Chapter 1 of 6 · 3963 words · ~20 min read

Part 1

Johannes R. Becher

Der Bankier reitet über das Schlachtfeld

Erzählung

Agis-Verlag / Wien 1926

Inhalt

Das schwimmende Märchenschloß. – Vornehme Passagiere. – Hotel „Zum Weltkrieg!“ – Lernt aus dem Vergangenen für das Zukünftige! – Gewidmet den Meistern in der Verwendung von Millionenheeren! – Auf den Spuren schwerer Brocken. – Von denen, die sich über den Massengräbern aalen. – Legende vom toten „Bauernchristus“. – Das Frontschwein Emil. – Brüder der „Großen Grube“, hört! – Hop hop hop! –

Der amerikanische Bankier und Milliardär Mr. Branting hatte, als er in dem weltberühmten Höhenluftkurort St. Moritz in der Schweiz eintraf, bereits eine mehrwöchige wohlgelungene Vergnügungsreise hinter sich. –

* * * * *

Es war schon gegen Mitternacht, als der mit dem modernsten Luxus ausgestattete Riesenturbinendampfer „Columbia“ aus dem Hafen von Newyork auslief.

Die Bordkapelle intonierte die amerikanische Nationalhymne.

Hüte flogen am Ufer hoch, ein hundertstimmiges Hurra erscholl, und dann wie ein Salutschießen: ein knatterndes Händeklatschen.

Die unter einem bengalischen Sprühregen rotierenden Feuerräder der Lichtreklame, die auf hängenden Tafeln auf und nieder rollenden Lichtbuchstaben leuchteten noch weit ins Meer hinein, die Turmbauten der Wolkenkratzer waren in Kreuzform illuminiert, und die Freiheitsstatue war wie in einem Gazeschleier in ein Lichtkegelspiel von Scheinwerfern gehüllt, so daß man, von diesem Lichtwerk geblendet, schon kaum mehr das Geräusch der Staffeln der Nachtflugzeuge bemerkte, die unter einem monotonen Surren, bald näher, bald weiter, den Küsten des Großen Ozeans entlang flogen. Nur manchmal, wenn sie plötzlich einer der von der Erde aufgescheuchten Lichtkegel traf, dann reckten staunend die Passagiere ihre Köpfe hoch: da hingen sie beinahe wie unbewegt, die stählernen Riesenfalter, unmittelbar unter einem wie ein Gletscher schimmernden Wolkenfeld.

Noch kreisten, laut sirenend, Torpedoboote und Barkassen um die „Columbia“, gaben ihr das Geleit bis zu der äußersten Grenzzone und schwenkten dann, wobei sie Leuchtraketen abschossen, noch einmal, bevor sie in den Hafen zurückkehrten, in einem großen Bogen um sie herum ...

Die Passagiere konnten sich nicht genug darin tun, noch vor dem Schlafengehen die Einrichtungen der „Columbia“ zu bewundern.

„Ein schwimmendes Märchenschloß“, so wurde sie nicht zu Unrecht genannt.

Hätte jetzt ein Deutscher, und gar ein Patriot noch dazu, das Schiffsinnere betreten, es hätte sich ihm beim Anblick der vielen deutschen Firmenschilder gewaltig die Brust geschwellt, und das schöne Schiffsungeheuer zärtlich mit Blicken streichelnd, hätte er sicherlich wehmütig aufgeseufzt: „Deutschland über alles.“ Und hätte sich, wieder einmal, gerade zur rechten Zeit der Worte seines Großen Kurfürsten erinnert: „Gedenke, daß du ein Deutscher bist!“ ...

Auch Mr. Branting ließ sich durch einen Schiffsoffizier durch sämtliche Räume führen.

Der Speisesaal glich mit seinen traubenförmig niederhängenden Ampeln und den gedrechselten durchsichtigen lichtflüssigen Glassäulen einer traumhaften Grottenhalle, ja, die länglichen Fensterplatten zu beiden Seiten ließen, von außen her grell beleuchtet, die Meertiefe durchschimmern, so daß man speisend, während der Fahrt, wie in einem Aquarium, die Meerflora und die Seetiere an sich vorübergleiten sah. Rauch- und Billardzimmer schlossen sich an die „Traumgrotte“ an, ein Lesezimmer und die Bordbibliothek, so umfangreich und mit solch wertvollen Buchausgaben ausgestattet, daß, was auch ein flüchtiger Blick in den Katalog besagte, sie sich mit jeder Bibliothek mittleren Ranges messen konnte.

Der Bankier musterte noch, offensichtlich befriedigt, die Massage- und Baderäume, wobei das Schwimmbassin mit einem ein Meter und einem drei Meter hohen Sprungbrett besonderer Erwähnung verdiente und ließ sich dann von dem ihn begleitenden Schiffsoffizier darüber belehren, daß auch eine besondere Schiffspolizei vorhanden sei, um, wenn nötig, das an sich schon immer etwas rebellisch veranlagte Heizpersonal gebührend in Schach zu halten.

„Wollen Sie einmal einen Blick in die „Hölle“ tun!? ... Dann bitte –“

In Begleitung des Schiffsoffiziers kletterte der Bankier eine lange Eisenleiter hinunter und – der Aufforderung des Offiziers folgend: „Bitte, treten Sie ein wenig zurück, es ist nicht gerade nötig, daß die Heizer Ihrer ansichtig werden“ – sah er durch die mit schweren Eisenklammern abschließbare Luke in den Heizraum hinein.

Ein stickichter Glutwind sprang ihm entgegen.

Er nahm nur zögernd wieder die Hände vom Gesicht.

Es war, als ob das Heizpersonal in flüssigem Feuer badete.

„Genug!“

Die Luke schloß sich.

„Kann sogar von der Kommandobrücke aus automatisch bedient werden ...“

Der Bankier sah sich noch einmal um.

Die Luke glich einer schweren Panzerplatte.

Armdick.

„Wie der Deckel zu meiner Familiengruft in Kalifornien“, meinte der Bankier treuherzig.

„So ähnlich wohl ja ... Wenn nämlich einmal was vorkommen sollte, Leck, hier werden die Schotten zuerst abgedichtet. Aber auch bei Aufruhr ... Die Wassermasse stürzt in den Heizraum herein, platzt unter einem gewaltigen Getöse auf die Glut, man kann dann zwar den ganzen Schiffskörper hindurch das Fäustegetrommel und das Wutheulen der Verzweifelten hören, aber der Kampf der Eingeschlossenen mit dem Element dauert nicht lange, je nachdem, aber sicher nicht länger als drei Minuten. Bloße Fäuste und Schreien aber haben bekanntlich noch nie Panzerplatten zum Erweichen gebracht, auch nicht, wenn Köpfe dagegen rennen. Sie löcken umsonst wider diesen Stachel. Und jede Sekunde, die unten das Schiff noch in Gang bleibt, ist oben für die Rettungsaktion gewonnen ...“

Der Rundgang war beendet.

Der Bankier stieg an Deck, um sich von der Höllenhitze des Maschinenraums, die ihm noch wie flüssiges Metall durch die Adern zischte, abzukühlen ...

Mitten durch den Ansturm der Wogenberge hindurch schnitt sich die „Columbia“. Jede Art Schlingerbewegung war durch eine bestimmte Rumpflinienführung und durch eine neueste Kreiselkonstruktion ausgeschaltet.

Die Wogenberge, oben mit Schaumblüten bewachsen, stürzten sich unter einem langanhaltenden Rolldonner heran, der Kiel schnitt glatt mitten hindurch, ein wüstes Gekreische, als ob Wasser geschlachtet würde – und der Meeresgrund sog mit einem tiefen Atemzuge die abgeschlachteten Wogenberge wieder in einer langen Schleife an sich zurück ...

Schön und tiefblau war die Nacht.

Ein lauer Windzug strich.

Das Firmament glitzerte.

Hie und da fiel eine Sternschnuppe.

„An was denke ich nur? Oder – bin ich wunschlos!?“

Der Bankier sann noch einen Augenblick darüber nach.

Dann suchte er seine Kabine auf.

Fern, ganz fern – durch eine moderne Schalldämpfervorrichtung gedämpft – stampften, stampften die Maschinen.

* * * * *

„Du, von was leben die da oben eigentlich?“

Machte sich unten im Maschinenraum einer der chinesischen Heizer an einen Deutschen heran.

„Pst!“ gab der unwirsch zur Antwort, „du weißt doch, daß Kontrolle ist, hast du nicht den Wisch mit den Paragraphen unterschrieben?! Du weißt doch, daß es eine Schiffspolizei gibt, auch unter den Heizern sind solche ... Von was die leben!? ... Davon!!“

Er deutete auf seine Oberarmmuskeln, auf seine schwielige Hand, und schippte seine Kohlenbrocken weiter.

„Davon! Und nur davon! Ausschließlich nur davon! ... Wenn wir einmal die Glut aus den Kesseln reißen, dann: Herrlichkeit ade! ... Dann nämlich ist’s aus mit dem großen Bogen spucken. Ratzekahl aus damit! sage ich dir ...“

„Ich will dir was sagen, Bruder“, flüsterte der Chinese, „genau so ist’s auch in unserem Land. Dort, wo ich daheim bin. Länderhungrig sind die. Und schöne Maisplantagen haben die sich angelegt und große, große Spinnereien ... Und der Christengott ist übers Meer gefahren gekommen und überall haben die dickwanstigen Missionare den eingesetzt ... Ein gräulicher, scheußlicher Gott ist so ein Christengott, ein Blutsäufergott, stinkt nach Fusel und macht alle besoffen mit Branntwein ... Auch Opium, Bruder, Opium! Ganze unterirdische Höhlenstädte haben wir, in denen nur Opiumraucher wohnen ...“

Ein Schwarzer trat hinzu.

„Wie bei uns ... Da nehmen sie auch das Vieh weg, mitsamt dem Weidland, ja schrecklich länderhungrig sind die, und die Erde bohren sie an und ziehen daraus mittels elektrisch betriebener Pumpwerke den ganzen Saft hervor ... Sogar in einen Krieg haben wir ziehen müssen, aber wißt ihr, Kriegsmaschinen haben die, da kann unsereins nicht dagegen aufkommen. Ein Gewehr, das ganz schnell „tacktack“ macht, da sind oft gleich an die Tausende in einem Nu hin. Hin und futsch ... Seht ihr, Brüder, wie dieser Maschinenraum schwitzt, so schwitzt unser ganzes Land. Blut schwitzt unser Land ... Was ist da zu machen, Brüder ...!?“

Schweigend starrten die Drei in die Glut.

Bis der Deutsche ganz leise zu singen begann:

„Tüchtig heizen, tüchtig heizen, Daß das Schiff läuft – Tüchtig heizen, tüchtig heizen, Daß das Schiff schneller läuft ... Tüchtig heizen, tüchtig heizen, Daß das Schiff Volldampf läuft!“

Die Nachtrunde, aus drei Schiffsoffizieren bestehend, erschien.

Jeder der drei Heizer sang jetzt lautlos für sich allein das Heizerlied zu Ende:

„Tüchtig heizen, tüchtig heizen, Bis die Glut zum Himmel spritzt!!!“

– – –

Die Maschinen stampften.

Sonst war tiefe Stille auf dem ganzen Schiff.

* * * * *

Und Tage fröhlichsten Bordlebens begannen! –

„Man kann seine Ferien kaum besser verbringen ... Die ganze Welt wird einem zu Venedig ... Alle Länder der Welt miteinander durch Kanäle verbunden, darüber hinweg wir in schwebenden Gondeln ...“

Auch der Bankier erlebte es wieder, mit einem Gefühl von Dankbarkeit an das Schicksal der Welt, wie der Mensch, aus Staub und Lärm der Großstadt entfernt, ein Anderer wird.

Reiche Abwechslung ward den Bordgästen geboten.

Ein internationales Tennisturnier an Deck fand sportbegeisterte und sachverständige Zuschauer.

Aber auch das Radio wurde fleißig benutzt.

Nachrichten aus aller Welt:

Man konnte in der Badewanne bei einem Sauerstoffbad oder den erholungsbedürftigen Körper auf einem Liegestuhl ausgegossen träumen, was Europa träumt, träumen, was Amerika träumt, und kaum, daß ein Ereignis in der Welt geschah, sei es auf dem Gebiet der Literatur und der Kunst, der Politik und des Rennstalls: durch die elektrischen Wellen wurde es einem ins Ohr geflüstert.

* * * * *

Zu einem besonderen Ereignis aber, dem nicht ein gewisser sensationeller Beigeschmack fehlte, sollte sich das Auftreten des jungen italienischen Pianisten Antonio Carracarra gestalten, das für die Passagiere noch hinreißender zu werden versprach, als die oft an eigenartigen Ueberraschungsmomenten reichen Sparringsrunden Charlie Hinklings, des Weltmeisters im Boxen im Mittelgewicht.

Von Antonio Carracarra war allgemein bekannt: er war kein Frauenfreund. Sogar in der amerikanischen Presse stand jüngst darüber ausführlich geschrieben.

Trotzdem umgaben ihn rudelweis die Frauen, bewunderten seine Hände, küßten seine Hände, Antonios Hände, von denen eine ungarische Gräfin, die sich der Poesie widmete, sagte, man müsse einen Abguß von ihnen nehmen, um sie noch rechtzeitig der Nachwelt zu übermitteln.

Antonio Carracarra sei die Gewißheit des Paradieses in die Hände geschrieben, er denke, er fühle mit den Händen, und diese Hände würden auch, abgesondert von dem Körper, dem sie zugehörten, ein Leben führen können, ein Traumleben, ein berauschendes Klangleben. Sie seien auch, getrennt vom Instrument, Musik; zu Nervenfasern geronnene Musik: Antonio Carracarras Hände!

Nun, die meisten Passagiere hatten Antonio Carracarras Spiel bisher nur im Radio gehört, seine Klavierabende waren immer schon Wochen, ja Monate vorher ausverkauft, und selbst für einen Passagier der „Columbia“ waren die Eintrittspreise, von Tag zu Tag durch Zwischenhändler in eine immer schwindelhaftere Höhe hinaufgetrieben, unerschwinglich.

Ueber den Abend, den Antonio Carracarra an Bord der „Columbia“ gab, war nur das eine zu berichten:

Die Hände Carracarras wurden zu Musik und schwebten als Klangfittiche, sich ihm wunderbar verschmelzend, durch den Konzertsaal, und zur Musik, zu lebendigen Traum-Fugen wurden auch die andächtig lauschenden Zuhörer.

Als Antonio Carracarra nach Vortrag des letzten Stückes hinter einem Frühling prächtigster Blumenarrangements verschwand, da sprach die Meinung aller derer, die sich so reich begnadet dünkten, an diesem Abend haben teilnehmen zu dürfen, wiederum jene ungarische Gräfin am treffendsten aus, die, Tränen in den Augen, schluchzte:

„Einfach Apollo!“

War es da weiter verwunderlich, daß sie auch gleich darauf, was ihren höchsten Erdenwunsch betraf, sich dahin äußerte, einmal, Antonio Carracarras Hände über Augen und Stirn gebreitet, sterben zu dürfen ...!?

Auch dem Bankier war es dabei, als ob er seines sterblichen Körpers entledigt würde, die irdische Hülle fiel von ihm ab, und er fühlte sich einen Augenblick lang gut, ganz gut ...

Seine beiden Söhne kamen ihm in Erinnerung, er verglich sie in Gedanken mit dem jungen Antonio, einige Pläne kreuzten sich ihm wirr im Kopf, und er faßte den Entschluß, Antonio Carracarra kennen zu lernen.

Es ergab sich aber in der Folge nie eine passende Gelegenheit. Antonio Carracarra wiederum, der an Bord ein zurückgezogenes Leben führte, tat so, als ginge er dem Milliardär aus dem Weg, der ihm als einer der genialsten Vertreter des modernen Finanzkapitals bekannt war, und dem er gern die Hochachtung des Künstlers den großen Männern der Industrie gegenüber ausgesprochen hätte ...

* * * * *

So kam auch jener Abend heran, der letzte vor dem Eintreffen der „Columbia“ in Europa.

Sie sollte kursmäßig am andern Tag gegen Mittag im Hafen von Southampton einlaufen.

Die Schiffsdirektion hatte für diesen Abend noch eine Spezialattraktion angekündigt.

Einer der aktuellsten und durch seinen tiefen menschlichen und künstlerischen Gehalt ergreifenden Großfilme sollte gezeigt werden, die neuesten Ereignisse in Bulgarien schildernd.

Welch eine Ueberraschung!

Die Filmvorstellung fand kurz nach Einbruch der Dunkelheit, nach dem Souper, im Freien an Deck statt, eine riesige Leinwand war gespannt, und die Zuschauer hatten ihre Plätze derart eingenommen, daß sie sich bequem in Decken gehüllt am Boden lagerten oder sich in ihren Liegestühlen räkelten.

Die Bordkapelle spielte die geeignete Begleitmusik dazu.

Zuerst: ein Trommelsolo, dann, zögernd und diskret angedeutet: die „Internationale“, gleich darauf ein wildes Durcheinandergeknatter von Gewehrschüssen, dem, gemessen und mit breiten Strichen vorgetragen, ein Choral folgte, und dann als Abschluß, fortissimo, wobei auch Hörner und Blechmusiken mitwirkten: ein Potpourri aus der amerikanischem englischen, französischen und deutschen Nationalhymne.

Der Filmstreifen wickelte sich ab:

Die Kathedrale von Sofia erschien, wie ein auseinandergefetzter Steinhaufen, die Höllenmaschine, mit der dieses fluchwürdige Attentat verübt wurde, ließ sich einige Sekunden lang sehen, dann fuhr König Boris in einem schnittigen Automobil vorüber, gerade zur rechten Zeit noch von seinem Vorhaben, die Kathedrale zu besuchen, ablassend, wobei er selbst unfehlbar ein Opfer der grauenhaften Explosion geworden wäre ... Rauchende Trümmer: die Verschwörernester; verstümmelte Leichen mit abgehackten Köpfen davor: die kommunistischen Verbrecher. Die, wie ein darauffolgendes Bild klar aufwies, durch den rollenden roten Moskauer Rubel bestochen, in der Tat die verabscheuungswürdigsten Pläne hegten und – wie gezeigt – auch ausgeführt hatten. Ein Blick in das kommunistische Parteibüro besagte mehr als genügend ... Und nunmehr folgte auch schon der Akt der Sühne! Man sah zunächst lange Reihen von Gefangenen vorüberdefilieren, bärtige, räuberische Gesichter, aber auch Studenten und Gymnasiastinnen darunter, und dann Großaufnahme: die drei Hauptschuldigen. In diesem Moment schrie einer aus dem bisher in tiefem Schweigen verhaltenen Publikum: „Hunde! Bluthunde!“ Ein Ruf, der allerorts begeisterte Aufnahme fand. Die aber, denen er gelten sollte, hörten ihn nicht mehr ... Schon war das Galgenrechteck auf dem Richtplatz in die Höhe gezimmert, der lebende Wall der vieltausendköpfigen Zuschauermenge wogte, ungeduldig vor Spannung, auf und ab, da aber ratterte auch schon der Lastkraftwagen mit den zum Tode Verurteilten heran, in eine Horde schwerbewaffneter Soldaten gepfropft, und der letzte Gang begann ... Das Urteil wurde nochmals verlesen. Der Verbrecher unter den Galgen geführt. (Wieder: Trommelsolo!) Man half ihnen auf den Tisch hinauf. Einer der Henker stieg nach und legte den Strick um den Hals ... Man sah deutlich an den Kopfbewegungen der vornehmen Gesellschaft auf den Zuschauertribünen, die sich blendend amüsierte, daß jetzt der Staatsanwalt fragte: „Alles fertig?!“ Die Henkergesellen nickten, sprangen wie Katzen auf die Tische zu, warfen sie um und schlangen sich zugleich bis zu den Hüften herauf um die Leiber der Exekutierten, fest darin eingekrallt, schnitten dazu wie Clowns Grimassen, die Leiber der Exekutierten schwangen langsam wie Pendel hin und her, strafften sich, und der Strick, von dem doppelten Gewicht, dem des Henkers und dem des Gehenkten, belastet, schnitt doppelt tief im Genick des Gehängten ein ... (Hier senkte sich feierlich wie ein Samtvorhang aus Moll der Choral hernieder ...) Eine weiße Kapuze wurde jetzt den im Todeskrampf zu einiger wüsten Grimasse verzerrten Gesichtern übergestülpt und –

Das Nationalhymnen-Potpourri schmetterte!

Während zu gleicher Zeit das Schlußbild aufleuchtete:

„Des Volkes Blühen und Gedeihen!“

Erntefelder.

Bauern, die Garben binden.

Und König Boris, der gute Worte und Orden spendend wie ein Heiland durch ihre ehrfürchtig die Köpfe von den Mützen entblößenden Reihen hindurchschritt ...

Das Bordpublikum klatschte.

Die Zuschauer waren, wie sich das in ihren Gesprächen äußerte, alle durch die historische Wucht jener Szenen zu tiefst erschüttert.

Das Lichtbild mit dem Galgen stand noch einen Augenblick lang in der Nacht, und darunter mit einer flammenden Inschrift, die sich jedem tief bis auf den Herzkern einbrannte, nichts weiter als die knappen Worte:

„Wir oder sie ...“

* * * * *

Und der Herztakt des Schiffes, die Maschine, stampfte ...

* * * * *

Nur in der Bar war noch bis über Mitternacht Betrieb.

Es dauerte diesmal bis in den Morgen hinein.

Eine kunterbunte Gesellschaft hatte sich dort nach der Filmvorführung zusammengefunden: Dancinggirls, die Schiffsoffiziere mit den Aspiranten, Sportsleute, Schaupieler.

Auch der Bankier saß als „stiller Teilnehmer“ in einer Ecke im Klubsessel.

Der „Budenzauber“, wie sie es nannten, begann, als einer, in eine lang an ihm herabwallende Ku-Klux-Klan-Maske gekleidet, händeklatschend und dabei wie ein bayerischer Gebirgler jodelnd hereintanzte.

Das war das Zeichen zu einer allgemeinen Kostümierung.

Trotzdem alles nur improvisiert war, waren die Kostüme ausgezeichnet gelungen.

Einer erschien als Meergott Neptun, einer als Pope, einer als Gehängter, sogar den Strick noch um den Hals, die Dancinggirls teils als „öffentliche Frauenzimmer“, teils als Nacktdamen.

Eines dieser Dancinggirls tänzelte zierlich auf den Bankier zu:

„Komm, Alterchen! Schmücke dein Heim!“

Und so konnte auch er es nicht verhindern, daß man ihm einen roten Türkenfez aufstülpte und ihm bunte Papierschlangen um Brust und Hals wand.

Die Ku-Klux-Klan-Maske stieg auf einen Stuhl.

Ein Glas klingelte dreimal schrill.

Ein allgemeines Gesumme:

„Ah, eine Ansprache ...“

Die Ku-Klux-Klan-Maske sprach dabei aus einem langen rüsselartigen Papiertrichter, der sich abwechselnd auf und zu rollte. Die Worte daraus tönten dumpf und krächzend.

„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Das Thema dieses Abends ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser Raum hier sei ein Unterseeboot oder eine Taucherglocke. Wir befinden uns auf dem Grund des Meeres. Hören Sie, wie es knirscht: das sind Schädelgerölle, über die der Kiel unseres Bootes wie ein Wiegemesser hin und her wippt ... Rettung ist ausgeschlossen ... Also, meine Herrschaften, wir setzen jetzt einen Sauerstoffapparat in Gang, den Reservebehälter. Nach ihm – die Sintflut! ... Läutern Sie Ihr religiöses Gemüt! Zur Ohrenbeichte und Absolution haben Sie nebenan ungestört Gelegenheit ... So also liegt die Situation ... Eine verfahrene Sache. Diesmal also ist der Karren im Dreck stecken geblieben ... Wir haben nunmehr die sicher lobenswerte Absicht – und die hohe Kommandoleitung unseres versunkenen Boots hat sich dem Wunsch ihrer Untertanen angeschlossen – wir hegen also die Absicht, in unserem eigenen Sarg die wenigen Stunden, die uns durch die Gnade unseres Sauerstoffreservebehälters gelassen sind, würdig mit unserem eigenen Leichenbegängnis zu begehen. Unsere Gesellschaft ist so gemischt wie nur irgend möglich zusammengesetzt. Alles ist darunter; alles, was das Herz eines armen Sterblichen begehrt: Kokotten, Zuhälter, Kolonels, Prärie-Räuber, Ku-Klux-Klan-Leute, Bolschewisten, Milliardäre, sogar ein Henker. Darf ich gleich vorstellen – vielleicht findet sogar noch im letzten Lebensaugenblick eine Hinrichtung statt – Jonas Thompson, gebürtig aus Chikago, erfolgreicher Scharfrichter ... Und nun, meine Herrschaften, nützen Sie Ihr Leben, so lange es Ihnen kraft der eingangs meiner Rede behandelten Umstände noch gestattet ist ... Freut euch des Lebens, wenn noch das Lämpchen glüht ...“

Ein Wirbeltaumel von Schlaginstrumenten, Tamburins, Blechschellen, Trommeln, Holzklappern setzte schon bei den letzten Worten der Rede ein.

„Freut euch des Lebens! Das soll heute Nacht unser Motto sein!“

Plärrte heroisch ein Schauspieler mit gewaltiger Stimme.

Glas auf Glas wurde hinuntergestülpt.

Einige rülpsten laut.

Andere gurgelten.

Eine der Tänzerinnen wurde auf den Tisch gelegt, ein langer Spritzenschlauch ihr zum Mund eingeführt.

Die Ku-Klux-Klan-Maske feixte geheimnisvoll:

„Rhizinus!“

Und zum Henker gewandt:

„Danach tranchiert ...“

Gleich darauf erschollen Hochrufe:

„Der heilige Ku-Klux-Klan soll leben! ...

„Aber auch die von ihm massakrierten, die Kopflosen und die Gehängten! ...“

Unter lautem Beifallsgebrüll schleppte der Scharfrichter einige Stoffpuppen heran, die ihm welk wie fleischige Lappen unter den Armen hingen.

„Frisch vom Galgen ... preiswert abzugeben ...“

„Hoch! Hoch!“

„Es lebe der Kommunismus! Hoch!“

Eins der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die Schulter eines Cowboys, der wiederum auf der Schulter der Ku-Klux-Klan-Maske stand.

„Welch ein Akrobatenkunststück! Excentrik-Akt! Brillant! Famos! Was! ...“

Und das Dancinggirl trällerte den neuesten Schlager:

„Das ist doch wenigstens noch etwas anderes Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“

„Na, Dickerchen, was meckerst du denn!?“ geriet jetzt an den Bankier einer der als Zuhälter Kostümierten heran, eine Kokotte imitierend.

„Schnuckelchen, bin ich nicht eine süße Kanaille, ein liebreizender Schäker ... o du, mein holder Abendstern ...“

Dabei fächelte er ihm mit einem Flederwisch ins Gesicht.

Befingerte ihm den Bauch, tat schwul, seufzte sabbernd „uch nein“, und ließ dabei zum Spaß mit einem Taschendiebstrick die Uhr mitsamt der Kette verschwinden.

„Na, Männeken Schwemmbauch, Männeken Wackelbauch! ... Auch anders wie die anderen!? ... Du federleichtes Spatzengehirn, wieviel Milligramm wiegst du denn, Komm tanz mal! ... Lüft auch mal ein wenig deinen Klubsesselhintern! ... Tu dich doch nicht so, Kratzbürste!“ ...

Nur mit Mühe gelang es dem Bankier, gut zuredend, den die Kokotte imitierenden Zuhälter von sich abzuwehren ...

* * * * *

An einem Tisch in der gegenüberliegenden Ecke hatten sich inzwischen die Schiffsoffiziere über einen der Aspiranten hergemacht.

„Nein, so ein Kadett! Drollig, drollig, so ein Witzling, will Seemann werden und verträgt keinen Schluck nicht.“

Ein Humpen nach dem andern wurde ihm in seinen Schlund entleert.

„Na, grein nicht, kriegst schon den Schnuller.“

Eine dicke Havanna wurde ihm zwischen die Zähne gepreßt.

„Na, Bürschchen, soll ich dir jetzt mit dem Finger das Gaumenzäpfchen kitzeln oder dir ein Stückchen schön fettigen Schweinespecks recht liebevoll an einem Schnürchen im Hals auf und niederziehen!? ...“

Der Schiffsaspirant, noch ein Bübchen, verfärbte sich grün und weiß.

Kotzte.

„Na endlich! ... So ein Muttersöhnchen, so ein Lausewürstchen, das zieht ihm die Milch aus den Wangen ... Tüchtig, allemal tüchtig! Auch das Kotzen will gelernt sein. Verflixte Drecksau! Hast du die Zappelfritzen heute abend am Galgen gesehn!? Ja!? Genau so ergehts dir, wenn du nicht bald Gläser in Scherben beißen kannst! ...“

Die Ku-Klux-Klan-Maske tutete aus ihrem Papierrüssel „Halleluja! Gloria in Excelsis! Hosianna! Er kotzt! Er kotzt sogar um die Ecke! ...“

Ein Freudengewieher erfüllte den ganzen Raum.

„Hihihi!“

„Hahaha!“

„Huhuhu!“

„Kotz! Kotz! Wart du Milchgesicht! Noch eine Prise gekotzter Sch...e gefällig!?

„Eine schöne Bescherung! Und wie er kotzt! Wie wie! Nein, habt ihr schon einmal so ein Kotzen gesehen?!

„Toll, einfach toll! Nur nicht stecken bleiben in deiner Lektion, Brüderchen! Sag sie immer mal feste uff ...“

Auch der Bankier, vom Scharfrichter und der Ku-Klux-Klan-Maske geleitet, mußte sich das Kotzen mitansehen.

„Direkt eine Sehenswürdigkeit!

„Ein Meister seiner Art!

„Ein richtiges Kotzwunder!

„Komm, animier ihn zum Kotzen, Dickerchen!

„Sieh ihn dir an, Bürschchen, den Bankier, ein fetter Leckerbissen, was ...

„Aber wenn du jetzt wieder kotzt, laß bitte die Gedärme drin ...“

Der Aspirant schlug wie hypnotisiert die Augen auf und ergab sich gleich wieder demütig in sein Schicksal, das heißt, er kotzte.

„Wir müßten eigentlich rechtskräftig für dieses Kotz-Schauspiel besonderes Eintrittsgeld erheben ...

„Im übrigen: nur Erwachsenen ist der Zutritt gestattet.

„Sind vielleicht trotz des ausdrücklichen Verbots Hunde und Kinder anwesend!?“

Unter lautem Gejuchze wurden von dem Scharfrichter die Dancinggirls, der Bankier und die Ku-Klux-Klan-Maske als Hunde und Kinder verhaftet, und aus der Kotz-Vorstellung abgeführt.

„... Nieder mit ihm auf den Boden! Laßt ihn doch seinen eigenen Dreck aufschlecken ...“ brüllte ein Obermaat jetzt den Aspiranten an, der aus dem letzten Loch pfiff und bestimmt glaubte, sein letztes Stündchen sei gekommen.

Einer der rangältesten Offiziere aber nahm den Ausgekotzten, wie er ihn bärbeißig nannte, jetzt fest in den Arm, drückte ihn an sich und wiegte ihn.

„Na, mein Wickelwackelkind!? Saugst jetzt an der Mutterbrust ... Schlaf, mein Kind, schlaf ... Na, hat das Komitee der Todgeweihten nicht etwas zu bieten!?“

Es war inzwischen Morgen geworden.

Wieder bestieg unter geheimnisvoll gemurmelten Beschwörungsformeln und eckige Zeichenbuchstaben mit der Hand in die Luft fuchtelnd die Ku-Klux-Klan-Maske den Tisch.

„Ruhe im Puff! ... Meine Damen und Herren!“

Einige lagen bereits am Boden.

Ein Schiffsoffizier wimmerte monoton vor sich hin:

„So ein Rotzlöffel, nein, so ein Kotzteufel ...“

Lautlose Stille trat ein.

Man hörte Schnarchen.

„Hören Sie, der Ast, auf dem wir sitzen, wird soeben abgesägt ...“ witzelte die Ku-Klux-Klan-Maske als Nebenbemerkung vor sich hin.

„ssssst!“

Ein Glas klingelte schrill dreimal.