Chapter 6 of 6 · 3487 words · ~17 min read

Part 6

Aber sowie einer der Honoratioren, der Pfarrer, der Lehrer oder der Bürgermeister eintrat, legte sich sogleich der Lärm, und man begann gemeinsam auf die Arbeiter in den Städten zu schimpfen, die schon wieder einmal, zum soundsoviel hundertsten Male, streikten.

„Achtstundentag!“

Die Bauern lachten heiser auf.

Dann bissen sie fest mit den Zähnen auf die Pfeifenspitzen, pafften wild Wolken von Tabaksqualm aus ...

„Faulenzer! Ludriane! Lumpen! ... Als ob wir Bauern an einen Achtstundentag denken könnten! ... Und den Bauern das Vieh wegnehmen, ha, und die Ernte verbrennen, das tät ihnen wohl so passen, he, was ... Aber Senge sollen sie beziehen, daß sie sich ihr Leben lang ihren Buckel kratzen können, wenn die sich einmal aufs Land herauswagen sollten, was ...!“

Und der Bürgermeister prahlte, von allen applaudiert, mit seinem Maschinengewehr, da er zu diesem besonderen Zweck in seiner Scheune versteckt hielt.

– – –

Und so war die Trommelfeuerwalze des Krieges vier Jahre lang über dieses Land, das Jacques Heimat war, hinweggestampft: und das Land war wüst und leer.

Von diesem Land nun träumte Jacques, das ganz einer riesigen, schwarzbrandigen Wundfläche glich, Trichter an Trichter, Beule an Beule ...

Und über dieses Land hin flackerte breit ein irrnisblendender schwefelfarbiger Gewitterschein, und der Horizont war saftigrot übersprengt wie mit frischen Blutklexen.

Wesen und Dinge waren tief in dieses magische Lichtreich hineingetaucht, so unlotbar tief, als sei das ganze Land so stumm und verwahrlost, wie es war, längst im gläserigen Schutt des Meeres versunken ...

Und es erhob sich in der Ferne ein stählernes Knattern, und heran flog, aus Knochenstäben gefügt und mit einer ganz der Menschenhaut ähnlichen Leinwand bespannt, ein Apparat, der flog frei in der Luft und bohrte sich scheinbar mühelos durch ein schlackichtes Wolkengetümmel hindurch, und kam näher, immer näher, so nahe, daß Jacques den einzigen Passagier, der darin saß, erkennen konnte.

Ein kleines, unscheinbar graues Männchen war das, im Frack und mit Zylinderhut, freundlich nach allen Seiten zum Gruß hin nickend, gerade so wie der Präsident der Republik, als er die Paradefront der siegreichen alliierten Truppen abfuhr, damals nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages, auf den Champs Elysées in Paris. Aber das Männchen glich auch wiederum bis auf ein Haar dem Bankdirektor Michelet, der in der Nähe des Dorfes eine schöne neue Sommervilla besaß, nach der er regelmäßig jeden Samstag nach Börsenschluß auf der wunderglatten asphaltierten Landstraße zum Besuch seiner Familie herauskam.

„Nanu!“ aber staunte jetzt Jacques im Traum: „da fließt ja auch ein Regen, aber dieser Regen fließt ja gar nicht auf die Erde vom Himmel herab, sondern gerade umgekehrt: von der Erde zum Himmel hinauf, aus Millionen Menschenaugen sickert, fließt dieser Regen, dieser Tränenregen, und das ganze Himmelsgewölbe – Jesusmaria! – wird von diesen aufwärtsziehenden Tränenmassen prall, wie schwanger davon, füllt sich wie ein Sack und – Gott sei mir gnädig! – platzt! platzt! und ganze Stürze feuriger Lava-Lawinen brausen hernieder, o so eine höllische hitzige metallische Schmelzglut gibt das ... und eine Musik, o eine Musik dazu – – –“

Daß Jacques entsetzt aus dem Traum auffuhr.

„Alarm! Alarm! ... Marie! Das ganze Haus brennt! Die ganze Welt brennt! Hast du ihn denn auch gesehen, wie er auf dem „Tier“ über das Schlachtfeld geritten ist? Der Bankier, Marie, reitet über das Schlachtfeld, und o auf einem Tier, ich kann das nicht beschreiben ... Aber nein, nicht nur an allen vier Ecken angezündet ist die Welt, nein, nein, innerlich und äußerlich zugleich brennt sie, alles ist von außen und innen zugleich angezündet, da kommt, sage ich dir, ein Brändlein zusammen, da schlagen die Feuerflächen wie wild aufeinander, Marie ... Und wir, wir, Marie, mit unserem lebendigen sündigen Fleisch mitten dazwischen ... Jesusmaria! ... Heilige Mutter Gottes, bitt für uns arme Sünder jetzt und in der Stunde unseres Absterbens ... Amen! ...“

Bei den letzten Worten erst, die Jacques wild und gellend hinausstieß, war sein Weib aufgewacht.

Wieder begann er, wie vom Fieber geschüttelt, während ihn sein Weib festhielt. Er knirschte dabei mit den Zähnen und hatte Schaum vor dem Mund:

„Marie! Siehst du ihn immer noch nicht, wie er über das Schlachtfeld reitet!? ... Hop, hop, hop, hussassa, heissassa, hop, hop, hop ... Alarm! Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet! Der Bankier reitet übers Schlachtfeld ... O so traumdunkelhaft ist das alles, so geheimnisinnig ... Und was für glatte, feinnervige Hände der hat, ein feiner, ein feiner Herr ist das, und jetzt, wie er wieder nickt und die Glacéhandschuhe sich überstreift ... Und wie die Erde voll Trübnis und Bitterkeit darunter ist, schmeckst du das nicht, Marie, o, o, das war was ... Gleich dem Weltende ... So eine Verkündigung, vielleicht etwa, wie ... So eine Gottesoffenbarung, ein Gesicht, was meinst du dazu ...“

Jacques Weib hatte inzwischen das Talglicht angezündet.

Dann rang auch sie flehend die Hände.

„Jacques, ob du nicht besessen bist? ... Geht nicht was um in dir, so was ganz Finsteres? Unaussprechbares!? ...“

Jacques lallte immer noch:

„Hop! Hop! Hop! Hussassa, heissassa! Hop! Hop! Hop! ... Der reitet, sag’ ich dir, reitet, reitet ... O gar kein Ende nimmt diese verfluchte, höllische, gespenstische Reiterei, bis das Feuer, dieses Feuer, diese glühende Höllenpestilenz wie eine Dusche von oben vom Himmel kommt!“

Dann knieten beide nieder, bekreuzigten sich immer und immer wieder und beteten bis zur Früh vor dem kleinen Altar, einer gipsernen Grotte, mit der Jungfrau Maria darin, und vor dem holzgeschnitzten Gekreuzigten, der so hoch, daß sein Dornenhaupt die Decke berührte, in dem Zimmerwinkel darüberhing.

„... sondern erlöse uns vom Uebel! ...“

„Amen! A–men!“ schluchzte monoton Jacques Weib.

Der Hahn krähte.

– – –

Früh am Morgen, noch vor der Messe, lief Jacques Weib zum Priester.

„Hochwürden! Denken Sie nur, was uns passiert ist! Ein Uebel ist uns wiederfahren, eine Heimsuchung! ...“

Der Priester hörte sich die Erzählung des Weibes an.

Da trat auch schon Jacques ein.

„So was wie Dämonen, Hochwürden! Schauen Sie doch, nur, wie er aussieht! Wirr, wirr, ganz wirr im Kopf!“

Der Priester besprengte Jacques einige Male mit Weihwasser.

Jacques bekreuzigte sich.

Dann nahm ihn der Priester bei der Hand, fühlte ihm den Puls und sagte ganz freundlich:

„Jacques, setz dich und erzähle!“

Jacques bekreuzigte sich.

„Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes ... Nichts werde ich auslassen noch hinzufügen, so wahr mir Gott helfe ... Amen!“

„Na also, Jacques, einen Traum hast du gehabt, und einen Reiter hast du darin gesehen, mit einem Zylinderhut, dem Bankdirektor Michelet ähnlich?“

„Gewiß, Hochwürden, so ist es. Genau so. Dem Bankdirektor Michelet ähnlich und auf einem Roß, doch auf keinem Roß eigentlich nicht, ist er doch freihändig durch die Luft gefahren.“

„Nun denk einmal genau nach, Jacques, war es auch wirklich ein Zylinderhut!?“

„Gewiß, Hochwürden, ein Zylinderhut.“

„Und also kein Dreispitz?“

„Nein, Hochwürden, kein Dreispitz.“

„Kein Dreispitz, Jacques, so wie der große Napoleon einen auf hat, weißt doch ...“

„Nein, Herr, kein Dreispitz, so wie der große Napoleon einen auf hat ... Ein Zylinderhut, ganz bestimmt ein Zylinderhut ... Der große Napoleon war es nicht, den hätte ich ganz bestimmt erkannt, wenn der über das Schlachtfeld geritten wär’ ...“

„Paß auf jetzt Jacques! Und auch nicht der Gestalten aus Johannis Apokalypse eine, von der, wie du gelesen hast, in der heiligen Schrift geschrieben steht: „Und ich sahe den Himmel aufgetan; und siehe, ein weiß Pferd, und der darauf saß, hieß treu und wahrhaftig, und richtet und streitet mit Gerechtigkeit. Und seine Augen sind wie eine Feuerflamme und auf seinem Haupt viele Kronen, und hatte einen Namen geschrieben, den niemand wußte, denn er selbst. Und war angetan mit einem Kleide, das mit Blut besprenget war; und sein Name hieß Gottes Wort. Und ihm folgte nach das Heer im Himmel auf weißen Pferden ...“

Jacques bekreuzigte sich und schüttelte wieder den Kopf.

„Nein, nein, nein, Hochwürden, auch der war es nicht. Das, was Johannes da in seiner Offenbarung meint, ist doch der gottseligen Engel einer ... Sicherlich, dieser war es ganz bestimmt nicht.“

„Und gesehen hast du ihn, wirklich gesehen, Jacques, mit deinen eigenen leibhaftigen Augen gesehen ...!?“

„Ich muß bekennen, Hochwürden, so wahr ich hier stehe, so wahr mir Gott helfe, ich sah ihn, von Angesicht zu Angesicht ...“

„Und gelächelt hat er und genickt und freundlich ringshin gegrüßt!?“

„Ja, Hochwürden, wenn ich mir sein Gesicht jetzt so in der Erinnerung vorstelle, da kann ich’s wirklich nicht mehr genau unterscheiden: es war aber, glaube ich, freundlich lächelnd und bissig zugleich. Vielleicht aber hat er auch gar nicht gelächelt, sondern gegrinst ...“

„Aber das eine steht unumwunden fest: es war kein Dreispitz.“

„Nein, Hochwürden, es war ein Zylinderhut.“

Der Priester ging unruhig auf und ab.

„Laß dir mal in die Augen sehen, Jacques. Gut so, gut! Also, ein Zylinderhut, und ausgesehen soll er haben wie der Bankdirektor Michelet ... Hallunzination ... Wie der Bankdirektor Michelet, der wohl im Park spazieren reitet oft morgens ... Aber so ein greuliches, abscheuliches Tier, so ein Drachengewürm, so ein Popanz von Reptil, wie du eines im Traum gesehen haben willst, Jacques, das gibt es ja auf der ganzen Welt nicht ... Warst du nie in deiner Jugend krank, Jacques?“

„Nein, Hochwürden!“

„Hast du nie unter Bettnässen gelitten, nie Anfälle gehabt!?“

„Nein, Hochwürden!“

„Hast du dir nichts beim Militär geholt, Jacques, Tripper. Schanker oder so einen Ausschlag ganz vorn unter der Vorhaut des männlichen Gliedes an der Eichel ...!?“

Der Priester sah dabei Jacques scharf ins Gesicht, hob den Zeigefinger und betonte alle Worte nachdrücklich pathetisch.

„Nein, Hochwürden ... so wahr ich ein treues Kind der Kirche bin, ich schwöre: nein ...!“

„Dann muß der Traum auf Ueberarbeitung beruhen, falscher Ernährung, nicht genügender Blutzirkulation, Jacques ... Iß von nun an nichts gewürzt und nur leichte Speisen ... Und mußt dir den ganzen unsinnigen Traum möglichst rasch aus dem Kopf schlagen, denn so ein Traumgebild kann gar leicht in Gotteslästerei, Zauberei oder in Gesetzesfrevel ausarten ... und leg’, wenn du schläfst, dir ein nasses Tuch auf den Kopf ... Und Beichten und Rosenkranzbeten nicht vergessen, Jacques ...“

Die Glocke zur Frühmesse von der Dorfkirche nebenan läutete.

Jacques und Marie standen, sich bekreuzigend, auf.

„Bürger Jacques Rillot! Ich muß jetzt das Verhör beenden ... Kommt beide gleich mit zur Frühmesse.“

Marie küßte dem Priester die Hand.

Dann krochen Jacques und Marie gebeugt rückwärts zur Tür hinaus.

– – –

Tief in sich gekrümmt knieten Jacques und Marie auf der hintersten Bank in der Dorfkirche.

Sie beteten nicht, sondern schrien:

„Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt’ für uns arme Sünder jetzt und in der Stunde unseres Absterbens ... Hilf! Hilf! Hilf! ...“

Und wie es im Leichenschauhaus hallt, wenn der Totengräber und sein Gehilfe mit wuchtigen Hammerschlägen einen Sarg zunageln, so knarrten von den feuchten Wänden des Dorfkirchleins dröhnend wider die Stimmen der gläubigen Gemeinde im Chor:

„Amen! Amen!“

* * * * *

Jeder klassenbewußte Prolet hätte Jacques den Traum deuten können.

Dazu gehörte nicht ein sonderlich kluger Kopf, sondern – wogegen sich sonderbarer Weise die sonderlich klugen Köpfe oft am hartnäckigsten sträuben – die Einsicht in den Mechanismus der Geschichte und: daß unsere Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist, das Erlebnis dieser Tatsache am eignen Leibe.

„Die Auslegung deines Traumes, Jacques, ist meiner Meinung nach wenigstens höchst einfach“, hätte ihm solch ein Prolet zur Antwort gegeben.

„Hör’ gut zu, Jacques. Sie ist die folgende:

„Du hast es natürlich richtig gesehen: es war kein Dreispitz, sondern ein ganz banaler Zylinderhut. Ja, gewiß: der Bankier reitet übers Schlachtfeld. Ueberall, wohin der seinen Fuß setzt, er und mitsamt ihm die ganze Klasse der Ausbeuter, überall dort verwandelt die Erde sich unter mörderischen Kämpfen in ein Schlachtfeld, in ein Schlachtfeld der Arbeit zunächst, in ein maschinendröhnendes, betoniertes daraus die Schlote, die du bei klarem Wetter fern bei Paris sehen kannst, emporschießen; Arbeiterviertel, Fabrikreviere, Kolonnen von Wellblechbaracken. Ueberall, wohin du blickst, Jacques, ist dieses Schlachtfeld der Arbeit bereits zur Tatsache geworden, in Europa, in Amerika, und auch in den letzten Weltwinkeln, die nach der Aufteilung der Welt noch übriggeblieben sind, in Afrika, Asien, China vollzieht sich soeben unter dem Kreuzzeichen christlicher Pionierarbeit dieser Umwandlungsprozeß. Und dieses Schlachtfeld der Arbeit verwandelt sich wiederum eines Tages ebenso sprunghaft und plötzlich wie dem ganzen System nach, aus dem es hervorgegangen ist, notgezwungenermaßen in jenes Schlachtfeld, das nackter und brutaler den Charakter der heute herrschenden Gesellschaftsordnung offenbart, in jenes Schlachtfeld, auf dem nicht die Millionen und Abermillionen an Hunger, Krankheit, Ueberarbeit langsam dahin sich krepieren, sondern offen im Interesse der Herrschenden gegenseitig sich abwürgen: mit Mordwerkzeugen, Schnelltötemaschinen „Marke Patent Rapid“, die nur der Skrupellosigkeit und dem exquisiten technischen Ueberraffinement der bürgerlichen Kultur gemäß sind.

„Der Bankier reitet über das Schlachtfeld.

„Aber er reitet wohl auf keinem vierbeinigen Roß, er geht auch nicht zweibeinig zu Fuß: er ist millionenfüßig, millionenäugig, millionengliederig. Er kommt daher mit Tanks, Maschinengewehren, Dreadnoughts; als Massenmord, als Galgen, als elektrischer Hinrichtungsstuhl, als Attentat. Er fliegt durch die Lüfte, Bombenflieger an Bombenflieger. Einen Sang vom Heldentod fürs Vaterland befiehlt er den Dichtern zu singen, deinem Gemüt zum Trost, dann spritzt er das Giftgas ab und jedes Partikelchen, das eine Menschenhaut trifft, läßt sie bei lebendigem Leibe verbrennen. Ja, tief unter die Erde hinein erzeugt er durch Sprengminen künstliche Gewitter ... Das ist der kleine graue unscheinbare freundlich grüßende Herr, den du oft über die Straße gehen siehst, Jacques ... Siehst du ihn jetzt, Jacques, in seinem Büro an der Arbeit, zwölf Stunden und darüber hinaus oft noch arbeitet er, Tag und Nacht ist er unermüdlich an der Arbeit. Absatzmärkte aufspürend, Kriegsränke schmiedend, neue Mordapparate ausklügelnd, idealere Gifte, idealere Gase ... „Europa ist eine Idylle, Europa ist ein armseliger Tümpel, eine kleine schmierige Lache im Weltbrei ... Fort mit Europa! ... Wir werden Europa sanieren! ...“ Und das kleine, unscheinbare, graue Männchen, das dieser Herr ist, mittels einiger elektrischer Druckknöpfe über den gesamten Staatsapparat gebietend – so er nur will, so geschieht’s! – dieser Herr und mit ihm die Gewaltigen in deinem eigenen Land, Jacques, haben eine neue herrliche, dem humanen Zivilisationsalter ganz brillant angepaßte Methode erfunden, dir dein Blut abzusaugen, mittels deiner Hände Schweiß sich zeitlos zu ergötzen und aus deinem Lebensmark Profit zu quetschen, hinreichend genug, daß Generationen ihrer Geschlechter herrlich, sorglos und in Freuden davon noch zehren können. Für deren Mätzchen und Launen darbst du. Für deren Langeweile weint dein Weib, wahnwitzig vor Angst ums tägliche Brot, die Augen sich wund. Für der Reichen Spleen reibst du dir an die Hände die Schwielen. Für deren Mußestunden blutest du ... Doch so edel, hilfreich und gut dünkt dich selbst diese Methode, Jacques, daß, wenn du dem Bankier auf der Straße begegnest, du tief vor ihm die Mütze auf den Boden herunterziehst und andächtig lispelst: „Guten Morgen, Herr ...“ und gerührt ob so viel Menschengüte ihm nachgaffst: „Seht! Welch ein Wohltäter!“

„Jacques! Reib dir endlich den Schlaf aus den Augen! Lüfte dir den abergläubischen Bauernschädel gründlich aus, und jage den Priester zum Teufel, wenn er ihn dir wieder mit Weihrauch einbeizt ... Ist schon garnicht nötig, daß du der ewig genasführte Dummkopf bleibst, der du bis heute noch bist, dein ganzes Leben lang ... Der Bankier reitet übers Schlachtfeld ... Jacques, du verstehst doch mit dem Gewehr umzugehen und hast doch Schießen gelernt ...!? Jacques, träum jetzt den zweiten Teil des Traumes, träum ihn so tief in dich hinein, bis er zur Wirklichkeit wird! ...“

„Noch ein zweiter Traumteil!?“ hätte bei diesen Worten Jacques zunächst noch ängstlich und mißtrauisch gestutzt ... „Laß mal! Ich habe am ersten schon überreichlich genug ...“ Aber er hätte dann wohl gleich ohne besondere Schwierigkeiten begriffen, was der Klassengenosse mit dem zweiten Traumteil sagen will, nämlich, daß Jacques nicht nur die Unterdrückung erleiden, sondern auch den Klassenkampf kämpfen und an den Sieg des Proletariats glauben soll.

Und der Klassengenosse, der Prolet aus der Stadt, in seinen Erläuterungen fortfahrend, bestätigte auch das:

„Der Bankier reitet übers Schlachtfeld ...

„Aber aus diesem Schlachtfeld, Jacques, das er schafft, müssen ihm selbst in uns die Kämpfer erstehen, Kämpfer, die die Millionen Toter blutig einst an ihm rächen werden.

„Nun noch, was die Musik, die du im Traum gehört hast, betrifft. Du sagst, es sei wie Hämmern und Zähneklappern und Knochenknacken zugleich gewesen; die Orgel in der Dorfkirche hätte laut aufgeschrien, und die Register hätten sich von selbst alle durcheinandergezogen, und ein grausiger Wind hätte durch die Pfeifen gepfiffen, und der Blasebalg hätte triefende Schlammpest in das Orgelwerk hineingeschnaubt, und auf die Pedale hätte es gestampft, als ob dort ein ganzes Heer ununterbrochen auf- und niedermarschiere ...

„Nun, Jacques, wenn du den Traum verstanden hast, verstehst du auch diese Musik dazu.

„In der Tat, die schönen klassischen Symphonien und Kirchenkonzerte und sorgfältig gemeißelten Fugen entsprechen nicht mehr unserer Zeit. Der Rhythmus unserer Zeit ist ein anderer, es ist eine Schlachtmusik und eine Schlächtercarmagnole besonderer Art: kein Instrument ist bis heute noch gebaut, diesen Rhythmus wiederzugeben, dieses Höllentempo zu fassen, kein Künstler ist da, der dies auszudrücken vermöchte. Die Zeit heult sich selbst ihre Musik. Aber den letzten Satz dieser infernalischen Symphonie spielt: das Proletariat ...

„Uebe dich, Jacques, damit, wenn die Zeit gekommen sein wird, den Herren zum Tanz aufzuspielen, du mit deinem Instrument in das große Orchester recht kräftig mit einstimmen kannst ...

„Und auch das wirst du jetzt im Zusammenhang mit der Wirklichkeit verstehen, was es mit deiner phantastischen Vorstellung auf sich hat, daß der Himmel von den vielen Tränenergüssen, die aus der Erde aufstiegen, schwanger geworden und, flüssiges Feuer aus sich herausschüttend, unter einem gewaltigen Getöse eines Tages geplatzt sei ... Das heißt einfach: die Zeit ist reif, daß das Proletariat die Macht übernimmt. Denn mit soviel Bitternis, Trübsal, bestialischer Gemeinheit ist der Weltraum erfüllt, daß – gäbe es einen gerechten Gott – er in der Tat gar nicht anders könnte, als diesen Menschendreck, der nur von der grausamen Unterdrückung anderer Menschen sein Leben zu fristen gewohnt ist, mit einem Schleuderwurf seiner allmächtigen Hand von der Erde hinwegzufegen ... Nun, Jacques, dein Gott ist tot. Er hat nie dir gelebt ... Drum nimm die Knarre auf den Buckel, wenn wieder der Ruf an dich ergeht: spiel dein Instrument gut, Jacques. An uns Proleten ists, ein für allemal gründlich auszumisten ...

„Ja, Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet, Jacques! Der Bankier reitet übers Schlachtfeld!!!“

Und Jacques, der zum Klassenbewußtsein erweckte französische Kleinbauer hätte gesprochen:

„Jawohl, Kamerad von der Stadt, Du hast mir, das seh’ ich wohl ein, eine richtige Auslegung meines Traums gegeben ... Die Pfaffen betrügen eben allzumal ... Wir müssen Kampfgenossen werden ... Du und ich: wir gehören zusammen ... Unzertrennlich, ja ... Gib mir die Hand darauf! Fest ... Ja, so ist es ...“

* * * * *

Und der Bankier reitet übers Schlachtfeld.

Reitet über die Bretagne, über die Normandie, reitet quer über Deutschland hindurch, reitet, reitet hoch über Flußläufe und sommerdampfende Steppen hinweg, hoch hinan bis in die Gletscherwüsten, die Felsnester der Hohen Tatra ...

Die Maisfelder Chinas brennen unter seinem Flügelschritt. Wie die Halme der Sturm, so beugt es tief erdab den Kulis Nacken und Haupt ... Krummgewachsen muß ein Volk sein, damit der Bankier reiten, reiten, reiten kann ...

Ein Jahrzehnt mag inzwischen vergangen sein ... Der Bankier reitet, reitet immer noch. Aufrechter denn je steht er, wie eine mit einem Frack und einem Zylinder angeschminkte Götterstatue, im Sattel ...

Die Knochentrommel trommelt.

Die Gerippscherben klappern ...

Hop! Hop! Hop!

Alarm! Alarm! Sturmglocken geläutet! Der Bankier reitet übers Schlachtfeld. – – –

Aber die Sturmglocke, die jetzt geläutet wird, sie ist nicht mehr ein Alarmsignal, sie läutet zum Angriff!!!

Da werfen die unterdrückten Völker ihre Köpfe hoch, schnellen das Rückgrat wie eine Sprungfeder grad. – – –

* * * * *

Und Roß und Reiter wälzen sich in Blut und Staub!

Der deutsche Schicksalsroman im Zeitalter des Giftgaskrieges

Johannes R. Becher

(CHCl=CH)3As (Levisite) oder Der einzig gerechte Krieg

Dieses Werk vereinigt künstlerische Gestaltungskraft mit exakter Wissenschaftlichkeit. Wir durchwandern die Farbstoffabriken, vor allem Edgewood, das Hauptarsenal der Giftgasfabrikation, lernen die Fabrikationsmethoden kennen, lernen die Wirkung der Giftgase kennen auf dem Versuchsfeld und im Ernstfall. Flugzeuggeschwader, Tankarmeen marschieren auf, der chemische Krieg beginnt! ... Rücksichtslos werden an Hand einwandfreien, wissenschaftlichen Materials die pazifistischen Illusionen zerpflückt. Es gibt nur eine Lösung dieser Frage, die für Deutschland, für Europa, für die ganze Welt als Schicksalsfrage gestellt ist. Die Art der Lösung dieser Frage macht das Werk zu einem hochaktuellen, zu einem politischen Buch ... Ein Quellennachweis ist beigefügt, in dem alle Werke, die über dieses Thema bereits vorhanden sind, aufgeführt werden.

1. bis 10. Tausend

Umfang 380 Seiten – – – Preis kartoniert 4.50 Mark

Agis-Verlag, Wien VIII, Albertgasse 26

Alle Rechte vorbehalten. Copyright by Agis-Verlag, Wien. Druck: „Peuvag“-Berlin, Filiale Hannover.

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 15]: ... dieses Abend ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser ... ... dieses Abends ist einfach. Bitte, stellen wir uns vor, dieser ...

[S. 17]: ... Eine der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die ... ... Eins der Dancinggirls setzte sich jetzt rittlings auf die ...

[S. 65]: ... der Schlammkatakomben wiederzuhallen. ... ... der Schlammkatakomben widerzuhallen. ...