Part 3
»Gott gebe uns der Posaunen eine, womit die Mauern Jerichos umgeworfen würden!« ruft er in seinem Büchlein: »An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung.« Die drei »strohernen und papiernen Mauern« will er umstürzen, hinter denen sich die Römlinge verschanzen. Die erste dieser Mauern ist die Behauptung, weltliche Gewalt stehe unter der geistlichen. Diese Mauer, wie überhaupt den Unterschied von Geistlichen und Laien stürzt das Schriftwort 1. Petri 2, 9 um: »Ihr seid das auserwählte Geschlecht, das Königliche Priestertum.« Jeder Christ ist ein Priester. Die zweite Mauer ist die Behauptung, nur der Papst könne die Heilige Schrift richtig auslegen. Sie fällt, weil von der Unfehlbarkeit des Papstes kein Wort in der Bibel steht. »Sie werden alle von Gott gelehret sein,« heißt es dort (Joh. 6, 45). Die dritte Mauer ist die Behauptung, nur der Papst könne eine Kirchenversammlung einberufen. Diese Mauer ist eigentlich schon beim ersten Posaunenstoß mit umgefallen. Bricht ein Feuer aus, so löschen alle mit, obgleich nicht alle die Macht des Bürgermeisters haben. »Wo die Not fordert und der Papst ärgerlich der Christenheit ist, soll dazu thun, wer am ersten kann!« Nun sind die Mauern niedergelegt. Rücksichtslos geht der Held jetzt gegen seinen Feind. Ohne Furcht deckt er die vielen Schäden der Kirche auf. Soll Hilfe gebracht werden können, so muß erst die Krankheit erforscht und festgestellt werden. »Ich achte wohl,« heißt's am Schlusse, »daß ich hoch gesungen hab, viel Dings fürgegeben, das für unmöglich werde angesehen, viel Stücke zu scharf gegriffen. Wie soll ich aber thun? ich bin es schuldig zu sagen ... Es ist mir lieber, die Welt zürne mir, denn Gott ... Wohlan, ich weiß noch ein Liedlein von Rom und von ihnen.«
[Illustration: Franz von Sickingen.]
Dieses »Liedlein«, darin Luther »die Noten aufs Höchste stimmen« wollte, sang er in seiner herben Streitschrift »von der Babylonischen Gefangenschaft der Kirche«, darin er die Siebenzahl der Sakramente bekämpft.
Ist das schadhafte Alte beseitigt, so kann der Neubau beginnen. Herrliche Steine zum Neubau des evangelischen Lebens trägt Luther in der dritten jener großen Hauptschriften herbei. Sie führt den Titel: »Von der Freiheit eines Christenmenschen.« Am Anfang stehen die beiden Sätze, gleichsam als Thema des köstlichen Büchleins: »Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und Niemand unterthan; ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und Jedermann unterthan.« Was er in der Schrift auseinandergesetzt hat, faßt er am Schlusse in die Worte zusammen: »Ein Christenmensch lebt nicht ihm selber, sondern in Christo und seinem Nächsten: in Christo durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott, aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe, und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe. Siehe, das ist die rechte christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten: welche alle andere Freiheit übertrifft, wie der Himmel die Erde.«
Wie wenig mußten die Römlinge von der weltüberwindenden Kraft eines gläubigen Christenmenschen, der mit Gott im Bunde steht, ahnen, wenn sie meinten, solch ein Mann werde sich vor dem Bannstrahl fürchten. Im Oktober 1520 kam Luther das Schriftstück unter die Augen, das seine Lehre verdammte und binnen 60 Tagen den Widerruf forderte. Luther antwortete darauf dem Papst: »Daß ich sollte meine Lehre widerrufen, daraus wird nichts. Ich kann nicht leiden Regel oder Maß, die Schrift auszulegen dieweil das Wort Gottes, das alle Freiheit lehret, nicht soll gefangen sein. Wo mir diese zwei Stücke bleiben, soll mir sonst nichts aufgelegt werden, das ich nicht mit allem Willen thun und leiden will. Ich bin dem Hader feind, will Niemand reizen, will aber auch ungereizt sein.« Aber auch eine Antwort durch die That gab Luther. Am 10. Dezember 1520 zog eine große Schar vors Elsterthor zu Wittenberg. Bald war an der Stelle, wo man die Kleider der an der Pest Verstorbenen zu verbrennen pflegte, ein Scheiterhaufen errichtet. Luther legte sämtliche päpstliche Rechtsbücher darauf. Als das Feuer hoch aufloderte, warf er des Papstes Bulle in die Flammen mit den Worten: »Weil du den Heiligen des Herrn (gemeint ist Christus, vgl. Mark. 1, 24) betrübt hast, verzehre dich das ewige Feuer!«
[Illustration: Titelblatt der Bannbulle.]
Hätte Luther nicht unter dem Schutze des Kurfürsten von Sachsen gestanden, so würde die weltliche Obrigkeit den Gebannten haben festnehmen und seine kühne That auf dem Scheiterhaufen haben büßen lassen. Friedrich der Weise setzte es aber beim Kaiser durch, daß Luther auf dem nächsten Reichstag zu Worms durch gelehrte und verständige Leute verhört werden sollte. Das paßte den Römlingen, die bereits triumphierend den verhaßten Ketzer den Scheiterhaufen besteigen sahen, gar nicht. Der päpstliche Abgesandte in Worms schrieb damals in seinem Zorne: »Wenn ihr Deutschen das römische Joch abwerft, so werden wir dafür sorgen, daß ihr euch untereinander mordet, bis daß ihr im eigenen Blute untergeht!« Im dreißigjährigen Krieg haben die Jesuiten versucht diese entsetzliche Drohung wahr zu machen.
Als Luther am dritten Osterfeiertag (2. April) 1521 von Wittenberg nach Worms abreiste, wurde manches Auge feucht. Ob man je den teuern Gottesmann wiedersehen, ob man je aus seinem Munde wieder das lautere Gotteswort vernehmen würde? Ein wahrer Triumphzug ist Luthers Reise gewesen. Wie drängte sich das Volk, den wunderbaren Mann zu sehen und zu hören, der es wagte, ohne Furcht dem Papst entgegenzutreten! »Christus lebt und ich werde nach Worms kommen, allen Pforten der Hölle und Fürsten der Welt zum Trotz,« lautete Luthers Bekenntnis. Wenige Stunden nur noch von Worms entfernt ward er durch einen treuen Freund gewarnt und an Johann Huß' Schicksal erinnert. »Wenn so viel Teufel in Worms wären als Ziegel auf den Dächern,« antwortete er, »dennoch wollte ich hinein.«
Am 17. April hat Luther zum ersten Male vor dem Reichstag gestanden. In lange Unterhandlungen wollte man sich nicht mit ihm einlassen. Er sollte nur erklären, ob er widerrufen wollte oder nicht. Luther bat um Bedenkzeit. Am nächsten Tag gab er die Erklärung ab, seine Bücher seien verschiedener Art: die einen handelten von Glaube und Sitte -- sie widerrufen, hieße die Wahrheit verdammen; die andern kämpften gegen falsche Lehren des Papstes -- sie könne er nicht widerrufen; die dritten richteten sich gegen seine einzelnen Widersacher -- wohl könnten diese hier und da zu heftig abgefaßt sein, aber widerrufen könne er auch sie nicht. Soviel wollte man aber gar nicht im Reichstage hören. Eine »schlichte Antwort ohne Hörner und ohne Mantel« wurde von Luther gefordert. Da gab er denn die berühmte Antwort: »Weil denn Eure Kaiserliche Majestät und Eure Gnaden eine schlichte Antwort begehren, so will ich eine Antwort ohne Hörner und ohne Zähne geben diesermaßen: es sei denn, daß ich durch Zeugnisse der Schrift oder durch helle Gründe überwunden werde -- denn ich glaube weder dem Papst noch den Concilien allein, dieweil am Tage liegt, daß sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben, -- so bin ich überwunden durch die von mir angeführten heiligen Schriften und mein Gewissen ist gefangen in Gottes Wort; widerrufen kann ich nichts und will ich nichts, dieweil wider das Gewissen zu handeln unsicher und gefährlich ist.«
Nochmals frug man Luther, ob er wirklich glaube, daß Concilien irren könnten. Er blieb dabei. Da erhob sich ein Tumult im Saale. Mitten in der aufs Höchste erregten Versammlung stand unser Luther. Bei der großen Unruhe werden nur Wenige seine letzten Worte verstanden haben: »Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir! Amen.«
Die deutsche Gewissenhaftigkeit und der deutsche Mannesmut haben im Reichstagssaale zu Worms Papst und Kaiser besiegt. Ein gebannter Mönch triumphiert über die Welt. »Ich bin hindurch, ich bin hindurch!« mit diesen Worten trat Luther wieder in seine Herberge.
Noch eine Woche blieb er in Worms. Unterhandlungen mit ihm führten zu keinem Ziele. Am Vormittag des 26. April verließ Luther die Reichsstadt, ausgerüstet mit freiem Geleit auf 21 Tage nach der Heimat. Er wußte, daß er sie nicht erreichen würde.
Am 25. Mai verhängte der Kaiser über den gebannten Luther die Reichsacht. Niemand sollte ihm Essen und Trinken und Herberge geben. Wer ihn fand, sollte ihn festnehmen und dem Kaiser überantworten. Die Acht war kraftlos. Luther hatte ein sicheres Gewahrsam gefunden. Der siegreiche Held weilte an friedlicher Stätte.
[Illustration]
5. Was Luther dem deutschen Volke geschenkt hat.
+a+) Die deutsche Bibel.
O selig und aber selig und überselig ist der und nimmer genug zu loben, der diesen Schatz hat. Denn er hat einen Schatz, nicht von Gold noch Silber, sondern ein ander höher Gut und ist reich und voll von eitel großen Gütern.
Luther.
Mit Recht trägt Kurfürst Friedrich von Sachsen den Ehrennamen »der Weise«. Daß er ihn verdient, hat er schon durch die Art bewiesen, wie er für den geächteten und gebannten Luther sorgte. Auf alle Fälle mußte dieser jetzt in Sicherheit gebracht werden. Es mußte sich bald zeigen, ob seine Sache die Wahrheit sei -- dann war der Jünger der christlichen Wahrheit geschützt --, oder, ob er im Irrtum sei -- dann war der Führer der großen Bewegung unschädlich gemacht. Friedrich der Weise überließ es seinen Räten, alles Weitere vorzubereiten und zu bestimmen. Welcher Ort Luther aufnehmen sollte, mochte er gar nicht erfahren. Dann konnte er, falls der Kaiser ihn darnach fragen würde, mit gutem Gewissen sagen: Das weiß ich nicht.
In der Nacht vom 3. zum 4. Mai 1521 wurde Luther in der Nähe von Altenstein von bewaffneten Reitern überfallen, aus dem Wagen gerissen und auf die Wartburg geführt. Luther war darauf vorbereitet. Nur mit Widerstreben war er auf den Plan eingegangen. Viel lieber hätte er für seinen Herrn Christus und für die Wahrheit den Tod erlitten.
Für die Welt war Luther verschwunden. Die Feinde jubelten über seinen vermeintlichen Tod. Die Freunde trauerten um den Märtyrer der christlichen Wahrheit. Lange hat's freilich nicht gedauert, bis die Freunde zu ihrem Jubel, die Feinde zu ihrem Entsetzen es erfuhren: Luther lebt! Nur, wo er lebte, blieb ihnen ein Geheimnis.
Inzwischen saß Luther, dem Weltgeräusch entrückt, auf seiner einsamen Bergwarte, zu seinen Füßen die »liebe Stadt«, die der Schauplatz seiner freundlichen Jugendtage gewesen, in der sagenumwitterten »Region der Luft und der Vögel«, zu der er als Knabe ahnungsvoll emporgeschaut. Aus dem Mönch war jetzt ein Rittersmann geworden; rasch verwuchs ihm die Tonsur, um Mund und Kinn kräuselte sich ein stattlicher Bart, der »Junker Georg« trug jetzt ein höfisches Kleid, ein Schwert an der Seite, eine goldene Kette um den Hals, ein Barett auf dem dichten Haupthaar, und ein Edelknabe wartete ihm auf. In Sitte, Haltung, Kost und Lebensgewöhnung mußte er sich, so sehr er widerstreben mochte, nach der ritterlichen Weise schicken. Er wurde gehalten wie ein Edelmann, der zu einer leichten Haft verurteilt war; so war ihm eine mäßige Bewegung vergönnt: er durfte nach Belieben in die Stadt hinabsteigen oder in Begleitung eines Reiterbuben weithin die Gegend durchstreifen. Wie ist auch hier der Finger Gottes und die gnädige Führung des Höchsten sichtbar! Die Welt sollte erfahren, daß die große Bewegung die Sache Gottes sei, die bestehen müsse auch ohne Luther. Dieser aber brauchte stille Zeit nach den Jahren heißen Kämpfens. In der Stille der Wartburg ward er sich erst bewußt der weltgeschichtlichen Bedeutung der letzten Ereignisse, in deren Mittelpunkt seine Person stand. »Erschüttert begann er die inhaltsschwere Wirklichkeit jener Tage tiefer und tiefer zu begreifen: was hing nicht alles an jener großen Stunde, da er vor dem Angesicht Europas Zeugnis abzulegen hatte von seinem Gott!« Und vor seine Seele trat der ganze Ernst der großen Aufgaben, die seiner warteten. War er ihnen gewachsen? War er würdig, seinem Herrn Christus zu solch großen Dingen zu dienen?
Auch auf der Wartburg hat Luther manchen inneren Kampf zu bestehen gehabt. Er wußte aber, wo Trost und Kraft zu finden ist: im Gebet und in Gottes Wort.
Auf der Wartburg hat Luther die Stille gefunden, die er zu dem großen, wichtigen Werke der Bibelverdeutschung nötig hatte. Kein anderer als er war dazu berufen, die Heilige Schrift »deutsch reden zu lehren« und dem deutschen Volk die deutsche Bibel in die Hand zu geben. Versucht hatte es vor ihm schon mancher. Die Deutschen hat's doch immer wie mit geheimnisvoller Macht zur Bibel gezogen. Schon vor anderthalb tausend Jahren hat der Gothenapostel Ulfilas die Bibel in die Sprache seines Volkes übersetzt. In den Bibliotheken werden mehrere hundert alte geschriebene deutsche Bibeln aufbewahrt. Kaum war die Buchdruckerkunst erfunden, so stellte sie sich in den Dienst der Bibelverbreitung. Als Luther auf der Wartburg war, gab es schon achtzehn verschiedene deutsche gedruckte Bibeln.
War denn da Luthers Arbeit nicht überflüssig? Sie wäre es gewesen, wenn jene Bibeln in Wahrheit deutsch gewesen wären und das unverfälschte Gotteswort enthalten hätten. Aber ihre Sprache war nicht das echte Deutsch des Volkes. Man merkte ihr gleich an, daß sie mühsam auf deutsch sagen wollte, was in der Bibel lateinisch stand. Alle jene Übersetzer vor Luther hatten es sich nämlich bequem gemacht. Sie legten nicht das hebräische alte und das griechische Neue Testament, sondern die lateinische Bibel (Vulgata) zu Grunde. Was also dort falsch stand -- und das war nicht wenig -- ging nun mit in die deutsche Bibel über.
[Illustration: Philipp Melanchthon.]
Luther verfuhr anders. Er besaß die nötigen Sprachkenntnisse, die Heilige Schrift aus dem Urtext übersetzen zu können, er besaß das »rechte fromme, treue, fleißige, furchtsame, christliche, gelehrte, erfahrene, geübte Herz«, das, wie er selbst sagt, »zum Dolmetschen gehört« und er war ein echt deutscher Mann, mitten aus dem deutschen Volke stammend, der wußte, wie die Deutschen reden und wie ein Buch geschrieben sein muß, wenn's das deutsche Volk verstehen soll. »Man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt fragen, wie man soll deutsch reden, und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden.«
[Illustration: Titelblatt der ersten Ausgabe des Neuen Testaments.]
Mit dem Neuen Testament begann Luther seine Arbeit. Das war der leichtere Teil. Als Luther von der Wartburg kam, brachte er diesen Teil der Heiligen Schrift in deutscher Sprache mit. Mit seinem Freund Melanchthon, der wie kaum ein anderer Griechisch verstand, hat er's dann noch einmal durchgegangen. Auch ein anderer Freund Luthers, Georg Spalatin, gab ihm manchen guten Rat. Melchior Lotter in Wittenberg übernahm den Druck. Damit das Werk rasch fertig wurde, ließ er die vier Evangelien und die Apostelgeschichte einerseits und die Episteln andrerseits gleichzeitig neben einander setzen. Drei Pressen arbeiteten an der Vollendung des Buches. Im September konnte man die ersten Exemplare kaufen. Anderthalb Gulden betrug der Preis. Auf dem Titel standen die Worte: »Das Newe Testament Deutzsch. Vuittemberg.« Ob auch wohl alle erraten konnten, aus welcher Feder die Übersetzung geflossen war, so wollte doch der bescheidene Luther seinen Namen auf dem Buche verschweigen, das er in die Hand der deutschen Christenheit legte.
Viel längere Zeit und weit mehr Arbeit hat die Verdeutschung des Alten Testamentes gekostet. Sehnsüchtig wurde sie erwartet. Soll doch sogar Herzog Georg der Bärtige, der sonst nichts von Luther wissen wollte, gesagt haben: »Wenn doch der Mensch die Bibel vollends deutschte und ging darnach hin, wo er wollte.« Es waren damals tüchtige Kenner und Lehrer der hebräischen Sprache in Wittenberg, außer Melanchthon: Matthäus Aurogallus, Bernhard Ziegler und Johann Förster. Sie haben alle unserm Luther bei dem großen Werke wacker beigestanden. Er aber hat immer der Übersetzung das letzte Gepräge aufgedrückt.
Oft mag Luther angesichts der Schwierigkeit seiner Aufgabe geseufzt haben. Um so größer war dann seine Freude, wenn er sich sagen konnte: So muß es in rechtem Deutsch lauten! So soll es heißen! »Ach Gott!« klagt er einmal, »wie ein groß und verdrießlich Werk ist es, die hebräischen Schreiber zu zwingen deutsch zu reden! Wie sträuben sie sich und wollen ihre hebräische Art gar nicht lassen und dem groben Deutschen nachfolgen! Gleich als wenn eine Nachtigall sollte ihre liebliche Melodie verlassen und dem Kuckuck nachsingen!« -- »Ich habe mich,« sagt er ein ander Mal, »dessen beflissen im Dolmetschen, daß ich rein und klar deutsch geben möchte. Und es ist uns wohl oft begegnet, daß wir vierzehn Tage, drei, vier Wochen haben nach einem Wort gesucht und gefragt, haben's dennoch zuweilen nicht gefunden. Lieber, nun es verdeutscht ist, läuft einer jetzt mit den Augen durch drei oder vier Blätter, und stößt nicht einmal an, wird aber nicht gewahr, welche Wacken und Klötze da gelegen haben, darüber er geht, wie über ein gehobelt Brett. Es ist gut pflügen, wenn der Acker gereinigt ist; aber die Stöcke ausroden und den Acker zurichten, daran will niemand.« -- »Das kann ich mit gutem Gewissen bezeugen, daß ich meine höchste Treue und Fleiß darin erzeigt und nie eine falsche Absicht dabei gehabt habe. Denn ich habe keinen Heller dafür genommen noch gesucht und damit gewonnen; so habe ich meine Ehre darin nicht gemeint, das weiß Gott mein Herr; sondern habe es zu Dienst gethan den lieben Christen und zu Ehren Einem, der droben sitzt, der mir alle Stunden so viel Gutes thut, daß, wenn ich tausendmal so viel fleißig dolmetsche, ich solches doch nicht verdiente, auch nicht eine Stunde. Es ist alles Seiner Gnaden und Barmherzigkeit, was ich bin und habe; darum soll es auch alles Ihm zu Ehren dienen, mit Freuden und von Herzen. Ich bin allzu reich belohnt, wo mich nur ein einziger Christ für einen treuen Arbeiter erkennt.«
Im Jahre 1534 war die Bibelübersetzung vollendet. Luther hat stets bescheiden von seinem Werk gedacht und bis an sein Ende dran gebessert, wo er bessern konnte.
Die evangelische deutsche Christenheit aber soll's +D.+ Martin Luther nie vergessen, welch köstliche Gabe der teure Gottesmann ihr mit der deutschen Bibel darreichte. »Wie einer lieset in der Bibel, so steht am Hause sein Giebel,« pflegte Luther zu sagen. Lasset auch uns fleißig Luthers Gabe benutzen, damit wir ihm nachsprechen können: »Die Heilige Schrift ist ein sehr großer, weiter Wald, darin viel und allerlei Bäume stehen, davon man kann mancherlei Obst und Früchte abbrechen. Denn man hat in der Biblia reichen Trost, Lehre, Unterricht, Vermahnung, Warnung, Verheißung und Drohung. Aber es ist kein Baum in diesem Walde, daran ich nicht geklopft und ein paar Äpfel oder Birnen abgeschüttelt hätte.«
+b+) Das deutsche Gesangbuch.
Lasset das Wort Christi unter euch reichlich wohnen in aller Weisheit; lehret und vermahnet euch selbst mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern und singet dem Herrn in eurem Herzen.
Coloss. 1, 16.
Während Luther auf der Wartburg war, ging zwischen der guten Saat des Evangeliums auch mancherlei Unkraut auf. Das Unkraut drohte die gute Saat zu unterdrücken. Manchem ging's mit der Beseitigung des Alten nicht schnell genug. Manche dachten, am Alten sei gar nichts Gutes, darum müsse es mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Da wurden auch allerlei unlautere Leidenschaften wach. In der Verwirrung aber meinte Erzbischof Albrecht es wieder einmal mit dem Ablaßhandel versuchen zu können. Schon im Dezember 1521 war Luther einmal ganz insgeheim bei seinen Wittenberger Freunden gewesen. Lukas Kranach, der berühmte Maler, hat den Reitersmann mit dem stattlichen Vollbart auf dem Bilde festgehalten. Im März 1522 kehrte Luther trotz des ernstlichen Widerspruchs Friedrichs des Weisen ganz nach Wittenberg zurück in Gottes Hand sich wissend, auf den Schutz des Höchsten vertrauend. Gleich bestieg er die Kanzel der Stadtkirche. Mit kräftigem Wort rottete er das Unkraut aus. Das Werk der Reformation war wieder in die rechte Bahn geleitet.
Unter den vielen Arbeiten der nächsten Zeit war eine der wichtigsten die Neugestaltung des Gottesdienstes. »Drei große Mißbräuche,« klagt Luther damals, »sind in den Gottesdienst gefallen. Der erste: daß man Gottes Wort geschwiegen hat und allein gelesen und gesungen in den Kirchen; das ist der ärgste Mißbrauch. Der andere: da Gottes Wort geschwiegen gewesen ist, sind nebeneingekommen so viel unchristlicher Fabeln und Lügen, beides, in Legenden, Gesängen und Predigten, daß es greulich zu sehen ist. Der dritte: daß man solchen Gottesdienst als ein Werk gethan hat, damit Gottes Gnade und Seligkeit zu erwerben. Da ist der Glaube untergegangen und hat jedermann zur Kirche geben, stiften, Pfaff, Mönch und Nonne werden wollen.«
Die katholische Kirche meint, daß sie mit ihren Gottesdiensten, in denen der Priester mit prächtigem Meßgewande am Altar in lateinischer Sprache redet oder singt und die Gemeinde stumm zuhört, Gott einen Dienst thue. Luther hat's dafür gehalten, daß im rechten Gottesdienst Gott ~uns~ dienen will mit seinem Wort und Sakrament. Darin steigt Gott zu uns hernieder. Die Sakramente, Taufe und Abendmahl, sind gemäß der Heiligen Schrift und der Einsetzung durch Christus zu verwalten. Gottes Wort ist reichlich sowie lauter und rein zu predigen. Es kann keinen rechten Gottesdienst ohne Gottes Wort geben. Darum schenkte Luther dem deutschen Volke die deutsche Bibel. Darum gab er dem Prediger, der nicht selbst aus Gottes Wort eine Predigt gestalten konnte, seine Kirchenpostille, d. i. eine Sammlung von Predigten für jeden Sonn- und Festtag über die Episteln, wie über die Evangelien in die Hand.
Wie aber Gott herabsteigt in Wort und Sakrament, so erheben wir uns zu ihm mit unsern Gebeten und unsern Gesängen. »Des Christen Handwerk ist das Beten,« sagte Luther. Er hat das Handwerk meisterhaft verstanden und hat Großen und Kleinen die Hände zum Gebet gefaltet. »Ach wie gar ein groß Ding,« so lauten seine Worte, »ists um ein rechtschaffen Gebet frommer Christen! Wie gar kräftig ist es bei Gott, daß ein armer Mensch mit der hohen Majestät im Himmel so reden soll und vor ihm nicht erschrecken, sondern wissen, daß ihn Gott freundlich anlache um Jesu Christi willen, seines lieben Sohnes, unseres Herrn und Heilands!«
Luther ist's aber auch gewesen, der uns das deutsche evangelische Gesangbuch gab. Die Deutschen haben von jeher gern gesungen und singen auch noch heute gern. Aber in ~deutschem~ Liede will der Deutsche hinaussingen, was sein Herz bewegt. Und wenn's die römischen Priester, die das deutsche Gemüt und deutsche Glaubensinnigkeit nie verstanden, auch nicht gern hörten, in deutscher Zunge klang doch schon in grauer Vorzeit durchs deutsche Gotteshaus das Osterlied:
Christ ist erstanden Von der Marter alle; Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein! Hallelujah.
Und zu Pfingsten sang man:
Nun bitten wir den heiligen Geist Um den rechten Glauben allermeist, Daß er uns behüte an unserm Ende, Wenn wir heimfahren aus diesem Elende. Kyrieleis.
Viele Lieder waren's freilich nicht, die die deutsche Christenheit im Gotteshaus singen konnte. »Es fehlt uns an deutschen Poeten und Musikern, die christliche und geistliche Gesänge, wie sie Paulus nennt, machen können, die es wert wären, daß man sie täglich in der Kirche Gottes brauchen möge.«
Als Luther so klagte, ahnte er wohl selbst nicht, daß er dazu berufen war der Schöpfer und Vater des deutschen Kirchenliedes zu werden. Unser Luther war ja eine durchaus dichterische Natur. Ist nicht sein köstlicher Brief vom Paradiesesgarten an sein Söhnlein Hänschen wie ein Gedicht? Und welch' herrliche Lieder voll von Glaubenskraft und Christenmut hat er uns gesungen!
Wunderbar, daß gerade »der Feinde Blutgier den Quell öffnen helfen mußte, aus dem der reiche evangelische Liederstrom entsprungen ist!«
Am 1. Juli 1523 hatten die Römlinge zwei junge Anhänger der Lehre Luthers, Heinrich Voes und Johann Esch auf dem Marktplatz zu Brüssel verbrannt. Das sollte die Bekenner des Evangeliums einschüchtern. Aber was geschah? Der Glaube der ersten Märtyrer stärkte den Glauben der Anderen. Je wütender die Welt Luthers Lehre verfolgte, um so deutlicher erwies es sich: Diese Lehre ist die Wahrheit! Damals hat Luther den Mund zu seinem ersten Liede geöffnet:
»Ein neues Lied wir heben an, Das walt Gott unser Herre! Zu singen, was Gott hat gethan Zu seinem Lob und Ehre!«
Dann erzählt der Dichter die Leidens- und Siegesgeschichte jener evangelischen Glaubenszeugen. Siegesbewußt schaut er in die Zukunft:
Die Asche will nicht lassen ab, Sie stäubt in allen Landen. Hier hilft kein Bach, Loch, Grub noch Grab, Sie macht den Feind zu Schanden. Der Sommer ist hart vor der Thür, Der Winter ist vergangen, Die zarten Blumen gehn herfür: Der das hat angefangen, Der wird es wohl vollenden!
Der Liederstrom aus Luthers gläubigem, in Gott zufriedenen Herzen quoll weiter. »Die Wittenbergisch Nachtigall, die man jetzt höret überall,« wie der Nürnberger Schuhmacher und Meistersinger Hans Sachs unsern Luther nennt, sang uns noch manches Lied. Im Jahre 1524 erschien das erste evangelische Gesangbüchlein. Nur acht Lieder standen drin, unter ihnen vier von Luther. In demselben Jahre hat dann Luther zum ersten Male selbst ein »Geistliches Gesangbüchlein« herausgegeben.
[Illustration: Titelblatt des Zwickauer Gesangbuchs, des ältesten des jetzigen Königreichs Sachsen (1525).]