Chapter 3 of 6 · 4000 words · ~20 min read

Part 3

„Es ist verboten, Gegenstände auf den Schlachtfeldern aufzuheben und mitzunehmen. Eigenmächtiges Betreten der Schlachtfelder ist mit Lebensgefahr verbunden. Eine ständige Ausstellung von Kriegsgegenständen aller Art aller am Weltkrieg beteiligten Armeen befindet sich im großen Saal des Hotels, im ersten Stock. Dieselbe soll mit der Zeit zu einem Völkerschlacht-Museum ausgebaut werden. – Andenken in reicher Auswahl. (Darunter Uniformknöpfe, Waffengegenstände, Achselstücke, Kunstgegenstände aus Granatsplittern und Knochenteilen von Pferdeskeletten.) Führer, mit dem einschlägigen Material genau vertraut, stehen zu jeder Tageszeit im Hotel zur Verfügung. Photographische Aufnahmen nur mit besonderer Erlaubnis. Postkarten, interessante Situationen aus dem Weltkrieg festhaltend, ebenfalls in reicher Auswahl. – Zu weiteren Aufschlüssen gern bereit, empfiehlt sich dem verehrlichen Publikum

Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H. Die Hotel-Direktion.“

Man nahm Platz zum Diner.

„Siehst du also, es ist hier für alles gesorgt!“

Zeigte sich der Bankier seiner Gattin gegenüber außerordentlich befriedigt über die wohlgelungene Organisation der ganzen Schlachtfeld-Besuchs-Unternehmung.

„Hier hat man nicht das Gefühl des Genepptwerdens. Kein unfeines Animieren. Man kann der Gesellschaft gratulieren. Durchaus solide Aufmachung. Und was die Ausstellung mit Verkaufsgelegenheit von Schlachtfeldandenken betrifft, gut so, sehr gut so, da braucht man sich nicht eventuell der Unterschlagung von Heeresgut schuldig zu machen ...“

Einige der Schlachtfeldbesucher schrieben noch während des Essens Postkarten.

Andere richteten Fragen an die Kellner:

„Wie stehts eigentlich mit der Flora?“

„Faul! Oberfaul!“ war die Antwort –

„Nur Unkraut. Hie und da ganz krankhaft fette Kartoffeln ... Hier wächst nichts. Wir beziehen alles aus Paris ...“

* * * * *

Das Diner war beendet.

Der Führer erhob sich zu einem kleinen feierlichen Einleitungsakt.

„Meine sehr verehrten Herrschaften! Wir wollen heute ein Totengedenkfest auf besondere Art begehen. Wir geloben uns dabei: Wir wollen das Andenken der Toten ewig hoch in Ehren halten!“

Die Lippen der Schlachtfeldbesucher kräuselten sich zu einem stillen Schwur.

* * * * *

Wieder eine Tafel:

„Privat-Weg! Unbefugten ist der Zutritt streng untersagt!

Die Schlachtfelder-Verwertungs-Gesellschaft m. b. H.“

„Ich bitte die Herrschaften, auf den Weg zu achten! Nicht von den Pfählen abzugehen ... Das Gelände ist hier durchwegs verschlammt, und Sie geraten dabei leicht in die Gefahr, sich zu beschmutzen.“

Der Führer ging den Pfahlweg voran.

Zwei und zwei hintereinander folgte die Gesellschaft.

Es mochten gegen fünfzig Personen sein.

„So einen Pfahlweg haben wir immer für Seine Majestät anlegen müssen, wenn sie einmal die Front besuchte“ – tat der deutsche Professor geheimnisvoll, als ob er damit etwas ganz besonderes verriete.

Der Pfahldamm führte zunächst einen Schützengraben entlang, bog dann in einer Brücke darüber hinweg und senkte sich abwärts, direkt mitten in das Schützengrabensystem hinein.

Man sah auf den ersten Blick:

Alles war hier für die Fremden zugerichtet.

Es war eigentlich ein Schlachtfeld-Museum.

Auf blutgedüngtem historischem Boden. Das konnte man allenfalls gelten lassen.

Aus einem Unterstand blinkte, wenn man das elektrische Licht andrehte, ein Skelett hervor, den Stahlhelm noch auf und in der dürren Knochenfaust Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett.

„Ganz wie bei Dante!“ flüsterte der neuvermählte Professor wieder seiner Frau zu:

„_Lasciate ogni speranza, voi chi entrate!_ – Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung schwinden!“

Tiefe Furchen schnitten sich hin. Waren es Ackerfurchen oder Furchen, von dem Todespflug der Granattrümmer gerissen!?

Mit unkenntlich entstelltem Kriegsgerät war rings hier der Boden bestreut, rohe, verrostete Eisenstränge, spiralig in die Länge gedehnt, oder, um und umgewickelt, zu einer komischen Verrenkung verstümmelt.

„Ich muß schon sagen, weit ergreifender, um so wievielmal menschlich näher liegt uns das als ein Besuch zum Beispiel im Gletschergarten von Luzern oder in den Bergwerken von Salzburg. Oder selbst als die Passionsschauspiele von Oberammergau. Die bayerischen Königsschlösser und Bayreuth mit einbegriffen ... Das hier ist zwar auch eine Kreuzigung, aber man hat entschieden mehr davon.“

Auch der Milliardär staunte.

„Da werden einem die Schrecken des Krieges erst so recht eigentlich gegenwärtig. Ein lebendiger Anschauungsunterricht das ... Wir, die wir nicht die Gelegenheit gehabt haben, den Weltkrieg aus direkter Nähe ...

„Wir, die wir nicht Brust an Brust mit dem Schicksal rangen in großer Zeit, nicht männlich Aug in Aug mit dem Grauen uns messen konnten –

„Wir, Unglückliche in einem gewissen Sinn, die wir nicht Schritt für Schritt in zähem Kampf für den Sieg unseres Vaterlandes ringen durften –

„Wir, die wir zur Hölle der Etappe verurteilt –

„Wir, die wir nur in der grauen, eintönigen Stube, sei es in das Büro, sei es in das Lazarett verbannt, nur ach, von fern von dem Fittich des Kriegsgottes gestreift wurden – –“

Das Bedauern, den Krieg nicht miterlebt zu haben, war allgemein.

Viele nickten mit den Köpfen, einen Ausdruck von Wehmut um die Lippen, sich selbst bemitleidend.

Alle beneideten aber den deutschen Professor, der bei jeder Gelegenheit als deutscher Kriegsteilnehmer sich auswies.

„Einen historischen Moment von ungeheurer tragischer Größe haben Sie da alle miteinander, meine Herrschaften, verpaßt ... Man müßte Ihnen eigentlich sein herzlichstes Beileid aussprechen, Sie aufrichtig bedauern“, triumphierte der Professor.

Doch allmählich verstummten die Klagen.

„Wir müssen uns eben trösten –

„Was vorbei ist, ist vorbei –

„Doch was nicht ist, kann noch werden –

„Dann werden wir uns ein solches Erlebnis bestimmt nicht wieder entgehen lassen –

„Ich wenigstens nicht, darauf können Sie Gift nehmen!

„Hier haben wir doch nur noch die spärlichen Restbrocken sozusagen, die von der Schlachtbank der Geschichte ...“

Alle beteuerten sich gegenseitig, schworen es sich hoch und heilig: im Fall eines nächsten Krieges in vorderster Front ...

„Meine Herrschaften! Aber bitte!“ wandte sich der Führer inmitten des allgemeinen Tumults einigen Damen und Herren zu, die Photographenapparate dicht vor sich hindrückten.

„Photographieren ohne vorherige Genehmigung ist strengstens untersagt. Im Hotel sind künstlerisch äußerst gelungene Ansichten von allen Stellungen und von jedem Kriegsschauplatz in reicher Auswahl vorhanden ... Ich habe Sie zu Anfang der Exkursion ausdrücklich auf die Vorschriften hingewiesen, die im Interesse aller Teilnehmer natürlich auch eingehalten werden müssen ...“

Ein zusammengestürzter Unterstand wurde jetzt einer eingehenden Besichtigung unterzogen.

Ganze Stapel von Konservenbüchsen, ausgerolltes zerknülltes Blech, Patronentaschen, Granaten, mit gelben, grünen und blauen, aber auch bunten Kreuzen bezeichnet, Geschütze, Maschinengewehr-Reserveteile lagen wirr durcheinander und anscheinend wirklich noch völlig unberührt herum, und große, rostbraune Flecken klebten tief in den Gebälken.

Der Führer erklärte:

„Getrocknetes Blut.“

„Ah ... choking ... Blut! Blu–u–u–t!“ echote es aus der Gesellschaft zurück.

Auch einige Zettel waren an die Balken geheftet, sie aber sowohl wie die ins Holz geschnitzten Inschriften waren nicht mehr zu entziffern. Nur aus einer der Wandzeichnungen war noch zu erkennen, daß sie einmal einen pornographischen Akt darstellte.

„Hier!“ begann der Führer weiter: „– ist jene berühmte Stelle, sowohl im deutschen, wie auch im englischen, französischen und amerikanischen Tagesbefehl öfter genannt, jene Stelle, die oft zwölfmal im Tag ihren Besitzer wechselte ...“

Nichts weiter als einige graue Erdhaufen waren zu sehen.

„Hier sehen Sie einige kurze gebogene Messer, es ist die Nationalwaffe der heroischen Sikhs, Meister im Gurgelabschneiden. Das riecht noch wie frisch importiert aus Dschungeln und Urwald ... Und Nachts huschten geduckt diese Gestalten, das Messer zwischen den Zähnen, über die Schlachtfelder und machten bei den Gefallenen des Feindes die „Stichprobe“ ... Hier sehen Sie weiter ein Instrument: es ist eine Mundharmonika, ein harmloses Musikinstrument, wie es mit Vorliebe die bayerischen Truppen benutzten ... Wie Sie sehen: hart aneinander wohnen hier im Raum die Gegensätze ... Hier sind wir nun an dem ausgedehnten Minenstollen, „Das Nadelöhr“ genannt, angelangt, bitte, bücken Sie sich einmal und was sehen Sie! Sieht vielleicht einer der Herrschaften durch das „Nadelöhr“ ins Himmelreich!? Keineswegs. Nein! Ganz und gar im Gegenteil! Eingequetscht in das Maulwurfsloch, das sie sich selbst gegraben haben, zwei brave Pioniere, umgekommen bei einem Gasüberfall, den die Deutschen unvermutet angesetzt haben, während sie hier unter der Erde, vom Geist der Pflichterfüllung beseelt, arbeiteten ... „Sei getreu bis in den Tod und ich werde dir die Krone des Lebens reichen ...“ So eben ist das Leben oder besser gesagt: der Krieg ...“

Die Schlachtfeldbesucher gaben ein dankbares Publikum ab für die humoristischen Zutaten des Führers. „Ohne Humor, nein, da müßte so ein Schlachtfeldbesuch zu einer unerträglichen Qual werden,“ meinten einige mit Recht.

„Das sind ja gar keine Leichen, das sind ja Wachspuppen, oder wollen Sie uns vielleicht weismachen, die hätten sich von selbst mumifiziert!?“

„Aber, meine Herrschaften! Pst!“ legte pfiffig blinzelnd der Führer den Finger vor den Mund: „Auch hier gibt es allerlei Geheimnisse ... Also, fahren wir fort nach diesem heiteren Intermezzo in unserer Wanderung über die Schlachtfelder ...“

„Na, schadet nichts, zwischendurch einmal so ein Scherz. Auch ich habe das natürlich gleich bemerkt. Gasleichen in konserviertem Zustand: absurd, ein Unding, hebt sich von selbst auf ... Das war eben so ein bißchen Castans Panoptikum ...“ schmollte jovial der Bankier. Räusperte sich, einen gutmütigen Baß lachend.

„Auch hier haben sich, meine Herrschaften, wie Sie sehen, brave Soldaten ihr Grab selbst gegraben, überdies soll auch, wie es heißt, ein General, der den Frontabschnitt zufällig in diesem Augenblick inspizierte, mit dabei sein. Ein Volltreffer von einem sogenannten „Schweren Brocken“ hat der hier postierten Kompagnie rasch schmerzlos ein Ende bereitet.“

Es ging innerhalb des Schützengrabens an dieser Stelle mehrere Meter tief hinab. Man hatte den Eindruck einer Senkgrube.

Einige von den Schlachtfeldbesuchern lüfteten die Hüte.

„Nicht immer aber ist es dabei so schmerzlos abgegangen, wir verlassen diese Stellung und sehen vor uns ein umfangreiches Stacheldrahtverhau. Der leichte Verwesungsgeruch, der sich auch jetzt noch deutlich bemerkbar macht – –“

Einige Schlachtfeldbesucher schnupperten ...

„... es riecht wie eine Mischung aus Jauche und verbranntem Fleisch, in der Soldatensprache, drastisch, wie sie nun einmal ist, „Offensivparfüm“ genannt, dieser leichte Verwesungsgeruch also läßt die Bedeutung dieser schwärzlichen Knollen, die dort auf die Pfähle gespießt sind oder hier zwischen den Drähten zappeln, leicht erraten. Es sind Menschen, Soldatenleichen, also kurzum wiederum Menschen, ob Deutsche, Engländer, Amerikaner oder Franzosen: das läßt sich nicht mehr mit absoluter Bestimmtheit sagen. Leiche bleibt Leiche, und eine profane Weisheit ist es, im Tod sind sich alle gleich, die verschiedenartige Kokarde, die sie noch an den Mützen tragen, macht es nicht ... Der Blutkreislauf wird geschlossen, die Blutkörperchen machen ihre letzte Runde und – stopp! ... Also, diese Drähte waren elektrisch geladen, Hochspannung, und –“

Einige Besucher wandten die Gesichter ab.

„Aber meine Herrschaften, stellen Sie sich doch nicht gemütsverweichlichter oder zartbesaiteter, meinetwegen, als Sie in Wirklichkeit sind! Sie müssen lernen, den Tatsachen, nackt und brutal, wie sie nun einmal sind, ins Gesicht zu sehen. Hier können Sie beinahe umsonst das Grauen lernen. Lassen Sie die Ihnen gebotene günstige Gelegenheit nicht zum zweiten Mal unbenutzt an sich vorübergehen! Wer weiß, wie lange noch? Auch die Schlachtfelder werden eines Tages in Bausch und Bogen verramscht; jedes Ding auf Erden nimmt diesen Lauf, das ist das Schicksal aller irdischen Güter, der Mensch mit inbegriffen ... Wie Sie aber zugeben werden: der Weltkrieg war ein genialer Regisseur, die von ihm inszenierten Landschaftsbilder besitzen heute, vier Jahre später, noch die Macht, höchst suggestiv und unmittelbar auf das Publikum zu wirken und es in eine Art magischen Bann zu schlagen ... So kann der Schlachtfelderbesuch zum Sport werden, zur Leidenschaft. Wir haben auch Dauerbesucher.“

„Es ist nicht halb so schlimm, hier aktiv gekämpft zu haben, als auf diese Weise den Weltkrieg nachzuerleben“, bestätigte der deutsche Professor.

„Folterqualen. Ein reines Martyrium ...“

Und mit einer erheblichen Gemütserleichterung stellte gewissermaßen im Auftrag aller der Bankier fest:

„Jeder einzelne von uns kann nach vollbrachter Wanderung mit vollem Recht von sich bekennen, er habe heute den leider von ihm versäumten Weltkrieg in seiner tiefsten Tiefenwirkung und in seinem breitesten Ausmaß nachgeholt. Man kann Buddhas Worte umdrehen und sagen: „Zu erleben ist alles schön, mitanzusehen aber alles schrecklich.“ Ja, wir können uns geradezu beglückwünschen, bald den ersten Teil einer im wahrsten Sinne des Wortes lebensgefährlichen und heroischen Expedition hinter uns zu haben ...“

„Und nun, meine Herrschaften, um diesen Ort, auf dem hier das Kruzifix errichtet ist, hat sich eine heimliche Legende gewoben. Nach dem Glauben der armen Bauern dieser Umgegend soll Christus des Nachts, gefolgt von dem ganzen Stab der Apostel, der Seliggesprochenen und der Heiligen, wie früher einst über das Meer, so heute über das Schlachtfeld wandeln. Christus tastet dabei mit einer Art geistiger Wünschelrute den Erdboden ab, um den Standort der Totenregimenter festzustellen ... Hier, an dieser Stelle nun, sagen die armen Bauern, sei „Mund und Ohr“ der Erde. Hier spreche Christus auf seiner Erdenwanderung mit den Toten. An dieser Stelle befinde sich auch eine mystische „Naht“, an dieser Stelle finde dereinst die Auferstehung aller Gläubigen statt ...“

Der Bankier trat interessiert vor.

„Was spricht Christus mit den Toten?“

„Er tröstet sie und bezeugt ihnen immer wieder von neuem, daß sie nicht umsonst gestorben sind.“

„Zweifeln sie denn daran, daß sie für eine große und heilige Sache gefallen sind?“

„Na und ob! Aber sehr! ... Manche von ihnen fluchen gewaltig, nach dem Glauben der Bauern wenigstens, trommeln Mitternachts laut an die Erdkruste mit ihren Knochenfäusten und knurren oft im Chor: „Für nichts und nichts und wieder nichts!“ Sie schießen auch oft mit den Geschützen unter der Erde, sie fechten mit dem Bajonett. Sie üben sich für den „Großen Tag“.

„Für was für einen „Großen Tag“?

„An dem Christus der Welt die Rechnung präsentiert und an dem die ungeheuere Schuld fällig geworden ist, und von den Schuldnern sofort in bar beglichen werden muß. Die unter der Erde sind die Gläubiger ... Sie halten Versammlungen ab, sie beraten sich, auch wenn sie dem Wahne kurzsichtiger Menschen nach längst gestorben sind ... Und der „Große Tag“ kommt. Da geht es hart auf hart. Da geht es: Aug um Aug, Zahn um Zahn ... Es wird mit Blut bezahlt ...“

„Welches ist die Schuld, die bezahlt werden soll?“

„Allen denen, die zum Krieg gehetzt haben und allen denen, die dadurch, daß sie feig und untätig während des Krieges geblieben sind, sich zu Mitverantwortlichen am Kriegswahnsinn gemacht haben, legt Christus eine Frage vor. Die Frage lautet: „Hast auch du, du kriegsbegeisterter Vaterlandsfreund, deinen Schlachten-Sommer miterlebt, wo die Leichen vor Hitze flüssig werden und anfangen, zu brodeln ... Im Kraut knisterts, und wenn du hinschaust ... Ja, hast du das?“ Wer diese Frage nicht mit „Ja, Herr!“ beantworten kann, ist hauptschuldig ... Dann gibt es aber auch noch eine Schuld zweiten Grades, eine Mitschuld und eine Nebenschuld ...“

„Und Christus beruhigt die unter der Erde und überzeugt sie vom Gegenteil?“

„Er beruhigt sie eigentlich nicht, noch überzeugt er sie auch vom Gegenteil. Keineswegs. Im Gegenteil. Er sagt gerade das Gegenteil vom Gegenteil.“

„Was sagt Christus den Toten nach dem Glauben der armen Bauern?“

„Er spricht von einem Galgen, der an der Stelle des Kreuzstammes aufgerichtet werden wird, und erzählt ihnen von einem Menschengeschlecht, das glaubt, unter diesem Zeichen zu siegen. Zu gleicher Zeit aber mit der Errichtung des Galgens kommt schon ein anderer Galgen über diesen Galgen, der zweite Galgen setzt sich an die Stelle des ersten, entthront ihn, Galgen überwindet den Galgen. Ja, der Galgen wird vom Galgen selbst überwunden. Und der zweite Galgen ist gesetzt, um daran alle Wucherer, Schieber und Ausbeuter des Volks aufzuhängen ... Und Christus verspricht denen dort unten, ihrem Rachegelüste vollauf Genüge zu tun. Alle die werde er unbarmherzig vor sein Gericht ziehen, die sich auf Grund jener Herzblutopfer bereichert haben, deren das Volk unsägliche auf dem Altar des Vaterlandes dargebracht hat und – darbringt ... Diese Stelle hier, auf der wir stehen, soll auch die Stelle sein, wo der erste Galgen in Erscheinung tritt und von dem zweiten bald darauf überwunden wird ...“

„Ein modern frisierter, revolutionärer Christus! Hihihi ...“, kicherte jemand.

Alle sprachen aufgeregt durcheinander.

Man stellte sich mit erhobenen Fäusten vor den Führer hin.

„Korruption! Korruption!“

„Ketzer! Verräter!“

Wutverzerrte Gesichter. Zornrollende Augen quollen.

Man hätte den Legenden-Erzähler lynchen können.

Nur der Bankier blieb ruhig.

„Das soll Christus sagen? Ausgerechnet: Christus?! Ein wenig sonderbare Christen das, das müssen Sie doch selbst zugeben, die sich ihren Christus so vorstellen. Ein roter Christus also, ein roter Bauernchristus ... So wird eben auch das Allerheiligste von dem ungebildeten und in den tieferen Wahrheitsgehalt der religiösen Offenbarungen uneinsichtigen Pöbel in den Kot gezerrt. Ein Bolschewisten-Christus, haha! Zum Hausgebrauch der Schmutzfinke, Schlendriane, Gewohnheitsverbrecher und Hungerleider! Ein Christus mit dem Messer zwischen den Zähnen und die Knarre auf dem Buckel! Staatsgefährlich ist das, gotteslästerlich ...“

„Nicht doch!“ entgegnete ruhig der Führer.

„Die armen Bauern sprechen das auch nie laut und öffentlich aus. Aber wovon den armen Bauern das Herz voll ist, davon träumen sie ... Es ist eben ein Christus, zurechtgemacht für die Zeit, wie ihn sich die armen Bauern, naiv wie sie nun einmal sind, vorstellen ...“

* * * * *

Die Schlachtfeldbesucher schwiegen betroffen einen Augenblick. –

* * * * *

„Und nun, meine Herrschaften, entschuldigen Sie die Erzählung der Legende bitte, nichts für ungut, und setzen wir unsere Tournee fort!“

Noch immer schweigend folgten die Schlachtfeldbesucher dem Führer.

„Wenn Sie zu Hause ihre Kriegserlebnisse erzählen, dürfen Sie auch nicht vergessen ...“

Auf einer sauber gezimmerten Stufenleiter klommen sie nacheinander in eine Kiesgrube hinab.

Auf der einen Seite war eine dicke Sandsteinmauer.

„Spaß beiseite! ... Hier, meine Herrschaften, fanden regelmäßig Exekutionen statt von Verrätern, Deserteuren und anderen Vaterlandsschädlingen, bei allen Nationen gleichermaßen tiefster Verachtung preisgegeben ... Ich werde Ihnen, wenn wir wieder oben sind, das Wrack einer Mühle zeigen, von der aus ein französischer Bauer, mit Geld bestochen, das feindliche Artilleriefeuer mittels einfacher Laternensignale geleitet hat ... Die Kiesgrube mag durch ihre Lage besonders günstig für derartige Hinrichtungen gewesen sein, die sofort nach der Urteilsfällung durch die Kriegsgerichte, gegen die es keinen Einspruch mehr gab, innerhalb vierundzwanzig Stunden vollstreckt werden mußten. So verlangt es bei allen Staaten ausdrücklich das Gesetz ... Die verschiedenen Sandhaufen, die Sie hier sehen, ohne Kreuzschmuck wohlgemerkt, das ist die Ruhestätte dieser Hingerichteten. Ihre Namen kennt keiner. Auch die Angehörigen nicht. Wäre es doch eine Schande für die Familie. Die Zahlen der hier Füsilierten kann ich nicht genau angeben, doch spricht man von Hunderten, die hier in dieser Grube ihre schändlichen Verbrechen sühnten ...“

„Zucht muß sein, ohne das geht es nun einmal in einem straff disziplinierten Heer nicht ab.“

Stützte der deutsche Professor seine Gattin beim Wiederaufwärtssteigen.

„In Deutschland würde es heute sicherlich anders aussehen, wenn alle Novemberverbrecher kurzerhand in solch einer ...“

„Und die Bauern, die da, wie ihnen ihr Christus prophezeit hat, den zweiten Galgen errichten wollen, sollen sich nur vorsehen, daß sie nicht vom Regen in die Traufe kommen, daß heißt, statt an den Galgen, hier in der Kiesgrube – –“

Der Bankier sprach diesen Ratschlag in einem geradezu väterlich gerührten Ton gedämpft vor sich hin. –

* * * * *

„Hui!“ und „Pfui!“ schrieen da plötzlich einige Damen, rissen die Röcke hoch, die Männer schlugen wild durcheinander mit den Spazierstöcken auf den Pfahldamm ein.

„Eine Ratte –

„Pfui! Hui!

„Was für ein abscheuliches, häßliches –

„Unappetitliches Tier –

„Solch ein Biest!

„Solch ein Freßsack ...“

Und die Rattentreibjagd begann.

Der Deutsche trillerte leis:

„Lützows wilde verwegene Jagd ...“

Es war eine ausnehmend große, prall gemästete Ratte.

„Rattenbisse sind tödlich unter Umständen! ... Bleiben Sie zurück, meine Herrschaften! ... Ein Rattenbiß überträgt Bazillen unter Umständen, die Pest ...“

Und der Führer setzte allein hinter ihr her.

Die Ratte stürmte wieder die Kiesgrube hinab, und aus halber Höhe knallte der Führer ihr einige wohlgezielte Pistolenschüsse nach.

Die Ratte kratzte einigemale energisch mit den Pfoten im Sand, dann drehte sie sich, verzuckend, auf die Bauchseite.

Pfiff noch einmal.

Pißte noch.

Teile der Gesellschaft stiegen nochmals die Stufenleiter zur Kiesgrube hinab, um die tote Ratte zu betrachten.

Stocherten mit den Spazierstöcken an ihr herum, wendeten sie nach allen Seiten hin und stiegen wieder herauf ...

„Ein ekliger Geselle! –

„Wie bissig das Gebiß! –

„Heißhunger, Leichenraub, Menschenhaß, die ganze Menschheitsverachtung blitzt ihr aus den Augen ...

„Oft hatten die Truppen in den Schützengräben, besonders nach lang andauernden Regenfällen oder Ueberschwemmungen, richtige Rattenschlachten auszufechten ... Da half aber keine Kugel, sondern nur das blanke Messer ...

„Es ist etwas Schreckliches um die Ratten –

„Gott, gibt es Tiere auf dieser Welt ...!“

Und weiter wanderte die Gesellschaft.

„Hier ein geplatztes Geschütz!“ demonstrierte der Führer. „Die ganze Mannschaft ist bei der Explosion durch einen sogenannten Rohrkrepierer mit in die Luft gegangen ... Ehre ihrem Angedenken! ... Und hier wieder Fallgruben, spanische Reiter, der Boden besät mit Blindgängern in Hülle und Fülle ... Bitte, und hier, treten Sie ruhig unbesorgt näher, es kann Ihnen garantiert nichts passieren: Was sehen Sie!?“

„Ah, davon hat man so oft in den Zeitungen gelesen, wie das aber in der Wirklichkeit oft so ganz anders sich ausnimmt!“

„Richtig geraten! Erstens: ein Flammenwerferapparat und zweitens: ein schwerer Minenwerfer mit der dazu gehörigen Munition: Flügelminen. Hier an dem Zaun sehen Sie außerdem einige der gebräuchlichsten Modelle von Gasmasken ... Wenn Sie wünschen, können die Herrschaften einmal eine aufprobieren. Vielleicht steht sie Ihnen. Vielleicht wird das noch einmal die große Mode ...“

Der deutsche Professor zog sich auch wirklich schon eine der Gashauben über und während alle um ihn herum „huhu!“ heulten, drehte er sich um sich selbst, kokett wie ein Mannequin, das eine neue Toilette zeigt.

„Welch eine Fratze! –

„Hui! Pfui!“

„Sie wollen mit uns wohl „schwarzer Mann“ spielen!?

„Wie die tote Ratte –“

Und „na, Sie Probiermamsell!“ foppte ihn einer und man wandte sich wieder den Flammen- und Minenwerfern zu.

„Erstens: Flammenwerfer, meine Herrschaften! ... Bequem von einem Mann zu transportieren. Hier wird mit verflüssigtem Feuer auf mindestens dreißig Meter Entfernung der Mensch rettungslos in Brand gespritzt. Wer starke Nerven hat, dem bin ich in der Lage hier das Folgende zu zeigen –“

Und der Führer reichte einige Photographien herum, die einen Flammmenwerferangriff naturgetreu darstellten. Die von den Flammenwerfern bespritzten Menschen brannten lichterloh, in eine weißliche staubähnliche Lichtlohe gehüllt.

„Auch „Wander-Krematorium“ genannt ... Realistisch, was ...“

Die Betrachtung der Photographien tat einem in der Herzgrube weh.

„Durchlöchert alles! Aehnlich wie ein hundertfach verstärktes Sauerstoffgebläse ... Stichflammen! Meine Herrschaften! Stichflammen!“

„Und nun, meine Herrschaften, zu den schweren Minenwerfern! ... Und hier habe ich eine Ueberraschung, ich zeige Ihnen solch ein Ungeheuer in Betrieb! An dieser Kommandotafel hier sehen Sie: diese Minen wurden alle von einem Punkt aus, oft gegen tausend Stück gleichzeitig, zur Entzündung gebracht – und auf einen Schlag abgeschossen. Ladung: Giftgase mit Brandeinlagen. Effekt also: tipptopp! ... Damit sich nun die Herrschaften einigermaßen eine Vorstellung machen können von der elementaren, geradezu naturhaften Wucht, mit der so eine schwere Flügelmine die Lüfte durchpeitscht und in dem feindlichen Graben zum Einschlag kommt, bringe ich hier, wenn Sie gütigst gestatten, so eine Mine zum Abschuß ... Damit wäre dann der Rundgang beendet und ich ersuche die sehr verehrten Herrschaften, sich wieder auf dem gleichen vorgeschriebenen Weg in das Hotel zurückzubegeben ...“

„Damit Sie aber zu gleicher Zeit auch einen möglichst wahrheitsgetreuen Eindruck vom wirklichen Schlachtenlärm erhalten, möchte ich Sie bitten, sich das Geräusch dieser einen Flügelmine in Ihrer Phantasie zu verhundert-, nein zu vertausendfachen ... Schauen Sie genau zu! Und richten Sie, wenn ich auf den Knopf hier drücke, sofort Ihr Augenmerk auf den gegenüberliegenden 300 Meter entfernten Graben! Vorsicht! Zurücktreten! Wenn mir der eine oder der andere Herr dabei vielleicht behilflich sein möchte ...“

* * * * *

Der Bankier und der Deutsche beteiligten sich beim Laden der schweren Flügelmine.

Mittels eines eisernen mechanischen Hebelkrans wurde die Mine emporgekurbelt, von vorn in die Rohröffnung des Minenwerfers eingeschwenkt, der Minenwerfer wurde mit einigen einfachen Griffen ausgerichtet, wobei die Flügelmine bis zu einem Viertel mit ihrer oval abgeflachten Spitze noch aus der Rohröffnung herausragte.

Der Bankier, der Deutsche traten zurück.

Der Bankier blies einige Stäubchen vom Rockärmel und streifte sich gegenseitig die Glaceehandschuhe von einigen darauf haftenden Schmutzkörnchen ab.

„Achtung!“

Und schon schoß nach einem gewaltigen Luftrauschen, das wie das Dahinflattern apokalyptischer Flügelreiter klang, und nach einer Erschütterung, als ob sich der Boden einem unten den Füßen hinwegziehe – schon schoß in dem gegenüberliegenden Graben eine über hundert Meter hohe Erdfontäne hoch, mit Felsbrocken und Balkensplittern untermischt. Das zerrte, zupfte an den Nervensträngen. Drückte auf die Magennerven. Erst das hagelwetterartige Niederprasseln der hochgeschleuderten Erdmassen brachte Erleichterung.

Ein pressender Luftdruck hatte sich sogleich nach Abschuß spürbar gemacht.

Der eine oder der andere taumelte sogar.

Viele hielten sich Nasen und Ohren zu. Einige hatten sich sogar sorgsam Wattebäuschchen in die Gehörgänge gestopft. Alle aber hielten den Mund weit aufgesperrt.

„Glänzend! nein, sowas –