Chapter 5 of 6 · 3988 words · ~20 min read

Part 5

„... Schlaraffenland! Schlaraffenland! ... Gebratene Tauben fliegen denen dort in den offenen Mund. Ah, wie schön lebendig das duftet, und köstliche Speisen rollen ganz von selbst auf fahrbaren Tischchen heran. Die ganze Welt wird denen zu einem „Tischlein, deck ich“ ... Die kosten sicher nur mal zur Abwechslung, wenn sie mit allzuviel Süßem und Fetten sich den Magen verdorben haben, das Bittere eines Mandelkerns ...“

Emil glotzte stier in das Lichtparadies.

Der Speichel zog sich ihm im Mund zu einem Schleimklümpchen voll säuerlichen Geschmacks zusammen.

„Kameraden!“

„Kamerad!“ schien es Emil als Antwort aus der Tiefe der Schlammkatakomben widerzuhallen.

„Kameraden! Hört ihr mich?“

„Kamerad! Wir hören dich!“

„Parole?!“

Wieder schien es Emil, als ob ihm ein millionenstimmiger Sprechchor antworte, dumpf, wie ein langgezogenes Gewitter in der Tiefe der Erde dahinrollend:

„Brü–der der Gro–ßen Gru–be!“

„Brüder der Großen Grube, hört!“

„Wir hören dich!“

„Da feiern sie ihr Siegesdiner und nicht einmal eine lumpige Brotrinde ist dabei für Emil, das Frontschwein, mit abgefallen. Seht her, nicht ein einziger Brosamen, wieder einmal ist mir der Stahlhelm leergeblieben. Ist es auch noch eine Art, mir ewig mit der gleichen Melodie aufzuspielen: „Pack dich! Pack dich!“? Und Kamerad Emil hat sich doch wacker, akkurat so wie jeder andere, geschlagen, ob in Phosgen, Yperite, ob im Bajonettkampf oder beim Handgranatenüberfall ... Weiß Gott doch! ... Sonst trüge er ja wohl nicht jetzt das Ehrenkreuz auf der Brust! ... He! ... Und steht Emil nicht Wachtposten Tag und Nacht ohne Sold, ohne Ablösung? ... Ihr Kindlein in der Grube! Ihr schmucken Waisenknäblein im pechschwarzen Ehrenkleid! Ist Emil nicht eine gute Mutter euch!? ... Aber da gibt es zweierlei Arten von Gewürm und Geziefer, Kameraden, solches unter und solches über der Erde, Kameraden! Ein Geschlecht zweibeinigen Gewürms ward der Welt zum Verhängnis, aus dem Kriegsschoß geboren, Kameraden, zweibeiniges, menschenähnliches, gar menschliche Worte sprechendes Gewürm ... Uns aber hat es dabei die Sprache verschlagen ... Legt nur einmal das Ohr auf den Boden! Horcht nur einmal hinunter durch die Erdporen, hinein in die innersten Erdgänge! Was knabbert, schmatzt und raspelt da!? Ja, das Erdinnere, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist auch so ein mitternächtlicher Festsaal. Da schlüpfen die Ratten, übervoll ihren Wanst mit Leichenfett angefressen, und die Wurzeln freuen sich, ist ihnen doch Leichendung und Kottunke Götterspeise ... Aber habt ihr sie auch gesehen, die Totenkäfer mit ihren Freßwerkzeugen und die Myriadenarmeen der Aasfliegen, die Madenhorden: das ist auch eine Melodie, wenn die schmausen. Fein säuberlich zerlegen die so einen Knochenleib und tragen ihn nach einem einheitlich organisierten Plan mit den Jahren wie einen Berg ab ... Schön weich wird das Fleisch und die Knochenwände knusprig, was ...?! „Kickericki!“ möchte man da sich wohl schon wünschen, und daß der Hahn kräht, damit der Verrat endlich an den Tag kommt! ... Kameraden! Brüder der Großen Grube! Hungert ihr?!“

„Wir hungern ... Hunger und Durst, besonderer Art, Emil! ... Man bindet sich dabei keine Serviette um, sondern die Schlächterschürze, Emil! „Rache“ schreit der Erdrachen, blutige Rache! Wer noch zwei gesunde Proletenbeine und -arme sein eigen nennt, nimmt Platz! ... Möge aus unseren Gebeinen die Rache erstehn! ... Prost Mahlzeit!“

– – –

„Tirili ... Ti–i–rili ... tiri ...“

Der einsame Vogel sang.

„Arm Vöglein! Du mein herzliebstes Vöglein, was singst du denn immer noch?!“

Und das irrsinnig gewordene Frontschwein Emil glotzte weiter stier in das Lichtparadies hinein. –

* * * * *

Wieder stampfte, knatterte, spritzte und schliß der Jazzband.

Ein langhin geblähtes Grunzen ...

Gluckste, wisperte, wieherte, gähnte ...

Und die ganze Gesellschaft rief plötzlich laut:

„Holla!“

Und gleich darauf:

„Hurra!“ und „hoch!“ und „holla!“

Wie eine Schnellfeuersalve krachte das Händeklatschen.

Ein berühmter Pariser Komiker war aufgetreten.

Eine feine Zoten-Lese wurde wie eine mit allerlei delikaten Ueberraschungen gefüllte Bonbonnière höchst anmutig serviert.

Wieder schnalzte der Komiker mit der Zunge und brachte, noch immer laut beifallumtost, am Ende noch als Zugabe das weltberühmte Couplet zum Vortrag:

„Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes, Als Californien mit seinem ewigen Einerlei ...“

Leise summte der Bankier mit.

„Text und Melodie, beide wie aus einem Guß ... Trefflich ...“

Der deutsche Professor stieß mit einem Landsmann an:

„Auf Ihr Spezielles!“

Begeistert und kindlich gerührt drückte der Bankier noch während des Vortrages seiner Frau die Hand:

„Kätzchen, siehst du, das ist mein Mann! So einen muß ich mir doch noch einmal anschaffen. Das ist das richtige Gegengift gegen die Alltagssorgen und gegen die Schwermut, Claire. Das heilt. Das ist die richtige Kur bei Weltschmerz ... Gemütsmassage ...“

Mrs. Branting streichelte lieblos automatisch die kleine dicke, vom Weingenuß leicht angerötete Hand ihres Gatten.

„Es soll der Dichter mit dem König gehn, Sie beide wandeln auf der Menschheit Höhn ...“

„Schön gesagt, Claire ...“ erwiderte der Bankier mit einem dankbaren Blick. „Und vor allem echt und wahr empfunden. Tief wahr ... Der Mann des Ideals verbündet mit dem Mann der Tat ... Das ist’s, was der Menschheit am dringendsten nottut. Unter solcher Führerschaft ... Der Sieg über die Erdenschwere, der durch Wissenschaft und Technik schon so schön angebahnte Triumph über die Vergängnis wäre damit endgültig gesichert.“

„Ja, Arm in Arm die Beiden!“ fiel der deutsche Professor dazwischen: „... die könnten getrost das Jahrhundert in die Schranken fordern ...“

* * * * *

Es war schon spät in der Nacht.

„Tiri ... T–i–i–iri ... Tirili ...“

Der einsame Vogel sang immer noch ...

Die Autokolonne, die die Gesellschaft noch nach Paris zurückbringen sollte, fuhr vor.

„Ob das nicht ein bißchen zu viel wird, noch so eine gespenstische Nachtfahrt?“ fragten sich einige und überlegten sich, ob man nicht lieber im Hotel „Zum Weltkrieg“ übernachten solle ...

* * * * *

Als stimmungsvoller Abschluß der Tournee fand noch ein bengalisches Brillantfeuerwerk statt, verbunden mit einem groß angelegten Scheinwerfernaturschauspiel, nach dem Thema „Tausend und eine Nacht.“

Damen und Herren, Arm in Arm, unter den Klängen eines flotten Marsches des Jazzband-Elite-Orchesters, traten in einer glänzend ausgeführten Polonaise, jeder Herr sein Glas in der Rechten, auf die Terrasse.

Weit schossen schon durch die Schlachtwüste kegelförmige flache Lichtblitze.

Auf den spontan aus der Mitte der Gesellschaft einige Male dringend geäußerten Wunsch entschloß sich der Bankier nun doch noch nach einigem anfänglichen Zögern zu einer kurzen Ansprache:

„Meine sehr verehrten Damen und Herren! Beim Anblick dieser Trümmer, grausige Ueberreste blutigen Geschehens, meldet sich auch in unserem Herzinneren wieder von neuem der uralte Menschheitswunsch nach Völkerverständigung, Erdenglück, Völkerfrieden. „Friede auf Erden!“ das ist das Gelübde, was sicher uns allen der Besuch dieses Schlachtfeldes abringt. Aber nur Arbeit, Arbeit und wiederum Arbeit, Arbeit und damit allgemeine Wohlfahrt, können für uns die Bürgschaft, die einzigen Garantien eines wahrhaft dauernden Friedens sein ... Mögen sich das die Völker mit goldenen Lettern in ihr Gedächtnis schreiben ... Meine sehr verehrten Herrschaften! Ich erhebe nun das Glas und bitte Sie, mit einzustimmen in den Ruf: Es lebe der Friede! Es lebe die Völkerverständigung, die Völkerversöhnung, jener gute Geist des gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen Achtung, wie er jetzt so siegreich durch die Lande zieht ... Der Krieg ist tot. Es lebe ... Der Völkerbund, er lebe – – –“

„Hoch! Hoch! Hoch!“

Die Gläser klirrten ...

Der deutsche Professor schwitzte.

Seine junge Gattin wischte ihm mit seinem Taschentuch die Schweißtropfen von der Stirn.

„Paneuropa, meine ich“, debattierte er mit seinem Landsmann: „Paneuropa, meine ich, das wäre das richtige. Natürlich unter Deutschlands wirtschaftlicher und kultureller Führung. So unter einer Art geistiger Vorherrschaft ...“

Die Jazzband-Kapelle brachte jetzt ein Potpourri aus Soldatenliedern aller Nationen zum Vortrag, die am Weltkrieg beteiligt waren.

Darunter auch das Motiv, sentimentalisch variiert:

„Ich hatt’ einen Kameraden“ mit dem Schluß: „Die Vöglein im Walde ...“

Ganz sachte, in einem _piano pianissimo_ verschwingend ...

* * * * *

Die Scheinwerfer spielten.

Die Lichtblitze kreuzten sich, zogen und dehnten sich fächerartig zusammen und wieder auseinander, oft glichen sie einer riesigen Knochenhand, die mit nervig ausgespreizten Fingern die Erdfurchen nach irgendeiner Beute abtastete.

Raketen prasselten aus dem Erddickicht hoch, magische Lichtbündel hingen in den Wolken, ein effektvoller Lichtregenbogen wölbte sich; hüpfende Sterne, tanzende Funkenreihen; eine lampionartig glühende, in Hunderte von blühenden Lichtschmetterlingen zersprühende scharlachene Riesenglanzkugel; sich drehende Flammensonnen; ein künstliches Firmament, in allen Farben orgiastisch schwelgend, aus dem herab – als Finale dieser Lichtsymphonie – ein blendend flimmernder Goldregen sich ergoß, der in der Vorstellung manch eines aus der Gesellschaft teils zu einem als mystischer Katarakt niederrauschenden Riesenweihnachtsbaum wurde, teils zu einer Vision der himmlischen Heerscharen, die „Friede auf Erden!“ singend aus den mit einem ewigen Hosianna unvergänglich imprägnierten Aeonen auf die zerrissenen Jammergefilde des Diesseits gnadenspendend herniederfuhren.

Der rote Vollmond verschwand oft für einige Sekunden hinter dem Zauberwerk.

Und dazu träumte das Jazzband-Elite-Orchester aus den geöffneten Fenstern des großen Hotelsaales heraus eine weich sich dem Nachtgold anschmiegende schmelzende Melodie.

– – –

Die Lichtblitze der Scheinwerfer schossen erdab, vereinigten sich zu einem einzigen weißlich-glühenden intensivsten Strahlen, und dieses Strahlen glich ganz einem unendlich durch die Schlachtenwüste hindurch gestreckten Lichtpfad.

Das war auch der Weg, den Nachts der Christus der armen Bauern wandelte ...

Noch immer kniete draußen in dem von der Lichtflut überschwemmten Land der „Unbekannte Soldat“, Dumpfes vor sich hinmurmelnd, auf dem Rand eines Granattrichters.

„... Emil heiß ich. Der „Unbekannte Soldat“ oder „Rumpf“ werde ich genannt ... Trillert nicht „Emil, wo bist du?“ das einsame Vöglein? „Allemal hier, Schatz!“ antwortet aus seinem Grabkeller der Rumpf ... Und der „Unbekannte Soldat“ klopft mir auf die Schulter und zupft mir am Nabel das Bärtlein fein: „Hat dein Weib dich geärgert? Mach’ kein gar so griesgrämig Gesicht! Regenwetter gibt’s ohnehin schon genug und auch saure Gurkenzeit. Komm, Rumpf, wir wollen eins saufen gehen! Komm, Rumpf! ... Bis zum Sammelblasen hat’s alleweil noch Zeit ...“ So bin ich der heiligen Dreifaltigkeit gleich. Bin drei und eins.“

* * * * *

Emil glotzte.

Die Lichtflut traf ihn.

Da sank der „Rumpf“ in seinen Granattrichter zurück. –

* * * * *

In dieser Nacht gab es zwei Träume.

Den einen träumte der Bankier.

* * * * *

Er schwebte unermeßlich hoch darin über der Erde, in einer kristallisch geschliffenen, eisklaren, atmosphärischen Traumwolke, und die Erde unter ihm war wüst und leer, brodelte dumpf und schäumte.

In morasttiefen Abgründen hausten die Menschen, und die ganze Menschenerde glich einem mit einem porösen Stoff ausgelegten Riesenbecken, darin die gewaltigen Blutströme die ununterbrochen vom Menschengeschlechte abfielen, spur- und farblos versickerten.

Eine auserwählte Schar von Dichtern und Presseleuten hatte der Bankier um sich versammelt, die ihm in seinem Flug nachfolgten, die ihm huldigten, indem sie ihm zu Ehren barock geschwollene Lobestiraden verfaßten und diese bei den häufig stattfindenden Empfängen und Festtafeln mehr oder minder pathetisch vortrugen. Und, ein wirbelnder Blättersturm, fegten die Zeitungen tagtäglich auf die Erde hinab, die lange Artikelserien mit wissenschaftlich sorgfältigen Analysen des neuen Zeitalters brachten, mit ausführlichen, höchst detaillierten und durch ein reichhaltiges statistisches Material ergänzten Beschreibungen der Rolle des Finanzkapitals und des Wesens des Imperialismus, was, mehr dem Kulturgeschmack nach ausgedrückt, bedeutete: „Das Neue Renaissance-Menschentum.“

Und in der Tat – wer hätte es leugnen können! – der Bankier wurde immer mehr Gott gleich!

Wenn der Priester z. B. betete „Vater unser!“, so flehte er doch insgeheim, im innersten Kammerwinkelchen seiner unruhenden Seele: „Hoffentlich wird uns der Herr Bankier nicht doch noch eines schönen Tages unsere fetten Pfründen sperren ...“ Aber Gott, der Bankier, dachte nicht im entferntesten daran, im Gegenteil, nach glücklicher Genesung aus einer höchst atheistischen Jugendkrankheit, wurde er mit den Jahren immer mehr der Ansicht: „Die Religion muß dem Volk erhalten bleiben!“ Das Aufklärertum kam in dieser Periode der Bankier-Herrschaft völlig außer Mode, und mit dem Salz des religiösen Glaubens waren diese Tage der Welt gewürzt.

„Die Welt wird schöner mit jedem Tag. Es ist eine Lust zu leben!“ – so verkündeten es wenigstens die offiziellen Apostel. „Die Herrschaft des Finanzkapitals: das ist der Anbruch des Paradieses auf Erden ...“ – prophezeien, selbst allerdings vom Gegenteil überzeugt, wieder andere.

Nun, hoch über dem immer mehr sich ausweitenden Erdsumpf durch die sphärischen Abgründe des Himmels dahinschwebend, wähnte der Bankier und seine Gefolgschaft, die Brust vom kühnen Erobererstolz geschwellt, gegen den immer tiefer bis in das Erdinnere vordringenden Fäulnisprozeß sich hinreichend gesichert. Gegen seine anscheinend unheilbare Berufskrankheit, gegen eine oft jede Lebensenergie lähmende und jeden Lebenswillen unterminierende Langeweile, die besonders kraß bei seiner Nachkommenschaft auftrat, erfand das ständige Aufgebot medizinischer Autoritäten aller Länder immer neue, den tödlichen Endprozeß verzögernde Gegenmittel ...

Trotzdem er aber so hoch in den Lüften schwebte, und scheinbar im Unendlichen und Zeitlosen thronte und kreiste, war er doch tiefer, als die Dichter es in ihren apotheotischen Gesängen wahrmachen wollten, mit der Zeit verwurzelt und mit dem Erdgrund verbunden.

Folgendes geschah:

Es geschah, daß er auf seinem Flug wie in einem Luftwirbel in den Strudel eines für ihn völlig unlösbaren Widerspruchs geriet, der für ihn schicksalhafte Gestalt annahm, und in den er sich, je mehr er sich daraus zu befreien versuchte, desto tiefer verstrickte.

Alles, was er auch unternahm: sei es, daß er Fabriken gründete, kolonisierte, neue Rohstofflager aus der Erde schürfte, alles was er für sich unternahm, unternahm er doch gleichzeitig auch wieder gegen sich selbst. Jede Verordnung, die er in seinem eigenen und nur in seinem eigenen Interesse erließ, kehrte plötzlich sich wieder unversehens gegen ihn selbst um, mit einem um so geschärfteren Stachel.

Das ist vielleicht besser zu verstehen, wenn man sich in die Lage jenes unglücklichen Schwimmers versetzt, der sich krampfhaft bemüht, Arme und Beine aus dem Gewirr von Schlingpflanzen zu lockern, dessen geringste Bewegung aber doch dazu bestimmt ist, ihn immer fester, unlösbarer in seinen eigenen Untergang zu verstricken.

So sah sich der Bankier auch eines Tages dazu veranlaßt, durch seine Regierungen das feste, allzu starre und geschriebene Gesetzprinzip in der Praxis aufzuheben und durch einen Ausnahmezustand, d. h. durch eine ausgesprochene Willkürordnung, zu ersetzen, denn er konnte nurmehr herrschen auf Grund einer absoluten Anarchie. Seine eigenen Erlässe, Dekrete, Gesetze wären ihm sonst unfehlbar zur Fallschlinge geworden.

So bewaffnete er auch einmal Schwarze gegen Weiße.

Plötzlich aber drehten eines Tages die Schwarzen das Gewehr um und nahmen ihn selbst als Weißen aufs Korn.

Oder:

Er züchtete künstlich Verwesung, aber er verweste auch selbst dabei, während das Volk trotz unbeschreiblicher Martern, die ihm dieser Verwesungsprozeß verursachte, letzten Endes an diesem Gift gesundete. Denn verschluckten sich gierig gegenseitig Trusts und Konzerne, so gab es wohl blutiges Bauchgrimmen beim Volk, zugleich aber bildeten sich auch als wirksame Gegengifte heraus: Klassenbewußtsein, Solidaritätsgefühl, Klassenkampfgeist, und als hochkonzentrierter Kampfstoff unter Führung einer straff disziplinierten Partei betraten alsbald darauf die revolutionären werktätigen Massen die politische Arena ...

Aber auch dann, als er von der Zwangsvorstellung des für ihn verhängnisvollen und unlösbaren Widerspruchs gehetzt, dazu überging, einen Staudamm von Galgen gegen die anbrandende rote Sturmflut der Empörer zu errichten, als ihm schon nichts mehr anderes übrig blieb, als in Wahrheit zur völligen Ohnmacht verdammt, seine Machtgefühle nurmehr darin zu äußern, daß er wahnwitzig und sinnlos drauflos mordete und die Volkskraft frivol und zwecklos ausplünderte, auch in dieser Periode seiner Scheinherrschaft war er widerwillig gezwungen, streng nach dem Grundsatz zu handeln: „Einerseits-andererseits“.

Einerseits vernichtete er physisch die Empörer und rottete sie oft mitsamt ihren Organisationen restlos aus, andererseits aber schuf er eben dadurch, durch diesen Vernichtungsakt, eifrig und geradezu behutsam doch zugleich wieder den Nährboden, auf dem Unzufriedenheit, Hungersnot, Streik, Empörung, Aufstand treibhausartig wucherten.

So fraß er, und wurde dabei doch zugleich auch selbst aufgefressen.

Es gelang ihm durch seine Gewaltmaßnahmen nicht viel an der Wahrheit jener unumstößlichen Tatsache zu ändern, die ihm einst ein von ihm zum Tode verurteilter Revolutionär ins Gesicht schleuderte:

„Sie ehrenwerter Herr!“ – ergriff der unter dem Galgen das Schlußwort: „Ihre Mörderpraxis und als Ueberbau darüber Ihre verlogene Henkermoral, das ist die beste Propaganda für uns und unsere Ideen. Fahren Sie fort in Ihrem Werk ... Je ungenierter, desto besser; bitte ... Dank Ihnen kommen wir rascher an unser Ziel ...“

Die letzten Stützpunkte, auf die sich der krampfhaft um seine Macht Ringende noch stützen konnte: illusionssüchtige und sensationslüsterne Kleinbürger, Deklassierte, Berufsmörder, Hasardeure: sie stützten ihn zwar, aber sie stützten ihn so, wie der Strick den Gehängten stützt.

Der Blutrausch ging jäh zu Ende.

Eine Sekundenpause grauenhafter Ernüchterung folgte.

Wäre es jetzt nach dem Bankier gegangen, so wäre das Ende der Welt gekommen.

Es kam aber anders.

Tiefer, immer tiefer senkte er sich in seinem Flug.

Schon spritzte Erdschaum hoch um ihn auf.

Denn er hatte die Schwerkraft bisher nur erfolgreich überwinden können dadurch, daß Millionen und Abermillionen Menschen willig für ihn Schwerarbeit leisteten. Nur auf Grund dieser von Millionen und Abermillionen Menschen willig für ihn geleisteten Schwerarbeit konnte er sich frei und ungehemmt im Luftraum bewegen.

Die Fesseln von Millionen und Abermillionen Menschen waren für ihn die unbedingte Voraussetzung seiner eigenen Freiheit. Deren Freiheit aber war gleichbedeutend für ihn mit seiner, mit seiner eigenen Fesselung.

Und immer tiefer zur Erde niedergleitend, sah er jetzt, wie die wohl über ein Jahrhundert lang ihm Dienstwilligen unter mörderischen Krümmungen und Zuckungen ihre Fesseln von sich abstreiften, ein ganzes Zwangs- und Fesselsystem zerriß, zugleich aber spürte er, wie sich ihm unlösbar Gehirn und Leib banden ...

– – – – – – –

Mit dieser Vorstellung wachte der Bankier auf, angstschweißtriefend, und wie ein Fisch, der aus seinem Element gehoben ist, nach Luft schnappend.

Langsam glättete sich ihm nun auch der tiefe Einschnitt vom Strick, der ihm in der letzten Traumsekunde noch umgeworfen worden war, an dem etwas speckig geratenen Gurgelknopf und im Nacken.

Eine dicke Träne kollerte.

„Das wär also der Dank. Undank ist der Welt Lohn.“

Und wieder nach einer geraumen Weile voll Gähnens und Nachdenkens:

„Wie vielen Millionen gab ich nicht Brot durch die Arbeit, schenkte ich nicht sozusagen überhaupt erst das Leben? ... Wenn ich nur an die Riesenkolonien der von mir errichteten Arbeiterwohnungen denke. Auch wunderbare Bauten von Erholungsheimen, Angestelltensanatorien, Heimstätten habe ich erst neulich in Gedanken projektiert! Geschäft ist Geschäft ... Aber außerhalb des Geschäfts kann man sich schon einmal ausnahmsweise den Luxus gestatten und seinen Gefühlen freien Lauf lassen ... Hauptsache für einen Geschäftsmann ist und bleibt, mag er einer Branche angehören, welcher er will, daß er innerhalb des Geschäfts sich von derartigen sentimentalen Anwandlungen und kuriosen Träumereien absolut frei hält ... Das Geschäft gehört ins Tal und die Seele auf die Berge ... Im übrigen: gegen Klagen, Drohungen, Träume, Gespenster usw. immun wie immer. Bange machen lassen gilt noch immer nicht ... wir sind noch stark, stark, stark genug ...“

Er streckte sich.

Befühlte seine Muskeln.

Die Knochen knackten.

„Quatsch! An dem ganzen Traum-Unsinn ist nur das Schlachtfeld und der Führer mit seinen dummdreisten und aufdringlichen Witzen schuld. Natürlich! Grünes Gemüse. Noch nicht trocken hinter den Ohren. So ein Lausejunge, so ein Hundesohn, Müßiggänger, Nichtsnutz, ein ganz gemeiner imaginärer Kerl ...

„Gehören die Träume, die ich träume, mir, oder nicht!?

„Spekuliert man auf meine Träume!? ... Sozialisiert man meine Träume!? ...

„Ist etwa mein Traumland gar schon ein öffentliches Terrain, und muß ich, wenn ich eine Traumwanderung antrete, mich auch von einem Führer begleiten lassen, der jede meiner Bewegungen, der jede meiner Traum-Zuckungen zynisch kommentiert ...!?“

Er klingelte dreimal kurz hintereinander scharf.

Er fetzte den letzten Traumgedanken sich mit der Reitpeitsche aus dem Gehirn.

Pfiff vor sich hin:

„Das ist doch wenigstens noch etwas ganz anderes Als Kalifornien mit seinem ewigen Einerlei ...“

* * * * *

Der Sekretär erschien mit der Morgenpost und den Zeitungen.

Darunter war auch ein ausführlicher Brief seines bald zweiundzwanzigjährigen Sohnes Cuco, in dem dieser seinem Vater mitteilte, er mache jetzt eine neue Entwicklung durch „mit freiheitlichem Einschlag“, und er fühle sich, als „wenn er von innen aufgehe“.

Bei „freiheitlichem Einschlag“ stutzte der Bankier einen Augenblick.

Schmunzelte aber sogleich, als er weiter las:

„Unter freiheitlichem Einschlag verstehe ich, daß ich mich immer mehr von den sozialistischen Ideen, denen ich in meiner Jugend anhing, freimache, von dem historischen Materialismus im besonderen, und mich immer schärfer von dem jeden Geist tötenden und jeden freien Entschluß hemmenden, terroristischen, schändlichen Treiben der Gewerkschaften mit Abscheu abgrenze, das auf die Dauer jedes unbefangene, unvoreingenommene Verhältnis des Arbeitnehmers dem Arbeitgeber gegenüber zur Unmöglichkeit macht und unser ganzes Volkswesen in einen bürgerkriegähnlichen Fieberzustand hineinhetzen muß. Ich suche die Wahrheit und glaube jetzt bestimmt auf dem richtigen Wege zu sein. Die äußeren Verhältnisse sind es nicht, die Glück, Wesen und Wert eines Menschen ausmachen, Wandlung tut not, Einkehr nach innen und radikaler Bruch mit der herrschenden Idee dieser Zeit: mit dem alle wahren Lebenskräfte lähmenden Sozialismus. Das dünkt mich die große Krankheit dieser Zeit, aber sie wird auch aus sich selbst heraus, wenn auch unter Fieberschauern, das neue Heilmittel zeugen, das als Gegengift dazu zwangsläufig sich steigernde Wertbewußtsein der Persönlichkeit ...“

„Bravo, Cuco! Gut so! Du wirst deinem alten Vater noch Freude machen! Fahre weiter so fort, dann kann es nicht schief gehen ... Er fühlt sich, als ob er von innen aufgeht. Einfach aber für sein Alter schon recht nett gesagt.“

Und der Bankier gab den Auftrag, an Cuco ein Telegramm zu schicken, folgenden Inhalts:

„Gut so. Suche weiter die Wahrheit auf diesem Weg, und du wirst sie finden. Fördere freiheitlichen Einschlag mit allen Kräften. In Treue dein Vater.“

* * * * *

Den anderen Traum träumte Jacques.

Jacques Rillot, ein französischer Kleinbauer.

Die dürftige Hütte, die er bewohnte, und die während des Krieges vollkommen zusammengeschossen worden war, hatte er sich nach seiner Entlassung vom Militär eigenhändig wieder zurechtgezimmert. Es reichte sogar noch zu einem Stall, mit einer Kuh, Geflügel und zwei Ziegen darin.

Das alles, Mensch und Vieh, wohnte friedlich nebeneinander, Wand an Wand.

Ein feuchter warmer Geruch erfüllte gleichermaßen Stall und Wohnräume. –

Mit zwölf oder gar zehn Stunden Arbeit im Tag nun war es ja zwar nicht abgetan, es war schon ein hartes Stück Arbeit nötig dazu, um aus dem Boden das Lebensnotwendigste herauszuwirtschaften, und oft verdingte sich Jacques auch noch für einige Wochen, besonders im Winter, als Lohnarbeiter in der Nähe des Dorfes, in einer der Nachbargemeinden auf einer Baustelle.

Das aber war nach Jacques und Maries, seines Weibes Ansicht nichts weiter als nur recht und billig.

Oft hatte Jacques zwar schon von ferne die Reisegesellschaften beobachtet, die Autokolonne, die Flugzeuge, aber er dachte sich eigentlich weiter nichts besonderes dabei als höchstens:

„Nein, sowas! Verrückt! Komisch! Sonderbare Käuze das! Was sie nur davon haben, immer noch in dem Leichenschlamm herumzustochern!“

Und auch das Hotel „Zum Weltkrieg“, das mit seinen fünfzig Stockwerken hoch in das verwüstete Land hineinragte, sah Jacques bei seiner Arbeit Tag für Tag.

In der Dorfkneipe allerdings, die Jacques ab und zu besuchte, herrschten oft rauhe Töne.

Da schlug einer der Landarbeiter, der schon viel in der Welt herumgekommen war, plötzlich mittendrin, eine seiner abenteuerlichen Erzählungen unterbrechend, hart mit der Faust auf den Tisch und fluchte:

„Herrgottsakrament! Wir sind eben allzumal unheilbare Tölpel! Feige kotzerbärmliche Tröpfe sind wir, daß wir uns sowas gefallen lassen. Tut vielleicht die Regierung, trotz unserer Bandwürmer von Eingaben, etwas gegen die Rattenplage, die das ganze Land nun neuerdings von unten auffrißt und ruiniert!? Nicht einmal, und das wäre doch schon das allerwenigste vom allerwenigsten, nicht einmal das ... Geschweige denn ... Und was schon das Wiederaufbauen des Landes betrifft, wofür sie von den Deutschen das Geld bekommen haben!? Wiederaufbauen!? Pah! Fällt ihnen gar nicht im Traum ein! Laßt mich aus mit diesem heillosen Wiederaufbaurummel! Jede Ruine wird noch zum Spekulationsobjekt! Da geht einmal nach Paris und seht es euch mit an, wie vornehm die in ihren Automobilkutschen in der Stadt herumfuhrwerken! Dorthin fließt das Geld, sage ich euch, aber unsereins hat immer dabei das Nachsehen ... Will nur sehen, was dabei noch herauskommt ... Aber da ist eben nichts daran zu ändern ... Gott hab’ die Großkopfeten mit ihrem Reichtum selig ... Was die nur für ein Vergnügen daran finden: hängen ihre Rüssel in die Massengräber hinein, und wissen mit ihrer Zeit nichts gescheiteres anzufangen, als auf den Schlachtfeldern herumzubummeln, und dazu reisen sie sogar über den großen Teich herüber und kommen aus Amerika, zum Knochensammeln, ja zum Knochensammeln ... Und hier bei uns, welch’ eine Dorfarmut! Ist das ein Dorf vielleicht!? Gerümpel, vermorschte Bretterbuden, was nächstens der Wind zerschmeißt und mit sich fortfegt ...“