Chapter 4 of 6 · 3949 words · ~20 min read

Part 4

„Fabelhaft ... Grauenhaft schön ... Wie ein Geysir!

„Das ist wirklich ein Kulturfortschritt, daß auch unsereins so etwas zu sehen bekommen kann ...

„Das erhebt die Brust! Läutert! Das läßt den Menschen über sich selbst hinauswachsen. Das macht heroisch und kühn! Da versteht man erst, was es mit dem geflügelten Wort „vom Krieg als von einem Stahlbad“ für eine tiefere Bewandtnis hat!

„Geradezu eine Verjüngungskur!

„Das kann man mit Fug und Recht behaupten. Ohne Uebertreibung! ...

„Wirklich, ein Naturschauspiel ... Bravo! Dacapo! ...

„Und dem wohnen Menschen, kaum glaublich, lebendige Menschen bei, ganz der wissenschaftlichen und ästhetischen Betrachtung hingegeben ...“

Der Explosionsrauch verzog sich.

Der Führer sammelte indeß, stolz auf das gelungene Experiment, Trinkgelder ein.

Jeder gab noch ganz unter dem Eindruck dieses Ereignisses mit vollen Händen.

Die Legende vom roten Bauernchristus war vergessen.

„Und nun, meine Herrschaften, zurück zum Flugplatz! Sie haben jetzt sozusagen den Krieg von unten erlebt, den Krieg als einfacher Soldat, als Frontschwein, den Krieg im Granattrichter, Minenstollen und Schützengraben. Sie haben auch gegen Ungeziefer und Ratten gekämpft. Man müßte für Schlachtfeldbesucher wie Sie, meine Herrschaften, einen Orden stiften ... Es ist Ihnen jetzt Gelegenheit gegeben, den Krieg auch von der Vogelperspektive aus zu betrachten, den Krieg als Flieger und zugleich den Krieg von der strategischen Gesichtswarte eines hohen Kommandeurs aus. ... Aber auch zugleich, nicht zu verachten, den Krieg der Zukunft! ... Sie werden selbst eine Bombe abwerfen können, Sie werden in drei bis vier Meter Höhe über die Stacheldrahtverhaue, aus Ihren Maschinengewehren Tod und Verderben speiend, dahinstreichen, es ist Ihnen ferner Gelegenheit gegeben, einige zerschossene Tanks zu studieren, das Herzinnere der Tanks wird deutlich noch sichtbar sein, Aufräumungsarbeiten, die störend oder verschönernd wirken könnten, sind prinzipiell an keiner dieser Stellen bisher noch vorgenommen.“

Ohne Ausnahme entschloß sich die ganze Reisegesellschaft nach den vorhergegangenen gewaltig erschütternden und belehrenden Eindrücken auch noch mit dem Flugzeug das Schlachtfeld abzustreifen. –

* * * * *

Der Bankier blieb beim Rückweg, ohne daß er es selbst bemerkte, hinter der Gesellschaft zurück.

Er stand auf einem kleinen erdigen Vorsprung, wo es um eine Grabenecke ging, abwechselnd die Arme in die Seite stemmend oder vor sich verschränkt. Verträumt in die Landschaft hinausschauend ...

Er stand wie ein Standbild.

Ihm gegenüber das Kruzifix, der „rote Christus“, wie er ihn getauft hatte.

Es war, als ob der Bankier durch den gekreuzigten Holzleib hindurchsehe ...

Er dachte jetzt an die Worte seines jungen Freundes Antonio:

„Auch der Sinnenrausch, der Blutrausch ist für den geistigen Menschen ein geistiger Rausch.“

Und auch daran wieder:

„Dieser Krieg muß von uns wie ein Mysterium mit einem Gürtel von Geheimnissen umgeben werden ...

„Hüten wir aber unser Geheimnis! Lassen wir es den großen Tanz des Schweigens auf unseren Zungen tanzen!“

Nur ab und zu blickte er ein wenig an sich herunter, tat, als ob er etwas, das aus der Tiefe zu ihm aufkriechen wolle, von sich abstreife, wischte dann verlegen an seinen Hosen herum und – wurde wieder zum Standbild.

„Pst! Er ist in Gedanken versunken! Stört ihn nicht!“ wehrte jemand, als man ihn rufen wollte.

„Fixieren wir ihn scharf! Er ist schon nicht mehr Fleisch und Blut. Er wirkt abstrakt. Er nimmt geistige Gestalt an. Sicher hat er eine Erscheinung, ein Fernsehen. Er wird zu einer Art spirituellen Elements ... Entsinnlicht, entleiblicht: er wird zur Idee ...“

Dozierte dazwischen vor einigen Damen ein Theosoph.

„Das ist die Stellung, die ich brauche!“ frohlockte der Filmoperateur.

„Wart, nun hab ich ihn. Solch ein Karnickel! ...“ Und setzte auch schon seinen Apparat in Bewegung.

„Finden Sie nicht: ganz Napoleon!“

„Vollkommen getroffen. Der Vergleich paßt wunderbar. Napoleon auf dem Feldherrnhügel in der Schlacht bei Waterloo ...“

„Nicht gerade Waterloo ... In der Schlacht bei Jena. Das paßt besser ...“

„Nein, Napoleon, finde ich gar nicht. Aber bis auf ein Haar: Friedrich der Große. Fridericus Rex in der Schlacht bei Leuthen, wie er auf jenem berühmten Gemälde in der Berliner Nationalgalerie verewigt ist ... Einem Beobachter der Gesamtszene erschienen wir sicher als Ziethen, Seydlitz, kurzum: als sein Generalstab.“

„Welch ein edler Ausdruck in seiner Haltung! Ganz antik. Wie verklärt! Ganz Cäsar ...“

„Und ist er doch auch ein Napoleon, ein Friedrich der Große, ein Cäsar meinetwegen ... Ein Napoleon, ein Cäsar, ein Friedrich der Große der Wirtschaft, wenn dieser Vergleich gestattet ist ...“

Der Bankier stand immer noch, den einen Fuß vor den anderen gesetzt, in einer lässigen majestätischen Haltung da.

Wie aus Traum gegossen ...

Der Filmoperateur kurbelte.

„Fertig. Schluß ... Nun können wir rufen ...“

Da riefen sie alle zugleich:

„Ha–a–allo!“

Der Bankier fuhr aus seinem Wachtraum erschreckt hoch, grüßte höflich, wie sich verabschiedend, noch immer in Gedanken versunken, mit seinem Zylinder flüchtig in die Richtung zum „Roten Christus“ hin, dann kam er gemessenen Schrittes, wie in einem Begräbniszug oder wie in einer Prozession hinter dem Allerheiligsten, den Pfahlweg entlang.

Das Schlachtfeld hing schwer wie Blei in seinem Schritt.

Mehrere moderne Flugzeuge wurden soeben aus den Schuppen auf dem Landungsplatz neben dem Hotel herausgezogen.

Sie wurden bei den Rundflügen über das Schlachtfeld von erfolgreichen Fliegeroffizieren gelenkt.

Der Führer meldete dem Bankier:

„Die Flugzeuge wären startbereit.“

Pünktlich vier Uhr nachmittags erfolgte der Start.

Der Pilot, die Brust über und über voll von Ehrenzeichen, salutierte.

Die Filmoperateure kurbelten.

Photographen knipsten.

Der Bankier und seine Gattin an der Spitze der Gesellschaft schritten durch ein lose gebildetes Spalier von Neugierigen hindurch, Angestellten, einigen Landleuten und Bauarbeitern.

Die Monteure nahmen die Mützen vom Kopf.

Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“ stand auf der Terrasse, den rechten Arm zum Gruß steil emporgereckt.

Die Motore brüllten ...

„Achtung!“

„Los!!“

Drei Flugzeuge erhoben sich zu gleicher Zeit, schraubten sich beinahe senkrecht in die Luft. –

„Meine Herrschaften!“ begann, kaum daß sich der Apparat von der Erde gehoben hatte, der Führer: „Der Pilot, der die Ehre hat, Sie durch das Luftreich zu geleiten, ist jener Glücklichen und Auserwählten einer, die den Rekord von über 100 Abschüssen innehaben ... Eugène Daudet ist sein Name ...“

„Wahrhaftig, wie eine Mondlandschaft! Krater an Krater ...“ ließ sich eine Stimme vernehmen, und einige Köpfe beugten sich zur Erde hinab, wo vereinzelt mit dem Taschentuch heraufgewinkt wurde.

„Es zieht!“ rief eine andere Stimme, „uch!“, und einige, die es beim Einsteigen unterlassen hatten, bewehrten ihre Augen mit Schutzbrillen.

Das Flugzeug kreiste einige meisterhaft ausgeführte Bogen im blendend blauen Licht, dann schwang es sich in einer langgezogenen Kurve, etwas seitlich sich neigend, erdab und schoß dicht über Stacheldrahtgewirren und Schützengrabenlabyrinthen dahin, der Stelle zu, wo die zusammengeschossenen Panzerwagen lagen.

Wie in der Mitte auseinandergeklappte dunkelgrau gestrichene Konservenschachteln staken die Kampfmaschinen mitten im Schlachtfeld, die Raupenschlepper tief in den Erdschlamm eingegraben, der Mechanismus des Wageninnern war deutlich erkennbar: eine völlig in sich verbogene Schnellfeuerkanone, dazwischen verkohlte Knochenreste, einige brikettartig gepreßt, und Uniformfetzen, die vielfach geborstene Stahlkuppe des Panzerturms tief bis auf den Wagenboden durch die Wucht der Explosion heruntergedrückt.

„Zehn Mann Inhalt!“ erklärte trocken der Führer.

„Durch einen schneidigen Stoßtrupp mittels einer Handgranatenballung von unten her auseinandergeplatzt. Die anderen, wie Sie sehen, im direkten Abschuß durch sogenanntes Infanteriegeschütz erledigt ...“

„Stimmt! Stimmt!“ freute sich der deutsche Professor diesmal beistimmen zu können, und er war stolz darauf, seiner Gattin einige nähere Einzelheiten über so einen abgeschlagenen Tankangriff erzählen zu dürfen, an welchem er, wie er laut betonte, selbst einmal in hervorragender Weise beteiligt war.

„Stimmt! Benzinbehälterexplosion. Durch direkten Abschuß erledigt, aus dem nahen Gehölz dort, höchstens 600 Meter Entfernung. Mit Panzermunition ... Wer hätte das je gedacht, daß es einem vergönnt sein würde, als Unbeteiligter noch einmal seine eigenen Heldentaten an sich vorüberziehen zu sehen ... Wie ein höchst lebendiger Film, das ... Schade, schade drum, daß Kriegsszenen nicht auch im Film vorgeführt werden. Reiches Material stünde doch in den Archiven unseres Generalstabes zur Verfügung. Aber natürlich: durch den Schandvertrag von Versailles ... Solche Filme mit Kriegsszenen könnten außerdem, was die pädagogische Seite der Sache anbetrifft, wesentlich zur militärischen Ertüchtigung unseres Volkes beitragen, denn nach unseren psychologischen Erfahrungen üben sie – was wieder einmal für die natürliche Empfindung und für die Gesundheit unseres Volkskernes zeugt – üben sie auf den weitaus größten Teil der Bevölkerung keine abschreckende Wirkung aus, sondern im Gegenteil ... Verkauft und verloren aber ein Volk, betrogen um seine heiligst verwahrten Güter, zur Sklaverei verdammt jenes Volk, in dessen Unbewußtem und aus dessen Triebkräften heraus sich nicht immer wieder allgewaltig die Stimme erhebt, urgewaltig, elementar die Stimme des Blutes spricht: Es lebe der Krieg!“

„Militärische Sachverständige, meine Herrschaften, behaupten –“, fuhr unterdessen der Führer fort, „daß der kommende Krieg, soweit er sich überhaupt noch auf der Erde abspielt, durch Geschwader solcher Kampfwagen zum Austrag gebracht werden wird, die dann eine sogenannte gepanzerte Feuerlinie bilden, und deren Gefechtsleitung ähnlich wie die einer Hochseeflotte in einer Seeschlacht erfolgt. Auch wird man dementsprechend der Größe, Schnelligkeit, Geschützzahl, Geschützreichweite usw. nach: Tank-Kreuzer, Tank-Dreadnoughts und Tank-Torpedoboote unterscheiden müssen. Völlig abgedichtet nach außen hin gegen Gas, mit langlebigen Sauerstoffapparaten versehen, werden diese Kampfwagengeschwader in der Tat die einzigen wirksamen Kollektivschutzräume gegen die hochkonzentrierten Gasangriffe darstellen, und damit auch die einzigen beweglichen Mittel, lebende Wesen durch Gassperren und Gassümpfe hindurchzubefördern, mit deren Dauer je nach den Witterungsverhältnissen unter Umständen sogar bis auf über acht Monate zu rechnen sein wird.“

Wieder stieg das Flugzeug auf der Luftfläche steil an.

Einige beobachteten den durch eine Glasscheibe von der Gesellschaftskabine abgetrennten Piloten, ließen sich Höhen- und Seitensteuer erklären, begriffen alles überraschend schnell und lächelten befriedigt.

„Und nun, meine Herrschaften, was weiter den kommenden Krieg betrifft, den einige militärische und nationalökonomische Autoritäten spätestens auf das Jahr 1928 angesetzt haben, so können wir heute schon behaupten, daß er sich wohl in der Weise abspielen wird, daß gewaltige Kampfflugzeugstaffeln in etwa 12 Kilometer Höhe, als unsichtbare, unhörbare Gewitterwolke heranziehend, versuchen werden, die Produktionszentren des Gegners so gründlich wie nur irgend möglich einzugasen, und zwar werden dabei chemische Kampfstoffe zur Anwendung kommen, deren Wirkung, wenn wir heute davon sprechen, dem Uneingeweihten märchenhaft und unglaublich klingt ...“

Die Passagiere bemühten sich krampfhaft, bei diesen Auslassungen des Führers nicht zuzuhören.

Nur der Bankier wußte unter den Schlachtfeldbesuchern eigentlich genauer Bescheid, um was es sich dabei handelte.

Hatte er doch als Mitglied des Ehrenpräsidiums einer chemischen Gesellschaft schon des öfteren Gelegenheit gehabt, einer Vorstellung des amerikanischen „Chemical Warfare Service“, des amerikanischen Gasdienstes, auf dem Versuchsfeld des Kriegsarsenals Edgewood beizuwohnen. Mechanische Armeen wurden dort ausgeprobt. Bald jeden Tag ein neues Gas. Und ein neuer Soldaten-Typ entstand, in eine der Taucherkleidung ähnliche Uniform gekleidet, die ganze Haut mit einer asbestartig wirkenden Salbe präpariert.

„Begeben wir uns, sehr verehrte Herrschaften, unseren Prinzipien treu, nicht unter die Legendenerzähler, Schauermärchendichter, berufsmäßige pathologische Schwindler und prophezeiungslüsterne Kolporteure, sondern bleiben wir weiter in unseren Erörterungen auf dem Boden der nüchternen Tatsachen, so werden wir feststellen können – vielleicht ist der eine oder der andere unter Ihnen, der mir das bestätigen wird! – so werden wir feststellen können, daß mittels der heutigen Kriegstechnik, in engster Verbindung natürlich mit der modernen Wissenschaft, bereits innerhalb einer Woche ein ganzer Erdteil radikal vergiftet werden kann ...“

Die beiden anderen Flugzeuge warfen jetzt aus beträchtlicher Höhe auf ein durch einen blendend weißen Kreis abgezeichnetes Ziel Versuchsbomben ab.

Die Explosion der Bomben erfolgte als ein feines stählernes Klirren, kleine weiße Staubwölkchen bliesen unten auf der Erde auf und ziehen mollig-verschleimt im Wind dahin ...

Die Passagiere fühlten sich in der prächtig ausgestatteten Luxuskabine des Flugzeuges wohl geborgen. Neben praktischer Waschgelegenheit war sogar ein elektrischer Zigarettenanzünder vorhanden, und in einem kunstgewerblich mit diskreten Farbenreizen ornamentierten Porzellanbehälter dufteten frische Rosen.

* * * * *

Es ging gegen Abend.

Ein dünnes Stimmchen, wie eine schwirrende Metallfaser, zirpte unten von der Erde herauf: es war die Glocke einer Dorfkirche, die Ave läutete.

Die Sonne brannte heißglühend im Westen herunter, der Himmel schimmerte wie Perlmutter, und fern rannen die von Geschoßböen glatt rasierten kahlen Berghöhen.

Wie ein unermeßlich ausgedehntes Gangrän schien unten die Erde.

Baumstümpfe, zerfetzte Telegraphenmasten, ganze Bündel in sich zerknäulter Drahtgewirre: wie aus dem durch und durch schlammig vereiterten Erdleib herausgerissene Sehnen, Gedärme und Nervenstränge. Die verstreut umherliegenden Felsblöcke in den Steinbrüchen gewannen das Aussehen von riesigen Schädeltrümmern, Gehirnschalen eines Giganten; aufgerissene Steinwege lagen, zickzack sich durch die Dämmerung schlängelnd, wie Gehirnwindungen bloß; und dazwischen Tümpel, Pfützen und verschimmelte Wasserlachen: ein Kunterbunt von nässenden Geschwüren. Hie und da knoteten sich die Narben von selbst zu einem unförmigen Wulst zusammen, aber die Nähte rissen wieder, und der erdige Kadaver bot sich den Beobachtern aus der Luft dar, wie ein unsagbar geschundener Leichnam auf einen Seziertisch gelegt, voll von Schnitten, Wucherung an Wucherung, über und über bedeckt von schwarz ausgeschlagenen Bluthöhlen und unheimlich zackig gerandeten Brandflächen ...

Und dieser Kadaver atmete noch.

Einen dumpfen, stickichten Dunst hauchte er aus, die Geruchsnerven beizend, und so intensiv, daß er Hustenanfälle, Niesen, Augenbrennen und Brechreiz verursachte.

Alle Gestänke der Welt stanken sich hier zusammen ...

Ein einsamer Vogel fing immer bei Einbruch der Nacht zu singen an, es war ein schluchzender, flötender Gesang, wie ihn die Vögel singen im Moor oder auf der Heide.

Hie und da blinkte auch jetzt unten ein Lichtpunkt auf.

Fern summte ein Schnellzug durch die Landschaft, wie eine wagrecht dahin flitzende goldspurige Nadel ...

Die Herren steckten sich in Anbetracht des „bestialischen Geruchs“, wie sie es nannten, eine besonders dicke Zigarre in den Mund, die Damen fächelten nervös und hielten mit Lavendel getränkte Taschentücher sich unter die Näschen.

Der Führer lächelte versteckt vor sich hin, ein wenig spöttisch und schadenfroh.

Er empfand das irgendwie als eine geheime Rache.

Er schwieg.

Der deutsche Professor redete tröstend auf seine Gattin ein, die ohnmächtig zu werden drohte, und sich fest in den Arm ihres Gemahls klammerte.

Der Bankier wunderte sich:

„Nein, so ein Geruch, trotz der Ventilatorenwirkung des Propellers ...“

Die Situation fing an bedenklich zu werden.

Der Führer erhob sich.

„Wir sind gleich aus dieser Zone heraus. Bitte, meine Herrschaften, nehmen Sie sich noch einen Augenblick zusammen, Sie werden mir doch nicht am Ende unserer Luftreise gar noch seekrank werden!“

„Nichts ohne Anstrengung, Schatz!“ tröstete der Professor flüsternd immer noch weiter: „Jed Ding hat seine Strapazen. Das ist eben allemal die Kehrseite der Medaille ... Na, ich möchte trotzdem die Tour nicht missen ... Hochinteressant! Hochinteressant! ... _Per aspera ad astra!_ ... Und Aufregungen solcher Art haben immer eine Nachwirkung wie Schlummerpunsch. Wir werden großartig schlafen ...“

„Merkwürdig, das kommt immer zur gleichen Zeit, wie am Meer die Flut, abends, wenn die Sonne untergeht ...“

Die Zone war glücklich passiert.

Ein frischer Luftzug wehte.

„Ist aber auch höchste Zeit! ... Das möchte ich nicht noch einmal erleben ...“, stöhnte jemand im Namen aller befreit auf.

Federnd schoß das Flugzeug einige Meter auf der Landungsfläche dahin ...

Ein leichter Ruck und – stand. –

* * * * *

Ein einbeiniger und einarmiger Kriegskrüppel wartete dort, mit dem Kreuz der Ehrenlegion geschmückt, in einer völlig verblichenen Soldatenuniform, unartikulierte tierische Laute hervorstoßend, den Stahlhelm vorne auf die Brust gebunden.

Die Gesellschaft hätte ihn wahrscheinlich instinktsicher nicht bemerkt, hätte ihm der Führer nicht laut zugerufen:

„Hallo, scher dich fort, Emil! Halt die Schnauze! ... Sonst setzt es wieder mal wie neulich eine tüchtige Tracht Prügel ab ... Pack dich! ... Oder soll man es dir denn immer wieder von neuem einbläuen, daß du die hohen Herrschaften mit deinem Anblick nicht belästigen sollst ... Hast du wirklich denn den Verstand ganz auf Nimmerwiedersehen verloren? ... Und willst um jeden Preis immer wieder eine Extrawurst gebraten haben ... Hopla! Pack dich! ...“

Und der Gesellschaft zugewendet entschuldigte er:

„Ein armer Irrsinniger. Haust in einem Unterstand. Man nennt ihn wegen seiner Einbeinigkeit und Einarmigkeit den „Rumpf“. Macht die ganze Gegend unsicher mit seiner Bettelei ...“

Der „Rumpf“ zischelte etwas und humpelte von dannen, sich hie und da auf seinem einen Prothesenbein umdrehend.

„Halt’ die Schnauze!“ drohte der Führer noch einmal mit der Faust und machte eine Bewegung zum Erdboden hin, als ob er einen Stein aufheben wollte. „Pack dich! ... Ein ehemaliger Soldat und Betteln, das Ehrenkreuz noch dazu, schämt er sich denn nicht!?“

Der „Rumpf“ humpelte schneller. Man hörte deutlich die eiserne Spitze des Krückstocks schrill auf den Steinplatten aufschlagen.

Die Gesellschaft schüttelte sich vor Lachen.

„Für Kriegskrüppel ist doch wahrlich in allen Ländern hinreichend genug gesorgt!“ polterte ehrlich entrüstet der Bankier heraus: „Aber aus allem wird heutzutage ein Geschäft gemacht ... Dieses arbeitsscheue Gesindel fällt der ganzen Nation zur Last ... Schlachtfeldhyänen ... Der lebt sicher von Leichenschändung ...“

„Schlachtfeldhyänen ...“ stimmten einige aus der Gesellschaft bei, nicht ohne daß es ihnen dabei kalt über den Rücken herunterlief.

Die prall gemästete Ratte war noch in aller Erinnerung.

„Der könnte sich als Vogelscheuche verdingen!“

Ein herzerfrischendes Gelächter umplätscherte diesen Witz des Bankiers.

Nochmals schrie der Führer:

„He, Rumpf! ... Hast du gehört: als Vogelscheuche ...“

Der „Rumpf“ hielt in seinem Humpeln inne.

Stieß sich mit dem Krückstock vom Boden ab und schwenkte mit einer Bewegung, wobei er ein wenig in sein eines Prothesen-Knie einknickte, sich um sich herum.

„Tollwütig scheint der zu sein, so ein aussätzig kläffender Sakraments-Köter!“

„Wahrscheinlich auch von der „Roten-Christus-Vision“ angesteckt. Sieht grade so aus: der Lümmel –

„Der freche Bengel –

„Der giftgrüne Erz-Flegel ...

„Halunke! Gauner! Schurke! Schuft!

„Soll seine schmutzige Leichenwäsche, wenn er sie trocknen will, wo anders hin ausbreiten ...“

Wieder holte der Führer zum Steinwurf aus.

Unschlüssig wackelte der „Rumpf“ mit dem Kopf.

Hopste wieder auf seinem einen Prothesenbein auf und humpelte schnell von dannen, so schnell, daß es schien, als ob er über den Boden hinwegkollerte.

„Fix! Fix ist der! ... Donnerwetter! ...“

Damit war die „Rumpf-Episode“ beendet. –

* * * * *

„Arbeiten heißt es jetzt, arbeiten und nochmals arbeiten!“ Begann wieder nach einer kurzen Gesprächspause der Bankier: „Das ist, glaube ich, auch die Lehre, die wir unbedingt aus diesen Exkursionsstunden, die wir teils auf der Erde und teils in den Lüften erlebt haben, jetzt ziehen müssen ... Es soll nicht einmal heißen, wir hätten aus der Geschichte nichts gelernt ... Die Vergangenheit, wie sie hier vor uns auftauchte, gibt uns zu denken ... Aus den Lehren der Vergangenheit heißt es die Tat der Zukunft schöpfen ... Die Verantwortung für das Schicksal kommender Geschlechter, die uns allein schon durch die Tatsache unserer bloßen Existenz – ob wir nun wollen oder nicht – aufgebürdet ist, zwingt uns dazu. Ganz gleichgültig, ob wir jetzt Deutsche, Franzosen, Engländer oder Amerikaner sind ...“

„Ausgezeichnet! Blendend!!“

„Sehr richtig! ... Arbeiten ...“

Wiederholten einige.

Ein Journalist notierte:

„Goldene Worte ... Arbeiten: das ist des Rätsels Lösung.“

„Mit diesem Wort, mit diesem Schwurwort auf den Lippen, Amalie –“, schloß sich der deutsche Professor gern der allgemeinen Meinung an ... „können wir getrost der Zukunft in die Augen blicken.“

Und etwas leiser, daß es nur seine Gattin zu hören vermochte, lispelte er:

„Und wenn wir Deutschen es ein klein wenig schlau anfangen, du verstehst mich schon, was ich meine; dann kann auch Deutschland, unser geliebtes Vaterland, nicht untergehen. Es wird sich emporentwickeln am Zwiespalt der übrigen Welt. Dann werden auch wir noch den Tag, Amalie, erleben, Amalie, schau: den Tag der Auferstehung Deutschlands in Kraft, Schönheit und Herrlichkeit! Deutschland über alles ... Das walte Gott! Amen ...“

Frösche quakten, Grillen zirpten.

Der rote Vollmond kroch, von grünlichen Nebelgespinsten umschleiert, über dem Schlachtfeld herauf. –

* * * * *

Der Direktor des Hotels „Zum Weltkrieg“, von den beiden Oberkellnern assistiert, empfing, sich ununterbrochen verbeugend, die hohen Gäste.

„Darf ich mir die Frage erlauben, haben die Herrschaften einen hinreichenden Eindruck vom Weltkrieg gewonnen!?“

„Großartig ... unbeschreiblich ...“

„Kaum glaubhaft ... imponierend ...“

„Welch ein Panorama!“

„Phänomenal!“ –

„Ich habe mich einfach ganz köstlich dabei amüsiert!“

„Sensationell!“

„Und die Natur, die Aussicht dabei: prächtig ...“

Schallte es ihm vielstimmig entgegen.

Der Bankier allerdings, von einigen Teilnehmern der Gesellschaft unterstützt, bemängelte energisch die Art der Führung.

„Die Führung allerdings, Herr Direktor, läßt einiges zu wünschen übrig. Der Mann ist seiner hohen Aufgabe absolut nicht gewachsen, scheint mir im übrigen auch angetrunken gewesen zu sein, sonst könnte ich mir seine marktschreierischen Anzüglichkeiten in betreff eines kommenden Krieges nicht erklären. Ueber sowas spricht man nicht im Zusammenhang mit einem Schlachtfeldbesuch ... Solche Führer sind in der Tat nur recht wenig geeignet, das wissenschaftliche und ästhetische Vergnügen, das an sich normalerweise solch eine Schlachtfeldexkursion allen wirklich ernsthaft daran Interessierten bieten könnte, den Teilnehmern auch gebührend zu vermitteln. Auch das belehrende und sachlich aufklärende Moment ist in seinen Erläuterungen reichlich zu kurz gekommen. Die historische Seite wurde bei weitem zu wenig berücksichtigt. Viel zu viel überflüssige Details. Was habe ich schon davon, zu erfahren, daß jene zusammengeschossenen Tanks zu ihren Lebzeiten einmal „Susanne“, „Bubi“, „Eiserne Jungfrau Ottilie“ oder „Totila“ geheißen haben. Namen tun nichts zur Sache, sind Schall und Rauch ... Der Mann, den Sie uns beigegeben haben, seiner Natur nach offenbar ein Stimmungsmensch, scheint sich vorwiegend in der Kunst des Gruselnmachens zu üben. Aber das ist doch schließlich nicht der Zweck der Uebung und die Besucher des Schlachtfeldes müssen sich dafür bedanken, als Experimente für solch einen ungeschlachten Querkopf herzuhalten. Er pariert nicht. Das heißt: er richtet sich nicht nach den Wünschen der ihm Anvertrauten, sondern maßt sich eine Führung an, und zwar eine Führung besonderer Art ... Sehen Sie dem Mann in Zukunft besser auf die Finger. Scheint im übrigen, was seine Vergangenheit anbetrifft, früher einmal als Ausrufer vor einer Jahrmarktsbude angestellt gewesen zu sein. An dem hätte ein Barnum seine Freude gehabt. Mit allen Wassern ist der gewaschen. Ein ganz Geriebener. Trau ihm zu, es unter Umständen fertigzubringen, einem den Genuß eines Schlachtfeldes gründlich zu verleiden ... Ein ganz gemeiner imaginärer Kerl ...“

„Ja, gewiß doch! Bitte!“

Der Direktor, verlegen lächelnd und sich weiter verbeugend, versprach sofortige schleunigste Abstellung dieses Mißstandes, stammelte etwas von einer Prüfung im Takt, der man die als Führer in Frage kommenden Anwärter unterziehen müsse und schloß:

„Gewiß! Gewiß! ... Aber eben nur ganz wenige erweisen sich leider als zu solch einer heiklen Aufgabe qualifiziert!“

„Heikel!? ... Den Ausdruck versteh ich nicht!“ gab der Bankier unwirsch zurück, drehte sich energisch auf dem Absatz um, und schritt mit einem militärisch-stramm markierten festen Schritt zu dem soeben beginnenden Souper in den festlich erleuchteten Speisesaal.

* * * * *

Ein hundertkerziger kristallischer Lüster flimmerte, die Spiegelscheiben an den mit italienischen Landschaftsbildern ausgemalten Wänden vibrierten ein beruhigendes Licht-Echo, abgesprengte sprühende Lichtreflexe sprangen hin und her, verfingen sich in den fein geschliffenen Weingläsern und herrlich aufgebauten Obstschalen und Anrichteschüsseln, der Wein funkelte, und mild und gedämpft leuchtete ein Lichtmeer wieder von unten herauf aus dem tiefen Grund der spiegelblank polierten Parkettböden.

Die Menschenstimmen verflochten sich ineinander, schwebten sanft vertönend dahin im Saal, dessen ausgezeichnete Akustik von den dort konzertierenden Künstlern allgemein gelobt wurde, nur hie und da wurde das Geplauder durch ein feines helles Lachen unterbrochen, das wie eine Tropfenkette von Tisch zu Tisch entlang perlte.

Der Bankier schwieg hartnäckig.

Er hatte aus Gesundheitsrücksichten sich frühzeitig daran gewöhnt, auf seinen Erholungsreisen zu fletschern, das heißt: er kaute jede Speise dreißigmal ...

Ein Sektpfropfen knallte.

Das berühmte internationale Jazzband-Elite-Orchester begann mit seinem extra ausgewählten exquisiten Programm ...

* * * * *

Wüst und leer lag draußen das Land.

Emil, der Irrsinnige, der im Volksmund auch der „Unbekannte Soldat“ hieß oder auch kurz nur der „Rumpf“, kniete sich auf den Rand eines Granattrichters herauf.

Emils Gesicht war hölzern, wie ein Hackbrett, die Nase darin glich einem knolligen Gewächs, und ein Stirnfetzen hing darüber, wie ein lose angeflickter Knochenscherben.

Das mit vereinzelten bräunlichen Zahnstumpfen besetzte und ausgefranzte Zahnfleisch aus den schief verzogenen Kiefern herausbleckend, die durch und durch mit Klammern verheftet und schnurartig vernäht waren, lauschte er, lauschte ...

Der Jazzband hackte, tackte, quieckte und quietschte.

Wimmerte, stöhnte, schrie.

Rührte um, klapperte und schepperte ...

Und durch die hell erleuchteten Riesenscheiben des Hotels „Zum Weltkrieg“ hindurch sah man Menschen, prunkvoll angetan in Frack und Seide, in merkwürdig rhythmischen Zuckungen und eckigen Bewegungen, Körperpaare an Körperpaaren, wie zu einem einzigen vierbeinigen Körperstrunk verwachsen, im Tanz sich dahinschleifen.