Part 7
Die Genfer hätten es wohl im Jahre 1538 nicht geglaubt, wenn ihnen jemand gesagt hätte: Nach ein paar Jahren werdet ihr eben diesen Johann Calvin, den ihr jetzt vertreibt, inständigst bitten zurückzukehren. Das geschah im Jahre 1541. Nach langem Bitten ließ sich Calvin zur Rückkehr bewegen. Mit Freuden wurde er in Genf wieder aufgenommen. Sofort ging er daran, die Kirche in feste Ordnungen zu kleiden. Sein Streben, strengste Sittenzucht zu üben, fand freilich bei allen denen lebhaften Widerstand, die weder von dem Ernst des christlichen Glaubens noch der Strenge des christlichen Lebens etwas wissen wollten. Mit strengsten Strafen ging man gegen offenbare Sünder vor. So wurde zum Beispiel ein Kind enthauptet, weil es Vater und Mutter geschlagen hatte. Da zeigt sich freilich mehr der Geist alttestamentlicher, verurteilender Gesetzesstrenge, als neutestamentlicher, erziehender Liebe. Das tritt insbesondere in dem Verfahren gegen den Gotteslästerer Servede hervor, der seinen Frevel auf dem Scheiterhaufen büßen mußte.
Die Stadt Genf wurde weithin gerühmt als eine Musterschule christlichen Lebens. Tausende, die um ihres evangelischen Glaubens willen vertrieben worden waren, fanden in Genf eine neue Heimat, Engländer, Italiener, Spanier, insbesondere Franzosen.
Calvin starb am 27. Mai 1564. Kein Grabstein zeigt die Stätte an, da man ihn begrub. Er hatte es ausdrücklich so gewünscht. Sein Name aber steht auf alle Zeiten im Buche der Geschichte als der eines selbstlosen und treuen Bekenners Christi und eines rastlosen, rührigen Arbeiters in seinem Weinberge.
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Die Asche will nicht lassen ab, Sie stäubt in allen Landen.
Luther.
Dritter Abschnitt.
Der Siegeszug des Evangeliums im Jahrhundert der Reformation.
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1. Deutschland.
In der Nacht vor Allerheiligen (1. November) 1517, also in der Nacht, nachdem Luther seine Thesen angeschlagen hatte, soll Kurfürst Friedrich der Weise auf seinem Schlosse Schweinitz einen merkwürdigen Traum gehabt haben. Er sah, wie ein Mönch, den Gott im Geleite aller Heiligen zu ihm geschickt hatte, mit seiner Erlaubnis etwas an die Schloßkirche zu Wittenberg schrieb: »Der Mönch machte so große Schrift, daß ich sie hier zu Schweinitz erkennen konnte. Er führte auch so eine lange Feder, daß sie bis gen Rom reichte und einen Löwen, der zu Rom lag (der Papst hieß Leo d. h. auf deutsch: Löwe) mit dem Sturz in ein Ohr stach, daß der Sturz wieder zum andern Ohr herausging, und streckte sich die Feder ferner bis an der päpstlichen Heiligkeit dreifache Krone und stieß so stark daran, daß sie begann zu wackeln und wollte ihrer Heiligkeit vom Haupte fallen. -- -- Bald hernach kommt ein Geschrei aus, es wären aus der langen Mönchsfeder unzählig viel andere Schreibfedern hier zu Wittenberg gewachsen, und sei mit Lust anzusehen, wie sich viel gelehrte Leute darum reißen, und meinen einesteils, diese neuen, jungen Federn werden mit der Zeit auch so groß und lang werden, wie dieselbe Mönchsfeder, und es werde gewiß etwas Sonderliches auf diesen Mönch und seine Feder folgen.«
[Illustration: Herzog Georg.]
Mag dieser Traum wahr sein oder nicht, jedenfalls ist das wahr, was er sagen will: Die gewaltigen Folgen der Thesen Luthers und seines gesamten Wirkens. Wie hatte sich doch der Papst geirrt, als er die Sache, die Luther angefangen hatte, für ein bloßes Mönchsgezänk erklärte! Erst zwei Jahrzehnte waren seit Luthers Thesenanschlag dahingegangen, als nur noch einige wenige deutsche Fürsten übrig waren, die meinten, dem Evangelium und der Wahrheit trotzen zu können. Die Herzöge von Bayern, Georg von Sachsen, Heinrich von Wolfenbüttel und die Erzbischöfe von Mainz und Salzburg schlossen im Jahre 1538 zu ~Nürnberg~ einen »~heiligen Bund~« »für die Herrschaft oder doch für die Rettung des Katholizismus in Deutschland.« Das war der Rest der katholischen Fürsten in deutschen Landen. So rasch war das Evangelium von Stadt zu Stadt, von Land zu Land gezogen, getragen von Luthers Schriften, von seiner deutschen Bibel, von seinem deutschen Katechismus und dem deutschen evangelischen Kirchenlied, verbreitet von den Studenten, die in Wittenberg zu den Füßen der Reformatoren gesessen, und von den Kaufleuten, die auf ihren Reisen Gelegenheit hatten, evangelische Predigten zu hören.
[Illustration: Herzog Heinrich.]
Und noch ehe Luther starb, war auch im Herzogtum Sachsen und im Lande Heinrichs von Wolfenbüttel dem Evangelium eine freie Bahn geöffnet. Herzog Heinrich führte nach seines Bruders Georg Tode (1539) rasch die Reformation in dem ihm zugefallenen Landesteile ein. Der Herzog von Wolfenbüttel war auf seinem Zuge gegen Goslar von hessischen und sächsischen Truppen gefangen genommen worden (1542). Sein Land kam an seine Söhne und erfreute sich nunmehr gleichfalls der lauteren Predigt des Evangeliums.
So war ganz Norddeutschland evangelisch geworden. Nicht viel anders war es im Süden. Württemberg bekannte sich seit 1534 zur Reformation. In der Oberpfalz hatte schon frühzeitig das Evangelium den Sieg davongetragen und in der Kurpfalz wurde 1546 die Reformation eingeführt. Auch Bayern wäre seinen Nachbarn gefolgt, wenn nicht seine Herzöge, durch ihre Verbindung mit den Habsburgern genötigt, der Ausbreitung der Reformation nach Kräften gewehrt hätten. Es gelang ihnen zwar, äußerlich die Herrschaft der römischen Kirche aufrecht zu erhalten. Aber die Reichsstädte in Bayern bekannten sich zu dem Evangelium und wurden und blieben für weite Kreise Mittelpunkte der reformatorischen Bewegung. Selbst in den Bistümern Würzburg, Bamberg und Augsburg waren die Protestanten in der Mehrzahl.
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2. Die habsburgischen Lande.
Wie in England der Geist Wiclefs, so war in ~Böhmen~ der Geist Huß' lebendig geblieben. Trotz vieler Bedrängnisse bestanden Anfang des 16. Jahrhunderts ungefähr 400 Gemeinden böhmischer und mährischer Brüder.
[Illustration: Joh. Honterus.]
Der Boden für die Reformation war gut bereitet. Kein Wunder, wenn sie sich rasch ausbreitete. Dank der Duldung, die dem Protestantismus widerfuhr, und Dank der Freiheit, die auf religiösem Gebiete den Landständen gewährt wurde, bekannte sich im Erzherzogtum ~Oesterreich~ bald wohl der überwiegende Teil des Volkes zum Evangelium. Nach ~Ungarn~ hatten viele in Wittenberg studierende Landeskinder die Reformation mitgebracht. Obgleich vom Reichstag als Ketzerei gebrandmarkt und mit Feuer bedroht, dehnte sie sich rasch aus. Die Königin Maria selbst war ihr von Herzen zugethan. Nach der Schlacht bei Mohacz (1526) und dem Tode König Ludwigs errang sich Ferdinand von Oesterreich mit dem Schwerte in der Hand gegen eine Partei, die dem Luthertum den Tod geschworen hatte, die ungarische Königskrone. Er ließ dem Protestantismus Duldung widerfahren. Die Folge davon war, daß insonderheit der ungarische Adel sich bald zur Reformation bekannte. Während die Magyaren dem reformierten Bekenntnis anhingen, erklärten sich die Slaven und die Deutschen für das Luthertum. Auch im benachbarten ~Siebenbürgen~ erlangte der Protestantismus die Herrschaft. Einmütig mit ihren Pfarrern traten ganze Gemeinden aus der römischen Kirche aus. Johann Honterus, von dem Luther sagte: »Das ist wahrlich ein Apostel, den der Herr dem Ungarlande erweckt hat«, wurde der Reformator Siebenbürgens. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts waren Protestanten und Katholiken in den habsburgischen Landen ungefähr gleich an Zahl.
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3. Die Niederlande.
In den Niederlanden hatten die frommen »Brüder des gemeinsamen Lebens«, die fleißig die Heilige Schrift lasen und den evangelischen Rest in der Lehre der katholischen Kirche hervorhoben und pflegten, der Reformation vorgearbeitet. Von Johann Wessel, der unter jenen Brüdern aufgewachsen war, bekannte Luther: »Wenn ich den Wessel zuvor gelesen, so ließen meine Widersacher sich dünken, Luther hätte alles von Wessel genommen, also stimmte unser beider Geist überein.« Luthers Schriften fanden rasch Verbreitung. Zahlreiche Beziehungen zu Frankreich und zur Schweiz führten aber später dazu, daß die reformierte Lehrauffassung die herrschende wurde.
Frühzeitig begann in den Niederlanden infolge ihrer Zugehörigkeit zu Spanien die blutige Verfolgung der Evangelischen. Hier haben die ersten Märtyrer (s. oben S. 45) den Scheiterhaufen bestiegen. Unter Karl V. und Philipp II. sind viele Hunderte evangelischer Niederländer im Kerker, auf dem Scheiterhaufen oder dem Blutgerüst gestorben.
Herzog Alba sollte mit Heeresgewalt die Niederlande dem Katholizismus zurückerobern (1567). Während seiner sechsjährigen Thätigkeit hat er 18000 Menschen hinrichten lassen. Endlich erhob sich das arme, geknechtete Volk einmütig unter Wilhelm von Oranien. Obgleich die südlichen katholischen Provinzen sich von den übrigen trennten, gelang es doch den nördlichen evangelischen Landesteilen sich endlich nach langem, heißen und blutigen Krieg die bürgerliche und religiöse Freiheit zu erobern (1609).
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4. Der Norden Europas.
Wie anderwärts, so setzten auch in ~Dänemark~ die Bischöfe der Einführung der Reformation nachhaltigen Widerstand entgegen. Es war ihnen gelungen, König Christian II., der dem Evangelium zugethan war, zu stürzen. An seiner Stelle ward Friedrich von Holstein zum König erhoben. Wenn aber die römische Partei gemeint hatte, an dem neuen Herrscher einen Schirmherrn des Papsttums zu haben, so war sie in großem Irrtum gewesen. Immer mehr breitete sich die Reformation im Volke aus. Der Reichstag zu Odense (1527) erkannte den Evangelischen gleiche Rechte mit den Katholischen zu. Als Christian III. im Jahre 1536 den Thron bestieg, war das Ende des Katholizismus in Dänemark gekommen. Bugenhagen wurde aus Wittenberg ins Land gerufen, den König zu krönen und die evangelische Kirche Dänemarks zu ordnen. In dem unter Dänemarks König stehenden ~Norwegen~ führte ein Beschluß der Volksgemeinde die Reformation ein. Auch ~Island~ nahm das lautere Evangelium an.
Merkwürdig ist es, wie ~Schweden~ zur Reformation kam. In dem Lande, das später so zäh am Evangelium festhielt, dessen König der Retter der Glaubensfreiheit für die Welt werden sollte, hat man zunächst aus äußeren Beweggründen den Katholizismus beseitigt. Gustav Wasa, der dem Meuchelmord in Stockholm entronnen war, hatte sich an die Spitze des Schwedenvolkes gestellt, um es von dem Joche der dänischen Herrschaft zu befreien. Zu dem Kampfe brauchte er Geld. Er gewann es, ohne dem Volke eine Last aufzulegen, indem er Kirchen und Klöstern ihre reichen Stiftungen abnahm. Mit dem äußeren Besitze waren aber auch Macht und Einfluß der römischen Kirche gebrochen und ungehindert hielt die Reformation ihren Einzug. Den Versuch, den Gustav Wasa's Sohn, Johann III., machte, dem Katholizismus wider zu seiner Macht zu verhelfen, vereitelte eine Volkserhebung. Johanns Nachfolger aber, Sigismund, mußte seine Neigung zur römischen Kirche mit der Krone bezahlen, die das Volk dem protestantischen Karl IX., dem Vater Gustav Adolfs, aufs Haupt setzte. Man sieht: rasch ist die Reformation eine Herzenssache geworden, die dem Schwedenvolke um keinen Preis feil ist.
Zum Norden gehörte auch das ~Polenreich~, das sich zwischen Deutschland und Rußland einschob. Die Anfänge der evangelischen Bewegung in Polen knüpften sich an den Namen des edlen Johann von Lasko, der sein Amt als Propst zu Gnesen um seiner evangelischen Überzeugung willen aufgab und infolge dessen Polen verlassen mußte (1536). Zahlreiche Polen studierten in Wittenberg und brachten das Evangelium und Begeisterung für die Reformation mit in die Heimat. Viele aus Österreich vertriebene Evangelische zogen nach Polen. So fand die Reformation ausgedehnte Verbreitung. Leider hat sie in Polen keine bleibende Stätte gehabt, während sie in ~Kurland~, ~Livland~ und ~Estland~ bis auf die Gegenwart unter manchen heißen Kämpfen sich behauptet hat.
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5. Großbritannien und Irland.
In England war der Geist Wiclefs lebendig geblieben. Zwei edle Männer reichten dem Volke die Heilige Schrift in der Muttersprache. Sie empfingen ihren Lohn durch den Henker. König Heinrich VIII. von England sagte sich vom Papste los und erklärte sich selbst zum Haupte der englischen Kirche, nicht etwa, weil sein Herz sich dem Evangelium zugeneigt hätte, sondern weil der Papst sich weigerte, des Königs Ehe mit Anna Boleyn für giltig zu erklären. Heinrich war weit davon entfernt, der Reformation Luthers sein Land zu öffnen, obgleich die Anhänger der lauteren evangelischen Lehre auch in England stetig an Zahl wuchsen. Nach Heinrichs Tode gewann der Protestantismus dort die Oberhand. Mit allen Mitteln suchte die Königin Maria die Reformation auszurotten und das Land dem Papste zurückzugewinnen. Da ist viel Blut vergossen worden und Tausende verließen um ihres Glaubens willen die Heimat. Aber gerade in der Verfolgung, den evangelischen Glauben verteidigend, Gut und Blut für die Überzeugung einsetzend, lernte Englands Volk das Gut der Reformation höher schätzen und schloß es tiefer in Herz und Gemüt. Ganz andere Zeiten kamen für England mit der Regierung Elisabeths, der Nachfolgerin Marias. Mit der Gewalt des Schwertes trat sie jedem entgegen, der England wieder katholisch machen wollte. Die Reformation siegte. Von mancherlei Äußerem aber in den prunkenden Formen des Katholizismus hat sich die englische Kirche, die »bischöflische Staatskirche« nicht getrennt. Die Folge davon war, daß gegen diese »Staatskirche« sich viele Stimmen erhoben, die auch jene Formen beseitigt wissen wollten. So ist die evangelische Kirche Englands zersplittert geblieben.
Die Habsucht der protestantischen Engländer, die die irischen Katholiken ihres Besitzes zu berauben suchten, machte den Irländern den Protestantismus verhaßt und verhinderte trotz der Gewalt den Einzug der Reformation in ~Irland~.
Auch in ~Schottland~ hat der erste Prediger des Evangeliums, Patrik Hamilton, sein Leben für die Wahrheit gelassen. Aber nach blutigen Kämpfen trug doch der Protestantismus den Sieg davon. John Knox, der Freund und Anhänger Calvins, gab der schottischen Kirche das Gepräge. Alles, was an den katholischen Gottesdienst und das Papsttum erinnerte, wurde hier -- ganz im Gegensatz gegen die Kirche Englands -- beseitigt.
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6. Frankreich.
Wie anderwärts, so hat auch in Frankreich die Heilige Schrift in der Muttersprache neues Leben geweckt. ~Faber Stapulensis~ legte fast zu derselben Zeit, da Luther uns die deutsche Bibel schenkte, die französische Bibel in die Hand seines Volkes. Er stellte unumwunden die Heilige Schrift als die einzige Glaubensregel hin und räumte jedem Christen das Recht ein, seinen Glauben nach dieser Regel zu prüfen. Auch bekannte er sich zu dem reformatorischen Grundsatz der Rechtfertigung allein aus dem Glauben. Fabers Freund, ~Gerhard Roussel~, predigte in echt evangelischer Weise auf Grund des göttlichen Wortes und wurde durch sein christliches Leben in opferwilliger Liebe für viele ein edles Vorbild. Äußerlich hat er sich nicht von der römischen Kirche getrennt. Diese aber sah ihn als Ketzer an. Katholische Fanatiker haben die Kanzel zerschlagen, auf der er predigte. Roussel starb bald darauf an den schweren Verletzungen (1550).
König ~Franz~ I. erkannte wohl, daß die Wahrheit auf Seiten des Protestantismus war. Aber ihm fehlte der sittliche Ernst und der Mut des Glaubens, seiner Überzeugung Folge zu geben. Er ließ es zu, daß das Bekenntnis zum Protestantismus als bürgerliches Verbrechen und Hochverrat gebrandmarkt wurde, und konnte mit eigenen Augen der Verbrennung evangelischer Glaubenszeugen zuschauen. Das Evangelium hatte jedoch bereits zu weit und zu tief Boden gefunden, als daß es mit Feuer und Schwert hätte ausgerottet werden können. Eine katholische und eine protestantische Partei -- man nannte im Süden des Landes die Protestanten ~Hugenotten~ -- standen sich gegenüber. Im Jahre 1562 wurde den Hugenotten Religionsfreiheit gewährt. Vielleicht hätten nunmehr Katholiken und Protestanten im Frieden nebeneinander gewohnt, wenn nicht eines der Häupter der katholischen Partei durch den Meuchelmord einer zum feierlichen Gottesdienst versammelten, wehrlosen Gemeinde von neuem den Kampf heraufbeschworen hätte. Ein langer Religions- und Bürgerkrieg endete mit dem Frieden von St. Germain (1570), der von neuem den Hugenotten die Freiheit ihres Bekenntnisses gewährleistete. Aber die furchtbare Bartholomäusnacht (24./25. August 1572), die Pariser Bluthochzeit, entfachte von neuem den Krieg, bis endlich das Edikt von Nantes (1598) den standhaften Hugenotten unter mancherlei Beschränkungen die Freiheit ihrer Religionsübung zusicherte. Heinrich IV., der dieses Edikt unterzeichnet hatte, fiel im Jahre 1610 einem fanatischen Meuchelmörder zum Opfer. Es blieb ihm unvergessen, daß er die königliche Macht nicht zur gänzlichen Ausrottung des Protestantismus in Frankreich benutzt hatte.
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7. Italien und Spanien.
Luther ist selbst in Italien und in Rom gewesen. Als er zum ersten Male die Stadt schaute, sank er in die Knie und sprach: Sei gegrüßt, du heiliges Rom! In Rom hat er freilich Worte gehört, wie: Ist eine Hölle, so ist Rom darauf gebaut. Das das Wort viel Wahres enthielt, lernte er bald an dem sittenlosen Leben in Rom und an der Leichtfertigkeit der Priester in der Stadt des Papsttums kennen. Nirgends in der ganzen christlichen Welt herrschte solcher Unglaube und so finsterer, an das Heidentum grenzender Aberglaube. Kein Wunder, daß sich vielfach die Gebildeten von einer solchen Kirche abgestoßen fühlten. Frühzeitig fanden Schriften der Reformatoren, allerdings nicht unter ihrem Namen, in Italien Verbreitung. Ein italienischer Priester hat Luthers Auslegung des Vaterunsers gelesen und gesagt: »Selig sind die Hände, die dies Buch geschrieben, selig sind die Augen, die es lesen, und selig sind die Herzen, die es also beten werden.« Die Evangelischen im Venetianischen haben mit Luther im Briefwechsel gestanden.
Papst Paul III. war eine Zeit lang von evangelisch gesinnten Männern umgeben und scheint einst selbst an eine Reformation in Italien gedacht zu haben. Aber er ließ sich von den Feinden der Reformation dazu bewegen, mit aller Gewalt den Protestantismus in Italien auszurotten. Das ist in der furchtbarsten Weise geschehen. »In Venedig pflegte die Inquisition -- diese stöberte die Evangelischen auf und verurteilte sie -- die Beschuldigten um Mitternacht auszuschiffen. Draußen in den Lagunen wurden sie auf ein Brett zwischen zwei Gondeln gebunden; die fuhren auseinander und die See begrub schweigend ihr Opfer. In Calabrien wurden um diese Zeit Waldenser gejagt und geschlachtet wie wilde Tiere. In einem Hause wurden hier etwa 50 gefangen gehalten, der Henker holte einen nach dem andern heraus und schnitt ihm die Kehle ab. In Rom erfreute man sich am Schauspiel der feierlichen Verurteilung vor der Minervakirche und an der Verbrennung der insgeheim schon Erdrosselten.« Am Ende des 16. Jahrhunderts gab es keine Protestanten in Italien mehr.
Ähnlich ist es in ~Spanien~ gewesen. Viel mehr als in Italien ist hier auch das Volk vom Evangelium berührt gewesen. Das lag an der Verbindung Spaniens mit den evangelischen Niederlanden und mit Deutschland. Die Begleiter Karls V. hatten bei ihren Reisen in Deutschland reichlich Gelegenheit gehabt das Evangelium kennen und schätzen zu lernen. An vielen Orten hatten sich insgeheim evangelische Gemeinden gebildet, die in der Stille ihre Gottesdienste abhielten. Fleißig wurde die Heilige Schrift gelesen. Es schien um die Mitte des Jahrhunderts, als sollte der Protestantismus das Übergewicht erhalten. Aber auch in Spanien gelang es der unheimlichen Macht der Inquisition, den Protestantismus völlig auszurotten. Die »Autodafés« sind einer der furchtbarsten Schandflecke der Menschheit, insbesondere der christlichen Kirche. Da führte man »die Verurteilten im Sanbenito, der gelben Kutte, bemalt mit roten Flammen und schwarzen Teufeln einher; wo ein kühnes Wort zu fürchten war, trugen sie Maulkörbe.« 31912 Menschen sollen der Inquisition seit ihrem Anfange zum Opfer gefallen sein, bis Napoleon ihr im Jahre 1808 ein Ende machte. Schon im Jahre 1570 konnte sich Spanien rühmen, frei von der protestantischen Ketzerei zu sein. Papst Pius IX. aber hat eines der verruchtesten Scheusale unter den spanischen Inquisitoren, Peter Arbues, zum Danke für die der Reinheit der Kirche geleisteten Dienste im Jahre 1867 unter die Heiligen erhoben. Gott bewahre die Christenheit auf alle Zeit vor solchen teuflischen Männern!
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Vierter Abschnitt.
Aus der Geschichte der evangelischen Kirche bis zum Ende des Reformationsjahrhunderts.
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1. Der schmalkaldische Krieg.
Freue dich nicht, meine Feindin, daß ich darniederliege; ich werde wieder aufkommen.
Micha 7, 8.
Das »heilige römische Reich deutscher Nation« hat sich an unserm deutschen Volk und Vaterland vielfach und schwer versündigt. Römischer Geist und deutscher Geist haben nie zusammengepaßt. Deutschland war bis auf geringe Reste evangelisch geworden. Aber der »römische« Kaiser gab die Hoffnung nicht auf es zum Katholizismus zurückzuführen. So hat er einen Keil ins deutsche Volk getrieben. Bis in die Gegenwart hat es darunter zu leiden.
Auf mehreren Religionsgesprächen hatte man eine Einigung zwischen Katholiken und Protestanten herbeizuführen gesucht. Es stellte sich aber dabei immer heraus, daß die Katholiken unter Einigung nur die Unterwerfung unter den Papst verstanden. So war es geradezu ein Segen, daß sie sämtlich ergebnislos verlaufen sind. Auch auf der Kirchenversammlung, die der Papst im Dezember 1545 nach Trient berief, war von Verbesserungen der verderbten römischen Kirche gar nicht die Rede. Man bestritt den Protestanten das Recht, allein auf Grund der Heiligen Schrift Reformationen vorzunehmen; denn erstens seien die Beschlüsse der Päpste und der Kirchenversammlungen genau so viel wert wie die Bibel, und zweitens verstände auch die römische Kirche allein die Bibel richtig auszulegen.
[Illustration: Kaiser Karl V.]
An eine Unterwerfung der Protestanten auf gütlichem Wege war nicht zu denken. So hoffte denn Kaiser Karl V. sie mit Gewalt des Schwertes dazu zwingen zu können. Sobald er frei von seinen auswärtigen Feinden, insbesondere von Frankreich war, wollte er ans Werk gehen. Im Geheimen schloß er mit dem Papst einen Bund zur Niederwerfung der Evangelischen in Deutschland. Der Papst hat ihn selbst verraten. Er verhieß dem Kaiser »120000 Italiener Zuzug und 200000 Dukaten; dazu die Hälfte der jährlichen Einkünfte aller spanischen Klöster und die Erlaubnis, spanisches Kirchengut zu verkaufen bis zu 500000 Dukaten; ja wenn es nötig sei, werde er die Krone selbst verkaufen zur Unterstützung des Kaisers gegen die Ketzer.«
[Illustration: Herzog Moritz von Sachsen.]
Auch in Deutschland selbst suchte sich Karl Hilfe für sein Unternehmen. Außer zwei Verwandten des vertriebenen Wolfenbüttler Herzogs (s. oben S. 97) gelang es ihm Herzog Moritz von Sachsen für sich zu gewinnen. Lange hatte dieser geschwankt, welcher Partei er sich anschließen sollte. Er wählte die, in deren Gefolge er sich den größten Vorteil versprechen durfte. Der Kaiser verhieß ihm als Lohn für seine Dienste die Stifter Halberstadt und Magdeburg, sowie Kursachsen. Im Anschluß an den Kaiser hat Herzog Moritz aber auch gelernt, daß dort der Grundsatz: »Der Zweck heiligt die Mittel« voll und ganz durchgeführt wurde. Er hat dann dem Kaiser Gleiches mit Gleichem vergolten.
Im Sommer 1546 sandten die evangelischen Verbündeten dem Kaiser ein Heer unter der Führung des wackeren Schärtlin nach dem Süden entgegen. Hätte man rasch gehandelt, so wäre es wohl gelungen, des Kaisers habhaft zu werden. Aber die Saumseligkeit der evangelischen Fürsten gewährte dem Kaiser Zeit, sein Heer zu sammeln. Auch jetzt noch hätten die Evangelischen den Sieg davontragen können, hätte es nicht ihrem Kriegsrat an Ernst und Entschiedenheit gefehlt. Inzwischen hatte Herzog Moritz fast ohne Schwertstreich Kursachsen besetzt. Der Mangel an Geldmitteln und die Besorgnisse, die die Nachrichten aus der Heimat weckten, nötigten die Verbündeten zum Rückzug nach Norden. Mitte Dezember erschien der Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen in Thüringen. Mit jubelnder Freude begrüßte man ihn. Bald hatte er sein Land wieder besetzt und auch den größten Teil des albertinischen Sachsens erobert. Noch einmal schien es, als sollte ihm der Sieg zufallen. Da rückte der Kaiser mit Ferdinand von Böhmen und Moritz von Sachsen heran und überraschte den Kurfürsten. In der unglücklichen Schlacht bei Mühlberg (24. April 1547) verlor dieser Land und Freiheit. Herzog Moritz wurde mit Kursachsen und der Kurwürde belehnt. Den Söhnen Johann Friedrichs wurde ein Jahrgehalt gewährt und zu dessen Sicherung einige Thüringische Ämter verpfändet. Der Kurfürst blieb Jahre lang des Kaisers Gefangener, nachdem Karls Gnade ihm, dem Geächteten, das Leben geschenkt hatte.
Damals ging ein tiefes Trauern durch Sachsenland. Man kann's an Philipp Melanchthon erkennen. Der war aufs Tiefste bekümmert; erst über den Abfall des Herzog Moritz -- denn wenn dieser auch zehnmal beteuerte, daß keine Gewalt ihn zur Verleugnung seines evangelischen Glaubens zwingen könne, und daß es viel besser für Kursachsen wäre, wenn er, als wenn der Kaiser es besetze, so war es doch klar, daß sein Ehrgeiz nach Land und Kurhut des Vetters gestrebt hatte. Und wie groß war Melanchthons Schmerz um seinen gefangenen und entthronten Landesherrn! »Könnte ich auch so viel Thränen vergießen,« schrieb er, »als Wasser die Elbe herabfließt, so würde ich doch den Schmerz nicht ausweinen können, den ich über die Niederlage unseres Fürsten empfinde, welcher gewiß ein Freund der Kirche und der Gerechtigkeit war.«
Auch der Landgraf Philipp von Hessen geriet in die Gefangenschaft des Kaisers. Das Bündnis der Protestanten gesprengt, die fürstlichen Führer gefangen -- das war das Ende des Schmalkaldischen Krieges. Jetzt war der Kaiser wieder unumschränkter Herr in Deutschland. Auf seine Gnade war der Protestantismus angewiesen.
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2. Das Interim.
Wir können nichts wider die Wahrheit, sondern für die Wahrheit.
2. Cor. 13, 8.
Daß es unmöglich war, den Katholizismus wieder zu unumschränkter Herrschaft im ganzen Reich zu bringen, sah Karl V. wohl ein. Noch gab es mächtige protestantische Fürsten und Städte. Auch sagte er sich, daß es ein undankbares Geschäft sei, für den Papst in den Krieg zu ziehen. Dieser hatte seine Versprechungen schlecht gehalten. Auch hatte er bald die Kirchenversammlung von deutschem auf italienischen Boden verlegt. Karl verfolgte ein doppeltes Ziel: Erstens wollte er die stark erschütterte kaiserliche Macht wieder zur Anerkennung bringen. Zweitens sollte in seinem Reiche die Einheit der Kirche wieder hergestellt werden. Auf beiden Seiten, auf katholischer wie auf protestantischer mußte etwas nachgegeben werden, damit solche Einheit zu Stande käme. Entzog sich der Papst dem kaiserlichen Wunsche die Kirche zu verbessern, so wollte es nunmehr der Kaiser ohne den Papst thun.