das Grab nicht ein Grab, sondern ein schöner Würzgarten, darein schöne Nelken und Rosen gepflanzt, so auf den lieben Sommer daher blühen sollen.« Hat Luther nicht recht, wenn er sagt: »Das ist auf recht himmlisch deutsch von der Auferstehung geredet, wie Gott und seine Engel reden«? Vor dem Vöglein, das keine Sorge kennt, »möchten wir unsere Hütlein abthun und sagen: Mein lieber Herr Doktor, ich muß ja bekennen, daß ich die Kunst nicht kann, die du kannst. Du schläfst die Nacht über in deinem Nestlein ohne alle Sorge. Des Morgens stehst du wieder auf, bist fröhlich und guter Dinge, setzest dich auf ein Bäumlein und singst, lobst und dankst Gott; darnach suchst du deine Nahrung und findest sie.«
Ein Band Predigten Luthers gehört in jedes evangelische Christenhaus. In Luthers Haus- und Kirchenpostille steckt noch heute ein reicher Segen.
Wer mag alle die andern großen Prediger der Reformationszeit aufzählen! Johann Bugenhagen, Justus Jonas, Kaspar Kruciger, Paul Eber, Sebastian Fröschel in Wittenberg, Georg Spalatin in Altenburg, Johann Pfeffinger in Leipzig, Friedrich Mykonius in Gotha, Johann Spangenberg in Eisleben, Veit Dietrich und Wenzeslaus Linck in Nürnberg, Johann Brenz in Stuttgart und viele andere mehr! Manch Goldkörnlein ist in ihren Predigten zu finden, wenn man nur darnach sucht.
[Illustration: Kaspar Kruciger.]
Aber eines Mannes muß noch ganz besonders gedacht werden: des wackeren Bergpredigers Johann Mathesius in Joachimsthal. Dieser hat seinen frommen Bergleuten Luthers Leben in Predigten erzählt. Ein evangelischer Bergmann muß noch heute seine Freude dran haben. Aber für uns alle ist jenes Leben Luthers in Predigten ein köstliches Buch, das fleißig gelesen zu werden verdient. Denn Mathesius, der oft an Luthers Tisch gesessen hat, ~kann~ etwas erzählen und ~versteht~ es zu erzählen und anschaulich zu schildern.
[Illustration: Friedrich Mykonius.]
Zum evangelischen Gottesdienst gehört aber auch das evangelische Kirchenlied. Darin bringt die Gemeinde ihr Loben und Danken, ihr Bitten und Flehen vor Gottes Thron. Darin legt sie das Bekenntnis ihres Glaubens ab. Und wer mag die frommen Christen alle zählen, die im Kämmerlein und auf dem Krankenbett im evangelischen Lied Trost und Erbauung suchen und finden.
[Illustration: Johann Pfeffinger.]
Luther hat zuerst das evangelische Kirchenlied angestimmt. Er hat uns auch das erste Gesangbuch gegeben. Davon ist oben erzählt worden (S. 44). Bald weckte seine Stimme eine ganze fröhliche, fromme Sängerschar. »Wohl waren nicht alle Nachtigallen, aber Lerche, Fink und Drossel sind auch liebliche Sänger. Der reiche Gott hat einer jeden Stimme ihren eigentümlichen Wohllaut, Schmelz und Klang gegeben.«
[Illustration: Hans Sachs.]
[Illustration: Paul Eber.]
Von einigen dieser Sänger, deren Lieder wir noch heute in unseren Gottesdiensten singen, mag hier etwas erzählt werden. Da ist der biedere ehrwürdige Hans Sachs, der Nürnberger »Schuhmacher und Poet«, der mit seinem Liede Luther, »die Wittenbergisch Nachtigall, die man jetzt höret überall«, grüßte. Vielleicht stammt von ihm das Kreuz- und Trostlied: »Warum betrübst du dich mein Herz, bekümmerst dich und trägest Schmerz«. Zu den ersten Liederdichtern unserer Kirche gehört auch Paul Speratus aus Rottweil in Schwaben. Frühzeitig war er dem Evangelium zugethan und verbreitete die Reformation. An Verfolgung hat es ihm nicht gefehlt, bis er in Wittenberg eine Zuflucht fand. Er ist dann der Reformator Preußens geworden. Sein Lied »Es ist das Heil uns kommen her aus Gnad und lauter Güte« wird ein herrliches Bekenntnis des evangelischen Glaubens, aus der Heiligen Schrift geschöpft, bleiben gegen römische Menschenlehre. Speratus' Mitarbeiter in Preußen war Johann Graumann oder, wie er sich nennt, Poliander, aus Neustadt in Bayern gebürtig. Als Rektor der Leipziger Thomasschule hatte er der Disputation zwischen +Dr.+ Eck und den Wittenbergern (s. oben S. 28) beigewohnt. Wie die meisten Leipziger stand er erst auf Seite Ecks. Bald aber merkte er, daß die Wahrheit auf Seiten Luthers war. Da ist er denn diesem nach Wittenberg gefolgt. Bald folgte er einem Rufe nach Königsberg. Von ihm haben wir das schöne Loblied »Nun lob, mein' Seel, den Herrn«. Unser festliches »Allein Gott in der Höh' sei Ehr« und das ergreifende Passionslied »O Lamm Gottes unschuldig« hat uns Nikolaus Decius, der Stettiner Pastor, gesungen.
[Illustration: Johann Mathesius.]
Schlicht und herzlich sind die Lieder Paul Ebers aus Kitzingen, des treuen Freundes und Schülers Luthers und Melanchthons, des Nachfolgers Johann Bugenhagens im Wittenberger Pfarramt. Von ihm stammt das einfache, kindliche Neujahrslied, mit dem der Dichter zugleich seiner Gattin Helene -- die Anfangsbuchstaben der einzelnen Verse ergeben ihren Namen -- ein Denkmal gesetzt hat. Da ist er mit seiner Hausgemeinde versammelt und stimmt an: »Helft Gottes Güte preisen, ihr lieben Kinderlein«. Zu den besten Liedern der Reformationszeit gehört Ebers köstlicher Trostpsalm: »Wenn wir in höchsten Nöten sein, und wissen nicht, wo aus noch ein«. Und wie viel fromme Seelen haben's ihm nachgebetet:
Christi Blut und Gerechtigkeit, Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid; Damit will ich vor Gott bestehn, Wenn ich zum Himmel werd' eingehn.
Sollte aber der liebe Leser einmal die heilige Priesterpflicht eines Christen erfüllen müssen, einen Sterbenden zu trösten, dann lese er ihm Paul Ebers »Herr Jesu Christ, wahr'r Mensch und Gott, der du littst Marter, Angst und Spott« langsam und andächtig vor. Unter dem Klange dieses Liedes ist schon manche Seele sanft und selig hinübergeschlummert.
Von dem Joachimsthaler Pfarrer Johann Mathesius ist schon oben erzählt worden, wie er seiner Gemeinde über Luthers Leben gepredigt hat. Der Prediger war aber auch ein wackerer Liederdichter. Von ihm haben wir in unserem Gesangbuch zwei Lieder, ein Morgenlied für die Gemeinde in der Kirche und die Kinder in der Schule: »Aus meines Herzens Grunde« und ein Abendlied für die Kleinen daheim: »Nun schlaf, mein liebes Kindelein«. Auch der Joachimsthaler Kantor, Niclas Hermann, des Pfarrers guter Freund, hat unserer Kirche eine Reihe Lieder geschenkt. Von ihm stammt der Weihnachtsgesang, den wir noch heute so gerne am Weihnachtsmorgen anstimmen: »Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich«, das »Reiselied«, das auch unsere Bergleute bei ihrer Fahrt in die Tiefe singen sollten: »In Gottes Namen fahren wir« und das Trost- und Sterbelied für die Wanderung durch des Todes dunkles Thal: »Wenn mein Stündlein vorhanden ist«. Und wie viele beten noch heute ihren Morgen- und Abendsegen mit den Worten jenes Dichters »Die helle Sonn leucht jetzt herfür« und »Hinunter ist der Sonne Schein«.
[Illustration: Lukas Kranach.]
Wer mag sie alle nennen, die in jenem großen Jahrhundert dankbewegten, gläubigen Herzens in die Saiten griffen und ihre Lieder anstimmten zur Ehre Gottes! Wer mag all die Segensspuren aufweisen, die jene Lieder durch Freud und Leid, durch Kampf und Sieg unserer evangelischen Kirche hinterlassen haben!
[Illustration: Albrecht Dürer.]
Endlich sei noch zweier frommen Maler gedacht, die durch ihre Bilder die Reformation verbreiten halfen und im Bilde darstellten, was Gott zum Heile der Menschheit gethan hat, Albrecht Dürers in Nürnberg und Lukas Kranachs in Wittenberg. Wen ergriffen nicht aufs Tiefste Dürers Bilder zur Offenbarung St. Johannis und zur Leidensgeschichte Jesu! Noch ehe Luther das lautere Evangelium predigte, gingen Dürers Bilder als »stille vorbereitende Prediger von Hand zu Hand«. Bekannter als Dürer ist dem evangelischen deutschen Volke Lukas Kranach, der treue Freund Luthers und der sächsischen Kurfürsten. Wie viele Kirchen sind geschmückt mit einem Bilde von Kranachs Hand! Aus seiner Werkstätte gingen die Bilder zu Luthers Bibel und Katechismus hervor, die selbst eine deutsche Auslegung des göttlichen Wortes sind.
So hat des Predigers Wort, des Dichters Lied, des Künstlers Hand gepriesen, was Gott einst in seinem Sohn der Welt geschenkt und von neuem durch Luther der Christenheit beschert hat.
[Illustration]
Schlußwort.
Es sind Bilder aus Deutschlands größtem Jahrhundert, die an unserer Seele vorübergezogen sind. Wir haben unsern +D.+ Martin Luther geleitet durch sein Leben und Wirken. Wir haben einen Blick gethan auf die Väter der reformierten Kirche, die gleichzeitig mit unserm Reformator in andern Ländern das Licht des Evangeliums auf den Leuchter stellten. Wir haben gesehen, wie die Reformation in heißem Ringen sich zur Freiheit ihres Bekenntnisses in unserem Vaterland hindurchgekämpft hat, und wie endlich das evangelische Deutschland in Wort und Lied und Kunst anstimmte: »Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen: lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat!«
Gott sei ewiglich Dank dafür! Möge es ihm das deutsche evangelische Volk danken, nicht nur in Worten, sondern durch die That, festhaltend an dem lauteren Evangelium und Gott preisend durch unerschütterlichen Glauben und opferwillige Liebe!
[Illustration]
_Bernhard_ Richter's Buchhandlung, Leipzig.
Nürnbergerstraße 11.
Amtlich empfohlen!
»Lutherdenkmal«.
Volkstümliche illustrierte Schriften aus der Geschichte des evangelischen Deutschlands.
In Verbindung mit
Professor +D.+ =Achelis=-Marburg, Oberhofprediger +D.+ =Ackermann=-Dresden, Landrat =von Deuster=-Kitzingen, Domherrn +D.+ =Fricke=-Leipzig, Wirklichem Oberkonsistorialrat Propst +D.+ =Freiherrn von der Goltz=-Berlin, Generalsuperintendent +D.+ =Kretschmar=-Gotha, k. k. o. Professor +D.+ =Lösche=-Wien, evangel. Bischof +D.+ =Müller=-Hermannstadt, Dekan =Müller=-Kitzingen, Geh. Kirchenrat +D.+ =Pank=-Leipzig, Senior =Ranke=-Lübeck, Generalsuperintendent Prälat +D.+ =von Weitbrecht=-Ulm
herausgegeben von
+D.+ Georg Buchwald und +Dr.+ Fritz Jonas Pfarrer in Leipzig. Schulrat in Berlin.
Bisher erschien:
Heft 1: =D. M. Luthers deutsche Briefe=. 91 Briefe mit 13 Illustrationen. 223 S. 8° broschiert.
Heft 2: =Philipp Melanchthon=. (10 Illustrationen.) 94 S. 8° broschiert.
Beide Hefte zusammen: _Eine Mark._
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vom
Evangelisch-Lutherischen Landeskonsistorium für das Königreich Sachsen, Dresden, Königlich Sächsischen Ministerium des Kultus und öffentlichen Unterrichts, Dresden, Evangelischen Oberkirchenrat, Berlin, Königlichen Konsistorium der Provinz Brandenburg, Berlin, Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medizinal-Angelegenheiten, Berlin, Königlich protestantischen Oberkonsistorium, München, Königlich protestantischen Konsistorium, Speyer.
Im vorgenannten Verlage erschienen folgende _Volksschriften_
von
+D.+ Georg Buchwald
Pfarrer an der Nordkirche zu Leipzig,
die sich besonders als ~Konfirmations-Geschenke~ eignen und jeder ~Volks-~ und ~Schulbibliothek~ zur Anschaffung empfohlen werden.
=+D.+ Martin Luthers Deutsche Briefe= ausgewählt und erläutert. 91 Briefe mit 13 Illustrationen. =Geschenkband=: 2 Mk.
=+D.+ Martin Luthers Grosser Katechismus.= Mit Erläuterungen dem deutschen evangelischen Volke dargeboten. =3. Auflage.= =Preis=: 50 Pfg. ~kartonniert~. Partiepreis von 50 Exempl. an à 40 Pfg. _=Amtlich empfohlen!=_
=Philipp Melanchthon.= Eine Schilderung seines Lebens in Wort und Bild. 10 Illustr. =3. Auflage.= (11.-14. Tausend). =Preis=: 40 Pfg.
=+D.+ Paul Eber=, ~Der Freund, Mitarbeiter und Nachfolger der Reformatoren~. Ein Bild seines Lebens und Wirkens. 12 Illustr. =Preis=: 80 Pfg.
=Geschichte der Evangelischen Gemeinde zu Kitzingen= (Unterfranken). Aus den Urkunden erzählt. 13 Illustrationen. =Preis=: 1 Mk. 50 Pfg.
=Reformationsgeschichte der Stadt Leipzig.= Reich illustriert. =Geschenkband=: 4 Mk.
Fricke, Geh. Kirchenrat, Professor +D.+, =Festpredigt= gehalten am 25. April 1898 zum 70jährigen Geburtstage und 25jährigen Regierungsjubiläum Sr. Maj. des Königs Albert von Sachsen. Preis 30 Pfg.
Frost, Pfarrer in Obergrünberg, =Recht u. Pflicht der Kindertaufe=. Dem christlichen Volke dargeboten. 1899. Preis 50 Pfg.
Hartung, Pfarrer +D.+, =Konfessionalität und Nationalität= in ihrem gegenseitigen Verhältnisse. 1899. Preis 60 Pfg.
Haupt, Konsistorialrat, Professor +D.+, =Die Aufgabe der religiösen Erziehung des Volkes im Katholizismus und Protestantismus=. 1899. Preis 60 Pfg.
Käßberg, Amtsgerichtsrat, =Eingehung, Nichtigkeitserklärung und Auflösung der Ehe=. 1899. Preis 60 Pfg.
Kluckhuhn, A., +P.+, =Evangelische Zeugnisse aus dem Psalter=. 50 Predigten über Psalmtexte, nach dem Gang des Kirchenjahres ausgewählt. Mit einem Vorwort von Prof. Oettli in Greifswald. Preis brosch. 3 Mk., in Leinwand geb. 4 Mk.
Lenk, H., =Wer ist Gott?= 258 Seiten. 1897. Preis 80 Pfg. (Partiepreis von 30 Exemplaren an à 50 Pfg.)
Lenk, H., +P.+, =Wie werden wir vor Gott gerecht?= Der Galaterbrief St. Pauli erklärt. 181 Seiten. 1898. brosch. 2 Mk. 50 Pfg.
Niethammer, A., Geh. Kommerzienrat, =Das wirtschaftliche und sittlich-religiöse Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern=. Meißner Kirchenkonferenz-Vortrag. Auf Beschluß in Druck gegeben. 1898. Preis 50 Pfg. (In Partien von 30 Exemplaren an billiger.)
Pasig, P., =Der große Kaiser in seiner menschlichen Größe=. Erzählungen aus dem Leben Kaiser Wilhelms I., dem deutschen Volke dargereicht. 1897. Mit einem Portrait (Autotypie). Preis 30 Pfg.
Pasig, P., =Otto von Bismarck als Christ=. Mit Portrait (Autotypie) und Wappen. Preis 50 Pfg. (in Partien billiger).
Scherffig, Paul, Diakonus, =Friedrich Mykonius=. Ein sächsisches Reformationsfestspiel. 1896. Preis 1 Mk.
Scherffig, Paul, Diakonus, =Die religiöse Unterweisung der Jugend im Konfirmandenunterricht, kirchlicher Unterredung und Fortbildungsschule=. 1899. Preis 50 Pfg.