Chapter 10 of 12 · 4305 words · ~22 min read

Zehntes Kapitel

In einem maurischen Palast auf der Bibarrambla arbeitete Ximenes mit einem jungen Franziskanermönch Ruyz de Alcala an der religiösen Umgestaltung des Maurentums. Auf einem Tisch lag neben dem reichen Bekehrungsmaterial auch ein wohlgeordneter Anklagestoff in Form von Schriften und Büchern. Der Vikar Pater Juan de Leon, das Haupt der priesterlichen Gewalt in Granada, hatte mit Bienenfleiß Rückfallsklagen gesammelt, und seine Familiares, die Schergen der Inquisition, sorgten täglich für den Zuwachs an Opfern.

Die Kerzen brannten über stark schmelzenden Wachsklumpen. Ihr Geruch mischte sich mit dem Moderduft des Patiogartens und legte sich süßlich auf die Gaumenhaut.

Gestützt auf seine treuen Franziskaner, humpelte der Erzbischof Talavera, von dem Dominikanervikar Leon begleitet, herein. Freundlich begrüßte ihn der Primas. Dann reichte er dem Jünger des heiligen Dominikus die Hand.

Das feurige Auge des wohlgewachsenen Vikars funkelte im Kerzenschein. Dieses Auge, der grausam-sinnliche Neromund und die bis zur Nasenwurzel geschlossenen dunklen Brauen verrieten Härte und Unbeugsamkeit.

Ximenes lud die Gäste ein, auf den Zederstühlen Platz zu nehmen. Der verworrene Stimmenlärm vom Platz der Bibarrambla, auf den die Fenster des Gemaches gingen, hörte sich wie ein aufgeregtes Meer an. Von Zeit zu Zeit pfeilten laute Stimmen herauf, Kaufleute schrien ihre Waren aus und der Ruf der Wache schaffte irgendwo Ordnung.

„Ein bewegliches Volk,“ lächelte Ximenes. „Es muß auf seine Weise genommen werden.“ Er sah nach der Tür. „Pater Angelus!“ Ein alter Franziskaner schob sich in die Türspalte. „Sorgt, daß niemand am Gange sei.“ Der Mönch schloß unterwürfig die Tür.

„Kennt Ihr den Imam Abu Atir?“ fragte der Primas den Erzbischof.

Talavera verneinte. „Er muß wohl erst seit kurzem hier sein.“

Ximenes lächelte überlegen. „Muß man erst aus Toledo kommen, um seine Vögel aufzustöbern? Man sagt, der Mann sei gelehrt. Bei solchen Leuten müssen wir die Schaufel ansetzen. Im übrigen --“ Ximenes schien ablenken zu wollen -- „die Moscheen müssen fallen.“

Talavera fühlte den Schlag niedersausen. „Bruder in Christo, überlegt es wohl,“ zitterte seine heisre Greisenstimme.

Der Kanzler legte sich breit in den Stuhl zurück. „Ich treibe nicht im uferlosen Meer des Glaubens, kenne nicht Sturm und Wellen auf der Meerfahrt, denn meine Ufer heißen Glauben und Gott. Klar und getreu ist meines Gebetes Inhalt: Glaubensverbreitung, wo Menschen atmen. Diese Mauren sind ein leicht erregbares Volk, aber gerade darum für unsern Glauben leicht zu gewinnen.“

„Da sprecht Ihr wahr,“ sagte Talavera froh darüber, daß er mit Ximenes eines Sinnes sein konnte. „Und sie sind auch ein gutes Volk, darum auch für die Güte empfänglich. Habt nur Geduld. Mit ihr könnt Ihr Kiesel in Rubine verwandeln. Gelingt es heute nicht, gelingt es morgen. Schont sie nach Möglichkeit und laßt ihnen die Moscheen.“

Der Primas furchte die Stirn. „Die Worte würden einem heiligen Chrysologus Ehre machen. Doch es gibt Zeiten, wo Christus mit der Geißel mehr notwendig ist als der sanfte Heiland, der Magdalenentränen kühlt. Nicht wahr, Leon?“

Der Dominikaner nickte. Seine Lippen waren hochmütig verzogen. „Man darf die Mauren nicht immer mit Rosinen füttern wollen, die sie so sehr lieben.“

„Leon!“ warnte der Duldergeist Talaveras. „Eure Jugend kann in den Mitteln irren.“

Ximenes legte dem greisen Gottesmann wohlwollend die Hand auf die Schulter. „Verzeiht, Bruder in Christo, hier irrt einmal die Jugend nicht. Entreißt man den Mauren die Glaubensstätte, dann hängt der Glaube in der Luft. Ich habe Befehle gegeben, daß man die Kadis und Imams davon verständigt, sie mögen den Koran in den +Häusern+ lesen.“

„Das verstößt gegen den Königsvertrag,“ entsetzte sich der Erzbischof.

„Der Eifer macht Euch Ehre, doch es geht um größere Dinge. Und Verträge? Nehmt die Verträge, seit die Welt besteht -- ist auch ein einziger noch zu Recht bestehend? Die katholischen Könige haben den Mauren das Recht ihres Glaubens belassen, ihrer Sitte, ihrer Sprache, ihrer eigenen Richter, mehr nicht. Es steht nicht geschrieben, daß wir nicht in ihren Moscheen Gottesdienste halten könnten. Haben sie nicht dazu ihre Hausmoscheen? Aber ihre Bücher sind Irrwerke. Es steht nicht geschrieben, daß wir sie ihnen belassen müssen, und wir werden es bedenken.“

Talavera zitterte am ganzen Leib. „Das -- wollt Ihr -- vor Gott verantworten?“

„Seiner Ehrwürden scheint nicht wohl zu sein. Ich bitte Euch, Brüder, führt ihn auf sein Zimmer, stärkt ihn und sorgt für Ruhe und frische Luft. Es ist zu dumpfig hier.“

„O mir ist wohl,“ bebte Talavera. „Aber dieses fürchterliche Geschäft --“ Er hob bittend die Hände auf. „Laßt ihnen Zeit -- o wie spät bekehrte sich eine heilige Margareta, ein Augustinus, ein Saulus, ein Simon. Und waren doch alle einst verlorene Schafe.“

„Genug davon.“ Ximenes stand mit kühl abweisender Gebärde auf. „Ich höre Euch, wenn Ihr frischer im Gemüt seid.“

Tränenden Auges wankte der Hirte der Granadiner an den Armen seiner Mönche davon. Abgetan! wimmerte es in seiner Seele.

Der Primas war erregt. Seine Nasenflügel flatterten, die Stirn war bleich, die Adern darauf formten sich zu Wülsten. „Welch ein Aufruhr in diesem einfältigen Gemüt! Behüte diesen Greis, Leon, und laß die Achtung, die die Mauren vor ihm haben, nicht zu einer Woge werden, die uns alle hinwegschwemmt. Du verstehst mich.“

Der Dominikaner nickte demütig.

„Sind die Listen aller Elches, der Renegaten, angelegt? Gut. Das Königspaar ist abgereist, wir haben freie Hand.“ Ximenes besah die Namen. „So viele Familienväter! Und nur um der Geschäfte willen mohammedanisch geworden! Sie sollen es an den Kindern büßen. Die Listen werden den Walis gegeben, sie sollen die Kinder der Elches ausheben und den Pfarrern ausliefern zur christlichen Belehrung und Erziehung. Wer sich widersetzt, dem droht Ihr mit Gefängnis. Laßt dabei die Glocken läuten, damit die Erlösungstat feierlicher an die Herzen rühre. Du lächelst, Bruder Leon?“

„Talavera hat die Mauren mit Geläute verwöhnt, Hochwürdigster. Es wird nicht mehr viel Eindruck machen. Sie nennen den Erzbischof ihren Faki campanero, den Glockenpriester.“

„So sollen sie stärkere Glocken zu hören bekommen,“ sagte Ximenes kalt. „Der edle Zegri soll die Kinder der Elches in einer Schule sammeln lassen. Salzedo, mein Hausmeister, soll mit Soldaten der Hermandad die bezeichneten Häuser abgehen, und zwei Dominikaner fordern die Übergabe der Kinder bis zum Alter von siebzehn Jahren. Eine Mutter, ihres Kindes beraubt, wählt nicht lange. Dann nehmt die Taufe vor. Diese Kinder sind Gottes und kehren nur zu Gott zurück. Die Pfarrer sollen die Kinder sonntäglich am Abend versammeln und mit ihnen den englischen Gruß beten. Sorgt, daß sie sich ordentlich bekreuzen. Dann aber --“ seine Stimme wurde warm -- „dann harret deiner ein Größeres. ~Suum cuique!~ Der Großinquisitor Deza hat dich zum Hilfsinquisitor für Granada ernannt.“

Die Würde ließ den Dominikanerpater taumeln. „Mir -- dieses Amt --?“

„Cordoba ist überlastet, man wird hier einen Sitz des heiligen Tribunals errichten. Die Bestätigung der Urteile bleibt Cordoba, das heißt Lucero vorbehalten.“ Er überreichte Leon den Anstellungsbrief, worin enthalten war, daß Granada ihm allen Beistand in Inquisitionssachen zu leisten habe und daß er das Recht zur Verhaftung und Folter aller Verdächtigen besitze, auch sei jede Beleidigung des Inquisitors und seiner Familiares streng zu bestrafen. Ximenes setzte zum Schluß leise hinzu: „Gedenke der Kirche und ihrer Nöte und sei ein fleißiger Arbeiter im Acker des Herrn.“

„~Operibus credite et non verbis~,“ antwortete der Vikar mit gesenktem Haupt. Der neue Geist, der über ihn ausgegossen ward, löste seinen ganzen Menschen auf.

„Sorge, daß du geschickte Vertraute wählst,“ mahnte Ximenes.

„Wir haben angesehene Ritter darunter und das abgefeimteste Gelichter, das sich in den Schenken herumschlägt. Sie haben sich unter einem Mayordomo zu einer Bruderschaft vereinigt, die Wert darauf legt, von den Mauren gefürchtet zu werden.“

Da hörte man Lärm auf dem Platz. Die Geistlichen drängten zum Fenster. Maurische Weiber, umringt von einem Haufen Volks, wehklagten und schrien.

„Eine Handelsfrau, ich kenne sie,“ erklärte Leon. „Ihr Mann soll vom Alguacil der Inquisition verhaftet werden. Es geht selten ohne Widerstand ab. Ein Ketzer de levi, also leicht belastet. Es ist noch keiner de vehementi[2] ergriffen worden. Seht, da schleppt man den Mann heran, drüben hält der cordobanische Karren. Entfernt Euch, der Anblick der verzweifelten Frau könnte Euch --“

[2] de levi = damit bezeichnete man ketzerische Vergehen leichterer Natur, de vehementi solche schwererer Art.

„Ich bin Stärkeres gewohnt,“ wehrte Ximenes hart ab. „Sie kämpfen schwer, diese kastilischen Alguaciles. Seht -- die Reiter des Gobernadors drängen das Volk in die Gassen.“

Mönche zogen jetzt reihenweise über den Platz. Sie kamen von der Verlesung der Inquisitionsedikte. Weiber drängten sich an sie heran und versuchten, ihnen die Hände zu küssen.

Der alte Pförtner trat in das Zimmer. „Der Imam ist da.“

„Er möge kommen,“ sagte Ximenes, vom Fenster zurücktretend. Er stellte für den seltnen Gast einen Stuhl zurecht und ließ seine zwei Mönche näher an sich rücken.

Die hohe Gestalt Abu Atirs stand auf der Schwelle. Burnus, Turban und Bart leuchteten wie Schnee, das Gesicht, gesund und wetterbraun, strafte das Alter Lügen. Sein klares Auge übersah mit einem einzigen Blick das Trifolium. Nach orientalischem Brauch grüßte er mit über der Brust verschränkten Armen jeden einzelnen mit dem Friedensgruß seines Gottes. Dann blieb sein Auge an Ximenes hangen. „Gott schenke dir, hochwürdigster Faki der Christen, manches Jahr und mache dein Haupt weise und dein Auge sehend. Friede von ihm, der des Propheten Lehre erhob über die Welt!“

Ximenes dankte freundlich. Dann hieß er den Gast sich setzen, dessen blütenreiche Sprache ihm nicht behagte. „Verzeiht, daß wir Euer Alter bemühten --“

Abu Atir lächelte, daß die unversehrten Zähne leuchteten. Er wußte, daß man seine Gedanken durchsieben mußte, wenn man mit Ximenes sprechen wollte. „Es ist das Schicksal vieler Menschen, alt zu werden. Glücklich, wer mit vergilbtem Gesicht die Sterbesure sprechen hören kann. Es liegt an dem Menschen, das Alter würdig zu ertragen.“

„Ein gottgefällig Wort,“ sagte Ximenes. „Ihr seid erst kurz hier?“

„Und habe doch Schweres hier erlebt. Soeben sah ich Weiber um ihre Männer weinen. Bi nefsi! Ihr wißt den Glauben in den Leibern der Menschen festzunageln.“

„Damit die Seelen folgen können,“ antwortete der Primas gelassen.

Ein Druck seiner großen Wimpern schloß die Augen des Imams. „Nur meine ich, daß der Mann, der den Glauben in die +Herzen+ knetet, größer zu nennen ist. Eine Frage: Ihr seid zufrieden mit den neuen Christen?“

„Sie lieben uns noch nicht,“ gestand der Erzbischof freimütig.

„Ihr guten Herren, denen Gott das Licht friedvoller Weisheit schenken möge, warum macht ihr es den neuen Christen so schwer, euch zu lieben?“

Ximenes wulstete die Lippen. „Wir legen alles, was die Kirche zu bieten hat, in das Herz der Bekehrten, aber sie schielen trotz aller Gnadengeschenke des Himmels doch wieder zurück nach der Moschee, aus der wir sie errettet glaubten.“

„Ihr sagt: errettet? So waren sie darin in Gefahr?“ Der fragende Blick des Imams war klar wie aus dem Urgrund seiner Seele. „Ich denke, im alten Glauben hatten sie nichts zu fürchten. Die Furcht lernten sie erst bei euch. Es war die gemeine Furcht der Seele vor dem Straucheln. Das überfiel sie nicht im Palmenhain unsrer Moschee. Und Ihr sagt: gerettet?“

Ximenes’ Feder spielte unaufhörlich auf dem Papier. „Wir retteten sie, meine ich, aus einem Irrtum. Verzeiht abermals, aber Euer Glaube ist der Irrtum.“

„Häuft keinen Zorn auf mich, ich meine, es irrt nur einer nicht: der die Gewalt hat über die Schale eines Granatapfels und über Sternenbahnen. Und wenn wir Irrende an das glauben, was uns seit Jugend an selig gemacht, so laß uns in diesem Glauben, den du Irrtum nennst. Wir lassen ja auch den deinen unberührt.“

„Doch war’s nicht immer so.“ Der Primas lächelte überlegen. „Es liegen jahrhundertelange Kämpfe hinter Spaniens Gegenwart. Sie erzählen von erschlagenen Christen.“

„Und von erschlagnen Mauren,“ unterbrach ihn Abu Atir vorsichtig. „Ja, es waren arge Waffen, mit denen in Andalus gekämpft wurde. Doch nun sollte die Vernunft das Schwert ziehen. Laßt uns groß kämpfen.“

Ximenes murmelte vor sich hin: ~Tu sic his sis, aliter senitas!~ An meiner Stelle würdest du anders denken! Dann sagte er laut: „Ihr sprecht gelehrt.“

„Der Glaube ist größer als die Gelehrsamkeit. Sieh, es war vor vierhundert Jahren ein Mann, der nannte sich Abu Ala, und dieser sagte: ‚Ich staune über die Christen, die glauben, daß Gott hilflos gemartert wurde, ich staune über die Juden, die glauben, daß Gott am vergossenen Blut Wohlgefallen habe, ich staune über die Mohammedaner, die auf Kamelen weite Reisen machen, um einen schwarzen Stein zu küssen. Sie sind blind für die Wahrheit. Und die Menschen teilen sich in zwei Gruppen, die einen haben Verstand und keinen Glauben, und die andern glauben und haben keinen Verstand.‘ So sprach Abu Ala. Ist der Mensch beneidenswert? Mit all seiner Gelehrsamkeit?“

Ximenes lächelte vergnügt. „Ihr wißt hübsche Dinge zu reden, Imam. Und deshalb nenne ich dich doch einen gelehrten Mann.“

„Mohammed nannte die Gelehrten die Erben der Propheten.“

„Je nun, dubitat Augustinus. Mohammeds Koran strotzt von Widersprüchen, denn er ist aus menschlicher Leidenschaft geboren und enthält Menschensache. Zudem irrte Mohammed bequem. Er durchstöberte das jüdische Gesetz und nahm sich daraus, was er für seine Sendung brauchte. Seine klingenden Weisheiten von der Größe Gottes, sind sie nicht dem fünften Buch Moses entnommen? ‚Es ist kein anderer Gott als der Gott der Gerechten.‘“

„Wer sagt dir, Faki der Christen, daß diese Weisheit Mohammed allein erfahren? Aber hinausgeschrien hat er sie in die Welt. Erkennen, was ist, und sein Erkennen den andern Brüdern sagen. Das hat dein Isa auch getan. Und wir ehren ihn als Propheten. Laß darüber den Hader begraben sein. Und hätte ich das Leben von sieben Geiern, wie es dem weisen Lokman beschieden war, ich könnte nicht anders sagen als: Gott ist groß und einzig und Mohammed ist sein Prophet.“

„Ihr haltet also von unserm Glauben nicht viel?“ forschte Ximenes mit lauerndem Blick.

Der Imam strich sich bedächtig den Schneebart, und es war, als wöge er die Gedanken in seinem Hirn. „Du willst mir in die Seele schauen, Hochpriester. So blättere ich sie dir freundlich auf wie ein Buch. Dein Glaube ist schön. Nur haben ihn deine Priester, meine ich, mit Lehrmeinungen entstellt, die sich mit Gottes Offenbarungen, wie sie unserm Propheten zuteil wurden, nicht vereinbaren lassen. Die Vernunft, der engen Schranke des Glaubens entronnen, richtet Unheil an. Doch das wäre zu ertragen. Nur eines -- verzeih, Gesegneter des Herrn --, mich dünkt, Ihr haltet nicht viel von Eurem Glauben, Ihr glaubt ihn schwach.“

„Imam -- wie kommt Ihr auf den Gedanken?“ fragte betroffen der Primas.

„Wäre er nicht schwach, wozu dann die Stützen des Dogmas und der Inquisition?“

Ximenes schwieg einen Augenblick bestürzt. Dann gab er sich eine äußere Gelassenheit. „Der Glaube ist nicht schwach, aber die Menschen sind es und sie bedürfen der Stütze.“

„Ehrwürdiger Mann, dem Gott Teppiche unter die Füße und ein warm Kissen für sein Haupt geben möge, fahre nicht im Zorn auf, der Gott beleidigen würde, wenn ich dich frage: Die Menschen stützest du mit Dogma und Inquisition? Und antworte mir sanft wie eine Taube: Sind diese Stützen nicht eher Peitschen als Säulen?“

Der Erzbischof fühlte eine unbehagliche Hitze über sein Herz fließen. „Ei, danket Gott, daß Ihr nicht Katholik seid, Maure. Ihr denkt zuviel. Und mich soll es nicht wundern, wenn Ihr bald ganz im Unglauben erstickt.“

„Sie nennen mich Al-Abdallah, den Diener Gottes. Ich glaube Gott, ohne ihn zu sehen. Aber ich kann nicht an deine Worte glauben, wiewohl ich sie höre. Klage mich nicht an, denn sonst müßtest du auch die Wolken anklagen, weil auch sie nicht bestätigen, was du sagst, sie gehen unbekümmert ihren Weg, ob du sie schiltst oder lobst. Warum läßt du Wolken ziehen und Menschen nicht? Nur weil du die Macht über sie nicht hast. Und siehst du, deine Kirche ist doch nur ein Wort, mit dem du Unfaßbares fassen willst.“

„Und die deine nicht?“ rief Ximenes mit triumphierendem Auge.

„Gewiß. Aber dann frage ich dich: Warum bekämpfst du uns statt uns die Hände zu reichen? Nur weil wir es mit dem Propheten halten? Du hältst es eben mit einem andern Propheten, dem Isa.“

„Das ist nicht Glaube mehr,“ sagte Ximenes verärgert. „Das ist philosophische Klügelei, wie sie eure Gelehrten großziehen.“

„Wer die Wissenschaft lehrt, hat Ehrfurcht vor Gott, dessen Name die Geister besingen. Wer in der Wissenschaft streitet, kämpft heilig. Die Wissenschaft ist der Leuchtturm zum Paradies, der Gefährte in der Fremde, die Rüstung wider den Feind. Engel berühren die Gelehrten mit den Flügeln, und durch die Wissenschaft steigt der Diener Gottes die Stufen zur Güte hinauf. Das Wissen ist der größte Imam. Wer die Wissenschaft lehrt, dem ist besser als wenn er den Berg Abu Kobeis aus Gold besäße. Abderrhaman ließ für einen Gelehrten, der aus Fes kam, dreißig Paläste auf dem Weg vom Meer nach Cordoba bauen. Das Kleid des Wissens ist aus menschlicher Erfahrung und aus der Furcht Gottes zusammengesetzt, sagt Abdallah Ben Mesud, und das Schwert der Zunge soll immer siegen über die Zunge des Schwertes. Aber wem sage ich das? Sitzt nicht einer vor mir aus dem Reich des Geistes? Möge dir Gott stets weise Gedanken geben und dich mit ewigem Priestertum belehnen.“

Ximenes mußte Atem schöpfen. „Eure Gedanken stehen auf falschem Grund. Den wahren Gott habt Ihr mit Eurer Wissenschaft nicht erkannt.“ Seine Augen blickten den Mohammedaner überlegen an.

„Wer wollte ihn erkennen? Gott ist die Zahl Eins und die Zahl Unendlich. Summiere sie oder ziehe eine von der andern ab, es bleibt immer Gott übrig. Aber heißt das, ihn schon erkannt zu haben? Und doch bleibt uns nichts übrig als uns im Stirnenschweiß um ihn zu bemühen. Laß mich denn glauben an das heilige Gesetz und an den Propheten.“

„Das sollt Ihr sicherlich,“ antwortete Ximenes überaus freundlich. „Doch eines -- eines müßt ihr uns doch zugestehen: Unter der erkaltenden Glut eures Glaubens werdet ihr nie mehr die Erde erobern. Wir bleiben Sieger.“

„Vielleicht nicht die Erde, aber uns selbst. Das ist mehr. O weiser christlicher Scheich! Wir suchen doch in unsern Gebeten denselben Gott, den ihr sucht, und deshalb willst du uns knechten? Nur weil wir den gemeinsamen Gott mit andern Augen ansehen? Mit unsern, unsern Augen? Ja -- und euer Siegerrecht, ist es nicht versiegelt im königlichen Vertrag? Der Herr der Könige erhalte das Leben des weisesten der Erdenfürsten -- dürfen wir nicht unsere Moscheen und Medrisets behalten? Haben wir nicht unsere Kadis, die der Herr mit Verstand und Einsicht segnen möge? Und ist uns nicht -- der Allmächtige stärke das Königsleben dafür! -- Sprache, Sitte und Tracht verbürgt für immer? Das soll nicht versiegelt sein von der Treue des Siegers?“

„Es ist -- aber es ist nicht versiegelt, daß wir euch die Stützen des Glaubens, der ein Irrglauben ist, unversehrt lassen müssen. Eure Moscheen behaltet, nur bauen wir unsere Altäre in sie hinein --“

Der Imam streckte sich. Seine Hand zitterte auf dem Knotenstock. „Das -- das willst du -- vor deinem Gott verantworten, christlicher Scheich?“ Er erschauerte vor dem weiten Gewissen des Seelenhirten. Wie von Staub erstickt kam es aus seinem Munde: „Glaubensrecht -- Sittenrecht, Urteilsrecht -- alles papierne Dinge -- und Eure Taten sollten das Papier zerreißen dürfen -- das Papier in der königlichen Truhe? O Ihr meint es nicht ernst.“

„So muß ich dir, Imam, weitere Proben dieses Ernstes geben. Auch die geistige Quelle eures Irrglaubens muß verstopft werden.“

„Irrglauben! Irrglauben! Ich sage dir schon: Auch du irrst! Wir alle irren. Wenn der Beduine in der Wüste zieht, wenn Sonnenglut und Sand sein Auge blenden, dann zweifelt er oft an der Richtigkeit des Karawanenwegs, aber der Irrende vertraut dem ewigen Lenker aller Karawanen, bis ihm die Oase lächelt. Die Oase ist Gott, wir irren und finden doch zu ihm, nur jeder auf seine Weise. Der Irrtum dauert nun schon an die tausend Jahre, und wir sollen nun Erkenner der Wahrheit heißen, weil ein Christ es will? Ist dein Wille Gott? Er ist eine Anmaßung.“

„Imam!“ Der Gleichmut des Kirchenfürsten begann zu wanken. „Du verkennst Gottes Offenbarung sehr. Wir müssen für unsern Glauben kämpfen.“

„So hast du Angst, ihn zu verlieren? Der wahre Glaube beharrt und läßt andere beharren. Was Irrtum ist, fällt nicht durch Kampf, sondern durch eigene Erkenntnis ab. Aber der Bach wächst zum Strom aus, ich sehe es. Zuerst war bei euch ein Kinderglaube da, dann ein wirklicher Glaube, dann ein Kämpfen für den Glauben und endlich ein Morden für ihn. Was soll noch werden? Hast du mich noch etwas zu fragen?“

„Aus Euch spricht ein arger Kläger. Aber des Übels Urgrund liegt in euren Büchern.“

„Unsre Bücher?“ Die Augen des Alten leuchteten wie brennende Fackeln.

„Sie können Freunde des Menschen werden,“ sagte Ximenes, „aber auch seine gefährlichsten Verderber, denn sie führen wie böse Geister in Zweifel und Irre. Nur ein sorgsam wachender Geist vermag ihre Güte und ihre Schädlichkeit zu unterscheiden. Wo die Quelle trüb rinnt, muß sie verstopft werden, sonst verseucht sie das gesunde Wasser. Ihr müßt uns erlauben, Spreu und Weizen zu sondern.“

Abu Atir griff sich an die Stirn. „Du, den Gott mit Balsam behandeln möge -- ich verstehe dich nicht recht --, du willst --?“

„Euch aufhelfen aus eurem Irrglauben, euch liebevoll ans Herz ziehen mit der Liebe Jesu, euch zu demütigen Kindern Gottes machen, den euer befangener Sinn noch nicht erkannt hat, und eure Weisheit gründen auf die Dreieinigkeit Gottes.“

„Es ist nur ein Gott und nichts außer ihm!“ sprang der Feuerglaube aus des Alten Brust, auf der sich die Hände falteten in ehrlichem Bekennen. Und es war, als bliese aus seinem Antlitz die heilige Flamme des Korans selbst. „Und wenn die Erde jetzt in ihren Festen erzitterte und die Gestirne zu wogen anfingen: es ist nur ein Gott und nichts außer ihm. Gepriesen sei die Kraft, die allen Propheten ward. Auch Isa war ein Prophet, aber nicht Gottes Sohn, denn Gott hat keinen Sohn gezeugt, und Isa selbst hat gesagt: niemand ist gut als der einzige Gott! Der einzige Gott! Isa hat wie Mohammed dem Juden gegeben, was des Juden war, und sich genommen, was Gutes bei ihnen war. Seine Botschaft war Licht und Freude und Bestätigung der Thora in vielem. Er hat den alten Gott neu geschaut, wie Mohammed ihn neu geschaut hat, sie waren beide groß, aber der Prophet von Mekka hat sich nicht Sohn Gottes genannt, sondern nur Diener, und war so demütig wie Isa, und hat sich nicht in eine bleiche Hostie einschließen lassen, dünn wie Frauenflor, sondern war und hat nur sein wollen der Knecht Gottes. Wir können Gott kein andres Wesen zugesellen, also sagt es der Prophet.“

„Und es steht in euern Büchern und ihr schwört darauf. Aber eure Bücher sind Trug. Euer Koran ist das ungeordnete Buch eines Schwärmers. Was sein anmaßender Geist an schönen Gedanken ergriffen, hat er wahllos aufs Papier werfen lassen und hat es dann Geist Gottes genannt. Habt ihr Bürgen für die Echtheit?“

„Dieselbe Reinheit des Herzens, die deine Apostel drängte, das Wort Isas niederzuschreiben.“

„Ihr greift nach hohen Worten, Imam. Wir wollen sehen, was eure Bücher enthalten.“

„Unsre Bücher!“ Das verwitterte Bronzegesicht, von den Runen des Wehs gezeichnet, glühte im Wiederscheine des innern Aufruhrs. „Unsere Bücher müßt Ihr uns lassen, denn sonst --“

„Sonst?“ fragte verwundert der Primas.

Der Greis atmete schwer. „Man soll die Zunge lang einkerkern, bevor man sie durch ein Wort befreit. Aber es muß gesagt werden. Cordoba fiel, Sevilla fiel, Granada fiel -- aber die Mauren leben noch.“ Es klang wie eine Mahnung an das Gewissen des Bedrängers. Und es war, als sähe der Alte in eine weit entfernte Jugend zurück, die von Christenkämpfen und Blutfreude erklang.

Ximenes hatte einen Herzschlag lang Ehrfurcht vor der Glaubens- und Volksliebe dieses Menschen. Aber bald erdrückte der eigene heiße Glaubensdrang das Gefühl. „Ihr pocht auf eine Stärke, die nicht mehr ist, Imam.“

„Und du auf eine, mit der du deinem Herrn ins Gesicht schlägst.“

„Der heilige Dienst in seiner Wahrheit fordert, daß ich allen Menschen seine Wahrheit künde. Ich öffne euch die Augen und euch schmerzt noch das hehre Sonnenlicht.“

„Du willst Augen öffnen und brichst dabei Herzen, fremder Scheich.“

„Zum Ende!“ Ximenes raffte die Papiere auf dem Tisch zusammen.

„Aber nicht zu einem, das Menschen mordet,“ flehte der Imam mit nassen Augen. „Gott gebe dir Geduld zu hören, was unser Herz leidet, und es wird darüber weich werden wie flüssiger Honig und wird erfüllt werden mit dem Wohllaut des Singvogels.“

„Am kommenden Tag des Herrn sollen alle eure Bücher aus den Häusern der Mauren auf die Bibarrambla geschafft werden zur Prüfung durch christliche Hüter. Vergeßt nicht Koran, Sunna, Überlieferungen.“

Der Imam bebte an allen Gliedern. „Der Kadi des Lebens, der über Wolken richtet zu seiner Zeit, wird es nicht zulassen. O du Wesen mit den tausend Barmherzigkeiten, habe ich dich verloren aus meinen Sinnen? Hat mir Christenhaß deinen Namen verdunkelt? Primas von Spanien, wer gibt dir diese Macht über uns?“

Da erhob sich Ximenes mit dem Gewicht seines Kraftbewußtseins. „Die Kirche,“ sagte er gewaltig und seine Faust stieß dumpf auf den Tisch.

„Unseliges Gefäß, in das du den Gottesinhalt füllest! Darin hast du dich übernommen. Denk an mich! Gott beschütze das Siegel deiner Weissagung, doch ich glaube nicht daran.“ Mit zitternden Knien, ein Stoßgebet murmelnd, tastete sich Abu Atir nach der Schwelle, wo ihn zwei junge Mauren empfingen, die ihn aus dem Palast geleiteten.

Die Priester sahen einander an. Der nüchterne Denker Ximenes fand sich als erster zurecht. „Ich werde die Richtlinien bestimmen, nach welchen die Bücher beurteilt werden sollen. Der Gobernador wird ein großes Aufgebot an Waffen beistellen. Du, Bruder Leon, ernennst die geistlichen Kommissare und sorgst für die Holzscheite. Vorher soll das Glaubensedikt in allen Kirchen verlesen werden, damit die Moriskos, eingeschüchtert durch das mahnende Wort, die Schwächen ihrer Brüder und Schwestern leichter angeben können. Jede gewonnene Seele lobt unser Werk vor dem Allmächtigen. Macht die Sache feierlich und mit Betonung des großen Zweckes: ~Ad majorem Dei gloriam~.“

„Man wird uns freilich darüber noch mehr hassen,“ sagte Pater Leon mit gesättigter Glaubensfreude.

„Mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten,“ erwiderte Ximenes gelassen. „Der Kaiser Tiberius wußte dieses Gefühl zu schätzen. Wir wollen es auskosten.“ Er schob seinen magern Leib an den Brüdern vorbei. Der Lichtschein umflackerte seine Gestalt. Seine Gedanken gerieten in heftige Bewegung. Schießpulver für den Dienst des Herrn gleicht dem Weihrauch, und sein Geruch ist süßer als Ambra, lächelte er in sich hinein.