Part 2
„Eine wichtige Mitteilung! Die Gespenstersitzung ist zu Ende. Ruhe und Ordnung! Die Verfassung der Todgeweihten verlangt es! Der Sauerstoffbehälter ist leer. Suchen Sie sich Ihre Plätze aus! Nehmen Sie die Haltung ein, in der Sie zu sterben wünschen. Stellen Sie langsam Ihre Atmung ab, wenn ich bitten darf ... Einige Minuten noch ... Dann erscheint, wie weiland bei Nebukadnezar die Feuerschrift an der Wand: _mene menetekel upharsin_. Und dann drücken die Wasser zu den Wänden herein, denn unsere Taucherglocke, meine Herrschaften, ist im Verhältnis zum Meeresdruck eine gar windige Konservenbüchse. Pappe. Eine Sache wie ein Spielzeug ... Sehr verehrte Frau Leichinnen! Sehr verehrte Herren Leichen! Wir bekommen gleich hohen Besuch! Aale, Algen, Schwertfische, Wale ... Pst! Pst! Die Leichen werden um Ruhe gebeten! ...“
Es herrschte in der Tat während der Schlußrede der Ku-Klux-Klan-Maske vollkommene Totenstille.
Auch jetzt noch, da sie schon seit geraumer Weile geendet hatte.
Hie und da nur ein krampfhafter Schluck.
Es gluckste.
Einige würgten ihren Brechreiz hinunter.
– – –
Die Maschinen stampften.
* * * * *
Es war kurz vor der Ankunft der „Columbia“ in Europa.
Das Signal „Land in Sicht!“ hatte alle Passagiere an Deck versammelt.
Langsam stieg am Horizont die englische Küste hoch.
Der Bankier wiegte sich in seinem Liegestuhl und blinzelte schläfrig ins strahlende Licht.
Der junge Musiker entschloß sich nun doch, die Bekanntschaft des Milliardärs zu machen.
Trat an den Amerikaner heran:
„Nun zwar in letzter Stunde ... aber doch ...“
Und als der Amerikaner freundlich nickte:
„Auch ich ... wie mich das freut ... bitte, bitte ...“
Zog auch der junge Italiener einen Liegestuhl herbei und setzte sich dicht an den Amerikaner heran.
„Ich dachte eigentlich, Sie neulich abends nach dem Film noch bei dem Maskenfest zu sehen ...?“
„Nein, solche derben Späße vertragen meine Nerven nicht. Da geht es dann gegen Ende zu doch immer ziemlich toll her. Das sind Volksbelustigungen, mit einer tüchtigen Sprengdosis Kaschemmenton untermischt, nicht geschaffen für Menschen meiner Art ...“
„Ach, Spaß muß sein. Man muß die Jugend doch schließlich sich einmal austoben lassen. Es war eigentlich ganz gemütlich ...“
„Ich habe gehört, daß Sie mit dem Flugzeug nach Paris ... Und da wollte ich mich mit Ihnen verabreden ...“
„Gut. Gut. Ich bin hocherfreut darüber, daß wir uns noch kennengelernt haben, bevor es zu spät ist ...“
„Junger Freund!“ begann jetzt wieder der Amerikaner nach einigen Minuten Stillschweigens. „Ich möchte zwar nicht mit der Türe, wie man so sagt, ins Haus fallen, aber Sie interessieren mich ungemein. Vielleicht erscheint es Ihnen so, als sei ich aufdringlich. Nein, das aber ist es nicht. Aber ich habe das bestimmte Gefühl, wir seien schon seit langem gute Bekannte, um nicht zu sagen Freunde, und ich habe auch den Glauben, die Zuversicht: wir werden es immer bleiben ...“
„Sonderbar! Sonderbar!“ erwiderte der junge Italiener. „Ich hätte dasselbe nicht besser von mir aus sagen können ... Fragen Sie mich, bitte fragen Sie mich ... Es erscheint mir wie eine heilige Pflicht, Ihnen Antwort zu geben ...“
Wieder schwieg der Bankier.
Er schien sich die Frage innerlich abzuringen.
Am Horizont stieg die englische Küste höher empor.
„In spätestens einer Stunde werden wir da sein ...“, sagte ein Paar, das an den beiden vorüberstrich.
„Na also, junger Freund, da Sie sich entgegenkommenderweise dazu bereit erklärt haben, mir Rede und Antwort zu stehen ... Sie werden ja selbst fühlen, Schweres geht in der Welt vor. Die Welt geht schwanger mit gewaltigen Ereignissen. Sie sind ein gottbegnadeter Künstler und müssen daher über die Schranken der Zeit, der wir Sterbliche verhaftet sind, hinausblicken. Und welche Ideale nun sind es, frage ich Sie, für die die Jugend in den Weltentscheidungskämpfen, in denen wir stehen, ihre Stimme erhebt? Auch ich habe Söhne. Vielleicht können Sie jetzt meine Frage begreifen ... Ich zittere oft aus Angst um meine Söhne ... Ich frage Sie als Freund und Vater ...“
Der junge Italiener schien über die Frage nicht sonderlich erstaunt.
Er holte tief Atem, das wie Seufzen klang, dann erwiderte er.
„Ich spreche, wenn ich jetzt zu Ihnen spreche, Mr. Branting, im Namen und im Auftrag einer Jugend, im Namen eines ganzen Geschlechts. Welchen Geschlechts, das sollen Sie alsbald erfahren!
„Dem Ungewöhnlichen, Abenteuerlichen, Tollkühnen, all dem, das wie ein Kreisel balancierend über eine messerscharf geschliffene Kante dahinschwebt: dem gilt unsere Liebe ... Wir, die wir in Wahrheit nicht mehr lieben können, wir lieben die Liebe. Wir, die wir in Wahrheit uns nicht mehr sehnen können, wir empfinden eine heiße Sehnsucht nach der Sehnsucht ... Wir lieben nicht mehr mit dem Herzen, wir sehnen nicht mehr aus Herzensgrund heraus: wir lieben, wir sind sehnsüchtig mit den Nerven ... Wir sind Nervenbündel, längst stumpf gekitzelte Nervenbündel, hoch hinein in den Weltenraum wie eine Antenne gespannt: wir vibrieren, phosphoreszieren ... Nicht mehr ... Wir senden keine Funken, wir strahlen keine Wärme mehr aus ... Der Lebensquell in uns ist versiegt ...
„Wir sind unglaublich feist, geistig feist, meine ich, ausgehöhlt vor unstillbarem Heißhunger und sattgefressen zugleich. Wir werfen uns über die Welt, gierig wie über einen Leichenhügel her, wir beschlafen Leichen, treiben Leichenschändung, und selbst unfähig zum Leiden, sind wir geniale Leidenspender ganzer Völkerrassen, die durch uns zum Leiden gezwungen sind. Wir sind gefräßige Kulturmaden, wir sind die wollüstigsten, raffiniertesten Genießer, die je ein Zeitalter hervorgebracht hat.
„Sehen Sie, gestern abend bei der Vorführung des Hinrichtungsfilms, da habe ich deutlich beobachten können, wie die Herrschaften dabei vollauf befriedigt sich mit der Zunge die Mundwinkel leckten. Auch mir zog es das Wasser im Munde zusammen, auch ich leckte mir die Mundwinkel ...
„Wir genießen aber auch unseren eigenen Tod! Jauchzen wir nicht jeden Tag wieder von neuem vor Entzücken auf über unsere eigene Verwesung!?
„Aber in all diesen Genüssen wollen wir ungestört sein! Wehe dem, der es wagen sollte, nach unserem Traumreich die Hände auszustrecken!
„Denn grausam sind wir, erbarmungslos, das Gehirn voll von Ränken und unberechenbaren Gedanken, geschmeidig und unerbittlich zugleich, und noch sind wir stark, stark genug! ...
„Farbenräusche, Klangräusche ... auch der Sinnenrausch, der Blutrausch ist für uns geistige Menschen ein geistiger Rausch.
„An was berausche ich mich, wenn das Schiff wie jetzt über die abgründige Meertiefe dahinfährt?
„Ich berausche mich an dem Gedanken an seinen Untergang.
„An was berausche ich mich, wenn die Nacht hereinbricht und der Mensch in ihrem Schatten zusammensinkt?
„Ich berausche mich an dem Gedanken: es wird der Menschen letzte Nacht sein ...
„Ich berausche mich an dem Gedanken, wie mich Stunde für Stunde die Finsternis aufzehrt, an dem Gedanken, wie mir Haar und Nagel im Sarg noch um ein geringes nachwächst ... Ich bin trunken davon ...
„Ich berausche mich am Rausch. Aber dieser Rausch, Mr. Branting, hat _eine_ Voraussetzung: Ihre, ja Ihre Nüchternheit.
„Hören Sie: ich bin nur Ihre andere Seite, Mister!
„Ich bin nur die andere Seite jener Medaille, die heute noch den Kurswert der Zeit besitzt.
„Ich bin Ihr „wahres Jenseits.“
„Ich bin Ihr: „nicht von dieser Welt!“
„Ich bin der goldene Sternenschmelz an der Gedanken-Kuppel, die sich dieser Welt überwölbt ...“
Die Maschine tief unten im Schiffsrumpf stampfte.
„Sie haben wunderbar, ergreifend gesprochen, Antonio. Ihre Worte klangen wie eine Symphonie ... Haben Sie mir nichts mehr zu sagen!?“
„Gewiß! Gewiß! Mister! Wir sind eingetreten in das Zeitalter des „letzten Worts“, und dieses „letzte Wort“, das wir sprechen werden, muß ebenso wie das erste, das wir gesprochen haben, hart sein! Ein Machtwort!! In dieser Periode unserer Herrschaft können wir uns nicht mehr den Luxus der flauen Rede gestatten! ... Nach der politischen Seite hin betrachtet, entspricht der Faszismus noch am ehesten unserer Weltkonzeption. Wir können der Menschheit zwar keinen neuen Welt-Entwurf vorlegen, aber wir werden mit spitzem Hammerschlag noch einen neuen Zug ins Weltgesicht einmeißeln: eine grausame Linie, Schattenkurven unters Auge, eine maßlose Bitterkeit. Wir dürfen unter Umständen auch nicht davor zurückschrecken, das Welten-Antlitz offen und zynisch in eine Blutgrimasse umzuschminken ... Wir sind zwar Flüchtlinge. Wir sind auf dem Rückzug. Aber dieser Rückzug vollzieht sich unter der Parole des Angriffs, unter einem schmetternden Angriffssignal ... Wie auch unser Draufgängertum, unser brutaler Mut Lebensfeigheit und eine tiefe Welt-Angst zur Wurzel hat. Leichentürme türmen wir uns selbst zur Leichenfeier auf diesem Weg, Leichentürme, Opferberge. Wenn wir Menschen anstecken als Fackeln, zünden wir uns selbst an. Wir legen bei allem, was wir tun, Hand an uns selbst. Wir sind gezwungen, ob wir wollen oder nicht, uns an uns selbst zu vergreifen ... Wir verzweifeln an der Verzweiflung ... Aber, wie ich Ihnen schon sagte, wir sind noch stark genug, stark ...
„Das gewaltige Schüttelfieber, das seit langem uns alle befallen hat, schüttelt unter konvulsivischen Zuckungen aus uns noch die letzten Früchte heraus: eisig glühende, gespenstische, exzentrisch verformte Gewächse. Dann ist uns der Herbst gekommen, traum- und rauschlos ist er, dieser Welten-Herbst, von einer Kälte, Morschheit und Einsamkeit ohnegleichen, daß man sich schier selbst verbrennen möchte. Wird dann noch einmal wie dürres Blättergeraschel diese Welt aufflammen zu einem Scheiterhaufen, darauf man sich zur großen Ruhe betten kann!?“
Die Maschine unten im Schiffsbauch stampfte fester.
„Hören Sie, hören Sie ... Das ist es ... Die Maschine stampft, und sie stanzt mit jedem Kolbenstoß unser Grabloch tiefer aus der Erde heraus! ... Der Heizer im nackten Oberkörper da unten, der Arbeiterkittel, der feldgraue Rock ... Die, die sind es ... Ich berausche mich, wenn ich an sie denke bei dem Gedanken, sie, wenn ich schon auf mein Traumreich Verzicht leisten muß, eigenhändig mitzuwürgen. Stahl, Kohle, Erdöl: aus ihnen heraus destilliert sich auf einem langen, qualvollen Umweg mein Traumreich ... Und wenn Stahl, Kohle, Erdöl einst aufstehen wider mich –!?“
Die Maschine stampfte zurück.
Der Schiffskörper zitterte.
„Also!“
Der Bankier und der junge Musiker erhoben sich.
„Europa.“
„Was ich Sie noch fragen wollte, Antonio: glauben Sie an die Unsterblichkeit der Seele, an Gott?“
„Mr. Branting, bleiben wenigstens wir ehrlich voreinander. Wir beide wissen mehr, als wir für unbedingt geboten halten, daß es ausgesprochen wird ...“
„Also dann auf Wiedersehen, morgen früh, Punkt acht, im Flugzeug!“
Die Schiffssirenen schrillten.
An einem gewaltigen Hebelkran vorüber, der wie ein eisern gemuskeltes Armgelenk gebogen herniederhing, lief die „Columbia“ in dem Hafen von Southampton ein. –
* * * * *
„Ein eigenartiger Reiz!“ nickte der Bankier seinem jungen Freunde zu, als das Flugzeug wie ein Aufzug senkrecht in den lichtblauen Aether hineinschnellte.
„Gleicht nicht die ganze Welt einer gläsernen Riesenkugel,“ träumte Antonio Carracarra, „mit Lichtblau angefüllt, angefüllt mit schmelzendem Meerblau. Und der Mensch, von gekrümmten Klang-Mulden umgeben, eine melodische Schwingung darin: anklingend, eine kurze Spanne lang volltönend, und wieder verwehend ... O luftblaue Höhle des Nichts ...!“
Die Flugzeugmotore donnerten.
„Hören Sie, Mr. Branting, auch hier die Maschinen! Ueberall in der Welt singt es unseren Untergang. Aber auch wir stimmen darin ein wie in ein Triumphgeheul ... Sehen Sie, tief dort unten auf der Meeresfläche: Dreadnoughts, ein, zwei Geschwader ... Und ich berausche mich bei dem Gedanken an das, was kommen wird ... Ich berausche mich bei dem Gedanken an die wie ein leise sirrendes metallisches Gewitter heraufziehenden Geschwader der Bombenflieger, ich berausche mich an dem Gedanken an den kommenden Krieg, der die ganze Welt mit Gasschwaden einsumpfen wird ... Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit einem Gürtel von Geheimnissen umgeben werden. Die wenigen Eingeweihten werden zu schweigen wissen ... Ich berausche mich bei dem Gedanken an dieses Geheimnis, an unseren Absturz, an unseren Zusammenbruch, der die im Giftgas sich krümmenden Menschenmillionen wie eine lebendige grandiose Leichenschleppe hinter sich herziehen wird ... In Schönheit sterben, nenne ich das ...“
Der Bankier hörte mit halbgeschlossenen Augen den Worten seines Freundes zu.
„Was Sie sagen, nein, singen, Antonio, ist mir, als wäre es aus meinem Herzinnersten geboren ... Wie gottbegnadet Sie sind! Ein Dichter! ... Es ist gefährlich, was Sie sagen ... Der Weltabgrund, über den berauscht wir dahingleiten, selbst spricht ...“
* * * * *
Das Automobil, das die Flugzeugpassagiere vom Landungsplatz auf den Longchamps nach Paris bringen sollte, blieb plötzlich mitten in einem ungeheueren Menschenstrom stecken.
Rote Fahnen wehten.
Rufe erschollen:
„Nieder mit dem Krieg!“
„Eine Arbeiterdemonstration! ... Sie demonstrieren gegen den Krieg ... Damit meinen sie aber in Wirklichkeit uns! ... Es lebe der Krieg ... Der Krieg, er lebe ... Hüten wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den großen Tanz des Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“
Langsam steuerte der Chauffeur das Automobil frei.
„Sehen Sie, Mr. Branting, wieder ist es die Maschine, die Millionen solcher Menschen, ganze Armeen aus dem Erdboden heraufstampft ... Es sind Millionen, Abermillionen Grabwürmer in Menschengestalt, die uns wie einen Berg bei lebendigem Leibe abtragen ... Hört ihr die Meute kläffen!? ... Werden wir sie daran hindern? Leisten wir ernsthaften Widerstand? Nein. Aber wir verstricken sie in unseren eigenen Untergang ... Spüren Sie nicht, wie jeder Blick der Demonstranten uns das Messer zwischen die Rippen hindurch wünscht?! ... Sehen Sie dort: die Polizei rückt an! Die Truppen schießen ... Die eiserne Kette des Demonstrationszuges schwankt, reißt ... Aber, aber ... Wie lange noch?! ... Giftgase über diese empörerische Erde! Die Sintflut über uns! ... Noch nicht genug durchfiltriert ist die Erde. Nun kommt die Giftgasschwemme als letzte Feuerprobe ... Bald ist’s so weit ...“
Die beiden Freunde verabschiedeten sich.
„Ich danke Ihnen! Von ganzem Herzen danke ich Ihnen! Sie haben mir unendlich viel gegeben!“
„Auch Sie mir, Mr. Branting! Ja, es ist mir jetzt, als ob ich damals unbewußt, als ich auf dem Schiff im letzten Augenblick an Sie herantrat, jenem noch wenig erforschten, aber sicher auch im Menschenleben geltenden Gesetz von der gegenseitigen Anziehung gleichartiger Größen gefolgt sei. Wir beide, wir gehören unzertrennlich zusammen, wie Stoff und Geist. Zwei verschiedenartige Profile nur ein und desselben Gesichts, und der Sockel, darauf wir ruhen: aus _einem_ Guß ... Ich fahre morgen weiter nach Marseille, dann nach Nordafrika, Kairo ... Ich will den Kelch zur Neige leeren. Ich will die Welt zu Ende schmecken. Ich will das Nichts, das diese Welt ist, gründlich bis auf den Grund auskosten ... Im übrigen, beinahe hätte ich vergessen, da Sie gerade in Paris sind, müssen Sie einmal so einen kleinen Bummel über die Schlachtfelder machen. Lohnt sich. Großartig, sage ich Ihnen, das ... Und nun leben Sie wohl! Grüßen Sie mir, wenn Sie darüber wandern, die Katakomben der Schlachtfelder und dann, wenn Sie in St. Moritz sind, den Sonnenaufgang über den Schweizer Bergen, die ewigen Gletscher! ... Und ob wir uns noch einmal wiedersehen oder nicht –!? Hüten wir unser Geheimnis! ... Nun: glückliche Reise!“
Die beiden Freunde umarmten sich.
* * * * *
Der Bankier nahm, wie er sich ausdrückte, die den Fremden gebotene Gelegenheit nicht ungern wahr, unter sachkundiger Führung die berühmten europäischen Schlachtfelder aus dem Weltkrieg 1914 bis 1918 zu besuchen.
Wieder war es ein herrlicher Frühlingstag, als die jede Woche einige Male stattfindende Fremdenfahrt begann.
Es mochten gegen sieben vollbesetzte Autos gewesen sein, die an diesem Tage an der Exkursion teilnahmen.
Innerhalb zweier Stunden war, wie es in dem umfangreichen und mit auserlesenen Bildermaterial versehenen Prospekt hieß, das Schlachtfeld bequem zu erreichen.
Das Diner sollte programmäßig in dem neu aufgeführten Hotel „Zum Weltkrieg“ eingenommen werden, das an der Stelle eines in Trümmer geschossenen Dorfes errichtet worden war: fünfzig Stock hoch, nach amerikanischem Zweckstil, und in der sicheren Erwägung der Unternehmer, daß sich in dieser Gegend bald eine ausgedehnte Fremdenindustrie entwickeln werde.
Das hier ausgeführte Projekt war, mit dem ersten Preis gekrönt, aus einem internationalen Wettbewerb, ausgeschrieben von der Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft m. b. H., hervorgegangen, an dem sich die berühmtesten Architekten des In- und Auslandes beteiligt hatten.
Die Schlachtfelder-Verwertungsgesellschaft m. b. H., deren Aufsichtsrat prominente politische Persönlichkeiten Frankreichs angehörten, hatten riesige Flächen Schlachtgeländes schon während des Krieges, die Panikstimmung unter der ländlichen Bevölkerung ausnützend, oder gleich nach Beendigung des Krieges zu spottbilligen Preisen aufgekauft und beabsichtigte, wenn der von ihr inszenierte und klug propagierte „Besichtigungs-Rummel“ einmal abgeflaut sein würde, die Schlachtfelder mit ihrem gesamten beweglichen und unbeweglichen Inventar aufzuteilen, stückweis an die Bauern zurückzuverkaufen, um sie so wieder ihrer ursprünglichen Bestimmung zuzuführen.
Das Hotel „Zum Weltkrieg“ wurde sozusagen zu einer Art Wallfahrtsort.
Es war der Mittelpunkt aller Schlachtfeldbesuche, aber abgesehen auch davon, was die innere und die äußere architektonische Anlage betraf, eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges.
Die feierliche Einweihung fand schon vor zwei Jahren statt, im Beisein der Pressevertreter aller Welt und in Anwesenheit der sämtlichen Botschafter der alliierten Regierungen. Die Absicht der Gründung allerdings reichte schon, wie gesagt, bis in die Mitte des Weltkriegs selbst zurück. –
Nach Tisch waren die beiden Führungen in Aussicht genommen, eine zu Fuß mitten durch die Schützengrabensysteme hindurch, von denen es hieß, daß sie „echt“ und „original“ und „unaufgeräumt“ seien, um den Fremden auch wirklich einen möglichst unmittelbaren Eindruck der Kriegsereignisse zu vermitteln, die zweite sich daran anschließende Führung, deren jede gegen eine Stunde dauerte, sollte im Flug durch die Lüfte den Teilnehmern die Gelegenheit geben, sich in die Lage der tapferen und heldenhaften Flieger zu versetzen, zugleich aber auch die Kriegsereignisse durch höchstpersönliches Erlebnis von der verantwortungsvollen Warte des hohen Kommandeurs aus nachzukontrollieren und sie noch einmal im Geist an sich vorüberziehen zu lassen, als eine Warnung, als eine Belehrung und als ein seltsam ergreifendes Naturschauspiel zugleich.
Trotzdem Bankier Mr. Branting incognito reiste, hatten sich schon am frühen Morgen Reporter und Vertreter seiner Geschäftsfreunde im Hotel eingefunden, die durch den Sekretär des Bankiers kurzerhand abgefertigt wurden. Kaum aber eine Stunde nach Mr. Brantings Entschluß hatten es die Presseleute bereits in Erfahrung gebracht daß der Amerikaner mit der Autokolonne die Schlachtfelder zu besuchen beabsichtige. So war es auch nicht weiter verwunderlich, daß sich bei der Abfahrt eine Anzahl Filmoperateure und Photographen einfanden, die den Bankier, der sich die Hände vors Gesicht hielt in ein Kreuzfeuer nahmen, und von denen sogar einige sich es etwas kosten ließen, d. h. die Tournee in höchsteigener Person mitmachten. –
* * * * *
Schon eine Stunde von Paris entfernt, waren die Spuren des Krieges deutlich bemerkbar. Die Wiederaufbauarbeit verzeichnete scheinbar überhaupt keine Fortschritte.
Böse Zungen behaupteten, das aus den Deutschen herausgepreßte Reparationsgeld werde zu ganz anderen Dingen, zu Spekulationen usw. verwendet, und wiesen, nicht ohne einiges Beweismaterial für sich zu haben, auf das enorme Anschwellen der Automobilziffern in den Städten, besonders in Paris, hin, auf die unverhältnismäßig hohe Zahl neu errichteter Luxuspaläste, auf die Geldkonzentration, auf das Emporschießen neuer Vermögen und auf die rapide Zunahme industrieller Neugründungen Luxus und Verelendung standen, selbst nach bürgerlichen Maßstäben gemessen, kaum in einem auch nur einigermaßen mehr erträglichen Verhältnis zueinander. Trotz Güteranhäufung, trotz Reichtum und Verschwendung zog eine immer mehr zu einer Explosionskatastrophe sich verdichtende allgemeine Krise heran ... Zwar Villen und Landhäuser in einem neuen praktischen Stil gebaut sah man zu beiden Seiten der Chaussee; neu aufgebaute Bauernhöfe oder gar wiederaufgebaute zerstörte Ortschaften gab es beinahe überhaupt nicht ...
Der Erklärer im Vorderteil des Wagens erhob sich, deutete mit dem Finger in die Landschaft und begann:
„Diese Höhenzüge, die die Herrschaften jetzt in der Ferne sehen ... heiß umstritten ... zehnmal während des Krieges in unserer Hand, ebenso oft im Besitz des Feindes ... Noch nicht wegen der zahlreichen Minengänge betretbar ... Insgesamt 60000 Mann mögen bei der Erstürmung und bei der Verteidigung dieser höchst wichtigen Stellungen gefallen sein ...“
„Welch ein Kontrast!“ seufzte einer der Fremden ... „Das zarte reine unschuldige Himmelsblau und diese Landschaft ... Das ist ja alles noch totes Land. Nichts gesät, nichts geerntet ... O welch eine Katastrophe! Katastrophal das ...“
Das Auto schwankte, Dreckspritzer um sich schleudernd, auf der holperigen Landstraße, die erst seit kurzem wieder hergestellt war.
An einem Wald glitt man vorüber, an einem Fetzen von Wald, an einem Waldgespenst. Alle Bäume von Granaten zerrissen. Holzspäne lagen weit und breit. Wie in einer gewaltigen Hobelwerkstatt. An einem Weg quer durchs Feld bemerkte man schon Ansätze von Schützengräben. Der Erklärer bedeutete mit erhobener Stimme gewichtig, diese seien von den Franzosen in den Tagen der Schlacht an der Marne ausgehoben worden.
„Das wäre also vor Paris unsere letzte Stellung gewesen ...“
Die Gesellschaft wandte die Blicke rückwärts, wo die Konturen der Hauptstadt in einer dunstigen Nebelferne verschwammen.
Die Autokolonne raste weiter die Chaussee entlang.
Die einst prächtigen Alleepappeln waren alle in halber Höhe geknickt. Die zerschlissenen Reststämme zeigten die sonderbarsten Figuren.
Eine dreistimmige Fanfare schmetterte die Autokolonne in die Landschaft.
Hie und da in einer der zerstörten Ortschaften trat ein menschenähnliches Wesen aus einer der Ruinen hervor, über und über mit Lumpen bekleidet, blinzelte, beschattete das Auge mit der Hand und sah, wie zu einer Säule erstarrt, noch lange der dahinknatternden Autokolonne nach ...
Auch einige kleine Kinder spielten hie und da in Dreckpfützen herum, grimassierten und streckten die Zungen ...
Nun begann der Erklärer Kriegsgeschichten, Kriegsmoritaten und Kriegsheldentaten zu erzählen. Diese Erzählungen waren durchwegs alle mit Rücksicht auf etwaige deutsche Massengräberbesucher auf einen versöhnlichen und für die deutsche Armee außerordentlich anerkennenden Ton gestimmt.
„Man muß schon sagen, der Feind hat sich tapfer gehalten. Hier zum Beispiel, wenn wir ihm Gerechtigkeit angedeihen lassen wollen, hat er sich geradezu bravourös geschlagen ... Hier sehen Sie: der Tod fürs Vaterland! ...“
Und soweit das Auge reichte: Kreuz an Kreuz, schwarze schlichte Kreuzpfähle mit einer weißlichen, nun schon verblichenen Inschrift, lauter deutsche Namen.
„Rund eine Infanterie-Division! ... Alle mit Gas ...“
Aber schon wieder erschien ein neues Kreuz-Feld, dahinter noch eins und nebendran wieder eins, und dann Felder, Felder nur noch mit einem einzigen großen Holzkreuz darauf oder mit einem umgekehrten Spaten.
„Massengräber. In keinem unter tausend Mann ...“
„Hier soll noch im Laufe des Jahres, vielleicht im Herbst, ein großes Kriegerdenkmal errichtet werden, in Pyramidenform. Oder ähnlich dem Grabmal des „Unbekannten Soldaten“ unterm _Arc de Triomphe_ ... Mit einer ewigen Flamme ... Es wird eine gewaltige Sache werden ...“
Langsam rückte am Horizont der fünfzigstöckige Turmbau des Hotels „Zum Weltkrieg!“ empor.
Ein allgemeines „Ah!“ entrang sich der staunenden Gesellschaft.
„Ein tollkühnes Projekt in der Tat! Noch dazu in solch einer Gegend!“ ...
„Wird sich das rentieren ...?“
„Doch, doch! Die Schlachtfeldbesuche sollen noch bedeutend ausgebaut werden ...“
„Da läßt sich noch allerlei dabei herausholen!“
„Dieses Hotel kann sozusagen das Zentrum einer neuen gewaltigen Stadt über den Schlachtäckern werden.“
„Entwässerungsanlagen usw. wären dazu allerdings nötig, aber wenn die Aufräumungsarbeiten munter und rüstig vorwärtsschreiten, wer weiß, in ein paar Jahren vielleicht ...“
Der Bann des Schweigens, der bis dahin die Gesellschaftsreisenden umfangen hielt, war gebrochen.
Die Autokolonne hielt.
Der Eingang zum Hotel war mit Palmen geschmückt.
„Ganz südlich!“ scherzte jemand.
Die Reisegesellschaft stieg aus.
Die Reisegesellschaft war in bester Stimmung.
Es waren Reisende darunter aus allen Ländern.
„Da kann man es wahrhaftig mit dem Gruseln zu tun bekommen!“ sagte eben ein deutscher Hochzeitsreisender zu seiner jungen Gattin, die sich ihrem Gatten, einem Professor, wie sich jetzt bei der allgemeinen Begrüßung herausstellte, furchtsam in die Arme hing.
„Nur nicht so schreckhaft, Amalie ... Nach Tisch will ich dir vielleicht den Schützengraben zeigen, wo auch ich gelegen habe. Die Gegend ist mir ziemlich genau bekannt ... Vielleicht find ich auch das Grab noch, wo mein Hauptmann liegt ... Blumen scheint man ja hier im Hotel zu bekommen, vielleicht auch ein neues Kreuz ... War ein Prachtkerl, mein Hauptmann. Ein Zufall wär das, gewiß ... Aber man kann nicht wissen ... sehr interessant das ... So über den Schlachtfeldern ...“
Er zog seine Generalstabskarte aus dem Zelluloidetui, das er an einem Band praktisch um den Hals trug, hervor, studierte dazu den Bädecker und durchforschte nach allen Richtungen hin die Landschaft mit dem Feldstecher.
„Aber ein Andenken möchte ich auch mitnehmen ...“ bat eine Gattin ... „Eine Reliquie, weißt du, die Glück bringt. Es gibt hier sicher so was ... Und auch für die Kinder! ...“
„Sei unbesorgt, natürlich ... Percy ist alt genug, er soll einen Stahlhelm erhalten ... Er wird ihn ja nicht, so wie ich ihn kenne, zum Spielzeug entweihen ...“
Lustig plaudernd schritt die Gesellschaft dem Hotel zu.
Eine Holzbude war nicht unweit davon aufgeschlagen, die zwar Wochentags geschlossen war. Dort wurde für minderbemittelte Besucher, die Sonntags oft aus Paris in Scharen herausströmten, billiger Schlachtfeldkitsch feilgeboten. –
* * * * *
Eine große Tafel war am Eingang zum Hotel angebracht.
Der Erklärer wies die Reisegesellschaft ausdrücklich darauf hin.
Die Tafel lautete: