Chapter 8 of 12 · 1719 words · ~9 min read

Achtes Kapitel

Der Großkanzler von Spanien, Erzbischof von Toledo, Ximenes de Cisneros, Beichtvater der Königin, ritt, begleitet von einer Quadrilla der heiligen Hermandad, durch die farbenschillernden Soldatenspaliere nach der Alhambra. Christen und Mauren standen in den Gassen dichtgedrängt und gafften nach dem hagern, kahlschädeligen Franziskaner, den die Königin nach Granada gerufen hatte, um die Bekehrung der Irrgläubigen schneller zu bewirken.

Die fanatisch streng gespannten Augen des Greises, von silberweißen Brauen fein überbuscht, belauerten die Menge am Weg. Das längliche, aszetisch magere Gesicht mit der vorgewölbten Oberlippe erwärmte kein freundlicher Zug. Die gestreckte Nase hob die Schmalheit der Wangen, und seine gedrückte Haltung auf dem Pferd gab seiner Erscheinung nichts Vornehmes. Aber von der Stirn leuchtete das Zeichen des Geistes. In klösterlicher Kasteiung erzogen, an Bußübungen gewöhnt, kannte er das Wort Duldung nicht. Wie hätte er in seinem neuen Amt Mäßigung lernen sollen?

Von psalmensingenden Mönchen empfangen, von den Granden mißtrauisch betrachtet, von den Mauren mit finstern Blicken begrüßt, ritt er durch die Menge. In der Alcaiceria empfing ihn Talavera, umgeben von Moriskos, die sich wie Küchlein um ihn scharten.

Bei einer Basarwölbung stand Abu Atir mit den Beni Mossad. In ihren blauen Milajets, den maurischen Überwürfen über den Burnussen, schimmerten sie aus dem Gewoge wie festlich geschmückte Säulen. Des Imams Auge verdunkelte sich.

„Er reitet daher wie Isa in Jerusalem, vom Hosianna seiner Jünger begrüßt. Aber der Prophet Isa war die Mildheit, diese Augen sind Bilder einer andern Seele. Gott, dessen Name Friede und Erbarmen ist, möge uns Wege der Beredung zeigen.“

Im Myrtenhof schritt ihm das Königspaar entgegen. Es war ein großer Augenblick. Drei unerbittliche Kämpfer für das Christentum standen zwischen den ehernen Zeugen arabischer Religion, die in ihren Koransprüchen denselben Gott lobte wie die Christen.

Aus dem Gefolge des Königs trat ein vornehmer Morisko aus dem Edelgeschlecht der Zegri. Ximenes drückte ihm die Hand. „Ihr fühlt Euch wohl in unserm Glauben?“

„Ich danke der Stunde, die mich ihn kennen ließ,“ sagte der stattliche Maure.

„Wer bekehrte Euch?“

„Der Vikar Pater Leon. Es ist wahr, sein Wort war hart. Wenn Eure Ehrwürdigkeit mehr solcher Löwen auf die Mauren loslassen würde, sie würden sich bald besinnen. Ich wehrte mich zuerst wie die andern. Aber eines Nachts stieg Gott selbst im Traum zu mir herab und hielt mir den Gekreuzigten vor die Lippen. Da wußte ich, in wessen Hut ich stand. Und ich ging zum großen Kapitän Gonsalvo, und der sah mir ins Auge und sprach: ‚Christ!‘ Und mir traten die Tränen in die Augen.“

Fernando lächelte in sich hinein. Er wußte, daß dieser Heuchler mit schwerem Gold für das Christentum gewonnen worden war, um andere mit sich zu ziehen.

Ximenes aber sprach so mild er konnte: „Sorgt für das Fortblühen der Lehre durch die Erweckung neuer Freunde des Herrn.“

Die Königin führte den Primas in den Saal der Gerechtigkeit, der den Löwenhof wie eine Grotte abschloß, von deren Decke die Tropfsteingebilde nach wunderbaren Gesetzen herabhingen. Ein Farbengewoge umgab den Hohenpriester. Aus den hellerleuchteten Seitenhallen brach das Flimmern der Azulejos, der bemalten Stuckornamente und der Bogennischen unter den kunstvoll verschlungenen Pflanzenmustern. Der Blick konnte keine einzige Form ruhevoll genießen, überall überfiel ihn sinnverwirrend die Üppigkeit der Phantasie in dem reichen Strömen wechselnder Farben und Zeichnungen. Ximenes’ Aszetengeist fühlte sich unbehaglich in diesem Spiel beweglicher Einbildungskräfte. In der Franziskanerzelle, in der Waldklause von Castañar, wo Klostersuppe, Fasten, hartes Lager, ein Holzscheit unter dem Kopf, die Geißel zur Seite, das härene Gewand am bloßen Leibe das Um und Auf seines Lebens bildeten, hatte er nie die spielerische Kunst maurischer Baumeister genießen können. War es nicht frevelhaft, mit dem irdischen Prunk Gott preisen zu wollen? Mit Koransprüchen in Goldfarben die Räume zu schmücken, in denen die Sünden der genußsüchtigen Kalifen ihre Hekatomben dem Satan opferten? Wo blieb inmitten wirbelnder Sinne der Sinn? Diese Religion war des Staubes wert, in den sie langsam zerfiel.

Das Gefolge wurde verabschiedet. Das Königspaar saß unter den seltsamen Bildern, die Zeugnis davon gaben, daß sich die Kalifen um Mohammeds Bilderverbot ebensowenig zu kümmern schienen wie um das Weinverbot. Skrupellos übersprangen sie die eigene Lehre.

Ximenes setzte sich auf den Hochsitz an einem der Bogen. Er war mit den Königen allein.

Fernando war verstimmt. Er dachte an die mißlungene Verkupplung seiner geliebten Leonore.

Isabella aber lächelte. Ihr strenger Sinn stand unter dem Einfluß des Primas, von dem sie sich seelisch versorgt fühlte. Sein Wille entzündete den ihren. Ximenes beherrschte sie und den König durch den Nimbus seiner göttlichen Berufenheit. Der König von Spanien hieß eigentlich Ximenes de Cisneros. Der einfache Eremit von einst war nur auf Bitten der Könige ein prunkvoll auftretender Kirchenfürst geworden, der aber auch jetzt noch unter dem Ornat die Franziskanerkutte trug.

Ein Wehgefühl trübte seine väterliche Liebe zur Königin. Er hatte erfahren, daß der Schmuck der reinen christlichen Abstammung im Königshause seinen Glanz getrübt hatte. Pedro der Grausame, ein Ahn der Königin Isabella, sollte ein jüdisches untergeschobenes Kind sein. Wer sollte die Wahrheit des Gerüchtes noch jetzt ergründen können? Aber es nagte an dem fanatischen Priesterherzen.

Die Königin wurde traurig, als sie jetzt von ihrem Mutterleid sprach. Vor drei Jahren war ihre eigene Mutter gestorben, vor zwei Jahren der einzige Sohn, vor einem Jahr die geliebte Tochter, und nun trauerte sie um das schwankende Eheglück einer andern Tochter, die an einen Habsburger Prinzen verheiratet war.

„Ihr seid stark geblieben im Leid,“ tröstete sie Ximenes. „Eure Taten beweisen es. Spanien ist glücklich und steht im Mittagsstrahl seiner Sonne. Und Ihr, mein König, seid Mitbegründer dieses Glücks, trotz Eurer Feinde.“

Fernando verzog keine Miene. „Ich hatte Glück, drum schuf ich Glück. Ich gestehe es, ich fürchte meines Feldherrn Gonsalvo allzu heftigen Tatendrang. Wenn er eines Tages seine Kraft gegen seinen König brauchte? Der Herzog von Najera, der Marques de Villena, sie hassen den Aragonier in mir. Und gestern wagte es der Herzog von Osuna, die Mauren zu verteidigen.“

Ximenes lächelte. „Der Adel ist besorgt um seine maurischen Bauern. Und sie haben einen milden Anwalt in Talavera. Dieser meinte, maurische Taten und christlicher Glaube erst könnten zusammen einen ganzen Spanier ausmachen. Doch warum soll der Fleiß uns nicht erhalten bleiben, wenn der Maure den Glauben wechselt?“ Er dämpfte die Stimme. „Allein die Könige wissen, wir haben gegen Adel und Irrgläubige einen trefflichen Helfer: die Inquisition. Versagt die Königskraft, bleibt die der Kirche. Gebt uns Bewegungsfreiheit, daß die Bekehrung rascher vor sich gehen könne. Vor allem aber: hat man den Staatsmann oder den Mönch Ximenes hierher berufen?“

„Beides,“ sagte die Königin.

„Dann antworten Euch beide: das Joch der Mauren ist zu leicht. Talavera, Graf Tendilla, Gonsalvo, sie alle sind zu nachgiebig. Wir brauchen strenge Richter wie Leon. Noch stehen allzu viele Mauren außerhalb unseres Glaubens.“

„Und die, die drinnen stehen, sind keine wahrhaftigen Christen. Ihr könnt sie nicht dazu zwingen.“ Der König sprach entschieden, als wäre daran nichts zu ändern.

„Könige können zwingen,“ widersprach der Kanzler.

Der königliche Widerstand schrumpfte unter der Wucht des Wortes zusammen. Und die Königin beeilte sich zu sagen: „So geben wir Euch Vollmacht. Ihr werdet sie nicht mißbrauchen.“

Ximenes dankte innig. „Ich habe den Großinquisitor Deza gesprochen.“

Wie staubige dicke Luft drückte der Name auf das Gemüt der Könige.

„Er hat mir Vollmachten erteilt. Es wäre wünschenswert, wenn die königlichen Befugnisse sich mit seinen deckten.“

„Sie sollen es,“ sagte Isabella gefügig.

Ximenes stach mit zwingenden Blicken in das Herz der Regentin. „Noch kennt Ihr die Vollmacht nicht. Aber es ist freilich oft besser, wenn Könige über gewisse Dinge nicht viel erfahren, sie haben dann weniger Verantwortung vor der Menschheit.“

„Und auch vor Gott?“ fragte der glaubensstarke Herrscher.

„Wir nehmen die Angst der Könige auf unser Gewissen.“

„Mit welchem Recht?“

„Mit dem Recht des Stärkern. Wir glauben so fest, im Namen unseres Gottes zu handeln, daß kleinliche Bedenken unsere Handlungen nicht beschränken können. Wir nehmen doch auch die Handlungen der -- Inquisition auf unser Gewissen. Die sechstausend brennenden Menschenfackeln des Torquemada, die zehntausend im Bildnis Verbrannten, die hunderttausend sonstig bestraften Christen -- das sind Zahlen, die Könige mit weltlichem Sinn nur schwer verantworten könnten. Anders ist es, wenn das Gewissen der Könige unter der Vormundschaft der gottgewollten katholischen Kirche steht. Welchen Reichtum verdankt uns das königliche Haus! Die eingezogenen Güter der Maranen haben den Kronschatz beträchtlich vermehrt. Könige brauchen Geld. Wir können es nicht mehr den Kisten getaufter Juden entnehmen. Die Moriskos sind einfältiger.“

Isabella legte erblassend die Hand aufs Herz. „Ist das Euer Ernst?“

„Ich sehe betroffene Mienen,“ sagte der Kanzler kühl. „Das schwankende Gemüt der Einfältigen ist unser Feind und -- Freund. Fließt nicht aus der strengen Ordnung reichlicher Gewinn in den Königsschatz? Ein Fünftel des eingezogenen Gutes gehört den Königen. Wollen die königlichen Hoheiten nur lässige Verwalter eines so schönen Vermögens besitzen? Und was sagte einst Pater Albarca, als Kolumbus die hispaniolischen Länder entdeckte? ‚Die Entdeckung neuer Länder war Gottes Lohn an die Könige für die Unterjochung der Juden und Mauren.‘ Im selben Jahr, da wir Granada eroberten, entdeckte Kolumbus das neue Reich für die Könige. Wunderbare Fügung Gottes! Sichtbarer konnte sich der Himmel nicht offenbaren. Der Glaube des Kolumbus eroberte Westindien. Soll der Glaube der Könige schwankender sein?“

Fernando spielte unruhig mit den Fingern. Der Gedanke an die Bereicherung durch die Inquisition drängte alle sittlichen Bedenken in den Hintergrund. Zum Überfluß deckte dieser Priester vor ihm mit seinem Hirn die königlichen Gewissen. „Ihr versteht zu überzeugen,“ sagte er mit schwerem Atem.

„Ich bekomme Vollmacht?“ Der Eifer des Primas suchte den Augenblick zu erhaschen.

Der König nickte.

Ximenes atmete auf. „Wir brauchen noch vornehme Mauren zur Bekehrung.“

Fernando dachte nach. „Da sind die Abencerragen -- aber dem Boabdil zu stark verpflichtet. Die Beni Mossad -- alle in hohen Ämtern, aber zu strenge Mohammedaner. Dann wäre -- wie hieß er nur -- Leon sprach mir von ihm -- er ist erst seit kurzem hier -- die Mauren verehren ihn wie einen Santon, einen Heiligen.“

„Vielleicht ein Imam?“ fragte Ximenes.

Die Königin entsann sich des Mannes. „Ihr meint Abu Atir. Wenn er auf der Straße geht, folgt ihm ein Schwarm gelehrter Mauren.“

„Ich muß ihn sprechen,“ sagte der Kanzler rasch. „Ein Moseswort zur rechten Zeit öffnet einem Felsenquell den Weg.“ Dann besann er sich. „Noch eines. Die allzu große Nähe eines Königs bei den Untertanen macht leicht mitleidig und nachsichtig. Die Edikte, aus der Ferne gegeben, werden von einem strengern Geist diktiert sein.“

„Ihr sollt sie von Sevilla empfangen,“ sagte der leicht beeinflußbare König. „Wir reisen.“